Gratis ins Glück - Martina Heyd - E-Book

Gratis ins Glück E-Book

Martina Heyd

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Beschreibung

In dieser charmanten Liebeskomödie ist Linda die Hauptakteurin. Sie lebt und arbeitet in Leer/Ostfriesland. Von ihrem Ex-Mann Paul bekommt sie ein Ticket für einen außergewöhnlichen Vortrag über positives Denken geschenkt. Noch ahnt sie nicht, wie dieser Vortrag ihr Leben verändern wird. Für Linda beginnt eine aufregende Zeit, und auch in der Liebe weht der Wind der Veränderung. Wer eine Vorliebe für moderne Märchen hat, dem wird der verspielte Roman "Gratis ins Glück" gefallen.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Lost in Leer

Wirklich geschenkt?

Aufgewacht

Na und

Wendepunkt

Glanznummer

Exkurs

Debüt

Geheimnis

Täuschung

Poesie und Mee(h)r

Surprise

Finale

Lost in Leer

Die weiße Eule saß in einem Baum und überblickte das weite Feld nach Leckerbissen. Linda saß auf dem Beifahrersitz und genoss die Aussicht: Von frischen grünen Wiesen träumte sie, denn momentan blitzte schales Beige-Grün aus dem steinharten Ackerboden. Sie schaute wie magisch angezogen in Richtung Baum, und da trafen sich ihr Blick und der Blick der weißen Eule. Der Blick der Eule und der ihrige flossen zusammen, und ihr war, als ob sich die Zeit ausdehnte und stehen blieb. Der Eulenblick rauschte durch sie hindurch. An ihrem inneren Auge zogen Bilder und Szenen vorbei: das Auto, in dem sie saß, der Augenblick, der wieder Vergangenheit war.

Eine Eule zu sehen war ihr noch nie passiert, und es war eine schneeweiße Eule. Dies erzeugte in ihr für den Moment ein euphorisches Gefühl.

Könnte das eine Bedeutung haben? Eine Wende in ihrem Leben anzeigen oder eine versteckte Botschaft? Viele Bilder hatte sie gesehen und nichts erkannt, bislang hatte sie keine Eule in der Natur entdeckt – jedenfalls nicht in Ostfriesland – und sie kannte lebende Eulen nur aus dem Wildgehege beziehungsweise Zoo.

Seit Jahren sammelte sie Eulen, und die Sammlung, die in ihrer Wohnzimmervitrine stand, hatte ein beträchtliches Ausmaß angenommen. Eine Eulenexpertin war sie nicht, eher eine Eulenliebhaberin.

Eulen gelten als weise und kommen in Märchen vor. Vielleicht weist mich die Eule auf eine Veränderung hin, die ansteht! Es kommt, wie es kommt, grübelte Linda halblaut vor sich hin.

Sie fuhr im Auto mit ihrer Freundin Katinka Wegeberg, und diese steuerte den Supermarkt an. Der Einkauf für das Wochenende war fällig. Wie es oft im Leben war: Wenn man vorher an etwas intensiv dachte, tauchte es ständig auf. In ihrem Fall hieß das: Sie war sprichwörtlich umringt von Eulen. Überall zeigten sie sich auf einmal: auf Einkaufstaschen, Ketten, Tüchern, Tischdecken, Bettwäsche und Geschenkpapier.

Katinka hatte tüchtig eingekauft und Obst, Milch, Käse und Aufschnitt in den Einkaufswagen gefüllt. Die vier Tomaten, eine Gurke und ein Mozzarella-Käse von Linda sahen verschwindend gering dagegen aus, um nicht zu sagen mickrig. Linda stellte sich an der Kasse an und sinnierte über das Weihnachtsmärchen »Drei Nüsse für Aschenbrödel«, das ihr einfiel. Sie hörte innerlich die Filmmusik im Ohr und sah ihre schneeweiße Eule in dem Märchenfilm. Wie eigenartig. Hatte es mit ihren Wünschen und Träumen in ihrem Leben zu tun? Sie legte ihre Einkäufe auf das Band und zahlte. Katinka wartete draußen und streckte ihr eine Schokolade mit einem Eulenmotiv auf der Verpackung entgegen.

