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In den Jahren 2003 und 2005 unterzog sich die Autorin der Dunkeltherapie. Für 12 bzw. 24 Tage war Saskia John, ohne jegliche äußere Ablenkungen und fastend, im Stockdunklen eines kleinen Raumes 24 Stunden lang ausschließlich mit sich selbst konfrontiert. Neben den chronologischen Tagebucheintragungen zu persönlichen und transpersonalen Erfahrungen wird ein psychodynamisches Modell zur Arbeit mit dem "Inneren Kind" vorgestellt, das anhand von Musterbeispielen aus dem Dunkelprozess der Autorin näher erklärt wird. Zudem befasst sich das Buch mit der psychologischen Aufarbeitung einzelner Inhalte des damaligen Geschehens und nimmt reflektierte Erkenntnisse der Autorin aus heutiger Sicht mit auf. Die Erfahrungsberichte bieten einen Querschnitt durch die Landschaft der menschlichen Psyche und richten sich an Leser mit einem Interesse an: Psychologie, Transformation, Spiritualität, Mystik, Heilung, Luzides Träumen, Traumanalyse, Innere-Kind-Arbeit, Meditation, Atemarbeit, Bewusstseinserweiterung, Integrationsarbeit, Persönlichkeitsentwicklung, Seele, Tai Chi, Fasten und Retreat.
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Seitenzahl: 795
Veröffentlichungsjahr: 2016
Meinen Eltern
in Liebe und Dankbarkeit
Saskia John
Grenzerfahrung
Dunkelretreat
In den Tiefen meiner Seele
Die Überarbeitung meiner Erfahrungsaufzeichnungen
erfolgte in Zusammenarbeit mit Gabriele Fröhlich
©tao.dein J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld
Überarbeitete Neuauflage des Buches „In den Tiefen meiner Seele – Erfahrungen in völliger Dunkelheit“ Juni 2016
Autor: Saskia John
Umschlaggestaltung: Saskia John und WerbeFactory Luckenwalde
Umschlagfoto: Saskia John
Korrektorat: sinntext literaturagentur
Verlag:tao.dein J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld, www.tao.de, e-Mail: [email protected]
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überdnb.d-nb.deabrufbar.
ISBN Hardcover:
978-3-96051-108-3
ISBN Paperback:
978-3-96051-107-6
ISBN e-Book:
978-3-96051-109-0
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Nepal 1968. Hippiezeit. Eine Pferdekarawane schlängelt sich bei Mondschein über schmale Bergpfade in Richtung tibetische Grenze: Ziel ist Lo Mustang, ein kleines, selbstständiges Königreich innerhalb Nepals. Ein befreundeter Lama und ich – 18 Jahre alt, lange Haare, Ketten um den Hals, indische Kleidung und voller naiver Träume – befinden sich in der Truppe von Kampas, tibetischen Guerillas, die von Nepal aus ihren Widerstand gegen die chinesische Besatzung führen. Nach mehreren Wochen Marsch gelangen wir nach Lo Mustang. Das kleine Königreich Lo Mustang ist zu dieser Zeit der westlichen Welt völlig unbekannt, noch nie war ein Westler dort. Ich werde neugierig beäugt und angefasst. Aus einem Haus dringen Zimbel- und Trommeltöne, und auf mein Fragen macht man mich in einem dunklen Keller mit einem Mann bekannt, der hier seit Langem in vollkommener Dunkelheit lebt. Sein Anliegen: Auflösung des beschränkten Ich-Bewusstseins. Das war mein erster Kontakt mit Yangtik, der Dunkeltherapie, wie ich diese heute nenne.
Ich hörte, Yangtik wird bei einigen buddhistischen Schulen als Abschluss der Mönchsausbildung durchgeführt. Da mein Aufenthalt in dieser Region gefährlich und verboten ist, suche ich eine Unterkunft bei einem Bauern, dunkle alles ab und beginne meine erste Dunkeltherapie. Sieben Wochen allein, Yoga, Meditation, täglich ein Gespräch mit einem Lama.
In den ersten Tagen geschieht nichts Dramatisches, ich schlafe und döse, Gedanken jagen durch den Kopf, durchlebe eingeschliffene Denkmuster, dann wieder bin ich eine Zeit lang „weg“, fühle mich in der Dunkelheit mal geborgen, dann wieder allein, langweile mich, traumartige Gedanken gleiten vorbei, symbolische dreidimensionale hyperreale Bilder und Filme an den Wänden. Es kommt zu tiefen Selbsterkenntnissen und hinter meinem Rücken arbeitet unbemerkt ein Entleerungsprozess – ich werde reiner, nur noch Dasein, ewiges Jetzt, Sein tritt auf der Stelle, eine Art Energie pulsiert, abwechselnd wird mir heiß und kalt.
Das zentrale Geschehen im Dunkeln ist die Zunahme von Bewusstseinsklarheit. Mein Bewusstsein ist im Allgemeinen verdunkelt und überlastet mit mentalen Handlungen. Mit dem Leerlaufen geht eine verschärfte Erfahrung für Seelenprozesse einher. In Tibet behauptet man, im Dunkeln werde das Bewusstsein siebenmal schärfer.
Dunkelheit bewirkt in mir Leere, sprich Abwesenheit von Gedanken und Gefühlen, was sich im fortgeschrittenen Stadium als Lichterfahrung ausdrückt, weshalb Licht und Leere zwei Worte für dieselbe Sache sind. In diesem Zustand erfahre ich die Welt als wahr und schön und gut.
