Grabesstille Nacht - Sabine Thiesler - E-Book
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Grabesstille Nacht E-Book

Sabine Thiesler

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Beschreibung

Atemberaubend spannende Weihnachten in der Toskana

Der misshandelte kleine Junge Filippo reißt kurz vor Weihnachten von zu Hause aus. Er flieht über die Berge in dunkle Wälder und läuft direkt in die Arme eines finsteren Mannes, der nichts Gutes mit ihm vorhat.

Zum ersten Mal in ihrem Leben freut sich Emilia auf Weihnachten, denn am Heiligabend werden die Erniedrigungen durch ihren Mann endlich vorbei sein. Sie plant ein ganz spezielles Weihnachten und fängt zu diesem Zweck seit Monaten Fliegen ...

Zwei toskanische Weihnachtsgeschichten von Sabine Thiesler - hochspannend und grandios atmosphärisch. Grabesstille Nacht erscheint exklusiv als eBook Only und umfasst ca. 40 Seiten.

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Seitenzahl: 93

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Zum Buch

Der misshandelte kleine Junge Filippo reißt kurz vor Weihnachten von zu Hause aus. Er flieht über die Berge in dunkle Wälder und läuft direkt in die Arme eines finsteren Mannes, der nichts Gutes mit ihm vorhat.

Zum ersten Mal in ihrem Leben freut sich Emilia auf Weihnachten, denn am Heiligabend werden die Erniedrigungen durch ihren Mann endlich vorbei sein. Sie plant ein ganz spezielles Weihnachten und fängt zu diesem Zweck seit Monaten Fliegen …

Zwei toskanische Weihnachtsgeschichten von Sabine Thiesler – hochspannend und grandios atmosphärisch.

Zur Autorin

Sabine Thiesler, geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. Sie arbeitete einige Jahre als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Bühne und schrieb außerdem erfolgreich Theaterstücke und zahlreiche Drehbücher fürs Fernsehen (u.a. Das Haus am Watt, Der Mörder und sein Kind, Stich ins Herz und mehrere Folgen für die Reihen Tatort und Polizeiruf 110). Bereits mit ihrem ersten Roman Der Kindersammler stand sie monatelang auf den Bestsellerlisten. Ebenso mit den folgenden Büchern Hexenkind, Die Totengräberin, Der Menschenräuber,Nachtprinzessin, Bewusstlos und Versunken. Im Januar 2016 erscheint ihr neuer Roman Und draußen stirbt ein Vogel.

SABINE THIESLER

Grabesstille Nacht

Zwei etwas andere Weihnachtsstorys

WILHELM HEYNE VERLAG

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

»Die Irre von San Lorenzo« erschien erstmals in:

Süßer die Morde nie klingen, Heyne Verlag, 2012

»Die Fliegenfängerin« erschien erstmals in:

Eiskalte Weihnachtsengel, Heyne Verlag, 2013

© 2015 by Sabine Thiesler

und Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung eines Motivs von shutterstock/shaiith

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN: 978-3-641-19388-1V002

www.heyne-verlag.de

www.sabinethiesler.de

DIE IRRE VON SAN LORENZO

Italien 1854

Um drei Uhr morgens fasste Filippo den Entschluss wegzulaufen. Die Angst vor der Nacht, der Kälte, dem dunklen Wald und den Tieren war nicht so groß wie die vor seinem Vater. Erst gestern Abend hatte er ihn wieder mit einem krummen Eichenstock verprügelt, bis seine Mutter, die das mit ansehen musste, genauso geschrien und den Vater um Gnade angefleht hatte wie er. Das Allerschlimmste daran war, dass er nicht wusste, warum der Vater schon wieder zuschlug, er redete nicht, er schimpfte nicht, er holte den Stock und drosch einfach drauflos. Und Filippo wagte nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu tun, hatte nur noch Angst, irgendetwas falsch zu machen.

Er hatte keine andere Wahl – er musste weg. Über den großen Berg, den Prato Magno. Dort würde man ihn nicht finden, und sein Freund Luca hatte gesagt, dort wäre das Meer, und dort schiene immer die Sonne. In einer Woche war Weihnachten. Vielleicht schaffte er es bis dahin, am Meer zu sein.

In der Nacht hatte es etwas geschneit, die Wiese vor dem Haus glitzerte bläulich im fahlen Mondlicht. Filippo zog zwei Hemden, zwei Paar Strümpfe, sein dickes Wams und zwei Hosen an, schlich in die Küche und packte ein Stück Pecorino und eine angeschnittene Salami, die er in der Speisekammer fand, in seinen Beutel, ebenso ein halbes, schon trockenes Brot. Im Flur hängte er sich seinen langen Schafspelz um und verließ leise das Haus.

