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Es gibt keine vertrauenswürdigen Menschen in Dinas Umgebung. Ihr Vater tyrannisiert sie, und in der Schule läuft es nicht besser. Doch dann taucht auf einmal Patrick in ihrem Leben auf. Er scheint anders zu sein, und schon bald stellt sich Dina die Frage, ob sie Patrick vertrauen kann oder nicht. Ist er tatsächlich anders? Oder ist das Ganze nur ein abgekartetes Spiel? Graufarben, eine Geschichte über das Leben.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Folgende Seiten enthalten Gewaltszenen in Form von psychischer und physischer Gewalt.
Triggerwarnung!
Prolog
Kapitel 1: Meine graue Welt
Kapitel 2: Wimpernschläge
Kapitel 3: Ein guter Tag
Kapitel 4: Unter Freunden und Feinden
Kapitel 5: Schutzengel und gebrochene Flügel
Kapitel 6: Überraschende Wendung
Kapitel 7: Alles beim Alten
Kapitel 8: Zusammenbruch
Kapitel 9: Scheinwelten und Erkenntnisse
Kapitel 10: Alles geht den Bach runter
Kapitel 11: Erwachen
Epilog
Hast du schon einmal in einer Welt gelebt, in der es keine Farben zu geben scheint? Hast du dich irgendwann mal gefragt, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du ganz normal wärst? Hast du dich jemals einsam und rastlos gefühlt?
Ja?
Willkommen in meiner Welt…
-Meine graue Welt-
An diesem Morgen bin ich unmotiviert, denn dieser Morgen ist ein Montag. Und das kann in meinem Fall nur eines bedeuten: zurück in die Hölle zu gehen. Zurück in die Schule. Ja, mir ist bewusst, dass viele Kinder nicht gern in die Schule gehen und am liebsten einfach zu Hause bleiben und sich wieder ins Bett verkriechen würden. Geht mir nicht anders. Leider gibt es da noch viele andere Gründe für mich, den Tag lieber im Bett zu verbringen. Natürlich dürfte ich mir das niemals erlauben, denn dann würde mir eine Menge Ärger blühen. Papa würde ausflippen. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal zu Hause geblieben bin. Egal, jetzt heißt es erst einmal fertigmachen. Das bedeutet bei mir, mir ein paar Chips reinzuknallen, kurz die Zähne zu schrubben und mich zu schminken. Gerade so viel, um meine natürlichen Rötungen zu überdecken. »Dina! Dina! Wann gehen wir endlich?«, nörgelt mein kleiner Bruder herum, der schon darauf wartet, in den Kindergarten gebracht zu werden. Er freut sich jeden Morgen aufs Neue, weil er dann seine beste Freundin wiedersieht. Ihr Name ist Lara und die beiden sind seit dem ersten Tag unzertrennlich. Jeden Mittag, wenn ich Tommy wieder abhole, umarmen sie sich. Das ist so süß! Ich wünschte, ich könnte auch so unbeschwert und fröhlich durch den Tag gehen wie er. Dafür müsste ich aber wahrscheinlich in einem anderen Leben und Körper sein. Gerade stehe ich vor dem Spiegel und sehe mich einmal kurz an. Heute sehe ich ganz in Ordnung aus, da gab es schon andere Tage. Mein Shirt hängt locker an mir herab, denn ich kann enge Kleidung nicht ausstehen. Vermutlich deshalb, weil ich in engen Shirts aussehe wie eine Presswurst. Zu meinem lockeren Shirt trage ich eine Jeans, die weder zu weit, noch zu eng ist. Das ganze Outfit wird mit meiner Kunstlederjacke und meinen ausgelatschten, aber super bequemen Sneakers abgerundet. Die Lederjacke habe ich mal von einer Cousine geschenkt bekommen, die sie nicht mehr wollte. Seitdem ist sie mein absolutes Lieblingsstück, ich trage sie zu fast allem. Da ich nicht viele Klamotten habe, behandle ich sie so behutsam wie ein neugeborenes Kind. »Dina! Jetzt komm endlich!