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Es war ein langer Weg, bis Emilias und Marcos Kinderwunsch zur Wirklichkeit wurde und Ricarda ihr Leben bereicherte. Alles scheint perfekt. Bis ein kleines dunkles Kapitel aus Ricardas Vergangenheit droht sie einzuholen. Ihre Albträume verschwimmen mit der Realität und offenbaren ihr Geheimnisse, die Ihren Glauben an die Liebe auf eine harte Probe stellen wird. Als ihre beste Freundin Alice spurlos verschwindet und die Polizei keinerlei Fortschritte zu machen scheint, begibt Ricarda sich selbst auf die Suche und erlebt eine Odyssee, die Ihr Schicksal für immer verändern wird. Eine düstere Geschichte, über Sünde und Vergebung, Hass und Liebe, dem Leben und dem Tod.
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Seitenzahl: 674
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0715-7
ISBN e-book: 978-3-7116-0716-4
Lektorat: Juliane Johannsen
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Kapitel 1
Trauma
„Was eine scheißstickige Luft es doch heute ist.“
Die Stimme des Mannes verhallte im Nichts. Niemand war dort, der ihn einer Antwort würdigte.
Er schnaufte. „Bei diesem Dreckswetter will man nur noch tot umfallen.“
Sein mürrisches Motzen gewann die Oberhand. Er wurde lauter.
Doch immer noch gab es niemanden dort, der ihm antwortete.
„Die Luft ist schwer. Das Atmen ist kaum mehr möglich. Ich hasse es hier. Ich wünschte ... ja ich wünschte mir doch so sehr …“ Er blieb kurzum stehen. Seinen Kopf streckte er hoch gen Himmel. Sein Genick knackte leicht.
„Ich wünschte doch nur, dass hier alsbald etwas geschieht.“
Er lief geradewegs auf ein Haus zu. Vor die Tür stellte er sich hin und blickte sich erneut um.
„Etwas Großes.“
Er horchte. Die Nacht war still. Bis jetzt. Doch nun plötzlich wurde diese Stille gebrochen. Vom Klang einer Sirene.
„Sehr gut.“ Sagte er leise zu sich. Seine Stimme beruhigte sich. Sein Tonfall wurde milder.
„Es geht los.“ Sobald er diese Worte sprach, verschwand er im Haus. Die Tür ließ er leise hinter sich zugleiten. Es war das letzte Geräusch, der letzte sanfte Klang, ehe die donnernden Sirenen über die staubige, asphaltierte Straße hämmerten.
„Marco, bitte versprich mir, dass du bei mir bleibst!“ Ihr Tonfall war wie abgehackt. Ihre Stirn nass. Sie litt Schmerzen. Große Schmerzen.
„Süße, ich verspreche es dir, ich bin bei dir und werde nicht von deiner Seite weichen. Das erste und das letzte, was du am Tag sehen wirst, wird mein Gesicht sein. Doch bitte, mein Schatz, spare dir nun die Kräfte. Ich bitte dich, spare sie dir und leg dich hin.“ Seine Sätze waren lang. Er sprach schnell, doch verhallten sie, ehe die bleiche, nach Hilfe suchende Frau auf eine mit weißem Bezug ausgestattete Bahre gelegt wurde.
Der Mann, Marco, drückte ihr einen kleinen Stoff-Hund in die schwachen Arme. „Nimm Cookie mit. Halt sie gut fest!“ Auch sein Gesicht war von Schweiß durchtränkt. Es rann ihm herunter. Über seinen Nacken bis an die Unterseite seines Rückens. Nass war es dort. Auch sein lilafarbenes Hemd war dunkel getrübt.
Die Frau grinste. Mit letzter Kraft. Fest klammerte sie sich an Cookie. Einen kleinen Stoffhund. „Cookie.“ Dies war ihr letztes Wort, ehe sie von zwei Männern mit Leichtigkeit hochgehievt und in einen dreckigen Wagen hinein verfrachtet wurde. AMBULANZA stand unter all dem Staub dennoch gut leserlich zu erkennen.
„Ah, fuck!“ Er rutschte ab. Der Krankentransporter wackelte wie wahnsinnig, während einer der Sanitäter am glatten Metallüberzug der Laderampe abrutschte.
Fester noch krallte sich die Frau an ihren Hund. Sie stöhnte laut.
Für manch einen mag es geschicktes Handeln sein, andere würden es für Glück halten, doch war er im Sturz fähig, sich mit einem schmerzhaften Aufprall seines Ellenbogens an der Karosserie aufzufangen. Es knallte und knackte. Er schrie. Sein Kollege schrie. Und Marco ... auch er schrie.
„Um Himmels willen passen Sie auf meine Frau auf“, rief Marco. Seine Pupillen weiteten sich. Wut und Sorge mischten sich zu einem gedankenvergifteten Nervencocktail.
„Antonio, sei vorsichtig, Idiot.“
„Glaubst du, das war absichtlich? Schrei hier nicht rum, sonst passiert dir das auch noch!“
Das Fluchen durchbrach sogar die lärmenden Sirenen in der Nacht. Allmählich traten die ersten Gaffer auf den Plan. In Jogginghose, im Bademantel, mit schockierten Gesichtern blickten sie auf Marco und seine Frau. In einem alten Haus, schräg versetzt auf der anderen Seite der Straße, stand ein alter Mann am Fenster. Er trug einen weiß und blau gestreiften Pyjama. Genüsslich nippte er an einem Glas Wein. Und grinste.
„Sorry, Antonio. Du hast recht, hast du dir was getan?“
„Nein. Es geht schon wieder, Alessio.“
„Sind wir einfach froh, dass nicht mehr passiert ist. Signor, kommen Sie mal bitte.“ Mit der Hand winkte Alessio, der Sanitäter, den verzweifelt wirkenden Marco zu sich.
„Ja?“
„Signor Bucci war richtig, oder?“ Marco nickte.
„Ja genau. Marco Bucci.“
„Darf ich Marco sagen?“
„Ja. Ja bitte, von mir aus.“
Im harten Schein der blau leuchtenden Strahlen der Sirene glänzten die braunen Augen von Marco. Sie waren feucht. Es fehlte nicht mehr viel und eine Träne wäre zu Boden gefallen.
„In Ordnung, Marco, wir bringen deine Frau ins Krankenhaus. Wir fahren nach Sant’Andrea. Leider darfst du hier nicht mitfahren.“
„Ich bitte euch, lasst mich zu meiner Frau durch. Ich habe es ihr versprochen, sie nicht zu verlassen.“
„Tut mir leid, Marco, das geht nicht. Ausgeschlossen.“
Alessio stieg zur stets schwächer werdenden Frau. Er schaute Marco mitleidig an. Wer die Wahrheit suchte, fand diese in Alessios Augen. Tiefgrund ehrliches Mitgefühl. Doch er blieb seiner Pflicht treu. Mit einem schweren, knallenden RUMS zog er die Türen zu. Zitternd stand Marco im Dunkeln. Seine Beine bewegten sich nicht von der Stelle, obgleich sie monoton mit dem warmen, süßen Wind, welcher über das Land fegte, wippten.
„Emilia …“, sprach er leise. Seine Lippen bewegten sich kaum. Es war mehr wie ein letzter Hauch. Der letzte Atemzug.
„Hey Signor? Steigen Sie hier ein, schnell. Beeilen Sie sich.“
Er stoppte sein monotones Wippen. Marco atmete tief ein. Es gab nur einen Gedanken, der durch seinen Kopf wanderte. EINSTEIGEN.
„Ja. Ja danke.“
Kurz stockte seine Bewegung, doch lief er, so schnell die Füße ihn auch tragen konnten, zur Fahrerkabine. Auf der Seite des Beifahrers stieg er ein. Und schmiss die Tür schlagartig hinter sich zu.
Noch bevor diese zufiel, drückte Antonio auf das Gaspedal. Mit quietschenden Reifen rollte das Auto an. Die Sirene dröhnte immer noch durch die Gegend.
„Oh Mann. Mein Kopf“, sagte Marco mit einem von Schmerz gezeichneten Gesicht.
„Harter Tag, was?“
„Ja. Ja, das auch. Es ist diese Sirene. Es ist, als würde Sie sich in meinen Kopf hämmern.“
„Verstehe ich, Signor. Sie ist megalaut. Aber vielleicht geht es, wenn ich sage, dass wir mit Sirene auf jeden Fall schneller durchkommen.“
„Ja. Ja, das ist gut, selbstverständlich.“
Verstummt mit einem stechenden Schmerz in der linken Schädelhälfte, beruhigte sich Marco nur langsam. Er blickte aus dem Fenster. Niemals zuvor sah die Gegend so trist aus. Trocken und staubig. Trostlos. Einzig das wiederkehrende Blau der Ambulanza sorgte für Farbtupfer in dieser grauen, blassen Welt.
„Wie heißt Ihre Frau ... Marco? Darf ich ebenfalls Marco sagen?“
„Ja. Natürlich. Emilia ist ihr Name.“ Aus seinen Gedanken gerissen wandte Marco seinen Blick zum Sanitäter. Er wirkte hoch konzentriert, während er die Straße entlangfuhr. Marco rieb sich die Hände. Unnachgiebig drückten sich die Fingernägel seiner linken Hand in das Fleisch seiner rechten. Er war kreidebleich.
„Ich habe das Gefühl, dass Emilia viel Blut verloren hat. Kannst du mir sagen, was passiert ist?“
„Nein. Es kam einfach so. Wir saßen auf dem Sofa. Wir hatten nach ein paar stressigen Tagen nur etwas entspannen wollen.“
„Ok. Ich verstehe. Gibt es noch etwas, was wir wissen sollten? Jede Information zählt.“
„Emilia, sie ist schwanger. Wird es meinem Kind gut gehen?“
„Ach du Scheiße“, rief Alessio laut aus. Seine Augen weiteten sich. Er fokussierte die leere Fahrbahn.