»Hier, ein Leckerli! Geschenke erhalten die Freundschaft, du Eule! Grübel nicht so viel, es ist sagenhaft, dass dir das passierte! Wow, du hast eine weiße Eule gesehen!«,rief Katinka lachend und zeigte dabei ihre makellosen Zähne.

Linda bedankte sich und steckte die Schokolade in ihre Handtasche. Ihre Freundin hatte es eilig, denn mit rasantem Fahrstil brachte sie Linda nach Hause.

»Tschüss, bis morgen!«,verabschiedete sie sich und stieg aus dem Wagen. Ihre Freundin brauste mit ihrem alten Ford davon.

Kaum hatte Linda den Schlüssel in ihrer Wohnungstür umgedreht, sauste ihr kleiner weißer Kater Willi ihr entgegen und begrüßte sie mit lautem Miauen. Das Biest hatte Katzenstreu in der ganzen Wohnung verteilt, und überall lagen die Streukügelchen.

»Willi! Du Räuber!«, schimpfte sie. Ihr war bewusst, dass es egal war, was sie rief. Ihrem Kater war das so was von schnuppe. Willi zeigte seinen Frust, da sie sich wenig um ihn kümmerte, denn ihr Zuhause war eher ein Zwischenstopp für sie.

Sie räumte ihre Einkäufe in den Kühlschrank und staubsaugte rasch die Streukügelchen vom Boden auf. Nach getaner Arbeit holte sie sich einen Schokoladenpudding aus dem Kühlschrank, setzte sich auf ihre kiwigrüne Couch im Wohnzimmer und starrte aus dem Fenster in einen grauen Tag. Überhaupt war die Farbe Grau die Farbe in Ostfriesland und wurde nur durch das ebenfalls für Ostfriesland so typische saftige Grasgrün abgelöst.

Der Schokoladenpudding schmeckte ihr, und war das Zuckertrösterchen, welches sie brauchte. Ihr Smartphone klingelte. Eventuell war es Paul, ihr Ex-Mann. So ein Blödsinn, schalt sie sich innerlich.

»Hallo Paul! Was gibt’s?«, hauchte sie, wie sie meinte, extra freundlich in ihr Smartphone.

»Linda? So freundlich?«

»Ja, genauso freundlich – so freundlich wie du!« Diese spitze Bemerkung verkniff sie sich nicht.

Sie hatte ihm verziehen, dass er mit der Verkäuferin vom Drogeriemarkt für ein Weekend nach Hamburg gefahren war, denn seit ihrer Scheidung im Herbst war ihre Ehe beendet. Ihr Ex-Mann war Ende August aus der gemeinsamen Kuschelburg ausgezogen.

»Hallo! Ich komme gleich auf den Punkt, Linda, ich habe ein Ticket für einen Workshop bzw. Vortrag für positives Denken und Meditieren, das ganze neumodische esoterische Zeug! Für mich ist das nichts, aber du hattest doch für diesen esoterischen Kram Interesse? Wenn du magst, kannst du das Ticket haben!«

»Und wann soll das sein?«

»Ist kurzfristig, doch ich wollte es dir angeboten haben, bevor ich es im Internet auf dem Online-Markt anbiete!«

»Heißt das, du willst mir das Ticket schenken, oder soll ich es dir abkaufen?«

»Ja, ich schenke es dir, wenn du hingehst!«

»Okay, Paul, du kannst auf einen Kaffee vorbeikommen und mir das Glücksticket bringen!«, äußerte Linda sich ungewohnt impulsiv.

»Linda, ich bin in Zeitdruck, ich komme nur auf einen Espresso vorbei! Sagen wir in einer halben Stunde!«, rief Paul ins Handy und legte auf.

