Gottesanbeter - Anne Myaran - E-Book

Gottesanbeter E-Book

Anne Myaran

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Beschreibung

Die aktuellen Geschehnisse in der Welt zeigen die schrecklichen Auswirkungen des Fanatismus. In allen Religionen gibt es Menschen, die – getrieben von Wahn und verblendet – zum Äußersten bereit sind. Für Kommissarin Beckmann beginnt ein Rennen gegen die Zeit, als ihr bewusst wird, mit welcher Art von Täter sie es zu tun hat, denn sie weiß, dass weitere Menschen sterben werden. Mit Hilfe eines abgehalfterten Journalisten, der einst erfolgreich in okkulten und religiösen Kreisen recherchiert hat und zu dem der Täter offenbar ein schon fast vertrauensvolles Verhältnis hat, kann sie dem Mörder immer näher kommen. Doch dieser hat sich für den Schluss ein besonderes Geschenk ausgedacht.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2015

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„Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber undUngläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beides, ihrSinn und ihr Gewissen.“

Die Bibel – Paulus von Tarsus, Brief an Titus 1,15

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Epilog

Prolog

Das Licht in dem kleinen Raum ist schummrig, die Glühbirne verbreitet nur einen schwachen Strahl. Doch es stört ihn nicht, er sieht genug.

Er kämmt die Haare der jungen Frau, die vor ihm liegt. Immer wieder streicht er mit seiner Hand über ihre Stirn und ihren Nasenrücken. Das Gesicht der Frau ist sehr schön, die Haut noch jung, der Körper noch straff. Doch jetzt ist er nur noch eine leblose Hülle, das Innere, die Seele, ent-schwunden.

Er hat den Körper nochmals gewaschen, die Schlammreste von Haut und unter den Finger- und Fußnägeln entfernt. Hätte der Körper eine gesunde Hautfarbe, könnte man fast meinen, dass sie nur schlafen würde. Doch die Haut ist bereits aschfahl, erste Verfärbungen zeigen sich. Die Verwesung hatte bereits begonnen.

Er kämmt nochmals ihr langes blondes Haar und legt den Kamm beiseite. Behutsam beginnt er, sie in die Plastikhülle einzuwickeln. Der Frauenkörper ist sehr schlank und er hat kräftige Arme, doch das tote Gewicht macht ihm zu schaffen. Er bindet eine Schnur um den Plastiksack und trägt den leblosen Körper aus dem Raum.

Im Hinterhof des Gebäudes steht sein Auto, ein kleiner Lieferwagen. Die Tür steht bereits offen. Er legt den Körper behutsam in den hinteren Teil des Wagens und schließt die Autotür. Dann geht er zurück und löscht das Licht in dem Schuppen, verriegelt die Tür mit einem stabilen Vorhängeschloss und steigt in den Wagen. Es ist kurz vor zwei Uhr morgens. Die Straßen sind dunkel, doch er kennt die Gegend ganz genau. Als er die Leiche ablegt, bückt er sich nochmals nach unten und flüstert ihr etwas zu, so als ob sie ihn unter der Plastikhülle hören könnte. Dann tritt er einige Schritte zurück und steht Sekunden still: er lauscht, kann aber nur ferne Geräusche ausmachen. Er geht zurück zu seinem Wagen und fährt los. Auf seinem Gesicht ist ein Lächeln.

Er fährt hinaus in die Nacht, weg aus der Stadt, noch weiter hinaus. Die Lichter seines Autos werfen nur einen kleinen Kegel auf die Straße, die von Bäumen gesäumt ist, die groß und mit dicken Stämmen eine fast beklemmende Atmosphäre schaffen. Links von ihm kann er den Fluss erkennen, in dem sich das Licht des Mondes spiegelte. Er hält den Wagen an und steigt aus. Die eiskalte Luft einer Winternacht strömt in seine Lungen, ein eisiger Hauch, der sich auch um seinen Hals legt. Er zieht den Reißverschluss seiner dicken Steppjacke fester zu und öffnet die Schiebetür seines Lieferwagens. Der leblose Körper, fest eingewickelt in der Plastikhülle, ist nur schemenhaft erkennbar. Er packt die Hülle an den Seiten und zieht mit aller Kraft. Sie lässt sich nur schwer bewegen. Durch die Anstrengung atmet er schwer, die kalte Luft schmerzt fast. Er schiebt jetzt seine Arme unter den Körper und hebt ihn hoch, trägt ihn hinunter zum Fluss. Er kann nur langsam und vorsichtig gehen, der Boden ist steinhart durch den kalten Frost, der seit einigen Wochen das Land überzieht.