Mein Körper schläft ein, aber der Geist bleibt wach; dadurch entwickelt sich Klarheit im Wachen wie im Träumen, denn die Klarheit des Wachzustandes wird mit in den Traum hineingenommen, der Traum wird zu einer Art Tagtraum, ich erlebe meine Träume bewusster.
Bald treten Wesen auf, die meiner Imagination entspringen und zunächst nur mit geschlossenen, dann auch mit offenen Augen klar zu sehen sind. Sie flattern wie Tücher und verformen sich schnell zu anderen Wesen und Szenen. Doch bald setzt eine Stabilisierung des Bilderflusses ein, ich kann ein inneres Bild länger halten.
Immer wieder erfahre ich Seinsblitze, erkenne Sinn und Wesen des ganzen Seins. Ein Lebewesen, erfahre ich, kann nur leben, wenn es alle paar Sekunden einen unbewussten Blick auf den reinen Seins-Zustand erhascht. Seins-Zustände sind im Alltagsleben des Menschen heruntergekommen auf Seinsblitze, die zwischen zwei Augenblicken unbemerkt auftauchen. So wie wir den Tiefschlaf benötigen, um uns zu erholen, so benötigen wir Seinsblitze, um uns vom Dauerkampf des Alltags zu erholen. Später reißt das reine Sein ab und zu wie ein Vorhang auf, ich erfahre für Sekunden die unbeschreibliche Urnatur der Welt. Danach sind Wissen und Weisheit der Menschwelt vernichtet und erscheinen wie ein verschwommener Traum. Nach längerer Dunkelheit meine ich sehen zu können. Das Licht ist zunächst neblig-hell wie Dämmerungslicht. Gelegentlich tritt ein bläulicher Lichtschimmer auf. Meine Wahrnehmung hat sich verfeinert und nimmt pure Energie wahr.
Davon zu unterscheiden ist das innere klare Licht des Geistes. Das tauchte etwa nach vier Wochen auf – nach dem Verlust aller Konzepte und nachdem ich mich nur noch gelegentlich als Einzel-Ich erfuhr. Dieses Licht ist alles, alles ist dieses Licht, es ist in mir und überall.
Als ich nach 49 Tagen ins Tageslicht trete, erfahre ich das Sonnenlicht als das Geistlicht, die Natur enthüllt in jedem Blatt und Stein als Miniaturkosmos die ganze Welt. Eine Welt, in der jedes alles ist. Nach einigen Tagen nehme ich mein Bündel, schaue meinem Lama, diesem ewigen Wanderer durch den Himalaya, in die Augen, stumm trennen sich unsere Wege. Wir sahen uns nie wieder. Was blieb? Nun, die Natur des Geistes blieb in mir!
Viele Jahre später und nach zwei weiteren Dunkelaufenthalten in Kinnauer (Nordindien) und Tibet fragte mich ein Journalist, ob er bei mir eine Dunkeltherapie machen könnte. Ich sagte, es sei keine Therapie und ich hätte gar keinen Platz für ihn im Haus. Aus Freundschaft richtete ich ihm dann doch ein Zimmer ein, und so kam es zur ersten Dunkeltherapie. Später gab ich meine Arbeit als Psychotherapeut auf, kaufte ein größeres Haus und begann, Leute für ein Dunkelretreat aufzunehmen. Und auf diese Weise landete auch Saskia John bei mir, die Frau, die in diesem Buch ihre umfangreichen Erfahrungen im Dunkeln darstellt.
Es ist einige Jahre her, seitdem Saskia bei mir war, und sie war mehrmals hier. Im Dunkeln erzählte sie mir ihre Eindrücke und wir nahmen das auf Tonband auf. Dieses Material, das täglich aus ihr floss und das wir dann abends besprachen, wirft Licht auf eine neue Psychologie, zumindest gibt es einen Blick auf bisher unbeachtete Gebiete unserer Seele frei. Saskia hat einige Zeit benötigt, ihre Erlebnisse niederzulegen, nun aber liegt das Werk vor. Jeder, der versteckte Hintertüren seines Geistes öffnen möchte, dem legen diese ganz persönlichen Erfahrungen einen roten Faden durchs Labyrinth der Seele in die Hand. Saskia war lange Zeit die Enthüllung einiger ihrer Seelenzustände peinlich, doch ist die Wahrheit einfach immer nur wahr und Dunkelheit führt eben ins Licht.
Holger Kalweit
Januar 2011
Ich wurde im Jahr des Mauerbaus in der ehemaligen DDR geboren. Meine Eltern waren Kriegskinder, beide Lehrer. Ich wuchs innerhalb der Mauern in der gottlosen Welt des Materialismus, Gehorsams und einer Energie von „Machen-was-gesagt-Wird“ auf. Mein Weg war immer vorgeplant, und so wanderte ich auf den vorgegebenen Etappen zielstrebig von einer zur nächsten: Schulabschluss, Lehre, Abitur, Studium, Heirat, Kinderkriegen, Berufausüben. Bis zum Mauerfall arbeitete ich als Tierärztin, und die Welt lief für mich in „geordneten“ Bahnen. Ich hatte diese Welt nie infrage gestellt. Das Jahr des Mauerfalls wurde nicht nur für Deutschland und die Welt zu einem bedeutenden Ereignis, sondern es war zugleich das Jahr, das meine persönliche Wende einleitete – ich begann, den Blick nach innen zu richten. Damals ahnte ich allerdings nicht, wie sehr dies mein Leben einmal verändern sollte.
