Götzenbild - Dietrich Novak - E-Book

Götzenbild E-Book

Dietrich Novak

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Beschreibung

In Berlin werden nacheinander plastinierte Leichen gefunden, denen jeweils Körperteile fehlen. Die Presse spekuliert bald, ob da ein neuer Frankenstein am Werk sei. Die Wahrheit ist kaum weniger bizarr. Auch privat gibt es bei den Kommissaren Voss und Lange große Unruhe. Hinnerk entdeckt, dass es noch mehr schöne Frauen gibt, und der gemeinsame Sohn Ben gerät in Lebensgefahr.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Dietrich Novak

Götzenbild

Nur eine Hülle

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Prolog

Die vor Angst zitternde Frau war geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt. Ihre Handgelenke trugen Manschetten aus Eisen, die mittels einer Kette aus dicken Gliedern in der Wand verankert waren. Ungläubig betrachtete sie ihre Umgebung, ein großer, gefliester Raum, der an ein altes Labor erinnerte. Die blaue Leuchtstoffröhre verbreitete ein kaltes Licht, das alles noch unwirklicher erscheinen ließ. Sie saß auf den nackten, teilweise zerstörten Bodenfliesen, an die kalte Wand gelehnt und fror erbärmlich.

Das habe ich doch schon irgendwo gesehen, dachte sie. Dann fiel ihr ein, dass die Szenerie an die Saw Filme erinnerte. Nur war es hier nicht ganz so verkommen, und Leidensgenossen gab es allem Anschein nach auch nicht, was nicht unbedingt ein Trost war.

Ihre Entführung war ähnlich wie in den Horrorfilmen dieser Reihe abgelaufen. Gutgläubig hatte sie einem scheinbar hilflos am Boden liegenden Mann zu Hilfe kommen wollen. Der war plötzlich aufgesprungen und hatte ihr einen Wattebausch ins Gesicht gedrückt, der ihr augenblicklich die Sinne geraubt hatte.

Als sie zu sich gekommen war, hatte sie sich in dieser prekären Lage befunden. Warum nur?, dachte sie unentwegt. Sie hatte niemandem etwas zu Leide getan. Was wollte der Kerl also von ihr? Ein Vergewaltiger schien er nicht zu sein. Jedenfalls hatte er sie bisher sexuell nicht bedrängt. Was wollte er dann? Machte es ihm Spaß, sie leiden zu sehen? Wollte er sie später umbringen und vorher grausame Experimente mit ihr durchführen? Die seltsamen Instrumente, die überall herumlagen, sprachen dafür. Auch das große Wasserbecken, das an ein überdimensionales Aquarium erinnerte, erfüllte sie mit Grauen.

Neben den Instrumenten gab es wie in einem Operationssaal eine Liege, über der sich eine klinisch anmutende große, kreisrunde Lampe befand. Nicht weit davon stand ein Metalltisch mit Abfluss, wie sie ihn aus Szenen kannte, die in der Pathologie spielten. An den Wänden hingen Poster mit schematischen Darstellungen des menschlichen Körpers. In einem Regal und auf dem Boden standen Kanister mit undefinierbarem Inhalt herum, und es roch irgendwie seltsam in dem Raum.

Irgendjemand musste doch auf dem Parkplatz ihre Entführung beobachtet haben, überlegte sie. Warum hatte ihr keiner geholfen? Waren die Menschen schon so gleichgültig, dass ihnen das Schicksal eines anderen egal war? Oder waren sie nur um ihre eigene Sicherheit besorgt gewesen? Dann fiel ihr ein, dass zu der späten Abendstunde der Parkplatz bis auf wenige Fahrzeuge leer gewesen war. Sie hatte sich noch über den Transporter gewundert, den sie an dieser Stelle noch nie zuvor gesehen hatte. Dann war ihr die Gestalt am Boden aufgefallen, die wie leblos wirkte. Hätte sie sich bloß nicht darum gekümmert … aber das hätte sie nicht übers Herz gebracht.

Plötzlich öffnete sich geräuschvoll die schwere Eisentür. Die Gestalt, die hereinkam, war von oben bis unten verhüllt. Auch diese Kleidung kannte sie aus Filmen. Die ermittelnden Beamten der Kriminaltechnischen Untersuchung trugen so etwas. Weiße Anzüge mit Reißverschluss, dazu Handschuhe, eine Art Duschhaube und hell-blaue Plastiküberzüge für die Schuhe, um am Tatort keine eigenen Spuren zu hinterlassen. Dieser hier trug zusätzlich eine Atemmaske, die nur seine stechenden Augen freiließ.

