Graf Friedrichs heimliche Liebe - Hannelore Schank - E-Book

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Hannelore Schank

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Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkrone" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Romane aus dem Hochadel, die die Herzen der Leserinnen höherschlagen lassen. Wer möchte nicht wissen, welche geheimen Wünsche die Adelswelt bewegen? Die Leserschaft ist fasziniert und genießt "diese" Wirklichkeit. "Fürstenkrone" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. Der Lakai in goldbetreßter Livree öffnete die Türen zum Audienzsaal des Königs von Wykland. Mit langen Schritten, aber nicht ha­stig, ging der Staatskanzler, Fürst Thieboldt, über das spiegelblanke Parkett auf den Audienzsaal zu. An der Tür blieb er stehen und verneigte sich: »Majestät haben mich rufen lassen.« König Ruprecht VI. von Wykland erteilte seinem Staatskanzler mit einer Handbewegung die Erlaubnis, näherzutreten. »Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, Fürst«, sagte er. »Ein Sonderkurier der französischen Regierung überbrachte mir heute morgen eine geheime Mitteilung«, leitete König Ruprecht die außerordentlich anberaumte Rücksprache mit dem Staatskanzler ein. »Betrifft ihr geheimer Inhalt unsere Neutralität, die man beeinflussen möchte, Majestät?« fragte Fürst Thieboldt mit einem versteckten Unwillen in seiner sonst leidenschaftslos klingenden Stimme. »Die Mitteilung beschäftigt sich weder mit unserer Neutralität noch mit der französischösterreichischen Aus­einandersetzung. Sie betrifft den Thronfolger«, erklärte der König. »Wieso äußert man in Frankreich plötzlich Interesse an Prinz Ruprecht?« fragte der Staatskanzler überrascht. In den klaren Augen des Königs leuchtete Zorn auf, seine Miene verfinsterte sich. »Einer Indiskretion zufolge wurde bekannt, daß der Prinz sich während seines Studienaufenthaltes in Paris angeblich allzu intensiv den schönen Künsten gewidmet hat.« »Das war der Zweck seines Studiums. Prinz Ruprecht ist ein Künstler, ein genialer Maler, Majestät«

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Fürstenkrone – 274 –Graf Friedrichs heimliche Liebe

Hannelore Schank

Der Lakai in goldbetreßter Livree öffnete die Türen zum Audienzsaal des Königs von Wykland.

Mit langen Schritten, aber nicht ha­stig, ging der Staatskanzler, Fürst Thieboldt, über das spiegelblanke Parkett auf den Audienzsaal zu. An der Tür blieb er stehen und verneigte sich: »Majestät haben mich rufen lassen.«

König Ruprecht VI. von Wykland erteilte seinem Staatskanzler mit einer Handbewegung die Erlaubnis, näherzutreten. »Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, Fürst«, sagte er.

»Ein Sonderkurier der französischen Regierung überbrachte mir heute morgen eine geheime Mitteilung«, leitete König Ruprecht die außerordentlich anberaumte Rücksprache mit dem Staatskanzler ein.

»Betrifft ihr geheimer Inhalt unsere Neutralität, die man beeinflussen möchte, Majestät?« fragte Fürst Thieboldt mit einem versteckten Unwillen in seiner sonst leidenschaftslos klingenden Stimme.

»Die Mitteilung beschäftigt sich weder mit unserer Neutralität noch mit der französischösterreichischen Aus­einandersetzung. Sie betrifft den Thronfolger«, erklärte der König.

»Wieso äußert man in Frankreich plötzlich Interesse an Prinz Ruprecht?« fragte der Staatskanzler überrascht.