Das Thema „Mauer“ begleitet mich also seit meiner Geburt. Vielleicht investiere ich deshalb so viel Energie, Mauern in mir fallen zu lassen und meine inneren Grenzen zu erweitern. All mein Tun ist ausgerichtet auf die Werte des Lebens, auf inneren Reichtum und Souveränität, auf Mitmenschlichkeit und bedingungslose Liebe. In mir ist ein tiefes Bedürfnis nach Freiheit und Erwachen, das mich Dinge tun lässt, die nicht unbedingt jeder tut. In vielen Jahren erkundete ich über Meditation, Tai Chi Quan, Reisen, Selbsterfahrungsworkshops, therapeutische Sitzungen und zwei Dunkelretreats das innere Universum meiner Seele und gelangte so zu einem Erfahrungswissensschatz, durch den sich mir immer wieder die Aussagen weiser Menschen bestätigten, sodass ich meine inneren Zweifel an dem Wirklichkeitscharakter meiner Erfahrungen überwinden konnte und meine eigene Wahrheit fand.
Das Erkunden der psychischen Landschaft war und ist ein tiefer Lernprozess, der mit inneren Loslass- und damit verbundenen Wachstumsprozessen und Bewusstseinserweiterungen einherging und noch immer geht. Es ist ein innerer Reinigungsprozess, der sich überaus schwierig und sehr schmerzvoll gestaltete – ich musste dafür alte Sicherheiten aufgeben und mich dem Unbekannten anvertrauen. Infolge dessen erhielt ich über eigene Erfahrungen tiefere Einblicke in das psychische Universum und das Wechselspiel zwischen Körper, Seele und Geist und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Gesundheit, wodurch sich mir auf dem Gebiet der Heilkunst neue Möglichkeiten eröffneten, weil ich vieles klarer und in einem größeren Bild sehen konnte.
Aber zurück zur Jahrtausendwende, dem Jahr, in welchem mein Leben nach dem Mauerfall erneut eine Richtungsänderung erfuhr. Im Sommer 2000 begegnete ich Gabriele Fröhlich, was einer Schicksalsbegegnung gleichkam. Die innere Arbeit, die ich über sie kennenlernte, fesselte mich so tief, dass sich daraus über viele Jahre eine intensive Zusammenarbeit entwickelte. Ich lernte ihr Modell „Das intelligente Herz“ und die Auswirkungen seiner Anwendung tief in mir selbst kennen und ließ meine Erkenntnisse und Erfahrungen zunehmend in die Arbeit mit Patienten einfließen. Dabei zeigte sich, dass sich nicht nur in mir tiefe Wachstums- und Wandlungsprozesse vollzogen, sondern ebenso in vielen anderen Menschen, die es schafften, sich auf sich selbst einzulassen.
Parallel zur Arbeit mit G. Fröhlich lernte ich das Familienstellen kennen, wobei sich die Erfahrungen, die ich dabei machte, und das, was ich in der Ausbildung bei Bert und Sophie Hellinger lernte, in die Arbeit mit G. Fröhlich wundervoll einfügten und sie ergänzten.
Auf meinem Weg des inneren Wachstums begegnete mir im Jahr 2002 in einer Fachzeitschrift ein Artikel über Dunkeltherapie, der mich sofort fesselte und nicht mehr losließ. Ich war einerseits neugierig, was sich dahinter verbarg, andererseits machte mir der Artikel auch Angst – allein über eine längere Zeit in absoluter Dunkelheit! Ich brauchte fast ein Jahr, ehe ich Holger Kalweit, den Autor des Artikels, kontaktierte und um einen Termin bat.
Vom 02. – 14.07.2003 begab ich mich für zwölf Tage in das erste Dunkelabenteuer. Alle meine Erfahrungen nahm ich mit einem Diktiergerät auf, um sie später für mich vertiefend nacharbeiten zu können. Während dieser Zeit kam ich in eine tiefe Krise und drückte Holger bei einem seiner Besuche das Aufnahmegerät in die Hand, damit er im Bilde darüber war, was in mir ablief. Er erkannte den Wert der Aufzeichnungen und regte mich an, ein Buch über meine Erfahrungen zu schreiben. Zunächst begeistert von der Idee, setzte ich mich nach Ende der Dunkelzeit daran, die Kassetten abzuschreiben. Dabei vertieften sich die inneren Prozesse und ich erhielt weiterführende und neue Einsichten über mich, die ich in Kursivschrift dem Manuskript hinzufügte. Der ganze Prozess dauerte zwei Jahre.
Zwischenzeitlich hatte ich mich zu einer zweiten Dunkeltherapie über 25 Tage (19.08. – 12.09.2005) entschieden. Ich dachte, an die Erfahrungen des ersten Dunkelretreats anknüpfen zu können und diese zu vertiefen. Dass alles auch ganz anders kommen könnte, hatte ich nicht in Erwägung gezogen.
Nach Ende des zweiten Dunkelaufenthaltes transkribierte ich monatelang das umfangreiche Material und ergänzte es wiederum mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen und Einsichten über mich selbst. Im Zuge dieser Arbeit wurde ich immer wieder mit der Angst konfrontiert, die Erfahrungsinhalte mit all meinen Gedanken und Gefühlen zu veröffentlichen. Ich hatte das Gefühl, mich zu entblößen und mit meinem ganzen Wesen nackt vor der Welt dazustehen. Auch waren viele Ereignisse mit so viel Schmerz für mich verbunden, dass ich sie nicht mit der Welt teilen wollte. Den Ängsten und dem Schmerz stellte ich mich und löste beides in vielen Einzelsitzungen nach und nach immer mehr auf.