Der Aufzug der Gestalt ließ die Frau ahnen, dass es keine Rettung für sie geben würde. Augenblicklich erfüllte sie Panik.

Kapitel 1

Das Ehepaar mit Kind, das fröhlich schwatzend am Frühstückstisch saß, wirkte wie Millionen anderer Familien. Nur, dass alle drei besonders gut aussehend waren, doch auch das sollte öfter vorkommen.

Niemand, der es nicht besser wusste, hätte vermutet, dass die attraktive, weißblonde Frau mit langem Pferdeschwanz, knappem T-Shirt und verwaschenen Jeans denselben Beruf ausübte wie ihr Mann, der ebenso lässig gekleidet war. Beide waren Ermittler des LKA Berlin und unlängst vom Kommissar zum Hauptkommissar befördert worden. Keine selbstverständliche Angelegenheit, denn Valerie Voss neigte zu Alleingängen, die ihren Chef jedes Mal zur Weißglut brachten, doch ihre hohe Aufklärungsquote ließ ihn stets ein Auge zudrücken.

Vor wenigen Jahren wäre es beinahe schiefgegangen. Valerie hatte im Allgäu ihren Liebhaber verfolgt, der im Verdacht stand, mehrere Menschen aus religiösen Motiven ermordet zu haben. Vor Ort hatte sie dann feststellen müssen, dass sie seinem Zwillingsbruder gegenüberstand. Die mordlüsterne Mutter der Brüder hatte ihn sogar aufgefordert, Valerie zu töten. Kollege Hinnerk Lange war ihr im letzten Moment zu Hilfe gekommen.

Wenig später war es umgekehrt gewesen. Eine geisteskranke Frau hatte Hinnerk nach Südtirol gelockt. Valerie war ihm nachgereist und zusammen mit ihm in eine Falle geraten. Beide hatte dann die Südtiroler Polizei buchstäblich in letzter Minute gerettet.

Bei beiden Fällen waren sich Valerie und Hinnerk nähergekommen. Dennoch hatte es eine Weile gedauert, bis Valerie Hinnerks Werben nachgegeben hatte, denn sie hielt sich für beziehungsunfähig und orientierte sich sexuell nach beiden Seiten. Ein Umstand, der Hinnerk nicht zu stören schien. Jedenfalls war es nie ein Thema bei ihnen gewesen.

Außerdem betrachtete sich Valerie als ein gebranntes Kind, denn bis heute konnte sie nicht herausfinden, ob Alex, ihr letzter Liebhaber, oder sein Zwillingsbruder Alexander die Morde begangen hatte, denn beide waren inzwischen tot. Alexander musste auf der Flucht in eine Gletscherspalte gefallen sein, und Alex war aus dem Fenster seiner Berliner Altbauwohnung gestürzt, als er auf Valerie zustürmte, die sich durch einen Sprung in Sicherheit bringen konnte. Unklar blieb dabei, ob Alex die Absicht gehabt hatte, sie hinauszustürzen, oder nur zu ungestüm gewesen war. Ein Zweifel, mit dem Valerie nur unzureichend klar kam, und der ihr noch heute gelegentlich Albträume bereitete.

Als Valerie und Hinnerk sich zu ihren Gefühlen für einander bekannt hatten, lebten sie noch in zwei verschiedenen Wohnungen in der Wilmersdorfer Schlange, einem Autobahnüberbau mit Hunderten von Wohneinheiten. Bald darauf war Valerie mit Ben schwanger geworden. Sie selbst hätte lieber ein Mädchen bekommen, aber Hinnerk strahlte vor Glück über den Stammhalter. Inzwischen schämte sich Valerie ein wenig über ihre anfängliche Enttäuschung, denn Ben war ein entzückender Junge, den Valerie abgöttisch liebte.

Nach der Heirat und der Geburt von Ben hatte sich ein Zusammenziehen als unvermeidlich erwiesen, möglichst in ein kindgerechtes Heim, das allen gerecht wurde. Die Wahl war dann auf ein Reihenhaus in der Nähe des Großen Tiergartens gefallen. Von dort konnte man das Präsidium im sprichwörtlichen Katzensprung erreichen, und mehr Grün konnte man sich kaum wünschen. Selbst Valeries Katze Minka, die auf dem Weg war, eine ältere Katzendame zu werden, kam dabei auf ihre Kosten. In einer Hinsicht eiferte sie nämlich ihrem Frauchen nach – die Alleingänge. Mehr als einmal hatte Valerie befürchtet, dem geliebten Haustier wäre etwas zugestoßen, aber Minka war stets reumütig mehr oder minder unversehrt zurückgekehrt.