«, ruft Tommy aufgeregt und ich muss kurz schmunzeln. Dann schnappe ich mir meinen Rucksack und die Haustürschlüssel und verlasse zusammen mit meinem Bruder das Haus. Unser Haus sieht von außen eher alt aus, der Putz bröckelt langsam ab. Innen sieht es auch nicht viel besser aus. Dort gehören eigentlich einige Sachen repariert, doch Papa ist zu geizig. Er glaubt, ein paar Umdrehungen mit dem Schraubenschlüssel und lautes Fluchen würden ausreichen, um Dinge zu reparieren. Schade, dass er absolut keine Ahnung von dem hat, was er da tut. Wir haben momentan weder warmes Wasser noch eine funktionierende Dusche. Tommy und ich müssen mit dem Waschbecken vorlieb nehmen. Drinnen herrscht also die reinste Katastrophe, während draußen das Bilderbuchkaff zum Leben erwacht. Wir wohnen in einer ruhigen, idyllischen Gegend. Überall Feldwege, viele Bäume und Omas, die bei dem schönen Wetter spazieren gehen. Hier kennen sich alle Nachbarn und es wird viel getratscht. Ich hasse es. Ich habe mich noch nie für die Leute im Ort interessiert, obwohl ich hier aufgewachsen bin. Leider interessieren sie sich umso mehr für mich und meine Familie. Ständig tuschelt man über uns, und manche Leute scheinen wirklich absolut bescheuerte Gerüchte zu verbreiten. Vor zwei Wochen wurde ich auf der Straße angesprochen und gefragt, in welchem Monat ich mich befände und ob es dem Baby bisher gut gehe. Ähm, hallo? Wer denkt sich bitte solche Märchen aus? Dies ist allerdings nur eines von vielen Gerüchten, die im Ort die Runde machen. Am besten, man ignoriert jeden und verweigert jegliche Aussagen über einen selbst oder die Familie. Selbst Tommy habe ich schon gewarnt, er solle ja nicht mit den neugierigen Damen sprechen. Bisher hat er sich brav daran gehalten. Hoffentlich bleibt das auch so.
»Wir sind da! Wir sind da! Hast du in meine Brotbox wieder ganz viel Liebe reingetan?«, will Tommy wissen und ich bestätige »Natürlich«. Wir sind inzwischen im Kindergarten angekommen. Ich reiche ihm also seinen Rucksack, dann will er schon losrennen, doch ich halte ihn am linken Arm fest. »Hast du da nicht etwas vergessen?«, frage ich ihn und gehe dabei in die Hocke. »Oh, ‘tschuldigung«, antwortet er, läuft zu mir zurück und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Ich gebe ihm ebenfalls einen und dann fängt er an, breit zu grinsen. Er freut sich offensichtlich schon sehr auf seine Freundin Lara. »Tschüüüss, Dina«, verabschiedet er sich und ich winke ihm noch kurz. Für solche Momente lebe ich. Es gibt nichts Schöneres als ein fröhliches Lachen von Tommy. Ich würde alles dafür tun, damit er sein Lachen niemals verliert. Ich würde sogar meines verkaufen, nur um ihn glücklich zu sehen. Er soll immer bleiben wie er ist, und so wird er sicher ein erfolgreicher, lebensfroher Mann werden.
***
Schulgebäude.
Allein der Anblick der alten Gemäuer und das Wissen, was mich darin erwartet, weckt in mir das Bedürfnis, meine Chips wieder hoch zu würgen. Mir ist schlecht, genau wie jeden Morgen. Ich bin bisher eigentlich ganz gut klar gekommen mit den Leuten hier. Ein paar Attacken hier, ein paar Attacken da, nichts weiter Schlimmes. Für mich zu ertragen. Leider hat es vor einigen Wochen angefangen, mal wieder echt grausam zu werden. So grausam, dass ich nicht mehr weiß, ob ich überhaupt noch zur Schule gehen soll. Ich würde ja nicht gehen, doch dann würde er, alias mein Papa, total austicken. Die ersten Male geht das Schwänzen gut, doch sobald es zu oft passiert, ruft die verdammte Schule bei mir zu Hause an. Ist bisher ein einziges Mal geschehen und das war einmal zu viel. Ich will das alles nicht noch mal durchmachen müssen. Beim Gedanken daran, vielleicht dieses Mal von der Schule zu fliegen, wird mir noch übler. Das hieße dann nämlich, dass ich eventuell so lange daheimbleiben müsste, bis eine neue Schule für mich gefunden wäre. Vielleicht nur eine Woche oder zwei aber das ist relativ egal, denn diese Zeit würde er mich sicher in Erinnerung behalten lassen.
