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Athen, Sommer 2015. Die Verhandlungen anlässlich der Wirtschaftskrise laufen wie immer: die Troika glaubt ebenso sehr, im Recht zu sein, wie die griechische Seite überzeugt ist, dass man ihnen gar nicht helfen will. Die Hitze ist ebenso bleiern wie die zähen Debatten. Dieser allgemeine Stillstand wird plötzlich von neuen Mitspielern durcheinander gewirbelt, mit denen niemand gerechnet hätte: die antiken Götter sind zurück! Aber was wollen sie überhaupt? Kann man ihnen trauen? Sind sie wirklich die selbstlosen Helfer, als die sie sich ausgeben? Arbeiten sie überhaupt alle zusammen, oder doch eher gegeneinander? Und was ist eigentlich mit dem freien Willen der Menschen? Aus den Erlebnissen von sieben Charakteren entfaltet sich das Panorama dieser Erzählung, die untersucht, wie das Eingreifen übermächtiger, undurchsichtiger Wesen die Welt verändert. Eine Geschichte über Macht und Ohnmacht, Krieg und Frieden, Vertrauen und Verrat, Menschen und Götter, Politik und Wirtschaft.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Sascha Kersken
Göttersommer
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Inhaltsverzeichnis
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Danksagungen
Impressum neobooks
Göttersommer
Sascha Kersken
© Copyright 2016 by Sascha Kersken • Alle Rechte vorbehalten
Titelfoto und –gestaltung: Tülay Kersken
Before the time I did Lysander see,
Seem’d Athens as a paradise to me:
O, then, what graces in my love do dwell,
That he hath turn’d a heaven unto a hell!
-- William Shakespeare: “A Midsummer Night’s Dream,” Act I, Scene I
I. Donnerstag
Seufzend ließ sich Dustin Graham auf sein noch unberührtes Hotelbett sinken. Es war wieder ein harter Verhandlungstag gewesen; keine der beiden Parteien hatte sich auch nur einen Millimeter auf die andere zu bewegt. Er fuhr sich mit den Händen durch sein ergrauendes, verschwitztes Haar, stand wieder auf und trat ans Fenster.
Der zwölfte Stock des Athener Hilton, gegenüber der Nationalgalerie, bot einen atemberaubenden Blick über die Stadt, aber Dustin bemerkte nichts davon. Obwohl die Sonne vor einer Viertelstunde untergegangen war, herrschten an diesem Donnerstagabend draußen sicherlich noch über fünfunddreißig Grad. Selten war Graham so dankbar für eine Klimaanlage gewesen.
Er ging zu dem kleinen, mahagonifarbenen Hotelzimmerschreibtisch, nahm den Hörer des Telefons ab und drückte die Taste für die Rezeption.
„Parakalo?“, kam es aus dem Hörer.
„Guten Abend“, sagte Dustin, „hier spricht Graham, Zimmer 1235. Bringen Sie mir bitte eine Flasche Champagner aufs Zimmer, Ihre beste Sorte.“
„Sehr wohl, Sir“, antwortete der Rezeptionist in tadellosem Englisch.
Dustin setzte sich auf den einzigen Stuhl des Zimmers und begann, die Financial Times zu überfliegen. Der Dow Jones hatte sich nach einigen Turbulenzen wieder erholt, aber der Euro schien weiter in freiem Fall begriffen. Der Leitartikel beschäftigte sich mit den Athener Verhandlungen; der Internationale Währungsfonds wurde erwähnt, seine Position kritisiert, aber Graham selbst wurde nicht beim Namen genannt. Eines der Privilegien, wenn man in einer großen Organisation nur in der zweiten Reihe stand, die zwar die eigentliche Arbeit erledigte, aber nicht für deren Repräsentation nach außen zuständig war.
Während er zu den Kursen der Warenterminbörsen weiterblätterte, klopfte es an der Tür. „Herein!“, rief Dustin.
Ein junger Mann in einer adretten Hotelpagenuniform betrat das Zimmer; auf seiner rechten Hand balancierte er ein silbernes Tablett mit einem Eiskübel, in dem sich eine Flasche Moët & Chandon mit einem weißen Stofftuch um den Flaschenhals und ein Kristallchampagnerglas befanden. Der Page deutete mit dem Kopf eine Verbeugung an und sagte mit einem leichten griechischen Akzent: „Bitte sehr, Ihr Champagner, Sir.“
„Danke“, sagte Dustin, nestelte einen leicht zerknüllten Fünfeuroschein aus seiner Hosentasche und drückte ihn dem Mann in die linke Hand. „Stellen Sie alles einfach hier ab, ich werde die Flasche selbst öffnen. Und dann lassen Sie mich bitte allein.“
„Selbstverständlich“, antwortete der Page, „und vielen Dank, Sir.“
„Sie sind ja immer noch hier“, meinte Graham unwirsch. Der junge Mann ging eilenden Schrittes zur Zimmertür, öffnete sie und machte Anstalten, hinauszutreten.
„Nicht so eilig, mein Junge!“, sagte jemand, der sich offenbar gleich hinter der Tür befand, mit dröhnender Bassstimme. Der Page trat wieder ins Zimmer, und hinter ihm stiefelte schweren Schrittes eine Gestalt hinein, wie Dustin noch nie eine gesehen hatte.
Der Mann musste über zwei Meter groß sein, denn er bückte sich ein wenig, um unter dem Türrahmen durchzupassen. Er hatte lockiges, schwarzes Haar und einen eben solchen Vollbart. Statt eines Anzugs, einer Jeans oder sonstiger moderner Kleidung war er in ein wallendes, weißes Gewand gehüllt. Um die Hüften trug er einen breiten Gürtel mit einer goldenen Schnalle, an dem allen Ernstes eine bronzene Schwertscheide befestigt war, in der wiederum ein ziemlich langes Schwert steckte. In der rechten Hand hielt er einen hölzernen Stab, der fast so lang war wie er selbst und dessen Messingkopf reich mit Ornamenten verziert war. Seine riesigen Füße steckten in Sandalen, die bis fast zu den Knien hoch geschnürt waren.
„Guten Abend“, dröhnte der Riese. „Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.“
„Hören Sie, wenn das ein Scherz sein soll, dann ist er nicht sonderlich gelungen“, brauste Dustin auf. „Wer sind Sie? Und was haben Sie in meinem Hotelzimmer verloren? Sind Sie einer von diesen Typen, die sich als Krieger verkleiden und auf diese Comicmessen gehen? Mein Neffe ist auch so einer; der hat sich sogar mal von Kopf bis Fuß grün angemalt, weil er so aussehen wollte wie dieser, ähm, Hulk.“
„Schweig, Sterblicher!“, donnerte der Mann und stampfte dabei mit seinem Stab auf den Boden.
Der Page blickte sehr verlegen von dem Riesen zu Dustin und wieder zurück, dann räusperte er sich und stammelte, zum Riesen gewandt: „Ich muss Sie auffordern, das Zimmer unseres Gastes zu verlassen, Sir.“
Das schien den Bärtigen zu belustigen. Mit einem unterdrückten Kichern sagte er zu dem Pagen: „Du gefällst mir, Junge. Du hast Mut.“ Mit diesen Worten legte er den Stab auf dem Bett ab, trat auf den Pagen zu, legte ihm beide Hände an die Schläfen und flüsterte etwas in einer Sprache, die Graham nicht verstand. Sofort schien alle Verlegenheit von dem Jungen abzufallen.