»Ich würde es begrüßen, wenn sich die Dame und der Herr etwas beeilten«, sagte Hinnerk gespielt streng. Dabei breitete sich in seinem herbmännlichen Gesicht ein Lächeln aus. »Die Arbeit wartet, und auf dich der Kindergarten.«

»Du redest so komisch, Papi«, sagte Ben.

»Das kennst du doch von deinem Vater«, meinte Valerie, »er hat sich zwar seinen Zopf abschneiden lassen, aber die mitunter antiquierte Ausdrucksweise hat er beibehalten.«

»Was ist antiquiert?«, wollte der Kleine wissen.

»Altmodisch, von gestern, aus der Zopfzeit eben.«

»Na, wenn es noch gestern modern war, ist es ja noch nicht so lange her und müsste noch gelten …«

»Was ich doch für einen klugen Sohn habe«, grinste Hinnerk. »Und was den Zopf angeht, das habe ich längst bereut. Jetzt sehe ich morgens aus wie der Bär um die Eier.«

Ben quiekte. »Wie sieht der Bär denn da aus?«

»Na, eben wie ich am Morgen.«

»Das sagt man nur so. Es ist eine Redewendung, allerdings eher aus der Gossensprache«, sagte Valerie tadelnd. »Und wenn man von gestern sagt, meint man nicht den Tag zuvor, sondern aus einer längst vergangenen Zeit.«

»Und was ist eine Gossensprache?«

»Gosse nannte man eine Straße oder Gegend, wo die einfachsten Leute lebten. Zwielichtige Gestalten, oft Verbrecher, die eine raue, ordinäre Ausdrucksweise hatten.«

»Jetzt musst du mir nur noch sagen, was zwielichtig und ordinär bedeutet«, ließ Ben nicht locker.

»Das hast du nun davon«, feixte Hinnerk. »Was die beiden Wörter bedeuten erklärt dir Frau Voss, ihres Zeichens deine Mutter, ein andermal. Wir müssen uns jetzt nämlich sputen.«

»Schon wieder, Mami … Sag Papi, er soll normal sprechen.«

»Da hören Sie es Herr Lange. Also bitte …!«

Die beiden nannten sich gerne bei ihren Familiennamen, denn sie hatten sich nicht entschließen können, einen gemeinsamen Ehenamen anzunehmen. Was heutzutage kein Problem mehr darstellte. Valerie hatte nicht Lange heißen wollen und keine Lust auf einen Doppelnamen gehabt, und Hinnerk hatte aus Respekt vor seinen früh verstorbenen Eltern nicht Valeries Namen annehmen wollen. Die nicht ganz alltägliche Lösung war im Präsidium oft Anlass für Witzeleien. Einige zweifelten sogar an, ob Valerie und Hinnerk wirklich verheiratet waren.

»Sag deiner Mutter, dass Sie ebenso von gestern ist wie ich«, forderte Hinnerk seinen Sohn auf. »Die Zeiten, in denen sich Ehepartner gesiezt haben, sind nämlich längst Geschichte.«

»Ihr seid beide komisch. Die Eltern der anderen Kinder sprechen ganz normal, und Tante Edeltraud auch …«

»Und eben die sollten wir nicht länger warten lassen. Also Abmarsch!«

Bevor Hinnerk noch etwas hinzufügen konnte, läutete das Telefon. Am Apparat war Lars Scheibli, der inzwischen den Sprung vom Kommissaranwärter zum Kommissar gemacht hatte.

»Ihr braucht gar nicht erst herzukommen«, sagte er. »Im Volkspark Friedrichshain hat man eine unvollständige, weibliche Leiche gefunden.«

»Unvollständig? Was heißt unvollständig?«

»Na ja, ihr sollen ein paar Gliedmaßen fehlen.«

»Verstehe. Da sie schon tot ist, kann sie noch einen Moment warten«, antwortete Hinnerk. »Ich muss erst noch meinen Sohnemann in den Kindergarten bringen. Aber wenn es dir ein Trost ist, schicke ich Valerie.«

»Gut, dann fahre ich schon mal voraus. Bis dann.«

»Halt mal, der Park ist groß. Geht es etwas genauer?«

»Ach so, entschuldige. Es ist der Bereich an der Friedenstraße. Dort, wo es einige Parkbuchten gibt. Ich warte da.«

»Alles klar. Bis später im Präsidium.« Hinnerk legte auf.

