Beschreibung

Der Roman erzählt die Geschichte eines jungen Lehrers, der einen geheimen Plan in die Tat umsetzen wird. Er mag seine Schüler und wird auch von ihnen wohlwollend angenommen. Die durchaus zu schätzenden Seiten der ostdeutschen Schule treten in der Erzählung warmherzig widergegeben ans Licht. Genauso wie auch ihre absurden Eigenschaften. Anlässlich einer Klassenfahrt und deren Auswertung, bei der die Jugendlichen anecken, wird ihr Lehrer unter Druck gesetzt. Um diesen auszuweichen, entschließt er sich, auf abenteuerlichen Wegen durch Osteuropa die „Seite“ zu wechseln. Es wird das gefährlichste Unternehmen seines Lebens, jedoch durchaus humorvoll geschildert. Ohne den Erfahrungen aus seiner Zeit an der „Berliner Mauer“ wäre es ihm nicht geglückt, fast unbeschadet in den Westen zu gelangen. Einige Geschehnisse an der „Mauer“ lässt der Autor Review passieren. Noch nie wurden diese so plastisch widergegeben, wie es in diesem Buch zu lesen ist.

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Inhalt

Die Abfahrt

Ein folgenreicher Irrtum

Herzlich willkommen

Amerikanisch-russisches Wechselspiel

Auf den Dornbusch

Durchgefallen

Prager Frühling

Die Welt in Bildern

Der Kinderwagenversuch

Halb Berlin

Turmgeflüster

Eine Begegnung

Springer

Die Steckdosenparty

Strahlende Frühlingsgrüße

Die Vorbereitung

Auf dem Wege

Die Nacht im Walde

Die Bulldog

Der Sprung

Eine Mitfahrgelegenheit

Epilog

Die Abfahrt

Heftige Schläge gegen die blecherne Wand des Gasmeilers übertönten das ebenmäßige Blubbern des Motors, der die sechs Frauen in einen dämmrigen Zustand zwischen Schlaf und Wachsein hat gleiten lassen. Das ungleiche Geschaukel des Gefährts auf dem holprigen Pflaster tat ein Übriges. Sie empfanden es als einen körperlich direkt spürbaren wohltuenden Begleiter auf ihrem Weg aus der Stadt.

Plötzlich aufgeschreckt hoben die Frauen jetzt ihre Köpfe und blickten auf Gesine, die wie von Sinnen mit einem armlangen Holzscheit auf den Meiler einhieb. In ihrem Gesicht spiegelte sich Angst und panisches Erschrecken. Die siebenjährige Lise regte sich nicht mehr. Unbemerkt war das Kind vom Schoße der Mutter allmählich zu Boden geglitten. Dort schutzlos dem scharfen Fahrtwind eine ganze Weile ausgeliefert, hatte es schon das Bewusstsein verloren.

Eine Bodenwelle ließ Gesine aufwachen und im ersten Reflex nach Lise ins Leere greifen. Sofort in Panik, hob sie das Kind hoch, schüttelte es und schrie es an. Lise zeigte jedoch keinerlei Reaktion.

Erschrocken über die lauten Schläge hielt Gruner, der Fahrer des kleinen Lastautos, sofort an. Er nahm die reglose Lise sogleich mit nach vorn in das Fahrerhaus und quetschte sie neben sich und Gesine, während seine Frau auf die Ladefläche kletterte, um sich dem kleinen Bruder von Lise anzunehmen. Dieser hatte sich, unbeeindruckt vom Geschehen um ihn herum, in eine Bettdecke in der Nähe des Gasmeilers, von dem etwas Restwärme ausstrahlte, eingerollt und schlief.

Inzwischen war es dunkel geworden. Die Kälte legte spürbar weiter an Schärfe zu. Gruner beruhigte die Frau neben ihm so gut er konnte und kündigte an, gleich beim ersten Haus der nächsten Siedlung am Wege anzuhalten, um Hilfe zu suchen. Er hatte bei dem bewusstlosen Mädchen einen schwachen, zaghaften Puls gefühlt.

Seit mittags schon waren sie unterwegs. Elfriede, die Ehefrau des Fahrers, brauchte Gesine und einige andere Frauen aus den Häusern der unmittelbaren Nachbarschaft nicht lange zu überreden. Sie hatten alle ohnehin längst jede für sich überlegt, wie sie der deutlich hörbar näher rückenden Front ausweichen könnten, vielleicht zu den Eltern oder zu anderen Verwandten aufs Land gehen. Aber auch dorthin bewegte sich die aus dem Osten auf sie zu rollende Gefechtslinie. Zu groß war die Angst vor den bald eintreffenden Russen, die, wie sie gehört hatten, überall grässliche Greueltaten verübten. Sie sollen sogar einige Frauen brutal zu Tode vergewaltigt haben. Wie wilde Tiere verhielten die sich, ließen die Rundfunknachrichten durchblicken.

Heute morgen, in aller Frühe, hatte der Gauleiter die Erlaubnis gegeben, die „Festung Breslau“ verlassen zu dürfen. Das kam dem Aufruf gleich: „Rette sich, wer kann!“ Nur eine reichliche Stunde hatten die Frauen Zeit, diejenigen Habseligkeiten in einen Koffer zu verstauen, die sie für lebenswichtig hielten, vor allem Unterwäsche und Bekleidung für sich und die Kinder. Die Papiere und das noch vorhandene Geld wurden in der Handtasche verstaut. Der große leinene Rucksack, der sonst mit Kartoffeln oder Rüben gefüllt war und der manchmal auch zur Beschaffung von Kohlen herhalten musste, nahm jetzt Brot, Speck, Wurst, Fleisch und Thermosflaschen, gefüllt mit Malzkaffee, auf. Proviant für wenigstens drei Tage.

Nun kauerten die sechs Frauen neben ihren Habseligkeiten auf dem blanken Bretterboden des Autos an diesem ersten kalten Februartag des letzten Kriegswinters. Schnell stellten sie fest, dass sie es in dieser Weise nicht lange aushalten würden. Gesine kletterte kurz entschlossen noch einmal von der Ladefläche herab, auf der sie sich schon niedergekauert hatte und stieg die drei Treppen zu ihrer Wohnung in der Lohestraße hinauf. Behänd fingerte sie den Schlüssel aus der Handtasche. Dann sammelte sie alle vorhandenen Decken ein, warf das Bündel zum Fenster hinunter vor den wartenden Laster und schloss sorgsam die Wohnungstür hinter sich wieder ab. Nicht ohne noch einmal den geschlossenen Gashahn zu prüfen, obwohl schon vor drei Tagen das städtische Gaswerk stillgelegt wurde. Aber sicher ist sicher, dachte sie noch in diesem Moment und begab sich gleich darauf zurück zu dem Laster.

Gruner wartete bereits ungeduldig vor der Fahrertür. Er wollte endlich losfahren, bevor es sich vielleicht noch eine der Frauen anders überlegt. Er fand die Idee seiner Frau geradezu genial, die Frauen aus der Nachbarschaft mit bei sich aufzunehmen. Mit dieser „Ladung“ glaubte er, unterwegs einigermaßen gegen die Wegnahme seines Fahrzeugs durch deutsche Feldjäger geschützt zu sein. Erst vor einem Jahr leistete er sich für nur dreihundert Reichsmark den Kauf des Lasters, um die wenigen noch geöffneten Läden und die drei Kasernen der Stadt mit Waren aller Art zu beliefern. Mit der Umrüstung vom Benzinbetrieb zum Holzvergaser hatte er das Richtige getan und schlug damit den Konkurrenten von der Nachbarstraße aus dem Rennen. Vor allem aus diesem Grunde durfte er das Fahrzeug behalten und musste es nicht wie sein zweites Lastauto, an die Wehrmacht abgeben.