„Verrätst du uns deinen Namen?“, fragte der merkwürdige Mann den Pagen.
„Ich bin Christos, o Herr“, antwortete er.
„Ein schöner Name“, bemerkte der Angesprochene. „Sei bitte so gut und hol noch zwei Gläser, mein Junge“, bat ihn der Große in einem beinahe väterlichen Tonfall. Gemessenen Schrittes machte sich Christos auf den Weg.
„Nun zu dir, Dustin Robert Graham“, sagte der Fremde dann. „Setz dich, wir müssen reden.“ Er wies mit ausgestreckter Hand auf das Bett. Dustin wollte eigentlich protestieren, den Mann auffordern, ihn in Ruhe zu lassen oder die Polizei rufen, aber irgendetwas an der Präsenz des imposanten Mannes schien nichts davon zuzulassen. Also setzte er sich gehorsam auf das Bett und starrte den Anderen mit einer Mischung aus Neugier und kalter Wut an. Der setzte sich rittlings auf den Stuhl, verschränkte seine gewaltigen Unterarme auf der Rückenlehne und begann wieder zu sprechen.
„Ich muss zugeben, dass ich dir gegenüber im Vorteil bin“, erklärte er. „Ich kenne dich, aber du hast keine Ahnung, wer ich bin. Nun, mein Name ist Hades; ich herrsche seit Äonen über die Unterwelt.“
Das war zu viel. Präsenz hin oder her – Dustin sprang auf, ging einige Schritte auf den Typen, der sich Hades nannte, zu, schaute ihn auf eine Weise an, von der er hoffte, dass sie bedrohlich wirkte, und sagte sehr langsam und sehr deutlich: „Jetzt hören Sie mir mal gut zu. Sie kommen in mein Hotelzimmer, das nebenbei bemerkt pro Nacht mehr kostet, als Sie vermutlich im Monat verdienen, und dann behaupten Sie einen solchen Unsinn?“
Der angebliche Hades sagte gar nichts. Er sah Dustin lediglich ruhig, aber durchdringend an. Und obwohl er seine Lippen nicht bewegte, hörte Dustin im Inneren seines Kopfes die Stimme des Riesen, die so noch viel bedrohlicher klang als zuvor: Du weißt, dass ich es bin, Dustin. Du hast es gewusst, seit ich dein Zimmer betreten habe. Also setz dich wieder hin, schweig, und hör mir zu!
Er konnte sowieso nichts anderes tun, als sich hinzusetzen – urplötzlich war ihm schwindlig, und er hatte rasende Kopfschmerzen. Sein Mund war trocken und seine Hände begannen unkontrolliert zu zittern.
Bevor Hades etwas sagen konnte, kam Christos zurück. Er stellte ein anderes Silbertablett mit zwei weiteren Kristallgläsern auf den Tisch, öffnete gekonnt die Flasche und schenkte in alle drei Gläser Champagner ein. Er nahm das Tablett mit den beiden neuen Gläsern und hielt es zuerst Hades vor die Nase, der ein Glas nahm, und ging anschließend die wenigen Schritte zum Bett, um auch Dustin ein Glas zu geben. Schließlich ergriff er sein eigenes Trinkgefäß und erhob es. „Auf dein Wohl, Hades!“, rief er und nahm einen kräftigen Schluck.
„Auf die Sterblichen!“, sagte Hades, führte sein Glas an die Lippen und leerte es in einem Zug. „Man kann über euch sagen, was man will“, bemerkte er dann, während er sich mit dem Handrücken den Mund abwischte, „aber von edlen Getränken versteht ihr etwas.“
Zögernd hob auch Graham sein Glas, sagte „Prost“ in keine bestimmte Richtung und nippte vorsichtig am Champagner. Normalerweise mochte er das Getränk, aber jetzt kam es ihm vor wie bittere Medizin.
Christos setze sich auf die andere Seite des Bettes und sah Hades erwartungsvoll an. Offenbar machte dieser merkwürdige Kerl dem Jungen nicht die geringste Angst, während Dustin immer noch nicht wusste, was er von ihm halten sollte.
„Du fragst dich berechtigterweise, was ich überhaupt von dir will, Dustin“, begann Hades. „Ich will es dir verraten. Wir Götter betrachten seit einiger Zeit mit großer Sorge, was mit dem Land geschieht, das uns vor so vielen Jahrtausenden anvertraut wurde.
Natürlich war es auch vorher nicht immer friedlich – die Stämme Griechenlands haben sich unzählige Male untereinander bekriegt, fremde Mächte haben das Land immer wieder erobert, und es herrschten Hungersnöte und Naturkatastrophen. Aber so arg wie in den letzten Jahren war es nie – es ist, als hätten die Menschen allen Mut und alle Hoffnung verloren, während ihr Land ihnen unter den Händen entrissen und an kleingeistige Krämer aus aller Welt verkauft wird. An Krämer wie dich, Dustin Graham.“
Dustin räusperte sich, aber der Gott brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.
„Wir haben lange diskutiert“, fuhr er fort, „ob wir eingreifen sollen, denn das haben wir seit den Tagen des trojanischen Krieges und Odysseus’ nicht mehr getan. Aber ihr lasst uns keine Wahl. Wir können nicht länger tatenlos zusehen. Eurer unseligen Herrschaft muss ein Ende gemacht werden. Du, Dustin Graham, bist unser auserwähltes Werkzeug.“
Dustins Gedanken rasten hinter seinen pochenden Schläfen. Die griechischen Politiker hatten ihr Land doch selbst in diese Situation gebracht, in der es nur noch durch Finanzhilfen seines IWF und anderer Institutionen überleben konnte. Oder nicht?
Er war doch hierhin gekommen, um mitzuhelfen, eine Lösung für das Problem zu finden. Dass diese Lösung nicht ohne Opferbereitschaft der Schuldner – also Griechenlands und seiner Bevölkerung – funktionieren konnte, das war doch nun wirklich nicht seine Schuld. Er war ein fleißiger und korrekter Beamter, der stets seine Pflicht tat. Er hatte sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, oder?
Verwirrt nahm er einen weiteren Schluck Champagner, diesmal einen größeren. Er schmeckte immer noch nicht, aber Dustin trank den Rest im Glas in einem langen Zug aus.
„Du bist ein fleißiger und korrekter Beamter, der stets seine Pflicht tut“, begann Hades weiterzusprechen. Konnte der Kerl etwa Dustins Gedanken lesen? Er war sich nicht mehr sicher, was er glauben sollte. Er stand auf, ging mit zitternden Knien zum Schreibtisch und goss sich sein Glas noch einmal voll. „Sonst noch jemand?“, fragte er die beiden anderen.
„Sehr gern“, antwortete Hades und streckte ihm die Hand mit dem Glas entgegen. Dustin füllte auch sein Glas. Der Gott hob es prostend und nahm dann einen kleineren Schluck als zuvor.
