Grand Jus - Bernhard Motzek - E-Book

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Bernhard Motzek

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Beschreibung

Es ist ein Roman, entstanden und inspiriert durch Erlebnisse während einer Kochlehre in den sechziger Jahren, am Ende der Fresswelle und im »Summer of Love«. Die Einen gaben sich der »Flower-Power« hin, die Anderen wurden schon in frühester Jugend in die Arbeitswelt entlassen. Schauplatz und Tatort ist ein kleines, malerisches Dorf am Niederrhein, auf dem platten Land, in das ein vierzehnjähriger Teenager verschlagen wird. Kuriose Hergänge rund um die Arbeit in der Küche und das Essen, manchmal auch um das andere Geschlecht, gespickt mit einer ordentlichen Portion Humor und einigen Rezepten, bestimmen den Inhalt des vorliegenden Romans. Nicht alles dabei ist von autobiografischer Natur, und nicht immer ist alles ganz ernst zu nehmen.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Der Autor, geboren 1952 in Mikulczyce, Oberschlesien und aufgewachsen in Moers am Niederrhein, war selbst Zeitzeuge der Esskultur in den sechziger Jahren.

Vieles in seinem Leben drehte sich um das leibliche Wohl, das Essen.

Expertenwissen rund um die Ernährung, Nahrungsmittel und Getränke erlangte er durch seinen Beruf als Koch, ein Studium der Lebensmitteltechnologie und langjähriger Erfahrung in der Lebensmittelindustrie.

Das Buch:

Es ist ein Roman, entstanden und inspiriert durch Erlebnisse während einer Kochlehre in den sechziger Jahren, am Ende der Fresswelle und im »Summer of Love«. Die Einen gaben sich der »Flower-Power« hin, die Anderen wurden schon in frühester Jugend in die Arbeitswelt entlassen.

Schauplatz und Tatort ist ein kleines malerisches Dorf am Niederrhein, auf dem platten Land, in das ein vierzehnjähriger Teenager verschlagen wird.

Kuriose Hergänge, rund um die Arbeit in der Küche und das Essen, manchmal auch um das andere Geschlecht, gespickt mit einer ordentlichen Portion Humor und einigen Rezepten, bestimmen den Inhalt des vorliegenden Romans. Nicht alles dabei ist von autobiografischer Natur und nicht immer ist alles ganz ernst zu nehmen.

Inhaltsverzeichnis

Quo vadis?

Das Debüt

Maria hilf!

Erinnerungen von »Verleihnix«:

Geschmortes Sauerkraut

Pikante Sauerkrautsuppe

Ein Wochenende

Durchgedreht

Fleischbeschau

Brain Storming

Kalbsleber »Trappenboom«

Four Seasons

Mai-Triebe

Sauce Café de Paris

Stangenware

Spargelsuppe »Hotel Deckers»

Spargel »Koslowski«, Polnische Art

Schützenfest

On the road again

Zwölf Uhr mittags

Freiwild

Wild Thing

Hirschgulasch

Pommes Dauphin, Kartoffelkrapfen

Gänsejagd

Grünfutter & Panhas

Weihnachtsparty

Endspurt

After

Frequently asked questions

Anlage: Berufsbild des Kochs

Quellen und Abbildungsverzeichnis

»Des Schweines Ende ist der Wurst Anfang«

Wilhelm Busch

Quo vadis?

D ie Blätter fielen im Herbst 1965, als ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft machen sollte, besser gesagt eine Lehrstelle musste her.

Ich besuchte damals eine katholische Volksschule in Rheinkamp, einer Ortschaft im damaligen Kreis Moers, am Niederrhein. Nicht so einfach, mit 13 Jahren, eine klare Vorstellung zu bekommen, was denn nun das Richtige ist. Ein wenig künstlerisch begabt war ich ja, besagte jedenfalls meine Zeugnisnote in »Kunst« bzw. »Werken und Malen«.

Eigentlich war es in diesem Schulfach überhaupt kein richtiger Unterricht, da die Lehrer von »Tuten und Blasen« keine Ahnung hatten. Zu Unterrichtsbeginn wurden der Zeichenblock und der Farbkasten aus dem Tornister gezogen, dann konnte man sich austoben. Meist hatte ich Zuhause schon ein wenig vorgearbeitet und malte nur noch die Vorlage aus. Sehr verbreitet als Malvorlage waren damals die Postkarten von den Fuß-und Mundmalern, die zu dieser Zeit immer unaufgefordert in fast jedem Briefkasten landeten. Egal wie, mir wurde Talent bescheinigt. Pinselquäler wollte ich aber eigentlich auch nicht werden. Am Ende tauscht man in diesem Job ja den Pinsel gegen den Quast. Mehr in die künstlerische Richtung, so als Grafiker z. B., ging auch nicht. Dank mangelnder Anleitung des »Lee(h)rkörpers« hatte ich ja noch nicht einmal eine Mappe mit Referenzobjekten für eine Bewerbung.