Durch die Anstrengung durchzieht Wärme seinen Körper und er spürt, wie seine Wangen erröten. Als er am Flussufer angekommen ist, legt er behutsam den Körper auf den Boden. Der Fluss ist nicht gefroren und er lauscht dem Rauschen des Wassers. Der Himmel über ihm ist sternenklar und für einen Moment hält er inne, berauscht von der Schönheit des Firmaments. Dann widmet er sich wieder seiner Aufgabe und platziert sein Opfer am Ufer.

Er möchte nicht, dass der Fluss seine Arbeit zunichte macht, er will sein Werk erhalten. Er stellt sicher, dass der Körper nicht weggeschwemmt werden kann. Nachdem er fertig ist, steht er auf und betrachtet seine Arbeit. Er ist zufrieden.

Bevor er wieder in seinen Wagen steigt, dreht er sich nochmals um. Ein Frösteln breitet sich in ihm aus, als er daran denken muss, in welcher Kälte er die Frau zurücklässt, deren Schönheit und Natürlichkeit ihn von Anfang an gefangen genommen hat. Er läuft wieder zurück zum Flussufer, bleibt aber auf halbem Wege stehen. Die Kälte hat ihn jetzt vollständig eingenommen, seinen Muskeln fangen an zu zittern und er hört seine Zähne klappern. Er will gerade umdrehen, um nach Hause zu fahren, als ihn eine Bewegung irritiert. Zuerst glaubt er, es ist das Mondlicht, doch jetzt kann er es sehen – die Hülle öffnet sich. Zentimeter für Zentimeter schiebt sie sich nach unten, er kann jetzt im Mondlicht den oberen Schädel der Frau sehen, dann erscheint ein Gesicht, die Hände beginnen, die Hülle zu zerreißen, Stück für Stück, bis der nackte Körper vor ihm liegt. Sie ist so bleich, fast wie Schnee, und der Mondschein wird von der weißen Haut reflektiert. Sie dreht sich zur Seite und richtet sich ungelenk auf, ihre Bewegungen sind stockend. Und als sie auf ihren Beinen steht, die Hüfte unnatürlich verdreht, die Arme gebeugt und die Finger gespreizt, so als ob sie Krämpfe hätte, hebt sie ihren Kopf und öffnet ihr Augen – so bleich und wässrig wie ihre Haut. Sie sieht in an, hebt den Arm und zeigt mit einem verkrümmten Finger auf ihn. Sie kommt auf ihn zu, einen Fuß vor den anderen setzend, in stockenden Bewegungen, wie ein Unfallopfer, das wieder laufen lernen muss. Er steht zuerst da, betrachtet starr vor Schreck, was sich vor ihm unter dem Firmament abspielt. Er will seine Beine bewegen, aber sie gehorchen nicht, sind wie Blei. Doch er schafft es, Schritt für Schritt rückwärts zu gehen, sich anschließend umzudrehen und zum Wagen zu rennen. Als er ankommt, öffnet er mit einem harten Ruck die Fahrertür. Er steigt hastig in sein Auto und schließt die Autotür. Er muss sich zwingen, nochmals hinzusehen, hinunter zum Fluss. Er hat Angst vor dem, was er erblicken könnte, doch er muss sicher gehen. Sein Atem geht schnell, doch jetzt atmet er wieder tiefer. Die Leiche liegt, eingehüllt in eine Plastikhülle am Flussufer. Die Vision ist vorbei.

