Grenzen töten - Bettina von Minnigerode - E-Book

Grenzen töten E-Book

Bettina von Minnigerode

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Beschreibung

Stell Dir vor, es ist kalt und regnet, du gehst mit gesenktem Kopf durch eine nächtliche Straße, trägst nur einen schäbigen Mantel aus dünnem Stoff. Die Fenster der Häuser, unter enen du die Straße entlang gehst oder auch stehen bleibst, sind erleuchtet. Du kannst von außen leicht in die Räume gucken. Warm, trocken und heimelig sehen diese Wohnungen aus, in denen vermutlich zufriedene, satte Menschen wohnen. Du hast Hunger und frierst.

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Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Table of Contents

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Impressum

Vorab

Im Hässlichen das Schöne

Wenn du vermeiden willst …

Zu Hause

Es war einmal …

Wer war Maria wirklich?

Maria: Brache

Sprachlos

Zwanziger Jahre

Im Lande Nod

Alex leider empathielos

Wieder Dachterrasse im Hier und Jetzt

Blockiert

Niemandsland – Nikogaršnja Zemlja

Draußen oder drinnen?

Aus der Traum?

Wetter: bewölkt

Sommergewitter

Maria und ihre »Papperlatur«

Sölba schuld …

Vermessen …

Noch da – sagt Marko

Marko: Wer lesen kann, ist stets im Vorteil!

Magdalena

Marko

eingrenzen – ausgrenzen

Tee und Zuckerkuchen: Deutschland in den 1980er Jahren

Sehnsuchtsort Arkadien …

Arkadien liegt immer jenseits des Zauns

Marias erste Grenzüberschreitung

Flucht Geschichte

Marintim von und mit Alex

Maria

Magdalena vermessen: Wer sucht, der findet

Zum Schweigen bringen

Über den Wolken …

Der Lampenschirm

Gespräch »unter Männern« und ein Komplott

Romanstoff: Maria erfindet eine Geschichte mit Markos Hilfe

Verspätung

Magdalena

Klasse 1 C oder »The Spare«

Markos Sicht auf sein »unfreiwilliges« neues Leben

Fakten versus Fiktion

Unter einer Tuchent stecken

Kalte Tage für Magdalena

Maria

Bibi Blocksberg

Maria macht eine Recherchereise – auf ein Wiedersehen

Schmonzette

London

Konstanz

Die Akte Schreckenfels

Maria in London

Momo …

Feige oder mutig?

Im Verlust den Gewinn

Wieder erkennen …

Alex fragt: Bist du blind, Maria?

»Mensch, Alex, du bist so fürchterlich deutsch manchmal«,

Verscharrte Leichen

Dorfkind

Kain netter kleiner Bruder

Neue Heimat?

Damals?

Wiesn …

Oktober im Niemandsland

Markos Schweigen

Maria: Ausflug nach Slowenien

Überraschung!

Maria im Kaffeehaus

Dämonen raus!

Storch über Alex

Imagine there’s no heaven … für Maria

Integration oder Assimilation

Maria unverbesserlich

With a little help …

Rettung

Das Land kann nichts dafür

Perchten, Klöster und andere Rituale

Dachwohnung »Chez Alex«

Ausläuten, einläuten

Halt die Pappn

Demütigung und Überfall

Balkan

Alex auf Sylt im Spätherbst

Wer musste eigentlich »fliehen« oder wurde »vertrieben«?

Täuschen und Tarnen

Überraschung

Maria: Paradiesgarten

Brief von Maria an Alex

Untreue

Sui caedere

Quit(t)

Marko wieder dahaam

Raue Nächte

Urgroßmutter

Ablandig

Klabauterfrau

Fool on the hill

Disclaimer

Bettina von Minnigerode

Grenzen töten

Roman

OriginalausgabeJuli 2025

Kulturmaschinen Verlag

Ein Imprint der Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt)

Kolpingstr. 10, 97199 Ochsenfurt

[email protected]

Die Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt) gehört allein dem Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V.

Der Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V. gehört den AutorInnen.

Und dieses Buch gehört der Phantasie, dem Wissen und der Literatur.

Der Kulturmaschinen Verlag verbietet die Nutzung aller Teile des Buches zu KI-Trainingszwecken.

Umschlaggestaltung: Sven j. OlssonUmschlagfoto: Bettina von Minnigerode

Druck: Libri Plureos GmbH

978-3-96763-364-1(kart.)

978-3-96763-365-8(geb.)

978-3-96763-366-5(.epub)

Barbarrbarbarrrrrbar. Rezitiert der performer auf meiner imaginierten bühne, der grrrazerrr dichter, errrr schrreit schreibend schreitter weiter. Ich schreie lautlos ohne stimme mich meine hören sie nicht. Die alten mythen von vatermord bis mutterliebe sie rrrrollllen durch seine rrrrollllende kehle auf der suche nach was? Was kann denn ein ausdruck nur ein ausdruck eindruck andruck sich eindrücklich dir eindrücken einprägen dass du endlich HÖRST?? Hörst du nicht? Du hörst mich nicht du bist taub und stumm und blind für den AUSDRUCK den richtigen den passenden der es beschreiben könnte das was ich dir zu sagen hätte. Ein wort nur. Ein klischee und noch ein klischee und bitte gib mir nur ein wort und noch ein klischee. Der ­krrrrrrebs frrrrisssst sich durch die seele und das rote weiße blut, den lebenssaft, der dir abhanden kommt du weigerst dich du willst so dankbar sein dankbar wem wofür dein blut mein mut meine krrrrraffft die mich zu dir trug trage trägt mich dich und alles weiter voran wohin voran hier gibt es nichts mehr zu erreichen das ziel hahaha ist doch der weg hahaha und du spürst es ja selbst es ist nicht richtig nicht. Nicht gerecht nicht angemessen nein es kann ja gar nicht angemessen sein, vermessen hast du dich beim messen der kraft die du aufzubringen dachtest in deinem traum von der ultimativen zufrieeeeeeedenheit wo denn wo findest du die oder mich oder uns beide gemeinsam einsam wir oh schon wieder ein klischee geh hörst. Du geh-hörst nicht niemandem gehörst du das ist richtig so. dein telefon läutet vorwurfsvoll ununterbrochen in die stille unserer versuchten unterhaltung ich weiß schweigen ist gold was gäbe es noch zu sagen? Du rufst noch einmal an spät um zu fragen ob du? Ob es wegen dir, deinetwegen gewesen sei. Was soll ich dir antworten auf diese rhetorische frage die doch ihre antwort längst kennt…

Sorry lyrik ist nicht jedermanns sache nicht wahr oder falsch oder nicht erträglich

Wenn das die musenküsse sind sie beißen meine lippen wund mein herz zerreißen sie

Wo es wo wohnt wohnte einst dort an der gartenpfort in dem nicht-dorf keinkain kein abel nicht

Niemand erschlägt niemanden keine biblischen dramen nicht hier nicht in diesem deinen paradies aus dem du mich vertrieben einst ja

Gell jetzt habe ich dich vertrieben zurück in deine grenzen gewiesen zurück zurück wohin du ge-hörst – hast du das gehört, hörst du das? Wem oder was gehören wir? Ich dir du mir nein? Kein versprechen gilt, kein gelübde? Was kümmern dich deine worte von vorgestern?

B. v. M., 2023

IM HÄSSLICHEN DAS SCHÖNE

Im Hässlichen das Schöne erkennen konntest du.