Niemand hatte ihn gesehen oder gehört, seine Eltern schliefen noch. Immer wenn sein Vater ihn verprügelt hatte, schlief er am Morgen danach extrem lange.

Filippo lief schnell. Er rannte fast. Raus aus dem Dorf, durch das Olivenfeld von seinem Onkel Siro und weiter den Weg hinauf, bis der Wald anfing. Schwer atmend blieb er stehen und sah zurück. In der Ferne konnte er am Rande von San Lorenzo sein Elternhaus sehen. Das mit dem gräulichen Dach und dem dicken Schornstein, der zum großen Kamin in der Küche führte. Was würde seine Mutter tun, wenn sie in sein Zimmer kam, um ihn zu wecken, und er war nicht da?

Das Herz schnürte sich ihm zusammen, und bereits jetzt überschwemmte ihn das Heimweh derart, dass er anfing zu weinen. Er liebte seine Eltern mehr als alles auf der Welt. Warum konnten sie nicht einfach zusammen leben wie andere Familien auch? Sein Freund Luca hatte keine Angst vor seinem Vater, Luca war auch noch nie verprügelt worden. Er bekam höchstens Ärger, wenn er schlechte Zensuren mit nach Hause brachte. Filippo hatte noch nie schlechte Zensuren gehabt, bei allem, was er tat, strengte er sich an, aber es reichte nie.

Langsam ging er weiter. Der Wald wurde immer dunkler und dichter. Ein Rehbock schrie dröhnend und dumpf, und das Unterholz knackte und raschelte. Dann hörte er es bedrohlich nahe schnaufen und grunzen und hielt die Luft an: Eine Rotte Wildschweine rannte ungefähr zehn Meter vor ihm durch das Dickicht. Filippo stand ganz still und bewegte sich nicht, und die Schweine nahmen zum Glück keine Notiz von ihm.

Aber dabei fiel ihm ein, was er von Lucas Vater gehört hatte. Es gab wieder viele Wölfe in Umbrien. Geradezu eine Wolfsplage. Auch hier auf dem Prato Magno und in den umliegenden Tälern. »Wenn sie Hunger haben, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie kommen und unsere Kinder holen«, hatte er gebrummt, und das war kein Scherz gewesen. Er hatte ausgesehen, als würde er sich Sorgen machen.

Drei Stunden später wurde Elisabetta wach, weil der Morgen dämmerte. Da ihr Mann Roberto noch schlief, stand sie so leise wie möglich auf und ging in die Küche, um Feuer im Kamin zu machen. Filippo konnte noch eine halbe Stunde schlafen, bevor er aufstehen und in die Schule gehen musste.

Ihr wurde übel, wenn sie daran dachte, wie sehr Roberto Filippo wieder geschlagen hatte. Ihren kleinen, zarten Sohn, der sich nicht wehren konnte und der Wut seines Vaters vollkommen ausgeliefert war. Der grundlosen Wut, die über ihn kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Danach war Roberto auf dem Stuhl eingeschlafen, und sie hatte gesehen, dass die Grappaflasche wieder halb leer war. So ging es nicht weiter. Sie musste etwas tun, wunderte sich sowieso, wie Filippo das aushielt und scheinbar wegsteckte. Denn irgendwann würde Roberto ihn totschlagen.

Sie setzte Wasser auf den Herd und begann den Frühstückstisch zu decken. Filippo mochte morgens keinen Honig wie andere Kinder, er aß immer Wurst oder Käse und dazu hartes Brot, das beim Zubeißen krachte.

Als sie die Speisekammer öffnete, taumelte sie vor Schreck zurück: Salami und Käse waren nicht mehr da, und sie wusste ganz genau, dass sie beides gestern in das oberste Fach gelegt hatte.

Eine ungute Vorahnung ließ ihr Herz rasen. Sie ging zu Filippos Zimmer ganz am Ende des Flurs und öffnete leise die Tür. Und dann sah sie, dass genau das geschehen war, was sie befürchtet hatte: Filippo war nicht da.

Im Flur sah sie, dass auch sein Schafspelz nicht mehr am Haken hing, und sie rannte hinauf ins Schlafzimmer.

»Roberto!«, schrie sie. »Roberto, wach auf! Filippo ist weg!«

Roberto verzog unwillig das Gesicht und öffnete noch nicht mal die Augen. »Wie – weg?«

»Er ist nicht mehr in seinem Zimmer, sein Schaffell ist weg, und er hat Wurst und Käse mitgenommen. Er ist abgehauen, Roberto, weil er es nicht mehr aushält, wie du ihn schlägst!«

»Und wenn er wiederkommt, kriegt er erst recht Prügel, das schwör ich dir!« Damit drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter.