Für die weiblichen Mitschüler war es ganz einfach. Das Gros tendierte zu einer Ausbildung als Friseuse oder Verkäuferin. Einige wenige kamen auch im öffentlichen Dienst oder bei der Sparkasse unter.

Ganz ohne Hilfestellung waren wir aber nicht. Für die Schüler der achten Klasse wurden sogenannte »Exkursionen« veranstaltet, bei denen sich die örtliche Industrie und einige gewerbliche Unternehmen den Schülern präsentierten und Ausbildungsberufe vorstellten. Ganz vorne war der »Pütt«, die »Rheinpreussen AG«, mit zahlreichen Ausbildungsstellen, angefangen vom einfachen Bergmann, bis zum Chemielaboranten. Hier wurden die meisten meiner Schulkameraden fündig.

Viele der Schulkameraden lernten auch Automechaniker, Bäcker, Fleischer, einige wenige technischer Zeichner. Wer sich für den Beruf des Radio- und Fernsehmechanikers entschied, hatte mit dem Wissensstand von heute auch nicht das richtige Los gezogen. Alles das war nicht meins. Auszusehen, wie mein Vater, welcher im Bergbau, unter Tage beschäftigt war und immer mit den schwarzen Rändern um die Augen nach Hause kam, konnte ich mir auch nicht vorstellen. Jetzt wo er Steiger war, verdiente er ganz gut und war angesehen. Trotzdem, nein! nach »Untertage« will ich nicht!

Mein Bruder hatte ein Jahr zuvor eine Lehrstelle als Chemielaborant angetreten und stank immer wie eine chemische Reinigung. Das war auch nicht wirklich erstrebenswert. Was mir noch so vorschwebte, war eine Veränderung, bei der ich auch ein wenig mehr Freiheit erlangen und den Klauen meiner Eltern entrinnen konnte. Ideal hierfür wäre ja eine Lehre als Koch, am besten ein wenig weiter entfernt von zu Hause. Mit freier Kost und Logis. Dann brauchte man nicht zu darben, hätte ein Dach über dem Kopf und war nicht mehr genötigt, sich mit den Spießern herumzuschlagen.

Meine Mutter fand die Berufswahl gut. »Junge, dann brauchst du in schlechten Zeiten nicht zu hungern«, waren ihre Worte. Überhaupt waren meine Eltern immer besorgt um unser leibliches Wohl. Als wir 1957 aus Polen aussiedelten, hatten sie zwei komplette Koffer voller Wurst, prall gefüllt mit Krakauern, Polnischen Würsten und oberschlesischen Frankfurtern mitgeschleppt. Es hätte ja sein können, dass es im Westen keine Wurst gibt.

Von dem eigentlichen Beruf des Kochs wusste ich nicht viel. Ein wenig war ich inspiriert von einigen malerischen Szenen, wenn »Der Forellenhof« im Fernsehen lief oder Vico Torriani mit Caterina Valente als Kaltmamsell, singender Weise am Küchenherd stand. Wenn Clemens Wilmenrod zuschlug und seinen legendären Hawaii-Toast im Fernsehen präsentierte, sah auch immer alles sehr entspannt aus. Der Berufsberater im Arbeitsamt, bei dem wir auch einen Beratungstermin hatten, war noch ahnungsloser als ich mit meinen 13 Jahren. Der guckte dauernd in seine Listen und empfahl dann immer das, wo gerade Lehrstellen verfügbar waren.

Ohne von meinen Ambitionen zu wissen, wusste Frau B., meine gestrenge Klassenlehrerin, Rat. Sie war nicht nur streng, sondern sah auch so aus in ihrem klassischen stahlgrauen Kostüm, die dunkelblonden, angegrauten Haare straff nach hinten gekämmt und zu einem Dutt geknotet.

Irgendwie waren ja viele Familien am Niederrhein verwandt, verschwägert oder anderweitig verbandelt.