Deine aus eigenartigem Blickwinkel aufgenommenen Fotografien hatten mich neugierig gemacht – oft zeigten sie Ausschnitte, die kaum einem erkennbaren Gegenstand zuzuordnen waren. Wenig farbenfrohe, manchmal trostlose Bilder, von denen ich glaubte, auf deinen Seelenzustand schließen zu können. Eine Ästhetik der Hässlichkeit – interessant und verlockend. Den Fotografen hinter diesen Bildern wollte ich ergründen.

Deine Werke schienen von einer differenzierten Weltsicht zu erzählen. Ein solcher Künstler, glaubte ich, müsse in der Lage sein, hinter Kulissen das Essentielle zu erkennen. Oder eben unter Furchen und Falten die Frau, die ich einmal gewesen war. Das Schöne im Hässlichen erkennen. Hättest du sollen. Fehlschluss.

Ich nahm dich anders wahr als das Spiegelbild, das dein ebenfalls faltig gewordenes Antlitz wiedergab. Was kümmerte mich der spärliche Haarschopf, die Falten am Hals, um Mund und Augen – ich erkannte den schönen Mann deiner Jugend in dir und sah nur den. Begriff nicht, dass dieser Blick unter Oberflächen dir bei Frauen nicht gelang.

Dein Begehren richtete sich, so bemerkte ich allmählich, auf schöne junge Körper, unerreichbar für dich, dem Jugend, Schönheit und Gesundheit abhandengekommen waren. Notgedrungen warst du zum Autoerotiker mutiert, dessen Lust sich nur noch in Fantasien austobte.

All das dämmerte mir spät. Schleichender Prozess der Erkenntnis des Hässlichen. In dir.

Diesen Text aus Marias letztem Tagebuch fand ich in ihrem Nachlass. Sie hatte die Stelle mit einem »Post-it« Zettel markiert. Wen sie damit meinte, war mir sofort klar gewesen, aber das ist eine längere Geschichte.

Maria war kein Flüchtling, keine Geflüchtete, sondern eine Flüchtende auf der Suche nach Freiheit oder Heimat, die sie nirgends fand.

Es dauerte einige Zeit, bis ich mich von dem Schock über Marias Schritt in den Freitod erholt hatte. Ihre Entscheidung hatte sie allein getroffen, aber nicht frei! Maria kam nicht von ihrer Geschichte los. Trotz alledem und alledem.

WENN DU VERMEIDEN WILLST …

An einem der letzten milden Herbsttage saß ich vor meinem Lieblings-Café am Marktplatz meines Viertels und genoss einen Cappuccino in der Sonne. Der Lichteinfall war merklich schräger als im Sommer und blendete mich, so dass ich die beiden Leute am Nachbartisch zunächst nicht erkennen konnte. Erst als die Sonnenstrahlen hinter den noch üppig belaubten Bäumen verschwanden und die Terrasse des Cafés in ein flirrendes Licht- und Schatten­spiel tauchten, warf ich ihnen einen längeren Blick zu.

Magdalena saß mit dem Rücken zu mir, aber ihre Frisur war unverkennbar, dieser gewollt unordentliche, provisorisch wirkende Dutt, aus dem einzelne lange Locken heraus­hingen, als ließen sie sich nicht bändigen. Ich hatte mich oft gefragt, wie viel Zeit Magdalena wohl für diese Pseudo­lässig­keit aufwandte.

Was tat sie hier, in »meiner« Stadt, meinem Land? Ihr zu Füßen lag ein Hund, ein junger Labradoodle, der alle paar Minuten aufstand, sich drehte und alles in Reichweite beschnupperte, auch meine Beine und den Rucksack, den ich neben meinen Stuhl auf dem Boden abgestellt hatte. Magdalena zischte wiederholt das Kommando »Platz«, ohne sich dem Hund dabei direkt zuzuwenden und ihn zu beruhigen, auch nicht, als er erbärmlich zu fiepen begann. Das Tier langweilte sich offenbar und genoss begierig die Aufmerksamkeit, die ich ihm schenkte. Ich kraulte ihm kurz den Rücken, gab aber Acht, dass Magdalena nichts bemerkte. Neben ihr saß ein Mann, den ich nur im Profil sehen konnte, er trug eine Sonnenbrille, außerdem eine Base­ball­kappe und hielt den Kopf über ein Buch gesenkt. War das etwa Marko? Ich konnte es nicht sagen.

Die beiden sprachen nicht miteinander, wahrscheinlich las auch Magdalena. Oder blätterte in Markos neuestem Fotoband oder Ausstellungskatalog. Ich trank den letzten Schluck Kaffee aus und bedeutete dem Kellner, dass ich zahlen wolle. Nichts wie weg hier, ich hatte wirklich gar keine Lust auf eine Begegnung mit diesen Leuten.

Auf dem Heimweg ärgerte mich mein überstürzter Aufbruch. Ich hätte ein Gespräch beginnen, sie aushorchen können, vielleicht hätte ich etwas erfahren.

Aber warum interessierten die mich noch? Sollten sie doch leben, wie sie wollten, solange sie mir und meiner Freundin nicht mehr schaden konnten. Das Geschehene ungeschehen machen konnte niemand. Trotzdem tragen sie Verantwortung, um nicht zu sagen, Mitschuld am Selbstmord meiner Freundin Maria. Wer selbstsüchtig das Leben anderer zerstört, sollte nicht unbehelligt bleiben. Ausgerechnet solche Personen landen wie Katzen immer auf den Füßen.

Natürlich war alles Marias freie Entscheidung gewesen – so wie wir alle frei sind, zu tun, was uns gefällt, solange wir nicht anderen schaden. Menschen können lieben oder hassen, wen sie wollen, können Beziehungen eingehen, abbrechen oder fortsetzen, es geht niemanden etwas an, solange niemand zu Schaden kommt. Aber Menschen wie Marko und Magdalena kümmern sich nicht um solche Spielregeln, sie übertreten Grenzen.

Grenzen kann man öffnen oder schließen, setzen oder hochziehen, überschreiten oder übertreten oder überwinden. Freiheit findet sich manchmal nur jenseits von ­Grenzen. Manche Grenzen schützen, andere Grenzen töten – als Subjekt oder Objekt gelesen. Das hatte Maria erlebt.

Durch diese Begegnung hatte ich die ganze Situation plötzlich wieder vor Augen, als sei es gestern passiert. Ich würde wieder Alpträume bekommen, mich schlaflos im Bett herumwälzen.

ZU HAUSE

Ich hing noch ein wenig den düsteren Erinnerungen nach, während ich mein klapperiges Fahrrad heimwärts lenkte. Die wenig befahrene, kopfsteingepflasterte Seitenstraße mit den sechsstöckigen Mietshäusern aus der Gründerzeit gefällt mir, ich liebe verschnörkelte Altbaufassaden mit hohen Eingangstüren, deren geschliffene Verglasung den Blick in elegante Aufgänge freigibt. Kronleuchter an Stuckdecken und breite Treppen aus Marmor oder edlen Hölzern verbreiten eine Atmosphäre gediegener Bürgerlichkeit aus dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts.

Ich griff in meine Manteltasche nach dem Schlüsselbund, an dem mehrere Schlüssel klimpern. Ein Zylinder­schlüssel für das nachträglich angebrachte Sicherheitsschloss, ein sperriger alter Bartschlüssel für die Haustür, der viel zu groß ist und mir die Manteltasche ausgebeult hat, und mein Wohnungsschlüssel. Bevor ich aufschließen konnte, öffnete sich die Haustür von innen und vor mir stand Frau Hauser, die unvermeidbare Nachbarin aus dem Hochparterre, eine ältere, elegant gekleidete Dame mit sorgfältig gefärbtem eisgrauen Kurzhaarschnitt, die anscheinend hinter ihrer Gardine lauernd den ganzen Tag darauf wartet, jemanden auf der Straße in ein Gespräch verwickeln zu können. Tratsch und Gerüchte liebt sie und verbreitet jede Neuigkeit in Windeseile. Ich erwog kurz, ihr von meiner Begegnung mit Magdalena zu erzählen, verwarf es aber.