In den klaren Augen des Königs leuchtete Zorn auf, seine Miene verfinsterte sich. »Einer Indiskretion zufolge wurde bekannt, daß der Prinz sich während seines Studienaufenthaltes in Paris angeblich allzu intensiv den schönen Künsten gewidmet hat.«

»Das war der Zweck seines Studiums. Prinz Ruprecht ist ein Künstler, ein genialer Maler, Majestät«, wagte der Staatskanzler zu bemerken. »Vor einem Monat kehrte Prinz Ruprecht aus Paris zurück. Mit Erlaubnis des französischen Kaisers war sein Aufenthalt dort nicht mit Verpflichtungen bei Hofe verbunden.«

»Leider hat Prinz Ruprecht daraus für sich die Freiheit hergeleitet, sich nicht ausschließlich einem ernsthaften Studium zu widmen. Der französische Botschafter führte Klage darüber, daß der Prinz einigen privaten Vergnügungen nicht abhold gewesen sein soll.«

Der Staatskanzler versagte sich jede Kritik. »Was verlangt man von uns, Majestät?« fragte er undurchdringlich.

»Um jedweden Gerüchten die Spitze abzubrechen, erwartet man die standesgemäße Vermählung des Prinzen in absehbarer Zeit.«

»Die Forderung ist nicht unmenschlich, Majestät. Darf ich mir die Bemerkung erlauben, daß die Verehelichung des Thronfolgers nicht nur in Frankreich gewünscht wird. Das Königreich wäre glücklich über eine junge Prinzessin.«

»Ich weiß, Fürst«, erwiderte der König. »Die Forderung ist nunmehr dringend geworden. Wir müssen die richtige Wahl treffen. Nennen Sie mir bitte die Prinzessinnen, die an der Seite des Thronfolgers ihm und unserem Land zum Segen gereichen könnten.«

Nach kurzem Nachdenken sagte der Staatskanzler: »Prinzessin Cordula von Lombard-Osterende. Sie soll klug und selbstbewußt und dabei der Kunst gegenüber sehr aufgeschlossen sein. Man sagt ihr nach, daß sie eine kühne Reiterin ist, die ein Pferd ohne Damensattel über schwierige Hindernisse zu lenken weiß.«

Der König winkte ab. »Eine Prinzessin darf nicht zu kühn sein. Sie soll weibliche Eigenschaften haben. Weiter bitte.«

»Prinzessin Melanie von und zu Waldenburg wird in diesem Winter bei Hofe debütieren. Im Herbst wird sie achtzehn Jahre alt. Im elterlichen Haus pflegt man sie ›Sonnenschein‹ zu nennen. Sie soll fröhlich und temperamentvoll sein.«

»Sie hat das achtzehnte Lebensjahr noch nicht erreicht, Fürst? Ich halte sie für zu jung. Bitte weiter.«

»Sibylla von Falkenstein ….«

»Keine Erbprinzessin, Fürst«, unterbrach der König seinen Staatskanzler etwas unmutig. »Großherzog von Falkenstein hat nur zwei Töchter, und Sibylla ist die ältere.«

Fürst Thieboldt neigte ehrerbietig den Kopf und deutete ein Lächeln an. »Majestät vergessen, daß der Großherzog vor drei Jahren wieder geheiratet hat. Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß Prinzessin Sibylla auf den zweiten Platz in der Thronfolge rückt. Man erwartet im Hause Falkenstein die Geburt eines Kindes und hofft auf einen Sohn. In Falkenstein gilt die männliche Erbfolge.«

»Wie alt ist Prinzessin Sibylla?« fragte der König.

»Einundzwanzig Jahre, Majestät. Sie nimmt bereits an den Regierungsgeschäften teil, das heißt, in eigenen Audienzen entscheidet sie über Gesuche und Bittschriften von Untertanen.«

»Danke, Fürst, vorerst genügt es. Befreien Sie Prinz Ruprecht vorübergehend von allen Pflichten. Sie werden von mir weitere Weisungen erhalten.«

Fürst Thieboldt stand auf, machte seine Ehrenbezeigung vor dem König und ging rückwärts zur Tür, die sich lautlos öffnete und sich genauso lautlos wieder hinter ihm schloß.

Sein Weg führte Fürst Thieboldt unverzüglich in die Staatskanzlei.