Er muss sich zwingen, besonnen und nicht zu schnell zu fahren, Ruhe zu bewahren. Der Schweiß sammelt sich auf seiner Stirn und auf seiner Kopfhaut, seine grauen Haare sind durchnässt. Er atmet jetzt aber ruhiger. Es war das erste Mal für ihn, dass er eine Seele befreite. Die Vision war keine Strafe, sondern eine Erkenntnis, davon ist er überzeugt. Er hat die Frau sorgfältig ausgewählt, sie lange beobachtet, hat immer wieder zufällige Treffen arrangiert, so dass sie sich an ihn gewöhnen konnte. Und sie hat ihm vertraut, war ihm freiwillig und sorglos gefolgt. Ihre natürliche und erfrischende Art hatte es ihm schwer gemacht, sie schließlich auszuwählen. Doch es kam letztendlich darauf an, was sie tat. Und ihre Taten waren gegen das Gesetz. Er hatte richtig gehandelt. Die Vision hatte ihm gezeigt, wovor er sie bewahrt hatte.

Als er zuhause ankommt legt er sofort seine Kleidung ab und geht in das kleine Badezimmer, wo er Wasser in das Waschbecken einlässt und sich mit einem Waschlappen und Seife lange und gründlich wäscht. Danach zieht er sich ein T-Shirt und Shorts an und legt sich ins Bett. Doch er schläft nicht, sondern starrt in der Dunkelheit an die Decke und wagt nicht, seine Augen zu schließen. Er möchte sie nicht schließen – denn sonst würden die Bilder wieder zurückkommen, bleiche wässrige Augen, die ihn ansehen, bleiche Finger, die auf ihn zeigen. Er legt sich auf die Seite und krümmt sich zusammen. So bleibt er lange Zeit liegen, lauscht auf jedes Geräusch – genauso war es auch, als er auf seinem Bett in seiner Zelle wachlag. Er weiß, dass er jetzt nicht schlafen kann, so beginnt er zu beten.

1.

Sabine Beckmann ließ die heißen Wasserstrahlen über ihren Körper gleiten. Sie legte den Kopf in den Nacken und genoss die sanfte Wärme, die aus dem Duschkopf kam, an ihrem Körper. Es war bereits später Morgen und während draußen der kalte Frost die Welt in seinem Griff hatte, beobachtete sie, wie der Wasserdampf die Duschkabine beschlug.

Sie stellte das Wasser ab und nahm das große Duschhandtuch, das neben der Kabine hing. Während sie sich abtrocknete, hörte sie durch die Badetür ein seltsames Gepolter.

Sie schlang das Handtuch um ihren Körper und ging vom Bad den Flug entlang ins Wohnzimmer. Ihre Mutter hatte begonnen, Bücher aus dem Regal zu räumen. Sie lagen auf dem Laminatboden verstreut oder waren aufgestapelt. Ihre Mutter bückte sich und richtete sich immer wieder auf, holte weitere Bücher aus dem Regal, das jetzt fast leer stand. Sie arbeitete schnell und schien vollkommen in ihre Arbeit vertieft. Sabine lief zu ihrer Mutter und berührte sie sanft am Arm. Erst jetzt bemerkte sie die Anwesenheit ihrer Tochter. Sie sah sie an, zuerst erstaunt, dann verwirrt. Sie hatte wohl nicht erwartet, ihre Tochter eingewickelt im Duschhandtuch zu sehen. Doch bevor sie etwas sagen konnte, kam ihr Sabine zuvor.

„Wieso räumst du meine Bücher aus dem Regal?“ Ihre Mutter sah sie etwas ungläubig an. „Na, ich wollte sauber machen, was denkst du denn? Du hast doch keine Zeit mit deiner Arbeit. Die ganzen Schränke müssen einmal abgestaubt werden und in den Ecken hat sich auch schon eine Menge Dreck angesammelt.“ Heidi Beckmann drehte sich um ihre eigene Achse und zeigte in alle Ecken des Raumes. Sie legte den Kopf zur Seite. „Du weißt doch, dass mir das nichts ausmacht.“