Trotz der Misere mit der Drogerietante hatten sie ein freundschaftliches Verhältnis. Teils regte sie sich darüber auf, dass er diese Anziehungskraft auf sie ausübte.

Sie hatte kurz ein Date mit dem Kerl von der Tankstelle in der Trennungsphase gehabt.

Da sie am liebsten italienische Küche mochte, verabredeten sie sich in einer Pizzeria. Das reichte – Praxis und Theorie sahen anders aus.

Außer ein paar zu nassen, nach Speichel schmeckenden Küssen war nichts gewesen, auf den Rest hatte sie geflissentlich verzichtet.

Es hatte Linda gereicht, als sie sah, wie er seine Pizza beim Essen zerfledderte und mit einem winzigen gerollten Zehn-Euro-Schein seine Minipizza und ein Mineralwasser bezahlte.

Und als er nachfragte, ob er einen Espresso bei ihr bekäme, erschauderte sie bei dem Gedanken daran, was danach käme.

»Hoppla! Der Espresso ist aus, und du gehst nicht mit mir nach Haus!«

Der Satz kam schlagfertig aus ihr heraus und reimte sich sogar. Mit einem Sprung hechtete sie aus dem Auto, und die Sache mit dem Tankwart war erledigt. Nach dieser Begegnung wechselte sie die Tankstelle.

Das kleine Katzenbiest sprang zu ihr auf das Sofa und kuschelte sich an sie.

»Mal sehen, ob der Ex-Schatz wieder zu mir zurückkommt!«, flüsterte sie dem Katerchen ins Ohr, der desinteressiert da lag und sich sein Pfötchen leckte. Dummerweise schrien das Herz und die Sehnsucht nach den heißen Nächten mit Paul, ihrem Ex-Mann.

Nein, Linda, mischte sich ihr Gehirn ein und wischte eine hell leuchtende Traumwolke unsanft beiseite.

Auf ihrem lavendelfarben gestrichenen Sideboard lag ein Pendel, und sie pendelte und fragte:

»Ist hier Linda Meerwert?«

Das Pendel drehte sich im Kreis, und das hieß ja.

»Wohnt Paul in Torsholt oder in Ofen?«

Mit winzigen Bewegungen nach rechts und links regte sich das Pendel – keine Kreise. Das war korrekt, denn ihr Ex lebte wie sie in Leer.

»War er mit der Drogerietante in Hamburg gewesen?«

Eindeutige Kreisbewegungen, hier die Bestätigung, und zwar deutlich.

»Hatten die beiden Sex?«

Diese blöde Frage musste sie wieder abfragen, dabei war das egal, denn sie waren geschieden. Das Pendel bewegte sich von rechts nach links, ohne Kreise zu ziehen. Doppelt hält besser, und sie fragte:

»Hatten die beiden Sex?«

Wieder pendelte es von rechts nach links – keine echte Kreisbewegung.

Beflügelt von diesen Aussagen, pendelte sie weiter.

»Werden Paul und ich wieder ein Paar?«

Das Pendel bewegte sich kaum und fing an, unwillig hin- und herzupendeln, es gab keine Kreise.

»Ach, weg damit, so ein Quatsch!«, sagte Linda entschieden, ging in die Küche und legte das Pendel dort auf die Theke. »Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst! Dieser Dummkopf!« Sie griff zum Smartphone und rief Katinka an.

Mir ihren grünen Katzenaugen hatte sie etwas von einer Katze, und mit Kartenlegen und Pendeln kannte sich ihre Freundin aus. Katinkas Traum war eine Selbständigkeit als Lebensberaterin. Momentan arbeiteten sie beide in der Stadtverwaltung Leer in unterschiedlichen Abteilungen.

