Graf von Dovers Blutrache - Audrey DeLane - E-Book

Graf von Dovers Blutrache E-Book

Audrey DeLane

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Beschreibung

Der Kaufmannssohn und Tunichtgut Victor Weisborn aus dem 18. Jahrhundert genießt sein Leben in vollen Zügen. Lieber treibt er sich herum als seinem Vater bei den Geschäften zu unterstützen. Erst als seine Schwester Jessica durch Graf von Dover in Gefahr gerät, schreitet er ein und verhindert ihre Verwandlung zum Vampir. Wut schäumend schwört der grausame Vampirgraf Blutrache an allen Weisborns. Sofort entfacht ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den beiden unterschiedlichen Kontrahenten. - Hat der Jüngling überhaupt eine Chance gegen den mächtigen Vampir zu bestehen? Oder scheitert er bei der Rettung seiner beiden jüngeren Schwestern? Dies ist der erste Teil der "Graf von Dover" - Buchreihe, welche in die Vergangenheit entführt. Dabei handelt es sich um die Vorgeschichte zum Theaterstück "Vampire gibt es nicht - oder doch?"

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Vorwort

„Vampire gibt es nicht oder doch?“ ist ein Theaterstück, welches ich 2010 geschrieben habe. Im Nachhinein überlegte ich mir, ob ich nicht die Vorgeschichte meines Theaterstückes erzähle. So kam ich auf die Idee, diese vampirische Buchreihe zu entwickeln, in der ich erkläre, wieso meine Geschöpfe der Nacht so agieren. Mein Buchprojekt soll vier Teile beinhalten, worin ich die Vergangenheit und die Gegenwart meiner Blutsauger beleuchte. Im ersten und zweiten Teil befinde ich mich in der Vergangenheit. Ab dem dritten Teil setze ich mich mit der Gegenwart auseinander. Der vierte Teil erzählt dann die Handlung des Theaterstückes.

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„Graf von Dovers Blutrache“

widme ich allen Vampir-Fans

sowie

Joss Whedon & David Boreanaz

Ihr beide seid schuld, dass ich nicht mehr leben kann, ohne zu schreiben und dadurch meine Erfüllung gefunden habe.

Auch widme ich es meiner über alles geliebten Pudeldame

… LILLY …

die mich am 24. September 2018 für immer verlassen hat!

Tot und doch nicht tot.

Lebendig und doch nicht lebendig.

Verdammt oder doch erlöst?

Wenn Ihr glaubt in den Geschichtsbüchern steht immer die Wahrheit wie in der Tageszeitung.

Dann muss ich Euch enttäuschen!

Es gibt gute Gründe, warum die Tatsachen verschleiert werden.

Wehe die Wahrheit kommt ans Licht.

Ihr wärt überrascht und in Panik zugleich.

Mächte, die sich seit Anbeginn der Zeit eine erbitterte Schlacht liefern, herrschen im Geheimen über die Erde.

Hier folgt meine Lebensgeschichte, und sie wird Euch die Augen öffnen.

Denn nichts ist so wie es scheint.

Tretet ein … und überzeugt Euch selbst …

Victor Weisborn

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Tot und doch nicht tot

Der Pakt

Der Rat der Engel

Blutdurst

Sommersonnenwende

Verdammt

Der Aufbruch

Graf von Dover gibt sich die Ehre

Vampire gibt es nicht

Die Ruine

Zufluchtsort

Warnung

Blutrache

Notlüge

Unvernunft

Wo steckt Victor?

Lebensgefahr

Blutmond

Versagt

Erwacht

Überlebt

Seelenwanderung

Die Suche nach Melissa

Blutmahlzeit

Noch mehr Opfer

Vampire sind Monster

Die Nacht ist unser Verbündeter

Der Himmel kann warten

Vampire unter sich

Flucht

Asche

Der Pakt

»Sammael, Sammael!«, rief eine verführerische, männliche Stimme, die er nicht zuordnen konnte. Hatte er nur geträumt? Oder war es Wirklichkeit? Er drehte sich um seine eigene Achse und wirbelte Staub vom sandigen Weg auf, der von Zypressen gesäumt war. Die Mittagssonne brannte erbarmungslos auf sein Haupt. Schweiß tropfte ihm von den Schläfen. Dies ignorierte er, weil er ein leuchtendes Schimmern in den schönsten Regenbogenfarben entdeckte. Oder handelte es sich um eine Fata Morgana? Ich bin doch nicht in der Wüste. Verwundert zuckte er mit den Achseln. Das Leuchten pulsierte und Sammael sah im Innersten eine Gestalt in einer langen, dunkelroten Robe. Der Unbekannte winkte ihm zu.

Jedoch rieten Sammaels Eltern, misstrauisch gegenüber Fremden zu sein. Aber nur weil der Nachbarsjunge von einer Räuberbande entführt und in die Wüste verschleppt wurde. Die Kinderleiche wurde erst Tage später entdeckt. Seitdem lebten seine Eltern in Sorge um ihre Kinder.

Er schüttelte die Erinnerung ab und stand unschlüssig da. »Komm doch her«, lockte wieder die Stimme. »Wieso so schüchtern, mein Junge?«

»Ich bin kein Junge, ich bin ein gestandener Mann«, protestierte er und bemühte sich seine brüchige Stimme in den Griff zu bekommen, durch den Stimmbruch. Als die Person ihm erneut zuwinkte, meinte Sammael ein Lockstoff ging von der Gestalt aus und zog ihn magisch an. Sein Widerstand bröckelte, und er setzte sich in Bewegung. Dabei schwang sein hellbraunes Baumwollgewand um seine Knöchel, als er sich auf seinen Sandalen dem Unbekannten näherte.

»Was willst du von mir?«, fragte er und schob sein spitzes Kinn vor. Brummend kratzte er sich an seinen juckenden Bartwuchs, der in einem dünnen Streifen von einem Haaransatz zum anderen wuchs. Oder war es ein Zeichen seiner Nervosität? Nein, eher war es Neugierde. Schließlich interessierte es ihn wen er vor sich hatte. Er strengte sich an, in das Antlitz des Fremden zu schauen. Doch die tief ins Gesicht gezogene Kapuze verdeckte ihm die Sicht.

»Ich möchte dir einen Pakt vorschlagen«, antwortete wieder diese lockende Stimme.

»Kein Interesse!«, rief Sammael und fuhr sich durch sein schulterlanges, schwarzes Haar, das in der Mittagssonne glänzte.

»Ich verspreche dir Macht, wenn du mir einen Gefallen erweist.«

»Wie … Macht? Für einen Gefallen? Tatsächlich? Wieso?«

»Sammael, du bist geboren, um mir einen Gefallen zu erweisen, so wie deine Vorfahren seit Anbeginn der Zeit mir zu Diensten sind.«

Sammael kämpfte gegen ein Grinsen an, denn er hatte genug von diesem Blödsinn. So einen Quatsch glaubte er noch nicht einmal den Alten, die mit Weisheit gesegnet waren. Seine Entscheidung war gefallen und er wollte nur weg. Nicht umsonst hatte er sich mit seinen Freunden zur Hinrichtung von diesem Judenkönig verabredet. Es hieß, der Prediger nannte sich selbst Gottes Sohn. Ein Frevel! Dies erzürnte das Volk in seinem Heimatdorf. Die Obrigkeit wiegelte die Menschen gegen diesen Juden auf.

»Ich habe keine Zeit«, brummte er und wollte losgehen. Doch der Unbekannte griff nach ihm und tastete nach seiner Hand. »Warte!«

Sammael fuhr zusammen, als er die heiße Berührung spürte und ins Antlitz der Person schaute. Der Mann besaß fein geschnittene Gesichtszüge. Die Augen glasklar und leuchtend blau wie der Himmel. Wimpern zart wie Seidenfäden einer Spinne, seine Lippen dünn und rosa. Ein Grübchen saß auf dem Kinn und um die Nase herum sah er mehrere Sommersprossen. Lachfältchen zogen sich zusammen, als der Fremde schmunzelte. So viel Schönheit hatte er noch nie zuvor bei einem Mann gesehen, höchstens bei Engelszeichnungen.