*

Vor dem Kamin in der Bibliothek des Schlosses saßen sich König Ruprecht VI. und Erbprinz Ruprecht in tiefen Ohrensesseln gegenüber. Der König hatte seine lange Tabakspfeife ausgehen lassen und blickte nachdenklich in das Kaminfeuer, das man, obwohl man bereits Anfang Juni schrieb, entzündet hatte. Die sommerliche Hitze hatte die dicken Schloßmauern noch nicht durchdrungen, und die leise knisternde Glut der Buchenscheite spendete wohltuende Wärme.

»Du weißt jetzt also, was man von dir erwartet, Ruprecht«, sagte der König.

Der fünfundzwanzigjährige Thronfolger blickte den Vater offen an. Sein schmales, länglich geschnittenes Gesicht verriet trotz seiner Jugend Tatkraft und Willensstärke, in seinen braunen Augen ruhte Lebensfreude und aufmerksame Wachsamkeit. »Ich habe Sie verstanden, Herr Vater«, bestätigte Prinz Ruprecht gehorsam.

»Fürst Thieboldts diplomatisches Geschick wird es dir ermöglichen, daß du in der nächsten Zeit persönlichen Kontakt zu den genannten Herrscherhäusern bekommst«, fuhr der König fort.

»Er wird aus den wahren Hintergründen für den von uns plötzlich angestrebten persönlichen Kontakt kein Geheimnis machen können«, wandte Ruprecht ein.

»Dazu besteht auch keine Notwendigkeit«, entgegnete der König. »Je eher bekannt wird, daß der Thronfolger von Wykland sich zu vermählen beabsichtigt, desto besser. Vergiß nicht, daß die Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Österreich noch nicht beendet sind. Es steht zu befürchten, daß man in Österreich auf Fürst Metternichs weitere Dienste verzichten wird. Ich möchte unsere unbedingte Neutralität bewahren.«

»Niemand kann Sie dazu zwingen, Herr Vater. Wykland hat die Einmischung in den Konflikt von Anfang an abgelehnt.«

»Deshalb darf ich niemals offenkundig werden lassen, ob unsere Sympathien dem einen oder dem anderen Land gelten. In Frankreich ist man jedenfalls über dein Verhalten verstimmt.«

»Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.«

»Vielleicht nicht direkt, aber immerhin sah man sich veranlaßt, mir eine geheime Note zukommen zu lassen. Ich hasse jegliche Druckmittel. Im übrigen wünscht auch das Volk von Wykland eine Thronfolgerin. Welcher Prinzessin willst du als erster die Gunst erweisen?«

»Wünschen Sie, daß ich aus politischen Interessen einem der genannten Herrscherhäuser den Vorrang gebe, Herr Vater?« fragte Ruprecht.

Der König verneinte. »Besondere Verpflichtungen für ein politisches Engagement sind im Moment nicht gegeben, dennoch würde ich es begrüßen, wenn eine Verbindung mit Prinzessin Sibylla von Falkenstein zustande käme.«

»Könnten Sie mir noch eine Frist einräumen, Herr Vater, bevor Fürst Thieboldt in Aktion tritt«

»Wie meinst du das?«

»Ich möchte gern eine private Reise unternehmen.«

Der König dachte an die Zeit zurück, da sein Vater von ihm verlangt hatte, im Interesse der Monarchie die Ehe einzugehen.

»Meinetwegen«, stimmte er nach kurzem Überlegen zu. »Einen Aufschub von vier Wochen kann ich dir bewilligen. Danach aber müssen unsere Bemühungen mit allen Mitteln vorangetrieben werden.«

»Danke, Herr Vater.«

»Ich muß dich nicht darauf hinweisen, daß du keine Sekunde vergißt, wer du bist«, mahnte der König ernst.

»Nein, Herr Vater, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen«, versicherte Ruprecht rasch. »Ich werde mich ganz unauffällig geben und nirgendwo Aufsehen erregen. Der Zweck meiner Reise soll nur sein, die Umgebung, das Land und seine Gepflogenheiten kennenzulernen.« Spontan fügte er hinzu: »Ich werde die Schlösser aus der Ferne betrachten und sie malen.«

Der König sah überrascht auf. »Die Schlösser malen? Welch eine absurde Idee. Dein Wunsch hätte mir eingeleuchtet, wenn du die Prinzessinnen hättest malen wollen.«

»Das, verehrter Herr Vater, dürfte nicht ohne Aufsehen möglich sein«, ging Ruprecht auf den Scherz ein.