»Hey Katinka! Du könntest mir wieder etwas austesten!«

»Klar, mache ich. Was willst du wissen?«

»Ob ich mit Paul nochmal zusammenkomme?«

»Das kann ich gleich abfragen. Momentchen!«

»Linda, das ist eigenartig! Ich habe eine Bestätigung ausgetestet. Das heißt, du kommst mit Paul nochmal zusammen, aber da wird es noch einen anderen Mann in nächster Zeit in deinem Leben geben.«

»Katinka, das glaube ich nicht!«

»Linda, wenn du magst, lege ich dir die Karten, und wir sehen, was sich zeigt. Und dein Horoskop könnten wir auch anschauen. Wir können uns später beim Italiener in der Stadt auf einen Cappuccino treffen.«

»Wunderbar! Passt dir so in einer Stunde um halb drei? Dann besprechen wir, wann du mir die Karten legst!«

»Ja, bis nachher!«

Nach dem Telefonat mit ihrer Freundin Katinka ging es ihr besser.

Das war normal, ein Gespräch unter Freundinnen hatte über manches Tief hinweggeholfen.

Linda kämmte sich im Badezimmer ihr kurzes rotes Haar und schminkte sich die Lippen mit einem roséfarbenen Lippenstift. Sie hatte eine Schwäche für Farbe, Kitsch und Skurriles und gab sich schon einmal in ihrer Art, sich zu kleiden, die Freiheit, ein wenig geschmacklos herumzulaufen.

Leer hatte den Spagat zwischen einer modernen Stadt mit Fußgängerzonen und Geschäften sowie einer restaurierten Altstadt geschafft, und das mit dem Charme einer maritimen Diva.

Linda genoss es, in ihrer Freizeit durch die Innenstadt zu schlendern, und liebte ihre Arbeit und ihr Leben.

Der schräge Ton ihrer Klingel riss sie aus ihren Wachträumen.

Paul, stellte Linda fest, und da stürmte er in ihre Wohnung, kaum dass sie die Haustür geöffnet hatte.

Er warf sich auf das Sofa, griff sich die Fernbedienung des Fernsehers und zappte sich durch die Programme.

»Wo ist mein Espresso, Eule?«

Mit Eule meinte er Linda. Diese hatte sich die Fernbedienung geschnappt und schaltete die Glotze wieder aus.

»Hallo Paul, wie geht es dir? Wie liebenswürdig von dir, dass du mich fragst, wie es mir geht. Mir geht es bestens! Komm mit, während ich den Espresso aus der Maschine lasse, dann quatschen wir ein wenig, denn viel Zeit habe ich nicht. Ich gehe nachher in die Stadt!«

Folgsam stand er auf und trottete Linda hinterher in ihre ehemals gemeinsame Küche, die er seinerzeit im dezenten amerikanischen Stil renoviert hatte. Er setzte sich auf den abgewetzten Barhocker an der Frühstückstheke und wartete auf seinen Espresso.

»Hast du was vor in der Stadt?«, fragte er.

»Ja, sonst würde ich zuhause bleiben!«, erwiderte Linda mit sanftem schnippischem Ton.

Er zeigte sich unbeeindruckt und bohrte weiter: »Hast Du Wichtiges zu erledigen?«

»Du willst es jetzt aber wissen. Ich treffe mich mit Katinka auf einen Cappuccino beim Italiener!«

Paul und sie tranken schweigend ihren Espresso zu Ende. Er griff in seine Hosentasche, zog ein Ticket heraus und legte es auf die Theke.

Er sah das Pendel, welches auf der Küchentheke lag.

»Pendelst du noch? Egal, nächste Woche, nach dem Seminar, brauchst du das nicht mehr! Dann weißt du, wie es funktioniert!«

Er stand auf, beugte sich über sie und schnupperte an ihrem Hals. Sie wich zurück, und dabei streiften sich ihre Wangen. Unvermittelt küsste er sie zärtlich auf die Stirn zum Abschied.