»Alex, nein, was für ein netter Zufall, dass ich Sie hier treffe!«, flötete die Nachbarin. »Guten Tag, Frau Hauser, wie geht’s Ihnen?«, gab ich so freundlich wie möglich zurück. Ihr Name hätte Programm sein müssen, stattdessen plapperte ihr ungehaltenes Mundwerk ununterbrochen.

Vermutlich spürte sie, dass ich gerade nicht zu einer Unter­haltung aufgelegt war, denn sie musterte mich mit ihrem üblichen kritischen Blick von oben bis unten und bemerkte spitz, mein Mantel sei ja wohl etwas zu leicht für die Jahreszeit und könne im Übrigen auch mal wieder eine Reinigung vertragen. »Ach, wissen Sie, meine Mutter, von der ich ­diesen uralten Trenchcoat vor Jahren geerbt habe, sagte immer, ein Bur­berry ist erst eingetragen, wenn er abgetragen ist. Sie nannte das Schäbigkeitsprinzip«, entgegnete ich. Widerrede ist Frau Hauser nicht gewöhnt.

Leider entging ich trotzdem nicht ihren täglichen Tiraden über »die Ausländer«, durch deren Anblick sie sich »fremd im eigenen Land« fühle, denen unberechtigt staatliche Unterstützung in den Rachen geworfen werde, während man Menschen wie sie in ihrer finanziellen Not allein lasse. Besonders schlecht war sie auf Muslime zu sprechen, die benähmen sich »anders als wir« – wobei sie dieses »wir« an Haut- und Haarfarbe sowie Religionszugehörigkeit festzumachen schien. Von dieser »fremden Kultur« gehe eine Gefahr für »uns alle« aus, man müsse »solche Leute« eben ausweisen, es seien ja ohnehin viel zu viele von denen im Land. Die Ukrainer seien ihr doch noch lieber, betonte sie auch jetzt wieder, die fielen schließlich gar nicht auf und hätten ja auch die gleichen »Werte wie wir«. Von welchen Werten sprach sie?

Ich ließ es auf sich beruhen – sinnlose Zeitverschwendung.

Oder sollte ich ihr doch von der Begegnung mit Magdalena und Marko erzählen? Das wäre Wasser auf ihre ­Mühlen.

Besser nicht. Ich murmelte eine Entschuldigung und wandte mich der Eichentreppe mit den knarzenden, spiegel­blank gebohnerten Stufen zu, die von Stockwerk zu Stockwerk glatter und makelloser poliert sind. Bis zu meiner Wohnung im Dachgeschoss hatte ich bei meinem Einzug 98 Treppenstufen gezählt, was mir anfangs schier unüberwindlich erschienen war. Der Gedanke, dass diese tägliche Routine mir helfen würde, fit zu bleiben, war wenig tröstlich. Wochenlang hatte ich auf dem Treppenabsatz im dritten Stock keuchend ausruhen müssen, aber mit der Zeit war ich agiler geworden.

Meine Dachwohnung gefällt mir, sie ist verwinkelt und hat schräge Wände, ich mag den Ausblick über die Dächer und meine kleine, nicht einsehbare Dachterrasse, die ich in eine grüne Oase aus Kübelpflanzen verwandelt habe. Unter dem drei Meter tiefen Dachvorsprung kann ich vor Sonne und Regen geschützt auf meiner Holzbank sitzen, im ­Winter in dicke Decken gehüllt.

An diesem Abend war keine Decke vonnöten, die Temperatur war mild und die Außenbeleuchtung an der Hauswand hell genug. Ich griff nach der halbvollen ­Flasche Rotwein, die auf dem Beistelltischchen neben meinem Sofa stand, füllte ein Glas und prostete mit einem halblaut gemurmelten »Auf dein Wohl« dem gerahmten Foto meiner toten Freundin Maria zu, das auf einer Fensterbank neben einer kleinen Familiengalerie in Silberrahmen stand. Ihr Foto war das größte, stand etwas abseits der anderen. Maria blickte mich aus großen traurigen Augen an. Ich trank einen Schluck und trug Flasche und Glas hinaus auf die Dachterrasse. Doch bevor ich es mir auf der Bank gemütlich machte, stand ich noch einmal auf, ging ins Wohnzimmer zurück und holte den silbernen Bilderrahmen mit Marias Foto, stellte ihn auf den Tisch vor mich und hob erneut mein Weinglas.

»Prost, meine Liebe! Du hast es wenigstens schon hinter dir!«

ES WAR EINMAL …

Marko hatte Maria vor langer Zeit das »Wohnrecht« in ­seiner Studentenbude entzogen, ohne Vorwarnung – aus und vorbei das Zusammenleben als Paar auf 12 Quadratmetern. Wieder einmal war sie heimatlos geworden. Maria suchte sich ein Ein-Zimmer-Apartment in einem anderen Stadtteil, Marko half ihr noch bei der Renovierung, bevor er ohne Abschied aus ihrem Leben verschwand. Das war einmal. Vor Jahrzehnten.

Was blieb ihr übrig, als ihr Studium fortzuführen, Exa­men zu machen, sich einen Job zu suchen? Kaum war ein neuer Partner in Sicht, sprang sie auf den fahrenden Zug, ohne nachzudenken. Dann folgte ein Leben wie auf ­Schienen. Vorgefertigt, absehbar, berechenbar: als gebe es keine Alternative, erfüllte Maria alle Erwartungen. Der ­Eltern. Nicht ihre eigenen.

Eine Weile ratterte ihre träge Dampflock über die vorbestimmten Schienen, aber dann entgleiste sie. Falsch gestellt waren die Weichen, von Anfang an, wie es scheint. Eine Fehlentscheidung nach der anderen, Dominoeffekt. Finde den Fehler. Sie suchte nicht einmal danach, kämpfte weiter, arbeitete hart, rieb sich auf, fand nicht zurück zur Selbstbestimmung. Wann gab sie sich geschlagen? Und warum?

Das alles ist lange her. Maria hatte ihre Trauer zugeschüttet mit Aktivismus und Verdrängung, bloß keine Sentimentalitäten aufkommen lassen. Maria, die Kämpferin, hatte sich durch alle möglichen Herausforderungen nicht beirren lassen. »Denkste Puppe« – ein blöder Spruch aus ihrer lang vergangenen Jugend. »Puppe«, schon dieses Wort! Aber leider stellte sich dieses »Denkste« nach Jahrzehnten als treffend heraus – ein ironischer Kommentar zu ihrem Leben auf der Flucht. Vor anderen, aber vor allem vor sich selbst.

Nur so ist es zu erklären, warum Maria nach Jahrzehnten noch einmal den Versuch unternahm, mit Marko, dem Mann ihrer Jugend, in Kontakt zu treten. Und dann noch einmal das Wagnis einging, mit ihm zusammenzuleben. Es begann, wie es schon einmal begonnen hatte, mit ­einer märchen­haft schönen Begegnung. Maria hatte alle Be­denken über Bord und sich ihm an den Hals geworfen. Voll naiver Hoffnung auf eine späte Wiedergutmachung. Aber das wahre Leben ist kein Märchen. Jedenfalls keines, das gut ausgeht.