Sammael kam sich dagegen hässlich vor. Ja, er war groß und kräftig. Hätte es jemand gewagt, ihn als dick zu bezeichnen, würden sie seine Fäuste zu spüren bekommen. Sein Gesicht war gebräunt, und die dunklen Augen hatte er nicht von seinen Eltern geerbt. Oft behaupteten seine drei Schwestern, sie wären nicht mit ihm verwandt. Dies erduldete er ohne sich zu beschweren und schluckte es herunter. Er überspielte die Gehässigkeiten und redete sich ein, dass sie nur eifersichtig waren.

»Ich kenne deinen Schmerz! Er wird aufhören, wenn du mir den Gefallen erfüllst«, ließ sich sein Gegenüber nicht beirren.

»Du nervst«, antwortete Sammael und blickte in die Augen des Mannes. In ihnen verlor er sich und konnte nicht mehr wegschauen. »Was verlangst du von mir?«, fragte er, und seine Stirn legte sich in Falten. Woher kannte diese Person seine Seelenqualen? Konnte er etwa Gedanken lesen? Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Nicht, dass einer seiner Freunde geplaudert hatte. Dem Schuft würde er mit einem Schlag die Nase brechen. Wut kroch in ihm hoch, und er ballte seine Hände zu Fäusten.

»Sammael, nimm die Lanze und das Gefäß … und fülle es bis zum Rand mit Blut des Judenkönigs. Zum Dank werde ich dich reich und mächtig machen.«

»Wieso kennst du meinen Namen? Deiner ist mir nicht geläufig.«

Der Unbekannte näherte sich seinem Ohr und flüsterte: »Luzifer!«

»Das gibt es nicht! Du siehst aus wie ein Engel und bist der Leibhaftige!«

»Ich bin das … was du in mir siehst. Und ja, ich war einst ein Engel«, antwortete der Höllenfürst und grinste verführerisch. »Hilf mir, und alle deine Wünsche werden sich erfüllen.«

Sammael nickte. »Reich und mächtig willst du mich machen. Aber das genügt mir nicht! Wo bleibt der Spaß?«

»Der wird auch nicht fehlen. Nimmst du den Pakt an und besorgst mir das Blut des Messias?«

»Hä?«

»Ich meine den Judenkönig.«

»Ach so! Sein Name lautet Jesus, nicht wahr?«

Luzifer nickte.

»Weshalb ist das Blut so wichtig für dich?«

»Blut ist immer wichtig! Es ist die erste Nahrung, die ein Menschenkind in sich aufnimmt.«

»Willst du es trinken, oder für was benötigst du es?«

»Es ist mein Pfand zurück ins Paradies. Mehr brauchst du nicht zu wissen.«

Sammael zuckte mit den Achseln. »Pah, Paradies …, wenn dieses existiert. Ich glaube an keinen Gott, der die Welt erschaffen hat. Dies ist die Erfindung von den Priestern und Gelehrten. Ich lebe jetzt und will mein Leben genießen. Ja, mach mich reich und mächtig und lass mich einen Thron besteigen. Dazu möchte ich Weiber haben, die mich befriedigen. Wenn du mir das erfüllst, besorge ich dir das Blut von diesem eigenartigen Messias.«

Vor Sammaels inneren Auge lagen ihm die Frauen bereits zu Füßen und schmiegten ihre Körper an seinen. Nicht so wie in der Vergangenheit, wo seine Schwestern mit ihren Freundinnen ihn verspotteten und sich über ihn lustig machten. Er hörte sie immer noch hinter seinem Rücken kichern. Es schmerzte in seinen Ohren, und er würde ihnen diesen Frevel heimzahlen und sie zu seinen Sklavinnen machen. Die Vorfreude konnte er kaum noch zügeln.

»Später … erst die Arbeit und dann das Vergnügen!«

Widerwillig nickte er, als Luzifer ihn aus den Gedanken riss. Der Höllenfürst bot ihm die Hand an und schmunzelte. Sammael wünschte sich sehnsüchtig, mehr zu sein als nur ein Jüngling, der seinen Frust in Wein ertränkte. Es wäre dumm, diese Gelegenheit auszuschlagen und er schlug ein. Dabei leuchteten seine Augen voller Erwartung. Der Höllenlord drückte zu und schüttelte heftig seine Hand. »Jetzt ist unser Pakt vollbracht!«, verkündete Luzifer weiter, und ein breites Grinsen nahm seine Lippen in Beschlag. Sammael lief es eiskalt den Rücken herunter trotz Hitzewallung. Er schwitzte und starrte Luzifer so lange an, bis er ihn losließ. Staunend öffnete Sammael seinen Mund. Doch er brachte keinen Ton hervor, sondern beäugte prüfend die Lanze und den Weinkrug in seinen Händen. Er benötigte einige Sekunden, bevor er sich von der Überraschung erholte und aufblickte. Perplex stellte er fest, dass der Leibhaftige spurlos verschwunden war. Wie in Trance ging er den Weg entlang. Die Hitze ließ seinen Mund austrocknen, und er wünschte sich etwas zu trinken. Jedoch befanden sich die Häuser mit den Flachdächern zwei Kilometer hinter ihm. Wasser hätte Sammael genügt zum Durststillen. Dafür hätte er sogar auf Wein verzichtet. Seine Freunde würden sich die Bäuche vor Lachen halten, wenn sie ihn jetzt sehen könnten.

Umkehren? Wieso? Nein, er wollte nicht das Ereignis auf dem Berg Golgatha versäumen und seine Freunde verpassen. Egal, wenn er nicht pünktlich am Treffpunkt sein würde. Stattdessen freute er sich auf den Reichtum, die Macht und die Frauen. Er würde sie unterwerfen und ihnen das Lachen für alle Zeiten verbieten. Sammael sah es schon bildlich vor sich, wie sie vor ihm niederknieten und ihm die Füße küssten. Sollten seine Kumpel sich weiter abrackern. Er würde über das Land herrschen und Befehle erteilen. Somit wäre er nicht nur der vierte Sohn von Paulus. Er rümpfte die Nase, ging weiter und pfiff vor sich hin, um sich in Stimmung zu bringen. Die Menschenmassen um ihn herum ignorierte er, als er Golgatha bestieg. Auch am Treffpunkt tauchte er nicht auf. Wachsam schaute er sich um und entdeckte die drei Gekreuzigten, deren geschundene Leiber getränkt von Blut waren.

Er ärgerte sich, dass sie an den Kreuzen hingen und er zu spät kam. Durch Luzifer entging ihm, wie die Nägel in das Fleisch der Verurteilten gerammt wurden. Es war eine Schande, er verpasste den größten Spaß. »Na, hoffentlich komm ich noch auf meine Kosten«, maulte er, trat gegen den Boden und wirbelte Sand auf. Wie gerne hätte ich mich an Auspeitschungen ergötzt. Noch besser wäre eine Hinrichtung mit Köpfen gewesen. Aber heute stehen nur diese Kreuzigungen auf dem Programm. Steinigungen hätte mich sicher mehr in Stimmung gebracht, dachte er und ließ enttäuscht seinen Blick schweifen, während er auf die Gekreuzigten zuschritt. Ohne Probleme erkannte er, wer von den Dreien dieser Wanderprediger Jesus war, über den so viel geredet wurde. Er selbst hatte ihn nie predigen gehört. Zu beschäftigt war er, um von einem Saufgelage zum nächsten zu rennen.

Als er die Dornenkrone auf Jesus` Haupt und die blutigen Wunden auf der Stirn bemerkte, grinste er feist. Ja, die Römer hatten gute Arbeit geleistet und er wünschte, dabei gewesen zu sein. Leider wurde ihm der Zutritt zum Palast verweigert, da er zu jung war. Was für eine Erniedrigung in seinen Augen. Er brummte verächtlich als er sich erinnerte, dass die Wachen ihn wie einen räudigen Hund weggejagt hatten. Am liebsten hätte er sich auf sie gestürzt, aber dann wäre er noch im Verlies gelandet, und darauf konnte er verzichten.