»Tschüss, Eulenmädchen!«

»Tschüss, Paul! Und sage nicht Eulenmädchen zu mir!«

Mit ihren zerzausten roten Haaren und ihrer Brille, die sie trug, ein schwarzes auffälliges Gestell, hatte sie etwas von einer Eule.

Das hörte Linda öfters, prickelnd fand sie das Kompliment nicht. Die Tür fiel ins Schloss, und das war es.

Diesen Freak wünschte sie sich wirklich zurück? Fiel ihr da nichts Besseres ein? Nach dem Motto: Jeder bekommt das, was er verdient. Und ist das wirklich so?

Wirklich geschenkt?

Pauls Worte hallten in ihr nach.

Was? Sie sollte dann wissen, wie es geht? Eine maßgeschneiderte Welt, leben, wie es ihr gefällt?

Über das positive Denken hatte sie rauf und runter gelesen, was der Büchermarkt hergab.

Meine Güte, dachte Linda, mit 35 Jahren kinderlos und geschieden, da wird es höchste Zeit, sich die eigene Welt zu gestalten, à la bezaubernde Jeannie, hieß nicht eine uralte Fernsehserie so? Ostfriesisch ist das nicht!

Sie war erst im Alter von 19 Jahren, nach ihrem Abitur, mit ihrer Mutter von Baden Württemberg nach Leer umgezogen. Ursprünglich stammte ihre Mutter aus Ostfriesland, sie wuchs dort auf. Nachdem sie wieder in Leer wohnten, begann ihre Mutter, in einem Reisebüro zu arbeiten. Sie freundete sich mit der Besitzerin an, im Laufe der Jahre entwickelte sich eine Beteiligung, und inzwischen war ihre Mutter Inhaberin des Reisebüros.

Ihre Mam, wie Linda sie nannte, sprach Hochdeutsch mit dezentem badischem Dialekt. Linda sprach Hochdeutsch und ab und zu Wörter aus dem Ländle. Plattdeutschsprechen fiel ihr schwer, doch sie begriff es vom Sinn her.

Sie sah, dass das Seminar am darauffolgenden Wochenende stattfand.

An der Stelle miaute Willi, als ob er ihr sagen wollte:

»Du willst das, und du machst es, Linda!«

Das gab es nicht – jetzt kommentierte der Kater schon!

Für das Seminar gab es eine Eintrittskarte, und sie las:

»Verzaubere Deinen Alltag!«

Das Ticket war auf royalblauem, festem Papier gedruckt und über und über mit goldenen Sternchen bedeckt.

Da sie für das nächste Wochenende nichts vorhatte, nahm sie ihr Smartphone in die Hand und wählte direkt die Telefonnummer, die darauf stand.

»Moin! Ich rufe wegen des Seminars für das nächste Wochenende an und wollte mich anmelden. Das Ticket habe ich von Paul Weinert bekommen, der hatte es sich gekauft, kann jedoch nicht daran teilnehmen. Ich würde gern an seiner Stelle dabei sein, wenn das ginge?«

Eine männliche Stimme antwortete:

»Warum sollte das nicht gehen? Wie ist denn Ihr Name?«

»Ich heiße Linda Meerwert!«

»Linda Meerwert, ja, habe ich notiert. Wir sehen uns nächste Woche. Haben Sie das Ticket? Auf dem Ticket steht alles!«

»Ja, Veranstaltungsort Bad Zwischenahn in der Wandelhalle, Beginn morgens 10 Uhr, bis 16 Uhr. Das Seminar findet nächsten Samstag statt. Also nicht morgen am Samstag, sondern übernächsten Samstag. Und mit wem habe ich gesprochen?«

»Mein Name ist Sebastian Olaf Sielhorn. Wir sehen uns bei der Veranstaltung, Frau Meerwert! Tschüss!«

Linda ließ sich auf ihr Sofa fallen und atmete tief durch. Sie hatte sich tatsächlich angemeldet.