Ich stand auf, nahm die leergetrunkene Rotweinflasche vom Tisch und schwankte leicht auf dem Weg in die Küche, wo ich eine neue Flasche aus dem Weinregal zog und sie entkorkte. Muss ich mich jetzt wirklich betrinken, fragte ich mich. Ist doch egal. Nichts bringt Maria zurück. Sie fehlt mir so.

Trotzdem siegte die Vernunft und ich füllte ein Schälchen mit Käsewürfeln, ein zweites mit Erdnüssen – fetthaltige Nahrung, wichtig als Grundlage. Ich stellte Flasche und Schüsseln auf ein Tablett und balancierte es auf die Terrasse, goss mein Glas noch einmal voll und trank. Maria blickte mit ihren traurigen Augen inzwischen ein wenig vorwurfsvoll aus ihrem Silberrahmen.

Oder bildete ich mir das ein? Zwinkerte sie mir gar mit einem Hauch von Schmäh zu? Sah ich womöglich alles viel zu schwarz für Marias Geschmack, die sich anfangs mit dem austriakischen Schmäh so schwergetan hatte? Sei ein bisschen blauäugiger, zischte sie mir in Gedanken zu. Blau? Bist deppert? Falsche Farbe, Mariechen.

Im Grunde war Marias Entschluss, spontan noch einmal mit Marko zusammenzuziehen, von unfreiwilliger Komik. Statt im Ferienapartment in ihrer Studienstadt zu verweilen, folgte sie ihm mitten ins Niemandsland. In ein Dorf, das es nicht gibt. Sagt schon der Name.

Ich hatte vergeblich versucht, Maria von dieser Fahrt ins Ungewisse abzuhalten. »Bist Du irre?«, brüllte ich ins Telefon. »Wo ist das überhaupt? Der Name ist Programm, wirst schon sehen! Und hey, das ist nicht Bielefeld, das ist noch schlimmer! Es existiert vermutlich überhaupt nicht!«

»Doch, doch,« versuchte Maria mich zu beschwichtigen. Ich war ja schon mal da, vor ungefähr 40 Jahren. Weißt du das nicht mehr?«

»Klar erinnere ich mich an die Geschichte mit deinem Adonis«, maulte ich zurück. »Und daran, wie die ausging! Statt dein sinnvolles Studium in London fortzusetzen, musstest du ja unbedingt in den Hinterwald ziehen! Und dann standst du allein da, kaum warst du angekommen. Mensch, Maria, du kannst doch nicht ernsthaft jemandem über den Weg trauen, der dich schon einmal kommentarlos in die Wüste geschickt hat!«.

»Ach, jetzt übertreibst du aber«, lachte Maria mit einem irren Unterton in der Stimme. »Wüste ist ja öd und leer, aber dort gibt es die saftigsten Weinberge, die ich je gesehen habe. Verdurstet ist da noch niemand!«

»Ne, das bestimmt nicht, aber an den Suff gekommen. Mariechen, echt jetzt! Reiß dich zusammen, schalte dein Hirn ein und geh mal kalt duschen. Dieser Hormonschub ist wirklich unseres fortgeschrittenen Alters unwürdig!«

Maria kicherte.

»Was willst du überhaupt? Bist du etwa eifersüchtig? Mensch, Alex, das hatten wir doch alles schon überwunden, dachte ich. Außerdem ziehe ich ja nicht aufs Land in die »Einöde«, sondern in die Nähe meiner Lieblingsstadt, eine kulturelle Hochburg! Und der arme Marko …«

»Ah, wenn ich das schon höre – »der arme Marko«! Soweit hat er dich also schon, ja? Bist ja richtig hörig!«

»Quatsch, er ist einfach sehr krank und ich dachte, in unserem Alter hat man nicht mehr viel Zukunft, da schien es mir eine gute Idee, noch ein paar gute Monate oder hoffentlich Jahre …«

»Jahre für was, Maria? Glaubst du dir das alles wirklich selbst?«

Sie glaubte es sich. Oder ihm. Oder glaubte halt an das, was sie glauben wollte. Ich ließ sie ziehen, organisierte Zwischenmieter für ihre schöne Wohnung und hoffte auf ihre baldige Rückkehr. Die sollte schneller kommen, als Maria es sich hatte träumen lassen …

***

Die letzten Monate ihres erneuten Zusammenlebens mit Marko wurden für Maria immer unerträglicher. In ihren Gedanken tauchten düstere Bilder auf, Erinnerungsfetzen, verbunden mit einem dumpfen Angstgefühl. Würde er sie wieder sitzen lassen? Ihr das alles nochmal antun?

Hilflos ausgeliefert fühlte sie sich der Willkür seiner Launen. Oder ihrer eigenen hypersensiblen Wachsamkeit gegen­über kleinsten Andeutungen der Ablehnung. Sie konnte sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Fand keine Kraft, sich abzulenken. Ständig kreisten ihre Gedanken um sein abweisendes Verhalten. Er saß stundenlang mit verschlossener Miene am Schreibtisch, lag auf dem Sofa oder im Bett und löste ein Sudoku oder las; signalisierte, dass er nicht gestört werden wolle. Oder er trug Kopfhörer am Schreibtisch, obwohl sie im Nebenraum schweigend ein Buch las. Seine Mimik undurchdringlich, die Lippen zusammengepresst, der Blick abwesend. Kalt. Unnahbar.

Wochenlang sprach er nur das Nötigste mit ihr, telefonierte aber ausgiebig mit anderen, manchmal stundenlang. Machte sie einen Fehler, reagierte er gereizt oder sogar wütend. Sie fühlte sich überflüssig. Konnte ihm nichts mehr recht machen. Hätte sich gern zurückgezogen, aber wohin? Mitgefangen, mitgehangen – so fühlte sich die Wohnsituation in seinem kleinen Haus an. Eine andere Bleibe hätte Maria sich nicht leisten können. Gespräche beschränkten sich auf Informationsaustausch. Immer öfter telefonierte er im Garten, damit sie nichts mitbekam. Dabei hatte sie nie gelauscht, sich immer rücksichtsvoll zurückgezogen, wenn sein Handy klingelte. Sie spürte, dass er in Gedanken mit seinen Problemen beschäftigt war, er vermisste nahestehende Menschen, die ihn ignorierten, trauerte um das verlorene Gefühl, integriert zu sein. Maria aber konnte seine Verluste nicht ersetzen oder kompensieren. Wie denn?

Nach einigen Monaten gingen sie nicht mehr zur gleichen Zeit schlafen. Es hatte mit seiner Erkältung begonnen. Er hustete stark und sie zog sich ins Gästezimmer zurück. Das ging ungefähr zwei Wochen lang so, dann schlief sie wieder im geteilten Bett, aber er kam abends nicht mehr dazu, wenn sie sich hinlegte. Fast jede Nacht verbrachte er im Wohnzimmer auf dem Sofa oder kam mitten in der Nacht ins Bett, stand aber wenig später wieder auf und verließ das Schlafzimmer. Hatte sie mit den Zähnen geknirscht oder geschnarcht? Störte ihn ihre Anwesenheit neben ihm in dem großen Bett? Warum jetzt auf einmal? In den ersten Monaten schlief er ruhig neben ihr, berührte manchmal ihren Rücken oder griff nach ihrer Hand, sogar, wenn er fest schlief. Sie hatten beim Einschlafen gekuschelt, nahmen sich beim Erwachen in die Arme.