Urplötzlich überkam ihn ein innerer Drang, und er war unfähig, die Augen von dem Verurteilten zu lassen. So achtete er nicht auf die römischen Soldaten in ihren glänzenden Rüstungen, die unter dem Kreuz hockten. Da er lesen konnte, entzifferte er das Schild oben am Kreuz, wo Jesus als König der Juden bezeichnet wurde.

Sammael stellte wie hypnotisiert den Krug ab und zielte wie besessen mit der Lanze auf den Stöhnenden. Flehentlich verlangte der Judenkönig nach einem Schluck Wasser. Als Antwort lachte das römische Gefolge den Gekreuzigten aus. Lieber saßen sie am Boden und stritten sich um den mit Blut getränkten Umhang.

Als Sammael wieder hochsah, traf ihn der gepeinigte Blick des Messias. Wie vom Donner gerührt, verharrte er, und seine Hände zitterten. Es fiel ihm schwer, die Lanze weiter nach oben zu richten und nicht fallen zu lassen.

»Stich doch zu! Stich doch zu!«, drängte die lockende Stimme. Aber von Luzifer fehlte jede Spur. Dennoch lief ihm ein Schauer über den Rücken. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten.

»Nein!«, hörte er einen stummen Schrei und er wusste, dass Jesus ihn damit meinte. Sammael schämte sich. Gebannt starrte er auf den Gekreuzigten, der ihn mit seinen grün-blauen Augen anschaute und ihn mildtätig anlächelte. »Ich verzeihe dir deine Sünden«, hörte er die sanfteste Stimme, die er je vernommen hatte. Es gab keinen Zweifel! Der Wanderprediger meinte nur ihn und er fühlte, wie eine große Last von ihm genommen wurde. All sein Gram war wie weggeblasen und seine Wut über seine Schwestern verschwunden. Sammael war frei und hatte kein Verlangen, sich als Luzifers Spielball missbrauchen zu lassen.

»Ich kann nicht!«, rief er und senkte beschämt sein Haupt. Dabei streifte sein Blick eine ältere Frau, völlig in schwarzen Gewändern gehüllt. Sie klammerte sich an eine männliche Person, welche nicht älter war als er selbst. Der Bursche stützte die wankende Frau und war sicher nicht ihr Sohn, denn er ähnelte ihr nicht.

Die Augen der Frau waren gefüllt mit Tränen, die ununterbrochen an ihren Wangen herunter kullerten. Sie schluchzte herzzerreißend, und ihr schmächtiger Körper bebte. Sie musste die Mutter von Jesus sein. Nur eine Mutter litt so um ihr Kind. Ihr Schmerz überwältigte ihn und berührte sein Inneres. Er zitterte nun am ganzen Leib, und ihm entglitt die Lanze. Sie rollte vor die Füße des Zenturios, dessen goldene Rüstung und Helm im Sonnenlicht glänzten. Es blendete ihn und er kniff kurz die Augen zu. Der Römer hob ohne Gefühlsrührung die Lanze auf und antwortete: »Da kommt mir eine Idee.« Höhnisch grinsend riss der Soldat ein Stück Stoff ab und band es um die Lanzenspitze. Dann tunkte er es zu Füßen des Gekreuzigten in eine Schale mit Essig. Als der Stofffetzen sich vollgesogen hatte, hob der Zenturio die Lanze bis zum Mund des Verurteilten. »Trink, Judenkönig! Du hast doch Durst!«, brüllte der Soldat und lachte wieder schallend.

Der Geruch von Essig beleidigte Sammaels Nase. Angewidert verzog er die Mundwinkel und fühlte sich schuldig, obwohl er nicht für die Tat des Römers verantwortlich war. Aber Luzifers Lanze hatte er ins Spiel gebracht. Wie konnte ich mich nur auf einen Pakt einlassen?, schalt er sich selber, und sein Gewissen rebellierte. Ich bin kein Vollstrecker, dachte er und wandte sich ab. Sein schlechtes Gewissen trieb ihn an, als er Golgatha hinunterrannte. Ab und an stolperte er und fiel plötzlich mit dem Gesicht in den Sand. Dabei schrammte er sich die Knie auf. Durch den Sturz gelangten Sandkörner in Sammaels Mund und knirschten zwischen seinen Zähnen. Angewidert spuckte er sie aus, und sein Gesicht verzog sich, als ob er in einen Platzregen geraten war. Fluchend stemmte er sich mit den Händen hoch. Humpelnd und seine Knie massierend trottete er weiter.

Plötzlich wie aus dem Nichts entstand eine Windböe, welche ihn einkesselte und schrecklich durchschüttelte. Ihm wurde speiübel, sodass er sich auf seine Füße erbrach. Bevor er sich reinigen konnte, schimmerte es in dunkelroten Farbtönen vor seinen Augen. Erst als das Leuchten verblasste, erblickte er wieder die vermummte Gestalt, die ihm erneut zuwinkte. Diesmal zögerte er nicht und ging darauf zu. Als er jetzt in Luzifers Antlitz schaute, erschauderte er, und es lief ihm eiskalt über den Rücken. Das Gesicht des Höllenfürsten war durch zahlreiche Eiterpickel entstellt und ähnelte einer dämonischen, missgebildeten Fratze, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Augen glühten wie Kohlen, sprühten violette Blitze, die vor seine Füße in den Boden drangen und ihn versenkten. Schwarze spitze Hörner, die sich in der Mitte trafen, wuchsen aus der Stirn, und die Gesichtsfarbe hatte eine dunkelrote Schattierung angenommen. Seine roten Hände glichen Pranken mit Krallen, die so scharf waren wie Schwertspitzen.

»Du Versager!«, blaffte ihn der Gehörnte an. »Wegen dir ist mein Plan gescheitert. Jetzt bleibt mir das Paradies verschlossen. Dafür bezahlst du! Ich werde dich ewig verdammen zu einem Leben, wo es dich nach Blut dürstet.«

»Es war nicht meine Schuld. Dieser Messias ist dafür verantwortlich!«, verteidigte sich Sammael und wäre am liebsten im Boden versunken.

»Du wirst nie vergessen, dass du mich verraten hast, das schwöre ich dir! Von heute an verdamme ich dich, in Einsamkeit unsterblich durch die Nacht zu streifen. Deine menschliche Hülle soll ein Schatten deiner selbst bleiben. Jedoch wird kein Dämon darin einziehen. Deine Seele bleibt gefangen in deinem Körper und gehört auf ewig mir. Sie wird niemals Ruhe finden. Du bist verdammt, als erster Vampir deine Existenz zu frönen.«

Die Worte bohrten sich wie Messerstiche in Sammaels Gehirn, und er zitterte wie Espenlaub. Panisch registrierte er, wie der Höllenfürst schnaufend vor Wut mit seiner Pranke auf ihn deutete. Augenblicklich schoss ein rötlich-gelber Strahl aus Luzifers schwarzen, spitzen Krallenfingern und glitt auf ihn zu. Im Sekundenbruchteil umzingelte ihn ein Lichtkranz mit lauter tanzenden Feuerzungen, die nach seinem Körper hungerten.

Aus lauter Panik schlug er um sich, als er spürte, dass er brannte, wobei ihn die Flammen noch nicht einmal berührten. Sein Gesicht verzog sich in unmenschlicher Pein, und es kam nur ein gurgelnder Laut über seine Lippen. Dann durchzuckte ein stechender Schmerz sein Herz, und es hörte für alle Zeiten auf zu schlagen. Wie vom Blitz getroffen knickten seine Knie ein, und er kippte auf die Seite. Ohne Vorwarnung wich das Schwarze aus seinen Haaren und es ergraute Schritt für Schritt. Tiefe Furchen bildeten sich in seinem Gesicht, weil seine Jugend im Sekundentakt entschwand, bis er zum alten Mann mutierte. Seine vererbte Augenfarbe veränderte sich in Smaragdgrün, und das Weiße darin wurde blutrot. Wie abgesprochen entstanden spitz zulaufende Zähne in seinem Kiefer, die mit Gewalt hindurchbrachen und ihm höllischen Schmerz bereiteten. Er presste die Finger auf den Mund. Gleichzeitig überkam ihm ein unendliches Verlangen nach Blut, das er nicht erklären konnte. Längst hatte ihn die Gier voll erwischt und trieb ihn nahezu in den Wahnsinn.

