Gottfried - Peter Houska - E-Book

Gottfried E-Book

Peter Houska

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Beschreibung

Die schützenden Wände seines Elternhauses zurücklassend, muss sich Gottfried im zarten Alter von einundfünfzig Jahren ab sofort allein versorgen. Er, der mächtige Schöpfer und Weltenlenker der Han-Jen, wurde brutal verstoßen und findet sich in der Pension Schönblick wieder. Wütend auf seine Mutter, die seinen Rauswurf offenbar auch noch feiert, beginnt er die Geschichte seines Volkes weiter zu schreiben. Derweil scheint die Welt sich gegen ihn zu verschwören: zwielichtige Gestalten, Busse, Bankräuber und letzten Endes sein eigenes Volk lehnen sich auf, doch Gottfried, unsterblicher Hann, kann nicht aufgehalten werden. Auch nicht von seiner Mutter.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Houska

Gottfried

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Niemand, aber auch wirklich niemand hätte je vermutet, dass die hohen, bewachsenen Mauern dieser etwas heruntergekommenen, düsteren Gründerzeitvilla einen Gott beherbergten. Nun ja, was heißt schon Gott? Ein kleiner Gott vielleicht, wenn man darunter den Schöpfer und Lenker einer Phantasiewelt und deren Bevölkerung und Kultur versteht. Aber wie auch immer, dieser Gott lebte nicht allein in dem abweisend wirkenden Haus, sondern bewohnte mit seiner Mutter die diversen großen, hohen Räume, und, was für unseren Gott weit wichtiger war: Die sehr geräumigen Kellergewölbe. In diese Unterwelt jedoch stieg die Gottesmutter äußerst selten hinab, und zu den beiden größten Kellerräumen hatte sie überhaupt keinen Zugang, denn diese hatte er, Gottfried, ganz für sich reserviert, hatte sie mit mächtigen Schlössern verriegelt und verrammelt. Anzumerken wäre noch, dass diese Mutter keinen blassen Schimmer hatte, die Gebärerin eines Weltenlenkers zu sein.

Heute aber war etwas eingetreten, mit dem dieser seltsame Gott hin und wieder gerechnet, nie aber ernsthaft geglaubt hatte, dass es eintreten würde - sofern ein Gott je an etwas glauben kann: Heute, an seinem einundfünfzigsten Geburtstag hatte ihn seine Mutter vor die Tür gesetzt. SIE hatte endgültig ihren Glauben an ihn aufgegeben, hatte endgültig die Nase voll. Maria Kreeter hatte es mehr als satt, ihr Haus mit ihrem meist unsichtbaren Sohn Gottfried zu teilen, den Rest ihres Lebens mit einem ältlichen Kind zu verbringen, einem hoffnungslosen, verschrobenen, schweigsamen Nichtsnutz.

Da stand er nun, mit zwei Koffern, rechts und links, die einige seiner kostbarsten Güter enthielten und betrachtete mit einem hochmütigen Lächeln die bröckelnde Fassade des Hauses, das ihm von nun an verschlossen sein sollte.

Wie hätte eine knappe Beschreibung seines Äußeren durch einen zufälligen Passanten gelautet? Nun, wahrscheinlich wie die, der einzigen Freundin seiner Mutter, die ihn vielleicht zwei bis drei Mal zu Gesicht bekommen hatte: Kurz.

Alles an Gottfried wirkte kurz, der Hals, der Rumpf, die Arme und Beine. Äußerst kurz wirkten seine Finger, aber niemand hätte die ungeheure Geschicklichkeit vermutet, zu deren sie fähig waren. Merkwürdig war sein Gesicht. Die eigene Mutter hatte es einmal mit einem schlecht geformten Laib Brot verglichen, das der Bäcker nicht für wert befunden hatte, in den Backofen zu schieben. Die spärliche Hauptbehaarung machte den Eindruck, als hätte ein Frisörlehrling achtlos ein paar Strähnen Haare von undefinierbarer Farbe auf den kahlen Schädel geklebt. Außergewöhnlich in diesem teigigen, ohnehin merkwürdigen Gesicht waren die Augen. Eine für sie zutreffende Charakterisierung wäre - tot - gewesen. Aber ein gründlicher Betrachter hätte sie vielleicht mit - völlig nach innen gerichtet - beschrieben. Am lächerlichsten in diesem ohnehin komischen Gesicht war der Mund, wenn man mit Mund eine etwa daumengroße, runde Öffnung oberhalb des schwammigen Kinns bezeichnen will.