Nein, geh lieber in die Schule! Die sind doch gar nichts gegen ihn!
Ich höre auf mein Inneres und betrete das Schulgebäude. Da ich mal wieder zu spät bin, ist das Treppenhaus leer und ich kann in aller Ruhe zu meinem Klassenzimmer laufen. Auf dem Weg dorthin kann ich fühlen, wie meine Beine zu Blei werden. Andauernd will ich umdrehen und wegrennen, doch das würde alles nur noch schlimmer machen. Ich muss da jetzt durch! Vor dem Klassenzimmer angekommen, atme ich einmal tief durch. Ich darf auf keinen Fall durchdrehen, nicht jetzt! Die letzte Panikattacke ist eine Weile her, deswegen habe ich besonders viel Schiss. Was, wenn schon eine im Anflug ist? Ich bin ihr absolut ausgeliefert, wenn sie kommt. Sie darf nicht kommen.
Atmen, Dina! Atmen!
Ich versuch‘s ja! Leider nicht so einfach, wenn einem schlicht und einfach die Luft wegbleibt. Was soll ich machen? Rein marschieren, die Blicke ernten und versuchen, es zu ignorieren? Oder lieber auf die Toilette gehen und mich erst mal abreagieren?
NIMM DIE TOILETTE! DEFINITIV DIE TOILETTE!
schreit meine innere Stimme. Es stellt sich heraus, dass die Toilette die richtige Entscheidung war, denn kaum habe ich sie erreicht, muss ich würgen. Ich kotze mir die paar Chips aus dem Leib, die ich vorhin gegessen habe und sacke über dem Klo zusammen. Wie immer mieft es hier gewaltig, doch das ist mir gerade schnuppe. Es klingelt zur zweiten Stunde. Ich könnte auch einfach bis zur Pause warten und mich dann während der Pause ins Klassenzimmer schleichen, so würden mich vielleicht nicht gleich alle bemerken. Ja, das ist eine gute Idee! Ich muss nur irgendwie 45 Minuten rumbringen. Mir fällt da nur mein Lieblingsbaum am Krankenhaus ein. Da das Krankenhaus ganz in der Nähe ist, mache ich mich gleich auf den Weg. Natürlich umgehe ich dabei die Klassenräume, denn erwischt zu werden wäre jetzt sehr schlecht. Es mag vielleicht etwas komisch klingen, aber die Nähe des Krankenhauses hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Ich war selbst schon sehr oft hier, bin quasi Stammgast, und trotzdem setze ich mich gern hier zu meinem Lieblingsbaum, einer großen Buche, die ich »Moritz« getauft habe. Es mag verrückt sein, aber wenn ich bei Moritz bin, fühle ich mich rundum wohl. Es ist, als würde er mich in seine Arme bzw. Äste nehmen und mir zuflüstern, dass irgendwann alles gut werden wird. Wenn ich hier sitze und der Wind weht, höre ich seine Blätter, die sich wunderschön hin und her bewegen. Die Kraft der Natur wird von so vielen Menschen unterschätzt. Die meisten sitzen gern zu Hause und spielen Videospiele. Das werde ich niemals verstehen. Ist es nicht einfach wunderschön, draußen zu sein und sich frei zu fühlen? Vermutlich liebe ich die Natur genau deshalb. Ich fühle mich dort frei. »Solltest du nicht in der Schule sein?«, höre ich auf einmal eine fremde Stimme hinter mir und ich linse am Baum vorbei, um zu sehen, wer da mit mir spricht. Ich erkenne einen Mann, der wohl ein paar Jahre älter ist als ich, in Krankenpflegerkleidung. Ihm steht diese Kleidung übrigens ganz fantastisch. Er setzt sich nun einfach zu mir und zündet sich eine Zigarette an. »Auch eine?«, bietet er an und ich nicke. Ich bin etwas verwirrt, dass sich ein mir fremder Mann einfach neben mich setzt. Ich weiß noch nicht genau, ob ich das gut oder schlecht finden soll. »Wie ist dein Name?«, will er wissen und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Ich tue es ihm gleich und huste erst einmal. Er lacht. »Ist das deine erste?«, fragt er amüsiert und ich schüttele meinen Kopf. Er hat zwar Recht, denn diese Zigarette ist wirklich meine erste, aber das muss er ja nicht wissen.