„Danke, für mich nicht“, sagte Christos. „Ich muss morgen sehr früh aufstehen. Ich arbeite im Moment Doppelschichten. Meine Mutter ist sehr krank, und die Kosten für ihre experimentellen Medikamente werden nicht übernommen.“
„Siehst du, das meine ich“, rief Hades, mit der offenen Handfläche auf Christos weisend. „Er bedient Menschen wie dich von vorn bis hinten, und zum Dank lässt man seine Mutter an einer eigentlich harmlosen Krankheit verrecken. Eine Schande ist das.“ Er stellte sein Glas mit etwas zu viel Nachdruck auf den Schreibtisch zurück und bellte erneut: „Eine Schande!“
Dann wandte er sich an Christos: „Du brauchst diese entwürdigende Arbeit nicht mehr zu tun. Mein Neffe Asklepios wird sich deiner Mutter annehmen, und für dich werde ich selbst sorgen.“
Mit diesen Worten stand Hades auf, kam auf Dustin zu und legte auch ihm die Hände auf die Schläfen. Wieder flüsterte er etwas. Einen Moment lang hatte Dustin den Eindruck, einen grellen Blitz zu sehen und etwas zu hören, das wie Musik und doch viel größer und überwältigender klang. Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit und schwere Gedanken fielen von ihm ab wie ein schmutziges Hemd, das man einfach ausziehen konnte. Er betrachtete den Gott mit überwältigtem Blick. Er wollte nur noch eins: Hades folgen, selbst wenn dieser ihn in seine Heimat, die Unterwelt, führen würde.
Gegen 22 Uhr stand Norbert Voss an einer viel befahrenen Athener Ausfallstraße und winkte einem Taxi. Der Taxifahrer schien ihn nicht zu bemerken und fuhr einfach durch. Auch ein zweites und ein drittes Taxi rauschten vorbei. Erst das vierte hielt an, nachdem es einige Meter an ihm vorbeigefahren war, aber zwei junge Frauen schienen aus dem Nichts aufzutauchen, stiegen auf beiden Seiten durch die Hintertüren ein, und das Taxi fuhr wieder an, bevor er in seiner Verwunderung etwas sagen oder tun konnte.
Nach dem Verhandlungstag hatte Norbert noch mit einem belgischen und einem italienischen Kollegen zu Abend gegessen. Das Hotel der beiden lag in die entgegengesetzte Richtung, so dass sie bereits mit einem anderen Taxi abgefahren waren. Norbert ärgerte sich. Was bildeten diese Taxifahrer sich eigentlich ein? Konnten sie bereits von Weitem sehen oder riechen, dass er ein Angehöriger der EU-Kommission war? Zugegeben: er trug einen sehr teuren dunkelblauen Anzug, einen ledernen Aktenkoffer, und sein hellblondes Haar schien ihn besonders auffällig zu machen.
Er wollte sich gerade entschließen, den Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen, was etwa eine halbe Stunde dauern würde und in der unerträglichen Hitze, die selbst um diese Zeit noch herrschte, sehr anstrengend war. Doch plötzlich hielt ein eleganter dunkelgrauer Mercedes S-Klasse mit einer Vollbremsung neben ihm, und das Fenster auf der Beifahrerseite glitt herunter. „Norbert Voss? Steig ein“, rief die Fahrerin in akzentfreiem Deutsch.
Verwundert fragte Norbert: „Wer sind Sie?“
„Erzähle ich dir unterwegs“, sagte die Frau mit einem aufmunternden Lächeln. „Na los, steig schon ein“.
Norberts Neugier siegte über seine Vorsicht. Er öffnete die Beifahrertür, stieg ein und schloss die Tür wieder, wobei er sorgfältig darauf achtete, dass er sein knitterfreies Hosenbein nicht einklemmte. Er schnallte sich an und platzierte seine Aktentasche auf dem Schoß.
Die Frau trat sofort das Gaspedal des Automatikfahrzeugs durch. Die Beschleunigung presste Norbert an den Sitz, und die Fahrerin behielt ein für den starken Verkehr überraschend hohes Tempo bei, indem sie geschickt beide Fahrspuren nutzte und teilweise sogar auf der inneren Gegenfahrbahn überholte, wenn diese gerade frei war.
Norbert musterte die Unbekannte. Sie trug ein einfach geschnittenes rotes Kleid, bequeme flache Schuhe, und war auffallend attraktiv. Nein, mehr als das. Sie war atemberaubend schön, fand Norbert. Sie hatte eine wallende hellbraune Lockenmähne, große Augen, deren Farbe er im dunklen Auto nicht genau auszumachen vermochte, eine gerade, ebenmäßige Nase und volle Lippen. Geschminkt schien sie nicht zu sein, aber sie machte auch nicht den Eindruck, das nötig zu haben.
Seit seiner Scheidung vor zwei Jahren hatte er keinen näheren Kontakt mehr zu Frauen gehabt, außer beruflich, und er fragte sich, ob sie wohl deshalb eine so extreme Wirkung auf ihn hatte. Aber das allein konnte es nicht sein – irgendetwas an ihr war einfach überwältigend.
„Kaugummi?“, fragte sie ihn nun und hielt ihm mit der rechten Hand ein Päckchen hin, während sie mit links weitersteuerte.
„Nein danke“, entgegnete er, leicht irritiert – etwas so Profanes wie Kaugummi schien nicht zu einer Lady wie ihr zu passen.
„Erlaube, dass ich mich vorstelle“, fuhr sie fort. „Mein Name ist Aphrodite. Ich bin von weit her hierhin gereist, um dich zu treffen und dich um einen kleinen Gefallen zu bitten.“ Selbst ihre Stimme war hypnotisch – recht tief für eine Frauenstimme, melodisch, wohlklingend.
„Aphrodite? Wie die Göttin der Liebe und Schönheit?“, fragte Voss. Wenn es eine Frau gab, zu der dieser Name passte, dann war es diese. Er wusste einiges über die griechische Mythologie, denn sein Vater hatte die antiken Sagen geliebt und sie Norbert immer begeistert als Gutenachtgeschichten erzählt.
„Nein, nicht wie die Göttin der Liebe und Schönheit“, antwortete Aphrodite, „sondern die Göttin der Liebe und Schönheit. Und der Fruchtbarkeit übrigens auch“, fügte sie hinzu, und es schien sie zu belustigen. „Aber keine Sorge, ich habe bereits mehr als genug Kinder, von mehr Vätern, als du dir vorstellen kannst.“
Na super, dachte Norbert. Da lernt man einmal eine wirklich tolle Frau kennen – und dann muss es eine Verrückte sein. „Halten Sie bitte an, ich möchte aussteigen!“, sagte er bestimmt.
„Wir sind noch nicht da“, erwiderte sie. „Und das hier ist keine besonders sichere Gegend. Einem fein gekleideten Herrn wie dir würde man hier die Aktentasche, das Geld, die teure Rolex und wahrscheinlich sogar die Kleidung stehlen. Wer könnte es ihnen verdenken – die meisten Leute hier müssen im Monat mit weniger auskommen, als deine Schuhe gekostet haben. Für die ganze Familie wohlgemerkt.“
Mit diesen Worten drehte sie sich blitzschnell zu ihm um und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Dann schaute sie sofort wieder auf den Straßenverkehr, als sei nichts gewesen. Norberts Herz raste, seine Hände schwitzten, und er war überzeugt, dass sie die Wahrheit sagte.
Wenige Minuten später kamen sie an einer schäbigen Vorortpension an. Aphrodite parkte ein, schaltete den Motor ab und sagte, zu Norbert gewandt: „Wir sind da.“
„Wie bitte? Das ist nicht mein Hotel“, antwortete dieser vorwurfsvoll.