Ja, da stand nun sinnend diese merkwürdige Figur in den fleckigen, ausgewaschenen Blue Jeans und dem altmodischen, hellblauen Sakko und bewegte sich vorerst nicht von den Stufen seines ehemaligen Heims.

Wie wird so eine exorbitante Erscheinung zu einem Schöpfer, Herr über das Wohl und Wehe einer Welt, eines Volkes, wird man sich fragen? Und tatsächlich hatte auch dieser (oder nur dieser) Gott einen Anfang, ein Erwachen, eine Entwicklung. Ähnlich wie der Homo Sapiens sich aus Hominiden entwickelt hatte, hatte sich aus dem Homo Sapiens Gottfried Kreeter der Schöpfergott HANN entwickelt. Und auch dies war nicht von heute auf morgen geschehen.

„Mach’, dass du weiterkommst, es gibt noch ein paar Koffer mehr zu transportieren!“ tönte die Stimme seiner Mutter hinter der geschlossenen Tür. Nun, ganz so grausam, wie es klingt, war das Ganze nicht. Immerhin hatte ihm Maria Kreeter einen Scheck über 20.000 Euro ausgestellt und ihm fürs erste ein Zimmer in einer anständigen Pension besorgt.

Gottfried verzog seinen Mund zu einer Art Mona Lisa-Lächeln, fasste die Koffer und setzte sich in Richtung, der von seiner Mutter beschriebenen Bushaltestelle, in Bewegung. Die Koffer waren recht schwer, denn sie waren angefüllt mit Dutzenden von Kladden und Zeichenblöcken verschiedener Größen, und schon nach etwa zehn Metern musste er stehen bleiben, um sie abzusetzen. Es war ein heißer Julitag und Gottfried drohte der Sonne mit der Faust. Als er endlich an der Haltestelle anlangte und der Bus hielt, bekam er es mit der Angst zu tun. Das Fahrzeug war voll besetzt und er hatte schon lange Zeit nicht mehr so viele Menschen so dich gedrängt auf einem Platz gesehen, daher beschloss er, den nächsten Bus abzuwarten.

2

Gottfried war mit dem Makel der unehelichen Geburt behaftet, was ihm aber nie zum Nachteil gereichte. Einen Vater hatte er auch nie vermisst. Der Vater fehlt einem doch nur, wenn man weiß, dass es überhaupt einen Vater gibt. Außerdem konnte er sich unmöglich vorstellen, dass seine Mutter Dinge tat, wie dieses Mädchen ihm erzählt hatte, das heimlich zu ihm in den Garten gekommen war. Mir nichts, dir nichts hatte ihm diese frühreife Zwölfjährige (er war damals elf) mit tückischem Lächeln erklärt, wie Kinder „gemacht“ werden. Gottfried war abwechselnd blass und rot geworden. Die Göre wollte daraufhin mit ihm Doktor spielen, hatte ihm Ihrs gezeigt, wollte dann auch Seins sehen. Dabei hatte er sich dermaßen dämlich angestellt, dass das Mädchen schrill lachend aus dem Garten geflohen war. Der kleine Gottfried hatte lange verzweifelt herumgestanden. Aus so einem Schlitz sollte er gekommen sein? Vorher sollte ein fremder Mann seinen Pippi in den Schlitz von Mama gesteckt haben, um dann etwas in seine Mama hineinzuspritzen - ekelhaft! Das konnte nie und nimmer sein. Nein, wenn er schon aus seiner Mama gekommen war, dann höchstens durch ihren Bauchnabel. Den hatte er einmal zu Gesicht bekommen und fand ihn schön und aufregend. Außerdem hatte das liebe Jesulein, von dem seine Mutter manchmal sprach, auch keinen echten Vater gehabt. Von da an hielt sich Gottfried, wenn überhaupt, für eine Jungfrauengeburt. Falls sein Vater existierte, dann äußerte sich das höchstens in Form von Schecks, die in unregelmäßigen Abständen mit der Post kamen. Die Unregelmäßigkeit schien aber durch ihre Höhe wieder wettgemacht zu werden, denn bisweilen stieß seine Mutter beim Lesen dieser kleinen Papierdinger entzückte Rufe aus. (Oh, lá lá, oder: Du lieber Himmel, was ist er wieder generös) Das verunglückte Doktorspiel war und blieb für ihn in der Hinsicht übrigens die einzige Begegnung mit dem anderen Geschlecht.