„Wir geben unser Bestes. Moment. Ich muss das sofort durchgeben.“
Er erhöhte seine Geschwindigkeit. Bei voller Fahrt drehte Alessio schnell seinen Kopf und fixierte sich auf ein kleines Fenster, welches hinter seinem Rücken in der Fahrerkabine eingebaut war.
„Antonio, gib im Sant’Andrea Bescheid. Unsere Patientin heißt Emilia und trägt ein Kind in sich.“
„Ich kann nicht“, schrie Antonio panisch zurück. „Sie verliert zu viel Blut. Ich habe alle Hände voll. Du musst es machen.“
Marco blickte sich um. Er versuchte etwas durch das kleine Fenster zu erkennen doch vergeblich.
„Heilige Maria, nein!“ Alessio griff nach dem Funkgerät, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln.
Sein Fokus auf die Straße wurde halbherzig. Mehr konzentrierte er sich darauf, das Krankenhaus zu erreichen.
„Emilia blutet wieder? Immer noch? Ich muss nach ihr sehen.“
„Nein Marco. Alles Gut. Antonio ist Profi. Im Augenblick sieht er nach ihr. Ich gebe jetzt dem Krankenhaus alles durch. Bleib du bitte nur ruhig sitzen. Überlass den Rest uns, auch wenn es schwerfällt.“
Die Ambulanza rutschte und schwankte hin und her. Die gesamte Karosserie knackte. Hin und wieder hört man Antonio fluchen.
Durch das wilde Auf und Ab begann Marco, sich langsam mit seinen Fingern in den Sitz zu krallen. Die krampfhafte Haltung unterbrach er nur kurz, um sich nun doch langsam den Sicherheitsgurt anzulegen.
„Nicht so wild, verflucht“, schrie Antonio.
„Sorry, ich gebe mir Mühe. Hallo? Wagen 8 hier, Alessio Russo. Wir sind in wenigen Minuten da. Wir haben eine stark blutende, schwangere Frau ...“
„Alessio? Sie hat das Bewusstsein verloren. Sag denen das“, schrie Antonio aus der Kabine.
„... ich korrigiere. Wir haben eine stark blutende, schwangere Frau, welche soeben das Bewusstsein verloren hat.“
Marco wurde es übel. Sein Kopf schaukelte wild umher. Er wollte sich nur noch übergeben. Die Trauer, den Schmerz, auskotzen. Er fühlte es. Ein warmes Drücken. Sein Hals wurde warm. Es kam ihm hoch, irgendetwas. Gift und Galle. Doch es war, als wäre sein Hals zu. Ein Stopfen. Es blieb ihm alles im Hals stecken. Das Atmen fiel ihm schwerer und schwerer.
Von hier an begann sich alles um Marco herum zu drehen. Die Zeit verrann in einem Gemisch aus unfassbar schnell und zermürbend langsam. Das stumpfe Hämmern der Sirene, das Stottern des Motors. Zwischendurch unterbrochen von irgendwelchen nicht verständlichen, möglicherweise beruhigenden Worten Alessios.
Die blaue Farbe in dunkler Nacht. Der vom Schweiß getränkte Rücken, welcher seit kurzer Zeit für einen Gänsehaut-Moment für Marco sorgte, alles schien unscheinbar. Und bedeutungslos. Wie ein einzig langer Traum. Er überlegte sich Sachen. Bunte und wilde Fantasien. Doch alles wurde immer wieder nur von einer Frage überschattet.
„Wann habe ich mich zuletzt noch so schwach und hilflos gefühlt?“
Und auf einmal, ganz plötzlich, hielt das Auto an. Es bremste sanft die Geschwindigkeit ab.
„Wir sind da, Marco. Das Krankenhaus. Antonio? Mach dich bereit.“
„Ja, bitte macht einfach schnell!“
Marco öffnete die Fahrertür. Er stieg aus. Kaum noch war er in der Lage zu stehen, so sehr zitterten seine Knie.
Zwei mit blauem Mundschutz bekleidete Arzthelfer warteten bereits. Sie kamen mit strammen Schritten auf die Ambulanza zu. Direkt hinter ihnen im Gleichschritt lief eine Frau in einem weißen Kittel.
„Ist sie das? Die schwangere, stark blutende Frau ohne Bewusstsein?“ Der Ton der Ärztin war barsch.
„Ja genau“, rief Antonio. „Schwangere Frau, Mitte 20, stark blutender vaginaler Ausfluss. Vorerst ansprechbar. Auf halber Strecke ohnmächtig geworden.“
Alessio und Antonio hoben die Bahre an und schoben diese ein wenig aus dem Wagen heraus. Direkt neben ihr betrachtete die Ärztin die blass-blaue Frau und fühlte ihren Puls. Einen kurzen Moment horchte sie.
„Sie ist eiskalt. Wie viel Blut hat sie verloren? Etwa alles?“ Vorwurfsvoll blickte sie zu den Sanitätern.
Es zog ein eisig kalter Wind aus Osten über das ganze Areal. Just in diesem Augenblick. Die Ärztin hielt sich die Haare aus dem Gesicht, bevor diese sich in einer aggressiven Böe zu erheben vermochten.
Ihre Augen öffneten sich. Langsam. Ihr Blick war kalt. Die Pupillen bleich. Matt und grau. Das helle Braun ihrer Augen erloschen. Ihr Oberkörper erhob sich. Mit einem lauten Stöhnen und kräftigen Ausatmen.
Ein durch Mark und Bein dringendes schrilles Pfeifen aus den Tiefen ihrer Lunge zischte durch ihre Lippen. Antonio sprang mit weit aufgerissenen Augen einen Satz zurück. Alessio hielt sich schockiert mit der linken Hand seinen Mund zu. „Großer Gott“, flüsterte er in diese.
„Emilia?“, sprach Marco ihr zu mit sanftem Ton. Emilia drehte ihren Kopf. Sie drehte sich genau zu Marco. Doch es war, als würde sie direkt an ihm vorbeischauen. Ohne Mimik starrte sie durch die Gegend.
„Emilia ... deine Augen?“
Sie starrte weiterhin. Doch nun begann sie zu grinsen. Bis sie sich schließlich zurück auf die Liege fallen ließ und entspannt ausatmete. Beinahe schon lustvoll. Wie inmitten ihres Höhepunktes eines Orgasmus.
Die Arzthelfer kamen ihr näher. Sie schoben die Bahre auf Rollen in das Krankenhaus. Es quietschte erbärmlich, während die vordere linke Rolle vor Rost steif stand und sich nur die drei verbliebenen bewegten.
„Alter, was war denn das? Verdammte Scheiße“, stieß Antonio entsetzt aus, er konnte sich den Spruch nicht mehr verkneifen.
„Ich ... Keine Ahnung! Eine Schockreaktion?“, antwortete Alessio, ungläubig seiner eigenen Worte.
„Vermutlich haben die Herren recht“, mischte sich die Ärztin ein. „Unter Stress und Schmerz schaltet der Geist und Verstand des Öfteren ab. Das war nichts weiter als eine kleine Präsentation. Wenn Sie uns nun entschuldigen, wir haben zu tun.“ Sie wandte ihren Blick ab. Mit schnellen Schritten stieß sie, begleitet von der rollenden Bahre, durch die sich elektrisch öffnende Glasschiebetür in das Krankenhaus. Marco lief ihnen hinterher. Vollkommen verunsichert.
Zurück blieben Alessio und Antonio. Auf dem Boden vor dem Krankentransporter sitzend, schauderten sie noch immer.
„Gütiger Gott, das war doch keine Schockreaktion. Mir läuft es immer noch eiskalt den Rücken runter.“ Mehrfach schluckte Alessio hastig, während er immer wieder in Form einer Kreuzbewegung über seinen Körper fuhr.
Neugierig schaute Antonio zu ihm rüber. Er beobachtete den Schweißfluss, welcher über die Stirn, bis hin zu Alessios Nasenspitze quoll.
„Ich muss zugeben, es war schon was creepy. Aber wenn das kein Schockzustand gewesen sein soll, was war es dann?“
Alessio blickte hoch in den Himmel. Er betrachtete die Sterne, welche sich mühsam durch einen grauen Wolkenschleier kämpften. Bedacht suchte er sich seine kommenden Worte zurecht.
„Hast du es nicht gesehen?“
„Kommt drauf an, was du meinst, gesehen habe ich viel.“
„Diesen Schleier. Dunkel. Bedrohlich.“
Mit aufgerissenen Augen stand Antonio auf. Er schüttelte den Kopf.
„Nein, Mann, keine Ahnung, wovon du redest. Komm, wir müssen losmachen. Den Transporter reinigen, ehe der nächste Einsatz kommt.“
„Antonio, ich schwöre dir. Er war es. Ich habe ihn gesehen.“
„Gesehen? Was?“
„Satan.“
Im Spital selbst spielten sich weit hektischere Szenen ab. Voller Eile versuchte Marco, die flotte Ärztin einzuholen. Diese war ihm jedoch stets mindestens zehn Schritte voraus.
Hastig rannte sie um eine Ecke. Durch die nächste Türe hindurch. Sie schien einer gelben Spur auf dem Boden zu folgen. Und blieb auf einmal stehen. Vor einer großen grauen Tür. Sie stand verschlossen vor ihnen. Sie drehte sich um und schaute Marco tief in die Augen.
„Was wollen Sie?“, fragte Sie schroff. Marco wusste zunächst gar nicht, wie ihm geschah. Mit blassen Augen blickte er ihr tief in die Augen und sammelte seinen Atem.
„Das ist meine Frau. Ich will zu ihr!“
„Ausgeschlossen. Das geht derzeit nicht. Sie warten gefälligst draußen, bis ich Sie dazu rufe.“
„Aber …“ Sie öffneten die Tür und schoben die Bahre samt Emilia hinein. Wuchtig knallten sie ebendiese vor Marcos Nase wieder zu.