Nach ungefähr drei Jahren Integrationsarbeit und mehreren Überarbeitungen der Aufzeichnungen hielt ich diese endlich für druckreif. Da ich in der Dunkelheit das Modell „Das intelligente Herz“ anwandte, um die Erfahrungen zu integrieren, bat ich G. Fröhlich im Sommer 2008 um eine Rückmeldung zum Manuskript, um sicherzugehen, dass ich das Modell in ihrem Sinne anhand meiner Erfahrungen und Träume interpretiert und erklärt hatte. Ihr Feedback regte mich an, die Erfahrungen nochmals zu überarbeiten und weitergehende Erkenntnisse und Einsichten aus heutiger Sicht einzufügen. Es ergab sich über E-Mails, Gespräche und unzähligen Einzelsitzungen mit ihr über für mich schwierige Themen ein intensiver Austausch, der eine weitere Runde in meinem Wachstumsprozess einleitete.
Parallel dazu begegnete ich im Frühjahr 2008 dem spirituellen Lehrer Thomas Hübl und meldete mich für sein dreijähriges Timeless-Wisdom-Training (TWT 1) an. Die Arbeit mit Thomas fügt(e) sich nahtlos in meine bisherige Arbeit ein und unterstützt(e) meinen inneren Prozess auf wunderbare Weise. Im Rahmen des Trainings war im zweiten Jahr eine Projektarbeit umzusetzen, die mir am Herzen liegen und der Welt zugutekommen sollte. Ich entschied, das Buch als Projekt zu nehmen – der gesetzte Zeitrahmen ließ mich intensiver daran arbeiten. In der Zwischenzeit war ich auch so weit, der Veröffentlichung vom Herzen her zustimmen zu können, ohne das Gefühl zu haben, vor Angst und Scham im Erdboden zu versinken.
Das Buch gliedert sich in seiner jetzigen Form in drei Teile. Als Erstes stellt G. Fröhlich das von ihr entwickelte Modell „Das intelligente Herz“ als Grundlage für den psychodynamischen Aufarbeitungsteil der Aufzeichnungen vor und verweist auf die im Buch aufscheinenden Übergänge zwischen psychodynamischen und transpersonalen Aspekten in ihrer Relevanz für den westlichen Kulturkreis.
Es folgen die transkribierten Erfahrungsberichte aus den beiden Dunkelaufenthalten über 12 bzw. 24 Tage, die ich im Wesentlichen so belassen habe, wie sie seinerzeit entstanden sind. Sehr intime Passagen, in denen es um meine Ehe ging, wurden jedoch entfernt. Gemachte Zeitangaben sind immer geschätzt und entsprangen meiner Empfindung in dem Moment. Die Auslassungspunkte „…“ bitte ich an den jeweiligen Stellen als fließende, energetisch nicht durchbrochene lange Pause zu verstehen. Ich behielt die Erzähl- und Ich-Form bei, weil sie das unmittelbare Geschehen viel lebendiger wiedergeben als ein eher unpersönlicher Stil. Es werden sowohl die Auseinandersetzung mit dem dunklen Unbewussten (nach C. G. Jung der „Schatten“) als auch transpersonale Erlebnisse beschrieben und wie ich damit umgegangen bin, um die Erfahrungen auf eine gesunde Weise zu integrieren. Dadurch bleibt es nicht aus, dass sich im Zuge des ganzen Prozesses Wiederholungen ergeben, da mich verschiedene Themen immer wieder beschäftigten, bis sich das, was ich mein Leben lang verdrängt hatte, ganz an die Oberfläche meines Bewusstseins gearbeitet und in kleinen Dosen entknäuelt, verändert, aufgelöst und integriert hatte.
Im Erlebnisteil eingebunden sind als Drittes die nachträglichen Einfügungen (Erkenntnisse, Einsichten und psychodynamische Analysen aus heutiger Sicht), die einerseits während der jahrelangen Manuskriptüberarbeitung und andererseits in enger Zusammenarbeit mit G. Fröhlich entstanden und alle in Kursivschrift und mit Datum gekennzeichnet sind. So kann der Leser wählen, entweder nur den reinen Erfahrungsbericht zu lesen oder sich auch über tiefere psychodynamische Hintergründe zu informieren.
Das Buch ist mein Beitrag für eine Welt, in der Hektik, Stress, Machtausübung sowie materielles Denken und Handeln vorherrschend sind und die geistig-seelischen Wirklichkeiten und wahren Werte des Menschen meinem Empfinden nach viel zu wenig Berücksichtigung finden. Das Ausblenden des authentischen Selbst im Menschen führt zum rücksichts- und lieblosen Umgang mit sich selbst, mit anderen und unserer Umgebung, mit der Erde und dem Weltraum und erzeugt einen Spannungszustand, der sich in jedem Menschen selbst und darüber hinaus weltweit über kriegerische Spannungsherde und Naturkatastrophen unübersehbar bemerkbar macht.