Doch bevor er tatsächlich den Verstand verlor, erfasste ihn ein Sog und wirbelte ihn durch, obwohl er immer noch glaubte, in Flammen zu stehen. Ein Trugschloss, denn das Rotieren hielt an, bis eine hohe Lichtfront vor ihm auftauchte. Ohne sein Zutun schoss er darauf zu. Geblendet kniff er die Augenlider zu. Doch das Licht drang trotzdem ein und schmerzte in seinen Sehnerven, als ob unzählige Nadeln hindurchstachen. Panik brach in ihm aus, und er unterdrückte den Hang zu schreien.

Der Rat der Engel

»Luzifer hat sich wieder etwas Neues einfallen lassen, wie er zurückkehren kann ins Paradies. Unser aller Schöpfer hat mich darüber in Kenntnis gesetzt. Stellt euch vor, er wollte sich Jesus´ Blut bemächtigen«, hauchte Erzengel Michael und landete auf einem Wolkenteppich mitten im Ratszimmer.

»Das ist unglaublich!«, riefen seine Engelsbrüder wie aus einem Mund und standen nicht mehr still. Sie breiteten ihre mächtigen Flügel aus, die ihnen bis zu den Hacken reichten. Wild schlugen sie damit hin und her, um so ihren Protest zu bekunden. Nur Erzengel Michael beherrschte sich und starrte seine Brüder mit gerunzelter Stirn an.

»Ist es ihm gelungen? Michael, rede doch endlich!«

»Unser Eingreifen ist von Nöten. Rafael, das hast du richtig erkannt! Das Gleichgewicht ist aus den Fugen geraten«, antwortete Michael mit Zornesröte im Gesicht und strich sich eine blonde Locke aus den Augen. Sein blaues, wallendes, bodenlanges Gewand schimmerte matt, als ob sämtliche Farbe aus ihm gewichen wäre. Selbst das blaue Licht, welches ihn umgab, flackerte an und aus. Seufzend stieß er mit dem Ellenbogen Uriel an. Er bewegte mit gesenktem Haupt inzwischen als Einziger noch seine leuchtenden Schwingen und sie verliehen ihm Auftrieb, sodass er abhob. Mit seinem roten Lichtschein überstrahlte er alles und färbte die Wolkenformation, die sie alle umzingelte rötlich ein.

»Er gab lange Ruhe! Welche Schandtat hat er dieses Mal verbrochen?«, fragte Gabriel, zückte sein Schwert und zerteilte damit die Luft. Sofort breitete sich weißes Licht aus. Uriel ließ sich nicht davon beirren und drehte immerzu eine Runde an der Wolkendecke, die sich ins Unendliche ausbreitete. Seine blonden Locken flatterten bei jedem Flugmanöver um seinen Lichtkörper wie der Schleier einer Braut. Durch Gabriels Licht neutralisierte sich endlich der rötliche Schein, bis goldene Strahlen zurückkehrten und die Umgebung erleuchteten.

»Er hat einen Menschen für seine Zwecke verführt«, antwortete Michael und strengte sich an, dass sein blauer Lichtschein nicht wieder erlosch.

»Das ist nichts Neues!«, mischte sich Rafael ein und knetete sein erblasstes Gewand, während sein grünes Licht an Intensität verlor und auszugehen drohte.

»Er hat ein Monster erschaffen, das zur Plage wird. Kein Sterblicher kann es stoppen. Wir müssen sofort einen Gegenpol errichten.«

Rafael nickte. »Wie? Willst du Luzifer zur Rede stellen? Oder was schwebt dir vor?«

»Ich habe da eine bessere Idee! Ihr werdet überrascht sein, meine Brüder.« Seine Antwort brachte Uriel wieder dem Wolkenboden näher und er setzte neben seinen Engelsbruder auf. »Wieso hüllst du dich in Geheimniskrämereien, Michael?«

»Lass dich überraschen! Unser aller Schöpfer ist von meiner Idee ganz angetan.« Dabei schlich sich ein Lächeln auf Michaels Lippen, während er abhob und mit leichtem Flügelschlag davonschwebte, ohne sich nach seinen Brüdern umzuschauen.

Blutdurst

Als das Licht erlosch, riss Sammael die Augen auf. Endlich hörte es auf sich zu drehen und eine Sekunde später landete er mit dem Gesicht mitten im Wüstensand. Sandkörner drangen in seinen Mund und in die Augen ein. Reflexartig kniff er sie zu und ein Hustenreiz befiel ihn. Erst als er einen Schwall Sand ausspuckte ging es ihm besser. Fluchend rappelte er sich auf und schaute sich um. Doch seine Augen schmerzten, weil Fremdkörper in seiner Hornhaut rieben. Er blinzelte und blinzelte und sah alles verschwommen. Zornig fuhr er mit dem Ärmel über die Augen, bis es nachließ.

Wutentbrannt richtete er seine Fäuste gegen den Nachthimmel, als ob er ihn beschwören wollte. Erst jetzt erblickte er den prächtigen Sternenhimmel, der ihm verändert vorkam. So klar hatte er das Milchstraßenband noch nie gesehen. Verwundert zuckte er mit den Achseln.

Was sollte dies bedeuteten? War er überhaupt noch in seiner Heimat? Wie war dies möglich? Es schüttelte ihn, als er an den Höllenfürsten dachte. Beunruhigt schaute er sich um und befürchtete, dass er mutterseelenallein gestrandet war. Aber wo?

Von Luzifer fehlte jede Spur. Oder hatte er es sich nur eingebildet? Entsprangen alle seine Erinnerungen nur seiner Fantasie? Nicht dass er etwa träumte.

Für die Dauer eines Wimpernschlages kroch Erleichterung in ihm hoch. Jedoch als er seine verschrumpelten Hände erblickte, schreckte er zusammen. Oh nein, die Jugend hatte seine Haut verlassen! Kein Mensch altert so rasend schnell. Er zitterte wieder. Nein, es ist keine Einbildung! Ich habe es tatsächlich erlebt. Furcht suchte ihn heim wie Wellen, die gegen die Klippen schlugen. Aber ein unbekanntes Geräusch ließ ihn herumschnellen und seine Nase verriet ihm, dass Lebewesen in der Nähe weilten. Er roch Blut, und pure Gier trieb ihn voran. Der Blutgeruch wurde immer intensiver, und er stürmte vor. Dabei erblickte er ein knisterndes Lagerfeuer vor einem Zelt aus Tierhaut.

Eine männliche Gestalt warf kleine Holzstücke in die Glut. Um das Zelt herum grasten angebundene Kamele, die ihre Hälse in seine Richtung drehten und mehrmals mit den Hufen scharrten. Ihr Gebaren verriet ihm, dass sie seine Witterung aufgenommen hatten.

Geduckt schlich er weiter und verbarg sich hinter einer Palme. Keine Sekunde zu früh, denn der Kameltreiber wandte sich zu den Tieren um und redete mit ihnen in einer fremden Sprache. Seine Stimme beruhigte die Kamele, und sie grasten friedlich weiter.

Sofort visierte Sammael sein Opfer an und lief auf den männlichen, dunkelhäutigen Turbanträger zu. Ehe der Fremde einen Laut von sich gab, riss er ihn hoch und nahm ihn in einem Würgegriff gefangen. Der Kameltreiber röchelte und rammte seine Ellenbogen in Sammaels Bauch. Den Schmerz ignorierte er, und hielt ihn weiter fest wie in einem Schraubstock. Doch der Blutgeruch und das heftige pulsieren der Halsschlagader zogen ihn magisch an. Der innere Drang war zu stark, und seine Beherrschung bröckelte, während seine Vampirhauer durch den Kiefer stießen. Automatisch ließ er seinen Gefangenen los, und seine Vampirzähne übernahmen die Kontrolle. Sofort drangen sie in den Hals des Gegners ein. Sein Gefangener widersetzte sich mit Tritten und Fausthieben. Blut strömte längs aus der Bisswunde und tropfte auf Sammaels Zunge. Der Blutgeschmack erinnerte ihn an süßen Rotwein. Jeder Schluck war ein Genuss und versetzte ihn in freudige Wallungen, als der Lebenssaft seine Kehle herunterrann. Selbst beim Saugen geriet er in Rage und bekam nicht genug. Plötzlich versiegte die Blutquelle. Bekümmert zog er seine Vampirzähne heraus und stieß sein Opfer von sich. Der Kameltreiber knallte auf dem Sandboden. Blut tropfte aus Sammaels Mund und lief die Unterlippe herunter. Gierig erhaschte er mit der Zunge den Rest. Doch einen Wimpernschlag später stellte sich extremer Blutdurst bei ihm ein. Suchend schaute er sich um.