Eigentlich planten die Gruners, das Fuhrgeschäft durch ein drittes Auto zu erweitern, einen Fahrer einzustellen und so mit zwei Wagen und einem Reservefahrzeug, einen stabilen Fuhrbetrieb zu unterhalten. Jetzt jedoch ging es ihnen nur noch darum, wenigstens den kleinsten Lieferwagen behalten zu können und in Sicherheit zu bringen. Wenn es sein musste, auch ganz weit weg zu fahren, bis ans andere Ende der Frontlinie, möglichst hinter diese, egal wo das dann sein würde. Auch dort würden garantiert Fuhrunternehmer gebraucht werden. Die „Geschäfte“ mussten ja trotz Allem weitergehen!

Keine der Frauen wusste seit Einbrechen der Dunkelheit mehr, wo sie sich gerade befanden. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, die Stadt hinter sich zu bringen, suchte Gruner nach Schleichwegen. Er kannte sich aus und probierte es nun einfach, den Laster durchzubringen. Direkt aus der Innenstadt auf der Taschenstraße und der Neuen Sandstraße, dann auf der Drebnitzer Straße die Alte Oder zu überqueren, misslang. Die Steinhalden, die sich aus den zerbombten Häusern in die Breite ergossen, taten sich als unüberwindliche Hindernisse auf. So lenkte Gruner kurz vor dem immer noch unbeschadeten Dom das Auto in die entgegengesetzte Richtung um und landete wieder in der völlig unzerstörten Lohestraße, dem Ausgangsort der Fahrt. Er fuhr nun aber auf ihr in der anderen Richtung dem östlichen Stadtrand zu.

Bald darauf konnte er beschleunigen und änderte kurz vor Schweidnitz die Richtung und hielt nun nach Westen. In weitem Bogen um die Stadt herum war schließlich doch das niederschlesische Liegnitz erreicht.

Längst waren inzwischen die Frauen auf der Ladefläche verstummt. Als sie sich noch in der Stadt befanden, tauschten sie vielwortig ihre Ansichten aus. Nur für höchstens sechs Wochen würden sie hier das Feld räumen müssen. Dann ginge es wieder zurück, versicherten sie sich übereinstimmend gegenseitig. Sie hätten es im Rundfunk gehört.

Im Vorbeifahren warfen sie jedoch bange Blicke auf die „Jahrhunderthalle“ und den Dom, innerlich unsicher, ob sie dies Alles jemals wiedersehen würden.

Es glitten die vertrauten Läden vorüber, in denen sie fast täglich einkaufen gingen, in denen sie mit den Verkäufern über ihre Alltagsprobleme redeten, mit dem Schuster über den Sinn neuer Absätze verhandelten. An der Zahnarztpraxis fuhren sie vorbei, dachten an die Leute im Warteraum, in dem sie ausharrten, bis sie an die Reihe kamen und durch die gepolsterte Doppeltür in den Behandlungsraum eintreten durften und die Kinder oft von dem freundlichen jungen Arzt für umsonst, für ein herzliches Dankeschön, behandelt wurden.

Als das Rathaus in Sicht kam, zeigte Irmgard auf den Eingang des Tanzlokals im Gebäude daneben. Sie verriet, wie sie dort ihren Mann kennen lernte. Hinter der jetzt weit offen stehenden Tür hatte er sie fest an die Wand gedrückt und so entschlossen das erste Mal geküsst, dass sie bald darauf vor dem Traualtar standen. Das lag nun fast acht Jahre zurück, stand aber noch lebhaft vor ihren Augen, als ob es erst gestern gewesen wäre. Deshalb musste sie es gerade jetzt den anderen Frauen erzählen.

„Na, mit dem Aufzug heute wäre das wohl sicherlich nicht so gekommen“, scherzte die neben ihr sitzende Hannelore. Einen kurzen Moment lang hellten sich die Gesichter der Frauen unter ihren dicken Mützen und Wolltüchern auf. Erstaunt stellten sie fest, wie gern jede von ihnen, so oft es ging, dieses Lokal aufsuchten. Auch als ihre Männer schon an der Front waren.

Der triste Kriegsalltag mit den Lasten zur Versorgung der Kinder, die sie alleine bewältigen mussten, war leidlich zu ertragen, wenn sie ab und zu das Tanzbein schwingen konnten. Mit wem spielte keine Rolle. Selten kam es zu harmlosen Techtelmechteln mit einem der übrig gebliebenen Studenten der Technischen Hochschule, die vom Kriegsdienst freigestellt, an der Entwicklung wichtiger Waffen forschten. Auskunft darüber geben durften diese allerdings nicht, ließen aber durchblicken, vielleicht mit ihren „Erfindungen“ das „Ruder“ herumreißen zu können, bevor das ganze „Boot“, in dem alle saßen, im Abgrund verschwindet.

Am Nachmittag kamen sie mit dem Laster nur langsam voran. Sie legten immer wieder kurze Fahrpausen ein. Gruner bestückte dann den Gasmeiler. Er schob neue Holzscheite in das Feuerloch, ließ aber die Klappe erst einmal offen, wartete, bis die Scheite in Brand gerieten. Dann erst schloss er diese Öffnung, damit das Holz ins „Verschwelen“ überging und Gas absonderte. In dem zylindrischen Behälter über dem Feuerloch sammelte und verdichtete sich das Holzgas und konnte über ein Rohr zum Motor gelangen. Durch die Auf- und Abwärtsbewegung des Kolbens saugte dann der Motor das Gas an. Von einer Zündkerze wurde es, nochmal verdichtet, gezündet. Diese kleinen Explosionen, die als „Blubbern“ zu hören waren, hielten den Motor am Laufen.

Um das mitgenommene Holz aufzusparen, suchte Gruner am Wege beiläufig stets nach passenden am Boden liegenden Ästen. Er ignorierte die Menschen, die dort lagen, erschossen oder erfroren, unter ihnen auch viele Kinder, die halb vom Schnee bedeckt, im Graben oder am Straßenrand lagen. Er tat so, als sähe er sie nicht. Die Frauen aber, die hinter die Büsche liefen, um umständlich ihre Notdurft zu verrichten, kamen mit im Gesicht geschriebenem Entsetzen zurück. Nur schnell weiter, weg von hier, weit weg, dem Grauen entfliehen. Nur dies beseelte die kleine Schicksalsgemeinschaft und schweißte sie in ihrem Überlebenskampf zusammen. Wem ein Kissen, wem eine Decke oder ein Mantel gehörte, war plötzlich völlig unwichtig. Die Frauen rückten aneinander und klemmten die Kinder in Körpernähe dazwischen. Vor allem doch wegen der Kinder nahmen sie diese Tortour auf sich. Es einte sie der unerbittliche Wille, diese schrecklichen Tage irgendwie zu überstehen. In den entstellten gefrorenen toten Körpern an beiden Seiten des Weges offenbarte sich ihnen hier auf dieser Fahrt die unmenschliche Brutalität dieses Krieges ganz direkt in extremer Form. Am schlimmsten in den Kindern, die wie weggeworfen dalagen. Ein aus einem Kinderwagen emporgerecktes dünnes Ärmchen klagte sie an. Eine erstarrte Frage nach dem „Warum“. Dabei wollte keine der Frauen diesen Krieg. Keine von ihnen hatte Hitler gewählt, auf dass dieser Reichskanzler würde. Ungefragt und ungewollt wurden sie in den Strudel des Wahnsinns hinein gerissen.

Die aufgesammelten feuchten Äste verlangsamten jedoch die Bildung des Schwefelgases. Obwohl die holprige Landstraße für eine ordentliche Durchrüttelung der Holzscheite im Feuerloch sorgte, wollte eine schnelle Fahrt mit ihnen nicht recht zustande kommen. Deshalb hielt Gruner immer wieder nach trockenem Holz Ausschau. Er riss sogar in Dörfern, die sie durchquerten, ganze Zaunslatten von den Vorgärten ab. Niemand hinderte ihn daran. Die beiden Jungs der Gruners halfen, die Latten zu schichten, während der Fahrt in handliche Stücke mit dem „Fuchsschwanz“ so anzusägen, dass sie beim nächsten Halt schnell übers Knie gebrochen und auf die Glut gelegt werden konnten.