So hatte sie Beziehungen zum Betreiber des »Hotel Deckers« in Marienbaum, einem kleinen malerischen Ort, der heute zur Stadt Xanten gehört. »Bernhard, ich werde dort vorstellig und lege ein gutes Wort für dich ein«, sagte sie. Das Hotel Deckers war bekannt im ganzen Ruhrgebiet, wegen der Koteletts, so groß wie Klodeckel.

Schon eine Woche später konnten wir, meine Eltern und ich, dort telefonisch einen Vorstellungstermin vereinbaren.

Frau B. hat für die erfolgreiche Vermittlung eines billigen Lehrlings, für ihre »Bemühungen«, mindestens ein komplettes Menü, gratis bekommen, was mir aber auch egal war. Hauptsache der Deal klappte.

Damals hatten wir noch kein Telefon. Der Vorstellungstermin wurde daher in der Telefonzelle gemacht. Zwei Personen passten knapp rein. Es war mir ein wenig unangenehm, mit meiner (schwangeren) Mutter in dieser kleinen Zelle. »Hoffentlich sieht uns keiner«, dachte ich. Es sprach ohnehin nur meine Mutter. Klein Berni war nur pro forma mit. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meinen Eltern auch daran gelegen war, dass ich zügig das Feld räume, es war ja auch schon wieder neuer Nachwuchs unterwegs.

Während des Telefonats stopfte Mutter ständig neue Zehner in den Münzschlitz. Telefoniert wurde nur mit Groschen. Der Einsatz höherwertiger Münzen hätte ja unter Umständen Verluste nach sich gezogen, da der Telefonautomat ja kein Wechselgeld zurückgab, sondern nur die Reste aus dem Münzspeicher.

Wie nicht anders zu erwarten, gab es einen Termin, sogar schon in der nächsten Woche. In meiner blühenden Phantasie malte ich mir schon aus, wie toll es wird.

Frei und unabhängig, kein Maßregeln und kein Gejammer und keinen frühen Zapfenstreich. An die bevorstehenden Gaumenfreuden mochte ich noch gar nicht denken. Von meinem Taschengeld gönnte ich mir regelmäßig eine Schachtel Zigaretten, was auch noch keiner wusste. Das war cool, genauso wie mein Outfit. Leicht verwaschene Jeans mit einem Mordsschlag, Marke »Wrangler«. Die in früheren Jahren angesagte Elvis-Frisur, mit einer Menge »Fit« oder »Brisk« zur Stabilisierung der selbigen, war einer Beatles Imitation gewichen, die locker mein Haupt umschmeichelte. Den passenden Parka zu dem angesagten Look hatte ich leider nicht, nur einen fast zu biederen Dufflecoat. Die rauchende Zigarette zwischen den Lippen konnte dieses Manko leicht wettmachen.

Ich hatte auch schon eine Freundin, Susanne, die in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnte. Mehr als Händchen halten und im nahe gelegenen Jungbornpark spazieren gehen, war aber nicht. Eigentlich war ich mit meiner platonischen Liebschaft ganz zufrieden, dennoch habe ich sie irgendwann befummelt. »Du Schwein, das hätte ich nicht von dir gedacht«, waren ihre letzten Worte zu mir.

Ich beschloss, mir von meinem Liebeskummer nichts anmerken zu lassen. Schließlich gab es ja noch das Projekt »Küchenbulle«. Für den Tag der Vorstellung, einen Mittwoch im Oktober, hatte Mutti noch ein paar Sachen aufgebügelt. Meine geliebten Jeans durfte ich nicht anziehen. Es ging nach dem Mittagessen los, zuerst mit dem Bus bis zum Moerser Bahnhof, dann mit der Bahn in Richtung Marienbaum. Die Bahn auf dieser Linie wurde im Volksmund auch Hippeland-Express genannt.

Abb. 1: ehemaliger Bahnhof Marienbaum1

Für die nächste Zukunft stellte die Bahn, die einzige Möglichkeit der An- und Abreise für mich dar. Auf der Fahrt mit dem Zug genoss ich die niederrheinische Landschaft. So weit war ich mit meinem Fahrrad ja noch nie auf das platte Land vorgedrungen. Es waren etwas über 30 km.

Kurz vor Ankunft am Marienbaumer Bahnhof zückte Mutter ihr Taschentuch. Ich ahnte, was kam, mit Taschentuch und Spucke, den Sohnemann aufhübschen. Wie ich das hasste! Gott sei Dank, wischte sie sich selbst nur die Lippen sauber.

Am Bahnhof Marienbaum sah es aufgeräumt, sauber und trotzdem romantisch aus. Blumenbeete, ein wenig Rasengrün, dazwischen Sitzbänke platziert, säumten den Bahnhofsvorplatz.