Über das Gesicht des Königs huschte ein Lächeln. »Du hast recht, Ruprecht, ein Schloß steht einem Maler ohne Aufsehen als Modell zur Verfügung. Ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann.«

»Sie machen mir die Affäre in Paris nicht zum Vorwurf?«

»Hat es in Paris tatsächlich eine Affäre gegeben?« fragte der König unmutig.

»Nein, ich habe, um ehrlich zu sein, nicht über die Stränge geschlagen. Ich habe nur meine persönliche Freiheit genossen. Es war herrlich, einmal frei von allen Bindungen zu sein.«

»Ich dachte mir, daß der französische Botschafter übertrieben hat«, sagte der König. »Nun, es spielt keine Rolle. Wir sind uns darüber einig, daß du so oder so daran denken mußt, dich zu verehelichen. Soll Frankreich ruhig annehmen, wir täten es ihm zu Gefallen. Wann fährst du? Wer soll dich auf deiner Reise begleiten?«

»Ich denke, in drei Tagen kann ich aufbrechen. Ich brauche keine großartige Begleitung. Der Kutscher genügt und dann mein Diener Kuno. Er ist zuverlässig und verschwiegen und mir treu ergeben. Er wird mich umsorgen wie ein Kindermädchen.«

»Dann zieh aus und male deine Schlösser«, lächelte der König verständnisvoll. »Mögen sie dir die richtige Wahl leicht machen.«

*

»Babette, nun komm endlich.« Ungeduldig stampfte Christiana mit den Füßen auf, daß der Rock ihres Seidenkleides wippte, und versuchte, das Kinderfräulein mit sich zu zerren.

»Doch nicht hinauf in den Wald, Prinzessin! Sie wissen, daß es streng­stens verboten ist«, wehrte Babette sich ängstlich. Wie konnte die Prinzessin so unvernünftig sein, ein Verbot des Vaters zu mißachten! Der Großherzog von Falkenstein war für seine Milde bekannt, aber auch die verwöhnte Christiana wußte, wie zornig er werden konnte, wenn jemand seinem Willen zuwider handelte.

»Ach was.« Die blauen Augen der dreizehnjährigen Prinzessin blitzten unternehmungslustig auf. »Endlich bietet sich einmal die Gelegenheit, der Langeweile zu entfliehen, und da willst du nicht mitmachen? Du solltest dich schämen, Babette. Hast du mich denn gar nicht ein bißchen lieb?«

»Prinzeßchen, ich habe Sie sehr lieb, das wissen Sie. Aber wenn es verboten ist, ist es eben verboten«, jammerte Babette. »Sie dürfen nicht allein gehen.«

»Ich gehe doch gar nicht allein. Du kommst doch mit mir«, berichtigte Christiana sorglos.

»Und wenn es jemand erfährt?« Babette machte ein kummervolles Gesicht, weil sie merkte, wie ihr Widerstand langsam erlahmte.

»Es wird niemand erfahren«, trumpfte Prinzessin Christiana auf, die Babettes Unsicherheit sehr wohl durchschaute. »Mama ruht, Sibylla hat ihren französischen Unterricht bei Monsieur Cherbourg, und Baronin Dancker muß ihre Influenza auskurieren. Papa kümmert sich um diese Zeit sowieso nicht um uns, weil er mit seinen Staatsgeschäften zu tun hat. Nun frage ich dich also: Wer sollte etwas davon erfahren? Komm schon, Babette, ich bitte dich.«

Es gelang der alten Frau nicht, sich dem Betteln der jungen Prinzessin zu verschließen. »Also gut«, gab sie endlich, wenn auch mit schlechtem Gewissen nach. »Aber nur für ein halbes Stündchen, Prinzessin, sonst kann ich es nicht verantworten.«

»Mal sehen«, lachte Prinzessin Christiana unbekümmert und lief selig voraus.