„Also ist sie allein. Ich habe es ihr doch versprochen …“
Marco wartete vor der Tür. Seinem Schicksal ergeben. Ungeduldig lief er auf und ab. Schier endlos wanderte er umher. Die Augenblicke verstrichen nur zäh und quälend. In seinem Kopf kämpften verschiedene Szenarien. Eine grausamer und trauriger als die andere. Der reinste Horror hatte ihn gepackt und folterte ihn.
„Was ist nur los? Was ist nur mit meinem Kopf?“ Als würden zwei oder drei ... oder vielleicht doch sogar einhundert Stimmen komplett diffus in seinem Kopf sprechen.
„Dieser Tumult. Es schmerzt so sehr. Aufhören“, rief er. Marco kniff seine Augen zusammen. Er schlug sich mehrfach mit der flachen Hand gegen den Schädel. Bis er sich letztlich doch ergab und diese ihm gegebene Pein ertrug.
„Ok. Ich beruhige mich. Ich warte einfach. Einfach nur warten. Denke nicht zu viel nach. Vielleicht sollte ich nur hören ... Welche Stimme ist die lauteste?“ Also kam das Unvermeidliche. Er begann, auf diese Stimmen zu hören. Diese vielen, durcheinander schreienden Stimmen.
„Sie ist tot. Verblutet und gestorben. Und ist sie es noch nicht, dann wird sie es schon bald sein.“
„Nein, nein, nein! Emilia ist nicht tot. Sie lebt noch. Aber euer Kind ist gestorben.“
„Scheiße, nein! Das Kind wird leben. Geboren durch ihr Blut an seinen Händen. Du wirst es niemals lieben können, wenn es dir Emilia weggerissen hat.“
„Wieso sollte das Kind leben? Klein und schwach. Es wird eine Frühgeburt. Sie werden es retten wollen. Ziehen es heraus. Sein Kopf löst sich von seinem Körper. Der schwache Hals reißt ein. Das Kind wird sterben vor seinem ersten Atemzug.“
„Beide. Beide werden sterben. Und wenn niemand überlebt, wie willst du es dann weiterkönnen? Also denke nur nach, wie willst du es für dich beenden? Ein Strick über einen Dachbalken? Ein Messer? Oder etwa doch Tabletten?“
„Warum ist es eigentlich dazu gekommen? Hat sie sich so wegen ein bisschen Haushalt aufgeregt, dass ihr Blutdruck in die Höhe gegangen ist?“
„Ein bisschen Haushalt? Du hast das Haus verdrecken lassen, obwohl du ihr Gegenteiliges versprochen hast. Immerhin solltest gerade du ihren Putzfimmel am besten kennen.“
„Hättest du einfach nur alles sauber gehalten.“
„Aber was ist denn, wenn die Vorwürfe haltlos sind? Vielleicht wird doch alles wieder gut?“
„Ja stimmt. Vielleicht leben sie, sind aber dafür verkrüppelt. Behindert für den Rest ihres erbärmlichen Lebens. Und du wirst dir wünschen, sie wären gestorben. Aber sie haben überlebt und sie hassen dich dafür. Sie hassen dich bis zu dem Tag, an dem du endlich elendig krepierst.“
„Oder wird doch die Liebe gewinnen?“
„Diese Stimmen. Oh Gott, nein!“ Sie begannen zu lachen. Alle krächzten sie wild durcheinander.
„Verdammt! Als würde man im Inneren meiner Schädeldecke mit einer Abrissbirne arbeiten. Es ist mehr Tumult als auf einem Basar. Haltet das Maul. Haltet endlich das Scheißmaul. Verdammt, seid ruhig!“
„Entschuldigen Sie, Signor Bucci? Aber ich erinnere mich nicht, bereits etwas gesagt zu haben.“
Erschrocken blickte sich Marco um. Hinter seinem Rücken erschien eine kleine Frau.
„Verzeihen Sie bitte. Ich glaube ... Ich fürchte, ich habe Selbstgespräche geführt.“
„Das beruhigt mich dann nur ein wenig.“
„Ja. Ich bitte erneut um Verzeihung. Meine Frau, Emilia? Wie geht es ihr? Sie waren doch bei ihr, oder?“
Seinem fragenden Blick ausweichend schaute sie stattdessen auf seine Schuhe.
„Ja. Kommen Sie bitte herein. Frau Doktor Gervais würde gerne mit Ihnen sprechen.“
Marco betrat den Raum. Die Luft war stickig und irgendwie faulig. Ein grelles Licht, mühsam und hart von den Deckenleuchten geworfen, blendete seine Augen. Er kniff sie zusammen. So weit, bis nur noch ein kleiner Spalt offenblieb, durch welchen er stark eingeschränkt durchschauen konnte.
Während er sich nervös umsah, bemerkte er einen strengen und eigenartigen Geruch, der besonders hervorstach. Ein Geruch nach Rost und Eisen.
„Junge. Meine Hände!“ Marco rieb sie fest aneinander. Er blickte zur Ärztin rüber. Zitternd stand er vor ihr. Nun endlich machte sie einen ersten Schritt in seine Richtung.
In diesem komplett durcheinandergeratenen Wirrwarr an Gefühlen und Eindrücken suchte er verzweifelt nach seiner Frau. Doch Emilia konnte er in diesem Moment nirgends erkennen.
An Marco vorbei huschten zwei Pflegerinnen. Eine schubste mit ihrer Schulter an die seine.
„Verzeihung bitte“, sagte sie leise und verlegen. Sie schoben eine Bahre auf Rädern an ein großes Bett. Sanft legten sie eine Decke auf einen reglosen Körper. Sie zogen das weiße Laken hoch, bis zum Hals.
„Emilia“, sprach Marco leise. Er kam ihr ein paar Schritte näher. Es gab keinen Zweifel mehr. Sie war es.
„Emilia? Ist alles ok? Emilia?“ Sie schaute friedlich aus. Als würde ihrem Gesicht ein sanftes Lächeln entspringen.
„Sie wird Sie aktuell nicht hören“, sprach die streng blickende Ärztin.
„Was ist passiert?“
„Setzen Sie sich doch bitte, Signor Bucci.“
Mit ihren Fingern deutete sie auf einen schmalen grauen Stuhl. Widerwillig folgte Marco ihren Worten. Brav und ordnungsgemäß nahm er Platz. Doch seine Anspannung war sichtbarer als den ganzen Abend zuvor.
„Wieso redet sie nicht endlich weiter? Wieso sagt sie mir nicht, was passiert ist? Ich sitze hier und sie starrt in ihre Akten. Wobei mir das Sitzen gerade echt guttut. Ohne Stuhl wären meine zitternden Knie bestimmt längst eingebrochen“, dachte Marco.
„Signor Bucci?“
„Ja? Was ist passiert? Wie geht es meiner Frau?“, fragte Marco stürmisch mit krächzender Stimme.
Es gab einen schnappenden, knallenden Ton. Die Ärztin zog ihre Latexhandschuhe aus und warf diese in einen Mülleimer neben sich. Auf ihre Hände goss sie sich ein paar Spritzer Desinfektionsmittel und verteilte es auf ihren spröden und eingerissenen Fingern.
Anschließend strich sie sich langsam durch ihre langen, braunen Haare. Zuvor war die doch wallende Pracht kaum zu erkennen gewesen, hatte sie diese schließlich zu einem Dutt eng zusammengebunden getragen.
Marco blickte sich immer wieder um. Er inspizierte jede Ecke des Raumes. Die beiden anwesenden Arzthelferinnen begannen aufzuräumen. All das, während seine Frau friedlich im Bett zu schlafen schien.
„Signor Bucci, ich werde mich kurz und bündig zusammenfassen. Ich bin keine Person, großartig drum herum zu reden, und formuliere mich deshalb oft sehr streng, Bitte verzeihen Sie mir dies.“
„Ja. In Ordnung“, antwortete er leise.
„Gut. Ihre Frau, Emilia, hat sehr viel Blut verloren. Es war eine Transfusion notwendig, um sie am Leben zu halten.“
„Oh mein Gott …“
„Keine Sorge. Sie hat das schlimmste damit bereits überstanden. Wir haben ihr ein Sedativum gegeben. Sie wird nun vorerst ruhig schlafen.“
„Was passiert nun?“
„Nichts. Noch ist sie schwach. Geben sie ihr ein paar Tage, sich zu erholen.“
„Gibt es denn irgendetwas, was ich tun kann?“, fragte Marco neugierig nach.
„Aktuell nicht. Nein. Sie wird einige Zeit ruhen. Es wäre aber gut, Sie in der Nähe zu wissen. Ihr Gesicht nach dem Aufwachen als erstes zu sehen, könnte ihr zumindest psychisch sehr helfen.“
Tief blickte Frau Doktor Gervais Marco immer wieder in die Augen. Doch sein Blick wich ihrem ständig aus. Er begann, erneut zu schwitzen. Seine Nackenhaare bauten sich auf. Etwas brannte in ihm. Etwas, worauf er vielleicht eigentlich lieber gar keine Antwort bekommen wollte.
„Und mein Junge? Wie geht es ihm?“
Nun stockte ihr kurz der Atem. Sie schluckte.
„Signor Bucci, es tut mir wirklich sehr leid.“
„Also hat er es nicht geschafft? Ist er tot?“
„Ja. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Es tut mir leid.“
Marco stand auf. Länger auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, schien ihm gerade ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.
Er begann wieder und wieder, seine zitternden Hände zu reiben. Und er lief im Raum auf und ab. Und er kratzte mit den Fingern durch das Gesicht. Rote Striemen blieben auf seiner Haut zurück.
„Was haben wir falsch gemacht?“ Er blickte zur Ärztin, als er diese Frage stellte.
„Bitte setzen Sie sich, Signor Bucci. Ich versichere Ihnen Folgendes: Sowohl wir haben unser Möglichstes getan, als auch Sie trifft keine Schuld.“
„Mein Sohn. Er hatte nie eine Chance, das Leben kennenzulernen …“
„Ihr großer Schmerz um den tragischen Verlust, den bedauere ich zutiefst. Bitte glauben Sie mir das. Doch versuchen Sie nun, vor allem für Ihre Frau stark zu sein.“
Allmählich beruhigte sich Marco. Einige Tränen flossen noch über die Stoppeln seines schwarzen Drei-Tage-Bartes. Auch seine Beine schlackerten noch etwas willkürlich.
