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Eine Gesellschaft, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, Gesetze und Menschenleben geringschätzt, dunkle Triebkräfte verherrlicht und schließlich in sich selbst zusammenbricht. Eine solche Gesellschaft führt Wagner in seiner Götterdämmerung vor und daran schreibt dieser Roman weiter. Ausgangspunkt der Handlung ist ein vom Bühnentechniker Alberich geschaffener Rubin-Ring, in dem ein Algorithmus gespeichert ist. Wird dieser in sozialen Netzwerken freigesetzt, schürt er Angst und spaltet die Gesellschaft. Wotan, der als autoritärer Parteiführer die Macht übernehmen will, hat sich neben der Oper eine Parteizentrale bauen lassen, die er sein Walhall nennt. Er kann jedoch die Baumafia Fafner & Fasolt nicht bezahlen. Sein Berater Loge empfiehlt ihm, den Ring zu rauben. Mit seiner Hilfe könne er das Bauvorhaben beenden, die Angst der Menschen instrumentalisieren und sich als starken Mann positionieren. Der Raub des Rings gelingt, doch geht er sogleich wieder verloren und da kommt Sigi ins Spiel, der Dirigent des Opern-Orchesters.
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Seitenzahl: 532
Veröffentlichungsjahr: 2025
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GötterVERdämmerung
Rainer Buland · Claudia Steiner-Fridrich
GötterVERdämmerung
Ein Opernroman
Publiziert mit freundlicher Unterstützung
Rainer Buland, Claudia Steiner-Fridrich: GötterVERdämmerung. Ein Opernroman
© Hollitzer Verlag, Wien 2025
Umschlagabbildung und Abbildungen im Buch: Rainer Buland (Fotografie und Bearbeitung)
Umschlaggestaltung: Nikola Stevanović
Lektorat: Sigrun Müller
Satz: Daniela Seiler
Gedruckt und gebunden in der EU
Alle Rechte vorbehalten
Hollitzer Verlag
Trautsongasse 6/6, A-1080 Wien
www.hollitzer.at
ISBN Druckausgabe: 978-3-99094-618-3
ISBN 978-3-99094-619-0
Leseanleitung und entscheidende Fragen
Die Frage „Kann ich diesen Text verstehen, auch wenn ich den Ring von Richard Wagner nicht kenne?“ sei vorweggenommen und die Antwort eindeutig gegeben: „Ja!“ Dieser Opernroman ist so geschrieben, dass er ohne Vorwissen verständlich ist. Wer Richard Wagners Götterdämmerung kennt, wird durch die vielen Anspielungen und Querverweise vielleicht noch mehr Vergnügen bei der Lektüre haben, aber für das Verständnis ist diese Kenntnis nicht notwendig.
Eine weitere Frage, die sich ergeben könnte, lautet: „Ist dies eine Einführung in Wagners Oper?“ Auch hier ist die Antwort eindeutig: „Nein!“ Dieser Roman vermittelt nur eine ungefähre Vorstellung von Wagners Musikdrama – kann jedoch den Anstoß dafür geben, sich mit Wagner zu beschäftigen.
Ebenso ist die dritte und letzte Frage „Muss ich auch die eingefügten Musik-Analysen, philosophischen Exkurse, psychoanalytischen Reflexionen und Anmerkungen zu Regie und Dramaturgie lesen, um die Geschichte zu verstehen?“ mit „Nein“ zu beantworten. Für das Verständnis der Geschichte ist es ausreichend, die mit ► gekennzeichneten Abschnitte zu lesen. Alle anderen Teile des Textes sind in folgender Weise gekennzeichnet:
♫ Musik-Analyse
Φ Philosophischer Exkurs
Ψ Psychoanalytische Reflexion
◊ Anmerkung zu Regie und Dramaturgie
Wer nichts über Siegfried liebt das herrlichste die Absätze, die mit ♫ beginnen und liest beim nächsten ► weiter. Umgekehrt ist das natürlich auch möglich: Wer sich zum Beispiel nur für Musik, Regie und Dramaturgie interessiert und Geschichten sowie psychoanalytische Reflexion und philosophische Exkurse langweilig findet, liest einfach alle mit ♫ und ◊ gekennzeichneten Abschnitte.
Die Figuren dieses Romans beruhen auf Opern von Richard Wagner, jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist nicht beabsichtigt und zufällig.
VORSPIEL
1. Szene
Drei Wissenschafterinnen (genannt die Drei Nornen)
Eine junge Wissenschafterin
Norbert Wiener
Dr. B. (Notar)
Ort: Eine einsame Gegend im nördlichen Maine, USA
Zeit: Als die Welt in der Kuba-Krise am Abgrund steht und ein kalter Krieg heraufzudämmern droht
► (Eine der Nornen erzählt:)
Es war zu jener Zeit, als die ersten Atombomben ihr Urfeuer auf die Erde warfen und Verderben über Mensch und Tier brachten. Mit der Vernichtung zweier Städte war eine neue Epoche angebrochen, das Atomzeitalter. Einige Wissenschafter wurden nachdenklich. Die Physiker fragten sich, ob es sträflich oder unvermeidlich oder vielleicht sogar notwendig gewesen sei, die naturwissenschaftliche Grundlage für eine solche Waffe geliefert zu haben. Die Frage war nicht ausschließlich auf die Bombe bezogen, sie war allgemeiner: Darf der Mensch alles entwickeln, wozu er fähig ist, oder sollte manche Erfindung zum Segen der Menschheit besser geheim bleiben?
Diese Frage beschäftigte auch Norbert Wiener1, als er an seinem berühmten Buch Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine2 zu arbeiten begann. Neben seiner offiziellen wissenschaftlichen Arbeit dachte er intensiv über die Folgen seiner Kybernetik für soziale Systeme nach. Seine Berechnungen führten ihn zu Ergebnissen, die ihm die Haare zu Berge stehen ließen: Angst entsteht durch Ausgeschlossensein, durch Lieblosigkeit, durch fehlende Bindung, doch die Angst bleibt keine Privatsache. Wiener erkannte, dass Ängste durch kommunikative Rückkopplung praktisch bis ins Endlose gesteigert werden können. Was ihn aber wirklich beunruhigte, waren seine weiterführenden Überlegungen:
Der mündliche Austausch der Vorzeit war langsam und nur über kurze Strecken möglich. Die modernen Kommunikationsmittel wie Telephon, Radio und Funk trugen zwar über weite Distanzen, basierten aber immer noch auf Sprache und waren damit in der Wirkung bescheiden. Um viele Potenzen schneller waren die Elektronengehirne, die allerorten an Universitäten und in den Laboren der Militärs gebaut wurden. Diese konnten jenseits jeder Vorstellungskraft schnell rechnen.
Noch steckte die sogenannte elektronische Datenverarbeitung in den Kinderschuhen. Die Elektronengehirne waren heldenhafte Einzelkämpfer, die mit monumentaler Rechenleistung mathematische Probleme lösten. Norbert Wiener sah voraus, dass das keine Maschinen bleiben würden, die bloß rechnen. Sie würden einmal durch Texte und Bilder die Kommunikation revolutionieren. Weil die Kybernetik sein ureigenes Feld war, konnte er sich ausmalen, wie die Elektronengehirne in nicht allzu ferner Zukunft miteinander verbunden sein würden und welche beängstigenden Folgen das haben würde.
Er war sich sicher: Die Elektronengehirne werden einen eigenen Raum erschaffen. Dieser Raum kann als menschheitliches Unbewusstes aufgefasst werden. Dort lauern dann ungeahnte Gefahren: Rückkopplungsketten der Angst. Algorithmen, die Ängste aufschaukeln. Dies kann anschließend von autoritären Narzissten zur Etablierung eines Angstregimes verwendet werden. Es war zwar nicht einfach, aber nach einigen arbeitsamen Wochen hatte Norbert Wiener die Cybernetic Scale-up Angst Formula entwickelt, die Formel, die in sozialen elektronischen Netzwerken die Ängste der Menschen potenzieren kann. Wagnerianer, der er war, nannte er die Formel für sich die Rheingold-Formel. Sie war die Grundlage, das unbearbeitete Gold, das geschmiedet, in einen Algorithmus überführt, die Weltherrschaft verspricht.
Nun saß er hinter seinem Schreibtisch und ihm war klar: Wenn die Rechner einmal miteinander vernetzt sein werden, dann kann jeder IT-Dilettant die Scale-up Angst Formula mittels Programmcode umsetzen. Wem dies gelingt, der hat eine digitale soziale Atombombe in Händen. Niemand wird ihn aufhalten können, ein Regime der Angst zu errichten. Die Demokratien werden diesem Druck nicht standhalten. Die Menschheit wird von autoritären Herrschern versklavt werden, die unermesslich reich wären, weil sie Zugriff auf alles haben. Niemand wird die Ursache erkennen: Der Programmcode wirkt unsichtbar im Hintergrund.
Norbert Wiener arbeitete einen umfangreichen Text aus: Die Herleitung der Formel, die Formel selbst und eine ausführliche Warnung vor den apokalyptischen Folgen.
Als er vor dem so unschuldig wirkenden Stapel Papier des fertigen Manuskriptes saß, plagten ihn moralische Skrupel. Seine Formel würde einmal die Grundlage für den Programmcode sein, dessen war er sich sicher. Er selbst konnte den Code nicht verfassen, weil die Programmiersprachen noch nicht ausgereift waren, aber er wusste: Bald wird jeder mittelmäßige Programmierer die Rheingold-Formel programmieren können.
Wie die Physiker die Formel gefunden hatten, um die Energie der Atomkerne zu entfesseln, so hatte er, Norbert Wiener, die Formel gefunden, um in kybernetisch verbundenen Elektronengehirnen die Angst-Bombe zu zünden. Das wird die Menschheit in die Dunkelheit von Autokratie, Krieg und Unfreiheit katapultieren. Norbert Wiener war klar, dass dieses Manuskript nie veröffentlicht werden durfte. Er ließ es binden und verwahrte es geheim.