Maria Kreeter hatte nie mit ihrem kleinen Jungen über den Vater gesprochen. Außerdem war sie am Anfang, wie so viele Mütter, von der Gewissheit besessen, ihr Sohn sei etwas ganz Besonderes, etwas, das man vom gemeinen Volk fernhalten müsse, etwas, dessen Genie man unbedingt fördern müsse. Daher hielt sie ihren kleinen Götti (wie er diesen albernen Kosenamen gehasst hatte) von gleichaltrigen Spielkameraden fern. Auch den Kindergarten hielt Maria Kreeter für eine Institution, in der man seinem Genius nur Schaden zufügen würde. Sie überhäufte ihn mit teuren Bilderbüchern, Kunstbänden, Atlanten, naturwissenschaftlichen Bildwerken. Auf dem Grammophon, ein Gerät von Braun, im Volksmund seinerzeit „Schneewittchensarg“ genannt, spielte sie ihm jede Menge klassischer Musik vor. Bach, Beethoven, Mozart, Scarlatti, Götti saß brav auf seinem Stuhl, schloss wie seine Mutter beim Hören die Augen und lauschte auf den Schlag seines Herzens. Vor dem Schlafengehen las sie ihm anstelle von Märchen, Gedichte von Goethe, Schiller und Rilke vor. Zu der Zeit fingen Gottfrieds Augen an, sich zu verschleiern, zu verdunkeln, sich ganz nach innen zu richten. Von all den Büchern schien er sich vor allem für die Atlanten und sonst nur für den Globus zu interessieren. Später blätterte er auch oft in Kunstbänden über Michelangelo und Dürer. Während seine Mutter ihn abends mit Gedichten traktierte, blickte er durch ihren sich bewegenden Mund und sah fremde Landschaften mit merkwürdigen Tieren, und alles bewegte sich im sprachlichen Rhythmus ihres Gedichtvortrags. Gottfried versuchte diese Dinge festzuhalten, sie zu manifestieren, so fing er zu zeichnen und zu malen an. Tagsüber blieb sich Gottfried in dem abgeschlossenen Haus die meiste Zeit selbst überlassen. Einmal, es dämmerte bereits, entdeckte er in seinem Zimmer eine Stelle, an der die alte Tapete eingerissen war. Wie er so darauf starrte, nahm dieser Einriss die Form eines stierähnlichen Tieres an. Gottfried griff zu seinen Stiften und zeichnete die Umrisse nach. Erstaunt über das gelungene Werk, malte er es mit Buntstiften aus und sah, dass es gut war. Nun gab es kein Halten mehr, auch das altmodische Blumenmuster der Tapete inspirierte ihn, und als seine Mutter nach Hause kam, bevölkerte eine üppige Fauna und Flora die halbe Wand. Maria Kreeter war über das Werk ihres Sprösslings ganz und gar nicht erbaut. „Narrenhände beschmutzen Bücher, Tisch und Wände“, schalt sie und schlug ihm auf die Händchen. Gottfried war entsetzt, sprach drei Tage lang nicht mit seiner Mutter, setzte aber sein Werk unverdrossen fort. Da Maria Kreeter einsah, dass sie mit Wut und Strafe nicht weiterkam, besorgte sie ihm schließlich resigniert Zeichenblöcke. In seinem Wahn hätte Götti am Ende das ganze Haus zugeschmiert, vermutete sie. Zeichnen, malen! Dabei war sie sich doch so sicher, dass in Götti ein naturwissenschaftliches Genie steckte.

3

Der nächste Bus kam. Nach Gottfrieds Geschmack war er zwar noch immer zu voll, aber wollte er vor Einbruch der Nacht mit seinem Umzug fertig sein, musste er nun einsteigen. Auf die Idee, ein Taxi zu nehmen, kommt ein Gott wohl nicht so schnell. Er bugsierte sein schweres Gepäck an einen freien Platz in der Mitte des Fahrzeugs und stellte sich schützend davor. Der Bus fuhr mit einem Ruck an und Gottfried landete auf dem Schoß einer älteren Dame, auf dem schon ihr Hündchen saß. Es gab ein fürchterliches Gejaule und einen entsetzten Aufschrei von der Dame. Gottfried hatte keine Ahnung, wie man sich in einer solchen Situation verhalten sollte, so brachte er nuschelnd hervor: „Gott sei Dank ist es kein Kind.“ Die Dame fing daraufhin fürchterlich zu keifen an, stieß irgendetwas von Tierarztrechnung hervor, dabei hatte sie eine unglaublich feuchte Aussprache, dass ihm übel wurde. Gerade als sie handgreiflich gegen den armen Gottfried vorgehen wollte hielt der Bus, sodass er flüchten konnte.