»Wohin schickst du mich«, wollte Valerie wissen. »Ich hoffe nicht in die Wüste …«

»Im Gegenteil, mein Schatz, dorthin, wo es ziemlich grün ist. Volkspark Friedrichshain, Friedenstraße, Parkbuchten. Lars erwartet dich. Komm, Ben! Du ziehst schon mal deine Jacke an. Das kannst du doch schon allein.«

Der Fünfjährige gehorchte und ging auf den Flur.

»Weibliche Leiche, die nicht ganz vollständig ist«, flüsterte Hinnerk. »Du wirst ja sehen.«

»Und warum kommst du nicht nach?«

»Du kennst doch Lars. Er brennt darauf, etwas zu tun zu haben. Und zu dritt müssen wir wirklich nicht dort auftauchen. Unser Chef würde glatt von Verschwendung reden.«

»Unser aller Paul soll sich Sorgen um sein Haupthaar machen, dann hat er genug zu tun«, frozzelte Valerie und spielte damit auf den alten Joke an, der im Präsidium die Runde machte. Der Chef der Abteilung hieß nämlich Schütterer und hatte eher lichtes Haar. Und respektlose Zeitgenossen wie Valerie meinten mitunter: »Paul wird auch immer schütterer.«

»Wann gibst du deinen Widerstand gegenüber dem Boss eigentlich endlich auf?«

»Und wann hörst du auf, ihm in den Arsch zu kriechen?«

Hinnerk räusperte sich lautstark. »Ähem … das Kind. Soviel zum Thema Gossensprache …«

»Der schnappt von dir noch ganz andere Sachen auf. Und ich möchte gar nicht so genau wissen, was er alles im Kindergarten hört.«

Als Valerie in der Friedenstraße ankam, sah sie schon Lars am Straßenrand winken. Sie parkte ein und stieg aus dem Wagen.

»Guten Morgen, Herr Kollege. Hast du im Präsidium übernachtet, oder was?«

»Ich bin gerne sehr pünktlich«, sagte der jugendlich wirkende Mann etwas pikiert. »Und von wem ihr die Nachricht erhaltet, ist doch letztendlich egal.«

»Ja, es kommt nur öfter vor, dass du der Erste bist … aber egal, wo müssen wir hin?«

»Wir können uns direkt von hier aus in die Büsche schlagen. Der Täter hat sich nicht besondere Mühe gegeben, die Leiche zu verstecken. Schließlich gibt es ganz andere Orte in Berlin …«

»Kann sein, dass er Aufmerksamkeit erringen will …«

An der Fundstelle wuselten schon die Kollegen der KTU herum. Der Bereich war weiträumig abgesperrt. Auch Rechtsmedizinerin Tina Ruhland war schon bei der Arbeit. In früheren Zeiten hatten Tina und Valerie eine sexuelle Beziehung gehabt, bis es mit Hinnerk ernst geworden war, was Tina Valerie gerne unter die Nase rieb. An passender oder unpassender Stelle.

»Hallo Tina, kannst du schon Näheres sagen, wie Todeszeitpunkt und Fundort gleich Tatort?«

»Guten Morgen, sind Mann und Kind schon versorgt?«

»Du kannst es nicht lassen …«, sagte Valerie gereizt.

»Man wird doch mal ein Späßchen mach dürfen. Oder haben wir heute schlechte Laune. Wird der Familienstress langsam zu groß?«

»Das hättest du wohl gerne. Und wir haben keine schlechte Laune, aber du vielleicht. Also, beantworte bitte meine Fragen. Für Späßchen dürfte das hier nicht der rechte Ort sein.«

»Weibliche Leiche, zirka fünfundzwanzig Jahre, Todeszeitpunkt nicht feststellbar, da die Leiche präpariert wurde. Deshalb Fundort mit Sicherheit nicht Tatort. Beide Beine fehlen.«

»Was heißt präpariert? Sieht aus, als sei die Leiche in den Regen gekommen, obwohl es die letzten Tage trocken war.«

»Das könnte an dem angewandten Verfahren liegen. Später dazu mehr …«

»Und was sagen die Kollegen von der KTU? Könnten die Beine woanders im Park liegen?«

»Frag sie doch …«

»Danke, darauf hätte ich auch allein kommen können.« Valerie drehte sich abrupt um. So langsam gingen ihr die Spitzen der Rechtsmedizinerin auf die Nerven. Es war jetzt über fünf Jahre her, dass sie miteinander intim gewesen waren. Aber Tina musste wesentlich mehr für Valerie empfunden haben, als diese ahnte. Deshalb war Tina wohl auch eine so schlechte Verliererin und noch immer untröstlich.