Es ist ein sehr persönliches Buch, in welchem ich intime Details offen darlege und dem Leser im Grunde Einblick in mein ganzes Wesen gebe. Um die Schwierigkeiten auf dem Weg der Selbsterkenntnis für den Leser besser nachvollziehbar zu machen, habe ich alle wesentlichen Details und Themen im Buch so belassen, wie sie in mir auftauchten. Ich verbinde mit der Veröffentlichung dieser Inhalte die Hoffnung und den tiefen Wunsch, dass diese Informationen Menschen helfen mögen, die bereits auf dem Weg der ernsthaften Selbsterforschung sind, die damit verbundenen Gefahren und Irrwege besser erkennen zu können, und möchte Anregungen geben, wie damit umgegangen werden kann. Vielleicht geben meine Erfahrungen anderen auch Mut und Anstoß, sich selbst auf den Weg in die Tiefen des eigenen Universums hin zu innerer Wahrheit, Heilung, Empathie, Mitgefühl, bedingungsloser Liebe und Weisheit zu machen. Wenn das Buch auch nur einer kleinen Anzahl von Menschen in einer (spirituellen) Krise oder ihrem persönlichen Erkenntnis- und Veränderungsprozess weiterhilft, hat sich für mich persönlich sowohl der Preis der Offenbarung meines innersten Wesenskerns als auch die Mühe und der Aufwand gelohnt, den mich dieses Buch gekostet hat (abgesehen davon, dass es meinem eigenen Wachstumsprozess auch zugutekam).
Falls Sie sich durch das Buch angeregt fühlen, sich in das Modell „Das intelligente Herz“ einarbeiten und es in ähnlicher Weise anwenden zu wollen, wie ich dies tat und hier beschreibe, so weise ich darauf hin, dass meiner Fähigkeit, in den beiden Dunkelaufenthalten das Konzept des Modells so selbstverständlich anzuwenden, ein jahrelanger Übungsprozess unter Anleitung und Feedback von G. Fröhlich vorausging, sodass ich bereits eine gute Übung darin hatte. Meines Erachtens braucht es zumindest in der Anfangszeit Anleitung und Hilfe, um einerseits vom Erwachsenen-Ich aus in eine echte und lebendige Kommunikation mit dem Inneren Kind zu kommen und andererseits die Fähigkeit zu entwickeln, die einzelnen Energien (Pig Parent,Anpasser, Inneres Kind, Positives Eltern-Ich usw.1 ) innerhalb der eigenen Person unterscheiden und angemessen mit ihnen umgehen können zu lernen. Die genauen Beschreibungen dienen der Nachvollziehbarkeit und dem besseren Verständnis für den Leser, ersetzen aber weder ärztliche noch psychotherapeutische Hilfe und selbstverständlich kann auch keine Haftung übernommen werden.
Sollte das Buch zu irgendeinem Zeitpunkt auf tiefe Gefühle in Ihnen stoßen, wäre es ratsam, sich an dem Punkt zu fragen, ob jetzt der rechte Zeitpunkt ist, es zu lesen, und ob Sie weiterlesen möchten. Sie haben jederzeit die Wahl und lesen das Buch in Eigenverantwortung sich selbst gegenüber.
Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Spannung, viele Erkenntnisse, vielleicht auch tiefe Erfahrungen oder einfach nur Freude beim Lesen dieses Buches.
Saskia John
März 2011
Als ich das Buch 2012 veröffentlichte, hatte ich nicht die Absicht, es nach 3 Jahren zu überarbeiten. Die überraschende Insolvenz des bisherigen Verlages veranlasste mich jedoch, dem Buch erneut meine Aufmerksamkeit zu schenken. Im Zuge der Überarbeitung zeigte sich, dass einige Wiederholungen, die mir damals wichtig erschienen, aus heutiger Sicht entfernt werden konnten, ohne dass dadurch dem Buch Inhalt und Tiefe verloren ging. Alle bisherigen, in der ersten Auflage kursiv dargestellten Einfügungen wurden von mir geprüft und ggf. an mein heutiges Verständnis über die komplexen Zusammenhänge von Körper, Geist und Seele angepasst. Im Rahmen der Überarbeitung bewusst gewordene neue Erkenntnisse oder weiterführende Anmerkungen habe ich, soweit ich dies für hilfreich erachtete, in der üblichen Weise kennzeichnend hinzugefügt, sodass das Buch diesbezüglich auf den neuesten Stand gebracht ist. Auf manche intrapsychische Dynamiken bin ich in der Neuauflage ausführlicher eingegangen, um dem Leser ein leichteres Verständnis für die Arbeit mit dem Inneren Kind (im Sinne nachhaltiger Änderung emotionaler Reaktionen auf die eigene Vergangenheit) zu ermöglichen. Einige Erfahrungsinhalte, die in der 1. Auflage aus persönlichen oder Platzgründen weggefallen oder stark gekürzt worden sind, habe ich in das Buch wieder aufgenommen, wenn dies dem Gesamtverständnis diente, was den Einblick in die damaligen Dunkelerfahrungen nunmehr vervollständigt.
Insgesamt habe ich mich in der Neuauflage um einen bildlicheren Schreibstil bemüht, sodass mehr Leichtigkeit in das Buch getragen ist und die Beschreibungen für den Leser, so hoffe ich, einfacher nachvollziehbar sind.
Kürzlich las ich das Buch „Kriegsenkel“, in dem vieles beschrieben wird, was ich in jahrelanger Therapie und meditativer Selbsterforschung, so auch in den beiden Dunkelaufenthalten, in meiner Seele ausgegraben hatte – Inhalte, die meine Eltern, beide Kriegs- und Flüchtlingskinder, aus verständlichen Gründen bis heute nicht aufarbeiten konnten.