Inzwischen war es dunkel geworden. Die Kälte legte spürbar weiter an Schärfe zu. Gruner beruhigte Gesine, die ihre Lise an sich gepresst hielt und kündigte an, gleich beim ersten Haus der nächsten Siedlung anzuhalten, um Hilfe für das bewusstlose Mädchen zu suchen.

Tatsächlich näherten sie sich bald einem kleinen Dorf. Alle Häuser lagen im Finstern da, als sei es schon verlassen worden. Aus einem jedoch, halb hinter einer Scheune verdeckt, leuchtete ein spärlicher Schimmer durch das abgedunkelte Fenster.

Gruner klopfte dort mehrfach in kurzen Abständen an der Tür. Kein Laut drang nach außen. Kurz entschlossen schlug er dann kräftig mit einem faustgroßen Stein erst an den geschlossenen Fensterladen, danach an die Tür.

Endlich vernahm er ein kaum hörbares Trittgeräusch, wie als wenn jemand die Treppe herab stieg. Gleich darauf drehte sich der Schlüssel im Schloss. Spaltbreit öffnete sich nun die Tür und eine tiefe Männerstimme fragte, wer da wäre.

„Aufmachen, Hilfe, Hilfe“, rief Gruner energisch. Zögerlich wurde jetzt die Tür vollständig geöffnet und der Bauer in ihr blickte ihn fragend an. Als er sah, wie Gruner das Mädchen vom Auto zum Haus trug, lief er schnell voran und stieß die Tür zur Küche auf. Dort wies er auf eine Sitzbank, direkt neben dem noch warmen Herd.

Geräuschlos aus dem Innern des Bauernhauses aufgetaucht, stand in diesem Moment auch die Bäuerin hinter ihnen. Unter dem Arm eine Decke und ein Kopfkissen eingeklemmt, trat sie ohne ein Wort zu verlieren, auf die Hereinströmenden zu. Sie bereitete geschwind die Decke auf der Bank aus, legte das Kopfkissen bereit und blickte Gruner auffordernd an. Mit einer leichten Kopfbewegung forderte sie ihn auf, das Kind auf der nun gepolsterten Bank abzulegen. Er tat es wie von ihm erwartet und stellte einen Stuhl seitlich zur Abstützung daneben. Dann trat er zurück.

Gesine hatte indessen eilends ihr Federbett vom Auto geholt und legte es über die reglose Lise. Dann setzte sie sich auf den Stuhl neben dem Kind und streichelte Stirn und Wangen, bis sie merkte, wie die Bewusstlosigkeit von ihm wich und in einen tiefen Schlaf überging. Lise war gerettet.

Sehr viel später noch wird sich Lise erinnern, sie habe beim Wachwerden die Hand ihres kleinen Bruders in der ihren gespürt. Es sei ihr wohlig warm gewesen, habe sogar ein wenig geschwitzt. Aufgehoben und behütet fühlte sie sich in einer heilen Welt an einem milden Sommertag. Sie stand neben dem Rosenbeet der Großeltern und betrachtete die Knospen. Einige schon verblüht und dem Verfall preisgegeben, andere direkt daneben gerade im Entstehen begriffen. Rosenblüten um Übergang.

Inzwischen erkundeten die Kinder das Bauernhaus. Bald entdeckten sie die Wohnstube, warfen einen neugierigen Blick hinein und öffneten die Türen zu den beiden Kammern, die links und rechts im Flur gelegen, ins Innere des Hauses führten. Am Ende des Ganges stießen sie auf den unverschlossenen Zugang zum Stall. Nur eine weiß gefleckte Kuh drehte ihnen den großen Kopf zu. Außer ihr waren keine anderen Tiere zu sehen.

Mit Zustimmung der Bauersleute holten die Frauen ihre Taschen, Koffer und Federbetten vom Lastauto. Erst wärmten sie sich eine Weile in der Küche auf, aßen von ihrem Proviant und tranken dazu lauwarmes Wasser aus einem gusseisernen Krug, den die Bäuerin bei ihrer Ankunft auf die Herdplatte gestellt hatte. Dann verteilten sie sich im Haus.

Irmgard mit ihren drei Kindern und Elfriede mit den größeren Jungen richteten sich sogar eine Schlafstelle im Stroh ein, direkt neben der Kuh, die gutmütig ihre Körperwärme mit ihnen teilte. Mensch und Tier gemeinsam im Widerstand gegen die eindringende Kälte.

Der neue Tag deutete sich mit fahlem Schimmer an, der durch die Oberlichter des Stalls und durch die geschlossenen Fensterläden der Wohnstube eindrang, wo die kleine Gemeinschaft die Nacht verbrachte.

Nach und nach schälten sich die Frauen aus ihren Decken, weckten die Kinder und erschienen in der Küche. Die Bäuerin musste schon früher auf den Beinen gewesen sein. Vielleicht hatte sie ja auch die ganze Nacht gewacht, beunruhigt über die ungebetenen Gäste. Sie füllte jetzt ohne Eile einen riesigen Blechtopf mit Wasser, welches sie wiederum aus einer Milchkanne schöpfte. Als das Wasser anfing, sich in Blasen aufzulösen, goss sie einen Teil davon in eine schon bereit stehende Waschschüssel. Fürs Gesicht und die Hände reichte es. Als alle fertig waren, reichte das immer noch genügend heißes Wasser, um eine Kanne Tee zu bereiten. Hartes Brot, Gänsefett und Marmelade, in der noch unzerkochte Apfelstückchen schwammen, holten einen Hauch normalen Wohlbefindens in die dämmrige Küche.

Unterdessen beschäftigte sich Gruner bereits damit, den Gasmotor seines Lastautos vorzuheizen. Er machte Druck, wollte weiter. Vom Bauer ließ er sich knochentrockenes Weidenholz geben. Auch einige Birkenäste waren darunter. Überall roch es schon nach Qualm.

Ungläubig wiegte der Bauer seinen Kopf hin und her, der durch die wattierte Mütze mit unter dem Kinn zusammen gehaltenen Ohrklappen riesig wirkte. Er ließ Gruner nicht aus den Augen und verfolgte skeptisch die zunächst vergeblichen Versuche, den Motor in Gang zu setzen. Dieser brauchte offenbar noch Zeit. Das entfachte Feuer muss auch die Motorwände, das Öl und die Kurbelwelle leicht anwärmen, meinte ein nach vorn gebückter junger Mann. Er war, ohne dass es jemand bemerkte, vom Nachbarhaus herüber gekommen und stand nun neugierig ebenfalls vor dem Auto.

Gruner musterte ihn erstaunt von oben bis unten, bis dieser auf den nur wenige Schritte entfernten Hof wies. Ohne zu Zögern fragte er den Nachbarsbauer nun, ob er einen Arm voll der trocken Buchenscheite bekommen könne, die seitlich an dessen Scheune aufgestapelt lagen und Gruner jetzt direkt in den Blick fielen. Die Weiterfahrt würde ihnen damit leichter fallen. Widerstrebend nickte schließlich der junge Mann, nicht ohne schnell einen Blick mit seinem Nachbar ausgetauscht zu haben.

Die beiden halbwüchsigen Söhne von Gruners schichteten daraufhin die vordere Ladefläche bis in die Höhe der Seitenklappe mit Scheiten zu, bis der Bauer abwehrend die Hände hob und meinte, das Auto käme nun mit dem trockenen Holz gut hundert Kilometer weiter. Offenbar kannte er sich mit Gasmotoren aus. Seinem Hinweis folgend, die Feuerklappe jetzt zu schließen, denn die Scheite im Gasmeiler dürfen ja nicht brennen, sondern nur „schnüffeln“, versuchte Gruner sogleich einen erneuten Start. Und wirklich sprang der Motor nun an. Gruner lachte kurz auf und drückte ein wenig auf den Gashebel.