»Nadine, aber ich werde lieber Dina genannt«.
»Wieso willst du so genannt werden?«.
Blöde Frage, nächste Frage.
Was will er denn damit erreichen?
»Mir gefällt Dina eben besser«, antworte ich und dann schweigen wir. Allerdings nicht besonders lange, denn dann stellt dieser Krankenpfleger schon die nächste Frage. »Wieso sitzt du hier so ganz allein, wenn doch eigentlich Schule ist?«. »Es gibt eben Spannenderes als Schule«, antworte ich und sehe ihn an. Er hat schöne, meerblaue Augen. Überhaupt ist der Typ nicht zu verachten mit seinen hellbraunen, in alle Richtungen stehenden Haaren und dem kantigen Gesicht. Er wirkt auf mich sehr sympathisch, obwohl er nervige Fragen stellt. »Du solltest in die Schule gehen«, sagt er nun und nimmt wieder einen Zug. »Ich würde sagen, dass es dich nichts angeht, ob ich gehe oder nicht«, antworte ich und mein Ton fällt dabei nun etwas zickiger aus. Ist doch nicht verwunderlich, oder?
»Naja, ich mein ja nur. Ich weiß, du hast vermutlich Gründe nicht hinzugehen, aber glaube mir eins. Du wirst das später bereuen«.
»Bist du so etwas wie ein Hobbypsychologe?«, frage ich ihn und ziehe dabei eine Augenbraue nach oben.
»Vielleicht«.
»Du bist unglaublich«.
»Ich weiß«.
Unsere Konversation ist bisher eher merkwürdig verlaufen. Wenn man sich schon ungefragt zu einer fremden Person setzt, fragt man dann nicht eher Sachen wie: »Findest du das Wetter heute auch so schön?«, oder »Hi, mein Name ist … Lust, ein bisschen zu quatschen?«.
»Wie heißt du eigentlich?«, will ich nun wissen, denn immerhin hat der Typ mir seinen Namen noch gar nicht mitgeteilt. »Patrick«, verrät er. Sofort muss ich an Patrick Star aus »Spongebob« denken. Ich glaube aber nicht, dass der neben mir sitzende Patrick auch nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit dem aus Spongebob hat. Was für einen Bullshit denkt mein Hirn eigentlich schon wieder?! Spongebob?! Oh Mann… Ich versuche meine Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken, indem ich in die Ferne blicke. Okay, die »Ferne« zeigt mir eigentlich nur ein paar Bäume, eine kleine Wiese und danach kommen schon wieder Häuser. Die zerstören das schöne Bild der Natur. Meine Gedanken fliegen zurück in die Schule und ich habe wieder die Situation von vorhin vor Augen. Wie ich vorm Klassenzimmer stehe und Panik bekomme. Beim Gedanken daran, in gut einer halben Stunde wieder dorthin zu müssen, wird mir speiübel. Wieso kann ich nicht einfach fliehen? Fliehen von hier und meiner beschissenen Situation. »Ist alles in Ordnung?«, unterbricht Patrick die Stille und sieht mich besorgt an. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal gefragt wurde, ob mit mir alles in Ordnung sei. Ich erinnere mich nicht mehr daran, weil es wohl zu lange her ist. Wieso interessiert sich Patrick so sehr für mich? Er kennt mich seit gerade mal zehn Minuten! »Ja«, lüge ich und klinge dabei beinahe fröhlich. Er hakt nicht weiter nach und gibt sich mit meiner Antwort zufrieden. Wir sitzen nun wieder schweigend nebeneinander und ich drehe mich etwas von ihm weg. Obwohl ich allein sein möchte, ist seine Gegenwart irgendwie angenehm. Dieses Gefühl macht mir Angst, denn ich bin es gewohnt, allein zu sein. Nach etwa fünf Minuten legt Patrick seinen Arm um meine Schulter. Ich zucke zusammen und drehe meinen Kopf zu ihm. Er zieht seine Hand schnell wieder zurück und sagt: »Meine Pause ist vorbei, vielleicht sieht man sich ja mal wieder. Ciao«. Ich nicke nur, er lächelt kurz und läuft dann zurück in Richtung Krankenhaus. Ich schaue ihm hinterher, er bewegt sich total selbstbewusst. Ihm scheint die Welt nichts anhaben zu können.