Die gegenwärtige Flüchtlingskrise holt viele der im 2. Weltkrieg verdrängten Emotionen (z. B. Existenzangst und Wut bis zum Hass hin) an die Oberfläche. So fühlte ich eine große Todesangst, die für mein eigenes Leben keinen Sinn ergibt, wohl aber sehr viel Sinn für die Erfahrungen im Leben meiner Eltern und Großeltern macht. Indem ich es schaffte, diese gigantische Angst wirklich zu fühlen und ihr offenen Herzens zu begegnen, wandelte sie sich mehr und mehr in Kraft, die dem Leben bis in das Heute hinein dient. Dieser Wandlungsprozess heilt sowohl mich als auch meine Kinder und Enkel und – das ist bemerkenswert – auch ein Stück weit meine Eltern. Sie wirken offener, weicher und, wie mir scheint, auch gesünder. Die emotionale Beziehung zwischen uns wird immer wärmer und lebendiger, was der gesamten Familie guttut.
Die heutige Zeit ist also eine große Chance für uns, die Kriegsenkel, dem dunklen Schatten der deutschen Vergangenheit – die in jedem Einzelnen von uns steckt, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – liebevoll in die Augen zu schauen, um ihn verarbeiten zu können (statt die aufbrechenden Gefühle aus unserer Vergangenheit auf die „anderen“, z. B. die heutigen Flüchtlinge, zu projizieren). Indem wir Verantwortung für alle unsere Gefühle übernehmen, diese aus einer größeren Perspektive mitfühlend anschauen (= Erwachsenen-Ich) und richtig dort zuordnen, wohin sie gehören, ist ein erlösendes Wieder-Fühlen der damals im Krieg verdrängten Gefühls-Energie und damit eine Transformation dieser möglich. In meinem Buch „Grenzerfahrung Dunkelretreat“ werden über das psychologische Integrationsmodell „Das intelligente Herz“ und die dazu beschriebenen Beispiele aus meinem eigenen Leben Lösungsmöglichkeiten zur Integration und Heilung persönlicher und kollektiver Schatten aufgezeigt. Ebenso kann das Modell eine Ressource für Menschen in spirituellen Krisen sein.
Die Gesellschaft, also „wir“, setzt sich aus vielen Einzelindividuen zusammen. Wenn die Einzelnen in sich selbst reifen, wachsen und zum Frieden im eigenen Herzen finden, dann transformiert sich in der Folge die Gesellschaft und wiederum darüber die Menschheit als Ganzes. Diese heilsame bewusste innere Auseinandersetzung mit uns selbst darf meines Erachtens nicht mehr als „Luxus“ oder „Marotte“ einzelner Suchender betrachtet werden, sondern ist vielmehr zur dringenden
Notwendigkeit für die Menschheit geworden, um in eine erwachsenere, reifere Ebene des Menschseins hineinwachsen und den globalen Herausforderungen dieser Zeit angemessen begegnen zu können. Mit diesem Buch möchte ich einen Anstoß dazu geben.
Saskia John
April 2016
Ein psychologisches Modell zur Integration transpersonaler Erlebnisse (geschrieben von Gabriele Fröhlich)
Als ich vor Jahren meine Rebirthing-Ausbildung – eine Form der transpersonalen Atemtherapie – in Vollzeit über drei Monate antrat, wurde mir bald bewusst, wie hilfreich sich meine zuvor absolvierte kognitiv orientierte Psychotherapieausbildung und die Erfahrung mit der Materie auswirken würde.
Die transpersonale Psychologie befasst sich mit Aspekten der persönlichen Erfahrungswelt, die das Individuelle in Bereiche archetypischer und höherer geistiger Zugangsebenen transzendieren, und sie wird als eine zugänglichere Form der spirituellen Erfahrung gegenüber den älteren esoterischen Traditionen betrachtet.
