Grenzen lieben - Hannah G. Kempf - E-Book

Grenzen lieben E-Book

Hannah G. Kempf

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Beschreibung

Es geht um den Umgang mit Grenzen, Grenzen, die andere setzen, die man selber hat und die man überwinden muss / möchte.

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Seitenzahl: 56

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Grenzen lieben

1949

1958

1972

1980

1990

Reicht nicht

Reculer pour mieux sauter

Mud in your eye

Kind und Hund

Du machst das

Ja nein

Dann wär das schon mal geklärt

Lyrik kickt

Sinn kaum aber klasse Rhythmus

Auskunft auf Nachfrage

Pflicht

Kür

Warentausch

Ein verständlicher Wunsch

Kommt ein Kerl

Auch das noch!

Überrascht?

Der Gang der Dinge

Beziehungsentwicklung

Schluss mit

Schluss mit

Schluss mit

Anna Karenina (Die Garbo Version)

One of these perfect days

An einem dieser perfekten Tage

Angekommen

Bewegliche Ziele

Das New York Experiment

Angst?

Dringliche Bitte

Akustisches Ungeziefer

Falsch abgehoben

Lärm im Hirn

Dinner for one

Wer war das?

Autobahnuni

Kapitaler Gesang

Dickes

An Paradoxa kein Mangel

Es hat sich ausgelacht

Prollis Wellenteilung

Gleich

Drei Gründe Psychologie zu studieren

O die Menschheit

Klassentreffen

Klassetreffn

Wump und weg

Angst-Vater-Gebet

Grenzen lösen

GRENZEN LIEBEN

1949

Familienstreit. Vorbeiblicke. Gedämpfte Stimmen. Thema: „Nach drüben machen.“ Von Leipzig in den Westen machen. Merkwürdig. Wie Pipi machen, Kaka machen. Irgendwas unten raus weg machen. Aber „Nicht vor den Kindern!“ Schon sind wir hellwach.

Aus Leipzig über Hannover nach München machen. „Mit Sack und Pack.“ Sack und Pack. Das sind wir. Opa aufgebracht: Verrat an der Restfamilie! Im Übrigen politischer Unfug: „Die Vereinigung kommt nächstes Jahr!“ Beide Zeigefinger oben: „Spätestens!“

„Kommt im Leben nicht!“ So die Fluchtfraktion. „Erleben wir nicht mehr.“ So Omi. Verzagt. Gegen Opas Zeigefinger. Opa zornrot gegen alle. „Spätestens im nächsten Jahr!“ Und so weiter. Hin und Her. Ich will nicht begreifen. Und als ich begreife, will ich nicht weg. Ich habe mich eben erst in Anja verliebt. Treueschwüre getauscht. Meine Daseinsberechtigung gefunden. Kinderseelenernst. „Anja, das ist jetzt für immer.“

Sie hat mir Stifte Lötdraht Kreisel Goldstaub aus der elterlichen Werkstatt, sie hat mir Punzen in Ölpapier Kastanien zugesteckt. Stofftiere Feilen Papierfalter Federn Zeichnungen Ketten und sich zugesteckt. Sich mir ich weiß nicht wie zugesteckt. „Das ist jetzt für immer.“

Flucht über Nacht. In der Linken ein Pappkoffer, in der Rechten die Hand der älteren Schwester. Vor uns ein Abenteuerspielplatz mit echtem Herzrasen. Sobald Autoscheinwerfer heranstreichen, werfen wir uns hinter Buschzeug am Straßenrand. Nase im Matsch. Gesicht kalt. Hände klamm. Aufregend. Hingeschmissen. Aufgeschmissen. Was soll das? Noch rätselhafter: warum schlagen sich Anjas Eltern auf Opas Seite? Lassen Anja nicht mit? Linke Hand ließe sofort den Pappkoffer fallen und wäre frei. Für sie. Für immer. Eine Nacht ohne Sterne. Extra ausgesucht, um sich im Finsteren fortzuschleichen.

Es geht um die Überwindung einer verschwommenen Grenze. Ich sehe sie nicht. Alles gleich. Wiesen Sträucher Abschüsse Straßenränder Löwenzahn Huflattich Rübenacker Matsch ... alles gleich. Ich fantasiere tausend Grenzüberschreitungen. Dann ist der Stacheldraht, unter dem wir uns durchschlängeln, doch nur wieder eine Umzäunung für Kühe gewesen.

Ein Uniformierter zirkelt sein Fahrrad vor uns hin. Geschnappt! Aus! Wir Kinder heulen los wie einstudiert. Plärren für fünf. Ich fünf Jahre alt, entnervt erledigt verzweifelt enttäuscht, darf endlich gegen diesen Mann meinen Glaubensverlust an alles und jeden hin kreischen. Wir schluchzen. Wir betteln. Ich weiß nicht für was, aber ich bettle die Bettelgebete meiner Schwester nach. Mama öffnet ihren Mantel und zaubert Flaschen und Salami hervor. Der Uniformierte greift zu. Winkt unauffällig. Greift zu. Winkt uns durch. Gott für Minuten.