„Richtig. Es ist meins“, entgegnete die Göttin ungerührt. Beide stiegen aus, und Aphrodite führte Norbert zum Eingang der Pension. Die Tür war nur angelehnt. Norbert drückte sie auf und ließ der Göttin den Vortritt. Sie marschierte an ihm vorbei in einen notdürftig beleuchteten Flur. An dessen Ende befand sich eine weitere Tür, auf die Aphrodite zeigte. Norbert drückte die Klinke herunter und ließ Aphrodite erneut vorgehen.
In dem kleinen Raum hinter der Tür saß ein alter Mann hinter einem sichtlich in die Jahre gekommenen Holztresen. Er trug eine dicke Hornbrille und blätterte gelangweilt in einer griechischen Tageszeitung, deren Titel Norbert nicht lesen konnte.
Aphrodite sagte etwas auf Griechisch zu dem Portier, der bedächtig aufstand, zu einem Schlüsselbrett hinter seinem Stuhl humpelte, einen der dort hängenden Schlüssel nahm und ihn der Göttin reichte. „Evcharisto“, sagte sie – das verstand Norbert immerhin.
Links vom Rezeptionstresen führte eine knarzende, gewundene Holztreppe mit steilen Stufen in den ersten Stock. Aphrodite begann, hinaufzusteigen, und Norbert stapfte hinterher, obwohl er gar nicht recht wusste, warum. In der dunklen Diele im Obergeschoss bog Aphrodite nach rechts ab. Auch der Dielenboden war aus Holz und knarzte wie die Treppe; eine einzelne Leuchtstoffröhre verbreitete ein kaltes und unzureichendes Licht. An der dritten Tür, einem Zimmer mit der Nummer 12, blieben sie stehen. Aphrodite steckte den Schlüssel ins Schloss, zog die Tür leicht an, damit er sich überhaupt drehen ließ, und schloss auf. Sie machte eine einladende Geste in Richtung Zimmer. Norbert trat hinein, die Frau folgte ihm, schaltete das Licht ein und zog die Tür hinter sich zu.
„Setz dich“, sagte sie zu Voss, der verlegen in dem winzigen Zimmer stand und vom Bett zur Kommode und wieder zurück blickte. An der vergilbten Raufasertapete hing eines dieser kitschigen Bilder von einem weißen Haus mit blauen Tür- und Fensterrahmen, wie es sie auf griechischen Inseln gab – das hatte Norbert zumindest auf Reisewebsites gesehen; er selbst war noch nie auf einer solchen Insel gewesen. Obwohl das Fenster sperrangelweit offen stand, war es stickig heiß in dem Zimmer; klimatisiert war es offenbar nicht.
Norbert stellte seinen Aktenkoffer an die Wand. Da es keine Stühle gab, setze er sich auf das schmale Bett. Aphrodite sagte: „Mach es dir bequem. Ich komme gleich wieder.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.
Voss stand wieder auf, zog sein Jackett und seine Krawatte aus, legte beides auf die kleine Kommode, wofür er den Radiowecker so weit wie möglich nach hinten schob, und entledigte sich auch seiner glänzend polierten Lederschuhe. Er setzte sich wieder hin und wartete.
Was mache ich hier eigentlich? fragte er sich. Er kannte die Frau überhaupt nicht. Und auch wenn er ihr glaubte – oder glauben wollte –, dass sie eine Göttin war, musste das ja nicht stimmen. Was, wenn sie zu einer Terrorgruppe gehörte, die ihn entführen und für seine Freilassung Geld oder Zugeständnisse erpressen wollte?
In diesem Augenblick kam Aphrodite zurück. Sie trug eine Flasche Ouzo unter dem Arm und zwei einfache Trinkgläser in der Hand. Sie schob Norberts Jackett beiseite, stellte die Gläser auf die Kommode, öffnete die Flasche und goss Ouzo in beide Gläser. Eins gab sie Norbert, das andere behielt sie selbst. Dann setze sie sich neben ihn und sagte: „Auf dein Wohl, Norbert Voss.“
Beide nahmen einen vorsichtigen Schluck. Voss mochte das Getränk eigentlich nicht sonderlich, aber im Moment war ihm das egal. Erwartungsvoll sah er die Göttin an.
„Du bist ein wichtiger Mann“, bemerkte sie. „Morgen wirst du das Schicksal dieses Landes mitbestimmen. Wir Götter glauben, dass es kein Schicksal ist, sondern dass man es in eine andere Richtung lenken kann. Deshalb bist du hier.“
Also doch! Norbert hatte es gewusst. Sie würde ihm drohen, ihn erpressen oder versuchen, ihn zu bestechen. Aber warum eigentlich ihn? Er war nur stellvertretender Staatssekretär, ein besserer Verwaltungsbeamter. Warum hatte sie ausgerechnet ihn auserkoren, und nicht den EU-Finanzkommissar, einen der Finanzminister oder gar den Kommissionspräsidenten?
„Denk doch einmal nach“, sagte Aphrodite, als ahnte sie, was er dachte. Vielleicht wusste sie es sogar, Norbert war sich da nicht sicher. „Wenn wir die Leute manipulieren würden, die jeden Abend in euren Nachrichten und Talkshows zu sehen sind, würde das doch sofort auffallen. Ihre Kollegen oder Vorgesetzten würden an ihrer geistigen Verfassung zweifeln, sie würden zu Psychologen geschickt und untersucht, oder zumindest würde ihnen niemand mehr trauen.
Also haben wir uns entschlossen, uns ihre Mitarbeiter vorzunehmen. Du und deinesgleichen seid der Öffentlichkeit völlig unbekannt. Aber ihr habt mehr Einfluss, als ihr glaubt. Während eure Vorgesetzten in die Kameras lächeln und allgemeine Absichtserklärungen abgeben, handelt ihr die Details der Verträge aus, die sie dann unter tobendem Applaus oder vernichtender Kritik unterschreiben. Die meisten von ihnen lesen nicht einmal genau, was darin steht.“
Norbert musste zugeben, dass sie Recht hatte. Verrückt oder gefährlich mochte sie sein, aber dumm war sie ganz bestimmt nicht – und das machte sie nur noch gefährlicher. Und doch fühlte er sich gleichzeitig immer noch zu ihr hingezogen und hatte das Gefühl, dass er gar nicht anders konnte, als alles zu tun, was sie von ihm verlangen würde.
In diesem Moment hörte er das Poltern schneller Schritte, das von der Treppe und dann aus der Diele zu kommen schien. Die Zimmertür wurde aufgerissen, und zwei Männer mit raspelkurzen Haaren, breiten Schultern, schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen stürmten herein, Pistolen im Anschlag. Leibwächter der EU-Kommission, das wusste Norbert sofort. Sie schienen ihn die ganze Zeit beschattet zu haben und waren ihm dann wohl bis in die Pension gefolgt.