„Wird sie wieder vollständig gesund werden?“
„Was die Psyche angeht, werden wir, allen voran Sie, Stärke zeigen müssen. Seien Sie für sie da. Es werden keine einfachen Zeiten sein. Pathologisch muss ich gestehen ... gibt es einige offene Fragen.“
„Fragen?“ Marco wurde hellhörig. Er spitzte seine Ohren und blickte Frau Doktor Gervais intensiv an.
„Nun, es ist schwer zu vermitteln. Es gab von unserer Seite her keine direkten Komplikationen. Das können wir als gute Nachricht verbuchen.“
„Sondern?“
„Ihre Frau, Emilia, hatte solche starken und plötzlich eintreffenden vaginalen Blutungen. Es ist nicht nur äußerst selten, sondern auch sehr merkwürdig. Wir befürchten, dass ihre Gebärmutter Schäden davongetragen hat. Das müssen wir allerdings noch ausführlich testen, ehe wir zu viele Sorgen streuen.“
„Das bedeutet?“ Marco begann erneut, sich sein Gesicht zu kratzen.
„Ich habe in der Akte Ihrer Frau gelesen, dass dies nicht ihr erstes Fehlgeborenes ist?“
Marcos Blick verkrampfte. Sie hatte recht.
„Nein. Ist es leider nicht. Dies war unser zweiter Versuch.“ Marco blickte zu Boden. Sein ganzer Körper bibberte.
„Ich verstehe, dass es Ihnen schwerfällt, darüber zu reden. Aber wissen Sie vielleicht noch, welche Auswirkungen es damals auf Sie hatte?“
„Auswirkungen? Sie meinen so etwas wie ein posttraumatisches Erlebnis?“
„Allerdings. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich Ihnen hier sage, dass so etwas wie heute Narben hinterlassen wird, welche womöglich niemals heilen werden.“
„Was empfehlen Sie uns?“
„Nun, Ihnen empfehle ich hiermit als Privatperson und nicht als Ärztin, lassen Sie Emilia sich erholen. Sollten Sie den Wunsch verspüren, nach wie vor ein Kind gebären zu wollen, kann ich Ihnen sagen, es scheint keine direkte medizinische erkennbare Ursache zu sein. Zumindest wie weit unsere Tests sind. Ich persönlich würde den Kinderwunsch allerdings überdenken.“
„Nun ... vielen Dank für Ihre Ehrlichkeit.“
„Gern geschehen. Bitte seien Sie morgen hier. Dann sprechen wir über weitere Erkenntnisse.“
„Selbstverständlich. Auf Wiedersehen.“
Sie stand von ihrem Stuhl auf. Vier Schritte setzte sie, bis sie letztlich hinter Marcos Rücken einen kurzen Halt machte und ihre Hand auf seine Schulter legte.
„Ich wollte es ihnen eigentlich nicht sagen. Denn es beruht auf keiner medizinischen Grundlage.“
„So? Was denn?“
„Sehen Sie sich bitte die beiden Damen, welche Ihre Frau versorgen, etwas genauer an. Sagen Sie mir, was Ihnen auffällt.“
Marco drehte seinen Körper. Er blickte direkt auf zwei junge Frauen in Arbeitskleidung. Sie waren eifrig am Reinigen. Eine bemühte sich, so schien es, um Emilia. Sie tupfte ihre Stirn mit einem nassen Schwamm. Ihr Blick war leer. Ihre Augen groß. Doch schien sie gedanklich voll mit Herzblut dabei zu sein.
Die zweite Dame stand ein wenig abseits. Sie reinigte und desinfizierte die Liege und die medizinischen Instrumente. Ihr Blick war wacher. Voller Panik. Ihre Augen aufgerissen, als würden sie jeden Augenblick herausfallen. Ihr Körper pulsierend. In ihrem aschfahlen Gesicht stand das bloße Entsetzen geschrieben. Vier lange, rötliche Striemen zogen sich quer über ihre linke Wange.
„Sie meinen die junge Dame, die gerade beim Säubern des ganzen Zeugs ist?“
Die Ärztin nickte.
„Was ist mit ihrem Gesicht passiert?“
„Wäre ich nicht dabei gewesen, würde ich sagen, sie lief durch ein Dornengestrüpp. Doch weiß ich es besser. Es war Ihre Frau.“
„Emilia war das?“
„Ja.“
„Wieso hat sie das getan?“
„Nun, vielleicht war es der Stress. Der Schmerz. Oder möglicherweise doch etwas anderes.“
„Möglicherweise?“
„Haben Sie etwas über die Person, Mariella, schon einmal gehört?“
„Nein. Das sagt mir nichts.“
„Verstehe. Und was ist mit einem gewissen Leonhardt? Oder einem Enzo Sureni? Haben Sie bereits etwas von ihm gehört?“
„Nein. Es tut mir leid, ich verstehe auch gerade nicht genau, worum es geht.“
„Ihre Frau, Emilia, war eine gewisse Zeit nicht ansprechbar. Ich habe es auf ihren hohen Blutverlust zurückgeführt.“
„Ja. Das habe ich soweit noch miterlebt.“ Marco wurde langsam ungeduldig. Zu viele Fragen brannten auf seiner Zunge.
„Nun, sie hat nicht mehr auf uns, auf äußere Umwelteinflüsse, wenn man so sagen mag, reagiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie leblos war. Eher wirkte sie wie in einer Art Trance. Ein Delirium.“
„Jetzt verstehe ich wieder nicht. Sie meinen, wie unter Drogen?“
„Ja. So ähnlich. Ich drücke es mal so aus. Es gab einen Dialog. Ihre Frau unterhielt sich, streitend, mit sich selbst.“
„Großer Gott.“
„Zuerst mal keine Panik, Selbstgespräche können in gewissen Situationen durchaus für Beruhigung sorgen. Doch diese ... waren anders.“
„Was hat sie denn gesagt?“
„Es tut mir sehr leid, wir waren zu sehr mit der Rettung beschäftigt. Den genauen Inhalt kann ich Ihnen leider nicht wiedergeben. Aber denken Sie bitte daran, morgen für Ihre Frau hier zu sein. Ich erwarte Sie. Auf Wiedersehen.“
Sie verließ den Raum. Eiskalt mit zugewandtem Rücken. Zurück blieb ein gebrochener Mann. Umgeben von Menschen und doch allein.
„Was für ein beschissener Oktober es doch ist …“, stöhnte Marco.
„Verzeihen Sie bitte, wir bringen Ihre Frau nun auf ihr Zimmer.“ Mit einer sanften und zaghaften Stimme bahnte sich eine Arzthelferin ihren Weg mit dem geräderten Bett.
„Ja, natürlich. Verzeihen Sie.“
Wortlos und mit dem Blick nach unten versuchte sich in jenem Augenblick auch die zweite Dame vorbei zu schleichen. Sie beugte ihren Kopf tief zu Grunde. Und versteckte ihre Wunden. Marco ergriff sie am Arm. Sie zuckte und schloss ihre Augen.
„Verzeihen Sie bitte. Ich möchte mich im Namen meiner Frau entschuldigen. Es tut mir sehr leid, dass sie Ihnen diese Kratzer zugefügt hat.“
Ängstlich blickte sie Marco in die Augen. „Es war nicht ihre Frau. Nicht mehr“, war alles, was sie sagte. Sie entriss sich seinem Griff und lief mit schnellen Schritten weiter. Noch weitaus verunsicherter folgte Marco nun seiner sedierten Frau.
Die Stunden vergingen. Aufgeregt saß Marco neben Emilia an ihrem Bett. Der Raum war dunkel. Nur eine kleine Nachttischlampe brannte. In einem matten kalten Schein.
Marco streichelte seiner Emilia durchs Haar. So lange, bis auch ihn seine Kräfte verließen.
***
„Marco? Du bist tatsächlich hier?“ Zu sehr früher Stunde öffnete Emilia bereits ihre Augen. Eine kleine Träne versteckte sich in ihr, als es tatsächlich Marco war, den sie zuerst beim Aufwachen sehen durfte.
Sitzend befand sich dieser auf einem Stuhl neben ihrem Bett. Den Kopf in seinen verschränkten Armen auf ihrem Bett liegend wirkte es wie eine total unbequeme Nacht. Eine zarte liquide Spur quoll aus seinen leicht geöffneten Lippen heraus. Nun begann sie, seinen Kopf zu streicheln. Bis er schließlich aufwachte.
Er blickte sie an. „Guten Morgen, mein Engel.“ Und er lächelte.
***
Die Tage verstrichen. Und schon bald durfte Emilia das Krankenhaus verlassen, um endlich mit ihrem Ehemann heimzukehren. Als sie gerade den Ausgang erreichten, kam ihnen Dr. Gervais noch einmal entgegen.
„Es freut mich, dass es Ihnen wieder besser geht“, sagte sie mit einem komischen Zucken im Mundwinkel. Man könnte dies schon beinahe als Lächeln interpretieren.
„Vielen Dank, Frau Dr. Gervais.“
„Gern geschehen. Es tut mir eher leid, dass unsere Untersuchungen sonst keine großen Ergebnisse liefern konnten.“
„Das ist egal. Hauptsache, es geht uns wieder gut. Wir werden die schwierige Zeit überstehen. Dank Ihnen.“
„Das freut mich zu hören. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Auf dass wir uns hoffentlich nicht wiedersehen. Und bitte denken Sie an meinen Rat, halten Sie sich von Stress, so gut es geht, fern.“
„Das machen wir, vielen Dank.“
Freudestrahlend belud Marco seinen kleinen roten Fiat Cinquecento mit Emilias Gepäck.