Für einen Freitagnachmittag war einiges passiert: Zuerst schneite Paul herein, schenkte ihr ein Vortragsseminar, und sie hatte eine Verabredung im Eiscafé mit ihrer Freundin Katinka.

Sie war spät dran, und wegen der Fitness und der Figur wollte sie zu Fuß aufbrechen.

Rasch die Jacke an und die Handtasche geschnappt und ein schnelles Bye Willi gerufen. Auf halber Strecke klingelte ihr Handy.

»Hallo Katinka, was gibt’s?«

»Sorry, Linda, ich sage dir ab, denn ich habe Gäste. Meine Schwester und ihr Mann aus Oldenburg sind mit dem Kleinen da, und ich hatte es vergessen, dass sie mich besuchen wollten. Bist du schon unterwegs?«

»Ja, ich bin fast da, wie schade! Sag Grüße von mir! Wir telefonieren wieder! Tschüss!«

So was Blödes, allein ins Eiscafé mag ich nicht oder gehe ich zurück und lege mich gleich auf die Couch?, überlegte sie.

Langsam trottete sie nach Hause. Sie schloss ihre Wohnungstür auf, schnappte sich ihren Flauschieanzug für zuhause, den mit den Einhörnern und Colaflecken. Kommt eh kein Prinz mehr angeflogen heute Abend auf seinem Zauberteppich.

»Videoabend mit Schnittchen und Kartoffelchips ist angesagt!«, sprach sie zu sich.

Freitagabend-Feeling pur. Ihr Kater lag eingerollt zu ihren Füßen und schnurrte vor Begeisterung. Sie hatte sich den alten Lieblingsfilm ihrer Mutter, »Pretty Woman«, eingelegt. Ihr war nach Kitsch und Märchen, und sie genoss es. Sie zelebrierte ihre bescheidene Fressorgie und den Schnulzenfilm, dass sie alles um sich herum vergaß.

Um die Zeit vor dem Fernseher zu optimieren, hatte sie sich eine Crememaske auf ihr Gesicht aufgetragen und lag auf ihrer Couch. Die Chipstüte in der einen Hand, mit der anderen zappte sie auf der Fernbedienung.

Sie erinnerte sich kaum an den Film. Zuletzt hatte sie ihn mit ihrer Mam zusammen angeschaut, und Mam war inzwischen fast 66 Jahre alt und sie in ihrem 35. Lebensjahr.

Lindas Mantra lautete:

Ich will keine alte Jungfer sein. Ich will nicht als ewige Singlemaus enden. Und fett und hässlich bin ich nicht.

Ein Gläschen Prosecco rundete den Videoabend ab. Willi kam und schubste sie an, das hieß: Komm, geh schlafen, Linda!

***

»Huhu, du Langschläferin! Guten Morgen, die Sonne scheint!«

Fröhlich trällernd stand ihre Mam in der Schlafzimmertür, und Linda blinzelte und sah ihre Mam mit einer gefüllten Brötchentüte winken.

»Mam! Du weißt, dass ich nicht will – außer im Notfall –, dass du meinen Wohnungsschlüssel benutzt! Guten Morgen!«

»Ich konnte nicht widerstehen, frische Brötchen zu kaufen und dich zum Frühstück zu überraschen!«

Linda fiel auf, dass ihre Mam mehr sang, als sprach, und sie hatte wieder eine überbordende Laune.

»Es gibt Neuigkeiten!«

Ihre Mam platzte vor Mitteilungsfreude.

»Was für Neuigkeiten denn?«, fragte Linda, die inzwischen an dem von ihrer Mutter gedeckten Tisch saß und sich ihr erstes Marmeladenbrötchen schmierte.

»Wir fahren nach Paris!«

»Wer wir? Mam, wen meinst du denn?«

»Du weißt doch, mein Freund Karl und ich!«

»Ach so, Karl und du! Das ist toll, Mam!«

Linda merkte, dass ihr Laune-Barometer nach unten sank. Hatten denn alle den Drang, sie zu quälen mit ihren Jubelbotschaften, und Mam auch?