Die Kollegen von der KTU teilten Valerie mit, dass man in nächster Umgebung die Beine der Leiche nicht gefunden hatte. Es gab überhaupt so gut wie keine Spuren, als sei der Täter einer von ihnen gewesen. Was Valerie als ziemlich schlechten Witz auffasste. Gemeint war aber, dass er ähnliche Schutzkleidung getragen haben musste, um am Fundort und an der Leiche keine DNA zu hinterlasen.

Während Valerie eine kleine Suchmannschaft mit Leichenspürhunden anforderte, die das übrige Parkgelände durchforsten sollten, befragte Lars den Mann, der die Leiche entdeckt hatte.

Walter Schönborn war ein sportlicher Typ, mittleren Alters, der ein Joggingoutfit trug und einen unruhig zappelnden Schäferhundrüden an der Leine hatte.

»Eigentlich hat Rex sie ja gefunden«, sagte er. »Wir haben wie immer unsere Runde gemacht, und plötzlich ist er in den Büschen verschwunden und tauchte länger nicht mehr auf. Dann hörte ich ihn aufgeregt bellen. Ja, ich weiß, Hunde müssen im Park an der Leine geführt werden, aber was soll ich machen, wenn er etwas aufspürt und nicht mehr auf mich hört«

»Wir sind nicht vom Ordnungsamt, sondern von der Mordkommission«, sagte Lars. »So gesehen, war es sogar ein Glück, dass Sie Rex nicht bremsen konnten. Sie sind ihm also gefolgt und haben den Leichnam entdeckt. Sind Ihnen dabei verdächtige Personen aufgefallen? Oder haben Sie sonst etwas bemerkt?«

Walter Schönborn schüttelte den Kopf. »Da war niemand. Und ich habe mir nur Rex geschnappt und nicht so genau hingesehen. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man das im Fernsehen oder real sieht.«

»Wem sagen Sie das! Also, Ihnen ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen? Hat draußen vielleicht ein Wagen geparkt? So etwas wie ein Kombi oder Lieferwagen?«

»Nein, um diese Zeit parkt hier selten einer.«

»Haben Sie irgendetwas am Fundort verändert? Oder etwas eingesteckt?«

»Wofür halten Sie mich? Für einen, der schaurige Relikte sammelt? So pervers bin ich nun auch wieder nicht.«

»So war es ja nicht gemeint. Manchmal hebt man etwas auf, weil man glaubt, es verloren zu haben. Zum Beispiel ein Feuerzeug.«

»Ich bin Sportler und Nichtraucher.«

»Es sollte auch nur ein Beispiel sein.«

»Ich sage doch, ich hatte Mühe, Rex von da wegzukriegen, und habe auch so schnell wie möglich das Weite gesucht. Angefasst oder aufgehoben habe ich nichts.«

»Danke, ich nehme dann noch Ihre Personalien auf. Gegebenenfalls müssen wir Ihre Aussage im Präsidium noch protokollieren. Wir melden uns dann bei Ihnen.«

Später trafen Valerie und Lars fast gleichzeitig im Präsidium ein. Hinnerk war schon ganz gespannt, was sie zu berichten hatten. Das Büro duftete nach frisch gebrühtem Kaffee, für den Marlies Schmidt, die gute Seele der Abteilung gesorgt hatte. Von den Kollegen wurde sie meist Schmidtchen oder Lieschen genannt, was keineswegs abwertend gemeint war. Mit ihrem krausen Wuschelhaar und ihrem unkonventionellen Kleidungsstil war sie ohnehin alles andere als ein Lieschen.

»Das ist ein merkwürdiger Fall«, sagte Valerie. »Wer macht sich die Mühe, eine Leiche zu präparieren, um sie dann anschließend wie ein Bündel Lumpen im Park abzulegen? Und wo sind die Beine geblieben? Ich hoffe, die Kollegen finden sie noch an anderer Stelle im Park. Das Opfer ist etwa Mitte zwanzig und trug keine Papiere bei sich. Kunststück, der Täter hat wohl kaum die Handtasche auch präpariert.«

»Ich liebe deinen trockenen Humor«, sagte Hinnerk.