„Mein Baby, endlich dürfen wir heim. Komm, spring rein.“
Galant öffnete er ihr die Tür. Ließ seine Herzensdame Platz nehmen. Ihr entfloh ein zurückhaltendes „Danke.“ Er schloss die Tür hinter ihr und blickte noch einmal über den weiten Parkplatz.
„Das ist sie doch?“ Fragend blickte er zu einer jungen Frau, die auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus in diesem Moment eine Zigarette rauchte. Marco ging einige Schritte zu ihr rüber.
„Guten Tag. Ich sehe, die Kratzer verheilen langsam? Das freut mich zu sehen.“
„Ja. Es wird besser.“ Nervös zog sie tief an ihrer Zigarette. Es war förmlich zu sehen, wie die Asche herbeigerufen wurde.
„Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?“
„Ich weiß nicht, ich sollte eigentlich wieder arbeiten gehen.“
„Bitte nur eine, es geht auch ganz schnell.“
„Also ... gut.“
„Was hat meine Frau gesagt, oder auch getan, bevor sie Sie angegriffen hat?“
Ihre Augen öffneten sich. Offensichtlich bekam sie Panik.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich bitte Sie. Versuchen Sie, sich zu erinnern.“
„Es ist so verschwommen.“
„Sagen Sie es mir. Vielleicht hilft es mir. Egal wie verworren es sein mag.“
Erneut holte sie einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Sie hauchte ihn aus, schmiss den Stummel auf den Boden und drückte diesen mit ihren Schuhen aus.
„Es hörte sich an wie ein Streit. Aber es war so komisch.“
„Was war komisch?“ Marco fragte aufgeregt nach.
„Ihre Stimme änderte sich. Es war, als wären mehrere Menschen im Raum, die sich streiten würden.“
„Mehrere Menschen?“
„Ja. Oder auch keine Menschen.“
„Worum ging es bei diesem Streit?“
„Ihre Frau lag bewusstlos auf dem Bett. Für einen Moment schien es, als würden wir den Kampf verlieren.“
„Was geschah dann?“
„Wir gaben ihr die Bluttransfusion. Und sie erholte sich. Doch plötzlich begann sich ihre Stimme zu verändern. Sie wurde dunkler. Wie bei einem Mann.“
„Einem Mann?“ Marcos Stirn runzelte sich.
„Ja. Er fauchte. Etwas über eine Hure von Mariella. Dass das Kind sterben müsse. Ihre Stimme änderte sich zu einer weiblichen Stimme. Diese schrie plötzlich. Sie rief immer wieder einen Namen: Enzo. Enzo Sureni oder so was Ähnliches. Sie schrie, er würde das Kind nicht bekommen. Dann plötzlich ging das Licht aus.“
„Das Licht ging aus?“
„Für eine oder zwei Sekunden. Viel länger war es nicht. Doch als es wieder anging …“
„Was geschah dann?“
„Ihre Frau hockte aufrecht. Doch das hätte sie nicht tun dürfen. Sie hätte bewusstlos sein sollen. Liegen. Ruhig. Aber nicht so. Ihre Stimme verzerrte. Ihre Augen ... Sie waren schwarz. Fernab von jeglichem Leben. Fernab von allem, was heilig ist. Sie schaute mich an. Sie grinste. Ihre Lippen haben sich geöffnet und Blut trat hervor. Und, oh Gott, ihre schwarzen Augen. Sie hauchte nur noch einen Namen.“
„Welchen Namen?“
„Leonhardt. Dann wurde es kalt. Und das Nächste war der Angriff auf mich. Frau Dr. Gervais hat ihr daraufhin die Beruhigungsmittel gegeben.“
„Das ... hört sich alles sehr unglaublich an.“
„Ich weiß. Ich bin mir selber kaum noch sicher, ob es sich genau so zugetragen hat.“
„Wieso erzählen Sie es mir denn dann?“
„Sie haben gefragt.“
„Sie haben recht. Vielleicht hätte ich es nicht tun sollen. Es tut mir leid. Ich lasse Sie nun in Ruhe.“
Marco lief ein paar Schritte. Er spürte, wie sie seinen Abgang verfolgte.
„Wollen Sie wissen, weshalb es keinen Fötus gab?“, rief sie ihm hinterher. Marco drehte sich zu ihr um.
„Weil ich auf die Überreste meines Sohnes verzichtet habe. Ich hätte es nicht über das Herz gebracht, ihn tot in meiner Hand zu sehen.“
„Damit haben Sie uns einen Gefallen getan. Denn es gab keinen Fötus. Er ist verschwunden. Noch in dem Moment, als Ihre Frau den toten Körper abgestoßen hat. Es ist, als wäre er geholt worden. Von irgendjemandem. Oder irgendetwas.“
Marco hatte ein paar Tränen in den Augen. Er drehte sich wieder um, blickte zu seinem Auto und zu seiner Frau. Sie wartete dort auf ihn. Also setzte er seinen Weg fort. Und er blickte nicht wieder zurück.
Die gesamte Fahrt über sprach Emilia kaum. Eher war es Marco, der versuchte, mit langen, ausartenden Reden eine unangenehme Stille zu vermeiden.
Doch Emilia hörte bereits nach ein paar wenigen Sätzen nicht mehr zu. Mit tief trauernden und müden Augen schaute sie aus dem Fenster und beobachtete akribisch die Umgebung.
Marco blickte, wann immer es der Verkehr zuließ, zu ihr rüber. Er begann, ihr Bein zu streicheln.
Sanft führte er seine Hand über ihren linken Oberschenkel.
Sie spürte seinen warmen Druck. Und es freute sie. Jede kleine Bewegung sprach zu ihr. Um ihr ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu geben.
„Die Zeiten sind schwer. Dessen bin ich mir bewusst, Emilia. Doch dafür weiß ich auch noch etwas anderes. Und zwar, dass dieser Mann hier, zu deiner Linken, immer bei dir stehen wird. Also halte dich ruhig fest an ihm.“
Nach wie vor aus dem Fenster schauend, legte sie ihre Hand auf die seine. Leise sprach sie zu ihm:
„Danke.“
Nach einer kurzen Pause fasste Marco Mut für seine nächsten Worte.
„Es ist schön, dass du wieder nach Hause kommst. Es war so leer. Es war so kalt. Ohne dich.“
Emilia kniff ihre Augen zusammen. Mit großer Mühe drückte sie ihre Tränen zurück.
„Du hasst mich nicht?“, fragte sie, tief schniefend.
Marcos Kinnlade fiel herunter.
„Wieso sollte ich dich hassen?“, fragte er.
„Dafür, dass ich zu schwach war. Dass ich ihm kein Leben schenken konnte.“
„Rede doch keinen Unsinn. Du darfst nicht dir die Schuld dafür geben. Denn die war es nicht!“
Marco holte tief Luft. Er griff nun etwas fester nach Emilias Hand.
„Ich gebe zu, all dies wird unser Leben verändern. Wir werden trauern. Wir werden leiden. Aber wir werden auch kämpfen. Und eines schwöre ich dir, wir werden auch siegen. Ich kann dir nämlich meine Wunderwaffe nennen.“
„Und die da wäre?“
„Meine Liebe zu dir. Denn die ist ewig.“
„Also liebst du mich noch?“, fragte Emilia mit weit aufgerissenen Augen.
„Für immer.“
Emilia beugte ihren Kopf zur Schulter ihres Mannes. Von nun an sprach sie nicht mehr. Bis zu ihrem Zielort. Ein kleines Haus am Stadtrand von Vercelli.
„Hast du etwa Cookie die ganze Zeit über im Arm gehalten, Schatz?“
„Jede Sekunde. Wirklich jede einzelne …“
***
Heiß und trocken war die Luft.
Nur eine selten auftretende kühle Brise sorgte für eine gelegentliche Erfrischung.
Eifrig zirpten die Grillen aus dem Dickicht, während sich auf den staubigen Straßen eine gähnende Leere ausdehnte.
Menschen waren bei dieser Hitze nicht zu sehen. Alle suchten sie Schutz in ihren Häusern. Die Hitzewelle des Sommers hatte den Ort fest umklammert.
Auf der Veranda hinter einem kleinen Wohngebäude nahe der Via Carrozzino stand ein frisch gedeckter Tisch.
Panissa, ein Gericht aus Arborio-Reis mit Bohnen und einigen Kräutern, lag krönend aufgebahrt. Gedeckt war für drei Personen. Teller, Gläser, Besteck. Daneben eine gläserne Karaffe, gefüllt mit klarem Wasser, Eiswürfeln und Zitronenscheiben. Ein paar Minzblätter tauchten in diesem unter.
Langsam bahnte sich ein zu Tisch laufender Tropfen seinen Weg am äußersten Rand des Trinkgefäßes.
„34 Grad Celsius. Und seit Wochen schon bleibt der Regen aus“, sagte eine besorgte Stimme im Radio.
Die Bevölkerung ächzte und litt unter dem Wetter. Wasser sollte gespart und rationiert werden.
Nicht unnötig gießen. Lasst lieber eure Blumen vertrocknen. Teilweise wurden bereits die ersten Verbote gesprochen. Von nun an war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Strafen verhängt werden würden.
All die grünen Wiesen waren verdorrt. Selbst die prächtigen Reisfelder in der Umgebung lagen brach.
Eine junge Frau trat aus dem Haus. Sie band sich ihre hellbraunen Haare zu einem lockeren Zopf und befestigte diesen mit einem Haargummi. Ein sommerliches hellblaues Kleid mit weißen, gelben und pinken Schmetterlingen, welche genüsslich durch kunterbunte Blumen flogen, zierte ihren grazilen Körper.
„So, mal sehen, Messer, Gabel, Löffel. Alles da.“ Sorgsam kontrollierte sie den Tisch und richtete alles ordentlich an. Schnell noch wurden einige Gewürze platziert. Daneben eine bunte Schale mit frisch geschälter Wassermelone. Wild wirbelte sie mit ihrer Hand um ihren Körper. Einige Wespen kamen ihr bedrohlich nahe.