Das Unternehmen Umzug ließ sich ja gut an!

Er war jetzt an einer Haltestelle, die schon recht nahe der Stadtmitte war. Diese Leute, dies Unmasse von Menschen, Gottfried schwitzte noch mehr. Und es kamen immer mehr Leute zu dieser Haltestelle. War das denn die einzige Haltestelle dieser Stadt? Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. In diesem Augenblick versuchte sich ein kleiner Ganove mit einem seiner Koffer aus dem Staub zu machen, ließ es wegen des Gewichtes bei dem Versuch, konnte es sich aber nicht verkneifen Gottfried wegen seines blöden Lächelns eine Reinzuhauen. In seiner Welt hätte HANN diesen Idioten augenblicklich wegen Gotteslästerung lebenslang in die Erzminen verbannt. So aber begnügte er sich mit einem, teils erstaunten, teils tadelnden Blick, ehe sich der Ganove davonmachte. Diese kleine Szene zeigt schon, dass Gottfried kein besonders origineller Gott ist, wenigstens in dieser Hinsicht nicht - Verbannung in die Erzminen! Na, wenigstens kein Todesurteil. Aber wo, oder in welchem Universum ist es Voraussetzung, dass ein Gott originell sein muss. Nein, es schien sogar eine hervorragende Eigenschaft von Göttern zu sein, sich endlos zu wiederholen.

Gottfrieds Blick blieb an einem Schild an einem Haus gegenüber der Haltestelle hängen. Es dauerte eine Weile, ehe er begriff, dass er nicht mehr weiterfahren musste.

Pension Schönblick konnte er lesen, sein zukünftiges Heim, wenn er seine Mutter recht verstanden hatte. Wie war wohl das Schöne beschaffen, auf das er blicken sollte? Die Bushaltestelle? Er packte also seine Koffer und überquerte schnaufend die Straße. Im Eingangsbereich roch es nach Zigarrenrauch. Als Gottfried an der Rezeption vorbei wollte, tauchte hinter Empfangstresen eine massige Gestalt aus dem Halbdunklen auf und rief: „Halt! Stehen geblieben! Wo wollen Sie hin?“ Neonlicht ging an. Gottfried erschrak. Der schnauzbärtige, große Mann sah ihn zunächst misstrauisch, dann ungläubig an. „Äh...für mich ist...äh, für mich ist ein Zimmer hier reserviert worden“, stotterte Gottfried. Der Mann sah noch ungläubiger drein, knurrte dann aber doch: „Hat man einen Namen?“ „HANN“, entfleuchte es Gottfried. „Hann“, grunzte der Mann, „soll das eine Name sein?“ Gottfried bemerkte seine Selbstentblößung. „Gottfried“, berichtigte er sich. „Der Vorname, oder der Nachname?“ wollte der Schnauzer wissen.

„Äh...der...der Vorname.“

„Meine Zeit ist begrenzt, den Nachnamen, wenn ich bitten darf.“

Gottfried dachte scharf nach, holte endlich seinen längst abgelaufenen Personalausweis hervor.

„Kreeter...äh...Gottfried Kreeter.“

„Gottlob, ich habe schon befürchtet, wir kriegen es bis Weihnachten nicht mehr hin“, sagte der Mann und sah in einem Buch nach. Danach griff er nach einem Schlüssel, behielt ihn aber fest in der Hand, um Gottfried noch einmal eingehend zu mustern. Endlich händigte ihn ihm der Mann widerwillig aus. „Frühstück von sieben bis zehn, keine Weiber oder Stricher. Auf dem Zimmer wird nicht gekocht, alles klar? Wie ich sehe, bleiben Sie länger - drei Monatsmieten im Voraus, aber nur weil’s Sie sind.“ Gottfried fischte ein Bündel Banknoten aus der Brieftasche, die seine Mutter ihm zusätzlich mitgegeben hatte - fürs erste. Der Mann griff sich das Bündel, ehe Gottfried piep sagen konnte, nahm einige an sich und gab ihm den Rest zurück. „Zweiter Stock, rechts“, sagte der Zerberus und da Gottfried stehen blieb: „Sonst noch was?“ „Was ist das Schöne, auf das man blicken kann?“ fragte Gottfried nun selbstbewusster. „Das Schöne, wie?“ sang der Klotz, „Mann, das Schönste, was wir hier haben, ist die Baustelle hinten raus.“