Nicht weit davon, an der Uedemer Straße fanden wir das Hotel. Wir wurden schon erwartet und vom Restaurant-Service durch die Küche in das Büro geleitet. Die Küche war riesig. Zwei große Herde, lange Arbeitstische und Regale und vieles, was ich noch nicht zuordnen konnte. Von der Decke hingen jede Menge Fliegenfänger hinunter, diese gelb-braunen Dinger, die noch ein wenig spiralförmig verdreht waren. Betrieb war in der Küche nicht mehr, wir waren mitten in der Mittagspause angekommen.

Herr und Frau G. begrüßten uns. Neben etwas Papierkram auf dem Schreibtisch standen da noch zwei leere Pils-Gläser, ein Cognacschwenker und ein voller Aschenbecher, den die Servicekraft schnell abräumte. »Und das ist also Bernhard, der bei uns Koch lernen will«, sagte Frau G. Sie hatte einen weißen Kittel an, da sie die Bedienung in der Fleischerei machte. Sie war auffällig geschminkt, hatte verlängerte Wimpern, Glupschaugen, und ich vermutete, eine Perücke auf dem Haupt, strohblond toupiert. Er, Hr. G. oder im folgenden kurz »Eitel« hatte dunkle, straff zurückgekämmte Haare, die schon sehr gelichtet waren und einen dicken Bauch, den er geschickt unter einer blau-weiß gestreiften Fleischerjacke versteckt hatte. Darunter trug er Hemd und Krawatte.

Nach den allgemeinen Förmlichkeiten erzählte Eitel, was so im Kochberuf alles gefordert ist und wie viele Lehrlinge er schon erfolgreich ausgebildet hat und überhaupt wie toll der Beruf ist. Er bot auch direkt einen Anschlussvertrag nach Beendigung der Lehre an, wohl mehr aus Eigennutz.

Der angebotene Lehrlingslohn fiel dürftig aus. 20 DM p. Monat im ersten, 40 DM im zweiten und 50 DM im dritten Jahr. Immerhin waren Kost und Logis frei.

Als Mutter fragte, weshalb es denn hier so viele Fliegen gibt, hatte sie wohl einen wunden Punkt getroffen. Dann erzählte Eitel, dass er erst wieder kürzlich einen Gast beschwichtigt hat, der so einen Flieger in seiner Suppe hatte, indem er die Fliege verspeiste und sagte: »Das ist ja eine Rosine! « Wie lustig! Diese Story sollte ich noch öfter hören.

Im Anschluss an das Gespräch machten wir einen Betriebsrundgang. Das Hotel hatte 30 Betten, die Gästezimmer befanden sich alle im Obergeschoss. So einen Luxus mit eigener Toilette und Dusche gab es in den Zimmern nicht, sondern nur Waschbecken. Es gab ein zentrales Badezimmer auf der Etage. Die Unterkünfte der Köche waren alle Mansardenzimmer. Auf der steilen, schmalen Treppe in das Dachgeschoss konnte man sich den Hals brechen, wenn man unvorsichtig war. Im Erdgeschoss befanden sich das Restaurant mit einem separaten Gesellschaftsraum, die Küche mit Kühlraum, einem abgetrennten Raum zum Putzen von Gemüse und Salat, Kartoffeln schälen etc., eine Spülküche sowie eine Waschküche mit Mangelraum. Es gab auch einen großen Festsaal, der seitlich an das Hotel angebaut war.

Der »Drei Könige Saal« war schon ein wenig heruntergekommen und wurde nur noch für die Bewirtung der Pilger bei den jährlich stattfindenden Wallfahrten nach Kevelaer oder größere Beerdigungen genutzt. Ansonsten diente er als Garage für die Hotelgäste und den fetten 230 er SL von Eitel.

Das Fleischergeschäft befand sich neben dem Büro, mit dem Eingang zur Hauptstraße. In dem hinter dem Hotel gelegenen Schlachthaus mit der Fleischerwerkstatt/Wurstküche kamen gerade frische Brühwürstchen aus dem Kessel, von denen ich mir direkt zwei einverleiben konnte. Die schmeckten ausgesprochen gut, so frisch gebrüht. Das war auch das eigentliche Highlight des Vorstellungstermins. Bevor wir uns wieder auf den Weg machten, packte Eitel noch ein Care-Paket in der Fleischerei zusammen. So einen Querschnitt durch das Sortiment oder alles, was weg musste: Bierwurst, Leberwurst, Thüringer Blutwurst, Brühwürstchen und Mettenden. Mutter war auf jeden Fall begeistert.

