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Was unsere Kirche heute braucht, ist ein neue Aufbruch, einen neuen Aufbruch zu Gott, zu einer neuen, tiefen Gottesbeziehung, zu einer Rückbesinnung auf das erste und wichtigste Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Dazu legt der Autor hier seine persönlichen Gedanken und Erfahrungen vor. Gebe Gott, dass dieses Werk vielen Gläubigen ein neuer Anstoss werde für ihren ganz persönlichen Weg mit und zu diesem einen Gott in drei Personen, für eine immer wieder neue, tiefe Gottesbeziehung.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Einleitung
Glaube heute
Hoffnung heute
Liebe heute
Das Gebet
Die Werke
Das Leben
Nachwort
Anhang 1 Phil 4,4-9
Anhang 2 Mt 6, 1-34
Ist Gottesbeziehung heute überhaupt anders als sie gestern war und als sie morgen sein wird? Einerseits sicher. „Tempora mutantur, nos et in illis“ Die Zeiten ändern sich, und wir Menschen ändern uns in ihnen. Andererseits aber auch wieder nicht. Gott ist der gleiche, gestern, heute und morgen.
Dieses Vorwort schreibe ich einmal streng logisch vor dem eigentlichen Text. Nun bin ich selber gespannt, was dabei heraus kommen wird. Ich habe mich in meinem Leben schon manchmal verändert, und werde es – so Gott will – auch weiterhin tun, vielleicht sogar während der Arbeit an diesem Büchlein. Gott hat sich in dieser Zeit – das ist mein Glaube – nicht verändert, und wird es weiterhin nicht tun.
Und etwas anderes hat sich auch nicht verändert, die Grundlage, das Prinzip jeder Gottesbeziehung: Glaube, Hoffnung und Liebe. Das soll denn auch die Struktur dieses Werkes geben, gefolgt von drei mehr praktischen Abschnitten über das Gebet, die Werke und das Leben.
Bevor wir von der Gottesbeziehung reden, müssen wir uns zuerst einmal klar darüber werden, was Beziehung überhaupt ist, in welchem Sinn wir hier von Beziehung sprechen wollen.
Beziehung ist für mich, in diesem Zusammenhang, der direkte Kontakt zwischen zwei Personen, normalerweise zwischen menschlichen Personen, hier aber auch die Beziehung zwischen dem Menschen und dem personalen Gott. Natürlich gibt es auch Beziehungen zwischen Mensch und Tier, sicher auch zwischen Gott und Tier. Es gibt sogar Beziehungen zwischen Mensch und Dingen oder Ideen. Hier soll es um die direkte und persönliche Gottesbeziehung gehen.
Die Beziehung zur Kirche ist ein Sonderfall. Auch Atheisten und Agnostiker habe eine Beziehung zur Kirche. Um diese Art der Beziehung, selbst wenn sie von Christen gepflegt wird, geht es hier sicher nicht. Die Beziehung des Gläubigen zu seiner Kirche, konkret meine Beziehung zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche aber kann kaum ausgeblendet werden. Sie ist Teil meiner Beziehung zu Gott.
Wie gesagt, es geht um die Beziehung zu dem einem personalen Gott. Konkret wird es hier um die Beziehung zu jenem Gott gehen, den wir als den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfers des Himmels und der Erde bekennen. Es geht um jenen Gott, der uns in der Schrift entgegen tritt mit dem Anspruch: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Und es geht um den dreifaltig einen Gott, den praktisch alle christlichen Konfessionen bekennen, selbst wenn diesbezüglich in letzter Zeit gewisse Theologen dies zu hinterfragen beginnen.
Natürlich wird es nicht zu vermeiden sein, in diesen Überlegungen auch immer wieder auf diese grundlegenden Glaubenswahrheiten zu sprechen zu kommen, aber nicht im Sinne einer Beweisführung – schliesslich bin ich nicht Theologe –, sondern im Sinne einer Vertiefung, einer persönlichen Annäherung an das Geheimnis.
Ich bin nicht Theologe, schon gar nicht Spezialist einer bestimmten theologischen Fachrichtung. Ich bin nicht einmal Wissenschaftler. Deshalb ist alles hier, soweit nichts anderes angegeben ist, meine persönliche Meinung, möglicherweise voll von Fehlern und Irrtümern. Das soll aber niemand daran hindern, sich damit zu befassen, einfach immer im Bewusstsein, dass allein die Lehre der Kirche massgebend ist.