Kein Fahrstuhl. Gottfried ächzte die alten Holztreppen hinauf. Er war sein Lebtag lang in keiner Pension gewesen und fand das Zimmer recht feudal. Es war ziemlich groß, aber nicht so hoch, wie die Räume zu Hause. Es gab eine Dusche mit Toilette, einen geräumigen Schrank, eine Couch mit einem Glastisch und zwei Sesseln, einen Schreibtisch und ein französisches Bett nebst passendem Tischchen. Es war hell, aber, wie er sogleich feststellte, laut - die Baustelle. Als erstes schob er den Schreibtisch vors Fenster, das er ohnehin nie öffnen würde, dann packte er seine Kladden und Zeichenblöcke aus den Koffern und ordnete sie nach einem ausgeklügelten System in den Schrank. Nachdem er dies erledigt hatte setzte er sich schweratmend auf die Couch.

Gottfried hatte eine Eigenschaft, um die ihn viele Zeitgenossen beneidet hätten. Er war immer völlig sorglos gewesen und war es auch jetzt. Warum sollte sich ein Gott wohl auch Sorgen machen?

Er hatte sich nicht gesorgt, als in seiner Mutter damals ganz zart der Verdacht aufkeimte, dass es mit seinem Genie vielleicht doch nicht so weit her sein könnte, und ihm nach und nach ihre Aufmerksamkeit entzog.

Es begann damit, dass sie ihm schon vor der Grundschule Rechnen, Lesen und Schreiben beibringen wollte. War es doch möglich, dass in Götti bereits Ideen schlummerten, die zu Papier gebracht werden wollten, je früher desto besser. Wie war es denn mit Mozart gewesen? Sie hatte ihm also Buchstaben, arabische und römische Ziffern vorgezeichnet und erwartete, dass er sich mit glühendem Eifer und voller Ungeduld daran machte, sie formvollendet nachzuzeichnen.

Sie sah ihn bereits komplizierte mathematische Gleichungen lösen, elegante, kluge Sätze voller Esprit niederschreiben.

Der kleine Götti aber hatte seinen eigenen Kopf. Die Buchstaben sahen nur sehr entfernt nach einem A oder C oder W aus. Zu ihrem Leidwesen musste Maria Kreeter feststellen, dass ihr Götti einen fatalen Hang hatte, alles und jedes zu verschnörkeln, zu verdrehen, auf den Kopf zu stellen, oder gar völlig anders darzustellen. Sie wurde manchmal sehr streng zu ihm. Götti verschloss seine winzige Schnute und brachte ein Ungeheuer aufs Papier, groß und furchterregend. Sollte er rechnen, bedeckte er ganze Seiten mit undefinierbaren, abstrakten Gebilden und murmelte dabei unverständliches Zeug. Sie schimpfte mit ihm, schlug ihm auf die Stummelhändchen, nichts half. Schließlich tröstete sie sich damit, dass es der Schule gewiss gelingen werde, sein Genie ans Tageslicht zu fördern. Gleichzeitig aber hatte sie auch wieder Angst vor dieser Institution - der schlechte Einfluss der Mitschüler! Noch etwas machte ihr zu schaffen in jenen Tagen - sein Aussehen. Gemeinhin sagt man ja, dass aus den hässlichsten Babys die hübschesten Kinder, die schönsten jungen Menschen werden. Bei ihrem Götti schien aber eher das Gegenteil der Fall zu sein. Immer wieder musste sie sich einreden: (manchmal laut) „Das wächst sich aus, das wächst sich aus.“