»Das wundert mich nicht«, meinte Lars. »Ich finde ihn eher makaber.«

»Sei friedlich, ja? Sonst sagen wir dem Alten, er soll dich versetzen, wegen seelischer Grausamkeit«, feixte Valerie. »Schmidtchen, dich möchte ich bitten, anhand des Fotos die Vermisstenkartei durchzugehen. Wenn du keine Übereinstimmung findest, weil wir nur ein Foto von der Leiche haben, benutze das Programm, das die Merkmale im Gesicht miteinander vergleicht.«

»Okay, von welchem Zeitraum geht ihr aus?«, fragte Marlies.

»Schwer zu sagen. Da das Opfer präpariert ist, könnte es theoretisch schon jahrelang tot sein. Fang erst einmal mit den Vermissten der letzten drei Monate an und erweitere dann entsprechend.«

Es dauerte nicht lange, bis Marlies fündig wurde. »Ich hab sie. Es gibt eine über neunzigprozentige Übereinstimmung.«

Hinnerk lief zu Schmidtchen hinüber. »Lass sehen, wer ist es?«, fragte er.

»Nina Feist, dreiundzwanzig, wohnhaft Schmiljanstraße in Friedenau. Von den Eltern vermisst gemeldet seit zehn Tagen.«

»Okay, ich fahre gleich hin.«

»Darf ich mitkommen?«, meldete sich Lars.

»Wenn du sonst nichts zu tun hast …«

»Und was mache ich?«, protestierte Valerie.

»Da du im Allgemeinen nicht besonders scharf darauf bist, Todesnachrichten zu überbringen, kannst du deiner …ähem … Exfreundin auf die Füße treten. Bei der da unten ist es immer so gemütlich«, zog sie Hinnerk auf.

»Das tue ich seit Jahren, wie sie mir bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit unter die Nase reibt.«

»Tja, da musst du jetzt durch … komm, Lars, auf nach Friedenau!«

Valerie ging zähneknirschend in die Pathologie, wohl wissend, dass sie sehr frostig empfangen werden würde, in zweifacher Hinsicht sogar.

»Was willst du denn hier? Ich kann nicht hexen«, blaffte sie Tina an, woraufhin das Gesicht von Tinas Kollege, Knud Habich, in etwa dieselbe Farbe wie seine rotblonden Haare annahm. Dem jungen Mann war es immer wieder aufs Neue peinlich, Zeuge der Reibereien zwischen den Freundinnen zu sein, die einmal sehr zärtlich miteinander umgegangen waren.

»Ich will ja auch nicht hetzen. Wir wissen jetzt, wer die junge Frau ist. Ihre Eltern haben sie vor zehn Tagen als vermisst gemeldet. Sie war übrigens erst dreiundzwanzig.«

»Mit dem Alter habe ich mich nicht festgelegt, wie mit allen anderen Fakten auch nicht.«

»Macht ja nichts. Wenn du mir später den Todeszeitpunkt nennst, wissen wir mehr über den Täter. Zum Beispiel, ob er seine Opfer zuvor gefangen hält oder schon am ersten Tag umbringt.«

»Du sprichst im Plural. Gehst du davon aus, dass es sich um einen Serientäter handelt?«, fragte Tina, etwas weicher in der Stimme.

»Glaubst du, einer macht sich nur einmal die Mühe, und das war’s?«

»Das herauszufinden ist dein Job, meine Liebe.«

»Du hast da am Fundort so eine Andeutung gemacht bezüglich der Präparationsmethode …«

»Ja, es hat sich bestätigt, dass es sich bei dem Verfahren, das der Täter angewandt hat, nicht um eine Plastination im herkömmlichen Sinne handelt wie bei den Exponaten dieses „Künstlers“ mit seinen Körperwelten und die Lehrobjekte zur anatomischen Ausbildung. Normalerweise ersetzt man das Wasser in den Zellen durch Kunststoff, Polymere wie Silikone, Epoxidharze, Polyesterharze. Die dauerhaften Präparate kommen dadurch den natürlichen Gegebenheiten sehr nahe. Oberflächen und Strukturen bleiben erhalten, lediglich die Farben gehen verloren und müssen künstlich wiederhergestellt werden.« Tina war wieder in ihrem Element und verlor sich beinahe, aber schließlich kam sie doch auf den Punkt. »Hier hingegen haben wir es mit einem Alternativverfahren zu tun, der Polyethylenglykol-Methode. PEG ist wasserlöslich, deshalb kann man auf ein Zwischenmedium verzichten. Da PEG allerdings hygroskopisch ist, werden die Präparate nie ganz trocken, wie selbst dir aufgefallen ist. Beide Verfahren haben gemeinsam, dass zuvor die Fixierung in Formalin erfolgen muss, damit das Gewebe stabilisiert und dadurch die Schrumpfung minimiert wird. Die Fixierung verhindert den Zerfall des Gewebes bei der Präparation.«