»Das sind ja so nette Leute. Da hast du aber Glück gehabt, dass du so eine Lehrstelle gefunden hast«.

Wieder zu Hause ging es in den nächsten Wochen an die Beschaffung der nötigen Dinge, die wir uns notiert hatten. Berufswäsche, Jacken, Hosen, Halstücher und Mützen sowie etliche Messer, Fleischgabel, Palette und Wetzstahl, alles in Profi-Qualität. Das Zeug war schweineteuer und mein zukünftiger Lehrlingslohn des ersten Jahres schon lange dahin.

Nach dem Klamottenkauf machte ich natürlich direkt einen Probelauf zu Hause. Die Sachen waren alle ein wenig auf Vorrat gekauft, ich war ja noch im Wachstum. Die kleinkarierten Hosen musste ich schon mit einem Gürtel richtig festziehen, so einen Luxus mit elastischem Bund gab's ja damals nicht. Zu lang waren sie auch, also umschlagen. Die Jacken hatten auch noch Luft. Da die Ärmel ohnehin hochgekrempelt wurden, fiel es jedoch nicht so auf.

Mit Kochmütze und Halstuch vervollständigt guckte ich in den Garderobenspiegel und wäre am liebsten im Erdboden versunken.

»Wenn das einige Mal gewaschen ist, sitzt das schon ganz anders, außerdem dürfen die Hosen nicht zu eng sein, das macht unfruchtbar«, sagte meine Mutter. Womit sie beim Ersteren nicht ganz Unrecht hatte. Wie sich später herausstellte, liefen die Sachen schneller ein, als einem lieb war. Es dauerte nicht lange und ich konnte den obersten Hosenknopf nur noch mühsam schließen. Die zu langen Jacken konnten das aber kaschieren.

Mangels eines Fotos aus jener Zeit zeige ich hier mal einen etwas älteren Kollegen, in Öl auf Leinwand, in passendem Outfit. Nur war die Wäsche später selten so sauber wie bei ihm. Die Schürzen zur Berufskleidung sowie der Torchon, das Küchentuch, waren auch nicht weiß, sondern in unserem Fall bunt gemustert. Küchentücher bzw. Grubentücher eben. Die Schürze wurde mit einer Stahlkette und einem Karabinerhaken am Körper fixiert.

Wenn ich das Gemälde von William Orpen näher anschaue, fällt mir auf, dass »le Chef« auch schon eine Flasche Rotwein in Arbeit hatte. Es müsste also nach Feierabend gewesen sein. Andererseits sieht er noch wie geleckt aus.

Er guckt aber schon ein wenig mitgenommen. Den edlen Tropfen, womöglich ein »Chateau Migraine«, genießt er sogar aus einem Glas, es ist also kein Küchenwein, den hätte er bestimmt aus der Flasche getrunken. Ein guter Koch ist natürlich auch ein Stück weit Sommelier und weiß, welcher Wein zu welchem Essen passt und mit welchem Tropfen man am gekonntesten seine Saucen aufmotzt.

Die feinen Geschmacksnerven bedürfen deshalb einer regelmäßigen Schulung.

Abb.2: Küchenchef in klassischer Berufskleidung2

Entgegen einer oft verbreiteten Fehlinformation nimmt man zu Kochen nicht den Wein, der auch zum Essen gereicht wird. Ganz so hohe Ansprüche braucht man in der Küche nicht zu stellen. Das Essen soll ja auch bezahlbar bleiben. In der Regel reicht eine Auswahl von einem kräftigen Rotwein für Wildgerichte und kräftige Schmorgerichte vom Rind sowie einem Riesling für Kalb, Fisch, Geflügel und helle Saucen. Süße Weine für Desserts verlangen aber oft einen speziellen Wein. Eine Flasche Portwein und Sherry sollten auch immer griffbereit sein.

Wein gab es zu Hause auch hin und wieder. An besonderen Feiertagen oder auch mal sonntags öffnete Vater dann einen seiner edlen Tropfen. Die Geschmäcker waren ja zu der Zeit anders, meist waren die Weine auf der süßen Seite und wahrscheinlich auch gezuckert. So fanden sich dann »Liebfrauenmilch« (da sah ich vor meinem inneren Auge immer große Frauenbrüste), »Kröver Nacktarsch«, »Kellergeister« oder ein »guter Tokayer« in dem Bestand. Von »Pahlgruber & Söhne« gab es da nichts, jedoch wurde ich von Mutter hin und wieder für die Herstellung von Schnittchen versklavt.