Langsam richteten sich die Frauen mit den Kindern wieder auf der Ladefläche ein. Das dauerte eine ganze Weile, denn sie rechneten mit einer längeren Fahrt. Dabei halfen sie sich gegenseitig.

Vor allem die Kinder wurden sorgfältig eingepackt. Zusätzlich wurde um Beine, Bauch und Oberkörper seitenweise altes Zeitungspapier von einem Stapel im Keller des Bauern gewickelt. Sie schoben dessen Ränder in die Strumpfenden, Unterhosen und Hemden, damit das Papier nicht allzu sehr verrutschen konnte. Darüber zogen sie Pullover, Jacken und Mäntel, um den zu erwartenden eisigen Luftzug auf der offenen Ladefläche des Autos aushalten zu können. Halb liegend, halb sitzend warteten sie so auf die Weiterfahrt.

Die Federbetten zwischen ihnen strömten noch den heimeligen Geruch von Geborgenheit und Zuversicht aus, bis sie den Rauch des schwelenden Holzes annahmen, der wie eine Wolke hinter ihnen her schwebte.

Sie seien dankbar für die Übernachtung und die Hilfe, versicherten alle der Bäuerin und dem Bauern beim Abschied. Wenn sie nach einigen Wochen zurück kämen, wahrscheinlich auf dem gleichen Weg, würden sie sich noch einmal bedanken und sich selbstverständlich erkenntlich zeigen.

Elfriede Gruner entnahm ihrer Handtasche einen Schreibblock und notierte den Namen der Bauersleute und den Namen des böhmischen Dorfes. Für alle Fälle, meinte sie. Die größere Stadt in der Nähe, von der der Bauer auf Nachfrage berichtete, als er erklärte, wo sie sich hier eigentlich befänden, behielt sie wegen der Einfachheit im Gedächtnis. Sie hieß „Leipa“.

Den sichersten Weg nach Westen beschrieb der Bauer, indem er mit seinem Filzstiefel im dünnen Schnee eine Landkarte malte. Dann riet er Gruner, von hier aus direkt eine Stadt anzufahren, in der eine Sammelstelle für Leute wie sie eingerichtet wäre. Er habe davon gehört. Dort könnten sie sich erneut ausruhen und für den Rest des Weges nach Mitteldeutschland Kraft sammeln.

Dabei warf er seiner Frau einen kurzen aber vielsagenden Blick zu. Diese schlug die Augen nieder, wendete sich ab und ging ins Haus. Bevor sie in der Tür verschwand, sah es so aus, als bekreuzige sie sich.

Froh darüber, ein nächstes Fahrziel zu kennen, richtete sich der Blick der Frauen nach vorn.

Ein folgenreicher Irrtum

Von der nächtlichen Rast in dem Bauernhaus gestärkt, ging es mit der Morgensonne im Rücken wieder langsam voran. Nur selten begegneten ihnen auf den furchentiefen Nebenstraßen einzelne Pferdefuhrwerke. Dann wich der Laster jedes Mal aus den gefrorenen Fahrrillen aus. Geschickt manövrierte Gruner ihn jedoch immer wieder in seine Spur zurück. Ab und zu blieb er auch stehen und vergewisserte sich bei den Entgegenkommenden, ob er sich noch in der gewünschten Richtung bewegte. Wenige Worte der Verständigung genügten.

Er hatte sich eine Landkarte mitgenommen. Doch allein nur auf diese wollte er sich nicht verlassen. Die Feldwege waren ohnehin nicht verzeichnet. Die größten Städte galt es zu umfahren, weil außer ihnen noch viele andere Menschen nach Westen unterwegs waren und von Militärkolonnen aufgehalten werden konnten. Diese wurden auch gezielt aus der Luft beschossen. Die Kampfflieger nahmen dabei auch flüchtende Zivilisten uns Visier. Das hatte Gruner in Erfahrung gebracht.

So ließen sie „Böhmisch Leipa“ rechts liegen und umfuhren auch „Reichenberg“. Solche Städte boten Angriffsziele und mussten gemieden werden.

Im Lichte der aufgehenden Sonne fanden die Frauen allmählich ihre Sprache wieder. Mechthild, die älteste unter ihnen, fischte jetzt ein Foto aus ihrer Handtasche. „Ist das nicht der Erwin noch einmal“, stieß sie die neben ihr sitzende Irmgard an und wies auf den kleinsten ihrer drei Söhne auf dem Auto. Irmgard betrachtete skeptisch das Foto und gab es kommentarlos an Gesine weiter, die sogleich nach ihrer Manteltasche tastete. Auch andere Fotos machten nun die Runde, die zwar nur flüchtig beäugt, aber doch zu manch neugieriger Bemerkung Anlass genug gaben.

Über mehrere Stunden fuhren in dieser Weise die Ehemänner, Eltern, Schwiegereltern und Großeltern der Frauen und Kinder ein Stück des Weges ins Unbekannte mit. Die Ladefläche des Lasters wurde damit zur imaginären Begegnungsstätte der Angehörigen von sieben Familien. Alle waren voller Hoffnung, diese Reise zu überleben und die Angehörigen wieder zu sehen. Es half ihnen dabei, die Ungeheuerlichkeit des Augenblicks gefasst zu ertragen und nicht zu verzweifeln.

So erreichten sie am Nachmittag des zweiten Tages seit ihrer Abfahrt den Ort, auf den sie der Bauer am Morgen hingewiesen hatte. Er musste es sein, denn Gruner ist genau dessen Wegbeschreibung gefolgt.

Als Erstes wurden die beiden schlanken Kirchtürme sichtbar. Ihre Kuppeln glänzten matt in der bereits schräg stehenden Sonne, als riefen sie den Ankommenden einen vertrauten Gruß entgegen.

Das Stadttor stand weit offen und lud zum Passieren ein. Bald waren auch schon die ersten Häuser erreicht. Niemand hielt sie auf. Der Marktplatz konnte nicht mehr weit sein, denn immer dichter bewegten sich die Menschen auf ihn zu. Entlang der Seitenstraßen konnte man im Vorüberfahren ein reges Treiben erkennen. Die Leute standen in kleinen Gruppen beieinander, lösten sich spontan auf, um sich gleich darauf wieder neu zusammen zu finden.

Ein Uniformierter winkte Gruner und wies in die Richtung entlang der Hauptstraße. Dann überquerten sie eine Brücke über einen zugefrorenen Fluss und standen unmittelbar darauf vor einem geschlossenen Tor.

Ihr Nahen musste wohl schon bemerkt worden sein, denn wie von Geisterhand betätigt, öffneten sich die beiden Flügel. Die Frauen sahen, wie zwei Soldaten mit Stahlhelmen hinter ihnen das Tor sofort wieder verschlossen. Einer der Soldaten wies Gruner auf den sich vor ihnen eröffnenden rechteckigen gepflasterten Platz. Mit einer Handbewegung bedeutete er ihm dann, den Motor abzustellen. Sogleich trat er an die Fahrerkabine heran und befahl Gruner, auszusteigen. Dieser versuchte, dem Soldaten die Hand zur Begrüßung zu reichen. Unwirsch verlangte dieser jedoch nur die Transportpapiere.

Gruner stutzte und zuckte mit den Schultern. Er hielt dem Soldaten nur seinen Ausweis und den Führerschein hin. Der Uniformierte stutzte jetzt ebenfalls, blickte Gruner erstaunt an und sagte, er müsse mit ihm in das Aufnahmebüro kommen.

Beide verschwanden hinter einer unscheinbaren Tür in einem der Seitengebäude des Platzes. Dort betraten sie einen Raum, der an ein Büro erinnerte, aber keines war. Hinter dem schlichten Holztisch saß eine Frau mittleren Alters. Sie trug ebenfalls eine Uniform. Vor ihr auf einer Bank längs der Wand unter dem einzigen Fenster, räkelten sich vier weitere Stahlhelmträger. Offenbar Wachmänner in Bereitschaft, vermutete Gruner.