Er hatte sie anfangs oft in die Arme genommen. Sie angelächelt, ihr übers Haar gestrichen, ihre Hand gehalten. Hatte ihr vermittelt, dass er glücklich mit ihr sei.

Dann hatten die Überfälle begonnen und von einem schrecklichen Erlebnis zum nächsten vertiefte sich der Graben zwischen ihnen. Zweimal wurde er krank, beide Male steckte sie sich an. Nach dem zweiten Covidinfekt erholte sich Marias Körper nicht. Schwindel, Übelkeit, Schwäche bestimmten jeden ihrer Tage. Eingesperrt und nicht fähig, das Haus zu verlassen. Sie wollte nur noch weg, kam aber kaum vom Sofa hoch, geschweige denn nach draußen. Als sie es schließlich schaffte, traf sie sich mit ihrer Freundin im Kaffeehaus. Die Freundin war ich.

WER WAR MARIA WIRKLICH?

Was, frage ich mich, als ich wieder einmal in Marias Aufzeichnungen und Tagebüchern lese, verstehe ich eigentlich von ihr, ihren Gefühlen, ihrem Leben? Ist nicht alles, was ich finden kann, nur ein winziger Ausschnitt der Vorgänge in ­ihrem Kopf? Wie soll ich mir ihr Leben in Nikogaršnja Zemlja vorstellen, was waren ihre Motive, dort bleiben zu wollen? Hatten ihre Entscheidungen, die mir so irrational vorkommen, eine innere Logik, die ich einfach nicht begreife? Ich würde so gern verstehen, was sie dort suchte und warum sie es hier bei mir nicht fand. Wir waren einander doch näher als jedem anderen Menschen, war das denn nicht genug? Wovor war sie weggelaufen und was hatte sie so vermisst?

Maria würde jetzt spöttisch lachen und sagen, ach Alex …

Also gut. Dann eben nicht. Lesen werde ich ihre Aufzeichnungen trotzdem.

Maria hatte niemanden, zu dem sie sich hätte retten können. Sie stürzte aus schwindelnder Höhe ihrer Glücks­ge­fühle ins Bodenlose. Ohne zu verstehen, was da mit ihr geschah. Maria wandte sich schließlich hilfesuchend an mich, obgleich sie mir ihre Lage nicht richtig erklären konnte. Sie verstand ja selbst nicht, was vorging. Wie hätte ich ihr ­helfen, etwas erklären können, weit weg von ihr ­lebend und ohne genaue Kenntnis der beteiligten Personen. Ich sprach mit ihr am Telefon, versuchte mein Bestes, sie zu trösten. Und bot ihr schließlich an, sie abzuholen, was sie zunächst ­vehement ablehnte, dann aber doch geschehen ließ. Apathisch und ausgelaugt wie sie war nach ihrer Krankheit schleppte sie sich, als sie wenigstens wieder laufen konnte, ins Kaffeehaus, wo wir uns trafen. Sie zu Hause aufzusuchen hatte sie mir dringlich untersagt. »Bitte komm nicht vorbei. Ich weiß nicht, wie Marko reagieren würde, wenn du plötzlich vor der Tür stündest«, hatte sie mich beschworen.

Moment mal, Maria, was soll das denn heißen?

Ich darf dich nicht besuchen, aber sein Bruder darf euch überfallen, wann und wie er will, dagegen unternimmt dein sauberer Marko nichts! Auch seine Schwester ist ja ungefragt ins Haus eingedrungen, als du gerade frisch angekommen warst, und hat dich zur Sau gemacht, als Einbrecherin beschimpft und mit der Polizei gedroht. Mühsam war es dir gelungen, ihr klarzumachen, dass du nicht unrechtmäßig in ihr Elternhaus eingedrungen warst, sondern bei ihrem Bruder lebtest.

Als Markos jüngerer Bruder von deiner Anwesenheit Wind bekam, verhielt er sich brutal, bedrohlich, völlig unberechenbar, überfiel euch, wann immer es ihm passte, behandelte dich wie ein Stück Dreck. Ob das nun aus eigenem Antrieb geschah oder ob seine Freundin ihn dazu angestachelt hatte, wie Marko immer behauptete, weiß niemand. Sicher erscheint nur, dass Markos Bruder Ivan mit Magdalena, Markos ehemaliger Lebensgefährtin, in Kontakt stand. Sie hat großen Einfluss auf Ivan, seit sie ihn als Jugendlichen kennengelernt hat. Und Magdalena ist zuzutrauen, dass sie Ivan angestiftet hat zu welcher Untat auch immer, solange es Marko in ihre Arme zurückbrachte und die arme Maria in die Flucht schlug.

MARIA: BRACHE

Brach liegt das Feld, das du nicht bestellt. Zerbrach – st du mir den Schädel? Das Hirn nähtest du mit Zwirn. Schädel­spalter, so hieß mal eine hannöversche Stadtzeitung. Nicht so gut, aber fast, wie der Falter. Wer wollte mir den Schädel spalten mit der Axt? Kain? Oder doch Abel? Wer wem? Wir wissen es nicht. Aber die Axt, die stand plötzlich im Haus, neben der Ein­gangs­tür. Wer wollte wen damit bearbeiten?

Es war ein ruhiger Herbsttag in der Südsteiermark. Warm, wie dort üblich in dieser Jahreszeit. Wir arbeiteten, ich im Wohnzimmer, du am Schreibtisch. Wie immer. Alles friedlich.

Dann der Überfall, der wievielte? Ich habe sie nicht gezählt. Das Gartentor wurde aufgestoßen, ein Auto mit fremdem Kennzeichen schob sich in die Einfahrt und stand mitten vorm Haus. Wir wären weder rein- noch rausgekommen. Und ich wusste nicht mehr ein noch aus. Ein Glatzkopf der Sorte, die ich früher mit »Glatze« bezeichnet hätte. Trug er Springer­stiefel? Es hätte gepasst. Verhasst. Diese Visage. Und hasserfüllt starrte er mich an, als ich ihm trotz alledem pflicht­schuldig die Tür öffnete.

Er schob mich unsanft beiseite und riss diverse Schubladen im Vorraum auf, als suche er etwas, ich konnte ihn daran nicht hindern. Es gehörte ihm ja alles zu einem Drittel, mir nicht. Mir gehörte aber der Tisch im Vorraum, der ihm sofort als fremd ins Auge fiel. Was tut dieses fremde Möbelstück hier? Er warf mir den soundsovielten hasserfüllten Blick zu, schob mich abermals roh zur Seite und betrat das Treppenhaus mit seinen dreckigen Stiefeln, aus deren Profil Erdbatzen und Steinchen die eben von mir polierte Holztreppe verunreinigten. Ich suchte im Vorraum nach Schaufel und Kehrblech. Eine Übersprungshandlung, während im Schlafzimmer nun Gebrüll ertönte. Hatte er dich geweckt? Warst du dich hinlegen gegangen, mitten am Tag, wie so oft dieser Tage? Erschöpft und müde, weil du nachts mal wieder nicht hattest schlafen können?

Ich weiß es nicht mehr. Ließ Schaufel und Kehrblech liegen, ging ins Wohnzimmer, das leider türlose. Nur eine Schiebetür aus Glas, nicht verschließbar. Und kaum hatte ich mich aufs Sofa gekauert, zitternd, polterten die Stiefel herein, die Glatze kam bedrohlich nah, als er alte Hobel und Pflanzen vom Fensterbrett räumte, sie schweigend hinaustrug, um sogleich zurückzukehren und weitere Gegenstände hinauszutragen zu seinem Auto. Gehörten die ihm? Ich wusste es nicht, wagte aber nicht, etwas zu sagen.