„Hartnäckige kleine Biester.“ Angst vor Stichen hatte sie keine.
„Jetzt hau ab, du blödes Vieh!“ Wieder wedelte sie mit der Hand. Unbemerkt setzte sich eine Wespe unter diese. Sie beugte ihren Körper. Dann stach sie zu.
„Ahi. Du Mistvieh!“ Die junge Frau holte aus. Mit voller Wucht knallte sie ihre rechte Hand auf die angegriffene Stelle. Zurück blieb ein kleiner Haufen Matsch.
„Denkst du wirklich bei all dem Scheiß, den ich in meinem Leben durchgemacht habe, schmerzt mich das noch?“
Die Überreste streifte sie einfach von ihrem Arm herunter. Wie von Sinnen surrten einige der übrigen Wespen kurz darauf fort.
Nur hin und wieder kam ihr noch mal eine besonders neugierige etwas näher.
Daraufhin setzte sie sich auf einen Stuhl und zog ihre Sonnenbrille auf. Den geschwollenen Arm ignorierte sie komplett. Eine starke Leistung, gemessen daran, wie stark dieser anschwoll.
„Emilia 1. Und Wespen 0“, sagte sie leise.
Zur Erfrischung an diesem heißen Tag gönnte sie sich einen Schluck Wasser, während die Sonne freudig in ihr braunes Gesicht strahlte.
„Marco, Ricarda, kommt herunter. Es gibt Essen. Schnell, schnell. Solange es noch warm ist.“
Es verstrich kaum mehr als eine halbe Minute. Heraus trat ein junges Mädchen. Das frühe Stadium des Erwachsenwerdens hatte sie erst kürzlich erreicht. Sie trug enge, kurze Kleidung. Ihren schlanken Körper schien sie voller Stolz präsentieren zu wollen. Ihre langen lockigen, schwarzen Haare liefen weit über ihre Schultern.
Mit ihren dunkelbraunen Augen blickte sie zu Emilia, welche immer noch die Sonne auf ihrer Haut genoss. Nun nahm sie jedoch einen kleinen Fächer zur Hilfe und wedelte sich ein wenig Luft zu.
Die junge Dame setzte sich nun ebenfalls, eine runde Sonnenbrille auf der Nase, während sie den Tisch mit den darauf platzierten Lebensmitteln inspizierte. „Glaubst du wirklich, das Essen wird bei dieser Hitze kalt, Mama?“, sagte sie spöttisch mit einem selbstgefälligen Grinsen auf dem Gesicht.
Emilia grinste zurück. „Ach, meine Süße. Pass du lieber auf, dass du beim Nasehochtragen nicht auf die selbige fällst. Wo ist Papa?“
„Weiß nicht so genau. Aber du kennst ihn doch. Wahrscheinlich hockt er bei seinen Unterlagen und sortiert Kontoauszüge von vor 20 Jahren.“
Emilia musste dieses Mal unironisch leicht schmunzeln. „Hat er denn nicht gehört, dass das Essen fertig ist?“
„Mama, ernsthaft. Ich habe keine Ahnung. Soll ich ihn holen gehen?“
Ricarda schob ihren Stuhl zurück. Mit großen Augen auf eine Antwort wartend blickte sie zu ihrer Mutter. Sie ließ sich ein wenig Zeit mit dem Überlegen.
„Nein, nein. Ist schon in Ordnung. Wir fangen einfach ohne ihn an. So, ich mache dir was auf den Teller, sag einfach Stopp, wenn du genug hast.“
„Sieht eh danach aus, als hättest du für die ganze Woche gekocht. Übrigens, Mama, ganz neue Erfahrung für mich, aber ich kann mir mittlerweile auch selber etwas drauf machen. Kindergarten is over.“
„Nichts da. Ich mache das. Und ich mache es gerne. Sag nur Bescheid, wenn es reicht.“
Nach nur drei Löffeln rief Ricarda energisch: „Stopp!“, wohl wissend, dass, sobald sie Stopp rief, ihre Mutter so oder so noch mal zwei große Löffel hinterher schaufeln würde. Viele ihrer Aktionen waren zwar vorhersehbar geworden, aber nach wie vor schwer nachzuvollziehen.
„Kind, du bist zu dünn. Du musst mehr essen. Du bestehst nur aus Haut und Knochen. Du brauchst Kraft. Du brauchst Energie zum Wachsen. Ich wette, viele Jungs in deinem Alter mögen eh keine klapperdürren Gestelle, sondern Frauen mit Kurven.“ All die Sprüche kannte Ricarda bereits. Sie hätte ganze Bücher mit ihnen füllen können.
Erstaunlicherweise wurde Ricarda in diesem Augenblick klar, dass es Emilia vollkommen egal war, wie viel sie tatsächlich aß. Solange sie noch zwei große Löffel hinterher packen durfte, welche sie freudig strahlend annehmen musste.
Im selben Augenblick knallte die Terrassentür auf. Ein verschwitzter Mann trat auf die Bühne.
„Hier bin ich, Baby. Bereit für deine Köstlichkeiten. Was gibt es denn zu essen?“
„Panissa“, rief Ricarda schnell. „Mal wieder. Als hätte Mama einen Deal mit den Reisbauern hier am Laufen.“
„Wenn du erst einmal die sexy Kerle ohne Hemd in den Feldern arbeiten sähst, wüsstest du, wieso ich so viel Reis kaufen gehe“, konterte Emilia mit einem breiten Grinsen.
Dabei stupste sie Marco leicht an. Dieser jedoch verkniff sich jedweden Kommentar. Er verdrehte einfach nur die Augen und griff nach dem Löffel, um seinen Teller ebenfalls zu befüllen.
„Halt! Ich mache dir etwas auf den Teller“, rief Emilia energisch und griff rabiat nach dem Löffel.
„Baby, ich kann mir auch alleine was …“
„Nein. Das mache ich! Und ich mache es gern! Sag mir nur, wann du genug hast.“
Laut rief Marco: „Stopp!“, beim siebten Löffel. Wohl wissend, dass seine Frau ihm zwei Löffel mehr mit auf den Teller schaufeln würde. „Ein wahrer Mann muss Essen. Du musst kräftig bleiben, um die Familie zu ernähren. Du brauchst Energie. Warum hast du Angst zuzunehmen? Nur Frauen achten auf ihre schlanke Linie. Oder willst du etwa anderen Frauen gefallen? Einem echten Kerl ist die Figur egal. Ganz besonders einem verheirateten. Sonst denken alle, ich würde schlecht kochen.“
Marco kannte die Sprüche alle. Und er liebte sie. Sie waren so herrlich unkonventionell.
„Schmeckt bestimmt super. So wie immer, Schatz.“
„Danke, du Schleimer.“ Beide stichelten und kicherten noch eine Weile.
„Hört auf, ihr benehmt euch wie zwei Teenager, das ist voll peinlich“, warf Ricarda ein.
„Sei doch froh, dass du so coole Eltern hast“, entgegnete ihr Emilia.
„Yo. Kaum einer deiner Homies hat so krasse Parents“, rief Marco dazwischen.
Mit Schamesröte im Gesicht und die Hand vor ihre Stirn haltend stocherte Ricarda derweil in ihrem Essen.
„Peinlich …“, flüsterte sie gerade so laut, dass man es eben noch hören konnte.
Doch etwas anderes lag ihr auf der Zunge. Ihre Lippen bebten. Sie wollte etwas sagen. Etwas für sie ungeheuer Wichtiges. Doch kein Mucks verließ ihren Mund. Bis plötzlich …
„Darf Alice am Wochenende zu mir kommen? Sie wollte hier übernachten.“
Anschließend an ihre Aussage durchwühlte Ricarda ihre Panissa. Sie schaute ihre Eltern nicht an, sondern beobachtete die umherreisenden Reiskörner.
Emilia grinste. „Nur Alice?“
„Ja“, sagte sie leise.
„An dem Wochenende, an dem Papa und ich abends bei unseren Nachbarn eingeladen sind? Sonst kommt niemand?“
„Hä? Ja, nur Alice. Wer sollte sonst noch kommen?“
„Na ja, ich weiß ja nicht. Herrenbesuch? Ein junger Mann? Nennen wir diesen Unbekannten doch einfach mal ... Matteo. Nur um unsere Fantasie greifbarer zu machen.“
„Wer bitte schön ist Matteo?“, fragte Marco in die Runde.
„Niemand, Schatz. Iss deine Panissa weiter.“
Ertappt blickte Ricarda zu ihrer Mutter. Ihr fiel auf die Schnelle kaum eine verwertbare Antwort ein.
„Ja. Wer ist Matteo?“, fragte sie stumpf.
„Ein junger Mann. Sagte ich doch bereits. Ich stelle ihn mir so vor: Braune gelockte Haare. Geschmeidiges Gesicht. Hat eine Vorliebe für Baggy-Pants. Wirkt beinahe ein wenig zu cool für diese Welt. Hat aber ein sehr charmantes Lächeln. Doch er ist Raucher. Denn seine ultra-krassen Klamotten stinken förmlich danach.“
„Mama“, schrie Ricarda auf.
„Ja? Was denn?“
„Du hast uns beobachtet!“
„Nicht wirklich beobachtet. Ich war nur einkaufen und habe euch beide gesehen. Zuerst wollte ich rüberkommen und Hallo sagen. Aber das wäre euch beiden Turteltäubchen bestimmt zu peinlich gewesen.“
Ricardas Gesicht versank in einem tiefen Rot. Ihr Blick wurde zornig.
„Peinlich? Ja allerdings! Meine Stalker-Mutter kennt sich ja gut in meinem Leben aus. Und ob mir das peinlich ist.“ Ihre Stimme überschlug sich.
Marco schaute ihnen gespannt zu. Langsam schob er sich noch einen weiteren Löffel von dem Reis in den Mund.