♫ Wagners Götterdämmerung beginnt mit einem Bläserakkord in es-Moll, der über einen ganzen Takt gehalten wird – die Tragik an sich. Damit ist bereits im ersten Takt klar: Hier wird ein existenzialistisches Drama gespielt.
Der zweite Takt bringt jedoch eine Überraschung: Ces-Dur! Diese kühne Gegenüberstellung ist nicht nur ein gewagter Beginn, sondern bekommt motivische Bedeutung. Traditionell wird es das Weltbegrüßungsthema3 genannt. Diese Bezeichnung ist etwas unglücklich euphemistisch und wird der harmonischen Kühnheit nicht gerecht. Wie dem auch sei, mit dem Ces-Dur-Akkord beginnt in den Bässen eine aufstrebende Bewegung. Im nächsten Takt wird das Nornenmotiv unauffällig hineinverwoben. Alles bleibt innerhalb dieser einen Harmonie, schwingt sich auf, immer höher und höher, bis die Klangwoge im achten Takt in den höchsten Höhen ausklingt.
Daraufhin springen die Bläser auf Anfang zurück und beginnen nochmals mit ihrem es-Moll-Akkord. Doch diesmal wird nicht nach Ces-Dur gerückt, sondern die Harmonie wird einen Ganzton tiefer nach des-Moll gedrückt. Das ist die Freiheit der Menschen, sie können das Schicksal verrücken, zum Dur oder zum Moll, zum Guten oder zum Bösen. Ein zwingender, harmonisch überzeugender Weg vom einen zum anderen existiert nicht. Eine momentane Entscheidung ist notwendig und das Schicksal nimmt seinen Lauf und ist nur sehr, sehr schwer einzubremsen, wenn die Kugel auf der schiefen Ebene Fahrt aufnimmt.
Das sind die beiden Möglichkeiten, die in den ersten 16 Takten vorgestellt werden. Diese 16-taktige Periode ist genau in der Mitte geteilt. Zwei gleichwertige Möglichkeiten stehen gegeneinander: Entweder die Entscheidung fällt für Dur, oder sie fällt für Moll. Bis dies endgültig entschieden ist, vergehen allerdings noch einige Stunden.
Mit Takt 17 beginnt das Drama: Wieder erklingt der ganztaktige Bläserakkord in es-Moll, doch der nächste Takt entscheidet sich weder in die eine noch in die andere Richtung, es-Moll bleibt und wird in eine Entwicklung gestürzt, die harmonisch mit einem D-Dur-Septakkord beginnt und melodisch das Motiv der Schicksalskunde bringt. Wer des Schicksals kundig ist, kann versuchen, neue Fäden in das schicksalhafte Geflecht zu weben: Der nächste Takt bringt das Schicksalswebenmotiv. Es ist eine kreisende Melodie, harmonisch ein verminderter Akkord, der langsam in die Tiefe sinkt. Ein verminderter Akkord ist harmonisch nicht festgelegt. Er kann sowohl nach Dur als auch nach Moll geführt werden. Die Zukunft ist offen.
Die Erste Norne setzt mit der Frage ein: Welch Licht leuchtet dort?4
► Im nördlichen Maine saßen vier Frauen auf einer felsigen Kuppe. Der Indian Summer hatte gerade eingesetzt und die Laubbäume strahlten in den Farben des Herbstes. Auf dem Hügel war ein Felsen, flach wie eine Bank. Hier im Norden der USA, unweit der Grenze zu Kanada, formte ein gigantischer Gletscher vor Jahrtausenden eine Moränenlandschaft mit Toteislöchern, Mulden, Felsblöcken und abgeschliffenen Bergrücken. Bäche durchziehen die Wälder, in denen stille Teiche und ausgedehnte Sümpfe die Grundlage für eine Fülle von Leben bieten: Köcherfliegen, seltene Vogelarten, noch seltenere Wassernixen, Zwerge, Fledermäuse und viele andere Wesen zwischen Fauna und Mythos.
Eine Frau lagerte unter der breitästigen Tanne5, die seit Jahrhunderten den Winterstürmen trotzte. Sie ist die Baum-Königin einer weitverzweigten Mykorrhiza6, die über eine jahrtausendealte Weisheit verfügt, weit jenseits jeder beschränkten menschlichen Vernunft.
Eine andere Frau war an einer Steinbank hingestreckt. Sie hatte sich den Rucksack unter ihren Kopf geschoben, wischte sich ständig die Haare aus dem Gesicht und blickte zu den Wolken hoch. Sonne und Wind zu spüren, im Hier und Jetzt zu leben, war ihr Lebenselixier.
Die dritte Frau saß auf einem Felssteine des Höhensaumes. Von hier hatte sie den weitesten Blick über die Landschaft. Versonnen blickte sie über die Hügel und Wälder, als suchte sie im Blau der Ferne die Zukunft.
Die vierte und jüngste Frau war sich noch unschlüssig, wo sie sich setzen sollte. Etwas unsicher stand sie da und stellte einen Fuß auf einen Baumstumpf.
Die vier Frauen hatten sich in dieses dünn besiedelte Granitmassiv zurückgezogen, um unbeobachtet und ungestört beraten zu können. Ihre Zusammenkunft sollte absolut geheim bleiben, weswegen sie auch einzeln und zu verschiedenen Zeiten angereist und von verschiedenen Seiten auf diesen Hügel gestiegen waren. Sie hatten sich herzlich begrüßt und jede hatte sich einen Platz gesucht. Sie mussten eine aus ihrem Kreis verabschieden und eine wichtige Entscheidung treffen.
Die älteste der Frauen, die unter der Tanne hockte, verbreitete einen schweren Moschusduft. Das Parfum, das sie trug, war durch den Schweiß des Aufstiegs noch intensiver geworden. Wäre ein Wisent aus dem Schatten der Tanne hinter ihr getreten, es hätte ein stimmiges Bild ergeben. Sie holte ein vielfach verschnürtes Paket aus ihrem Rucksack und begann, die dicken Schnüre aufzuknoten. Wie sie mit ihren langen Armen Knoten um Knoten löste und die Fäden weit ausholend aufzog, wirkte sie wie eine dieser mythischen Nornen, die die Schicksalsfäden der Vergangenheit entwirrte und damit Klarheit in die Geschichte brachte. Als sie endlich fertig war und das Papier zur Seite schlug, kam ein Buch mit einem braunen Lederumschlag zum Vorschein. Es war nicht besonders groß oder dick. Es wirkte harmlos. Auffällig waren die Lederstreifen, die das Buch senkrecht und waagrecht umschlossen und am Kreuzungspunkt von einem großen Wachssiegel, das ein B zeigte, zusammengehalten wurden. Das Buch konnte nicht geöffnet werden, ohne das Siegel zu brechen. Mit ihrer rauchigen Stimme erzählte die Moschus-Frau von Norbert Wiener, seinen Bedenken, nachdem er die Rheingold-Formel entwickelt hatte, sie erzählte von dem Buch und der Notwendigkeit, es geheim zu halten.
Wie eine heilige Schrift hielt sie mit beiden Händen das Braune Buch7 hoch und sprach feierlich:
„Das stammt von Norbert Wiener. Er hat uns dieses Buch übergeben, damit er nicht selbst in Gefahr gerät, es zu veröffentlichen. Er ist schon ein Herr in vorgerücktem Alter und ich selbst bin auch schon zu alt, um die Verantwortung für diese Schrift zu tragen. Hier ist es. Ich lege es in eure Hände. Ihr werdet es vor der Welt und vor mir verbergen. Wir werden uns nicht wiedersehen.“
Es war ihr anzusehen, wie schwer sie sich von dem Buch trennte, obwohl sie es niemals geöffnet hatte. Für die Neue wollte sie noch einmal erzählen, wie es in ihre Hände gelangt war. Sie sprach die Frau direkt an, die einige Meter vor ihr stand und deren Aufregung sich noch gesteigert hatte. Um sie etwas zu beruhigen, wandte sie sich abwechselnd allen Frauen zu:
„Ihr müsst Folgendes wissen: Als Norbert Wiener sein Manuskript abgeschlossen hatte, war ihm klar: Die Veröffentlichung würde ihn in der Welt der Wissenschaft unsterblich machen. Als er damals hinter seinem Schreibtisch saß, vor ihm der fertige Text, so erzählte er uns, stellte er folgende Überlegung an: Jedes Unheil, das Menschen über Menschen bringen, ist zunächst bloß eine Idee. Eine kleine elektrische Entladung im Gehirn, weiter nichts. Und doch können Ideen die Grundlage für Unheil und Vernichtung sein. Die Atombombe war lange Zeit nichts als eine Idee einiger Physiker, geschrieben in einer mathematischen Sprache, die kaum jemand verstand. Diese Idee wurde schließlich in die Realität umgesetzt und tötete abertausende Menschen. Erst dann erwachten einige Physiker wie aus einem Rausch und stellten sich die Frage: Sollen alle Ideen verwirklicht werden? Sollen wir alles tun, was wir tun können? Nach reiflicher Überlegung hat Norbert Wiener eine Entscheidung zum Wohle der Menschheit gefällt. Er hat damit auf Ruhm und Ehre verzichtet, aber die moralischen Zweifel der Atomphysiker waren ihm eine Lehre. Er würde das Manuskript nicht veröffentlichen. Damit verzichtete er bewusst auf die Anerkennung, die ihm die Entwicklung dieser Formel gebracht hätte. Das war sein Preis.