Aus dem gleichen Grund wird es wohl auch öfters vorkommen, dass in diesem Text direkte oder indirekte Zitate verwendet werden, für die ich nicht in der Lage bin, die Quellen anzugeben, oder die mir vielleicht gar nicht als fremde Gedanken bewusst sind. Hier bitte ich um Verständnis.
Und ganz besonders möchte ich nicht als Guru angesehen werden, der anderen seine Meinung, seine Ideen oder Ideologie aufzwingen will. Ich hoffe auf Leser, die sich die Mühe nehmen, selber zu denken und gegebenenfalls, wo sie es als nötig erachten, sich auch selber zu informieren, was die Kirche sagt und was nicht.
In diesem Sinne wünsche ich allen eine nützliche Lektüre, die ihnen in ihrer ganz persönlichen, einmaligen und bewussten Gottesbeziehung weiterhilft.
„Ich glaube, aberr ...“ Wer von uns ist nicht immer wieder in Versuchung, so zu denken. Ich glaube. Ich glaube an Gott, aber das, was die Kirche sagt, das stimmt für mich so nicht, das würde ich nicht so sagen, das war vielleicht früher einmal richtig, doch heute?
Meist ist eine solche Haltung nicht direkter Unglaube. Meist unterscheiden wir einfach zu wenig zwischen der Glaubenssubstanz und den Bildern, unter denen sich uns diese Substanz präsentiert. Wir Menschen haben nur unsere menschliche Sprache, unsere menschlichen Begriffe und Bilder, um all das auszudrücken, was uns begegnet, was uns bewegt, also auch alles, was wir glauben. Diese Begriffe und Bilder sind wandelbar, passen sich der Zeit an und der Kultur. Die Glaubenssubstanz dahinter aber bleibt unveränderlich. Um zu diesem Unveränderlichen, Absoluten vorzustossen, bleibt uns schliesslich nur der Glaube, ein Glaube der weiss, dass alles, was wir sagen, diese vergängliche und beschränkte Dimension hat, dass er immer der Spagat ist zwischen diesem Abhängigen, Relativen und der ewigen Wahrheit.
„Ich glaube, aberr ... “ muss also heissen, „Ich weiss, dass all das wahr ist, aber noch viel umfassender, grösser, herrlicher, als ich, als wir dies je auszudrücken vermögen.
Die Wahrheit, die effektive, absolute Wahrheit übersteigt also jedes Bild und jeden menschlichen Begriff. Wir glauben: Die Wahrheit ist eine Person, Christus, der Herr. Er selber erlaubt uns, so zu formulieren.1 „Die Wahrheit ist nur in Gott“ sagt man manchmal. Auch das ist nicht falsch. Aus unserer Sicht müsste es wohl eher heissen: „Gott ist die Wahrheit“ denn Christus ist Gott.
„Die Wahrheit ist Gott“ lautet eine andere Formulierung, die jedoch höchst missverständlich ist. Solange sie identisch mit „Gott ist die Wahrheit“ verstanden wird, ist nichts dagegen einzuwenden. Wenn aber damit aus der abstrakten Wahrheit eine Gottheit gemacht wird, ist das absolut falsch. Die Wahrheit ist keine Abstraktion, wenigstens nicht die absolute Wahrheit, die Wahrheit des Glaubens. Naturwissenschaftliche Wahrheiten sind Abstraktionen. Das ist sehr deutlich aufzeigbar in der Mathematik. Jede mathematische Formel ist so lange „absolut“ wahr, bis sie auf die konkrete Realität angewandt wird. Dann wird sie sofort relativ und gerät in Anhängigkeit von dieser konkreten an Ort und Zeit gebundenen Realität.
Gott aber ist unabhängig von Raum und Zeit und jedwelchen anderen Beschränkungen. Deshalb ist Gott die Wahrheit. Gott aber ist eine Person, deshalb ist die Wahrheit eine Person.