Als Gruner und sein Begleiter eintraten, verstummten die Gespräche der Wachleute. Sie schauten erwartungsvoll auf die beiden Männer. Der Soldat mit Gruners Papieren in der Hand lief zum Tisch. Er müsse mit „Birkner“ sprechen, so zu der Frau gewandt, griff ohne sie weiter zu beachten zum Telefonhörer und wählte eine einstellige Nummer.

Es dauerte nicht lange und in der Tür erschien ein schlanker junger Mann in schwarzer Uniform. Grußlos schritt er auf den Schreibtisch zu, nahm den dort abgelegten Ausweis und den Führerschein auf, blätterte den Ausweis flüchtig durch und musterte Gruner eindringlich.

Wie er hier herein gelangt sei, fragte der als „Birkner“ benannte sofort barsch, halb an den Wachsoldat, halb an Gruner gewandt. Gruner erklärte daraufhin, wie er den Hinweisen der Uniformierten in der Stadt gefolgt sei und das Tor sofort geöffnet wurde, als er davor stand. Und ob denn dies hier etwa nicht das von ihm erwartete Zwischenlager für Flüchtlinge sei, die weiter nach Westen wollten.

Jetzt wurde Birkners Ton noch harscher. Sofort müsse Gruner wieder abfahren. Und zwar aus der gesamten Stadt hinaus, wohin auch immer. Da hätten sich die Wachen am Eingang geirrt, die das Tor geöffnet haben. Hier wären sie völlig falsch. Wo sie sich hier befänden, könne er ihm nicht näher erklären. Eine Unterkunft für die Nacht käme nicht in Frage. Dann gab er Gruner die Papiere zurück, befahl dem Wachsoldaten, das Tor zur Ausfahrt zu öffnen und wendete sich brüsk ab.

Er stand schon wieder an der Tür. An der Schwelle blieb er jedoch stehen, zögerte, als ob ihm gerade noch etwas Wichtiges eingefallen wäre, drehte sich um und trat auf Gruner zu. Er würde doch erst gern das Auto in Augenschein nehmen, bevor sie wieder abfahren.

Sein Tonfall wurde freundlicher, fast schon höflich. Er versuchte sogar ein zaghaftes Lächeln. Ohne auf Erwiderung zu warten, schob er Gruner entschlossen auf den Hof hinaus und lief neben ihm her zum abgestellten Laster. Über den Rand der Ladefläche wandten sich die Köpfe der Frauen und der größeren Kinder ihm zu. Angst war in deren Gesichter deutlich zu erkennen, denn sie alle spürten das Unheimliche der Situation. Eben noch auf dem Weg bei ungehinderter Fahrt, empfanden sie beklemmend, plötzlich eingesperrt zu sein, wie in einer Falle, die unbemerkt zugeschnappt ist. Im windstillen Geviert des Hofes kroch ihnen die Kälte des Winters wieder unter die Haut, der sie bisher tapfer stand hielten.

Birkner setzte seinen rechten Fuß auf die Aufstiegshilfe an der hinteren Ladeklappe. Er konnte so den Oberkörper an ihr abstützend, die vor ihm sitzende Gesellschaft überblicken. „Ach herrjeh“, entfuhr es ihm.

Geistesgegenwärtig, die Starre abschüttelnd, rief ihm Mechthild entgegen, er sei heute ihre Rettung. Ein solch schmucker Leutnant würde wohl für sie gleich ein gutes Nachtquartier finden können. Ihr Bruder Gustel wäre auch Offizier bei der Wehrmacht.

Nach nur wenigen Augenblicken sprang Birkner wieder vom Auto herab. Dabei knickte er ein wenig ein, straffte sich aber sofort und wandte sich Gruner zu, der immer noch abwartend dastand. Er habe es sich anders überlegt, meinte er. Gruner entging die deutlich wahrnehmbare Veränderung im Gesichtsausdruck Birkners nicht, so als wäre dieser von einer Idee erfasst worden, der er sich nicht entziehen wollte oder konnte.

„Ich zeige euch, wohin wir jetzt fahren“. Birkner lief ins Aufnahmebüro und kam nach nur wenigen Minuten mit einem der dort wartenden Wachmänner zurück. Dann stieg er mit in das Fahrerhaus. Dem Wachsoldaten gab er Zeichen, vor ihnen her zu laufen.

Der Motor war noch warm und sprang sofort an. Sie überfuhren im Schritttempo den leeren Innenhof und passierten den hinteren Ausgang, dessen Tor von dem Soldaten geöffnet wurde. Jetzt tauchte ein halbhohes Backsteingebäude auf. Ein breiter kiesbelegter Weg führte durch eine dünn mit Schnee bedeckte Wiese direkt auf den Eingang eines imposanten Gebäudes zu. Die Wipfel der kahlen Bäume zu beiden Seiten des Weges wurden gerade noch von den letzten Strahlen der Sonne beschienen. Wenig später begann es zu dämmern.

„Hier könnt ihr bis morgen bleiben“, kündigte Birkner an und betrat mit Gruner und dessen Frau das Haus. Es war von Offiziersfamilien bewohnt. Nur eine der geräumigen Wohnungen, gleich links neben dem Flur im Erdgeschoß, war unbesetzt.

Er händigte Gruner den Schlüssel aus. Der Offizier aus dieser Wohnung sei seit vergangener Woche nach Berlin versetzt worden. Seine zwei Kinder müssten dort eine höhere Schule besuchen, die es an diesem Ort nicht gibt. Sie können alle Wohnräume, das Mobiliar und die Küche benutzen. Ein Baderaum sei auch vorhanden. Er erwarte, dass beim Verlassen der Wohnung morgen früh, auf Sauberkeit geachtet würde, wie es bei Deutschen eigentlich selbstverständlich sei. Für die heutige Abendverpflegung würde er sogleich Anweisung geben.

Nur eines müsse unbedingt unterlassen werden: Kein Umherlaufen außerhalb des Gebäudes. Die Frauen und ihre Kinder seien gewiss sehr erschöpft und müssten sich bald zur Ruhe begeben. Morgen früh würde er sie alle dann persönlich aus dem Haus hinaus begleiten.

Damit ging er mit leicht federndem Schritt, nicht ohne jeder der Frauen, die nun vom Auto kletterten, die Hand gereicht zu haben, dabei ein feines Lächeln im jugendlich glatten Gesicht.

Schnell verteilten sich die Ankömmlinge auf die Zimmer. Es dauerte nicht lange, bis der Soldat, der vorhin vor ihnen her gelaufen war, eine Weile verschwand und jetzt mit Holz und Kohlestücken in einem Handwagen erschien. Er heizte den riesigen Kachelofen an, der bald auf die drei Räume eine wohlige Wärme ausstrahlte.

Nachdem auch das Bad überschlagen war, vergingen die nächsten Stunden wie im Fluge mit Waschen, Kleidungswechsel und der Vorbereitung der Schlafstellen. Ein Gefühl der vorläufigen Geborgenheit bereitete sich aus.

Gruner beanspruchte mit seiner Frau das Schlafzimmer, in dem die kompletten Ehebetten der fortgezogenen Familie standen. Die anderen arrangierten sich im Wohnzimmer und im Kinderzimmer. Mechthild schlief mit ihren drei Jungen im Kinderzimmer, Gesine und Lise durften auf die Wohnzimmercouch. Die anderen legten sich auf ihre Federbetten am Fußboden. Sie rollten Jacken und Hosen zu Kopfkissen zusammen und bestätigten sich gegenseitig, seit ihrer Abfahrt keinen solch guten Platz gefunden zu haben.

Schnell senkte sich die klare Nacht mit bitterer Kälte herab. Das ganze Haus lag ruhig im Mondschein wie im tiefsten Frieden. Nur fernes Hundegekläff und leise Geräusche, das an auf- und abschwellendes Gemurmel erinnerte, tönte verhalten an ihre Ohren. Sie hinderten jedoch niemanden am Einschlafen.