Doch damit waren seine Überlegungen jedoch nicht zu Ende. Er beschäftigte sich mit folgender Frage: Falls in einigen Jahren jemand anderer die Formel ebenfalls errechnen würde, was wäre dann? Der andere würde allen Ruhm bekommen, er würde in die Geschichte der Wissenschaft eingehen und niemand würde auch nur ahnen, dass die Formel bereits vor Jahren von ihm, Norbert Wiener, entwickelt worden war. Er war ein sehr ehrlicher und aufrichtiger Mensch, auch sich selbst gegenüber. Er bekannte uns unumwunden, er könne die Vorstellung nicht ertragen, dass einem anderen der Ruhm, der eigentlich ihm gebührte, zufallen würde. Es war sein intellektueller Hochmut, der ihm im Wege stand. Er konnte das Manuskript nicht vernichten. Er musste einen Weg finden, wie seine Autorschaft im Fall des Falles nachgewiesen werden könnte. Seine erste Überlegung war, das Konvolut zu versiegeln und befreundeten Kollegen zur Aufbewahrung anzuvertrauen. Dies verwarf er jedoch gleich wieder. Kein Mann würde der Versuchung widerstehen können, das Paket zu öffnen, diese Schriften unter eigenem Namen zu veröffentlichen und den Ruhm einzustreichen. Fieberhaft überlegte Wiener, wem er das Manuskript – das er inzwischen binden lassen hatte – geben könnte. Wer wäre fähig, der Versuchung unbegrenzter Macht zu widerstehen? Plötzlich kam ihm die Idee: Frauen, Wissenschafterinnen. Erstens würde niemand eine derart potente mathematische Formel im Besitz einer Wissenschafterin vermuten. Zweitens sind Frauen besser fähig, das Wohl der Menschen über ihre eigene Selbstherrlichkeit zu stellen. Wiener suchte lange und gründlich nach drei Wissenschafterinnen, die sich durch Integrität, soziales Denken und intellektuelle Bescheidenheit auszeichneten.“
Die Moschus-Frau blickte zu Boden, als wäre sie in einer tiefen Vergangenheit versunken. Nach einer kurzen Weile kehrte sie aus ihren Gedanken zurück.
„Ich war die erste, die von Norbert Wiener gefragt wurde, und ich bin die Älteste. Warum er mich ausgewählt hat, weiß ich nicht. Ich habe damals über Bovinae geforscht und mich auf Wisente spezialisiert. Vielleicht imponierte ihm mein Forschungszugang. Meine Arbeit sollte einen Beitrag dazu leisten, die lebenden Arten zu erhalten. Die Wissenschaft soll dem Leben dienen und nicht der Macht. Als Nächstes hat er dich gefragt.“
Sie deutete auf die Frau, die es sich auf dem Stein gemütlich gemacht hatte. Diese nickte versonnen und setzte sich halb auf, wobei ihr einige Haarsträhnen ins Gesicht fielen. Sie hatte sich die Haare zwar hochgesteckt, sah jedoch immer noch aus wie die hinduistische Kali nach einem Wirbelsturm. Mit einer verhuschten Bewegung fegte sie sich die Haare aus dem Gesicht und erklärte:
„Vielleicht hat er mich ausgewählt, weil ich als Religionswissenschafterin alle Religionen kritisiert habe, die auf Rechtgläubigkeit basieren. Sobald jemand glaubt, den rechten Glauben zu haben, sind alle, die an etwas anderes glauben, ungläubig und müssen bekämpft werden. Religion hat nur dann eine Berechtigung, wenn sie auf Mystik beruht, wenn es jedem Menschen darum geht, ihren oder seinen spirituellen Weg zu finden. Die Mystikerinnen und Mystiker aller Religionen wussten: Es gibt nur eine Wahrheit und diese liegt im Augenblick, im Atemzug, in der intensiven Wahrnehmung. Es gibt nur das Jetzt, alles andere ist Phantasie, Schaum, Illusion, Konstruktion, wie immer wir es nennen wollen. Irgendwann offenbart sich das Göttliche im Jetzt. Das Leben ist eine Vorbereitung auf den mystischen Augenblick, da das Göttliche in unser Sein einbricht. Damit sind wir dann mit einem Auge blind für die Welt,8 wie sie ist. Dafür sehen wir mit dem anderen in die Tiefe der Zusammenhänge.“
Sie hatte das Gefühl, zu viel gesagt zu haben oder zu wenig. Sie schloss kurz die Augen, fuhr mit Daumen und Zeigefinger über ihren absolut geraden Nasenrücken, atmete intensiv ein und aus und setzte fort:
„Wie dem auch sei. Für mich darf sich Religion nicht mit Macht verbinden. Der religiöse Mensch der Zukunft muss eine Mystikerin, ein Mystiker sein.9 Wenn wir richtig im Augenblick leben und darin unsere Erfüllung finden, dann brauchen wir keine Formel, die die Weltherrschaft verheißt!“
Damit legte sie ihren Kopf wieder auf ihren Rucksack und sah in den Himmel. Für eine Weile war lediglich die leichte Brise zu hören, die leise in den Bäumen rauschte. Nach einer Zeit der Stille, in der ihre Worte nachklangen, bewegte sich die dritte Frau und löste ihren Blick von der Landschaft. Sie streckte ihre Hände in die Höhe, um die Müdigkeit zu vertreiben. Auf ihrem nackten Arm tanzte ein Doppelhelix-Tattoo in der Sonne.
„Die Jüngste blickt am weitesten in die Zukunft, weil ihr Blick noch nicht trübe ist von der Last der Vergangenheit. Norbert Wiener nannte uns seine Drei Nornen. Er hat uns drei eingeladen, ihn in Boston zu treffen. Worum es bei diesem Treffen ging, darüber sprach er nur in Andeutungen. Wir würden gemeinsam einen Notar aufsuchen. Ich war sehr neugierig, immerhin hatte Wiener damals bereits einen Namen in der Wissenschaft, er war fast so etwas wie eine Legende. Er lud uns in das älteste Hotel im Zentrum von Boston ein. Du meine Güte, ich war das erste Mal in den Staaten und schlief gleich in so einem Nobelschuppen. Ich musste die ganze Nacht daran denken, dass die anderen auch im Hotel übernachteten, vielleicht sogar im Nebenzimmer. Ich war aufgeregt, wie vor meinem ersten Treffen mit Francis Crick10. Ich stand an einer Weggabelung meines Lebens. Wie würde es weitergehen?
Die Zukunft entsteht immer aus einem kleinen Kern, in dem alle Informationen angelegt sind. Würden wir in der Gegenwart über alle diese Informationen verfügen, so könnten wir die Zukunft vorhersagen, jedenfalls so weit, bis der Zufall ins Spiel kommt.
Am nächsten Morgen sollten wir zum Frühstück in einen dieser billigen Coffee Shops kommen. Dort würden wir uns kennenlernen. Als ich das Lokal betrat, war ich geschockt. Was sich Menschen in dieser Stadt bieten lassen! Das war immerhin Boston, nicht irgendeine Kleinstadt im Mittleren Westen! Pappbecher, Plastiklöffel und alles schmeckte wie Kaugummi. Unfassbar. Als wir fertig waren, kam eine Frau mit einem großen Plastiksack und mit einer einzigen Bewegung ihres massigen Unterarms schob sie den gesamten Müll in den Sack. Eine moderne Weltmacht beschäftigt sich nicht mit Abwasch. Rohstoffe und Energie sind kein Problem, quasi unendlich vorhanden. Das Land ist so riesig, Mülldeponien können sich grenzenlos ausdehnen.
Als Mikrobiologin und Genetikerin wurde mir schlecht: Plastik wird nicht abgebaut, sondern zerkleinert und irgendwann, in einigen Jahrzehnten wird die Menschheit ein riesiges Problem haben! Plastik am Land, Plastik im Meer und dann Plastik in der Nahrung. Mensch und Tier werden plastifiziert.“
Während ihres dramatischen Gestikulierens schien sich die Doppelhelix auf ihrem Arm verzweifelt zu drehen, als hätte das Tattoo ein Eigenleben. Es hielt sie nicht mehr im Sitzen, sie sprang auf und setzte fort:
„In dieser Plastikwüste erklärte uns Norbert Wiener seine Formel zumindest in Umrissen, er sagte genug, dass wir die nötige Furcht bekamen, allerdings zu wenig, um damit etwas anfangen zu können. Ausführlich ging er auf die Auswirkungen ein, wenn diese Formel in ein digitales Netzwerk eingespeist werden würde: Die menschliche Angst würde sich potenzieren und jegliches Vertrauen verloren gehen. Ein autoritärer Herrscher könnte dies leicht ausnützen und vermeintliche Sicherheit anbieten. Wer sich auf seine Seite schlüge, brauchte angeblich keine Angst mehr zu haben. Wer nicht zu seinen Freunden zählte, würde zum Feind erklärt und bekämpft und vernichtet werden. Letztlich würde es Kriege geben. Kriege, die mit unmenschlichem, angsterfülltem Hass geführt werden.“
Sie schauderte und ließ die Arme sinken. Das Tattoo schien in seine Einzelteile zu zerfallen. Die Frau fasste sich wieder:
„Da Wiener durch und durch Mathematiker war, konnte er ohne Formeln nichts erklären. Da er zwar einen Kugelschreiber bei sich hatte, jedoch kein Papier aufzutreiben war, nahm er sich kurzerhand eine Papierserviette aus der Halterung und schrieb darauf mathematische Zeichen, die unsere letzten Zweifel über die Wichtigkeit der Geheimhaltung beseitigen sollten. Diese Serviette besitze ich heute noch.“
Aus der rückwärtigen Tasche ihrer Jeans zog sie eine zerknitterte Serviette hervor und entfaltete sie. Das löchrige Stück war vollgekritzelt mit seltsamen Zeichen. Umständlich faltete sie dieses Andenken wieder zusammen.