Den Rest der Zeit verbringe ich allein, sitzend unter meinem Lieblingsbaum und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Sie machen mich wahnsinnig, denn ich habe keine freie Minute ohne irgendwelche Gedanken. Was würde ich darum geben, einen Tag lang meinen Kopf abschalten zu können. Es gäbe beinahe nichts, was jetzt besser wäre als das. Ich reflektiere gerade die Unterhaltung mit Patrick. Ich mache das mit beinahe allen Gesprächen, die ich führe und nehme sie wichtiger, als mein Gegenüber das vermutlich tun würde. Wieso war er so interessiert? Warum wollte er wissen, aus welchem Grund ich nicht zur Schule gehen will. Wieso hat er sich überhaupt neben mich gesetzt, wenn es noch so viele andere freie Plätze hier gibt. Da wären einmal die ganzen Bänke vor dem Krankenhaus und die anderen Bäume hier, unter denen er es sich hätte gemütlich machen können. Trotzdem hat er sich neben mich gesetzt und ich kann nicht nachvollziehen, warum. Wahrscheinlich interpretiere ich da wieder viel zu viel rein. Er hat sich bestimmt gar nichts dabei gedacht. Ganz im Gegensatz zu mir, denn mein Kopf wiederholt jetzt jeden einzelnen Satz, den Patrick zu mir gesagt hat. Auch alle seine Bewegungen. Sein Gesicht habe ich mir bereits genauestens eingeprägt. Ich habe ein gutes Gedächtnis, was Menschen angeht. Ich merke mir jedes Gesicht, das ich schon mal irgendwo gesehen habe. Das hat viele Vorteile, aber leider auch Nachteile. Ein großer Nachteil ist die Überlastung meines Gehirns, da es sich mit viel zu vielen Dingen auf einmal beschäftigt. Irgendwann explodiert es bestimmt. Vielleicht würde ich der erste Mensch auf der Welt werden, dessen Gehirn explodiert. Dann würde ich eine Legende werden und jeder meinen Namen kennen. Die Leute bauen dann eine Statue von mir und nennen mich »das explodierte Mädchen«. Dieser Gedanke bringt mich zum Schmunzeln. Ich würde zwar höchstwahrscheinlich keine Legende werden, weil mein Kopf explodiert ist, aber ich möchte dennoch etwas in der Welt bewegen. Mein Traum wäre es, schöne Heime für Waisenkinder zu bauen. Sie sollen sich nicht mehr allein fühlen. Ich würde die tollsten Menschen anstellen, um für die Kinder zu sorgen. Liebevolle Menschen, die sich Zeit für sie nehmen und sie nicht aufgeben. Selbstverständlich sollen die Angestellten eine ordentliche Bezahlung erhalten. Ich möchte die Welt gern zu einem etwas besseren Ort machen und finde meine Idee ganz gut. Mir fallen noch 1000 andere Dinge ein, mit denen man die Welt besser machen könnte, doch wer weiß, ob ich jemals auch nur eine Sache davon umsetzen kann. Vermutlich eher nicht… Wenigstens kann ich träumen.