Von dir keine Spur. Hatte er dir etwas angetan? Ich rief deinen Namen, Marko? Keine Antwort. Marko?

Stattdessen polternde Schritte auf den Stufen. Wieder schob die Glatze ihren massigen Körper ins Wohnzimmer, sah sich mit irrlichterndem Blick um, drei Schritte auf den Ofen zu, er öffnete die Ofentür, riss sie aus den Angeln. Da endlich erschienst du in der Tür, gingst auf ihn zu, auch du bedrohlich und großgewachsen. Ihr nehmt euch da nicht viel. Oder bist du, weil ich dich so sehen will, eben doch nicht nur älter, sondern auch größer? Jedenfalls, ein Griff und du hattest die Ofentür in der rechten Hand, aber die Glatze hielt fest. Gerangel und Gebrüll, in scheußlichstem »Stoasteirisch«. Ich verstand nichts.

Es gelang dir schließlich, nachdem du beinah hingefallen wärst und dir, wie wir später feststellten, einen riesigen Bluterguss im Oberschenkel zugezogen hattest, ihm die Ofentür zu ent­winden. Du brülltest weiter, er brüllte zurück.

Inzwischen war seine Freundin im Treppenhaus erschienen, guckte entgeistert auf euch beide, sagte »Aber Marko, so kenne ich dich ja gar nicht!«.

So kannte ich dich auch nicht. Du stelltest die Ofentür neben dich, ich ergriff sie und trug sie in den Keller, wo ich sie in einem meiner Koffer versteckte. Oben wurde noch immer gezankt. Als ich mich traute, die Treppe nach oben zu nehmen, kam das Gebrüll aus dem Garten. Die Freundin stand etwas blass in der Wohnzimmertür und sah mich unsicher an. Ich schob mich an ihr vorbei und rettete mich aufs Sofa. »Servus«, sagte sie. Ich antwortete nicht. »Hat man euch in Deutschland keine Manieren beigebracht?«, schimpfte sie nun plötzlich wieder mit schneidender Stimme. »Auf Wiedersehen zu sagen müsste doch drin sein!«

Auf Nimmerwiedersehen, murmelte ich. Aber sie war schon außer Hörweite.

SPRACHLOS

Maria war sonst nie sprachlos gewesen. Aber jetzt, im Kaffeehaus, saß sie mir schweigend gegenüber, nippte lustlos an ihrem Verlängerten. Ich stellte Fragen, die sie nicht beantwortete. Maria sah verhärmt aus, gezeichnet von der Krankheit, aber vor allem schien sie ihre Sprache verloren zu haben. Hatte Marko ihr denn nicht zugehört? Sie nicht zum Sprechen gebracht?

»Doch, anfangs schon. Es gab ja auch viel zu erzählen. Vierzig Jahre lassen sich nicht an einem Abend in Worte fassen. Aber dann, je länger wir zusammenwohnten, hörte er mir nicht mehr zu. Wenn ihm selbst danach zumute war, konnte er ausführlich berichten oder sich ausheulen und beklagen über das, was er als erlittenes Unrecht empfand. Ich hab ihm zugehört. Vielleicht wollte er weiter nichts.«

»Ja, klar, Maria! Du hast ihm Aufmerksamkeit geschenkt. Und Bestätigung. Aber was hattest du davon?«

»Ach, Alex. Ich weiß es nicht. Anfangs war ich einfach glücklich, hier zu sein. Es fühlte sich leicht und richtig an. Seit der Krankheit habe ich so viel vergessen. Nur noch Leere in meinem Kopf. Ich komme mir vor, als würde ich langsam dement.«

»Quatsch, du wirst nicht dement, und das solltest du auch wissen! Das sind vorübergehende Folgeerscheinungen dieser verfluchten Infektion, aber es geht vorbei. Du hattest ähnliche Symptome nach anderen Virusinfekten.«

»Nein, ich kann mich an so wenig erinnern. Und Schweigen ist mir lieber als fantasierte, zusammengereimte Pseudo­erinnerungen.«

»Pseudoerinnerungen?! Sag mal, spinnst du jetzt, Maria? Wer sagt denn sowas?«

»Ach, ich weiß es nicht. Marko hat mir nicht mehr zugehört. Es interessierte ihn gar nicht, was ich erlebt oder zu erzählen hatte. Dabei ging es doch um Austausch. Dachte ich …«

»Austausch mit dem? Das ich nicht lache! Der wollte doch nur über sich selbst reden oder eben schweigen. Total hartnäckig. Du bist zunehmend vereinsamt an der Seite deines ach so geliebten Kerls! Hast du das nicht bemerkt?«

»Ach nein, in letzter Zeit dämmere ich meistens vor mich hin, bin froh, wenn Schwindel und Übelkeit mir nicht mehr so zusetzen wie während der akuten Infektion. Es war wirklich furchtbar. Aber selbst an diese ersten Krankheitstage erinnere ich mich nur in Bruchstücken …«

»Maria, ich finde, es reicht jetzt. Ich habe dir lange genug beim Leiden zugesehen. Du solltest dir einen Ruck geben und mich nach Hause begleiten! Dafür bin ich extra den ganzen Weg hierhergefahren. Nicht, um allein im Auto zurück zu fahren, sondern mit dir! Nimm das Angebot bitte an.«

Maria schwieg wieder, rührte ihren inzwischen kalt gewordenen Kaffee nicht mehr an. Ihr Blick ging ins Leere. Sie schien meilenweit weg von mir.

ZWANZIGER JAHRE

»Hier und jetzt«, das sind die 2020er Jahre, die in fataler Weise demselben Jahrzehnt hundert Jahre zuvor ähneln. Was vor meiner Wohnungstür im Außen geschieht, lese ich täglich in den Nachrichten, den Zeitungen, im Netz. Unheil ringsherum, und wo es noch nicht angekommen zu sein scheint, dräut es spürbar am Horizont. Manchmal schreibe ich auch Beiträge für Zeitungen, selten werden sie gedruckt. Der folgende Text ist zumindest erschienen, in einer mittelgroßen Zeitung, natürlich unter Pseudonym. Niemals würde ich politische Texte unter eigenem Namen veröffentlichen in dieser Zeit. In dem Haus, in dem ich lebe, wird bestimmt nicht nur konservativ gewählt, sondern womöglich rechtsextrem. Zumindest Frau Hauser, der Nachbarin aus dem Hochparterre, traue ich dies­be­züg­lich alles zu. Also: Vorsicht ist die Mutter der Porzellan­kiste.

Wölfe im kuschelig weichen Schafspelz inszenieren ihre Harmlosigkeit, wohl gesonnene Medien liefern Schützenhilfe für das Schauspiel. Kein Überfall mit Gebrüll und Säbelgetöse wie in anderen Ländern, wo Krieg herrscht, sondern lautloses Anschleichen kennzeichnet hierzulande die Jagd wildernder Raubtiere. Doch wer bietet ihnen Einlass in das Schafsgehege?