„Ehrlich gesagt, verstanden habe ich nichts von dem, was er über kybernetische Elektronengehirne sagte, die einmal eine eigene Intelligenz entwickeln würden. Er sprach immer wieder von KI, Kybernetischer Intelligenz. Mir war nur klar, dass dieses Buch tatsächlich äußerst wichtig war und geheim bleiben musste. Wir gingen zu einem mit ihm befreundeten Notar. Die beiden Herren kannten sich offensichtlich gut. Norbert Wiener sagte zu ihm immer nur ‚Dr. B.‘, während dieser ihn ‚mein lieber Professor Wiener‘ nannte, wobei er die letzte Silbe so weit verschluckte, dass es wie ‚Professor Wien‘ klang. Dr. B. war ein älterer Mann. Auffällig an ihm war ein nervöses Zucken um seinen rechten Mundwinkel. Es war nur eine flüchtige Bewegung, kaum stärker als ein Hauch, aber sie gab dem ganzen Gesicht eine merkwürdige Unruhe.11 Das Interieur seines Büros war ein äußerst seltsames Sammelsurium, er schien sich ausschließlich mit Schach zu beschäftigen. Im Regal standen Schachbücher. Deutsche und englische Schachzeitschriften lagen aufgeschlagen auf dem Tisch, auf den Sesseln und auf der Fensterbank. Auf einem kleinen Tischchen neben dem Kanapee stand ein Schachbrett, Figuren jedoch waren nirgendwo zu sehen. Als Norbert Wiener fragte, gegen wen er spiele, antwortete Dr. B. kryptisch: ‚Ich spiele nicht. Mit einer Schachvergiftung soll man besser keinem Schachbrett nahekommen.‘12
Als er unsere erstaunten Gesichter sah, fügte er hinzu: ‚Ich analysiere lediglich die Partien.‘ Wie ich später erfuhr, stammt Dr. B. aus Wien. Im Jahre 1938 war er von der SS verhaftet worden, weil er viel Vermögen des Klerus und des Kaiserhauses verwaltete, für das sich die Nazis naturgemäß sehr interessierten. Er wurde lange in Isolationshaft gefangen gehalten. Um in seiner Einzelzelle nicht den Verstand zu verlieren, stellte er sich Schachpartien in seinem Geiste vor. Er spielte monatelang vor seinem geistigen Auge Partien gegen sich selbst. Das hat seinen Verstand zerrissen.
Letztlich konnte Dr. B. mithilfe eines Arztes fliehen und über New York nach Buenos Aires emigrieren. Einige Jahre später ging er nach Boston und eröffnete dort eine Privatkanzlei, die so privat war, dass sie nicht einmal ein Schild an der Tür13 hatte.
Das Merkwürdigste in diesem Büro waren jedoch die vielen Schallplatten, die überall herumlagen und zwischen Bücher gesteckt waren. Sein Schreibtisch war seltsam leer, als würde er kaum gebraucht.
Dr. B. hatte seine Rede damals feierlich begonnen: ‚Um die Würde des Notariatsaktes einzuleiten, spiele ich gerne etwas Musik, das hebt die Stimmung. Mir scheint, Wagners Götterdämmerung wäre dem sich der Apokalypse entgegenstellenden Anlass gemäß.‘
Als ich mich noch fragte, wie sich jemand so ausdrücken kann, legte er schon die Schallplatte auf und Wagners Musik ertönte. Ich erinnere mich nur noch, dass es dumpf und wummernd klang, als würden Blechbläser gegen ein startendes Flugzeug anblasen, aber wir waren sofort ruhig und ehrfürchtig ergriffen. Nach dem Orchester-Vorspiel vernahmen wir die gesungene Erzählung der Nornen. Mich beschlich eine Ahnung, warum Norbert Wiener uns seine ‚Drei Nornen‘ nannte.
Ich verstand damals den Text des Gesanges nicht, habe ihn jedoch später nachgelesen und sogar auswendig gelernt. Es ist in wenigen Worten eine mythische Erzählung. Sie erzählt vom Baum, der die Mitte der Welt bildet: An der Welt-Esche wob ich einst, da groß und stark dem Stamm entgrünte weihlicher Äste Wald.14 Das ist weird.“
Jetzt hielt es die Moschus-Frau nicht mehr aus und ihr Duft spielte in Richtung Irisch Moos hinüber. Sie musste etwas sagen:
„Das ist nicht bizarr. Es ist ein tiefgründiges Bild, das mich als Biologin immer wieder fasziniert hat. Das ist die Mykorrhiza, von der ich zuvor gesprochen habe. Alle Pflanzen, alle Wälder sind miteinander verbunden und haben ein Zentrum, eine Esche, die an einer Quelle wächst. So lange diese Esche gedeiht, geht es allen gut.“
Die Religionswissenschafterin schüttelte ihre Haare aus dem Gesicht und warf ein: „Dann kommt ein kühner Gott in dieses Zentrum des Lebens und zu dieser Quelle der Weisheit:
Ein kühner Gott
trat zum Trunk an den Quell;
seiner Augen eines
zahlt’ er als ewigen Zoll.
Auch ich habe nachgelesen, was die Nornen singen.
Der kühne Gott trinkt. Er erlangt Weisheit und zahlt seinen Preis. Was macht Wotan dann? Er schneidet einen Ast von der Esche und fertigt daraus einen Speer. Einen Speer! Er hat nicht nur einen kleinen Ast abgeschnitten – übrigens ohne zu fragen –, sondern dem Baum eine solche Wunde zugefügt, dass dieser langsam abstirbt. Das Zentrum der lebenden Welt ist tot. Versteht ihr, was dieser Mythos uns sagen will? Die Wotans dieser Erde zerstören das Leben – und wofür? Um sich einen Speer zu schneiden! Für Macht, Geld, Ruhm, Reichtum!“
Die Moschus-Frau redete sich in Rage, als wäre eine Horde Wisente in Panik ausgebrochen.
Φ Wagner bringt in der Götterdämmerung eine skeptische, geradezu bitterböse Variante des alten Mythos, wie der Göttervater seine Weisheit erhielt. Er raubte dem Baum seine Vitalkraft, er schnitzte einen Speer der Gesetze. Diese dienen jedoch nicht dem Leben, sondern der Absicherung der eigenen Macht.
Die ursprüngliche Version dieses Mythos wird in der Edda15 beschrieben. Im Kapitel 25 sind verschiedene Bruchstücke unter dem Titel „Die Runenlehren“ vereinigt. Dort wird im zweiten Unterkapitel von Odin berichtet. Dieser erhielt seine Runen-Weisheit, nachdem er neun Nächte von einem Baum hing: „[…] daß ich hing am windigen Baum neun Nächte lang.“ Am Ende dieser langen Zeit erzählt Odin: „[…] nahm auf die Runen, nahm sie rufend auf; nieder dann neigt ich mich.“ Odin ist und bleibt bescheiden. Er neigt sein Haupt. Auch anschließend verwendet er dieses Wissen nicht für Macht und Ruhm, sondern er verbreitet die Weisheit der Runenkunde unter allen. Die Runen halten für alle möglichen Gefahren und Probleme des Lebens einen Schutzzauber bereit: wer bei einer Geburt Hilfe braucht, wenn ein Arzt eine Krankheit erkennen soll, wenn ein Redner begeistern will, aber natürlich auch, wenn ein Mann mit einem Schwert auszieht, um zu töten. Odin verwendet die Runen nicht eigennützig für sich selbst. In diesem Punkt unterscheidet er sich von Wotan.
► Die Frau mit dem Doppelhelix-Tattoo ergriff wieder das Wort:
„Ich kann mit diesem ganzen Wagner-Geschwafel nichts anfangen. Ich glaube, man muss Deutsch können oder noch besser: deutsch sein, um das zu verstehen.
Φ So ganz unrecht hat die Frau sicher nicht, Richard Wagners Sprache ist nicht eben einfach zu verstehen. Er hat eine Variante des Deutschen erfunden, von der er glaubte, sie wäre besonders nahe an der Sprache der Germanen, mit Stabreimen, mit alten, schon zu seiner Zeit kaum in Gebrauch stehenden Worten und vor allem mit einer Satzstellung, die mehr musikalischen Gesetzen folgt als einer deutschen Grammatik. Eine Übersetzung in eine andere Sprache kann dies unmöglich leisten. Zumal eine Übersetzung in erster Linie einen singbaren Text zu liefern hat. Das Englische, auf das die Frau anspielt, ist eine Sprache, die in ihrer Nüchternheit gleichsam den Gegenpol bildet zu Wagners mythisch-germanischem Raunen. Sehen wir uns diesbezüglich an einem Beispiel die Übersetzung von Ernest Newman an. Beginn der Götterdämmerung. Die Erste Norne singt: eines Speeres Schaft entschnitt der Starke dem Stamm. Bei Newman ist Wotan nicht einfach mit einem Speer zufrieden: „For a spear of might – a shaft he made from the stem.“ Ganz richtig ist die englische Übersetzung nicht. Der Ring ist das Objekt, das Macht bringt, nicht der Speer. Wotan ritzt Runen in den Speer, um die Verträge abzusichern, um Gesetze zu etablieren. Es ist kein „Speer der Macht“.
► Das Doppelhelix-Tattoo schien von innen zu leuchten, während die Frau sprach: „Wie dem auch sei, nehmen wir den Faden unserer Geschichte wieder auf: Norbert Wiener musste Dr. B. nicht viel erklären. Offenbar haben sich die beiden Männer zuvor eingehend beraten. Dennoch hat der Mathematiker, sozusagen um dem offiziellen Akt der Versiegelung den richtigen Nachdruck zu verleihen, noch einmal kurz zusammengefasst, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat.