„Wie dem auch sei“, sprach Emilia mit ruhiger Stimme. „Ich sortiere also gerade meine Handtasche, um nach meinem Autoschlüssel zu suchen, da muss ich leider mit ansehen, wie dieser junge Mann sich eine Zigarette angesteckt. Zwei oder dreimal hat er dran gezogen, dann musste er husten. Kinder heutzutage vertragen einfach nichts mehr. Danach hat er sie rüber gereicht wie einen Joint. Rate mal, was dann passiert ist?“
„Mama! Das ist einfach unter aller Sau, dass du …“
Emilia ließ ihre Tochter nicht ausreden, mit betonender und energischer Stimme unterbrach sie sie inmitten ihres Satzes.
„Dann nahm doch dieses naive junge Mädchen diese Zigarette in den Mund. Fest umschlossen mit ihren Lippen. Ich hab doch glatt vor Schreck meine Autoschlüssel fallen lassen. Minderjährige und Rauchen schockiert mich einfach immer wieder. Das schlimmste war aber dieser tiefe Zug, ohne zu husten. Hast du mir dazu noch irgendwas zu sagen?“
Emilia nahm sich ein Stück der geschnittenen Melone. Unter ihrer Sonnenbrille versteckt, schaffte sie es, ein perfektes Pokerface hinzulegen. Wie zementiert war ihr Gesicht.
„Boah, Mama. Ich habe nur einmal dran gezogen. Reg dich nicht auf. Ich schwöre, es war mein erstes Mal …“ Ricarda holte tief Luft. Bis sie ihren Satz vollenden konnte. „... Du hast ja bestimmt nie was Dummes angestellt als Jugendliche?“
„Rauchen ist einfach ungesund! Lungenkrebs. COPD und was du dir sonst noch alles für einen Mist einfangen kannst! Das hast du gar nicht nötig, deine Gesundheit einfach so wegzuwerfen, für irgendeinen Jungen schon gar nicht!“
„Ja Mama. Ich weiß.“ Sie schaute schmollend auf ihren Teller.
„Dass Rauchen deine Fruchtbarkeit beeinflusst, hast du das auch gewusst? Und plötzlich kannst du keine Kinder mehr bekommen, willst du das? Willst du das wirklich alles aufs Spiel setzen für ein paar Minuten Möchtegern-Coolness?“
„Mama, was soll das, wieso regst du dich denn jetzt plötzlich so auf?“
„Willst du wirklich deine familiäre Zukunft aufs Spiel setzen und das Risiko von Fehlgeburten drastisch erhöhen? Und nur um cool für einen Jungen zu sein?“
„Was denn für Kinder? Mama, du übertreibst gerade aufs Übelste!“
„Ich möchte dir nur sagen, dass du deine Zukunft nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen sollst. Haben wir uns da verstanden?“
Emilia kämpfte mit den Tränen. Sie bebte am ganzen Körper. Vor Wut knibbelte sie mit ihren langen Fingernägeln die kleinen Hautfetzen von ihrer linken Hand. Unbewusst schnippte sie diese auf den Terrassenboden.
„Sieh mir bitte in die Augen, Ricarda.“ Der Satz drang energisch und tief in die Ohren ihrer Tochter.
Ein wenig widerwillig blickte sie ihrer Mutter in das versteinerte Gesicht. Sie horchte ihren nächsten Worten.
„Ich möchte, dass du niemals wieder eine Zigarette anfasst. Haben wir uns da verstanden?“
„Ja Mama“, antwortete ihre Tochter mit patziger Stimme. Weiterhin stocherte sie auf ihrem Teller herum.
„Ja Mama, was?“ Mit zuckendem Augenlid und gefletschten Zähnen kniff sie ihre Nägel tief in die Handfläche. Nur so konnte sie noch ihren angestauten Druck entladen und langsam wieder die Besinnung zurückerlangen.
„Ja Mama, du hast recht. Ich verspreche dir hoch und heilig und auf das Leben meiner ungeborenen und ungeplanten Kinder, niemals wieder eine Zigarette anzurühren. Ich werde dich glücklich machen und dir die Chance geben, die beste Oma auf der Welt zu werden.“
Ihr hartes Gesicht erweichte. Erleichterung wuchs in Emilias Blick. Ein schmales Lächeln überkam sie letztlich.
„Sehr gut. Matteo darf gerne vorbeikommen. Aber ich möchte nicht, dass er bei uns im Haus schläft. Nach dem Abendessen macht er sich zurück auf den Weg zu seinem Haus, verstanden?“
„Ja Mama. In Ordnung.“
„Es wäre schon schön, ihn etwas besser kennenzulernen. Er wirkte wirklich wie ein sehr netter junger Mann. Zudem denke ich, dass er blendend zu dir passt, wo ich doch seine Mutter überreden konnte, dass er keine Zigaretten mehr rauchen soll.“
Mit einem Mal wurde Ricardas Gesicht kreidebleich. Zu ihrem ungläubigen Blick gesellte sich ein weit aufgerissener Mund.
„Wie bitte? Du hast was gemacht?“ Ein ängstliches Quieken lief durch ihre Stimmbänder.
Emilia trank einen enormen Schluck Wasser. Ein lautes „Ah“ krönte ihren Sieg,
„Nichts habe ich getan. Na ja, zumindest fast nichts. Ich habe nur mit seiner Mutter gesprochen. Eine fantastische Frau. Sehr guter Kleidungsstil. Sehr gebildet und unheimlich nett.“
„Was? Mama, das ist so peinlich! Was soll das? Wieso tust du so was?“ Ricarda sprang vom Stuhl auf.
Er rutschte zurück und fiel mit der Lehne voran zu Boden. Stürmisch betrat sie das Haus durch die Terrassentür und rannte mit wütend stampfenden Schritten die Holztreppe hoch zum ersten Stock.
Allzu gut hörte man den lauten Knall ihrer zugeschlagenen Zimmertür, bis in den Garten hinein. Emilia grinste. Sie gönnte sich einen weiteren Schluck aus ihrem Glas.
„Das ist ja spannender als fernsehen“, warf Marco schließlich ein.
„Ja Schatz, bei uns kannst du was erleben“, erwiderte seine Frau zufrieden.
„War es denn wirklich nötig, die Mutter von diesem Matteo anzusprechen? Es ist schon etwas beschämend für ein Teenager-Mädchen, wenn sich die Eltern in alles einmischen. Dann sogar noch dafür sorgen, dass ihr neuer Freund zu Hause einen heftigen Streit bekommt.“
Emilia hob ihre linke Hand. Diese schob ihre Sonnenbrille zur Nasenspitze. So weit, dass sie gerade eben über den Rand schauen konnte.
„Du glaubst wirklich, ich habe das getan. Himmel, muss meine schauspielerische Leistung gut gewesen sein.“
„Also hast du sie doch nicht angesprochen?“ Verwirrt blickte Marco seine Frau an.
„Ich kenne seine Mutter nicht einmal. Ich habe keine Ahnung, wer sie ist oder wo sie lebt.“
„Krasser Plan. Geradezu diabolisch.“
„Ja, oder? Ich hoffe, der Schock sitzt tief.“
„Und irgendwann wird sie dir danken?“
„Ja. Früher oder später wird sie das.“
„Wahnsinn. Mit dir leg ich mich lieber nicht an.“ Marco lachte.
Er bediente sich an einem weiteren Löffel seines Reisgerichts. Nach Vollendung des allerletzten Korns auf seinem Teller schob er ebendiesen bei Seite. Er umarmte seine Frau. Beide schauten den langsamen und wunderschönen, rötlich schimmernden Strahlen der Sonne beim langsamen Verblassen zu.
Einige Zeit später kam auch Ricarda zurück. Sie zog sich ihren knappen gelben Rock mit den Fingerkuppen etwas zurecht. Dann setzte sie sich zwischen ihre Eltern, wo sie sich voller Reue ankuschelte.
Ein schöner Tag. Welcher sich allmählich dem Ende zu neigen drohte.
***
„Wir beide gehen jetzt ins Bett, Maus. Mach nicht mehr so lange, hörst du?“
„Ja natürlich. Ist gut, Papa. Schlaft gut.“
„Oh, sieh nur, das ist Cookie. Wau wau!“ Spielerisch näherte sich Marco seiner Tochter.
Er wedelte mit dem Plüschhund vor ihrer Nase.
„Papa, hör auf damit, bitte.“ Sprach sie genervt und versuchte mit ihrer Hand, das Stofftier wie eine lästige Fliege zu verscheuchen.
„Was denn? Sind wir auf einmal zu cool für dein Lieblingstier?“
„Ja vielleicht.“
„Wirklich?“
„Ja, sagte ich doch.“
„Also kann ich ihn entsorgen?“
„Nein!“, rief sie prompt und geschockt.
„Also doch noch nicht zu alt?“
„Nein. Also ja. Lass ihn einfach hier, ok?“ Sie grinste beschämt. Doch Marco lachte.
Er beugte sich zu ihr, dann gab er Ricarda einen Kuss auf die Stirn.
Sie lag bereits in ihrer dunkelroten Nachtwäsche auf dem Bett. Um ihre Haare hatte sie sich ein Handtuch gebunden. Es sog sich voll mit Feuchtigkeit ihrer kurz vorher getätigten Dusche. Sie hörte Musik. Schnelle melodische Electro-Beats.
„Coole Musik. Sag mal, was machst du eigentlich noch?“
„Nichts. Ich chatte noch etwas mit Alice. Dann werde ich auch schlafen.“
„Ok. Dann mach aber nicht mehr zu lange. Schlaf gut, meine Süße“, sagte Marco noch, ehe er die Zimmertür schloss.
Nun konnte sie sich wieder auf ihre beste Freundin Alice konzentrieren. Diese wurde als Ally<3 in ihrem Messenger abgespeichert.
Marco stand noch ein paar kurze Augenblicke vor ihrer Tür und dachte nach.
„Denk immer daran, dass du das Wichtigste für uns bist“, flüsterte er leise.