„Aufstehen und Hände hinter den Kopf!“, herrschte der Leibwächter, der als erster hereingekommen war, Aphrodite auf Englisch an, während er seinen Revolver auf sie richtete. Der andere wandte sich an Norbert und fragte: „Sind sie in Ordnung, Herr Voss?“
Aphrodite machte überhaupt keine Anstalten, aufzustehen. Sie streckte auch ihre Hände nirgendwo hin, sondern hielt in der rechten immer noch ihr Glas und ließ die linke lässig im Schoß liegen. Mit einem engelsgleichen Lächeln wandte sie ihren Blick zu dem Mann, der sie bedroht hatte. Langsam hob sie den Kopf, und der Agent bewegte wie in Trance die Hand mit der Waffe in dieselbe Richtung. Dann nickte Aphrodite einmal heftig, und er ließ den Revolver zu Boden fallen. Mit einem schnellen Fußtritt beförderte die Göttin ihn außer Reichweite.
Dann stand sie auf, wirbelte herum, streckte ein Bein in die Luft und trat dem anderen Agenten damit dessen Schusswaffe aus der Hand, bevor dieser überhaupt zu bemerken schien, wie ihm geschah. Dann lächelte sie auch ihn an, und er setzte sich langsam auf den Boden. „So ist es brav“, sagte sie. „Und nun werdet ihr dieses Zimmer verlassen, zu eurer Einheit zurückkehren und melden, dass Herr Voss wohlbehalten in seinem Hotel angekommen ist.“ Gehorsam stand der Leibwächter wieder auf und verließ zusammen mit seinem Kollegen das Zimmer.
Mit aufgerissenem Mund starrte Norbert die Frau an; sie hatte absolut beherrscht gewirkt, und ihre Bewegungen übernatürlich schnell. Es konnte gar nicht anders sein: sie war kein normaler Mensch, sondern tatsächlich eine Göttin. Oder eine Dämonin, mit der man sich besser nicht anlegte.
Sie legte Voss die linke Hand auf die verschwitzte Stirn. Augenblicklich fühlte er sich besser, erfrischt und belebt, und der Gedanke, dass sie Böses im Schilde führen könnte, erschien ihm mit einem Mal völlig absurd. „Schlaf jetzt, Norbert Voss, schlafe. Und wenn du morgen früh aufwachst, wirst du wissen, was du zu tun hast. Gute Nacht.“
Norbert wollte antworten, aber eine angenehme Müdigkeit nahm von ihm Besitz. Er sank nach hinten aufs Bett und nahm gerade noch wahr, dass sein Kopf die Matratze erreichte und dass jemand ihm das Ouzoglas aus der Hand nahm, seine Beine hochhob und ihn dabei etwas drehte, bis er einigermaßen gerade auf dem Bett lag.
Er war ein sechsjähriger Junge. Auf einer staubigen Straße spielte er mit einigen Kindern von nebenan Fußball. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei; die Fahrer lächelten und winkten und fuhren um die Kinder herum.
Plötzlich war ein immer lauteres Dröhnen zu hören. Was nun kam, war kein normales Auto. Fünf oder sechs olivgrüne Pickups preschten heran, die Fahrer achteten nicht auf die Kinder, die kreischend zur Seite sprangen und wegrannten. Die Wehrmacht! Seine Eltern und der Lehrer hatten davon gesprochen. Das Herz des Jungen raste.
Er kauerte sich hinter einen Bretterstapel am Straßenrand. Von den Laderampen der Trucks sprangen Männer mit Stahlhelmen und olivgrünen Uniformen, Maschinengewehre im Anschlag. Andere Männer mit zusätzlichen Verzierungen an ihren Uniformjacken, offenbar Offiziere, bellten Befehle in einer harten, kalten Sprache, die der Junge nicht verstand – und irgendwie doch. „Vorwärts! Verteilt euch! Lasst niemanden am Leben!“
Die Männer schwärmten aus und marschierten auf die Häuser zu, die sich um den Dorfplatz gruppierten. Sie öffneten die Türen oder traten sie ein, wenn sie sich nicht öffnen ließen. Kurze und längere Maschinengewehrsalven und entsetzte Schreie waren zu hören. Wenig später kamen die Männer zurück, kletterten wieder auf die Trucks, wendeten und fuhren in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren. Einige der Häuser brannten; schwarzer Rauch stieg von ihnen auf.
Der kleine Junge traute sich lange nicht aus seinem Versteck heraus. Schließlich stand er doch auf. Ängstlich und mit Tränen in den Augen stolperte er auf das Haus seiner Eltern zu. Die Tür hing eingedrückt in den Angeln, und er stieg hindurch. In der Stube lag sein Vater mit blutverschmiertem Hemd, auch aus seinem Mund sickerte eine dünne Blutspur. Mit glasigen, unbeweglichen Augen starrte er an die Zimmerdecke. Seine Mutter fand er in der Küche. Sie war auf einem Stuhl zusammengesunken, ihr Kopf lag auf dem Küchentisch, und auch sie war über und über mit Blut bedeckt.
Der Junge ließ sich auf den Küchenboden fallen und schrie aus Leibeskräften. Er schrie und schrie und konnte überhaupt nicht mehr aufhören.
Bis er schweißgebadet und mit bis zum Hals schlagenden Herzen aufwachte. Er schreckte hoch und schaute sich verwirrt und orientierungslos um. Er war kein sechsjähriger Junge mehr. Er war ... er war ... Norbert, genau. Norbert Voss, stellvertretender Staatssekretär bei der EU-Kommission. Er war in einem langweiligen Vorort von Stuttgart aufgewachsen, hatte nie einen Krieg erlebt, und seine Eltern lebten noch.
Langsam begann er sich zu beruhigen – aber der Traum, der sich so real angefühlt hatte, ließ ihn nicht los. Draußen begann der Morgen zu grauen, und es sangen bereits Vögel. Aphrodite schien verschwunden zu sein, aber Norbert wusste genau, was er zu tun hatte.
II. Freitag
Schon morgens um neun schoben sich gewaltige Menschenmassen über den Omonia-Platz. Wo sie in entgegengesetzte Richtungen gingen, verzahnten sie sich und lösten sich wieder voneinander. Die meisten Leute wichen einander gerade noch aus, nur selten kam es zu Remplern oder gar Zusammenstößen. Athene betrachtete das Treiben missmutig. Ihr Onkel Poseidon hätte seine Freude daran, wusste sie, denn es würde ihn an das ewig wogende Meer erinnern. Sie selbst hatte nicht viel übrig für die Sterblichen; ihre Geschäftigkeit erschien ihr wie die eines Bienenschwarms.
Sie hatte zu denjenigen gehört, die im Rat der Götter gegen das Eingreifen gestimmt hatten. Darin immerhin war sie mit Poseidon einer Meinung gewesen, den Dinge außerhalb der Meere ohnehin nicht interessierten. Auch ihre Schwester Artemis wollte nichts mehr mit den Geschäften der Menschen zu tun haben. Aber schließlich hatte ihr Vater Zeus sich durchgesetzt, denn selbst seine Gemahlin Hera, die sonst aus Prinzip nie seiner Meinung war, hatte ihm dieses eine Mal zugestimmt.
Eine so große Ratsversammlung hatte es seit Jahrhunderten nicht gegeben. Zeus hatte nicht nur alle Bewohner des Olymps herbestellt, sondern auch alle Götter, Göttinnen, Halbgötter und Halbgöttinnen, die an weit entfernten Orten lebten. Und fast alle waren gekommen. Der große Ratssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und viele saßen auf dem Boden oder lehnten an den goldgeschmückten Wänden. Die Bediensteten eilten durch die Reihen, um Ambrosia und Nektar zu verteilen. Alle redeten durcheinander, bis Zeus schließlich sein Zepter hob und einige Blitze schleuderte. Erst dann richteten sich alle Augen auf den alten Göttervater, der sogleich das Wort ergriff.