Was mich damals beeindruckte: Er gab zu, dass er dies nicht ganz uneigennützig machte. Wenn die Formel geheim bliebe, so könne er sich insgeheim freuen, dass er die Welt vor einer Angst-Atombombe bewahrte. Er war besser als die Physiker, die zuerst halfen, die Bombe zu bauen und sich nachher in ethischen Zweifeln suhlten. Sollte es jedoch jemand anderem gelingen, die Formel zu entwickeln, so hätte er den Triumph, der Erste gewesen zu sein und zudem wäre er der moralische Gewinner, weil er diese Formel eben nicht veröffentlicht hatte. Er wirkte tatsächlich mit sich selbst überaus zufrieden.
Ich muss sagen, ich finde diese Lösung heute noch überzeugend. Es war eine Art Zeitsiegel notwendig. Wir, seine Drei Nornen, wie er uns mit schelmischem Lächeln genannt hatte – unsere wahren Namen hat Dr. B. nie erfahren, sie waren in einem versiegelten Umschlag hinterlegt –, wir konnten das Buch zwar verstecken und geheim halten, aber wir würden nicht nachweisen können, wann es geschrieben worden war. Deswegen musste es vom Notar versiegelt und in seiner Kanzlei aufbewahrt werden. Wenn also einmal die Urheberschaft der Formel ein Thema sein würde, dann könnten wir das Buch aus dem Versteck holen, es zum Notar oder dessen Nachfolger bringen und dort unter Aufsicht und unter den Augen der Presse, die wir natürlich einbinden würden, öffnen.
Endlich schritt Dr. B. zur Tat. Umständlich versiegelte er das Buch, versah es mit Ort und Datum und wickelte es anschließend in Packpapier. Dr. B. überreichte das Paket der Ältesten in unserem Kreis. Es war ein besonderer Moment. Wir übernahmen eine Verantwortung, die darin bestand, nichts zu tun, niemandem etwas zu erzählen, keinen Verdacht zu erregen, das Buch zu verstecken und möglichst zu vergessen, aber natürlich nicht endgültig.
So haben wir es viele Jahre verwahrt und heute haben wir uns auf diesem Felsen versammelt, weil die Älteste von uns aus diesem Kreis ausscheiden und eine Neue aufgenommen wird. Nun müssen wir beraten, wo wir das Buch in den nächsten Jahren verwahren werden.“
Stille legte sich über den Hügel, eine atmende Stille. Jedes Wort würde sie zerbrechen. Die Moschus-Frau machte eine Bewegung, streckte den Rücken und sagte leise: „Die Zeit ist da.“ Sie verbreitete eine Duftwolke wie Myrrhe und Wermut. Sie wandte sich an die Neue: „Ich werde mich jetzt verabschieden und wünsche dir alle Standhaftigkeit und Klugheit, die du bei deiner Aufgabe brauchen wirst. Bitte bewahre die Welt zumindest vor diesem einen Übel.“
Damit drehte sie sich ruckartig um und ging, ohne sich zu verabschieden, ohne zurückzublicken. Das Braune Buch lag unter der breitästigen Tanne, wie ein Menetekel des drohenden Untergangs.
Noch einige Zeit hielt sich ein Geruch in der Luft, wie der eines leeren Stalles, in dem einmal Wisente ihre Heimstätte gehabt hatten. Doch der Wind verwehte auch das. Was blieb, war etwas Unabgeschlossenes, das vielleicht gar nicht abzuschließen war, etwas wie ein G-Dur-Septakkord, der nicht in C-Dur aufgelöst wird.
♫ Ein Septakkord wirkt wie eine in der Luft hängende Frage. Wagner ist ein Meister unbeantworteter Fragen, ein Meister der Übergänge. Wir nehmen dies kaum bewusst wahr, aber unbewusst merken wir: Eine Frage wurde aufgeworfen, jedoch nicht befriedigend beantwortet und ehe wir uns versehen, befinden wir uns in einem neuen Teil der Geschichte mit einer neuen Harmonik. Dies ist auch der Fall, als die Erste Norne ihrer Schwester den Faden zuwirft und fragt: weißt du, wie das wird? Die Frage endet in Es-Dur, sogar in Grundstellung! Das könnte das Ende eines Stückes sein, oder zumindest eines Abschnittes, aber es klingt nicht nach einer Frage. Harmonisch ist alles gut. In diesem Moment, da wir uns sicher fühlen, wirft Wagner uns aus der Kurve: Die Melodie sinkt um einen Halbton, der harmonisch falsch ist, und springt eine kleine Terz hoch. Dazu spielt das Orchester sehr ausdrucksvoll eine Modulation und nach zwei Takten befinden wir uns in einem G-Dur-Septakkord, der einen ganzen Takt gehalten wird. Etwas verspätet, aber doch, hören wir auch in der Musik die Frage. Aber warum so spät? In diesem Beispiel zeigt sich die Genialität Wagners, die ihn im 19. Jahrhundert fast einzigartig machte: Die ganze Phrase hat eine motivische Bedeutung – das Todesmotiv. Im Text wird eine Frage gestellt, die in der begleitenden Musik bereits beantwortet wird. Die Musik, das Unbewusste, weiß, wohin es führen wird – in den Untergang.
Bleibt noch die Frage des Wie. Wie kommt es zu diesem Untergang? Deswegen der G-Dur-Septakkord, der nach dem Wie fragt.
In der Klassik wäre die richtige Antwort ein strahlendes C-Dur. Doch nicht bei Wagner. Mitten in den Akkord hinein singt die Zweite Norne auf einem einzigen Ton, einem D, ihre Antwort:
Treu berath’ner
Verträge Runen
schnitt Wotan
in des Speeres Schaft:
Wagner verweigert das strahlende C-Dur und schwenkt stattdessen in einer gewagten Modulation nach c-Moll. Bei der Stelle „… schnitt Wotan …“ beginnt eine neue Zeit, beginnt die Herrschaft der Götter mit Wotan an der Spitze. Im Orchester setzt schwer das Motiv der Göttermacht ein. Es ist ein konturloses Motiv. In punktiertem Rhythmus wird eine Tonleiter hinauf und hinunter gespielt. Die Götter – wie alle autoritären Herrscher – sind einfallslos, sie nehmen einfach den ganzen Tonraum ein. Sie nehmen alles und haben nie genug.
► Im Herbst liegt über der Landschaft eine tiefe Melancholie. Die Zeit des Rückzugs beginnt. Das Leben zieht sich zurück, die Dunkelheit, die Kälte, die Nacht halten Einzug. Die Zeit des Großen Todes beginnt.
Die Religionswissenschafterin kehrte als Erste zurück aus ahnungsvollen Gedanken. Sie versuchte, aller Erfahrung trotzend, ihre Haare so hochzustecken, dass keine Strähne über ihr Gesicht fiel. Sie waren jetzt nur noch zu dritt, und obwohl sie immer zu dritt gewesen waren – das heutige Treffen war die einzige Ausnahme – fühlte es sich an, als würde ein Drittel fehlen. Die Neue hatte die Lücke noch nicht gefüllt. Die Religionswissenschafterin wandte sich an die Neue: „Du hast nun alles erfahren. Eines möchte ich noch ergänzen: Norbert Wiener bat uns mitzuhelfen einen offenen Brief, den er bereits einige Zeit vorher verfasst hatte, zu verbreiten. Der Brief beschäftigte sich mit moralischen Fragen der Wissenschaft und lief auf den unmissverständlichen Satz hinaus:
I do not expect to publish any future work of mine which may do damage in the hands of irresponsible militarists. In gewisser Weise ist dies unser Gründungssatz.