Mir war vor Beginn der Ausbildung klar, dass das Anliegen war, sich auf weitgehend transpersonale, nicht mit der Ratio erfassbare innere Bilder, Erlebnisse und Prozesse einzulassen; das Ziel war nicht, Probleme des Alltags zu lösen, gezielt Kindheitstraumata aufzuarbeiten oder freie Assoziationen zu interpretieren. Der „Stoff“ würde sich von selbst einstellen und seine Auflösung auf der Erlebnisebene häufig auch. Was hier gebraucht wurde, war in erster Linie eine begleitende Beobachterposition, die es möglich machen würde, eine Identifikation (und damit das Risiko einer inneren Überwältigung durch das Erlebte) zu verhindern. Nun ist diese Art von Beobachterfunktion integraler Bestandteil einer jeden Meditationspraxis und damit kein neuer Gedanke. Im Zuge der Rebirthing-Ausbildung und anderer verwandter Trainings zur Persönlichkeitsentwicklung mit einem starken Erfahrungsanteil wurde für mich aber zunehmend klarer, dass diese so wichtige Beobachterfunktion auf innere Integrationsprozesse zurückgeht und daher gewissermaßen erst erworben werden muss. Bei einer starken emotionalen Belastung, entweder durch die Lebenssituation der Person oder durch akute Aufarbeitungsphasen psychischer Prozesse, wie sie in derartigen Intensiverfahrungen ja an der Tagesordnung sind, kann dieser Beobachterposten eine große Herausforderung darstellen. Der Vorgang der Beobachtung in diesem Zusammenhang ist in sich selbst ein subjektiver Prozess, relativ zur aktuellen inneren Balance, in der die Person sich befindet oder eben auch nicht. Intrapsychisch hängt der Beobachtungsprozess von der emotionalen „Ladung“ des Beobachteten ab. Ein in dieser Hinsicht ungeschulter Mensch wird tröpfelnden Regen auf buntes Herbstlaub aller Wahrscheinlichkeit nach mit einiger innerer Gelassenheit registrieren und auf Nachfrage diesen Vorgang auch recht realitätsgetreu wiedergeben können. Wenn es sich um einen schweren Autounfall handelt, dürfte sich die objektive Beobachtung des Vorgangs hier schon deutlich schwieriger gestalten. Die übliche Divergenz zwischen Zeugenaussagen verschiedener Anwesender bei derartigen Geschehen ist ein deutlicher Hinweis für die subjektive Wahrnehmung und innere Verarbeitung von Beobachtetem in Abhängigkeit von seiner emotionalen Belastung. Im Extremfall mag es zu einer totalen Blockierung des Beobachteten kommen, d. h. es stellt sich ein innerer Schutzmechanismus ein, wonach unbewusst das sehr wohl registrierte traumatisierende Erlebnis quasi als nicht stattgefunden „erinnert“ wird. In weniger dramatischer Form finden vergleichbare Vorgänge durch die gesamte Lebensspanne hindurch statt; Unangenehmes aus Erwachsenensicht wird in der Frühkindheit häufig als existenziell bedrohlich empfunden und entsprechend dem beschriebenen Mechanismus oft weit ins Unbewusste verdrängt.
Zum Verständnis unserer Wahrnehmungen und Erfahrungen bedarf es der inneren Kommunikation zwischen verschiedenen Persönlichkeitsaspekten in uns, die die gleiche Situation oft auf jeweils unterschiedliche Weise wahrnehmen. Je besser diese innere Kommunikation innerhalb einer Person funktioniert, desto besser ist auch ihre Aussicht auf Erfolg in der Kommunikation mit anderen. Um die wichtigsten Persönlichkeitsanteile, ihre Funktionen und die Dynamik im Umgang mit uns selbst und anderen zu veranschaulichen, habe ich das „Intelligente-Herz-Modell“ entwickelt.
Leser, die mit der Transaktionsanalyse von Eric Berne vertraut sind, werden im umseitig stehenden Schema einige ihnen schon bekannte Namen oder Zuordnungen in ähnlicher Form wiedererkennen.
Die Beschaffenheit dieses Modells orientiert sich eng an dem Konzept der emotionalen Intelligenz. Der Begriff „emotionale Intelligenz“ hat sich im alltäglichen Umgang inzwischen so eingebürgert, dass er uns allen einigermaßen geläufig sein dürfte. Er wurde zum ersten Mal Mitte der 90er-Jahre von Daniel Goleman in seinem gleichnamigen Bestseller vorgestellt, in dem Goleman zur Vereinfachung auch die Abkürzung „EQ“ für einen emotionalen Intelligenzquotienten einführte. Der EQ umschreibt die Fähigkeit zum Mitgefühl, zur Empathie, des inneren Antriebs, des Selbstbewusstseins (im Sinne von: sich seiner selbst bewusst zu sein), des Altruismus, zu angemessenen inneren Reaktionen auf emotionale Impulse und die Kompetenz, geeignete Entscheidungen im Umgang mit allen Lebenssituationen treffen zu können. Sinn des „Intelligenten-Herz-Modells“ ist es, die Energieflüsse nachvollziehbar zu erfassen, die einen emotional intelligenten Umgang mit intra- und interpersönlichen Prozessen (solche, die sich auf uns selbst und den Umgang mit anderen beziehen) ausmachen.
Das folgende Erklärungsschema beschreibt die Persönlichkeitsanteile im Modell „Das intelligente Herz“ (IH-Modell, siehe S. 27), wofür sie stehen und worin ihre Funktion besteht.
Universelle Liebe – spirituelle Quellen-Energie. Das persönliche Erleben in der inneren Verbundenheit mit einer höheren Quelle der Weisheit, innerhalb eines religiösen Glaubenssystems oder völlig unabhängig davon. Die übergeordnete geistige Instanz, innerhalb derer sich Lebenserfahrungen in einen größeren, karmischen Gesamtkontext einordnen, was eine Perspektivenänderung zum eigenen Erleben ermöglicht.
Rationales Ich (RI)– die Fähigkeit zum logischen Denken, Realitätsprüfung; die Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen, zur Kooperation mit anderen, weil es „Sinn macht“, weil gemeinsam genutzte Ressourcen allen zugutekommen, weil sich in gegenseitigem Einvernehmen mehr erreichen lässt.
Der Anpasser (AP) – Anpassung an die empfundene emotionale Realität der Person, als „Überlebensmechanismus“. Verinnerlichte Opferrollen: Kannst du nicht sehen, dass ich ein Holzbein habe? Verinnerlichte Negativbotschaften: Ich würde das nie schaffen; ich bin nicht intelligent genug; ich muss gerettet werden; ich muss andere retten. Wenn ich mich aufopfere, wird man mich mögen. Wenn ich niedlich (kindlich) bleibe, werde ich nicht zur Verantwortung für meine Handlungen gezogen werden. Das Rationalisieren traumatisierender Ereignisse oder unsere eigene Rolle darin; posttraumatische Überlebensmechanismen verschleiern unsere realistische Einschätzung einer Sachlage.