Nicht genug, dass sie dieselbe Hosengröße wie sie trug, nein, sie hatte sogar die gleichen Jeans und besuchte dasselbe Fitnesscenter.

Früher war es so, dass Mutter wartete, bis Tochter zum Kaffeetrinken vorbeikam, und heute musste sie sich anstrengen, um im Vergleich mit ihrer Mam mitzuhalten. Linda rang nach Fassung. Sie frühstückte weiter und kaute inzwischen an ihrem zweiten Brötchen, das mit von Mam gekochter dick aufgetragener Erdbeermarmelade bestrichen war.

Ihre Mam und sie erzählten sich alles – wie beste Freundinnen. Begeistert berichtete sie ihrer Mam von dem Vortrag des nächsten Wochenendes.

»Da bin ich mit Karl in Paris, wenn du dein Vortragsseminar hast, sonst wäre ich gerne mitgekommen!«

»Schade! Ich erzähle dir, wie es war, Mam!«

»Wie kommt ihr nach Paris? Fliegt ihr oder fahrt ihr mit dem Auto?« Linda sah ihre Mam bedauernd an, doch ihr war es recht, dass ihre Mam etwas vorhatte. Oft war sie in Begleitung ihrer Mam, und diese stand überwiegend im Mittelpunkt. Momentan rührte sich in ihr Widerstand, denn sie beabsichtigte, nicht weiter im Schatten ihrer Mutter zu stehen, definitiv war das ihre Interpretation.

Willi saß neben ihrer Mam und ließ sich streicheln. Die Sonne schien in die behagliche kleine Küche, in der sie mit ihrer Mam auf der Eckbank saß und frühstückte. Der Kaffeeduft verbreitete sich in der Wohnung, gemischt mit dem Aroma der Erdbeermarmelade.

Der Geruch von Heimat, genauso roch der frisch gebrühte Kaffee bei Omi in Greetsiel, sinnierte Linda wehmütig.

Das Mobiliar in ihrer Küche war alt. Der Küchenschrank, ein Erbstück ihrer heiß geliebten Omi, hatte sie mit hellblauer Farbe gestrichen. Der Charme von Sperrmüll, oder moderner ausgedrückt: Die Bezeichnung Shabby Look würde zu ihrer Küchenausstattung passen.

»Liebes, ich gehe, ich bin noch mit Karl verabredet. Wir fliegen ab Hannover nach Paris! Da gibt es wegen der Reise ein paar Sachen zu besprechen.«

Die Eingangstür fiel ins Schloss, und Linda war wieder auf sich gestellt. Bequem setzte sie sich auf das Sofa, um ihren restlichen Kaffee zu trinken. Sie hatte sich noch einmal das Ticket vom Workshop geschnappt und betrachtete es. Die Rückseite hatte sie nicht gelesen, da stand:

Bringen Sie Schwung in Ihren Alltag und begeben Sie sich auf frische Wege! Bitte fertigen Sie eine Liste an, über das, was Sie in den nächsten 12 bis 24 Monaten erleben möchten (mindestens 10 Punkte).

Notieren Sie: Was wollen Sie erleben? Ebenso: Wie und wo? Geben Sie sich Mühe und schreiben Sie es ausführlich auf. Diese Liste nennt sich Lebe-sofort-Liste. Der Vortrag dauert circa vier Stunden und ist mit vergnüglichen Showeinlagen gewürzt.

Linda sprach amüsiert vor sich hin:

»Auch das noch! Eine Liste anfertigen, so neu ist das nicht! Nennt sich auf Englisch Bucket List und zu Deutsch Löffelliste!«

Stell dich nicht so an, miau!

Verdutzt schaute sie zu ihrem Kater.

Oh je, jetzt höre ich schon Willi zu mir sprechen.