Eine alternde Hausfrau und Mutter vielleicht, die nie oder geringfügig erwerbstätig war und seit Jahrzehnten verbittert über mangelnde Anerkennung ihrer Leistung in der Care-­Arbeit grummelt – offenbar gefällt ihr, wenn Flüchtlinge aus einer fremden Kultur als Verursacher sozialer Spaltung diffamiert werden. Diesem »arbeitsscheuen Gesindel« die Unterstützung zu versagen erscheint ihr nur gerecht – »leistungslos« würden sie durchgefüttert, während sie selbst mit ein paar Cent Mütter­rente abgespeist werde. Flüchtlinge aus der Ukraine seien ihr weniger suspekt, benähmen sie sich doch »wie wir« – der Krieg auf ihrem Territorium müsse allerdings umgehend gestoppt werden, damit sie dorthin zurückkehren und dort »in Frieden« leben ­könnten. Frieden sei schließlich auch deren einziger Wunsch. Die ­wahren Diktatoren seien westliche Regierungen, die aufrüsteten auf ­Kosten der Bevölkerung, der Infrastruktur, der Wirtschaft …

Ein erfolgloser Künstler vielleicht, Typ verkanntes Genie, plädiert auch für den Frieden – besonders empört er sich über den »kolonialistischen Unrechtsstaat« Israel und demonstriert für den palästinensischen Befreiungskampf. Unterdrückt seien die, wie er selbst in seiner Mittellosigkeit ohne jede Kultur­förderung, während Sozialleistungen unverdient an »schmarotzende« Fremde verteilt würden. Schon die Pandemie habe gezeigt, wer die wahren Unterdrücker seien – Verschwörung der Reichen, natürlich weltweit vernetzt. Korruption all­über­all, Politiker seien geschmiert, die Wissenschaft sowieso. Das könne man alles auf YouTube finden, beschwört er seine Freunde, den Systemmedien sei längst nicht mehr zu trauen …

Grundverschiedene Milieus, stellvertretend für unzufriedene Teile unserer Gesellschaft, geeint nur im Kreuz, das sie zu tragen glauben und nun auf ihrem Wahlzettel machen.

Aber das sind doch »die Anderen«, nicht »wir«, denken wir jetzt vielleicht – solche Leute seien doch verführbare Schafe, des Denkens nicht mächtig oder zu bequem. Wir hingegen, die wir uns für klüger halten, suchen doch schließlich nach den vermeintlich »richtigen« Antworten. Und betrachten die Trümmer, die wir nicht wieder aufbauen können. Und fragen uns, was passiert sein mag:

Klafft ein Spalt in unserer Welt, wie wir sie liebten, zu kennen glaubten? Ist das ein Klischee oder doch real, ein Vorurteil gar oder ein Gerücht, in böser Absicht verbreitet? Wer kann noch unterscheiden zwischen Realität und eigenem Weltbild, zwischen geschickter Propaganda für undurchschaubare politische Ziele und verlässlicher Information? Wer kann erkennen, wo Unwahrheit die Meinung beeinflussen soll?

Mit Schrecken verfolgen wir Nachrichten, die Angst und Verunsicherung verbreiten, suchen nach Lösungen, die wir nicht finden oder nicht durchsetzen können. Vor Schreck gelähmt aber sind wir leichte Beute für Beeinflussung, weil Angststarre keine Gegenwehr ermöglicht und eigenständiges Denken behindert.

Ist es schon so weit gekommen mit uns, sind wir verweichlicht oder tragen Scheuklappen durch jahrzehntelange Beschäftigung mit uns selbst? Bürgerinnen und Bürger eines Landes, das Frieden und Wohlstand generierte, für viele jedenfalls, und wer daran nicht teilhatte, der sei »irgendwie ein bisschen« selbst schuld und solle sich mehr anstrengen. Selbstoptimierung macht’s möglich. Wie das geht, zeigt uns eine Vielzahl von »Influencern« oder populärwissenschaftlichen Podcasts im Netz.

Schuld an unserer Unzulänglichkeit findet sich bestimmt im Außen: Eltern und Schule, gesellschaftliche Normen und Forderungen, kurz: die Umwelt, die uns prägte und ungerecht behandelt hat.

Ins Außen projizieren wir auch die Lösungen: die Politiker sollen es richten, so war es doch jahrzehntelang, wir sehnen uns zurück in selige Zeiten, da alles sicher und im Aufwind erschien. Als wir uns ungehindert mit uns selbst beschäftigten, nach Wunden suchten, die wir lecken, und Schuldigen, die wir bezichtigen konnten.

Mitleid konnten wir uns leisten – eine Möglichkeit, sich vergleichsweise besser zu fühlen. Tätige Hilfe wirkt als Verstärker für moralische Rechtfertigung. Je individualistischer das Entwicklungsziel, desto selbstbezogener unsere Motive, auch wenn das Handeln solidarisch erscheint.

Und nun? Plötzlich finden die Lenker freiheitlicher Staaten keine angemessenen Lösungen mehr. Viele Menschen sehnen sich nach klaren Richtlinien, nach Kompetenz und Handlungsfähigkeit derer, an die wir alle Verantwortung delegiert haben.

Wir stehen im Wind, dem kalten, wie die Schafe – doch lange wärmte die Wolle und wir bewegten uns nicht. Satt, wiederkäuend und träge geworden sahen auch wir zu, wie das Gras immer höher wuchs, zum undurchdringlichen Dickicht geriet, das wir für Schutz hielten.

Willkommene Jagdgründe für Wölfe, die sich geduckt durchs hohe Gras heranpirschen.

Apropos »freiheitliche« Staaten:

Marias Lieblingsland hat seit der letzten Nationalratswahl seine tiefblaue Färbung offengelegt. Und wenngleich die Mur nie so blau war wie die Donau, hat die Steiermark nachgezogen und ganz besonders viele Stimmen für die »Freiheitlichen«, also die FPÖ abgegeben. War wohl nichts mit dem »grünen Herzen von Österreich«. Insbesondere in ländlichen Gebieten, also dort, wo Maria so gern weitergelebt hätte. Gut, dass sie davon nichts mehr mitbekommen hat. Sie wäre deprimiert gewesen ob dieser Wahlergebnisse.

Erschreckend ist die große Zahl an Jungwählern, die hüben wie drüben rechtsaußen wählen. Da nützt uns ­unsere Grenzkontrolle, die die Herren Kurz und Seehofer ja schon vor ­Jahren favorisierten, auch nichts. Die politischen Trends, die von Österreich nach Deutschland schwappen, und umgekehrt, waren noch nie erfreulich.

IM LANDE NOD

Jenseits von Eden ist heute ein Buchtitel, ein »geflügeltes Wort« – aber eigentlich ein Bibelzitat, Genesis 4:16. Jeden­falls in der Lutherübersetzung. In moderneren Bibel­fas­sun­gen heißt es wie der amerikanische Buchtitel von John Stein­beck: »East of Eden«, östlich oder im Osten.

Maria kennt nur die Lutherübersetzung. Der Landstrich, in den Kain nach seinem Brudermord auswanderte, liege, so das erste Buch Mose, »jenseits von Eden, gegen Osten, im Lande Nod«.

Maria verbringt eine Urlaubswoche im Lande der Fülle, einem Postkartenparadies, einem der beliebtesten Urlaubs­ziele vieler Deutscher. Mildes, fast mediterranes Klima, Pano­ramablick auf ein Bergmassiv, ihm zu Füßen in der Ebene glitzert der Wörthersee im Sonnenschein. Dieser Tage wird hier neben landschaftlicher Schönheit und mildem Klima auch noch Kultur auf hohem Niveau geboten. Die Tage der deutschsprachigen Literatur, aber bitte mit Sahne, wie einst ein berühmter Kärntner Sänger trällerte.

Maria freut sich auf das ersehnte Sahnehäubchen ihres Urlaubs: ein Wiedersehen mit ihrer einstigen Jugendliebe nach über vierzig Jahren. Was für ein Setting für eine Schmonzette! Maria im Café am Wörthersee mit Blick auf die Kara­wanken. Im ORF Garten bekommt sie diverse kleine Braune. Geschenkt. Mitten in dem Land, in dem schon die große Kärntner Schriftstellerin Ingeborg Bachmann über die vielen großen und kleinen Braunen schrieb.