1 Siehe Joh 14,6
Die Tatsache aber, dass Gott eine Person ist, erlaubt es, dass wir Menschen zu ihm in eine Beziehung treten können. Eine Beziehung, das haben wir in der Einleitung definiert, ist nur zwischen Personen möglich. Eine weitere Definition muss hier angefügt werden: Wahre Beziehung lebt aus der Gegenseitigkeit. Der Glaube, so wie ihn uns unsere Kirche darstellt, lebt aus dieser Gegenseitigkeit der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Gott ist es, der den Glauben schenkt. Der Mensch ist es, der dieses Geschenk aus freiem Entscheid annehmen kann. Gott ist es, der uns den Inhalt des Glaubens offenbart. Der Mensch ist es, der diesen Inhalt mit seinem Verstand, aber auch mit seinem Herzen aufnimmt, erwägt und Konsequenzen daraus zieht.
Hier kommt noch eine dritte Grösse ins Spiel, die Kirche. Sie ist es, durch die uns Gott den Glauben schenkt. Sie ist es, die uns den Inhalt formuliert und erklärt. Sie ist es, die uns bei der Erwägung des Glaubens leitet und bei der Umsetzung führt. Sie ist die Mittlerin, man könnte auch sagen die Dolmetscherin in dieser Beziehung.
Das heisst nun aber nicht, dass wir nicht auch direkt mit Gott verkehren können. Darauf werden wir später zurückkommen. Aber eine Gottesbeziehung ohne die Kirche riskiert immer, die Gewichtungen zu verschieben, das Ich in den Vordergrund und Gott in den Hintergrund zu stellen.
Wahre Beziehung beruht auf Gegenseitigkeit. Wechselseitig ist auch das Verhältnis zwischen Gottesbeziehung und Glaube. Ohne Gottesbeziehung ist der Glaube tot. Ohne Glaube ist die Gottesbeziehung eine Illusion.
Schon in unseren mitmenschlichen Beziehungen ist der Glaube ein tragendes Element. Wenn ich meinem Nächsten nicht glaube, kann ich ihm nicht trauen, kann keine wirkliche Beziehung entstehen, weder eine gefühlsmässige noch eine verstandesmässige. Ähnlich ist es bei Gott. Wenn ich nicht an ihn glaube und wenn ich nicht glaube, was er mir sagt, kann ich Gott auch nicht trauen und schon gar nicht vertrauen. Dann aber werde ich nie zu einer wirklichen Beziehung zu ihm gelangen, weder verstandesmässig noch gefühlsmässig.
Wir haben aber gesehen, dass der Glaube zuerst einmal ein Geschenk ist. Er ist die Basis von allem. Andererseits sehen wir, dass wir irgendwie zuerst glauben müssen, an Gott glauben, an einen personalen Gott glauben, um dieses Geschenk überhaupt zu sehen, um es annehmen und für uns nutzbar machen zu können. Das Bewusstsein, dass der Glaube ein Geschenkt ist, hilft uns zu verstehen, dass es der Annahme des Glaubens bedarf, um daraus eine Beziehung zu machen. Diese Beziehung beruht dementsprechend auf der freiwilligen Annahme jenes Glaubens, den Gott uns freiwillig und unverdienterweise geschenkt hat. Ich glaube Gott, weil ich die Beziehung zu ihm will.
Man könnte auch umgekehrt formulieren: „Wer nicht glauben will, wird niemals glauben.“ Wir berühren hier das Problem der menschlichen Freiheit. Wenn wir die Grösse und Allmacht Gottes betrachten, so ist es schwer zu verstehen, dass das Geschöpf Mensch die Geschenke seines Schöpfers nicht ganz selbstverständlich annimmt, ja, dass er überhaupt die Möglichkeit hat, sie nicht anzunehmen. Warum er diese Freiheit hat, das ist ein Geheimnis. Vielleicht wird es uns verständlicher, wenn wir die Liebe Gottes betrachten werden.
Gehen wir hier einfach einmal davon aus, dass er sie hat. Er kann glauben wollen oder auch nicht. Dabei wird er seinen Verstand zu Rate ziehen und sich fragen, ist es vernünftig zu glauben oder nicht. Doch bleibt er auch damit oft im Ungewissen. Oft bleibt ihm keine andere Wahl als zu fragen: „Wem will ich glauben?“
Das kleine Kind glaubt, weil es seinen Eltern glaubt. Der Christ glaubt, weil er seinem Vater im Himmel glaubt, weil er glaubt, dass die christliche Botschaft nicht irdischen Ursprungs ist. Er erkennt in ihr die Handschrift Gottes. Er begreift, dass er von sich aus nie fähig sein wird, diese Wahrheit, die Gott ist, diesen Gott, der die Wahrheit ist, zu erkennen. So ist er offen, um nicht zu sagen neugierig auf dieses Geschenk, so dass er es ergreift und sich von ihm gefangen nehmen lässt.