Du hast Norbert Wiener nicht kennengelernt. Ich respektive wir haben ihn auch nur kurz getroffen, dennoch war der Abschied rührend. Wir drei kamen in der Folge nur selten zusammen. Zuletzt, als wir eine Neue suchten. Wir haben uns ziemlich schnell für dich entschieden, weil du so ein offenes Wesen hast. Deine Augen haben mich an einen Sonnenwind erinnert.“
Die Neue musste lachen. Sie war die Einzige unter ihnen, die ein Kind hatte, eine Tochter. Sie lachte herzlich und fragte: „Wie kommst du auf Sonnenwind?“
Die Antwort kam prompt: „Deine Augen sprühen so vor Freude wie die Eruptionen der Sonne und wer in deine Nähe kommt, spürt deine Energie. Du bist Psychologin?“
„Psychotherapeutin“, entgegnete die Angesprochene, „analytische Psychologie, das ist meine Richtung. Ich habe noch C. G. Jung kennengelernt, er starb leider letztes Jahr. Ich stamme ursprünglich aus der Schweiz. Für mich selbst nenne ich meine Tätigkeit gerne Alchemistische Psychotherapie. Aber ich spreche nicht so gerne über mich. Warum habt ihr das Buch jetzt viele Jahre ausgerechnet hier versteckt?“
Die beiden anderen sahen sich an und lachten. Die Antwort schien sie zu amüsieren. Die Religionswissenschafterin erklärte: „Die Älteste von uns lebte hier, um ihre Feldforschung zu betreiben, und ich in Boston, was nicht weit entfernt ist. Aber der eigentliche Grund, warum wir es hier im nördlichen Maine versteckt haben, ist dieser: Hier gibt es weder Einbrüche noch Diebstähle, alle Häuser sind unversperrt. Als wir einen Einheimischen fragten, warum das so ist, antwortete er mit entwaffnender Selbstverständlichkeit: Hier stiehlt niemand etwas, weil sonst müssten wir alle Häuser absperren. Diese einfache Logik leuchtete uns ein. Es gibt noch einen weiteren Grund, warum diese Gegend eine so niedrige Kriminalitätsrate hat: Es existiert nur eine Straße. Richtung Süden führt sie zur Küste, Richtung Norden zur kanadischen Grenze. Die Polizei überwacht die Straße ständig. Ein Verbrecher hätte größte Probleme zu entkommen, wollte er nicht tagelang durch Wälder und Moore flüchten. Diese Gegend schien uns daher optimal für ein sicheres Versteck. Niemand vermutet hier einen Schatz, der unermesslichen Reichtum bringen kann.“
Alle drei lächelten. Die Religionswissenschafterin, die ihre Versuche, die Haare zu bändigen, aufgab und die Haarnadeln herauszog, wurde wieder ernst: „Ich bin jetzt die Älteste. Ich muss euch etwas sagen. Vor Kurzem hat mich Norbert Wiener angerufen. Wahrscheinlich hat er mich für ein Telephonat ausgewählt, weil ich für die Gegenwart zuständig bin. Er warnte mich davor, in den USA zu bleiben. Wir sollten in ein anderes Land gehen. Wiener hat immer noch gute Kontakte zum Geheimdienst, für den er einmal gearbeitet hat. Es gibt Hinweise darauf, dass die Sowjetunion auf Kuba Atomraketen stationiert. Hier braut sich eine Krise unvorstellbaren Ausmaßes zusammen. Wir müssen mit dem Buch von hier verschwinden.“
Die Genetikerin wandte ein: „Niemand wird eine Atomrakete in den Norden von Maine schicken. Wir sind hier absolut sicher.“
Die Antwort kam sofort: „Die Atomrakete ist nicht das Problem. Wenn Montreal oder gar Quebec beschossen werden, dann geht der atomare Niederschlag über Maine nieder. Ganze Landstriche werden unbewohnbar. Wir brauchen ein anderes Versteck.“
Mit einem sarkastischen Unterton ergänzte sie:
„Der ewigen Menschen Ende dämmert ewig da auf. Der Kalte Krieg wird vielleicht schon bald zu einem Heißen Krieg, einem Atomkrieg. Es ist ein Albtraum.“
Die drei Frauen spannen Gedanken wie Fäden, die sie sich zuwarfen, weiterspannen, verwarfen. Doch immer wieder riss ein Gedankengang. Es wollte sich keine Lösung einstellen.
Die Frau mit den Sonnenwind-Augen versuchte es noch einmal: „Die Weltlage ist wie verknotete Wolle, je intensiver versucht wird, sie zu entwirren, desto mehr verheddert sie sich. Es gibt keinen Ausweg. Das Buch darf nicht im Land einer Atommacht bleiben. Falls es gefunden würde, gäbe es kein Halten, dieses Wissen einzusetzen, um über die Gegner zu triumphieren. Es gibt aber noch einige freie Länder mit Menschen, die nach den Grundsätzen der Aufklärung leben, Demokratien pflegen und den Frieden wollen, weil sie des Krieges überdrüssig sind: Ich spreche von Europa. Dorthin müssen wir das Buch bringen und verstecken.“
Die beiden anderen Frauen nickten. Dieser Plan war überzeugend. Doch die Frage blieb: Wohin genau? Auch dafür hatte die Neue eine Idee: „Ich habe tatsächlich ein gutes Versteck, das wir vielleicht nicht auf Dauer benützen werden, aber für einige Zeit ist es absolut sicher, vor allem deswegen, weil es dort keine Männer gibt: Im Stauraum hinter dem Ballettsaal der Elevinnen – in einem Opernhaus.“
2. Szene
Flieda, Woga und Wella (Tänzerinnen, genannt die Reinen Töchter)
Alberich (Bühnentechniker)
Eine der Drei Nornen
Ort: Keller und Ballett-Probensaal in einem großen europäischen Opernhaus
Zeit: Wenige Wochen nach der 1. Szene
► In einem engen Raum im Keller des Opernhauses saß Alberich vor einem Röhrenbildschirm, der schwarz und weiß flimmerte, als würde bereits die Mondlandung übertragen, die Kennedy erst vor wenigen Wochen noch für dieses Jahrzehnt angekündigt hatte: „We choose to go to the moon.“16 Politisch hasste Alberich diesen jungen, liberalen Präsidenten, aber rhetorisch war er ganz große Klasse. Das machte ihm niemand nach. So ein Satz, an dem eigentlich alles falsch ist, aber emotional ist er so etwas von richtig. Schon das erste „we“! Wer ist dieses „Wir“? Der Präsident selbst? Spricht er von sich in der Mehrzahl? Die NASA? Das gesamte amerikanische Volk? Das Wir ist völlig unklar, aber alle Amerikaner fühlten sich angesprochen und gemeint. Dann das Verb! Nicht „we decided“. Niemand hat hier etwas entschieden. Das hätte nur Widerstand erzeugt. „We choose“, so als hätte ein Wir aus einer Menükarte der Möglichkeiten ein Gustostück ausgewählt. Es klingt, als müsste das amerikanische Volk zum Mond fliegen, einfach deswegen, weil US-Amerikaner entschieden haben, dass dies möglich sein muss.
Damit die Sache nicht zu schwierig erscheint, spricht Kennedy nicht davon, zum Mond zu fliegen, was richtig wäre, sondern zum Mond zu gehen. Das klingt lässig, fast wie ein Spaziergang. Am Ende: der Mond. Niemand bringt dieses Ziel in Zukunft aus seinem Kopf. Der Mond ist nun nicht länger Himmelskörper, der täglich anders beleuchtet ist, sondern er ist ein nationales Ziel. Alle Argumente gegen eine Mondlandung – was wäre die wissenschaftliche und gesellschaftliche Errungenschaft? –, all das zählt nichts mehr. Ein nationales Ziel ist dazu da, um es gemeinsam zu erreichen.
Natürlich war Alberich klar, dass die Amerikaner nicht einfach aus Jux und Tollerei zum Mond fliegen. Das war der Startschuss, die Geostrategie, um die interplanetare Dimension zu erweitern. Wer zuerst eine Kolonie auf dem Mond hat, der kann von dort aus die Erde beherrschen. Das würde zwar noch eine Weile dauern, aber Alberich hoffte von ganzem Herzen, dass die Sowjetunion zuerst den Mond erreichen würde. Er liebte den Kommunismus, der Leuten wie ihm, die aus einfachen Verhältnissen stammten, eine echte Aufstiegschance bot. Mit diesen Kapitalistenschweinen werden sie aufräumen, wenn sie erst einmal die Weltherrschaft übernommen haben, dessen war er sich sicher.
Das war auch der Grund, warum er, kaum 18, von zu Hause ausgezogen war. Er hielt es bei seinen Eltern nicht mehr aus. In seinen Augen waren sie konservative Spießer. Er rechnete nach, das war erst vor einem Jahr gewesen. Es kam ihm aber vor, als wäre er immer schon für sich allein verantwortlich. Die Erinnerung an seine Eltern verblasste, fast schien es ihm, als hätte er gar keine. Er hatte sie seit seinem Auszug nicht besucht und plante dies auch in nächster Zeit nicht. Sie wussten nicht, wo er wohnte und das war gut so.
Alberich hatte eine gute, auf dem Gebiet der Technik sogar ausgezeichnete Bildung genossen, verfügte jedoch über keine formalen Abschlüsse. Auch handwerklich war er begabt. Sein Steckenpferd aber war die Literatur, wusste er doch: Als Handwerker kann ein Mann noch so gut sein, die oberen Etagen erschließen sich erst, wenn der Habitus stimmt – Souveränität ausstrahlen, an der richtigen Stelle ein Zitat eines Klassikers einflechten, keinesfalls über Geld sprechen und wenn doch, dann nur in einer Art, dass klar wird, es spielt keine Rolle, es ist vorhanden und man arbeitet daran, es zu vermehren.
Für seine Karriere war noch ein weiter Weg zu gehen, das war Alberich bewusst, aber er war jung und schlau. Er hatte die Stelle als Bühnentechniker an der Oper angenommen, weil es ihm ein Betätigungsfeld schien, bei dem er sehr viel lernen konnte, sowohl was die technische, als auch was die literarische und künstlerische Seite betraf. Was ihm dabei besonders zusagte: Als Bühnentechniker gehörte er zu jener Truppe von Handwerkern, die die Basis bereitstellen, selbst jedoch unsichtbar bleiben. Das kam ihm nicht ungelegen, fühlte er sich doch in seinem Körper nicht wohl. Was war das überhaupt, der eigene Körper? Das Ding, das er durch die Gegend schob. Die Versorgungsmaschine für seinen viel zu großen Kopf? Seine Hände mit den wurstartigen Fingern waren gut, die technischen Geräte zu bedienen, die Glühbirnen zu wechseln, die Strahler auszurichten, die Sicherungen auszuwechseln, die Kabel zu verlegen, aber sonst? Eine Frau flachzulegen, wie die chauvinistischen Techniker – es gab keine Technikerin – es ausdrückten, war für ihn ein feuchter, aber unbekannter und unvorstellbarer Traum. Was macht ein Mann mit einer Frau, wenn er sie flach am Boden verlegt hat wie ein Kabel? Davon hatte er keine richtige Vorstellung. Er hätte eher eine Sputnik-Raumkapsel zurück auf die Erde bringen können als eine Frau in den Orbit eines Orgasmus. Sein Vater hatte ihn zwar – während einer der seltenen gemeinsamen Wanderungen – aufgeklärt. Das war aber beiden so unangenehm gewesen, dass der eine schlecht erklärt und der andere eher weg- als zugehört hatte. Er wusste tatsächlich nicht genau, wo das Ding bei der Frau hineingesteckt werden sollte. Er konnte sich nur den Mund vorstellen, alle anderen Körperöffnungen erschienen ihm zu schmutzig. Diese ganze Sache mit Frauen war jedenfalls kompliziert. Die Technik war einfach und klar. Von der Technik war er fasziniert, doch nach dem Unbekannten, nach dem Geheimnisvollen, das die Weiblichkeit umgab, sehnte er sich.