Elisabetta brach in Tränen aus. Sie schlüpfte in ihren Mantel und ihre Stiefel und lief aus dem Haus, um Don Giovanni, den Pfarrer, um Hilfe zu bitten.

Es lag nicht daran, dass er den Ofen noch nicht angeheizt hatte, es lag an dem, was Elisabetta ihm erzählte. Ihm war, als würde er in Eiswasser tauchen, so kalt wurde ihm bei dem Gedanken, dass in San Lorenzo ein Kind verschwunden war. Einen Tag vor dem vierten Advent, kurz vor Weihnachten. Er spürte, dass Elisabetta zu ihm gekommen war, weil sie allein war. Sie stammte aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Perugia und hatte hier niemanden außer ihrem Mann und ihrem Sohn. Und ihr Mann war keine Hilfe. Don Giovanni kannte ihn ziemlich gut. Roberto war unwirsch, übellaunig, aggressiv und ungerecht, wenn er betrunken war. Dann verletzte er vor allem die, die ihm am nächsten standen, zerschlug in seiner Wut die einzige kleine Welt, die er hatte.

»Hat Filippo Freunde, zu denen er gelaufen sein könnte?«, fragte Don Giovanni.

Elisabetta schüttelte den Kopf. »Nur Luca. Er wohnt drei Häuser neben uns, und ihn hab ich schon gefragt.«

»Gab es bei euch Streit gestern Abend?«

Elisabetta senkte den Kopf, und für Don Giovanni war es mehr als ein Nicken.

»Hat Roberto ihn geschlagen?«

»Ja«, flüsterte sie.

»Schlimm?«

»Sehr schlimm.«

»Weswegen?«

»Ich weiß es nicht.« Sie sah ihn verzweifelt an. »Und Filippo weiß es auch nicht. Nie. Roberto prügelt einfach los. Ohne Grund.«

Don Giovanni nickte und rieb seine Brillengläser zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Sag mir, was du denkst, Elisabetta. Verrate mir deine geheimsten Gedanken. Du bist die Einzige, die eine Ahnung davon haben könnte, was er tut. Wo er hinläuft. Und wo er bei dieser Kälte die Nacht verbringen wird.«

Elisabetta zuckte zusammen, als hätte sie daran noch gar nicht gedacht. Nur noch sechs Stunden, dann würde es dunkel sein.

Sie sah Don Giovanni voller Angst an. »Vielleicht hat ihn die Hexe geholt«, hauchte sie, »du erinnerst dich, die Irre von San Lorenzo.«

Don Giovanni nickte, denn in diesem Moment fiel ihm wieder ein, was damals geschehen war. Jahrelang hatte er nicht mehr daran gedacht.

Es war in der Christmette vor neun Jahren, kurz vor Mitternacht. Elisabetta hatte einen Kerzenstummel in der Hand und blickte in das Licht der flackernden Flamme. Sie war hochschwanger, wahrscheinlich hatte sie nur noch drei Wochen vor sich, aber die kamen ihr vor wie eine Ewigkeit. Sie fühlte sich schwach und verletzlich, auch Roberto, mit dem sie seit einem Dreivierteljahr verheiratet war, machte ihr immer häufiger Angst. Sein freundlicher Blick konnte von einer Sekunde zur andern starr und kalt werden, und sie sah darin eine Spur von Hass. Vielleicht war es auch nur seine unerklärliche Wut, aber das konnte sie nicht beruhigen. In ihren Träumen gebar sie ein missgebildetes Kind mit Wasserkopf, zwölf Zehen oder blinden Augen. Das würde ihr Roberto nie verzeihen.

»Oh Herr«, flehte sie leise, »schenke mir ein gesundes Kind. Ein Christkind. Ein Wesen, das ich lieben kann. Ich hab doch sonst niemanden auf der Welt. Irgendwann muss ich doch auch einmal ein kleines bisschen Glück haben.«

Vor anderthalb Jahren war sie Roberto auf dem Trüffelmarkt in San Miniato begegnet, wo ihr Vater die Trüffel verkaufte, die sein Hund in den Bergen ausbuddelte. Roberto hatte sie angesprochen, zum Kaffee eingeladen und nur zwei Wochen später um ihre Hand angehalten. Und sie hatte sofort zugestimmt, weil er ein kräftiger Mann war und sie fest daran glaubte, dass er sie in jeder Lebenslage beschützen und verteidigen würde. Notfalls auch mit der Faust.