„Hey Ally, was machst du grad so?“
„Nichts. Chillen. Du?“
„Auch.“
„Cool. Muss Kopfhörer benutzen. Ist zum Heulen!“
„OMG wieso?“
„Sonst höre ich wie meine Eltern es treiben.“
„Holy! Nimm raus. Sag, was du hörst.“
„Nur ein quietschendes Bett.“
„Besser, als wenn die Wände wackeln.“
„Wie die Karnickel!“
„Ja, aber bei Matteo haben sie auf einmal Sorgen.“
„Unfair ist es. Sag ich dir.“
„Ja voll.“
Das Fenster zu ihrem Zimmer stand weit geöffnet. Die gesamte Zeit über wehte eine frische Brise durch ihren Raum. Trotz warmen Wetters zog sich Ricarda deshalb eine dünne Decke über die Schulter.
Plötzlich knarrte es im Raum. Sie schaute auf. Regungslos blieb sie mit dem Smartphone in der Hand sitzen.
„Was ist das?“, fragte sie sich leise, während ihre Zimmertür sich langsam einen Spalt öffnete.
Ein kleiner Schweißtropfen lief über ihre Stirn.
Mit einem Mal schoss ein eisig kalter Windstoß durch das Zimmer. Das Fenster knallte gegen seinen Rahmen. Mit einem Ruck zog sie sich die Decke enger über ihren Körper. Wütend und erschrocken sprach sie: „Verdammt! Ist das kalt!“
Ihre Beine fröstelten. Die ersten Erhebungen der verhärteten Haut kamen hervor.
„Bei dir auch so kalt, Ally?“
„Bist du betrunken?“
„Nein?“
„Ne voll heiß hier.“
„Ich schwöre, ich friere grad mega.“
„Wirst du krank?“
„Hoffentlich nicht.“
„Oder fakest du, weil du keine Lust auf Schule hast morgen?“
„Klar habe ich Lust. Matteo ist da …“
„Du nervst damit, Määäädchen!“
„Wieso? Ist doch voll der Süße.“
„Ne. Steh nicht so auf Locken.“
„Musst du ja auch nicht.“
Ein leises Zirpen zischte durch Ricardas Raum. Sie schaute auf und unterbrach ihren Chat.
„Was war das?“, fragte sie sich leise und stellte ihre Musik leiser. Angestrengt begann sie zu lauschen. Plötzlich begann ihre Nachttischlampe zu flackern an. An, aus. An, aus.
Ricarda gab ihr einen leichten Klaps. „Hör auf, du dummes Ding“, sagte sie dabei leise.
Doch es half nichts. Ihr Handy vibrierte in ihrer Hand. „Hä?“ Ricarda war verwirrt. Es kam kein Anruf und auch keine Nachricht rein.
Es rüttelte und wackelte, während des Displays in diversen Farben strahlte.
Die Helligkeit ihrer Lampe währenddessen änderte die Lichtstärke im Raum in einem ungezähmt wilden Rhythmus.
Von grell leuchtend bis zu einem matten Schein. Alles war dabei.
„Was soll denn dieser Scheiß?“, fragte sie genervt. Dem Handy wurde ein Neustart versetzt. Die Musik ging damit aus.
Nun erst hörte Ricarda ein ungewohnt starkes und monotones Quietschen.
„Oh nein, treiben die beiden es etwa auch? Wieder muss ich diesen Mist hören.“
Mit eisernem Willen, ihre Tür fest zu verschließen und allen weiteren unangenehmen Geräuschen zu entfliehen, begab sich Ricarda zu ebendieser. Doch etwas Unerwartetes geschah. Ihr neugieriger Blick fiel in den dunklen Flur. Endlos finster.
„Komisch. Ihre Schlafzimmer Tür ist sperrangelweit geöffnet.“
Alles blieb geräuschlos. „Nichts. Nur Papas Schnarchen ist zu hören?“
Sie atmete aus. „Einbildung?“
Doch wieder hörte sie ein Knarren und Klimpern. Dieses Mal jedoch ein wenig lauter als zuvor.
Langsam stieg Ricarda die hölzerne Treppe Richtung Erdgeschoss herab. Der Blick in den offenen Flur war sogar noch weit bedrohlicher. Nur der matte Schein des Mondes schimmerte durch einen dünnen, rosafarbenen Vorhang durch das gekippte Fenster der Küche hinein bis in das offene Wohnzimmer.
„Alles scheint ruhig und fest verschlossen zu sein“, stellte Ricarda beruhigt fest.
Nirgends war etwas Befremdliches zu sehen. Auch im Gäste-WC blieb es lautlos. Doch schon wieder knarzte es im Haus.
„Was ist das?“
Dieses Mal war es in aller Deutlichkeit hörbar. Aus dem ersten Stock. Aus ihrem Zimmer!
Ricarda rannte die Treppe hinauf. Mit einem Satz sprang sie die ersten drei Stufen hoch. Die linke Hand glitt lose über das Geländer.
Ruckelig sprang sie mit dem anderen Bein erneut drei Stufen hoch. Und noch einmal. Es war, als würde sie fliegen. Dann geschah es. Ihr Fuß verhakte sich. In der vorletzten Stufe blieb sie hängen. Sie stolperte. Es knallte.
„Scheiße! Verdammt!“, schrie Ricarda noch, während sie im letzten Augenblick versuchte, ihre Hände schützend vor das Gesicht zu halten. Doch vergebens. Ihre Nasenspitze näherte sich schneller dem Boden.
Ein ruhiges Klick-Signal erschien. Licht erhellte den Raum. Marco und Emilia standen ihrer Tochter gegenüber.
„Alles in Ordnung, mein Baby?“ Besorgt stürmte Emilia zu ihrer Tochter, die sich nur langsam wieder auf die Beine helfen konnte.
Sanft streichelte sie ihr über die Haare, während Marco im totalen Übermut krampfhaft versuchte, ein Grinsen zu verkneifen. Schützend hielt er die Hand vor sein Gesicht.
„Was ist passiert, Schatz?“, fragte er letztlich doch in Sorge.
„Nichts. Außer dass ich ausgerutscht bin?“
„Deine Nase, sie blutet.“ Es lief bereits über Ricardas pulsierende Lippen. Ihre Knie waren aufgeschürft.
„Komm mit, Engel, wir müssen ins Bad. Kühlen und desinfizieren. Marco, hol bitte Kühl-Gel.“
Er sprang förmlich die Treppe herunter. Mit einem lauten BUMM landete er im Erdgeschoss.
„Wo ist das Gel denn?“, hörte man ihn noch rufen.
Emilia verdrehte ihre Augen. „Vermutlich im Gefrierfach“, rief sie laut. Anschließend fügte sie ein leises „Du Depp“ hinzu.
Ricarda musste schmunzeln. Es waren die kleinen Sticheleien, bei denen ihr warm ums Herz wurde. Das war ihre Vorstellung einer Familie. Liebe und Wahnsinn.
„Das sieht aber übel aus, mein Schatz.“ Sorgfältig tupfte sie das Blut auf und versprühte eine großzügige Menge an Desinfektionsmittel auf ihr Knie. Ricarda keuchte auf.
„Tut es weh? Schatz?“
„Ja! Allerdings. Ganz besonders deine Sprühaktion.“
„Gut. Ich meine, wieso hüpfst du auch mitten in der Nacht durch die Gegend?“
„Ich dachte, ich hätte etwas gehört. Geräusche.“
„Geräusche? Welche Geräusche?“
„Zuerst habe ich gedacht, sie kämen von euch.“
„Von uns?“
„Ja. So ein Quietschen. Als würde ... euer Bett wackeln.“
„Großer Gott …“
„Ja, habe ich mir auch gedacht. Aber ihr habt geschlafen. Dann kamen diese Geräusche von unten. Ich meine, aus dem Wohnzimmer. Doch als ich unten war, kamen sie auf einmal aus meinem Zimmer. Dabei bin ich wohl irgendwo hängen geblieben.“
„Ja. So scheint es mir zu sein. Deine Nase scheint übrigens in Ordnung zu sein. Zumindest ist sie nicht gebrochen. Glück gehabt. Sonst hättest du einen Buckel wie Papa.“
„Wo ist Papa eigentlich so lange?“
„Tja, gute Frage … Marco? Wo bleibst du mit dem Kühl-Gel?“, rief Ricarda laut.
„Ich komme!“, antwortete er ihr schnell.
„Du Mama, eine Frage habe ich noch.“
„Ja bitte? Was ist denn, mein Schatz?“
„Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit sehr viel davon redest, was alles meine Fruchtbarkeit beeinflussen kann. Dass ich keine Kinder bekomme, wenn ich dieses oder Folgendes tue. Das ist ein wenig creepy. Wieso?“
Erschrocken und ertappt blickte Emilia zum weißen Waschbecken, auf das sie den mit Blut getränkten Lappen legte.
„Das werde ich dir gerne erklären. Aber nicht heute. Ist das in Ordnung für dich?“
„Ja gut. Das geht in Ordnung.“ Ricarda setzte ihr perfekt einstudiertes, schmollendes Gesicht auf.
Kurz darauf eilte Marco mit einem riesigen Beutel gefrorener Bohnen zu ihnen ins Badezimmer.
„Das ist nicht ganz der Kühlbeutel, den ich im Sinn hatte, Schatz.“
Er versuchte sich irgendwie zu erklären „Ja stimmt. Hab aber nur den auf die Schnelle gefunden.“
„Schnell? Du hast beinahe zehn Minuten gebraucht. Wenn nicht sogar länger.“
„Mag sein. Aber dafür liefere ich auch astreine Qualität.“
„An Bohnen?“
„Allerdings. Reinste Bio-Bohnen.“
„Herrlich“, grinste Ricarda. Sie hörte sich das Streitgespräch noch eine kurze Weile an, ehe sie intervenierte.
„Ist schon gut, Papa. Ich glaube, meine Schwellung ist schon etwas zurückgegangen. Trotzdem danke.“
Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