Nichts. Er lauschte. Wieder nichts. Er roch. Leider war keine Menschenseele in der Nähe. Enttäuscht ließ er die Schultern hängen. Ich will mehr, schoss es ihm durch den Kopf, und er durchkämmte das Zelt. Unglaublich, der Kameltreiber war tatsächlich allein mit der Herde unterwegs. Entrüstet trat er gegen das Schlaflager, das nur aus Stroh und einer Wolldecke bestand. Bin ich in dieser Fremde tatsächlich allein? Wo befinde ich mich?, kam es ihm in den Sinn und er verließ das Zelt. Vielleicht sollte er die Wüste nach Menschen absuchen? Doch wohin er auch schaute war nur Sand, und der Sternenhimmel spannte sich wie tausend Lichtpunkte über sein Haupt.

Blutdurst trieb ihn voran und schmerzte ihn, als ob er ausgepeitscht wurde. Bevor er zu Grunde ging, musste er sich etwas einfallen lassen, denn er brauchte mehr von diesem köstlichen Nass. Es war unfassbar, aber wahr! Die Blutgier hatte sich verschlimmert, nachdem er das Blut gekostet hatte. Er ballte die Hände zu Fäusten und brüllte in die Nacht: »Luzifer! Luzifer, warum quälst du mich so?«

Nichts rührte sich, außer die Kamelherde. Wie besessen stürzte er auf die Herde zu, die vor Schreck wild an den Stricken zogen. Die Halterung im Wüstensand, gab nicht nach und die Fesseln hielten. Knurrend stürmte er auf das erste Kamel zu. Es bäumte sich auf und trat mit den Vorderläufen nach ihm. Er wich zur Seite aus. Dann attackierte er das Kamel, sprang es an und bohrte gierig seine Vampirzähne in den Oberschenkel. Das Tierblut lief wie ein Bach in seinen Mund und die Kehle hinunter. Panisch bäumte sich das Tier wieder auf, schüttelte sich und schnappte mit dem Maul nach ihm. Geistesgegenwärtig entfernte er sich vom Oberschenkel, schwang zur Seite und krallte sich fest in den Hals. Dabei biss er zu und entzog den Rest des Lebenssaftes. Als es starb, kippte es mit Sammael in den Wüstensand und begrub ihn unter sich. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte ihn das Kamel zerquetscht.

Ununterbrochen rissen die fünf verbleibenden Wüstentiere an den Stricken, bis diese zerrissen und flüchteten dann in alle Himmelsrichtungen. Wütend kroch er unter dem Kadaver hervor. Sofort erwachte neue Blutgier, und er glaubte gleichzeitig zu verhungern und zu verdursten. Ihn quälte das Verlangen nach Blut und er brüllte wie ein Irrer, während er mit einem Hechtsprung, der Kamelherde hinterher hastete.

»Nicht so eilig! Wir sind noch nicht fertig!«, vernahm Sammael plötzlich Luzifers Stimme hinter sich und froh mitten in der Bewegung ein. Erschrocken fuhr er zusammen und entschied sich herumzudrehen. Zwecklos. Erst als der Höllenfürst zu ihm trat, blickte er wieder in seine engelhafte Schönheit, und die Spuren seiner Hässlichkeit existierten nicht mehr.

»Jetzt, wo du Blut geschmeckt hast und nach mehr verlangst, werde ich dir unseren zweiten Pakt offenbaren«, kam Luzifer sofort zur Sache. »Die Menschen sind nicht nur deine Nahrungsquelle. So einfach kommst du mir nicht davon. Du sollst leiden, so wie ich leide, seit mir das Paradies verschlossen ist. - Du spürst es bereits in dir, nicht wahr?« Sammael nickte stumm wie ein Fisch. »Sobald du Blut trinkst, wird dein Verlangen nach dem Lebenssaft der menschlichen Kreaturen immer stärker. Es verleiht dir die Kraft der Unsterblichkeit. Du wirst mein geniales Werkzeug sein und verbreitest den Vampirismus über die Erde. So beschaffst du mir Seelen, die im ewigen Feuer rösten sollen. In deren menschlichen Hüllen werden Dämonen einziehen und auf Menschenjagd gehen, um sich von Blut zu ernähren. Sie werden mir ebenfalls Seelen zuführen.«

»Wie soll das funktionieren?«, murmelte Sammael, der endlich die Sprache wiedergefunden hatte. »Ganz einfach: In dem du ihnen dein Blut zum Trinken anbietest. Natürlich bevor ihre Herzen aufhören zu schlagen. Somit verwandelst du sie in Vampire.«

»Hier gibt es keine Menschen. Der Kameltreiber war allein.«

»Du bist ein Ungläubiger!«, fauchte Luzifer und deutete auf ihn. »Meinst du, ich habe dich extra hundert Jahre in die Zukunft befördert, ohne mir dabei etwas gedacht zu haben?«

»Kläre mich bitte auf!«, rief Sammael und ahnte, dass er machtlos war.

»Du wirst in jeder Epoche und an unterschiedlichen Orten einen Vampir erschaffen, der ebenfalls einen Neuen kreiert. So komme ich an zahlreiche Seelen, bis die Erde untergeht. Das ist meine persönliche Rache, weil mir das Paradies verschlossen bleibt und ich damals aus dem Himmel geworfen wurde.«

»Was habe ich davon?«

»Wenn du diesmal den Pakt einhältst … bekommst du als Belohnung ein Geschenk von mir, welches es dir erleichtert … weitere Opfer zu finden. Nur wenn du dein erstes Dutzend von Seelen verdammt hast, in der Hölle zu rösten, erhältst du es. Solltest du dich jedoch widersetzen, wirst du Höllenqualen erdulden, die du dir noch nicht einmal vorstellen kannst.«

»Ich habe keine andere Wahl, als diesen Pakt einzuhalten? Ich brauche Blut … ich halte es nicht mehr länger aus. Bitte gib mir ein Opfer!«

Luzifer nickte, und ein grausames Grinsen umspielte seine schwarzen Lippen.

»Mist!«, fluchte Sammael. »Dann versetze mich endlich in die nächste Epoche oder Ort und ich erschaffe dir deinen neuen Vampir, dessen Seele dir gehört. Ich brauche was … ich brauche unbedingt etwas! Ich tue alles was du verlangst!«, jammerte er, und seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

»Aber denk daran, immer nur einen, den du in die Welt entlässt. Bedenke, dir ist nicht erlaubt, mit ihm gemeinsam auf Menschenjagd zu gehen!«

»Rede nicht so viel, sondern bring mich in die nächste Epoche … Ich komme um vor Durst!«, drängte er, präsentierte seine Vampirzähne und knurrte wie ein Wolf.

Luzifer näherte sich ihm, ergriff seine Hand und schlug ein. Diesmal blieb die Hitzewallung aus. Sammael staunte, denn als ob der Wüstensand lebte, erhob er sich plötzlich drei Meter hoch zu einem gewaltigen Sandsturm. Er umzingelte ihn wie eine zweite Haut und raubte ihm die Sicht. Trotzdem sah er, wie der Höllenfürst sich grinsend vor ihm auflöste, ohne seine Hand loszulassen. Mit weit aufgerissenen Augen und Mund registrierte Sammael gleichzeitig, wie sich zu seinen Füßen ein schwarzes Loch öffnete, und ihn ein Wirbel erfasste, welcher sogleich ihn in die Finsternis riss.