Plötzlich fuhr Gesine hoch. Ihr war, als hätte sie die Tür klappern gehört. Und wirklich, ihren fünfjährigen Sohn Michael fand sie nicht mehr an seiner Schlafstelle neben der zwei Jahre älteren Lise. Er befand sich überhaupt nicht mehr im Zimmer.

Sie sprang auf und lief hastig zu den noch schlafenden Gruners. Ohne zu Zögern rüttelte sie Gruner am Arm.

Noch nicht ganz wach, drehte sich dieser auf den Rücken, blinzelte. Als er Gesine erblickte, stieß er mit einem Ruck die Bettdecke von sich, schob den Arm seiner noch schlafenden Frau zur Seite und richtete sich auf. Ob es denn der Lise wieder nicht gut gehe, wollte er gerade fragen, als er Gesines besorgtes Gesicht sah.

Diese hatte sich aber schon wieder abgewendet und rief im Hinauseilen, sie suche Michael. Er sei in der Wohnung nirgends zu finden. Unbemerkt muss er wohl zeitiger als alle Anderen wach geworden, aufgestanden und vielleicht noch im Halbschlaf orientierungslos in fremder Umgebung, weggelaufen sein.

Nun vollends wach geworden, nur mit dem Nötigsten angetan, warfen sich Gruners die Mäntel über. Gesine stand schon an der Haustür. Diese fand sich als nur angelehnt. Während der Nacht über verschlossen, hatte sie anscheinend jemand morgens geöffnet, der zu den im Haus wohnenden Familien aus dem ersten Stock gehörte und seinen Dienst in diesem Lager antreten wollte.

Vor dem Gebäude war niemand. Ein kurzer Blick in das Fahrerhaus des abgestellten Lastwagens überzeugte Gruner. Hier hielt sich Michael nicht versteckt. Auf den Rasenflächen neben dem Zuweg zum Haus konnte er auch keine Trittspuren im dünnen schneeigen Reif ausmachen.

Die Weisung Birkners missachtend, entschied sich Gruner rasch, rechts um das Haus herum zu laufen. Gesine und die ihr zu Hilfe geeilte Hannelore schlugen den linken Weg ein. Hinter dem Haus sahen sie niemanden. So bogen sie auf einen zum hinteren Hauseingang zuführenden Weg ein und folgten schließlich dem schmalen Durchgang, der in eine von ihrem Haus wegführende breite Seitenstraße einmündete. Auch auf dieser war Michael nicht zu entdecken.

Ohne Nachzudenken, getrieben von heftiger Unruhe, liefen die beiden Frauen eilends weiter, hasteten an einer mannshohen Umfriedungsmauer entlang, an die sich nach einigen hundert Metern niedrige Barackengebäude angliederten. Ihre hölzernen Wände stützten sich auf kniehohen gemauerten groben Sockelsteinen ab. Die meisten der kleinen Fenster waren geschlossen. Die erste Tür jedoch stand ein spaltbreit offen.

Wie unter Zwang traten Gesine und Hannelore ein. Ein dumpfer Geruch nach menschlichen Ausdünstungen schlug ihnen entgegen. Als sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erblickten sie zuerst die dreistöckigen aneinander gereihten Liegen. In den schmalen Gängen zwischen ihnen konnten sie dann hagere Gestalten in verhaltenen Bewegungen ausmachen. Die meisten Menschen in dieser Halle saßen auf den Liegen, einige wenige auch an rechteckigen Holztischen, hielten irgendwelche Gegenstände, die sie nicht erkennen konnten, in den Händen. Es waren alles Frauen.

Diese Frauen nahmen von Gesine und Hannelore keine ersichtliche Notiz, kamen ihnen nicht entgegen oder sprachen sie an. Schnell glitt der Blick der beiden Eingetretenen über die Gestellreihe, über die Arme, Beine, ausgemergelten Körper hinweg. Fast am Ende der ersten Reihe entdeckte Gesine zwei ihr bekannt erscheinende Kinderbeine, die über den Rand der obersten Liegestatt herabhingen. Sie erkannte beim zweiten schärferen Hinsehen jetzt die Schuhe und stürzte wie besessen auf diese los.

Hier saß ihr Michael zwischen zwei Frauen. Fast zärtlich strich die einer der Frauen ihm gerade über seine pausbackigen Wangen und sein dunkelblondes Haar. Die andere Frau redete leise auf ihn ein, als wolle sie ihn trösten. Dem Weinen nahe, reckte er die Arme seiner auf ihn zueilenden Mutter entgegen und klammerte sich sogleich, jetzt lauthals schreiend, an ihr fest, nachdem ihn Gesine hastig von der Pritsche zu sich herunter gerissen hatte.

Schnell liefen Gesine und Hannelore mit dem Jungen, den sie fest an beiden Händen hielten, wieder nach draußen vor die Baracke. Hannelore folgte Gesine auf dem Fuße, die im schnellen Schritt, fast rennend, von diesem schrecklichen Ort floh. Erst in atemlosen Schritten, dann, nach einigen Metern sich mäßigend langsamer, bis Hannelore ein befreiendes „Gott sei Dank“ über die Lippen brachte. Sie blieben für einen Moment stehen und sahen sich an, wortlos. Sie begriffen jetzt, in welcher schlimmen Lage sie gerade gewesen waren.

Getrieben von panischem Erschrecken, gelangten sie, den kleinen Michael hinter sich her zerrend, zum Wohnhaus zurück. Drinnen warteten die Anderen und waren schon im Begriff, ihre Sachen zum Aufbruch zusammen zu packen. Gruner war nach erfolgloser Suche bereits eher zurückgekehrt. Im Glauben an die baldige Rückkehr des Kindes und der Frauen, heizte er schon den Gasmeiler des Autos an, denn irgendwo in der Nähe musste sich ja der Junge aufhalten, dachte er. Wie nebenbei fragte er erleichtert, wo denn das Kind gesteckt habe.

Gesine und Hannelore verständigten sich mit einem vielsagenden Blick. Sie wichen der Frage aus und erklärten, Michael habe sich, unbedacht und aus purer Neugier und einfachem Bewegungsdrang heraus in einer Seitenstraße hinter dem Gelände verirrt und nicht mehr allein hier her zurück gefunden. Erst drei Tage später, sie waren wieder unterwegs, hielten sie es nicht mehr aus und berichteten den Anderen von dem Erlebten. Sie erzählten ihnen von der Baracke, dem Geruch, dem vielstimmigen Stöhnen, welches sie immer noch im Ohr hätten und nicht losbekämen. Sie schilderten das Leid dieser zusammen gepferchten Frauen, in deren Augen die Hoffnung erloschen schien.

Gerade wollten sie wieder ihre Plätze auf dem Laster einnehmen, da kam Birkner zur Tür herein. Ihm zur Seite zwei Wachsoldaten. Der eine stellte einen großen dunkelgrünen Thermosbehälter auf den Tisch der Küche. Der andere verschwand in den Wohnräumen. Er solle dort nach dem Rechten sehen, wies ihn Birkner an.

Ohne Passierschein kämen sie nicht aus dem Lager heraus, verkündete Birkner, der einen der vier Küchenstühle an sich heran zog und sich auf diesem niederließ. Dann griff er in seine rechte Brusttasche und zog ein Blatt Papier heraus. Es trug bereits eine Unterschrift und war auch schon abgestempelt.

Wie viele Personen sie denn insgesamt seien, fragte er Margot, die zufällig vor ihm stand. Sie legte das Tuch beiseite, in dem sie ihr schulterlanges Haar vor dem Küchenspiegel einbinden wollte, überlegte kurz und zählte an den Fingern ab. Es seien alle zusammen dreizehn.