„Zuerst einmal danke ich euch, dass ihr alle gekommen seid“, rief er so laut, dass alle ihn hören konnten. „Ich hätte euch nicht zusammengerufen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Uns erreichen immer mehr besorgniserregende Nachrichten aus dem Land der uns Anvertrauten. Die Menschen stöhnen unter der Last von Schulden, die sie nicht selbst gemacht haben, und fremde Mächte verlangen Opfer um Opfer von ihnen. Das Land hat viel durchgestanden, aber genug ist genug. Ich bitte euch heute um eure Zustimmung für unser Eingreifen.“
Kaum hatte er den letzten Satz beendet, redeten wieder alle durcheinander, noch aufgeregter als zuvor. „Ruhe!“, donnerte Zeus. „Wir machen das folgendermaßen: alle, die etwas sagen wollen, stellen sich der Reihe nach auf, und es kommt einer nach dem anderen zu Wort.“
Und so hatte es über hundert Wortbeiträge gegeben, von begeisterten Kriegern wie Ares, die die Mission für eine ruhmreiche Schlacht hielten, von mitleidigen Helfern wie Hades oder Atlas und von streitlustigen Spöttern wie Eris und Hermes. Und natürlich gab es auch Reden von vorsichtigen Bedenkenträgern wie Athene selbst.
Als sie schließlich an die Reihe kam, rief sie: „Brüder und Schwestern! Wer von euch kann sich noch an das letzte Mal erinnern, dass wir uns in die Angelegenheiten der Sterblichen eingemischt haben? Ich jedenfalls erinnere mich, als sei es gestern gewesen. Wir haben Odysseus auf seinen Reisen beobachtet und geleitet. Aber da wir uns nicht einig waren, ob wir ihn unterstützen oder ins Verderben stürzen sollten, und selbst diejenigen, die ihm helfen wollten, völlig verschiedene Ideen hatten, haben wir ein unermessliches Chaos angerichtet und seine Irrfahrten und Plagen schließlich sogar verlängert.
Glaubt ihr, wenn wir in eine so große Angelegenheit wie die Lage des ganzen Landes eingreifen, wird das weniger chaotisch vonstatten gehen? Ich glaube das nicht, und deshalb sage ich, lasst die Menschen das unter sich ausmachen. Ihre Lösungen mögen für uns töricht und ungerecht aussehen, aber letzten Endes müssen sie damit leben. Wir können sie nur trösten oder bestrafen, wenn sie ihr irdisches Dasein hinter sich gelassen haben.“
Genützt hatte ihre Rede nichts. Es war nicht genug, dass eine überwältigende Mehrheit für Zeus’ Vorschlag gestimmt hatte – das hätte Athene letzten Endes ignorieren können, sich einfach wieder ihren Büchern hingegeben und die anderen tun lassen, was sie für richtig hielten. Nein, das Schlimmste war, dass Zeus sie auserwählt hatte, zum Missionsteam zu gehören.
Natürlich hätte sie Nein sagen können, aber auf einen Disput mit ihrem Vater legte sie erst recht keinen Wert. Es hatte schon immer Streitigkeiten unter den Göttern gegeben, die durch ein falsches Wort zu jahrzehntelangen blutigen Kriegen werden konnten. Sie selbst hatte in vielen dieser Schlachten Heere angeführt und oft genug gesiegt. Aber im Moment hatte sie überhaupt keine Lust zu kämpfen – dann lieber diesen verdammten Auftrag annehmen, ihn ausführen und zurück zu den Büchern, dem Quell ihrer Weisheit und Freude.
Jetzt stand sie auf diesem überfüllten Platz, beobachtete befremdet das Hin und Her der Sterblichen und wartete. Sie gehörte nicht zu den Göttinnen, die sich regelmäßig unter die Sterblichen mischten, sich gar einen oder mehrere von ihnen als Liebhaber hielten. Natürlich hatte sie einst den von ihr erwählten Helden der Schlachtfelder beigestanden, auch selbst mit Lanze und Schild mitgemischt. Aber seit die Menschen in metallenen Wagen in die Schlacht fuhren und sich mit gewaltiger Feuerkraft bekämpften, machte ihr der Krieg keinen Spaß mehr. Heer gegen Heer, Frau gegen Mann, mit Schwert und Lanze, das war ihre Sache. Diese modernen Feuerspiele, die einen so gewaltigen Lärm machten und zu viele Unbeteiligte in Mitleidenschaft zogen, waren es nicht.
Sie sah auf das, was die Menschen eine Armbanduhr nannten. Diese zeigte 9:12 Uhr, also würde die Zielperson bald hier sein. Die Uhr gehörte zu ihrer Verkleidung – ihre traditionellen Gewänder hatte sie ebenso zurückgelassen wie Rüstung und Waffen. Sie trug etwas, das die Verkäuferin in dem Bekleidungsgeschäft als „Businesskostüm“ bezeichnet hatte – eine Hose aus dünnem Stoff und eine zugehörige Jacke (einen „Blazer“ hatte die junge Sterbliche sie genannt), beides in einem bläulichen Grauton, darunter eine weiße Bluse.
An den Füßen trug sie sehr unbequeme Schuhe mit hohen Absätzen, die aber nach den Worten der Frau „der dernier cri aus Paris“ seien, was immer sie damit auch meinte. Paris – ein schöner Jüngling war er gewesen, aber so töricht und leicht zu beeinflussen. Aphrodite hatte ihn mit einer List dazu gebracht, sie als die Schönste statt Hera und ihr selbst auszuwählen: die schönste Frau der Welt zum Weibe hatte sie ihm versprochen. Der verliebte eitle Gockel war darauf hereingefallen, entführte Helena, die ebenfalls in Liebe zu ihm entbrannte, und verursachte so den größten Krieg seit Generationen.
Die Frau schien aber gar nicht den trojanischen Prinzen gemeint zu haben, sondern eine Stadt auf der Erde, fast zweitausend Meilen nordwestlich von Athen.
Athen – der Gedanke an den Namen dieser Stadt machte Athene beinahe wütend. Ein grauer Betonklotz neben dem anderen, dachte sie, wie können die Sterblichen es wagen, eine so hässliche Stadt nach mir zu benennen? Natürlich wusste sie, dass die Stadt schon sehr lange so hieß und dass sie früher wunderschön gewesen war. Aber nur einige Ruinen zeugten noch von den alten Zeiten.
„Entschuldigen Sie bitte“, hörte sie plötzlich eine zittrige, dünne Stimme hinter sich. Sie drehte sich um, und da saß ein alter Mann in schmutziger, zerschlissener Kleidung auf dem Boden, den Rücken an eine Hauswand gelehnt. Er hatte zerzaustes, schütteres graues Haar und sah aus wie jemand, der seine letzte Schlacht verloren hatte. Vor ihm stand ein kleines Schälchen, in dem vier kleine Kupfermünzen lagen. Neben sich hatte er ein Paar Krücken abgelegt. „Können Sie mir vielleicht mit ein wenig Kleingeld aushelfen? Ich habe Hunger und Durst.“
„Geld habe ich leider nicht bei mir“, sagte Athene. Sie zog ein glitzerndes Fläschchen aus ihrem Beutel („Handtasche“ hatte die Verkäuferin ihn genannt) und reichte es dem Bettler. „Aber trink das hier“, sagte sie aufmunternd zu ihm. „Es wird dir gut tun.“
Der Alte nahm den Gegenstand entgegen und versuchte, den Verschluss zu drehen. Als das zu nichts führte, zog er ihn erst vorsichtig und dann kräftiger nach oben. Mit einem lauten „Plopp“ löste sich der Stopfen. Misstrauisch schnupperte der Mann an dem offenen Gefäß. Offenbar gefiel ihm der Duft, denn er lächelte. Dann führte er das Fläschchen zum Mund und ließ die enthaltene goldschimmernde Flüssigkeit hineinperlen.
Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Doch dann streckte sich der gebeugte Rücken des alten Mannes, seine Gesichtszüge begannen sich zu glätten und sein Haar wurde dunkler und voller. Der Greis, der eben noch da gesessen hatte, war verschwunden. Stattdessen saß dort ein Mann, der aussah wie ein Dreißigjähriger, mit vollem dunkelbraunem Haar und schwarzem Stoppelbart. Er hob die Arme und betrachtete ungläubig seine Hände, die ebenfalls keine Runzeln mehr aufwiesen. Erstaunt sah er Athene an. „Was war das denn für ein Getränk?“, fragte er sichtlich verdutzt.
„Wir nennen es Nektar“, antwortete die Göttin. „Es hält uns jung, ja verleiht uns Unsterblichkeit. Durch eine einmalige Gabe wirst du nicht unsterblich, Giorgios, aber du hast heute eine zweite Chance erhalten. Nutze sie.“
„Nutzen, nutzen“, murmelte der Mann skeptisch. Er sah Athene an und sagte: „Wissen Sie eigentlich, was hier los ist? Ich war ein einfacher Arbeiter, und man hat mich schon vor vier Jahren entlassen, wie so viele. Eine neue Stelle werde ich in meinem Alter bestimmt nicht mehr finden.“ Dann hielt er inne und ergänzte: „Ich meine, in dem Alter, das ich bis eben noch hatte. Aber was nützt es – nicht einmal mein Neffe findet Arbeit, und der ist siebenundzwanzig und hat studiert. Er wird wohl ins Ausland gehen, wie ein Großteil seiner Generation.“
„Mach dir darum keine Sorgen, Giorgios – du wirst für mich arbeiten“, erklärte Athene.
„Woher kennen Sie eigentlich meinen Namen?“, fragte der eben noch alte Mann verwirrt.
Athene lächelte ihn an und antwortete: „Dein Name ist nicht das einzige, was ich von dir weiß, Giorgios Angelopoulos. Ich kenne dein ganzes Leben, vom Moment deiner Geburt bis eben, bevor wir uns getroffen haben. Ich bin Athene, die Göttin der Weisheit, der Mathematik und der Kriegslist – und die Frau, nach der diese Stadt benannt ist.“
Giorgios stand auf, drehte sich um und betrachtete sein undeutliches Spiegelbild im verschmutzten Schaufenster eines leeren Ladenlokals, an dem „Zu vermieten“-Schilder hingen. Er stellte sich noch ein wenig gerader hin, lächelte und sagte zu Athene: „Ich glaube Ihnen zwar kein Wort, aber ich bin bereit. Wann reiten wir in die Schlacht?“
„Augenblick noch“, vertröstete ihn die Göttin, „wir warten noch auf jemanden.“ Suchend schaute sie sich in der vorbeihastenden Menschenmenge um. Sie hoffte, dass sie die gesuchte Person nicht verpasst hatte, während sie von Giorgios abgelenkt wurde.
Mit quietschenden Reifen hielt ein gelbes, fast schrottreifes Taxi an der Straßenecke zur Fußgängerzone. Eine Frau mittleren Alters, die ihr schwarzes, mit einigen grauen Strähnen durchsetztes Haar zu einem strengen Knoten gebunden hatte, stieg aus, stellte einen Rollkoffer auf den Boden und zog seinen Griff heraus. Athene sah sie und sagte zu Giorgios: „Komm mit.“
Mit langen Schritten eilte Athene auf die Dame zu. „Warte, Angélique!“, rief sie schon von weitem auf Französisch. Irritiert schaute die Gerufene sich um. Sie bemerkte die Göttin und den jungen Mann in der lädierten Kleidung.
„Was wollen Sie? Sind sie von der Presse?“, fragte sie. „Ich habe überhaupt keine Zeit; in einer halben Stunde habe ich einen wichtigen Termin.“
„Keine Sorge, du wirst deinen Termin wahrnehmen, Angélique Dugard. Aber vorher müssen wir uns ein wenig unterhalten.“
„Was fällt Ihnen eigentlich ein, mich zu duzen?“, fragte Angélique. „Kennen wir uns?“
„Ich kenne dich, und gleich wirst du auch mich kennen“, antwortete Athene. „Da vorn ist ein – wie nennt ihr das? – Café. Setzen wir uns, du wirst uns zum Frühstück einladen.“
„Wie käme ich dazu?“, regte Madame Dugard sich auf. „Ich werde doch einer dahergelaufenen Schlampe und einem abgerissenen Penner kein ...“
Weiter kam sie nicht, denn Athene ergriff ihre Hand und zog die widerstrebende Angélique hinter sich her. Gegen die Kraft der Göttin hatte diese keine Chance, also musste sie wohl oder übel mitkommen, wenn sie nicht zu Boden gerissen werden wollte.
Sie nahmen auf zwei bequemen, mit Kissen gepolsterten Sitzbänken eines Straßencafés Platz, die einander an einem leicht wackligen Holztisch gegenüber standen. Angélique saß allein auf einer der Bänke, während Athene und Giorgios die gegenüberliegende Bank wählten. Viel war in dem Café nicht los, so dass sogleich ein eilfertiger junger Kellner mit einem sauberen weißen Hemd, aber einer etwas schmuddeligen orangefarbenen Schürze an ihren Tisch trat und sie begrüßte: „Guten Morgen, die Herrschaften. Wissen Sie schon, was es sein darf? Oder soll ich Ihnen zuerst die Karte bringen?“
„Wir nehmen ein komplettes Frühstück für alle“, erklärte Athene, „aber beeil dich – die Dame hier hat gleich einen wichtigen Termin.“
„Kaffee oder Tee?“, fragte der Kellner.
„Tee kenne ich“, erwiderte die Göttin. „aber Kaffee nicht, also nehmen wir den, und ich lasse mich überraschen.“
Der junge Mann zog etwas irritiert eine Augenbraue hoch, fasste sich aber sofort wieder und sagte: „Sehr wohl.“ Er kritzelte etwas auf ein Notizblöckchen und verschwand ins Innere des Cafés.
„Was wollen Sie jetzt eigentlich von mir?“, fragte Madame Dugard ungeduldig. „Wollen Sie mir drohen? Mich erpressen? Die EZB lässt sich nicht erpressen!“
„Ganz ruhig“, entgegnete Athene. „Du bist Angélique Dugard, stellvertretende Abteilungsleiterin bei der Europäischen Zentralbank.“ Sie fragte das nicht, sondern stellte es fest. „In etwa fünfundzwanzig Minuten wirst du bei einer Sitzung über die Zukunft Griechenlands mitentscheiden. Du wirst allerdings etwas völlig anderes vortragen, als du eigentlich vorhattest.“
„Wie kommen Sie denn darauf?“, regte sich die Bankerin auf. „Ich werde sagen, was ich mir vorgenommen habe – ich vertrete die EZB und deren Position in den Verhandlungen und lasse mir von niemand anderem vorschreiben, wie ich zu handeln habe!