Sommersonnenwende

Victor Weisborn betrat schlaftrunken in knielanger Unterwäsche und nacktem Oberkörper die Küchenkammer. Sein Nachthemd hatte er sich am Bettgitter aufgerissen und hielt es über den rechten Arm. Wieder hatte er von einem Sammael geträumt, der mit Luzifer einen Pakt einging. Dieser Traum verfolgte ihn seit seiner Kindheit. Weder seine Eltern noch Mönch Benedikt hatten eine Antwort darauf. Mit zwölf Jahren gab er es auf, nach dem Sinn zu fragen. Es waren immer dieselben Szenen, die ihn in der Nacht verfolgten und ihm am Schluss schweißgebadet hochschrecken ließen.

Heute war es intensiver als sonst, denn er schmeckte das Blut, welches Sammael einem Kameltreiber entzog. Vor Ekel schüttelte er sich, als die Erinnerung an seinen Traum zurückkehrte. Auch Anna Kellys ungläubiger Blick in ihrem ärmlichen, hellbraunen Wickelkleid, änderte nichts daran. Sie kramte aus ihrer grauen Schürze eine Haube hervor und stopfte ihre dunkelblonden Haare hinein. Dann deckte sie den Tisch. Er warf der Magd sein Nachtgewand vor die Füße und zwinkerte ihr zu. Dabei machte er Anna schöne Augen. Doch sie schenkte ihm keine Beachtung und beugte sich jetzt über den kupfernen Kessel. Er hing in der Nische über der Feuerstelle. Sie rührte mit dem Kochlöffel, und es roch stark nach Hühnerbrühe.

»Ich habe dir etwas zum Nähen gebracht, und du ignorierst mich«, meckerte er. Die Magd ließ sich nicht stören und rührte weiter im Kessel. Wahrscheinlich hat Vater ihr den Umgang mit mir verboten. Er brummte, weil Anna ihn weiter ignorierte. Bestimmt, weil sie die Anstellung nicht verlieren will. Sie geht arbeiten, um ihre kranke Mutter zu ernähren, sonst würden beide verhungern. Verhungern … lächerlich, als ob Vater sie rausschmeißen könnte. Er hätte viel zu viel Angst, dass das seinem Ruf schadete.

Resigniert seufzte er und lauschte dem Knistern des Feuers. Er mochte das Geräusch und freute sich auf sein Frühstück. Das frisch gebackene Brot duftete himmlisch und der Schmalz und der Schinken ebenso. Wenigstens wenn Anna ihn mit Tee bediente, würde sie ihn beachten. Dies gefiel ihm, und ein Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. Er riss sich von Annas Anblick los und ging zum Fenster gegenüber der Tür. Gähnend schaute er hinaus und fuhr durch sein schwarzes, zerzaustes Haar, welches ihm bis zum Rücken reichte.

Vor fünf Minuten hatte er noch tief und fest in seinem Bett geschlafen. Um munterer zu werden streckte er sich ausgiebig. Dies ließ ihn größer und muskulöser erscheinen. Grinsend spannte er seine Brustmuskeln an, die auf und nieder hüpften. Zufrieden betrachtete er sein Spiegelbild, gähnte wieder und sah, dass sich am Hinterhof etwas rührte. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Sinnestäuschung und seine Augen spielten ihm einen Streich. Oder womöglich, dass einer der Kater auf Mäusejagd ging. Gerade als er seinen Blick schweifen ließ, erschien die Sonne als Feuerball am Horizont und blendete ihn. Er kniff seine meerblauen Augen zu und genoss die morgendliche Stille. Gähnend überlegte er, ob er zurück ins Bett kriechen sollte. Nein, lieber nicht, sonst würde er wieder von Sammael und Luzifer träumen. Darauf verzichtete er gern und blieb freiwillig wach. Pferdewiehern riss ihn aus seinen Gedanken und er blinzelte, als das Wiehern lauter wurde. Er strengte seine Augen an und erkannte den schwarzen Hengst mit dem weißen Fleck auf der Brust. Im Galopp trabte sein Vater Wilhelm auf den Hinterhof. Er saß stolz wie ein Edelfürst obendrauf und zügelte das Pferd.

»So früh kehrt Vater zurück?«, murmelte er und schaute, wie der Reiter mühsam vom Pferderücken heruntersprang. Sicher sah er ihn auch, denn sein Vater blickte mit grimmigem Gesicht zum Küchenfenster. Victors Miene verfinsterte sich. Seine Laune ging in den Keller, und seine Mundwinkel kippten nach unten.

Muss er jetzt schon nach Hause kommen?, dachte Victor, und lief seufzend an Anna vorbei, die noch nicht einmal den Kopf hob, als sie weiter im Kessel rührte. Er beschleunigte seine Schritte, verließ die Küchenkammer und schlenderte zur Haustür. Mit zittrigen Fingern drehte er den Schlüssel herum und öffnete die knarrende Holztür. Keine Sekunde zu spät, denn Vater kam auf ihn zu. Er würdigte ihn keines Blickes und begann zu reden: »Ich bin geschafft und habe Hunger, Sohn. Die Reise war anstrengend. Ich habe einiges erwerben können. Du kannst mir gleich beim Ausladen helfen.«

»Kann ich machen, denn die Mädels schlafen noch«, antwortete er und unterdrückte ein Gähnen, während Vater ihn prüfend musterte. Unaufgefordert trat er zurück, ließ seinen Erzeuger hinein und schloss dann die Haustür.

»Sie sollen aufstehen. Hast du vergessen, welcher Tag heute ist? Wenn ich nicht daheim bin, läuft alles drunter und drüber«, motzte der Kaufmann mit Zorn in der Stimme.

Victor zuckte mit den Achseln und wunderte sich, was Vater wieder meinte.

»Sommersonnenwende!«, rief Wilhelm Weisborn. »Deswegen habe ich meine Einkaufstour unterbrochen und mich beeilt, nach Hause zu kommen.«

»Na und?«

»Du Trottel!«, schimpfte Vater, und seine Stimme wurde immer lauter. »Äh«, kramte Victor in seinen Erinnerungen, denn es fiel ihm nicht ein. Verlegend kratzte er sich am Hinterkopf. Wieder fühlte er sich wie ein kleiner Junge, während Vater ihn wütend anstarrte.

»Graf von Dovers Sommerball findet heute statt, du Nichtsnutz«, brummte sein Erzeuger und holte den Schnupftabak aus dem kastanienbraunen Gehrock, der von Staub nur so wimmelte. Dann schob er sich eine Prise in die Nase und nieste viermal. Als seine Niesattacke vorbei war, klopfte er sich den Staub von seinem Gewand.

Schon wieder beschimpft mich Vater, kam ihm traurig in den Sinn, aber er antwortete: »Ach, der!« Angewidert verzog Victor sein Gesicht und schüttelte sich, wenn er nur an den alten Grafen dachte. »Was habe ich mit ihm zu tun?«, fragte er dennoch und verlagerte das Gewicht vom rechten auf den linken Fuß.

»Diesmal gehst du mit zum Sommerball.«

»Ist es wieder soweit?«, grummelte Victor und rümpfte die Nase. Letztes Jahr ging der Kelch an ihm vorüber, denn er spielte den Kranken mit hohem Fieber.

»Schluss! Du begleitest mich heute Abend zur Burg!«

»Aber Vater …«

»Keine Widerrede … Du bist mein einziger Sohn und Erbe. Es wird Zeit, dass du Graf von Dover näher kennen lernst. Schließlich sollst du mich bei meinen Geschäften unterstützen. Mit 23 Jahren habe ich längst im Geschäft meines Vaters von morgens bis abends geschuftet. Langsam wird es mir zu viel. Reisen und hier noch das Geschäft hüten. Ich werde nicht jünger«, stöhnte der Kaufmann mit grimmiger Miene. »Deine Mutter hatte immer gesagt, Wilhelm, du musst kürzertreten.«

»Aber Mutter ist …«

»gestorben«, vollendete er den Satz seines Sohnes und schluckte stark, während seine Augen feucht wurden.