Kaffeehauskultur ist aus deutscher Sicht eine österreichische Spezialität. Hier bestellt man nicht einfach eine Tasse Kaffee, sondern eine von vielen Varianten, mit Betonung auf der letzten Silbe: Kaffée.

Maria hatte in ihren jungen Erwachsenenjahren in Graz studiert. Im »Dorf in den Karawanken«, wie sie vorher irrtümlich diese Stadt bezeichnet hatte, war sie doch wenig beschlagen in Geographie. Wie konnte sie dorthin geraten, in diese ihr gänzlich unbekannte Großstadt mit der Uni, an der sie ihren Abschluss machen sollte? Sie war ihrer Ferien­bekanntschaft nach Österreich gefolgt, einem jungen slowenisch-stämmigen Mann aus Graz. Leider hatte die ­Verbindung mit ihm nicht gehalten und das lag nicht nur an Marias mangelnden Geographie-Kenntnissen.

Eine Piefke, wie sie als Deutsche damals noch heimlich von Kommilitonen bezeichnet wurde, verliebte sich in einen Tschusch. Ein Schimpfwort, mit dem slowenisch-stämmige Bürger als »fremd« gebrandmarkt wurden, als Ausländer. Keine nette Bezeichnung für einen Mitbürger, zumal einen in Österreich geborenen. »Zwei Ausländer also – das kann ja nicht gut gehen«, hatte Marias deutsche Großmutter damals trocken bemerkt.

Die Grenzen, die Maria und ihr Geliebter für diese ­Verbindung überschreiten mussten, waren schier unüberwindlich. Das Wasser war, ach, viel zu tief. Nun sind wir schon mitten in die Schmonzette geglitten, was Maria jedoch bestritten hätte. Sie sitzt am »Wörtersee« (ohne h) und schreibt Gedichte. Auch über Grenzen und Grenz­über­schrei­tun­gen.

»Einen großen Braunen bitte«, bestellt sie beim Ober. »Ach nein, doch lieber einen Verlängerten«. Der große Braune wäre heute zu viel des Guten. Oder Schlechten? Jeden­falls hinterließe der einen bitteren Geschmack im Mund und außerdem hinderlichen Mundgeruch. Das möchte ­Maria heute unbedingt vermeiden, denn sie erwartet Besuch. Der Exfreund hat ihr zugesagt, sie heute hier zu treffen. Maria ist ein bisschen nervös. Vierzig Jahre getrennte Leben sind doch kaum zu überbrücken. Aber wer spricht denn von Brücken? Heute wollen sie einfach nur etwas Zeit miteinander verbringen.

Gegen Mittag, als Maria ihren zweiten Verlängerten ausgetrunken hat, steht Marko etwas verlegen vor ihr. Eine angedeutete Umarmung, das ist alles. Marko bestellt sich einen großen Braunen. Na ja, alles eine Frage der Gewohnheit.

»Was fangen wir denn nun an mit diesem schönen Sommertag?«, fragt Maria. »Ich dachte, wir machen einen Ausflug«, schlägt Marko vor. »Oh ja, schön!« haucht Maria. Sie hätte jeden Vorschlag von Marko schön gefunden. Gesagt, getan. Sie zahlen ihre Getränke und steigen in sein Auto.

»Wohin fahren wir denn?«, erkundigt sich Maria, aber Marko gibt keine Auskunft. »Wart’s ab«, brummt er. Die Fahrt dauert lange und Maria fragt sich, warum sie nicht einfach am Wörthersee geblieben sind.

Je näher sie dem Gebirge kommen, desto dunkler bewölkt sich der Himmel. Die langen, gewundenen Straßen werden schmaler, die Luft dringt feuchter und kühler durch das geöffnete Autofenster. Eine Erfrischung nach der sengenden Hitze in Klagenfurt. Sie passieren einen Grenzposten, ein leeres Häuschen, einen geöffneten Schlagbaum. »Sind wir etwa in Slowenien?«

Marko nickt. Die Wolken brechen und ein Regen­guss trommelt auf das Autodach und erschwert die Sicht. Markos Scheibenwischer versagen und sie sehen nur noch Wasser­schwaden.

»Wir sind gleich da«, sagt Marko. »Ich habe aber keine Regenjacke dabei, Marko!« »Macht nix,« antwortet er, »ich habe diverse Jacken hinten im Kofferraum, ich leihe dir eine«.

Also gut. Sie werden gemeinsam durch den Regen laufen. Wie romantisch.

Marko parkt den Wagen auf einem Parkplatz, der offenbar zu einer Besichtigungsstätte gehört. »Wo sind wir denn hier? Es regnet immer noch und außerdem ist es ziemlich kühl«, mault Maria. Marko ignoriert sie, ist schon ausgestiegen und holt zwei wetterfeste Jacken aus dem Kofferraum. Klar, er ist auf alle Wetterlagen vorbereitet, als Naturfotograf braucht er sowas.

Marko hält Maria den Anorak auf und sie schlupft hin­ein. Ihre Hände verschwinden in den langen Ärmeln. Marko ist ein sehr großgewachsener Mann und Maria eine zier­liche Frau. Aber was soll’s, sie hat schon vor vierzig ­Jahren gern seine Pullis oder T-shirts ausgeliehen und getragen, sie rochen nach ihm. Genau wie diese Jacke hier. Maria schließt den Reißverschluss und schlingt die Arme um ihren Oberkörper, um den viel zu weiten Anorak enger um ihren Körper zu wickeln. Markos Duft umhüllt sie, auch wenn er selbst jetzt weit entfernt von ihr steht.

Maria sieht sich um, während Marko ein paar Schritte auf eine seltsame Statue zugeht. Er hält seine Kamera in den Händen. Wie zu erwarten gewesen! Dieser Mann ist Fotograf mit Leib und Seele, das war schon früher seine ganze Leidenschaft.

»Marko, ich hab schrecklich Hunger. Wollen wir nicht da drüben einkehren?«. Maria deutet auf einen Gasthof neben dem Parkplatz. »Sieht doch ganz nett aus. Hier kann man mit Euro zahlen, oder?«

»Natürlich, Depperl. Slowenien ist Teil der EU und der Währungsunion.«

Maria schluckt. Mit ihrer Allgemeinbildung ist es nicht weit her. Marko hat wieder einmal die Nase vorn, wie damals, als sie Graz für ein Dorf in den Karawanken gehalten hatte. Er lächelt sie kurz mit diesem ironischen Gesichtsausdruck an, den Maria nicht mag. Statt den Arm um sie zu legen und sie zu küssen, wird Marko sofort wieder ernst, sehr ernst sogar. Was hat das alles hier mit einem romantischen Wiedersehens-Treffen zu tun?

»Komm mal her. Bevor wir essen gehen, möchte ich dir zeigen, warum wir hergefahren sind!«

Marko steht neben der Statue, einem überlebensgroßen menschlichen Gerippe, und zeigt auf eine Tafel, die offenbar beschreibt, was sie darstellt. Eigentlich bedarf es keiner Erläuterung. Nur wieso? Warum sind sie hier?

Bevor Maria die neben dem hohen Kunstwerk angebrachte zweisprachige Tafel lesen kann, hält Marko ihr sein Handy hin. »Da, lies!«

»Loiblpass – Außenlager des KZs Mauthausen.