Da ich noch ein wenig Zeit habe, krame ich meinen Zeichenblock heraus und beginne zu zeichnen. Ich zeichne den Baum unter dem ich sitze und meine Hand fügt von ganz allein mich und diesen Patrick ins Bild ein. Da meine Bilder stets in Grautönen gehalten sind, wirken sie immer ein wenig nachdenklich, doch genau das gefällt mir daran. Die Welt ist für mich nun mal nicht bunt. Für mich ist sie grau und farblos. Meine Zeichnungen spiegeln mein Gefühlsleben wider. Meine Sehnsüchte, meine schönen und weniger schönen Momente. Diese Viertelstunde mit Patrick gehört zu den schönen. Nachdem ich meine Zeichnung beendet habe, stecke ich sie, zusammen mit meinem Block, zurück in den Rucksack. Es ist nun Zeit, in die Schule zu gehen.
***
Und schon wieder stehe ich vor dem Klassenzimmer und spüre ein unangenehmes Prickeln in meiner Magengegend. Jetzt oder nie! Ich muss da einfach rein, es ist sowieso gerade niemand drinnen. Ich öffne die Tür und… werde von »der Clique« angestarrt. Die Menschen, die ich jetzt am allerwenigsten gebrauchen konnte. »Die Clique« besteht aus drei Mädchen und zwei Jungs. Die Anführerin heißt Gina, von allen Gigi genannt, und ist das fieseste Luder, das in dieser Schule herumläuft. Und das schönste. Mit ihren langen blonden Haaren wickelt sie jeden Kerl um den Finger. Sie hat bestimmt schon mit der halben Schule geschlafen. Momentan ist sie mit André zusammen, dem gut aussehendsten Jungen der Schule. Stets an ihrer Seite findet sich Viktoria, Vicky genannt, die auch nicht viel netter ist als sie. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Ihre Eltern sind eng befreundet und nebenbei stinkreich. Deshalb laufen Gigi und Vicky auch immer in den angesagtesten und teuersten Klamotten herum. Vicky ist brünett und trägt ihre Haare meistens zusammengebunden zu einem Pferdeschwanz. Selbstverständlich ist auch sie hübsch. Die Clique nimmt ohnehin nur schöne Menschen auf, deshalb sieht auch Vickys Freund Mario gut aus. Nicht ganz so gut wie André, aber gut. Als letztes Mitglied wurde vor einigen Wochen Lana aufgenommen, die viel netter ist als der Rest. Ich frage mich, wieso sie überhaupt in so einen oberflächlichen Verein wollte. Lanas Eltern kommen aus der Ukraine, sie selbst ist erst vor einigen Jahren nach Deutschland gezogen. Daher spricht sie Deutsch mit einem Akzent. Dieser Akzent gefällt vielen Jungs, sie ist sehr beliebt. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie aussieht wie ein Model. Lange, schlanke Beine, volle Lippen, große Augen. Viele Mädchen sind neidisch auf sie und lassen öfters dumme Sprüche los, doch das interessiert sie nicht im Geringsten. Ich wünschte, ich hätte diese Scheißegal-Einstellung auch. Lana ist die Einzige aus der Clique, die ich ein wenig beneide. Alle anderen verachte ich zutiefst. Ich betrete also den Raum und ernte bereits Gigis böses Grinsen. Sie scheint zwar wunderschön von außen, doch in ihrem Innern ist sie ein hässliches Monster. »Schaut, wer auch mal ankommt. Nadine Treu, die kleine Schulschwänzerin«, fängt sie an. Sie sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen auf ihrem Tisch und André steht vor ihr. Er fängt an sie zu küssen, nein sie abzuschlecken. Widerlich. »Du hättest auch zu Hause bleiben können, denn hier vermisst dich niemand«, sagt Vicky und die anderen lachen. Ich versuche sie alle zu ignorieren und laufe zu meinem Platz, ganz hinten links. Diesen Platz habe ich gleich zu Anfang des Schuljahres ergattert. Ich finde ihn toll, denn er grenzt mich von dieser Klasse ab und vor allem von der »Clique«. »Hey, kannst du uns mal zuhören, du unverschämtes Miststück?