Leichtfüßig wanderte Prinzessin Christiana durch den Wald und genoß das herrliche Vergnügen einer beinahe ungebundenen Freiheit. Sie konnte nicht begreifen, warum sie niemals allein oder wenigstens in Begleitung der Gouvernante hierher durfte. Was war schon dabei? Es war doch Unsinn, daß sich Wegelagerer im Wald herumtreiben sollten. Man lebte schließlich nicht mehr im Mittelalter, sondern in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts! Die aufregenden Geschichten von Räubern und bösartigen Vagabunden gehörten ins Märchenbuch und nicht mehr in die Wirklichkeit.

Plötzlich blieb Prinzessin Christiana stehen und spähte angestrengt geradeaus. Da – was war das?

Auf der vor ihnen liegenden Lichtung entdeckte sie einen Mann. Er trug enganliegende braune Hosen und ein weißes Hemd, das mit feinen weißen Spitzenrüschen besetzt war, aber trotzdem ein wenig vernachlässigt wirkte. Der Mann saß auf einem dreibeinigen Hocker, vor ihm stand eine Staffelei. Demnach mußte er ein Maler sein. Was er wohl malte?

»Babette, gib mir dein Halstuch, rasch!« flüsterte sie aufgeregt. »Und auch deine Schürze! Hier, halt mein Täschchen und meinen Sonnenschirm.«

»Wozu, Prinzessin?« forschte die Aufpasserin ängstlich.

»Ich möchte mal für einen Augenblick nicht wie eine Prinzessin aussehen«, beschied Christiana ihr energisch. »Siehst du den Mann dort auf der Lichtung? Und die Staffelei? Ich werde mich heranschleichen und mal sehen, was er malt. Du bleibst derweilen hier.«

»Prinzessin, das dürfen Sie nicht tun! Es ist doch viel zu gefährlich!« entsetzte sich Babette.

»Was ist daran schon gefährlich?« fragte Christiana. »Mit dem Pinsel kann er mich schließlich nicht umbringen, oder?«

»Nein, nein, ich lasse es nicht zu!« weigerte sich Babette verzweifelt. »Kommen Sie, Prinzessin, lassen Sie uns umkehren, auf der Stelle! Ich habe die Verantwortung für Sie. Wer weiß, was für ein Bösewicht jener Mann ist.«

Prinzessin Christiana legte die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. »Wie ein Bösewicht sieht er eigentlich nicht aus«, behauptete sie besserwissend. »Schau nur, Babette, er hat so schönes, langes, braunes Haar. Ganz bestimmt hat er auch braune Augen. Und siehst du nicht, wie jung er noch ist? Außerdem ist er ein Künstler. Künstler haben niemals etwas Böses im Sinn.«

Es half Babette alles nichts. Selbst angesichts einer sträflichen Missetat vermochte sie sich nicht gegen die Prinzessin durchzusetzen. Seufzend mußte sie dulden, daß Christiana ihr das bunte Halstuch einfach abnahm und es sich dekorativ um die schmalen Schultern schlang. Im Handumdrehen löste Christiana dann die riesige Schleife von Babettes Schürze, deren Ausmaße für sie natürlich nicht geschaffen waren. Aber der Prinzessin war es gerade recht so, konnte sie doch dadurch ihr feines Seidenkleid fast gänzlich verdecken.

»Pst, Babette, du mußt jetzt ganz still sein«, flüsterte Christiana. »Und lauf nicht weg, hörst du? Warte hier auf mich. In ein paar Minuten bin ich wieder zurück.«

Die bedauernswerte Babette ergab sich in ihr Schicksal und setzte sich in das weiche Moos des Waldes. Im Inneren betete sie, daß kein Unheil geschehen möge.

Prinzessin Christiana schlich sich vorsichtig an den Maler heran. Sie lugte ihm von hinten über die Schulter, und ihre Augen weiteten sich vor Staunen. »Das hätte ich bestimmt nicht vermutet. Sie malen ja das Schloß!« rief sie überrascht.

Der Mann, der sie nicht hatte kommen hören, fuhr herum. »Wo kommst du so plötzlich her?« fragte er verdutzt.