»Aber was soll ich auf einem Ball eines Langweilers?«, fragte Victor und verzog seine Mundwinkel.

»Tanzen«, hörte Victor seine Schwester Jessica sagen. Er wirbelte herum und schaute ihr mitten ins Gesicht. Wie ein Fels in der Brandung stand sie in ihrem hellblauen Spitzennachthemd im Flur. Ihre langen blonden Locken hatte sie in die Haube gestopft. Nur ihr Pony lugte hervor und bedeckte ihre Stirn.

Victor war schrecklich müde, aber sie schien ausgeschlafen zu sein. Kein Wunder, weil er noch bis spät in der Nacht im Gasthaus Schwanenschmaus mit seinen Freunden Wein becherte.

»Nein, danke«, kommentierte er. »Wenn du dort hin willst … bitteschön … ohne mich.«

»Ja, ehrenwerter Vater, bitte, bitte, bitte!«, flehte sie und bewegte sich auf ihn zu. Als sie ihn erreichte, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

»Ihr geht beide hin«, knirschte der Kaufmann durch die zusammengepressten Lippen.

Widerlich, dachte Victor und beobachtete, wie sie Vater losließ und er ihr dann auf die Stirn küsste.

»Ja!«, rief Jessica begeistert, stand nicht mehr still, tänzelte um ihn herum und verlor einen Pantoffel. »Oh!«, rief sie, und ein zauberhaftes Lächeln eroberte ihre Lippen. Schnell stülpte sie ihn über.

»Den 21. Juni 1798 werde ich als besonderen Tag in meinem Tagebuch erwähnen, denn ich gehe zu einem Sommerball! Zu einen richtigen Ball und werde tanzen. Vielleicht auch mit dem Grafen«, jubelte Jessica, und warf ihrem Bruder einen Luftkuss zu.

Geschockt glotzte Victor sie an, und fühlte sich in einem Albtraum gefangen. »Was haben Mädels immer mit Grafen …«, begann er und schüttelte den Kopf.

»Du bist mein großer Bruder, also kommst du mit … und beschützt mich«, ließ sie sich nicht beirren, klimperte mit den Wimpern und knuffte Victor in die Seite. »Was ziehe ich bloß an?«, fragte sie und blickte auf ihr Spitzennachthemd.

Victor seufzte mit seinem Vater im Duett. Er weigerte sich aber weiter mit ihr den Ball zu besuchen.

»Darf ich auch mit?«, hörte er seine jüngste Schwester Melissa sagen, die plötzlich barfuß die Treppe heruntergelaufen kam. Ihre blonden Locken schwangen bei jedem ihrer Schritte mit, welche ihr bis zum Po fielen. Die Haube hielt sie in den Händen, und ihr hellblaues Nachthemd wies Wasserspritzer auf. Erwartungsvoll strahlten ihre grünen Augen, die auf Vater ruhten, als sie neben ihn trat.

»Melissa, nein!«, rief der Kaufmann und angelte nach dem Arm seiner jüngsten Tochter. Sie blieb abrupt stehen und schaute ihn flehentlich an. »Warum muss ich immer zuhause bleiben? Das ist gemein!«, maulte sie und zog einen Schmollmund.

»Melissa, du bist zu jung«, sagte Wilhelm und hob ermahnend seinen Zeigefinger.

»Mutter war 17 Jahre, als sie heiratete, und ich bin genauso alt.«

»Das waren andere Zeiten … und Schluss … sonst gehst du in deine Kammer und hast Ausgehverbot für eine Woche!« Melissa mutierte zum Trauerkloß und schniefte. »Putz dir die Nase und hilf deiner Schwester beim Auswählen ihrer Garderobe. Schließlich ist dies ihr erster Sommerball. Sobald du 19 bist, darfst du auch auf einen Ball«, antwortete Vater, und seine Augenbrauen stießen aneinander, als er seine Tochter prüfend betrachtete. Sie stampfte mit dem Fuß auf und stemmte brummend ihre Hände in die Hüften. Vater erhob seine Hand.

Typisch, dachte Victor, als er seinen Erzeuger beobachtete, immer muss er seine Macht demonstrieren.

»Komm Melissa, hilf mir beim Auswählen. Soll ich das himmelblaue oder doch lieber das rosafarbige Ballkleid anziehen«, mischte sich Jessica ein. Melissa zuckte mit den Achseln und legte ihre Stirn in Falten.

»Genauso mache ich es! Ich probiere meine Kleider hintereinander an und entscheide dann, welches mir am besten steht.«

Ehe Melissa antworten konnte, griff Jessica nach ihrer Hand und zerrte sie zur Treppe. Vater senkte seinen Arm. »Victor, du solltest dir Gedanken machen, wie du dich in der Gesellschaft präsentieren willst. Mach mir bloß keine Schande, Sohn!«

Am liebsten hätte er Vater etwas Gehässiges an den Kopf geworfen, denn seine gute Laune war längst Vergangenheit. Er sah seinen Schwestern nach, wie sie die Stufen hinaufeilten. Unmerklich schüttelte er den Kopf. Warum kann ich nicht wie ein Bauernjunge herumtollen? Nein, ich muss zu diesem blöden Sommerball und mich wie ein Mädchen in Schale werfen, ärgerte er sich und stieg mit hängenden Schultern die Treppe hoch. Als er die letzte Stufe bestieg, drang Gelächter an seine Ohren. So wandte er sich Jessicas Kammer zu und ging, ohne zu klopfen hinein. Sie präsentierte sich vor dem Spiegel in ihrem hellrosa Reifrock und hielt sich ein Kleid nach dem anderen an ihren Leib. Ihr Nachthemd lag auf dem Boden, und sie stand mit den Füßen darauf. Melissa saß auf Jessicas Bett, abwechselnd kicherte sie und schüttelte ihren Kopf.

»Du bist mir keine große Hilfe«, grölte Jessica, als sie ihr grünes Seidenballkleid auf das Himmelbett mit den weißen Herzchen warf. Melissa fing es auf und strich es mit verträumen Augen glatt.

»Am besten ziehst du alle gleichzeitig an«, mischte Victor sich ein und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Jessica angelte nach ihrer Haarbürste und warf sie nach ihm. Er hüpfte zur Seite und lachte schallend, als die Bürste vor seinen Füßen landete.

»Mir gefällt das rosa Kleid besonders gut«, antwortete Melissa und stand auf. Sie ging zum hohen Kieferschrank, dessen Türen ebenfalls kleine Herzchen aufwiesen. Gutgelaunt holte sie es heraus und reichte es ihrer älteren Schwester. Jessica ergriff es, strahlte und hielt es an ihren schlanken Körper.

»Wie eine echte Prinzessin«, imitierte Victor die Stimme von Melissa.

»Jungs sind blöd!«, kreischte Melissa und streckte ihm die Zunge raus.

»Mädels auch …«, antwortete er und ging in Deckung, weil Melissa den Nachttopf hochhob und damit auf seinen Kopf zielte. Grinsend wich er zurück. »Wenn ihr in diesem Tempo weitermacht, werdet ihr bis heute Abend nicht fertig. Mich stört es nicht, dann bleiben wir eben zuhause«, stichelte er weiter und zog alberne Grimassen mit dem Mund.

»Du Schuft!«, schimpfte seine jüngere Schwester, ließ den Nachttopf los und sprang auf ihn zu. Jessica ging dazwischen und rief: »Niemals! Wir gehen gemeinsam hin. Komm Melissa, binde mir das Korsett zu.« Melissa nickte, erhob sich und tänzelte schmunzelnd auf sie zu.

Victor grinste feist, als Melissa die Bänder des Korsetts am Rücken strammzog und Jessica nach Luft rang. Jedoch verkniff er sich einen weiteren Kommentar, als er Jessicas warnenden Blick erhaschte. Nachdem es geschafft war, half Melissa ihr beim Anziehen des rosa schimmernden Ballkleides mit den bestickten Rosenblüten.