»Das heißt, der Täter hat umfangreiche Kenntnisse von alldem, ein Labor zur Verfügung und jede Menge finanzielle Mittel«, sagte Valerie. »Das Material muss doch teuer sein.«

Tina winkte ab. »Die PEG Methode ist ein einfaches und billiges Verfahren. Im Internet kannst du fünf Kilogramm Polyethylenglycol für etwa einhundertzwanzig Euro plus Versand erhalten.«

»Dann müssen wir uns also die Tierpräparatoren vornehmen. Einer von denen muss irgendwo ein größeres Labor unterhalten. Vielleicht auf einem stillgelegten Fabrikgelände.«

»Ja, macht mal, viel Spaß.«

»Apropos Spaß, willst du nicht am Wochenende zu uns zum Essen kommen? Ben hast du das letzte Mal gesehen, als er drei war, glaube ich.«

»Ich denke, das ist keine so gute Idee …«

»Komm, Tina, gib dir einen Ruck, der alten Freundschaft wegen …«

»Ich werde darüber nachdenken, verspreche aber nichts …«

Hinnerk und Lars kamen in der Schmiljanstraße an und liefen auf einen typischen Altbau in verblasstem Beige, aber mit imposanten weißen Säulen rechts und links vom Eingang zu. In dem Moment kam ein Radfahrer mit atemberaubendem Tempo auf dem Gehsteig auf sie zu. Hinnerk stellte sich ihm in den Weg.

»Warum benutzen Sie nicht den Radweg, der nur einen Meter neben Ihnen verläuft?«, fragte er.

»Fick dich, du Hurensohn!«

Hinnerk hielt den unverschämten Kerl an der Jacke fest. »So, absteigen und ausweisen! Da bist du an den Falschen geraten«, sagte er böse und zückte seinen Dienstausweis.

»Bist du heute mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden oder hat dich deine Alte nicht rangelassen? Hat die Kripo keine anderen Sorgen?«

»Klappe halten und den Ausweis zeigen, aber dalli! Das gibt eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung, damit das klar ist.«

Der Radfahrer wies sich widerstrebend aus, und Hinnerk notierte seine Personalien. Als er weiterfuhr, zeigte er Hinnerk einen Vogel. Lars hielt den Kollegen fest, als der dem Kerl hinterher spurten wollte.

»Lass gut sein. Du hast ja die Personalien. Das gibt nur Ärger.«

»Verdammtes, dreistes Pack«, ereiferte sich Hinnerk. »Endlich habe ich mal einen erwischt.«

Lars drückte den Knopf neben dem Klingelschild mit dem Namen Feist, woraufhin fast unmittelbar der Summer ertönte.

Oben öffnete ihnen eine Dame um die Fünfzig mit fragendem Blick. Sie war sehr gepflegt und tadellos gekleidet, nur ihre Augen blickten traurig, fast leer.

»Frau Feist? Mein Name ist Lange, ich bin Hauptkommissar beim LKA. Und das ist Kommissar Scheibli. Dürfen wir einen Moment hereinkommen?«

Hannelore Feist machte wortlos den Weg frei und schloss die Tür hinter Hinnerk und Lars.

»Sie haben sie gefunden, nicht wahr? Ist sie tot?«

Hinnerk nickte. »Es tut mir leid. Man hat die Leiche Ihrer Tochter heute Morgen im Volkspark Friedrichshain aufgefunden.«

»Ich habe es den ganzen Tag geahnt. Eine Mutter fühlt so etwas, wissen Sie!«

Frau Feist führte die beiden in das mit antiken Möbeln ausgestattete Wohnzimmer und bot ihnen einen Platz an. »Kann ich Ihnen etwas anbieten?«, fragte sie mit brüchiger Stimme.

Hinnerk verneinte dankend, und Lars winkte ab.