Das kleine Kind glaubt seinem Vater und seiner Mutter. Der Schüler glaubt seinem Lehrer. Genau so glaubt der Christ der Kirche. Er weiss, dass er nicht alles selber weiss, ja, selbst wenn er dies wollte, nicht alles selber erfahren oder ergründen und beweisen könnte. Er stützt sich auf die vielen Jahrhunderte von Erfahrung und Erkenntnis, die diese Kirche in Forschung und Lehre und im Leben ihrer Glieder, insbesondere ihrer Heiligen gesammelt hat. Hier ist ein Schatz, den er allein nur brosamenweise zu heben vermag.
Der Gedanke, dass diese Kirche seine Mutter sein will und ist, gibt ihm auch Ruhe und Gelassenheit in all dem Streit der Meinungen und Ansichten, der um uns herum oft so heftig tobt. Ich kann und muss nicht alles wissen. Ich darf mich irren. Ich habe immer wieder einen Bezugspunkt, an dem ich meine Gedanken und Vorstellungen messen kann.
Natürlich kann man sagen, auch die Kirche könne irren. Auch wenn wir an ihre Unfehlbarkeit glauben, es gibt immer wieder Punkte, die nicht darunter fallen, und es gibt noch mehr Einzelaspekte, die nur im Gesamtzusammenhang richtig verstanden werden können, einseitig betont aber falsch sind. Es gibt zudem zeitbedingte Aussagen, die sich zumindest schwerpunktmässig ändern können. Die Verantwortung für die richtige Lösung, die richtige Aussage nicht übernehmen zu müssen, ist gerade für den Laien sehr beruhigend.
Die Versuchung ist nun, dass wir uns im Glauben mit dem begnügen, was wir einmal wissen, was die Antwort in einer bestimmten Situation sein kann oder ist. Dann aber müssen wir aufpassen, dass wir aus dem ganzen, real existierenden Gott für alle Menschen einen kleinen Teilgott für uns selber herausschneiden und uns nicht mehr um den Rest kümmern. Das wäre Relativismus in Reinkultur. Das wäre ein Gott, der für mich so, für andere anders und für wieder andere nochmals anders ist.
Das wiederum wäre die Leugnung eines real existierenden, personalen Gottes, der sich uns Menschen offenbart. Natürlich übersteigt dieser Gott all unser Denken und Fühlen. Natürlich offenbart er sich uns so, wie wir ihn erfassen können, dem einen so, dem anderen anders. Natürlich verstehen wir seine Offenbarung nur im Rahmen unserer Zeit und unserer Kultur, mit unserer Sprache, unseren Bildern, unseren Begriffen. Doch gerade dies ist für uns auch eine grosse Chance. Wir haben die Möglichkeit und sind eingeladen, ja aufgefordert, sie zu nutzen. Wir dürfen Gott immer mehr, immer besser, immer umfassender, immer tiefer erkennen und erfahren. Wir dürfen lernen, hinter all unseren Vorstellungen das jeweils Grössere zu erahnen, jenes Grössere, das sich uns einst in der ewigen Heimat voll erschliessen wird.
Gott erfahren. Immer wieder taucht, gerade in unserer heutigen Zeit, dieser Begriff auf. Ja, es gibt eine Richtung der Religionspädagogik, die versucht, Gotteserfahrungen zu vermitteln, um zum Glauben zu führen. Dabei ist es doch genau umgekehrt. Je besser es gelingt, den Glauben zu vermitteln bzw. zu erfassen, desto tiefer werden die Gotteserfahrungen.
Es ist doch eine alte Weisheit, dass ich alles zuerst einmal so erfahre, wie ich glaube, dass es sei. Das gilt auch in Bezug auf Gott. Ich erfahre Gott so, wie ich glaube, dass er sei. Unsere Vorfahren haben an einen gestrengen aber gerechten, richtenden und strafenden Gott geglaubt und ihn auch so erfahren. Heute glauben wir mehr an einen gütigen, liebenden, alles verstehenden und alles verzeihenden Gott und erfahren ihn auch so. Aber beide Arten der Gotteserfahrung riskieren in ihrer Einseitigkeit an der Realität Gottes vorbei zu gehen.