Ja, damals war der Keim zu seiner Gottwerdung gelegt worden. Damals, als er während der langen Stunden, die seine Mutter fort war, mit einer Taschenlampe durch die Kellergewölbe gestreift war. Stundenlang konnte er im schwachen Licht die grob verputzten Wände anstarren. Teilweise war der Putz abgeblättert und hatte seltsame, tierähnliche Formen erzeugt, die nackten, grobgehauenen Natursteine blickten durch. Manchmal erweiterte er die Löcher im Putz, was sehr leicht ging, und schuf damit die Umrisse von allerlei Getier, von merkwürdigen Landschaften, Stadtansichten, bizarren Pflanzen. Einmal fand er in einem der Kellerräume eine rostige Hellebarde mit wurmstichigem Schaft, die vielleicht einmal das Entree der alten Villa geschmückt hatte. Diese alte Waffe wurde für ihn ein heiliger Gegenstand, vergleichbar etwa mit einem Bischofsstab. Aber es gab auch andere interessante Dinge hier in der Unterwelt - Spinnen zum Beispiel. Sie wurden seine Lieblingstiere, die er manchmal mit Fliegen und Schmetterlingen fütterte, die er im Garten fing. Wieder oben in seinem Zimmer malte er sie und ihre Netze in unzähligen kühnen Variationen. Gottfried erinnerte sich genau an den Tag, als er seiner Mutter stolz ein paar von diesen Zeichnungen zeigte, erinnerte sich an ihr entsetztes Gesicht und wie sie voller Abscheu seine Werke, die Gelungensten übrigens, wie er fand, kurzerhand zerriss. Seit diesem Tag hatte sie endgültig bei ihm verspielt.

4

Gottfried seufzte und erhob sich von der Couch, er musste zurück, um die restlichen Sachen zu holen, auch um sich zu vergewissern, dass sein Kellerraum auch wirklich gegen jeden Eindringungsversuch gesichert war.

Als er wieder am Empfangstresen vorbeikam, erhob sich der Schnauzbärtige wieder und machte: „Hmpf, hmpf.“ Gottfried setzte sein hochmütiges Lächeln auf.

Die Busse waren nun völlig überfüllt und er beschloss zu Fuß nach Hause zu gehen. Hätte er gewusst, wie viel Zeit und Schweiß das in Anspruch nehmen würde, hätte er sich vermutlich doch bequemt, sich in den Bus zu quetschen.

Er dachte an seine Einschulung, und wie ihn seine Mitschüler angestarrt hatten, denn im Prinzip sah er damals schon so aus wie heute, nur seine Haare waren vermutlich damals besser gekämmt. Maria Kreeter hatte natürlich nichts Besseres zu tun gehabt, als seiner Lehrerin von oben herab zu erklären, dass er hier auf der Grundschule höchstwahrscheinlich nur ein kurzes Gastspiel geben werde, weil er nämlich die Klassen bis zur Gymnasialreife nur so überspringen würde. Das hatte der Lehrerin sichtbar gefallen. Sogleich wurde er ihr „Lieblingsschüler“, obwohl Götti sich so unauffällig verhielt, wie nur irgend möglich. Er setzte sich allein in eine Bank ganz hinten, und niemand hatte etwas dagegen. Es half alles nichts, immer war er dran. Der Lehrerin und seinen Mitschülern machte es wirklich Spaß ihn unentwegt hereinzulegen, was die Lehrerin natürlich mit mehr Raffinesse bewerkstelligte. Gottfried entpuppte sich mitnichten als Genie, er war bestenfalls guter Durchschnitt. Denn um nicht aufzufallen, strengte er sich wirklich an, richtig zu schreiben und zu lesen, obwohl er zu der Zeit gerade begonnen hatte, Seine Sprache zu entwickeln. Zu Hause bei seiner Mutter beschwerte er sich nie über die, teilweise recht gemeinen, Streiche seiner Schulkameraden. Über den feinen Sadismus und die Ungerechtigkeit, die ihm seine Lehrerin angedeihen ließ, hielt er ebenso sein Mündchen. Als er nach einem halben Schuljahr noch immer seinen Genius verborgen hielt, begann Maria Kreeter allmählich das Interesse an ihrem Götti zu verlieren. Sie nannte ihn nun (wie froh er war) schroff Gottfried. Nun hätte sie es gern gesehen, wenn er mit anderen Kindern gespielt hätte, denn sie begann sich wieder für Männer zu interessieren, wie Gottfried mit Entsetzen feststellen musste. Es war seltsam, zwar war sie ihm irgendwie gleichgültig, aber der Gedanke, sie könnte mit fremden Männern irgendwelche „Doktorspiele“ veranstalten, missfiel ihm über die Maßen. Natürlich tat Gottfried ihr nicht den Gefallen, mit anderen Kindern herumzutollen, und welche Kinder hätten das auch schon gewollt? Nein, Gottfried hatte einfach keine Zeit für diesen Unsinn.