«, speit Gigi mir plötzlich entgegen und ich kann ihre Schritte hören. Sie trägt hohe Schuhe, wie immer. Sie greift mit einem ihrer dünnen Spinnenfinger nach meinem Arm und wirbelt mich zu ihr herum. »Du darfst uns nicht ignorieren, dazu hast du kein Recht«, keift sie und sieht mich dabei mit verengten Augen an. Ihrer Meinung nach ist sie die Königin und ich ihre Sklavin. »Ich hab Hunger«, sagt André und kommt rüber zu uns. Er stellt sich neben Gigi und grinst. Sein Grinsen ist fies. »Schauen wir mal, ob die Kleine was Geiles zu Essen dabei hat«, sagt er und nimmt mir meinen Rucksack weg. Ich versuche ihn festzuhalten, doch er rupft ihn mir mit Gewalt aus den Händen. Er öffnet die Reißverschlüsse und kramt darin herum. In mir brodelt es, am liebsten würde ich ihm eine scheuern, doch das würde alles nur noch schlimmer machen. Stattdessen sage ich, ohne jegliches Selbstbewusstsein in meiner Stimme, »Lass das, André!«. »Ooooooh, süß. Sonst was? Kommen sonst deine kleinen Schwabbelärmchen zum Einsatz? Willst du mir mit deinen nicht vorhandenen Armmuskeln eine verpassen?«. Er provoziert mich bis ins Unendliche und ich kann das nicht beenden. Langsam kommt in mir das Gefühl einer Panikattacke hoch. Nein, nicht jetzt! Bitte nicht! »Da ist nichts Gescheites drinnen, die hat nix zu fressen. Wundert mich ehrlich gesagt, denn woher kommen dann die Speckröllchen?«, spottet André und wirft mir meinen Rucksack hin. Meine Augen füllen sich mit Tränen, ich kann nichts dagegen tun. »Ooooh, sie fängt an zu heulen. Rennst du gleich nach Hause zu deiner Mami und sagst ihr, wie böse wir doch alle sind?«, labert Vicky und ich würde ihr am liebsten ihre künstlichen Fingernägel ausreißen. »Hey, kommt mal her. Da draußen gibt‘s ‘ne Prügelei!«, ruft auf einmal Mario. Gigi und die anderen lassen endlich von mir ab. Zum Glück sind sie so dumm, eine Prügelei spannend und witzig zu finden. Ich lasse mich auf meinem Stuhl nieder und merke, wie ich am ganzen Körper zittere. Mein Magen dreht sich und mir wird wieder schlecht. Dieses Mal habe ich aber nicht das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Nein, mir geht es einfach nur beschissen. Ich will zu Tommy, meinem kleinen Bruder und gleichzeitig besten Freund auf dieser Welt. Oder zu Moritz, meinem Lieblingsbaum. Hauptsache weg von hier. Jede Faser meines Körpers sträubt sich dagegen, im Klassenzimmer zu bleiben und doch bewege ich mich keinen Zentimeter vom Fleck. Zu genau weiß ich, was zu Hause auf mich wartet, wenn ich nicht in der Schule war. Da bleibe ich lieber hier, auch wenn es mich all meine Kraft kostet. Schnell hole ich wieder meinen Zeichenblock heraus, um mich abzulenken. Ich darf jetzt nicht in Panik geraten, auf gar keinen Fall! Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Gigi und die anderen aus dem Fenster sehen und sich über die Prügelei lustig machen. Sie schließen Wetten ab, wer gewinnt und Mario meint ständig, er wolle Blut sehen. Sind die denn total wahnsinnig?! Was ist so lustig daran, wenn zwei Menschen sich Schmerzen zufügen? Was ist so lustig daran, wenn einer von ihnen eventuell schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird? Ich hasse Gewalt und jeden, der Gewalt gut findet, ebenso. Lana sieht übrigens nicht zu, sie tippt die ganze Zeit auf ihrem Handy herum. Na, wenigstens eine, die nicht den Verstand verloren hat. Irgendwann klingelt es und die Pause ist endlich um. Die Clique hat mich nicht weiter belästigt, sie sind durch die Prügelei gut unterhalten worden. »Treu, zwei Stunden zu spät, Marino, aufwachen! Rest der Klasse, Ruhe und hinsetzen!