Sabine atmete tief durch. Ihre Mutter lebte erst seit dem vergangenen Wochenende bei ihr und sie hatte sich noch nicht an ihre Anwesenheit gewöhnen können. Sabine öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder und drehte sich um. Ihre Mutter sah ihr nach, nahm das Staubtuch, um die Regale zu säubern, hielt aber inne. Irgendetwas hatte sie gesehen. Sie drehte sich nochmals zu ihrer Tochter: „Was hast du da auf dem Rücken.“ Sabine bemerkte sofort die aufsteigende Wärme. Ihre Wangen wurden rot. Ihre Mutter hatte natürlich keine Ahnung. Sie senkte den Kopf, drehte sich um, das Handtuch noch mit eine Hand haltend und lächelte unsicher: „Das ist ein Tattoo.“ Heidi zog ihre Augenbrauen zusammen. „Eine Tätowierung? Aber das bekommst du doch nie wieder weg.“ Sabine verdrehte ihre Augen. „Mama – das ist der Sinn einer Tätowierung.“ Heidi schüttelte den Kopf und wollte sich wieder ihrer Arbeit widmen. Doch sie war neugierig und legte das Staubtuch zur Seite. Sie ging auf Sabine zu und blieb vor ihr stehen, legte ihre Hand auf die Schulter und drehte sie zur Seite, so dass sie sich das Tattoo nochmals ansehen konnte: ein grünes Insekt, das auf seinen Hinterbeinen stand. „Warum lässt du dir einen Grashüpfer tätowieren?“ Sabine lachte jetzt, fast befreit.

Ihre Mutter hatte schon immer einen guten Humor. „Das ist kein Grashüpfer, sondern eine Gottesanbeterin.“ Heidi Beckmann war keine ungebildete Frau. Und sie begriff sofort, warum sich ihre Tochter dieses Motiv auf dem Schulterblatt hatte tätowieren lassen. „Sie frisst das Männchen nach der Paarung auf, nicht wahr?“ Sabine nickte. Heidi grinste fast verschmitzt, sagte aber nichts.

Sie ging zurück zum Wohnzimmerregal und begann, die feine Staubschicht zu entfernen.

2.

Es war etwas besonderes, 40 Jahre verheiratet zu sein ist in einer Zeit, in der fast jede zweite Ehe geschieden wird. Michael und Rosemarie Krämer waren sich ihrem Glück mehr als bewusst, als sie ihren Hochzeitstag feierten. Ihre Kinder hatten ihnen zu diesem besonderen Anlass ein Wochenende in einem 4-Sterne-Landhotel geschenkt, das am Wald gelegen war und in dem sie seit zwei Tagen residierten.

Beide waren noch keine zwanzig, als sie sich vor über 42 Jahren kennen lernten – und es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Michael und Rosemarie hatten alle Höhen und Tiefen einer Ehe erlebt, doch ihre Liebe war nie vergangen. Und sie sahen es als besonderes Glück an, dass sie jetzt noch, beide über 60, diesen Tag in Harmonie verbrachten.

Eigentlich wollten sie das Wochenende bei ihren Kindern und Enkelkindern verbringen, doch sie wussten auch, dass die Zeit zu zweit sehr wichtig war. Jetzt, da ihre Kinder selbst Familie hatten und deren Kinder bereits aus dem Gröbsten herausgewachsen waren, konnten sie wieder mehr Zeit alleine verbringen.

Es war später Vormittag an diesem kalten Wintermorgen. Die Sonne stand bereits hoch und der Himmel war strahlend blau. Zuvor waren sie Schwimmen gewesen im hoteleigenen Schwimmbad und hatten sich ein herzhaftes Frühstück gegönnt. Jetzt schlenderten sie – nicht weit vom Hotel entfernt - am Fluss entlang und genossen den kalten Wintertag. Beide zogen ihren Schal eng um den Hals und gingen Schulter an Schulter die Promenade entlang.

Irgendwann nahm Michael seine Rosemarie an der Hand und führte sie hinunter zum Flussufer. Da beide immer noch sportlich sehr aktiv waren und regelmäßige Spaziergänge unternahmen, bereitete es ihnen keine Probleme auf dem unwegsamen Gelände. Der Boden war gefroren und trocken und beide hatten dicke Winterstiefel mit Gummisohlen angezogen.