Birkner fischte nun aus seiner Hosentasche einen Stift, setzte die Zahl auf den Schein, faltete ihn umständlich und verstaute ihn gleich wieder in seiner Uniformjacke. Er würde mit ihnen bis zum Ausgangstor mitfahren. Ob sie denn jetzt soweit wären, blickte er fragend aus dem Fenster zum Auto hinüber. Gruner in der Fahrerkabine schüttelte verneinend den Kopf. Er musste wohl die Frage geahnt haben und gab damit zu Verstehen, es brauche noch eine Weile, bis er starten könne. Wahrscheinlich wollte er sicher gehen, genügend Schwelgas zu haben, um anzufahren. Sobald der Motor lief, sollten die Frauen mit den Kindern zum Auto kommen. Das würde man deutlich hören und riechen, hatte er angekündigt. Noch gab aber der Motor keinen Laut von sich.

Drinnen in der Küche zeigte Birkner indessen auf den Thermosbehälter. Da sei Bohnensuppe drin. Die Gesellschaft sollte sich vor der Abreise ruhig noch einmal stärken. Ein zweites Frühstück, meinte er und öffnete den Schnappverschluss des Behälters. Im Nu füllte sich die Küche mit Essensgeruch, der durch die offene Tür nach draußen drang. Bald saßen und standen, von ihm angezogen, fast alle Frauen und Kinder um den Tisch versammelt.

Margot richtete sich auf und ergriff Birkners ineinander verschränkte Hände auf der Tischplatte. Der widerstand dem ersten Reflex und zog sie erst nach einem kurzen Moment des Verharrens zu sich zurück. Dem irritierten Blick zu Margot folgte gleich darauf eine wohlwollende Geste, die zum selbständigen Bedienen aus dem Thermosbehälter einlud, begleitet von einem angedeuteten Lächeln um die Augen und die Mundwinkel.

Diese Dankesbezeugung von Margot tat ihm offenbar gut. Durch sie ermuntert, setzte er jetzt an. Es klang wie der Versuch einer Erklärung. Den staunenden Frauen erzählte er jetzt, wie er in dieses Lager geraten sei:

Nein, Kommandant wäre er nicht. Der Kommandant habe ihn als nächst ranghöheren Offizier zum Stellvertreter bestimmt, weil dieser in die Hauptverwaltung nach Prag beordert wurde. Auch dessen beide Adjutanten sind ebenfalls dorthin bestellt. Er, Birkner, sei erst seit Kurzem hier. Und bleiben wird er auch nicht mehr lange. Seinem Versetzungsbegehren sei bereits stattgegeben worden. Er ginge wieder an die Front, an die Ostfront.

Er stamme vom Lande. In einem verschlafenen Nest in Pommern sei er aufgewachsen. Sein Vater kümmerte sich als Gutsverwalter um alles Mögliche. Mit einer eigenen Parzelle Land zur Selbstversorgung waren sie damals zufrieden. Das Schwein im Stall hinter dem winzigen Häuschen, in dem er und seinen drei Geschwistern lebte, wurde kurz vor Weihnachten geschlachtet. Es lieferte ausreichen Fleisch für die sechsköpfige Familie das ganze Jahr über. Auch viele Bohnen wurden gegessen und vor allem Kartoffeln. Ein völlig normales Leben, fügte er hinzu.

Birkner machte eine Pause und schauten den löffelnden Frauen zu. Dann berichtete er weiter.

Es gab keinerlei Berührungsängste. Seine Geschwister und er selbst dachten sich zusammen mit den Kindern der Gutsherrschaft immer neue Spiele aus. Gemeinsam eroberten sie die Wiesen und angrenzende Wälder, durchstöberten den riesigen Speicher des Rittergutes. Der gleichaltrige Sohn des Gutsbesitzers und er galten als unzertrennlich, als richtige gute Freunde, die sich ohne viele Worte verstanden.

Nun mit verklärtem Gesicht sprach er jetzt von den hohen Apfelbäumen der Gutswiese. Diese entfalteten in jedem Frühherbst eine unwiderstehliche Anziehung. Die säuerlichen Früchte schmeckten. Aber vor allem reizten die riesigen knorrigen Bäume zu verbotenen Kletterpartien.

Als an einem Sonntagnachmittag der Ast brach, auf dem Friedrich stand und plötzlich viel zu hoch in der Luft hing, sich nur mit den Händen festhaltend, war er es, Birkner, der geistesgegenwärtig blitzschnell in die Werkstatt des Vaters rannte, ein Seil schnappte und zurück am Baum aller Gefahr trotzend, die nach oben zu dünner werdenden Zweige erkletternd, das Seil anknüpfte, an dem sich sein Freund herab hangeln konnte. Unten am Stamm schwuren sie sich ewige Freundschaft, die bis zum Ende der ersten sechs Schuljahre ungetrübt bestehen blieb.

Dann verschwand Friedrich. Mit dreizehn Jahren besuchte dieser in der Stadt eine Internatsschule. Birkner blieb jedoch im Dorf. Nur an den Wochenenden kam sein Freund auf Besuch nach Hause. Birkners Vater holte ihn an jedem Samstag mit der Pferdekutsche ab, manchmal von seinem Jungen begleitet.

In den ersten Jahren dieser Zeit freute er sich die ganze Woche über darauf zu hören, was der Andere in der Stadt und in der Schule so alles erlebte. Er nahm lebhaften Anteil daran. Friedrich eröffnete ihm eines Tages, er wolle zur Marine gehen, Steuermann oder Kapitän werden und ferne Kontinente aufsuchen, von denen Birkner bisher noch nicht einmal den Namen gehört hatte. Da waren sie gerade fünfzehn geworden. Nur einmal im Monat sahen sie sich jetzt noch, denn sein Freund besuchte inzwischen die Kadettenschule in Kiel.

Birkner hatte da schon die Schule verlassen müssen und arbeitete im Gutshof. Als er einmal Friedrich in seiner schicken Kadettenuniform ankommen und fortfahren sah, keimte in ihm ein immer brennender werdendes Gefühl der Minderwertigkeit auf. Ohnmächtig sah er sich den Umständen machtlos ausgeliefert, verloren in absoluter Chancenlosigkeit. Auch nur annähernd konnte er nicht etwas Ähnliches aus sich selbst heraus machen wie sein Freund.

Dann brach eines Tages der Krieg aus. Er wusste weder warum noch weshalb. Aber es entstand damit eine neue Situation.

Mit gerade erst siebzehn Jahren meldete er sich beim Wehrkreiskommando. Dort befeuerte man seinen Ehrgeiz. Gegen den Willen seiner Mutter aber mit Genehmigung des Vaters, nahm er an der militärischen Grundausbildung für Infanteriesoldaten teil.

Dort wurden sie alle hart angepackt, regelrecht „geschliffen“, bis sie fronttauglich schienen. Keinen Feind sollten sie auf deutschem Boden dulden und deren böse Absichten gnadenlos durchbrechen, koste es das eigene Leben. Das wurde ihnen eingebleut. Wer sich bei der Verteidigung des Vaterlandes bewährt und hervortut, der würde belohnt werden. Vor allem könne er aufsteigen. Ungeahnte Möglichkeiten eröffneten sich dabei, unabhängig davon, ob derjenige aus einem Bauernhaus, einer Arbeiterfamilie oder einem Gutshof kommt. Und besonders schnell fände eine Beförderung statt, wenn er sich zur Waffen SS meldete. Diese sei die Elite der Wehrmacht.

Das habe er geglaubt, kam es doch seinem Streben entgegen. Er sei ohne lange zu Überlegen dort eingetreten, schloss Birkner seine Erzählung, in die Runde gerichtet und kleinlaut geworden, ab.

Nach einem Blick in den fast leeren Thermosbehälter fügte er aber dann doch noch hinzu, dass er tatsächlich bald zum Unterleutnant ernannt wurde. In Frankreich habe er gekämpft, dort wegen Tapferkeit vor dem Feind das „Eiserne Kreuz“ erster Klasse erhalten. Nach einem glatten Schuss durch den Oberschenkel sei er direkt aus dem Lazarett nach hierher abkommandiert worden. Eine Weigerung wäre unmöglich gewesen.