«, marschiert Herr Grammel herein, der von uns gern »Mr. Grumpy« genannt wird. Er spricht uns alle immer mit dem Nachnamen an und erwähnt selbstverständlich auch mein Zuspätkommen. Wieso weiß er sowas immer sofort? Liest er sich in der Pause die Klassenbucheinträge durch? Wir haben ihn in Geschichte und Erdkunde, beide Fächer sind nicht gerade meine Favoriten. Viel lieber mag ich Biologie und Kunst. »So, was haben wir denn letzte Stunde besprochen, ähm, Meyer?«, fragt Mr. Grumpy und meint damit André, Gigis Freund. »Naja, ich denke es hatte irgendwas mit Hitler zu tun«, antwortet dieser und sein Kumpel Mario lacht. »Sehr witzig, Meyer. Wie wäre es mit Ihnen, ähm, Marino?«, fragt er nun sein nächstes Opfer. Dieses Mal fragt er ausgerechnet Joy, die immer im Unterricht schläft. Er hätte wohl niemand Unpassenderen fragen können. »Äh, ich… Also eigentlich habe ich schon aufgepasst, da war nur so ein… kurzer Moment…«, stottert sie und Mr. Grumpy verdreht die Augen. »Ist ja super, wie sehr ihr alle aufgepasst habt. Gibt es vielleicht irgendjemanden in diesem Klassenzimmer, der dazu in der Lage ist mir zu sagen, worüber wir letzte Stunde gesprochen haben?«. Ich melde mich, als Einzige. »Treu?«, fragend sehen er und die ganze Klasse mich an. Was erwarten die jetzt von mir? Eine weltbewegende Rede? Wieso habe ich mich nur gemeldet? Ich bereue es jedes Mal. Alle starren mich an und ich hasse es! Ich finde es furchtbar, wenn mich alle anstarren. Hört auf, mich anzustarren, schaut lieber die Wand an, klar?! »Es ging um…äh… um…«, stottere ich und nicht aus dem Grund, weil ich nichts mehr weiß, sondern nur aus Nervosität. »Die Nächste«, sagt Mr. Grumpy und lässt seinen Blick ungeduldig durch die Klasse schweifen. »Berlinblockade«, rufe ich plötzlich in den Raum und Mr. Grumpy zieht eine Augenbraue hoch. »Richtig«, sagt er und kritzelt irgendetwas in seinen Notizblock, den er stets dabei hat. Ob er sich wohl etwas Positives über mich aufgeschrieben hat? Hoffentlich, denn so etwas habe ich dringend nötig. Er fängt nun an mit seinem Unterricht und ich höre die ersten 15 Minuten sogar zu, doch dann wird der Block vor mir wieder interessanter. Ich zücke meinen Bleistift und fange an zu zeichnen. Ich zeichne die »Clique« und mich, wie ich an meinem Tisch sitze und aus dem Fenster sehe. Vor das Fenster zeichne ich den Baum, der da auch tatsächlich steht. Darauf sitzt ein kleines Eichhörnchen, welches mich ansieht und mir fast ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Auf meine Wange zeichne ich eine Träne. »Schoollife« schreibe ich als Titel rechts unten auf mein Bild.
***
Dienstag.
Ich befinde mich gerade in der Umkleidekabine, genauer gesagt in der Toilette der Umkleidekabine, denn wir haben in den letzten beiden Stunden Sport. Ich liebe Sport. NICHT! Eigentlich habe ich nichts gegen sportliche Aktivität, ich gehe gelegentlich sogar ganz gern laufen. Nur den Schulsport kann ich überhaupt nicht leiden. Wenn ich alleine Sport mache, habe ich keinen Leistungsdruck, ich kann in meinem Tempo bleiben und aufhören, wenn ich nicht mehr kann. Hier ist das anders, denn unsere Sportlehrerin ist eine absolute Sportfanatikerin. Sie lebt für den Sport und eines ihrer liebsten Hobbys ist Joggen. Wie gesagt, finde ich ganz okay, wenn ich es alleine mache. Allerdings HASSE ich es abgrundtief, mit meiner Klasse zu joggen. Die Mädels sind fast alle dünn und sportlich und wer nicht mithalten kann, bekommt eine schlechte Note. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine bessere Note als eine »4-5« bekommen zu haben. Außer mir sind vielleicht