Vor ihm am Bildschirm flimmerten schemenhaft die Körper junger Tänzerinnen.
Nicht einmal seine Kollegen hatten bemerkt, dass er heimlich eine Kamera und ein Mikrophon hinter dem Spiegel im Ballettsaal der Elevinnen montiert hatte. Diese Gerätschaften waren zwar groß und unhandlich, aber die Spiegelflächen im Saal waren noch viel größer. Die Schwierigkeit bestand allerdings darin, dass das Opernhaus jeden Tag einschließlich der Wochenenden und Feiertage voller Menschen war. Um den Einwegspiegel, die Kamera und das Mikrophon zu installieren und dann die Kabel bis in den Keller zu verlegen, hatte er einen ganzen Tag ungestörter Arbeit gebraucht. Möglich war das nur am 24. Dezember gewesen, an Heiligabend war die Oper geschlossen und alle waren bei ihren Familien und ihren Liebsten. Für Alberich war es kein großes Opfer, dieses Fest ausfallen zu lassen. Seine Eltern wollte er ohnehin nicht sehen und Freunde hatte er nicht. Eventuell hätte er seinen Bruder besuchen können, aber ihr Verhältnis war nie besonders gut gewesen. So arbeitete er also den ganzen Tag und die halbe Nacht in den leeren Hallen und er kam in eine Stimmung, wie er sie noch nie empfunden hatte. Heiligabend bekam für ihn eine neue Bedeutung, in dieser besonderen Nacht wurde er neu geboren. Der neue Alberich war nicht mehr der Junge, der herumgeschickt werden konnte. Seit dem Heiligen Abend war er der Mann der Geheimnisse, der mehr wusste als die anderen. Dieses Wissen würde er für seine Karriere nutzen. Das war sein Schwur in dieser Nacht.
Allerdings würden im Proberaum der Elevinnen kaum karrieretaugliche Informationen zu holen sein.
Doch er gab sich damit nicht zufrieden, am diesjährigen Heiligen Abend, der bereits näher rückte, würde er das Direktionszimmer verkabeln.
Jetzt waren aber erst einmal die grazilen Tänzerinnen am Schirm. Die drei Elevinnen bewegten sich in ihren eng anliegenden grau schimmernden Trikots verheißungsvoll und gefährlich wie Schlingpflanzen. Sie schienen ihm wie das Versprechen einer unbekannten Seligkeit. Er drehte den Lautsprecher lauter. Hier im Keller würde ihn niemand hören. Die Tänzerinnen begannen einen neuen Durchlauf. Der Beginn erklang: Rheingold.
♫ Das Vorspiel zu Wagners Oper Das Rheingold setzt mit keinem Ton im eigentlichen Sinne ein, sondern mit einem tiefen unbestimmten Rumpeln von acht Kontrabässen in den tiefsten Tiefen des Orchestergrabens. Die acht Kontrabässe kratzen einen Ton in die zuhörende Landschaft, der wie das Geschiebe von Geröll in den Untiefen des Flusses klingt.
Vier der Kontrabässe spielen in einer Lage, die es für dieses Instrument eigentlich nicht gibt. Der tiefste Ton eines normalen Kontrabasses ist ein E. Wagner lässt mit einem Es beginnen, einen Halbton tiefer. Die Bässe müssen also eigens hinuntergestimmt werden. Die Saiten schwingen so schlaff, dass es mehr ein körperliches Vibrieren ist. Vier Takte piano. Nur ein Ton, Es, in den tiefsten Lagen oder eigentlich unter den tiefsten Lagen der Streicher. Die anderen vier Kontrabässe, die eine Oktave höher spielen, retten den Klang. Während die vier tiefen Kollegen (zu Wagners Zeiten gab es noch keine Kolleginnen) die Gesteinsmassen schieben, fließen die vier höheren Bässe in einem breiten trüben Strom.
Im fünften Takt wird der Klang erweitert, die Fagotte setzen ein tiefes B, also die Quint, darüber. Kein Rhythmus stört, nur pulsierender, fließender Klang. Eine reine Quinte, noch nicht getrennt in Dur und Moll. Nur Natur. Nur Sein. Nur Klang. Urklang. 16 Takte ohne Ereignis, Zustand des Fließens.
In Takt 17 setzt das achte Horn ein, mit ebenfalls einem tiefen Es, das am Ende des Taktes über ein B zum nächsthöheren Es springt. Im nächsten Takt fällt die Entscheidung, ohne dass wir dies wahrnehmen: Das achte Horn springt nicht über ein B zum Es, sondern über ein kurzes G, nur eine Achtelnote, wie ein Achterl Wein, das schnell nebenbei getrunken und nicht gezählt wird. Und doch: Mit diesem kurzen Streifen der Note G ist festgelegt, dass wir nicht im trüben es-Moll versumpfen, sondern in einem mächtigen Es-Dur großer Geschichte entgegenströmen. Und die Geschichte verdichtet sich, langsam, aber stetig. Vier Takte später wiederholt das siebte Horn, das, was vorher das achte gespielt hat. Wieder vier Takte danach setzt das achte Horn abermals ein und wiederholt die Sprünge nach oben. Das siebte Horn setzt nun aber schon nach zwei Takten ein und springt in selbiger Weise hoch und höher. In Takt 29 beginnt das achte Horn neuerlich, aber noch bevor das siebte Horn fertig ist, beginnt schon das sechste Horn zu blasen. Im nächsten Takt beginnt das siebte Horn erneut. Im nächsten Takt das fünfte Horn. Die Steigerung wird noch rasender, noch schneller: Im nächsten Takt beginnt wieder das achte Horn, aber nun dauert es lediglich einen halben Takt, bis das vierte Horn einsetzt. Damit scheint ein Damm gebrochen zu sein, es gibt kein Halten mehr, das dritte, das zweite und schließlich das erste Horn setzen ein. Acht Hörner spielen zeitversetzt ein Motiv, und wenn sie nach vier Takten fertig sind, beginnen sie jeweils von Neuem. Das heißt: Ständig beginnt das Motiv, ständig endet das Motiv. Es ist ein einziges Wogen, ein Klangrausch. Kein Dirigent kann mehr Einsätze geben. Nur noch durchdirigieren, durchtauchen und hoffen, dass alle gemeinsam im Takt 48 ankommen, wenn die Woge der Hörner bricht und die 12 Celli einsetzen mit einer schnelleren Welle. Gebrochene Es-Dur-Akkorde wogen hinauf und hinunter. Satte Es-Dur-Wogen ohne jede Dissonanz. Dies ist der reine Naturzustand. Im Wogen des Wassers wird das Leben beginnen.
Immer mehr Instrumente gesellen sich dazu, immer schnellere Bewegungen, noch immer über dem tiefen Es der Bässe. Die Bassgeiger müssen bereits taub sein oder sie haben den Verstand verloren oder beides. Sie arbeiten sich in den Tiefen des Flusses ab und niemand nimmt sie mehr wahr. Und trotzdem müssen sie mit breitem Bogen brummen, als wäre es ihre Bestimmung, das ganze Opernhaus mit ihrer Schubkraft in Richtung Meer zu schieben.
Nach einer langen Zeit oder eigentlich nach gar keiner Zeit, weil die Zeit als Vergänglichkeit im Zustand des Fließens jede Bedeutung verloren hat, beginnt in den Fagotten und Bassklarinetten eine neue Bewegung, etwas noch nie Dagewesenes: eine aufwärts laufende Tonleiter. Eine Bewegung wie ein Huschen. Bisher bewegten sich die Naturkräfte aufgrund der Naturgesetze. Das Wasser fließt hinab, Richtung Meer. Plötzlich gibt es eine selbständige Bewegung entgegen dem Strom und sie wird immer mächtiger. Wir nehmen das Leben wahr als dasjenige, das sich selbst bewegen kann. Bewegung erschreckt uns. Wir schauen, ob das Objekt bewegt wurde: ein Blatt im Wind, keine Gefahr. Oder ob das Objekt sich selbst bewegt, dann wird es zum lebenden Subjekt und wir müssen schnell entscheiden, ob es für uns gefährlich ist oder nicht. Und dann: Wir sehen das Subjekt, das sich auf der Bühne bewegt: Woglinde kreist in anmuthig schwimmender Bewegung um ein Riffin der Mitte.17 Also keine Gefahr. Eine der Rheintöchter schwimmt vorbei, ein anmutiges Wesen, das schwer zu fassen ist, so wie dessen Natur: ein Flussmädchen.
► Alberich saß vor seinem in Schwarz und Weiß flimmernden Bildschirm, auf dem die Schemen der grazilen jungen Frauen schimmerten. Er spielte mit einem Stück Seil, wie es die Bühnenarbeiter zur Sicherung verwenden, wenn sie in großer Höhe arbeiten. Er brauchte immer etwas zum Spielen in Händen. Seitdem sein Großvater, der in Kriegsgefangenschaft gewesen war, ihm einen speziellen Knoten gezeigt hatte, trug Alberich ein dünnes Seil oder eine Reepschnur in seiner Hosentasche.
Die Raffinesse des Knotens bestand darin, dass er sich immer mehr zusammenzog, je heftiger derjenige, den man damit festgebunden hatte, versuchte, sich zu befreien. Sein Großvater hatte ihm damals zur Demonstration die Hände gefesselt und das Seil schnitt durch seine Befreiungsversuche immer schmerzhafter in die Haut. Alberich wurde zwar gleich wieder losgebunden, aber ein seltsames Gefühl blieb seitdem in ihm zurück: eine Mischung aus Ohnmacht und Machtphantasie. Er spürte, es musste berauschend sein, uneingeschränkte Macht über einen anderen Menschen zu haben.