Dies hier sei für ihn ein unerwünschter Ort. Was er hier sähe und erlebe, habe mit Kriegführung, wie er sie verstehe, überhaupt nichts zu tun. Und als Verwalter eines Lagers sei er nicht geeignet. Er sei froh, in der nächsten Woche wieder an die Front zu kommen. Es klang wie eine Entschuldigung. Auch für die nachlassende Disziplin der Wachleute brächte er ein gewisses Verständnis auf.

Damit sah er Margot offen ins Gesicht, die ihm gegenüber saß. Leise sagte er, mehr für sich selbst, er wünschte sich, mit dieser kleinen Gesellschaft fortfahren zu können, wenn er dürfte. Hier würden jeden Tag Menschen durch Krankheit, Erschöpfung und Mutlosigkeit umkommen. Denen könne er aber nicht helfen, so sei die Befehlslage von „oben“. Sie jedoch, damit meinte er die Frauen und Kinder am Tisch, seien ganz und gar irrtümlich hierher geraten. Nun führe er sie heute wieder von hier weg. Und dann, die Worte einzeln betonend, vielleicht brauche er eines Tages auch einmal ihre Hilfe. Er habe sich alle Namen und Adressen notiert.

Nach diesen Worten erhob sich Birkner abrupt. Die Frauen, ein wenig verwirrt über diese Ansprache, bestiegen nun den Laster, der schon eine ganze Weile vor sich hin röhrte. Niemand wagte aber, Birkner zu unterbrechen. Jetzt half er den Frauen beim Aufsteigen. Dabei rutschten seine Ärmel nach oben und gaben den Blick auf die Unterarme frei. Das dort eintätowierte Boot mit übergroßem Steuerrad und viel zu kleinem Anker brannte sich Gesine unwillkürlich ins Gedächtnis ein. Es sollte ihr Jahre später noch einmal begegnen.

Als die komplette Mannschaft auf der Ladefläche Platz genommen hatte, ging Birkner nach vorn und setzte sich neben den schon ungeduldig wartenden Gruner und gab diesem ein Zeichen zum Losfahren. Der kurze Weg zum Innenhof war schnell zurück gelegt und bald standen sie vor dem Tor nach draußen.

Halt, einen Moment noch. Birkner holte den Passierschein aus seiner Brusttasche und reichte ihn an Gruner weiter. Er war bereits ausgestiegen, wollte vom Auto zurück treten, zögerte aber noch und öffnete noch einmal die Beifahrertür.

Heute Nachmittag fände die letzte Vorstellung eines Theaterstücks in der Stadthalle hier im Ort statt. Weil sie doch ein paar Kinder dabei hätten, würde ihnen dieses Stück bestimmt sogar gefallen, sei ihm gerade eingefallen.

Ungläubig starrte ihn Gruner an. Birkner, ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, stieg wieder in das Fahrerhaus ein. Er dirigierte den Laster jetzt durch die Straßen der Stadt, bis sie an ein größeres, die anderen Häuser überragendes gelbes Gebäude kamen. Hier hieß er Gruner den Motor abstellen, der es nicht wagte zu widersprechen.

Sie standen vor dem Kinderheim des Ortes, dem man die ehemalige Schule ansah. Hier könnten sie noch für eine Nacht unterkommen. Wenn sie aber nicht wollten, dann dürften sie auch gleich weiter fahren.

Gruner befragte die Frauen. Nach kurzer Abwägung stimmten sie zu. Gesine und Hannelore blickten bei dieser Abstimmung zu Boden, nickten jedoch stumm, als sie hörten, dass es die anderen Frauen verlockend fanden, noch eine dieser kalten Nächte in einem festen Haus überstehen zu können. Zusätzlich reizte auch noch die Aussicht auf ein Theaterstück. Dies zusammen überdeckte die Bedenken und Sorgen, wie es mit ihrer Fahrt weiter gehen würde.

So richteten sie sich nach einer nur sehr kurzen Fahrt in einem der leer stehenden Schulzimmer ein, die genügend Feldbetten enthielten.

Birkner war inzwischen verschwunden. Von den Wachleuten in den Korridoren des Heimes wurden sie nicht beachtet. Es waren überwiegend weibliche Bedienstete.

Aus dem ersten Stock über ihnen drangen Stimmen der dort untergebrachten Kinder zu ihnen hinunter. Auf die Frage nach diesen Kindern erklärte eine der vorübereilenden Wächterinnen, dass im Obergeschoß noch einige Waisen verwahrt werden müssten. Von den Kindern, die das Erdgeschoß noch bis vor Kurzem bewohnten, seien die meisten nach Dänemark und in die Schweiz verschickt worden. Der Rest wäre in andere Lager, weiter im Osten, weggegangen. Genaueres wüsste sie nicht, nur, dass nach und nach hier das Heim aufgelöst wird. Alles ginge streng nach Listen vor sich.

Was sie anginge, habe Birkner befohlen, ihnen alles Nötige zu beschaffen. Sie sollten es nur sagen. Einen Augenblick wartete die Wächterin auf die Reaktion der Frauen, dann begab sie sich nach oben.

Gesine, Irmgard und Hannelore schrieben noch schnell einen Feldpostbrief an ihre Männer, legten sich anschließend mit den Kindern auf die Liegen, die sie vorher in Gruppen zusammen geschoben hatten. Sie schliefen sogleich ein. Nach vielleicht zwei Stunden schreckte sie aber ein schon bejahrter Soldat mit lauter Stimme aus dem Schlaf. Er war zu ihnen ins Zimmer getreten und forderte nun die Frauen zum Aufstehen auf. Sie richteten sich halb auf und blickten ihm ärgerlich entgegen. Er, sofort ruhiger, bedeutete ihnen, dass er draußen warten würde. Seine Aufgabe wäre es, sie zur „Aufführung“ zu begleiten.

Wenig später, auf dem Weg zur Stadthalle, durchquerte die kleine Gesellschaft erst einige ringförmig angelegte Straßen, gesäumt von meist zweistöckigen Häusern. Viele waren gelb, braun, auch in dunklen Pastelltönen gehalten und vermittelten beim flüchtigen Hinsehen einen an südländische Städte erinnernden Eindruck. Sie zeugten von ihrer Errichtung unter österreichischer Herrschaft durch Kaiserin Maria Theresia.

Dieser Eindruck veränderte sich jedoch bald. Je näher die kleine Gruppe auf die Stadthalle zuschritt, um so mehr verdüsterte sich das Bild. Sie liefen nun eine gerade Straße an einförmigen, grauen Häuserfronten entlang, die fast alle gleich aussahen. Die Türen und Fenster befanden sich bei allen Häusern an der gleichen Stelle. Diese Gleichförmigkeit bedrückte die Frauen noch mehr als sie es schon waren. Sie bereuten jetzt, ihr Einverständnis zum Bleiben gegeben zu haben. Aber jetzt war es zu spät zur Umkehr.

Nur wenige Menschen begegneten ihnen, die gleich, als diese der Gruppe mit dem Soldaten in Uniform vorneweg angesichtig wurden, in Hauseingänge oder in schmale abzweigende Gassen eintraten. Alle hatten einen weithin sichtbaren gelben oder weißen Stern an ihrer Kleidung. Diejenigen, die ihnen nicht mehr ausweichen konnten, traten zur Seite, den Blick nach unten gerichtet, blieben stehen, bis die Frauen und Kinder vorüber waren.

Endlich standen sie vor der Halle. Hier drängten sich plötzlich vor der offenen Tür viele Leute, überwiegend Frauen und Kinder. Nur wenige Männer befanden sich unter ihnen.

Gleich beim Betreten des großen Saales vernahmen sie einzelne Musikfetzen. Völlig unerwartete Geräusche, die so gar nicht in diese Umgebung, in diese Stimmung passen wollten. Eine Violine unterbrach den sonoren Ton eines Cellos. Zu ihr gesellte sich eine Flötenstimme, in die sich die tieferen Töne einer Oboe mischten.