Der Glaube lehrt uns einen weit grösseren, umfassenderen Gott, einen Gott, der gleichzeitig gerecht und barmherzig, streng und liebend ist. Je mehr ich an diesen nur schwer begreifbaren Gott glaube, desto mehr erfahre ich ihn in allen Situationen meines Lebens, in Freud und im Leid, im Zweifel und in der Gewissheit, in der Gottferne und in der Gottnähe.
Damit aber eine solche Gotteserfahrung echt ist und bleibt, ist es wichtig, dass sie unserer Kontrolle nicht entgleitet, dass sie Fantasie und Realität, Gefühl und Wahrheit nicht vermischt. Dazu gibt es ein einfaches, aber wirksames Mittel. Es ist das ständige und bewusste: „Du, mein Herr und mein Gott!“
Nur wenn wir immer und überall Gott als unseren Herrn anerkennen, können wir uns bewusst bleiben, dass unsere Gotteserfahrungen einerseits immer nur ein Geschenk sind, und andererseits, dass wir uns immer überlegen müssen, sind es wirklich Gotteserfahrungen, oder ordnen wir irgendwelche andere Erfahrungen Gott zu. Das aber wäre dann nicht mehr der real existierende Gott, sondern ein Produkt unserer Fantasie.
Der bewusste Glaube an Gott als unseren Herrn kann uns helfen, zwischen Gotteserfahrungen und Wunschträumen (oder gegebenenfalls auch Angstträumen) zu unterscheiden. Dieser Glaube hilft uns, zu jenen Kontrollmechanismen zu greifen, die Gott uns durch seine Heilige Kirche schenkt. Es sind dies die Schrift und das Lehramt, die Dogmen und die anderen lehramtlichen Äusserungen. Er hilft uns auch, die Bescheidenheit, oder besser gesagt die Demut, zu wahren, wenn unser Verstand der Versuchung zu erliegen droht, selber wissen, selber entscheiden zu können, was richtig und was falsch, was gut und was böse ist.
Dogmen werden heute oft verschrien als Diktate der Kirche, als Denkverbote und dergleichen mehr. In Wahrheit sind sie nichts anderes als die Leiplanken unseres Glaubens. Diese Glaubenssätze lassen uns einen weiten Spielraum für unsere eigenen Überlegungen, ja sogar unsere eigenen Fantasien. Sie haben alle ein breites Spektrum verschiedener Aspekte. Einmal wird uns dieser, dann wieder jener wichtiger erscheinen. Einmal wird jener im Vordergrund stehen, dann wieder dieser. Für all das stecken uns die Dogmen den Rahmen ab. Sie verhindern, dass wir plötzlich in allzu einseitigen oder gar falschen Vorstellungen landen.
So gesehen sind also die Dogmen ein Geschenke Gottes. Sie gehören zum Geschenk unserer Glaubensfreiheit. Gott lässt uns ja immer jene Freiheit, die er uns, seinen Geschöpfen, als Teil unserer Ebenbildlichkeit Gottes geschenkt hat. Er nimmt sie nie zurück. Er will, dass wir sie auch in der Beziehung zu ihm gebrauchen. Es gibt aber keine wahre Freiheit ohne Verantwortung. Er gibt auch keine Freiheit des Glaubens und keine freie Gottesbeziehung ohne Verantwortung, ohne die Verantwortung vor dem, zu dem wir vertrauensvoll rufen: „Du, unser Herr und Gott!“
Mit der Frage nach den Dogmen kommt immer auch die Frage nach dem Zweifel. Wenn ich mich richtig besinne, gab es in einem Beichtspiegel meiner Jugend die Frage: „Habe ich gezweifelt?“ Nun aber ist der Mensch ein Wesen, das fragen kann, ja fragen muss, wenn es sich weiter entwickeln will. Mit den Fragen aber kommen immer auch die Zweifel. Denn ohne den Zweifel gäbe es wohl keine Fragen.