Als er die grazilen Tänzerinnen über den Schirm schweben sah und gleichzeitig mit dem Seil in seiner Hand spielte, da spürte er, wie ein Bild knapp unter der Oberfläche seines Bewusstseins auftauchte. Es blieb verschwommen, wie ein Schatten, der durch das Wasser gleitet, war nicht mehr als eine Ahnung. Vor ihm am Bildschirm probten drei elfengleiche Elevinnen den Beginn von Rheingold.
◊ In der Oper DasRheingold kommt kein Ballett vor. Was proben die Tänzerinnen? Es geht darum, eine bühnenpraktische und dramaturgische Schwachstelle in Wagners Bühnenwerk zu beseitigen.
Bühnenpraktisch gesehen bringt die erste Szene eine Begegnung zwischen drei sogenannten Flussmädchen, die im Rhein schwimmen, und Alberich, eine Art Zwerg, der ihnen nachstellt. Die Szene spielt im Fluss. Alberich klettert mit koboldartiger Behendigkeit zwischen den Felsen herum und da er die Flussmädchen, die durch das Wasser schwimmen, zu erhaschen versucht und sogar eine in den Arm nimmt, muss offenbar auch er im Wasser leben. Damit stellt sich die Frage: Wie kann er atmen? Er ist schließlich kein Wasserwesen. Wenn es allerdings dort, wo Alberich springt und klettert, trocken ist, dann fragt sich: Wie können die Nixen im Trockenen schwimmen?
Die Abgrenzung zwischen den im Wasser schwimmenden Rheintöchtern und dem am Land und in Höhlen lebenden Zwerg, der die Flussnixen zu fangen versucht, ist nicht geglückt.
Dieses Problem dürfte bereits Richard Wagner selbst beschäftigt haben, werden doch seine sonst so prägnanten Bühnenanweisungen seltsam unbestimmt:
Die Höhe ist von wogendem Gewässer erfüllt, das rastlos von rechts nach links zuströmt. Nach der Tiefe zu lösen sich die Fluthen in einen immer feineren feuchten Nebel auf, so daß der Raum […] frei vom Wasser zu sein scheint.18
Was ist das für ein Fluss, der sich in der Tiefe in einen feuchten Nebel auflöst?
Darüber hinaus ergibt sich als Randproblem die Frage nach der gattungsübergreifenden Attraktivität. Wie kann sich ein zwergenartiges Wesen in ein fischartiges Wesen verlieben und was soll dabei herauskommen? Diese letzte Frage konnte Wagner deswegen vernachlässigen, weil es ohnehin zu keiner Verbindung kommt. Außerdem kann sich jeder Mann gut vorstellen, dass sich jeder – ob Gott, Mensch oder Zwerg – in eine attraktive Nixe verlieben kann.
Damit sind wir beim dramaturgischen Problem: Attraktivität. Eine Sängerin, die fähig ist, eine der Rheintöchter zu singen, muss nicht unbedingt attraktiv sein, aber was noch schwerwiegender ist: Sie wird sich nicht bewegen können wie ein Flussmädchen, das in den Fluten schwimmt. Die Sängerinnen konzentrieren sich auf ihre Gesangslinien, was ziemlich viel Aufmerksamkeit beansprucht. Das Schauspiel kommt dabei zu kurz. Meistens rudern sie einigermaßen hilflos mit den Händen, um eine Art Schwimmen anzudeuten. Alle laufen hin und her, verschwinden gelegentlich hinter Kulissen, die einen Felsen darstellen und alle sind froh, wenn die Szene vorüber ist.
Das ist schade, weil diese Szene so überaus wichtig ist. Sie ist die Urszene aller Verstrickungen, die noch folgen werden. Sie funktioniert auf der Bühne überhaupt nicht. Das ist schlichtweg eine dramaturgische Katastrophe.
Die Sängerinnen sind überfordert, wenn sie singen und sich gleichzeitig wie Flussmädchen bewegen und neckisch-erotisch-attraktiv wirken sollen. Es ist geradezu zwingend erforderlich, dass die Bewegungsseite von Tänzerinnen übernommen wird, die eben darauf spezialisiert sind.
► Deswegen hatte sich der Regisseur einen Choreographen gesucht, und zwar nicht irgendeinen, sondern einen, der gleichzeitig frech und gut ist. Der Regisseur setzte sich mit dem jungen Choreographen zusammen, den alle nur John nennen. Sie waren sich sofort über folgenden Punkt einig gewesen: Die Rheintöchter müssen die attraktivsten und begehrenswertesten Geschöpfe sein. Nur so wird verständlich, warum sich Alberich über alle Grenzen der Arten hinweg in sie verliebt und diese Liebe nach der Zurückweisung in einen abgrundtiefen Hass umschlägt.
Es stellte sich allerdings das praktische Problem, dass in dieser Oper kein Ballett vorgesehen ist und keine drei Solotänzerinnen, die diese doch relativ kurze Szene tanzen würden, engagiert werden können.
Es musste also eine andere Lösung gefunden werden. John hatte eine Idee, die naheliegend war, weil er sich ohnehin mit dem Gedanken trug, eine eigene Tanzausbildung aufzubauen: Drei Elevinnen sollten die Chance erhalten, diese Szene zu tanzen. Das wäre für diese drei die große Chance und alle wären zufrieden.
Nun harrte noch das dramaturgische Problem der Begegnung zwischen Erd- und Wasserwesen einer Lösung. Das Bühnenbild konnte hier Abhilfe schaffen. Normalerweise krebst Alberich am Bühnenboden herum und die Rheintöchter schwimmen um und über ihm. Der Bühnenboden stellt den Grund des Rheins dar und Alberich wird zu einem Wesen, das zumindest auch im Wasser leben kann, was geradezu lächerlich ist. Die ganze Sache muss also umgedreht werden: Alberich krebst oben am Ufer herum. Da können einige Grotten sein, Verstecke, eine Uferböschung.
Mit dieser Überlegung einer Umkehrung gingen John und der Regisseur zum Bühnenbildner. Dieser griff die Umdrehung sofort auf und eine Idee führte zur anderen, sodass am Ende ein völlig neues Bühnenbild und auch eine völlig neue Konzeption dieser Szene Gestalt annahmen: Die Bühne war der Höhe nach geteilt. Die unteren zwei Drittel stellten den Fluss dar, das obere Drittel die Höhlen und Grotten am Ufer. Es gab eine angedeutete Linie, die die Wasseroberfläche darstellte. Oberhalb davon war alles braun und düster und grau. Unterhalb davon leuchtete helles Blaugrün. Das Ufer reichte an manchen Stellen bis unter die Oberfläche, sodass Alberich gleichsam ins Wasser hineinwaten konnte.
Die Unterwasserwelt war angedeutet durch einen riesigen Vorhang, der transparent war und in Blau und Grün schimmerte. Er hatte unregelmäßige Löcher, durch die eine Person leicht hindurchschlüpfen konnte. Vor dem Vorhang ragten riesige grüne Wasserpflanzen in die Höhe. Bühnentechnisch gesehen ragten sie nicht in die Höhe, sondern hingen an dünnen, kaum sichtbaren Drahtseilen und konnten nach oben gezogen werden. In diesen Wasserpflanzen waren dicke Seile eingezogen und Schlaufen, die als Halterung dienen konnten.
Die gemeinsame Arbeit an der Szene führte dazu, dass Bühnenbild, Choreographie und die Führung der Sängerinnen und des Sängers ideal aufeinander abgestimmt waren. Alberich schleicht und springt und hetzt oben am Ufer herum und begegnet dort den Flußnixen. Etwas später, als er versucht, eine von ihnen zu erhaschen, watet er in das Wasser hinein.
Die Tänzerinnen können auf den Wasserpflanzen hinaufklettern, sie können sich sogar von der Seitenbühne an einer Pflanze hängend hereinschwingen. Das ist ein großartiger und auch rollenkonformer Auftritt. Da die Wasserpflanzen oben und nicht unten befestigt sind, eignen sie sich zum Schwingen: Woglinde schwingt sich auf ein drittes Riff in größerer Tiefe.
Durch die versteckten Schlaufen besteht auch die Möglichkeit, zwei benachbarte Pflanzen mit ihren Halterungen zu verwenden, um sich waagrecht zu legen. Damit können die Tänzerinnen den Eindruck erzeugen, wie ein Fisch unbeweglich im Wasser zu stehen, nur um einen Moment später flink davonzuhuschen. Auch können die Elevinnen zwischen zwei Wasserpflanzen in den Spagat gehen und einen Moment später herumwirbeln und verschwinden. Dieses Verschwinden war eine Idee des Bühnenbildners. Der Vorhang, der das Wasser darstellt, hat nämlich Schlitze, die sich etwas überlappen, sodass keine Öffnungen zu sehen sind, aber ein Mensch schnell erscheinen oder verschwinden kann. Durch diese Vorhangschlitze können die Sängerinnen auftauchen und ihren Part singen. Wenn Regie und Choreographie gut aufeinander abgestimmt sind, dann sind nie mehr als drei Nixen auf der Bühne zu sehen, seien es nun Sängerinnen oder Tänzerinnen.
Aus diesem Grund wurde den drei Elevinnen ein eigener Probenraum reserviert, in dem ein Vorhang und Seile genau der Aufführung entsprechend angebracht waren, allerdings lediglich die unteren zwei Drittel, die im Rhein spielen. Die drei jungen Tänzerinnen klettern, schwingen und rutschen an diesen Seilen, um darzustellen, wie sie den armen Alberich necken und verführen, dass ihm Hören und Sehen vergeht und er schließlich die Wahnsinnstat begeht und die Liebe verflucht.