Sollten Sie vorhaben, mich zu erpressen: viel Glück. Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder und keine Geschwister, meine Eltern sind beide schon tot, und meinen Lebensgefährten habe ich vor einem Monat nach zehn Jahren vor die Tür gesetzt. Genug Geld habe ich auch, um notfalls nie mehr arbeiten zu müssen. Wo wollen Sie also mit Ihrer Erpressung ansetzen?“
„Aber, aber“, sagte Athene beruhigend. „Wer hat etwas von Erpressung gesagt? Das ist ein so hässliches Wort. Ich habe es nicht nötig, dich zu erpressen, sondern ich werde dich überzeugen.“
Der Kellner kam zurück, in jeder Hand ein Tablett, und stellte Brot, Käse, Oliven, Honig und Marmelade auf den Tisch, sowie drei Tassen mit einer würzig riechenden, dunkelbraunen Flüssigkeit. Das musste Kaffee sein. Athene nahm einen Schluck; das Getränk war sehr heiß und für ihren verwöhnten Geschmack zu bitter. Es würde nicht ihr neues Lieblingsgetränk werden.
„Die Dame wird dann auch sofort zahlen“, sagte Athene, „denn sie hat es wie gesagt eilig.“ Sie wiederholte dasselbe noch einmal auf Französisch, denn Angélique schien kein Griechisch zu verstehen. Diese fingerte widerstrebend einige Geldscheine aus ihrer Tasche, streckte sie dem Kellner hin und sagte auf Englisch: „Danke, stimmt so.“
Als der Kellner wieder gegangen war, sagte Athene zu Madame Dugard: „Reden dauert zu lange; du hast nur noch“ – sie schaute auf die Armbanduhr – „sechzehn Minuten. Also schließ bitte deine Augen.“
Angélique machte die Augen zu, und die Göttin sah sie um so durchdringender an. In Sekundenschnelle übertrug sie alles, was die EZB-Unterhändlerin wissen musste, in deren Gehirn. Die schlug verdutzt ihre Augen wieder auf, blinzelte mehrmals und sagte: „Was war das denn? So habe ich das alles noch nie betrachtet. Sie – haben Recht! Ich werde Sie nicht enttäuschen.“
„Hatte ich auch nicht erwartet“, meinte Athene lächelnd. Und nun lass es dir schmecken; in vierzehn Minuten musst du im Sitzungssaal sein.“
Giorgios hatte währenddessen bereits seinen Kaffee ausgetrunken und einiges von den Speisen verschlungen; er musste wirklich sehr hungrig gewesen sein. Athene und Angélique begannen ebenfalls zu essen, und nach wenigen Minuten sagte Letztere: „So, ich muss jetzt los. Wie gesagt, ich werde Ihre Sache würdig vertreten.“
„Davon bin ich überzeugt“, antwortete Athene. „Viel Erfolg. Wir sehen uns später.“
„Sollen wir irgendeinen Treffpunkt ausmachen?“, fragte Madame Dugard.
„Nein, nicht nötig, ich werde dich finden.“
Nachdem Angélique aufgebrochen war, wandte sich die Göttin an Giorgios: „Nun zu dir. Du brauchst ganz dringend ein Bad, einen Haarschnitt und anständige, saubere Gewänder. Iss auf, wenn du möchtest, und dann komm mit.“
In zehn Minuten würde die heutige Verhandlungsrunde beginnen. Kostas Mavridis warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. Er richtete den Kragen seines krawattenlosen Hemds und zog sein Jackett gerade. Er nahm seinen Laptop-Rucksack von einem Kleiderhaken neben der Ausgangstür, hängte ihn sich über eine Schulter und verließ dann die Herrentoilette hinter dem Sitzungssaal. Auf dem Gang standen Verhandlungsteilnehmer in kleinen Grüppchen zusammen. Er nickte manchen knapp zu und ging an anderen vorbei. Seine Kollegin Maria Georgiadou und ihren Assistenten Nikos Periklidis begrüßte er freundlich.
„Das wird genau so ein Reinfall wie gestern“, sagte Maria missmutig.
„Da könntest du Recht haben“, meinte Kostas. „Wenn wir nicht zu allem, was sie uns vorsetzen, Ja und Amen sagen, werden diese Verhandlungen nie enden – oder platzen. Und ich habe absolut keine Lust, Ja oder Amen zu sagen“.
Er sah auf die Uhr. Acht Minuten noch. „Entschuldigt mich bitte.“
Er ging durch die Glastür auf der anderen Seite des Ganges und trat auf den Balkon. Aus der Innentasche seines Jacketts zog er eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug. Er entnahm der Packung eine Zigarette, steckte sie in den Mund und versuchte, sie anzuzünden, aber sein Feuerzeug funktionierte nicht. Er sah sich unter den wenigen anderen Rauchern um, die sich um die beiden großen Aschenbecher links und rechts der gläsernen Doppeltür gruppierten.
Da war diese Französin von der EZB, die ihn immer an seine strenge Mathematiklehrerin erinnerte – Dupont? Dujardin? Ach nein, Dugard, das war es. Sie hatte in den vergangen Tagen besonders harte Positionen vertreten, war zu keinem Kompromiss bereit und stellte die weitere Kreditvergabe an Griechenland sogar insgesamt in Frage, unabhängig von der Spar- und Reformbereitschaft seiner Delegation. Sie rauchte eine sehr dünne Zigarette mit weißem Filterstück.
„Verzeihung, hätten Sie vielleicht Feuer?“, fragte Kostas sie auf Englisch. Sie hielt ihm wortlos ihr elegantes Metallfeuerzeug entgegen und zündete die Flamme. Kostas zündete seine eigene Zigarette daran an und bedankte sich.
Er nahm einige Züge, drückte die Zigarette dann aus und ging wieder hinein. Die anderen Raucher begannen ebenfalls aufzubrechen. Er durchschritt den Gang und betrat den großen Sitzungssaal. Die Fensterfront, welche die gesamte Seite gegenüber der Eingangstür einnahm, war mit weißen Lamellenvorhängen bedeckt, um die Sonne abzuhalten. Um den großen, ovalen Tisch standen etwa dreißig bequeme Bürosessel, darauf standen in kleinen Gruppen Mineralwasserflaschen, Thermoskannen mit Kaffee und Tee, Tassen, Gläser und etwas Gebäck.
An jedem Platz stand ein Pappaufsteller mit dem Namen eines Verhandlungsteilnehmers – auf der Türseite die griechische Delegation, gegenüber die internationalen Vertreter. Maria Georgiadou war zur Sitzungsleiterin gewählt worden, deshalb befand sich ihr Platz an einem der schmäleren Tischenden. Vor den Namensschildern lagen jeweils ein kleiner Notizblock und ein blauer Kunststoffkugelschreiber, auf dessen Clip „Athens Conference Lounge“ stand – das Kongresszentrum in der Nähe des Omonia-Platzes, in dessen siebter Etage die Verhandlungen stattfanden.