Es scheint, dass der Begriff „Zweifel“ nicht eindeutig ist, dass die Abgrenzung zwischen fragen und zweifeln kaum je präzise vorgenommen werden kann. Deshalb glaube ich, dass der Zweifel, das Infragestellen sogar von Dogmen und lehramtlichen Äusserungen zu unserem Glauben gehört. Er kann zur Vertiefung und Erweiterung des Glaubens führen. Voraussetzung ist einfach, dass es dabei immer um die Verbesserung unserer Gottesbeziehung geht. Zweifel im Sinn einer Sünde wäre demzufolge, bewusst im Zweifel zu verharren und nicht bereit und offen zu sein für die Offenbarung Gottes. Sünde wäre es, eine einseitige oder irrige Meinung nicht aufgeben zu wollen zugunsten des Grösseren, Umfassenderen, des Katholischen, Allumfassenden. Das ist nicht immer leicht. Das bedeutet oft Kampf gegen das eigene Ich. Wenn wir aber ganz bewusst hindurch gehen, auf das Ziel, auf Gott hin, machen wir daraus ein Fitnessprogramm für unseren Glauben, der dadurch fester und sicherer wird gegenüber weiteren Anfechtungen.
Glaube sei unvernünftig, hört man oft. Dem könnte man entgegnen, dass es unvernünftig sei, den Glauben allein in der Vernunft ansiedeln zu wollen. Menschliche Vernunft misst mit menschlichen, irdischen Massstäben. Deshalb hat sie auch keine Antworten auf das, was über die Vernunft hinaus geht, was das Geschenk des Glaubens ist. Dieses Geschenk aber ist nicht in der Vernunft angesiedelt, sondern im Herzen, dort wo die Liebe ihren Platz hat.
Der Glaube widerspricht der Vernunft nicht. Darüber ist schon viel diskutiert worden. Der Glaube ist auch in sich logisch, sofern man die Grundlagen anerkennt. Das allerdings ist die Voraussetzung. Und diese Grundlagen sind geoffenbart. Um die Offenbarung verstehen zu können, braucht es die Vernunft. Um sie aber zu beweisen, genügen die Mittel der Vernunft allein nicht.
Vielleicht ist es gewagt zu sagen, unser Glaube sei ein Akt der Liebe zu Gott. Wir glauben, weil wir ihm, unserem Gott und Herrn glauben. Wir glauben ihm, weil wir ihn lieben. Und umgekehrt lieben wir auch Gott, weil wir das glauben, was er über sich geoffenbart hat und was dann unser Verstand als ein Grund, eine Rechtfertigung unserer Liebe zu ihm anerkennt. Das ist alles irgendwie gegenseitig. Gegenseitigkeit aber ist das Kriterium der Beziehung zwischen Personen. Darum ist der Glaube auch ein entscheidender Teil unserer Gottesbeziehung.
Wenn es um die Gottesbeziehung geht, kommt kein Christ an der Frage der Dreifaltigkeit vorbei. Es geht hier nicht darum, diese zu beweisen – das ist für einen Gläubigen eine Offenbarung. Es geht hier auch nicht darum, diese zu erklären. Das ist eine Frage an die Theologen. Es geht um die Frage, was bedeutet die Dreifaltigkeit für meine Beziehung zu dem einen Gott.
Ich glaube, in der Dreifaltigkeit wird Gott für uns erst richtig konkret. Gott ist Gott und ist nur einer. Was und wer er ist, können wir Menschen in unseren Begriffen nie wirklich begreifbar ausdrücken. Wenn wir dann fragen, wie er ist, dann bietet sich die Dreifaltigkeit geradezu als Umschreibung dieser Realität an. Diese Sicht Gottes zeigt zuerst einmal seine ganze Grösse. Drei Personen in einem Wesen, das lässt uns erahnen, wie unfassbar dieser Gott eigentlich ist. Und doch kommt uns Gott gerade in dieser Sicht näher als in jeder anderen Definition. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind in unserer menschlichen Sprache konkrete Personen. Zu jeder dieser Personen können wir nun eine ganz persönliche, sehr reale Beziehung aufbauen. Immer aber haben wir dabei die gleiche, persönliche Beziehung zu diesem einen Gott. Zu jeder dieser drei Personen sagen wir „Herr“, so wir es auch zu dem einen Gott tun, der alle drei umfasst.