Victor verstand nicht, warum sich Jessica so herausputze. Dadurch sah sie so erwachsen aus. Ihn beschlich Furcht, dass seine Schwester bald irgendeinen Schnösel heiratete. Seit Mutter gestorben war, hatte er Panik ein weiteres Mitglied der Familie zu verlieren. Ein Leben ohne Jessica wollte er sich nicht vorstellen. Heiraten fand er schrecklich und eine Ehe führen, empfand er als Albtraum.

»Ich kann mich einfach nicht entscheiden«, jammerte Jessica und riss ihn so aus den Gedanken. »Oder doch das Dunkelrote?« Seufzend zuckte sie mit den Achseln.

»Ach, Jessica!«, entgegnete Melissa. »Das Kleid steht dir großartig! Wenn Mutter nur hier sein könnte, um dich zu deinem ersten Ball zu begleiten«, seufzte Melissa mit trauriger Stimme, und Tränen kullerten ihr über die Wangen. »Sie wäre bestimmt stolz, wenn du dem Grafen vorgestellt wirst«, schluchzte sie und wischte mit dem Handrücken über ihre Nasenspitze. Jessica umarmte sie und küsste sie auf den Mund.

»Quatsch! Was soll Jessica mit dem ollen Grafen? Der ist bestimmt älter als Emilie Grayson«, widersprach er und streckte sein Kinn vor.

»Jessica ist das hübscheste Mädchen im Dorf, und der Graf wird von ihrer Schönheit entzückt sein«, antwortete Melissa und stellte sich herausfordernd vor ihren Bruder, der sie um einen Kopf überragte. »Geblendet!«, rief er und lachte, als er das zornige Gesicht seiner jüngsten Schwester ausmachte. Melissa brummte, ballte ihre Hände zu Fäusten und zielte auf seine Brust. Doch bevor sie ihn traf, erschien Vater in der Kammer. Er stellte sich dazwischen und fing die Fäuste seiner Tochter auf. »Melissa, lass den Blödsinn! Immer diese Streitigkeiten zwischen dir und Victor«, ranzte er sie an. »Dies geziemt sich nicht für eine junge Dame. Du willst als Erwachsene wahrgenommen werden und benimmst dich wie ein verzogenes Waisenkind. Ab in deine Kammer und studiere die Bibel! Vielleicht schenkt dir die Lektüre mehr Vernunft.« Brummend schubste er sie zur Tür. Unter Tränen schaute sie zu Victor und wandte sich ihrer Kammer zu.

»Vater, es war nur Spaß«, stellte er sich auf die Seite seiner Schwester, die gerade die Kammertür hinter sich zuknallte.

»Fall mir auch noch in den Rücken«, motzte Vater und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Victor war so überrascht, dass er wie angewurzelt stehen blieb. Entrüstet massierte er seine schmerzende Wange, und Wut brodelte in ihm auf. Ich könnte ihm den Hals umdrehen! Immer schlägt er mich, dachte er bekümmert und ballte seine Faust, die er geschickt hinter seinen Rücken verbarg. Niemals nimmt er mich als Erwachsener wahr, sinnet er weiter nach. Ich bin kein dummer Junge mehr.

»Deine Unverschämtheiten rauben mir den letzten Nerv. Wenn es nicht so wichtig wäre, würde ich dich zuhause einsperren. Aber du bist mein Erbe, und ich habe keine Lust, dass hinter meinem Rücken geredet wird. Ich will vermeiden, dass das Gerücht entsteht, ich hätte dich nicht im Griff. Los, du stinkst! Reinige dich und zieh einen vernünftigen Gehrock an, damit die Dorfbewohner dich endlich ernst nehmen.« Mit zornigen Augen fuhr der Kaufmann mit den Händen über seine Glatze. »Eigentlich wollte ich vorschlagen, dass wir zusammen speisen. Aber was finde ich vor? Ihr zwei Streithähne habt nur Blödsinn im Kopf. Geh dich abkühlen, bevor ich mich vergesse und dich windelweich prügle, du Nichtsnutz!«

»Es war kein Blödsinn«, widersprach Victor schnippisch. Die Widerworte reichten Vater, und er hob erneut die Hand. Diesmal wich Victor zurück, stürmte an ihm vorbei und rannte die Stufen herunter. Unten angelangt, wäre er beinahe mit Anna zusammengeknallt. »Pass doch auf!«, zischte er, riss die Tür auf und rannte nach draußen auf den Schuppen zu. Es war ihm egal, dass er bloß Unterwäsche trug und ihn jemand so sehen könnte. Zornig über seinen Erzeuger sprang er in die Regentonne, die bis zum Rand voll war. Wasser schwappte über und ergoss sich über einen Strohballen, der daneben lag.

Wieder hatte ihn Vater zur Weißglut gebracht. Immer machte er ihn nieder. Warum begriff er nicht, dass er eigene Vorstellungen vom Leben hatte? Wieso musste er zur Burg und an diesem doofen Sommerball teilnehmen? Sollte doch Jessica diesen Part übernehmen. Sie liebte es, sich als feine Damen zu kleiden und war reifer, obwohl sie jünger war. Er wollte vogelfrei bleiben und seine Jugend genießen. Was sollte er unternehmen? Davonlaufen und seine Schwestern im Stich lassen? Als Tagelöhner würde er nicht überleben, denn er hatte keinen Beruf erlernt. Wahrscheinlich würde sein Vater ihn sowieso enterben. Ach, wenn Mutter noch leben würde! Sie konnte er immer um den Finger wickeln. »Oh Gott, wie vermisse ich sie«, seufzte er, kämpfte gegen seine Tränen an und tauchte mehrmals in der Regentonne unter. Vielleicht bekam er so einen klaren Kopf. Doch die Wut im Bauch über Vater wollte nicht verrauchen. Nach etlichen Minuten sprang er aus der Regentonne und setzte sich vor dem Schuppen ins Gras. Er riss einen Grashalm ab und kaute gedankenverloren darauf herum. Die Sonne wärmte ihn, und er genoss es, sie auf seiner nassen Haut zu spüren, während er überlegte, wie er sich vor dem Sommerball drücken könnte.

Verdammt

Eine uralte Burg, einst aus Stein gemeißelt und mit Gold erbaut, ragte am Berggipfel empor. Ein robuster, acht Meter hoher Rundbau mit vier zackigen Türmen, die in alle Himmelsrichtungen wiesen, war umrandet von einer hohen Steinmauer, die den ganzen Hügel umschloss. Die Zugbrücke war hochgezogen und mit dicken Seilen am Mauerwerk befestigt. Am nördlichsten Turm schaute Graf von Dover über die Brüstung auf das tobende Meer. Blitze zuckten und spiegelten sich in seinen smaragdgrünen Augen. Donner grollte aus der Ferne und zog vom Ozean heran. Die Wolkendecke wurde immer dichter. Der Wind peitschte gegen sein Gesicht und heulte um ihn herum. Mörtel löste sich unter seinen Füßen, und kleine Steinchen bröckelten ab. Sie rutschten auf die Pflastersteine, wo sie von einer Windböe erfasst und weggeweht wurden. Der Wind nahm mächtig an Fahrt zu.

Mit den Augen fixierte der Graf den hohen Wellengang, der gegen die Klippen schlug und eine Spur der Verwüstung hinterließ. Die Flut riss Gestrüpp und Blätter in die Tiefe. Das eiskalte Wasser schäumte und vermischte sich mit Platzregen, der an Heftigkeit stetig zunahm.

Durch den Regen fing es sich keine Erkältung ein und auch der Sturm konnte ihm nichts anhaben. Er blies durch sein ergrautes, schulterlanges Haar und bewegte es im Takt mit. Das Windgetöse brachte seinen schwarzen Gehrock mit den goldenen Knöpfen und seine Kniehose aus Samt zum Flattern.

Irgendwie passte das Wetter perfekt zu seiner niedergeschlagenen Stimmung, denn er verfluchte sein Dasein und überlegte, ob er sich in die Fluten stürzen sollte. Zwecklos … das würden seine Erinnerungen an die Vergangenheit auch nicht auslöschen. Die Einsamkeit hatte ihn fest im Griff, und er wünschte sich eine neue Gefährtin an seiner Seite. Einmal hatte er eine Jungfrau aus