»Jetzt, wo du bald Koch wirst, kannst du dich auch mal in der Küche nützlich machen«, war ein oft gehörter Ausspruch. Im Dezember 1965 unterschrieb ich den Lehrvertrag, der nun nur noch bei der Industrie und Handelskammer (IHK) eingetragen werden musste.

Kurz vor dem offiziellen Beginn der Ausbildung bekam ich dann den fertigen Vertrag. Jetzt sah ich, dass Frau G. (sorry, für den G-Punkt) wohl doch keine engeren Beziehungen zu meiner Deutsch- und Klassenlehrerin haben konnte.

Abb3. Anschreiben des »Hotel Deckers«

Das musste ich mir noch gut überlegen, ob ich nach da kommen wollte. Andererseits sollte es ja auch kein Deutsch-Seminar werden.

Also machte ich auch schon zwei Tage vorher auf den Weg zum Einrichten, auf den Weg ins Schlaraffenland, wo die Spanferkel schon gebraten umherlaufen.

Abb.4: Oskar Herrfurth, Das Schlaraffenland 3

Das Debüt

Mittlerweile war ich Besitzer eines »Wuermlings«, auch »Karnikelpass« genannt, was die Kosten für die Bahnfahrten drastisch reduzierte. Den Ausweis gab es damals für kinderreiche Familien ab 3 Kindern.

So gerüstet trat ich meine Bahnfahrt zu meiner Lehrstelle an. Das erste Mal mit einem großen Koffer, da ich ja die komplette Erstausstattung mitschleppen musste. Mutter oder Vater konnte mich nicht chauffieren, die hatten noch nicht einmal einen Führerschein oder gar ein Auto. Ich war auch froh, dass ich alleine im Abteil saß und meine Ruhe hatte. Jetzt konnte ich erst mal wieder in aller Ruhe eine Zigarette rauchen, als der Schaffner mit der Fahrkartenkontrolle durch war.

Dann las ich mir noch mal das Berufsbild des Kochs durch (siehe Anhang), einen fliegenden Zettel, den ich von der IHK erhalten hatte. Immerhin gab es diesen Leitfaden, sonst hätte man ja gar nicht gewusst, was einem bevorsteht. Eigentlich hätte schon der Berufsberater so etwas in der Art zur Verfügung stellen müssen. Eine überschaubare Aufstellung, trotzdem gab es eine Menge zu lernen. Was versteht man wohl unter »Verwertung der Abgänge? «

Während der Bahnfahrt sinnierte ich auch über ein Reklameschild über mir: Ein scheinbar angetrunkener Mann, mit einer Flasche Schnaps in der Hand saß auf einem Schwein, wie Münchhausen auf der Kanonenkugel. Überschrift: »Oh Schreck, der Zug ist weg, darauf Klarer mit Speck«. Das hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Überhaupt war da sehr viel Werbung für Spirituosen und Zigaretten.

Schweine sollte ich in der nächsten Zeit auch genug zu Gesicht bekommen, in allen Variationen.

Als ich das Hotel betrat, war es kurz vor Mittag. In der Küche war Hochbetrieb und einige Tische bogen sich förmlich, vollgeladen mit gegrillten Schweinshaxen, Schweinebäuchen, Rippchen und anderem Brat- und Kochgut.

Nach der Begrüßung stellte mich Eitel, mein neuer Chef, den anderen Kollegen vor.

Da gab es Jean, den sogenannten Koch-Comis und Thilo, aus dem dritten Lehrjahr sowie Karla aus dem zweiten Lehrjahr. Die erklärten mir erst mal, dass hier jeder einen Spitznamen bekommt, und nannten mich »Benno«.

Im Schlachthaus und in der Fleischerei werkelten Fleischermeister Martin und sein Altgeselle Heinz. Im Laufe des Tages sollte auch noch ein weiterer Azubi eintrudeln, der sich mit mir ein Zimmer im Dachgeschoss teilen sollte.

Thilo geleitete mich erst einmal zu meiner neuen Behausung, möbliert mit einem Doppelbett, einem Schrank, einer Kommode und einem quadratischen Tisch mit zwei Stühlen. Ich verstaute erst mal meine Habseligkeiten und warf mich dann in meine neue Tracht. Erst einmal ohne Kochmütze, da ich gesehen hatte, dass die anderen auch keine Kopfbedeckung trugen.