Die Prinzessin biß sich auf die Lippen. Sie war nicht gewohnt, mit Du angeredet zu werden. Aber schließlich hatte sie sich Halstuch und Schürze von dem Kinderfräulein ausgeborgt, um nicht sofort als Prinzessin erkannt zu werden. Also nahm sie die Anrede gnädig hin. »Aus dem Wald, das sehen Sie doch«, antwortete sie keck.

Er musterte sie amüsiert. Wahrscheinlich war sie das Kind eines Land- oder Waldarbeiters. Sie war gekleidet wie eine kleine Vogelscheuche, im Gegensatz dazu fielen ihm ihre sorgfältig gebürsteten goldblonden Locken und ihr zartes, liebliches Gesicht besonders auf. »Dann bist du wohl gar eine Waldfee?« erkundigte er sich.

»So etwas Ähnliches«, sagte sie herablassend.

»Darf ich den Namen der Waldfee wissen?« fragte er ernsthaft.

»Tina«, gab sie prompt zur Antwort.

»Tina? Das ist kein richtiger Name.«

»So, finden Sie?« fragte die Prinzessin empört. Beinahe hätte sie ihm verraten, wer sie war. »Wie heißen Sie denn?«

»Ich heiße Ruprecht.«

»Hach«, lachte sie, »das ist auch kein richtiger Name. So heißt der Weihnachtsmann.«

»Nein«, erklärte er gewichtig. »Weißt du nicht, daß alle Könige von Wykland Ruprecht heißen?«

Der Vergleich beeindruckte sie nicht im geringsten. »Am Ende sind Sie gar der König von Wykland?« kicherte sie.

»Natürlich nicht«, entgegnete er, ohne die Miene zu verziehen, »aber vielleicht werde ich es eines Tages sein.«

Christiana wollte sich ausschütten vor Lachen. »Ja, das glaube ich Ihnen. Genauso sehen Sie auch aus.«

»Schade«, sagte er, »daß du mir nicht glaubst. Ich habe dir mein Geheimnis nur anvertraut, weil du eine Waldfee bist. Ich dachte nämlich, du könntest zaubern.«

»Aha«, nickte Prinzessin Christiana, scheinbar verstehend. »Leider verstehe ich nichts von Zauberei.« Innerlich wurde ihr unbehaglich zumute. Vielleicht war es doch recht leichtsinnig gewesen, allein hier im Wald herumzuspazieren. Wenn nun alle die gruseligen Geschichten von Strolchen und Wegelagerern gar nicht erfunden waren?

Ruprecht bemerkte ihre Unsicherheit. »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben«, beruhigte er sie. »Ich will wirklich nur das Schloß malen. Wirst du es niemandem verraten, wenn ich dich darum bitte? In ein paar Tagen reise ich wieder ab.«

»Hm, das ist wohl auch besser«, riet die Prinzessin ihm, wieder mutiger werdend. »Ich glaube, der Großherzog wäre nicht damit einverstanden, wenn er wüßte, daß Sie sich hier herumtreiben.«

Herumtreiben! Ruprecht duckte sich. »Kennst du den Großherzog so genau?« fragte er.

»Woher denn, ich habe ihn noch nie gesehen«, stritt sie die Verwandtschaft zu ihrem großherzoglichen Vater resolut ab. »Aber schließlich ist es jedem bekannt, daß man nicht ohne Erlaubnis in den Wäldern herumstreifen darf «

»Nett von dir, daß du mich darauf aufmerksam machst, Tina. Ich werde mich danach richten«, dankte er.

Prinzessin Christiana spielte mit den lang herunterbaumelnden Enden ihrer Schürzenbänder. Sie zögerte kurz, aber dann siegte doch ihre Neugier.

»Was wollen Sie mit dem Bild anfangen, wenn es fertig ist?« fragte sie. »Wollen Sie es verkaufen? Gibt es Leute, die sich für ein Bild von Schloß Falkenstein interessieren?«

»Mag sein, daß es solche Leute gibt«, meinte er, »aber ich will es für mich behalten.«

»Wozu?«