Während sie so schlenderten, ließ Rosemarie ihren Blick über die wunderschöne Winterlandschaft schweifen. Es lag kaum Schnee, doch der starke Frost hatte ein ganz besonderes Naturbild geschaffen. Kleine Kristalle glänzten im Sonnenlicht wie Diamanten und es war, als ob die Welt für einen Moment still stehen würde.

Auf einmal blieb sie stehen und blickte nach vorn. Die Sonne blendete sie, so dass sie zuerst nicht richtig erkannte, was aus dem Fluss ragte. Sie hob ihre Hand schützend über ihre Augen. Michael blieb ebenfalls stehen und beobachtete sie, so wie er es immer tat, wenn er glaubte, dass sie es nicht bemerkte. Seine Frau zog ihre Stirn in Falten und Michael fiel auf, dass sie ihren Blick auf etwas fokussiert hatte. Er blickte ebenfalls nach vorne und sah den Plastiksack, der am Flussufer lag. Sie gingen weiter hinunter zum Ufer, um zu sehen, was sie zuerst als Müllsack vermuteten. Da sie beide die Natur sehr liebten und sich, wann immer es möglich war, draußen aufhielten, verärgerte sie das unachtsame Verhalten mancher Menschen, einfach ihren Müll irgendwo in der Landschaft abzuladen.

Vor dem Plastiksack ging Michael in die Knie, um zu sehen, was sich darin befand. Plötzlich schreckte er auf, so als ob er einen Stromschlag bekommen hätte. Rosemarie richtete ihren Blick auf etwas, dass sie zuerst nicht deuten konnte. Die Erkenntnis nahm beiden ihren Atem, als sie den blau verfärbten Unterarm sahen, der aus dem Plastiksack hervorragte.

Kommissarin Sabine Beckmann arbeitete jetzt bereits einige Jahre für die Mordkommission, doch sie war nicht abgebrüht. Jeder Einsatz hinterließ bei ihr seine Spuren. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie und ihr Assistent, Thomas Metzger, vor der verhüllten Wasserleiche knieten. Sie waren sofort informiert worden, als der Anruf Michael Krämers bei der Polizei einging. Da der Fundort einige Kilometer außerhalb auf dem Land lag, brauchten Sie einige Zeit, bis sie am Tatort eintrafen. Die örtliche Polizei war nicht untätig gewesen und hatte das Gelände bereits abgeriegelt. Die Spurensicherung war ebenfalls kurz vorher eingetroffen und hatte damit begonnen, den Tatort zu inspizieren und nach Hinweisen des Täters zu suchen. Sabine war sofort, als sie eintraf, das ältere Ehepaar aufgefallen, das bleich und betroffen in einem Polizeibus saß. Während die beiden bereits von den Beamten versorgt wurden, ging sie mit Thomas an dem Bus vorbei, hinunter zum Flussufer, wo die Leiche gefunden wurde.

Jetzt betrachtete Sabine mit einer Mischung aus Gefühlen wie Wut, Trauer und Melancholie die Leiche, die größtenteils noch von der Plastikhülle verdeckt wurde. Sie schob vorsichtig die Hülle etwas zurück. Zum Vorschein kam das ebenmäßige Gesicht einer Frau, die höchstens Mitte dreißig gewesen sein musste.

Thomas kniete still neben seiner Kollegin und ließ das Bild des Tatorts auf sie wirken. Sabine erhob sich, wobei ihre Knie ein seltsames knackendes Geräusch von sich gaben und sah hinauf zur Promenade.

„Hast du die beiden im Polizeibus gesehen? Es tut mir sehr leid für sie, dass sie so etwas sehen mussten.“

Sabine blickte wieder auf den Plastiksack. „Wir lassen die Leiche in die Gerichtsmedizin bringen. Die Spurensicherung wird hier noch einiges zu tun haben."

Sabine und Thomas gingen langsam das Flussufer hinauf, immer den Blick schweifend, das Gelände absuchend. Als sie bei dem Polizeibus ankamen, bat sie die Beamten, kurz den Wagen zu verlassen. Thomas blieb wartend davor stehen.