»Ich gehe davon aus, dass Ihre Tochter noch bei Ihnen gewohnt hat. Etwas ungewöhnlich mit Anfang zwanzig, finden Sie nicht?«

»Nein, überhaupt nicht. Die Wohnung ist groß genug. Da tritt man sich nicht so leicht auf die Füße. Und Nina hat in Ihrem Berufsleben nicht viel Glück gehabt. Da ist es schwer, eine eigene Wohnung zu finanzieren bei den heutigen Mieten. Momentan arbeitet sie in einem Callcenter, kein Job auf Dauer, wenn Sie mich fragen. Ausgerechnet in Neukölln, allein schon die tägliche Anfahrt … na, und die Gegend … aber es ist ja so schwer, etwas Vernünftiges zu bekommen, wenn man keine ordentliche Ausbildung vorzuweisen hat.«

»Warum hat Ihre Tochter keinen Beruf erlernt?«

»Sie wissen doch, wie die jungen Leute heutzutage sind. Sie hat ihr Studium abgebrochen, weil sie von einer Modelkarriere geträumt hat. Zu mehr als ein paar Werbefotos hat es dann aber nicht gereicht. Hauptsächlich für Strumpfhosen. Nina hatte außergewöhnlich schöne Beine, müssen Sie wissen. Meinem Mann war das gar nicht recht. Er fand es irgendwie peinlich, dass man noch nicht einmal ihr Gesicht sah. Es hat ständig Streit zwischen den beiden gegeben. Jetzt verdient sie ihr Geld, indem sie anderen etwas aufschwatzt, das sie eigentlich nicht wollen … auch nicht gerade viel ehrenhafter … aber was soll man machen?«

»Wo befindet sich dieses Callcenter? Ich meine, Neukölln ist groß«, sagte Lars.

»In der Hermannstraße. Ich vergesse immer den Namen, warten Sie, ich habe eine Visitenkarte!« Hannelore Feist ging zur Flurgarderobe, griff in eine Schale, in der einige Karten und Flyer lagen, und reichte die bewusste Karte an Lars weiter.

»Wie war das an dem Abend, wann haben Sie gemerkt, dass etwas nicht stimmte?«, wollte Hinnerk wissen.

»Recht bald. Nina hatte zwar Spätdienst, aber sie kam danach immer gleich nach Hause. Andernfalls hat sie uns angerufen. Mein Mann und ich haben die ganze Nacht gewartet und ständig versucht, Nina auf dem Handy zu erreichen, doch es war immer die Mailbox angeschaltet. In der Firma hieß es, sie habe das Büro pünktlich verlassen.«

»Danke, wir werden im Anschluss gleich in die Firma fahren. Hatte Ihre Tochter einen Laptop?«

»Ja, der steht in ihrem Zimmer.«

»Den würden wir gerne mitnehmen. Womöglich kannte Nina den Täter und hat sich Mails mit ihm geschrieben.«

»Das wäre schon möglich. Einen festen Partner hatte sie jedenfalls nicht, wie die meisten heute. Wie ist sie nur in den Park gekommen? Freiwillig ist sie bestimmt nicht dort hingegangen.«

»Wir gehen davon aus, dass der Täter dort nur den Leichnam abgelegt hat. Fundort und Tatort sind nicht identisch«, erklärte Hinnerk.

»Dann hat mein armes Kind die ganze Zeit dort gelegen, bis jemand sie fand?«

»Wahrscheinlich nicht. Dort wäre man früher auf sie aufmerksam geworden. Der Täter muss sie zuvor in seiner Gewalt gehabt haben.«

»Wie schrecklich …« Frau Feist kamen unwillkürlich die Tränen. »Dann hat er sie womöglich noch tagelang gequält, bis er sie erlöste?«, fragte sie mit erstickter Stimme.

»In dieser Hinsicht kann ich sie trösten. Es sind keine äußeren Verletzungen wie Spuren von Gewalt festgestellt worden. Es war eher so …«

»Ja? Sprechen Sie doch weiter!«

»… als wollte der Täter den Körper möglichst unversehrt lassen.« Hinnerk verschwieg wohlweislich die Plastination, um der Mutter das Herz nicht noch schwerer zu machen.

»Dann hätte er sie nicht umbringen dürfen. Eine Vergewaltigung wäre mit Sicherheit traumatisch gewesen, aber Nina wäre am Leben geblieben.«

»Dem Täter ging es mit Sicherheit um etwas anderes …«, sagte Lars.

»Ja, das war’s fürs Erste«, schnitt ihm Hinnerk das Wort ab. »Jetzt brauchen wir nur noch den Laptop. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir uns bei dieser Gelegenheit im Zimmer Ihrer Tochter umsehen?«

»Nein, machen Sie nur Ihre Arbeit. Je eher Sie den Verbrecher finden, umso besser.«