Weiß der zugezogene Himmel, wann wir die Grenze überschritten haben! Dieser tintenschwarze Himmel über stockdunklem Strauch Straßenrand Löwenzahn Huflattich Rübenacker Matsch ... alles gleich. Und doch – angeblich – die erlösende Anderwelt. München. Straßen wie in Leipzig. Nur ohne Anja.

1958

Omis runder Geburtstag. Ich bekomme Einreiseerlaubnis. Bin fünfzehn. Sehe Anja wieder. Den Wirtschaftswunderflitter im Kopf wird mir hier grau vor Augen. Fassaden schocknüchtern. Der neue Mensch. Ist was dran. Vom Profitwahn gereinigt: aufs Wesentliche, aufs Gemeinschaftliche geschrubbt. Ist was dran. Durch Anja noch wärmer gefühlt.

Ich habe in sträflicher Verblendung Elvis kopiert, den Gang von Marlon Brando übernommen, Mopeds frisiert, Polizei verhöhnt, Bürger angepöbelt, Cliquen aus anderen Vierteln aufgemischt, Fasching in München, Karneval in Köln gefeiert, habe den Stecher auf der Kirmes, den Clown in der Klasse, das Großmaul zu Hause gemacht, habe alle Erwartungen an einen Halbstarken westlicher Prägung erfüllt (Bürstenschnitt, Brillantine im Haar, Nicki-Pullover, Jeans, Eisenplättchen unterm Schuh ...) und doch gespürt, immer unterschwellig wie ein höhnisches Kichern aus dem Keller wahrgenommen, nicht dazu zu gehören. Nur angebiedert zu sein. Bemühtes Imitat zu bleiben: Übernahme misslungen!

Geburtsort Leipzig im Pass! Das ist mehr als eine amtliche Feststellung – das jauchzt. Das will vorverstandlich jubeln. Familie in Leipzig verwurzelt seit die Menschheit denken kann. Enkel eines Leipziger Malers. Sohn eines Leipziger Arztes, offiziell ehrenhaft gefallen (in Wahrheit Selbstmord an der russischen Front). Vor allem Anjas Cousin ersten Grades! Erster Grad keine Auszeichnung. Kein Rang. Nur Blutsnähe. Eine Nähe, die kalte Krieger kalt lässt.

Anja gibt innere Bodenhaftung. Herzklopfen. Gefühlsbrand. Nur hier. Von ihr aufgewühlt. Heimat. Ich bekenne: Im Westen Schmierenkomödiant, Falschspieler, schlimmer: Falschschreiber. Lügenwortwerfer. Angebiedert. Frecher Ton um hohlen Kern. Wir laufen durch unsere Straße an rußgeschwärzten Schneehügeln vorbei. Dicker Ruß von den Kohleöfen. Schwarzer Schnee. Ja und Nein. Das ist es. Schwarzer Schnee. Das surreale Bild, das nicht aufgelöst sein will. Anja, die nicht von Leipzig gelöst sein will. Leipzig treu geblieben ist ...

Wir sind wieder zusammen. Anders. Gleich und anders. Ja und nein. Jetzt über die erinnerte Anja die Formen der Frau gewölbt. „Wir füllen die Formen der Vergangenheit und während wir sie füllen verändern wir sie und sie verändern uns.“ So ähnlich sagt es irgendwer. Stimmt.

Die Feindbilder der gespaltenen Heimat haben uns nicht erreicht: „Zu Ende gedacht wäre ich dazu verdonnert, bei Ausbruch eines heißen Krieges auf mich selber zu schießen, je nachdem, wohin mich der Zufall verschlagen hätte.“

(»Zufall« zusammengewürfelt aus Mutter, Großmutter, Großvater, Kriegstreiber, Grenzzieher, Grenzschützer ...)

„Wir sind Würfelexistenzen!“

Politische Lotterieprodukte.

Statt selbstbestimmte Lotterwesen.

Wir lachen.

Noch eine unserer verzeihlichen Verfehlungen.

Wir lieben uns.

Das geht schon Richtung Strafhandlung.

Anja küsst mich. Sucht einen Freund. Ich soll sie anfassen. Soll los machen. Soll erzählen. Erzählen vom reichen, verdorbenen, altnaziverseuchten, warenfixierten, Menschen verachtenden, durch volksverdummende Popmusik zugedröhnten, aus Fernsehberieselungsanlagen zur Hirnerweichung gebrachten Teil des Landes, wohin ich mich verdrückt habe. Der Teil, in dem nicht nur die Sonne, in dem die Menschheit untergeht!

Wir lachen.

Machen los.

„Ich hab mich nicht verdrückt, ich bin geflohen worden!“

Mit dem Ergebnis, dass mir der hochsolidarische, zukunftsträchtige, dem Kollektiv der Werktätigen zurückgegebene, einer neuen Emanzipationsstufe der Evolution zustrebende Teil des Landes entgangen ist. Der Teil, in dem nicht nur die Sonne, in dem der neue Mensch aufgeht!