Positives Eltern-Ich (PE); „Mutter- und Vater-Energie-Kanal“ – umfasst alle verinnerlichten elterlichen Positiv-Botschaften (-Introjekte); auch die anderer wichtiger Bezugspersonen, wie Verwandte, Lehrer, Nachbarn; ermöglicht es – in Zusammenarbeit mit dem Rationalen (Erwachsenen-) Ich (RI) über dessen Fähigkeit zur Realitätsprüfung –, sich selbst und anderen Fürsorge zuteilwerden zu lassen. Meine eigenen Bedürfnisse erkennend und mich gleichzeitig in die Lage einer anderen Person versetzen könnend.
Pig Parent (PP) – verinnerlichte elterliche Negativ-Botschaften (die nicht unbedingt je verbalisiert worden sein müssen). Negative Introjekte; angstbesetzte, eigene Unzulänglichkeit fürchtende Grundhaltungen. „Du bist viel zu dumm dafür, du wirst nie einen Mann finden, du bist nicht hübsch genug, du bist ja nur ein Mädchen. Du bist genau wie dein Vater. Alle Männer sind gleich.“ Auch: kulturell informierte Vorurteile über Menschen anderer ethnischer Herkunft oder kulturell bestimmter Wertesysteme.
Das Innere Kind (IK); authentisches Selbst – der authentische, natürliche, essenzielle Persönlichkeitsteil eines Menschen, der altersunabhängig ist. Sitz der natürlichen Spiritualität, der Intuition, spontaner Geistesblitze und von authentischen Gefühlen wie Freude, Angst, Trauer, Ärger oder Überraschung. Es ist kreativ und lebensbejahend sich selbst und anderen gegenüber; es erkennt den Unterschied zwischen Liebe und Hass (wenn ihm von der Person der Raum dazu gelassen wird); es geht die Exploration von Neuem mit kindlicher Neugierde an, ist fasziniert von dem, was das Leben zu bieten hat; es ist an Vielfältigkeit interessiert und schätzt eigene Erkundungen mehr als Nachahmung.
Die rechte und linke Hand repräsentieren die beiden Hirnhemisphären in ihren neurologischen Zuordnungen.
Die rechte Hand steht mit der linken Hirnhemisphäre in Verbindung, die für strukturierte, analytische Denkprozesse zuständig ist.
Die linke Hand steht entsprechend mit der rechten Hirnhemisphäre in Verbindung, die für kreative, imaginative Prozesse und Vorstellungen sowie für die künstlerisch-musischen Fähigkeiten zuständig ist. Sie steht auch mit den Hirnarealen für höhere Bewusstseinsentwicklung und spirituelles Erleben in Zusammenhang.
Das langsame Zusammenbringen beider Hände (Handfläche zu Handfläche) vor dem Gesicht, in dem Bewusstsein, dass (bei Rechtshändern) die rechte Hand für die Erwachsenenseite, die linke Hand für das Innere Kind steht, verstärkt die entsprechenden Neuronenbahnungen im Gehirn und kommt dem Inneren Kind zugute, besonders, wenn die Verbindung zur spirituellen Quellen-Energie (universelle Liebe) dabei in der inneren Vorstellung mit einbezogen wird.
Das „Intelligente-Herz-Schema“ berücksichtigt andere Darstellungsund Erklärungsmodelle, die sich zur Veranschaulichung unserer inneren (intrapersönlichen) Kommunikation schon anderswo bewährt haben. Wie schon erwähnt, enthält es Elemente, wie sie ähnlich in der Transaktionsanalyse (mit ihren Eltern-/Erwachsenen-Ich- und Inneren-Kind-Anteilen) vorkommen; es veranschaulicht aber auch die zugrundeliegenden energetischen Prozesse, wie sie in etwas anderer Form im NLP berücksichtigt werden. Vor allem aber bezieht es auch die spirituelle Erlebensebene als Faktor mit ein, wie sie in ihrer psychologischen und geistigen Wirkungsfunktion neurowissenschaftlich vielfach belegt wurde.
Für allgemeine Anwendungsbeispiele des IH-Modells sowie Informationen zu seinen neurophysiologischen- und Entstehungshintergründen siehe: http://www.globaldevelop.com/intel2.4.html
In den Anmerkungen und psychodynamischen Reflektionen zu ihren Dunkeltherapie-Erlebnissen bezieht Saskia John sich im vorliegenden Buch durchgehend auf das IH-Schema und bietet Anwendungsbeispiele für die psychologische Aufarbeitung auch von transpersonalen Erlebnissen mithilfe des Modells.
Unter dem Untertitel „Frühe Kindheitserinnerungen und ihre Veränderung“ (siehe S. 81 – 88) verweist sie auf typische psychodynamische Beispiele für ihren inneren Kampf mit elterlichen Introjekten (verinnerlichten Botschaften), die sie anschaulich anhand des IH-Modells erklärt.
Der Einsatz des IH-Schemas im psychotherapeutischen und Mediationskontext, wie auch im Umgang mit schwer traumatisierten Menschen, hat mir viele wichtige Zuordnungs-Einblicke darüber vermittelt, wie die betroffenen Personen durch ihre negativen Intensiverlebnisse auf psychodynamischer Ebene beeinträchtigt waren und innerhalb welcher intrapsychischen Mechanismen sich scheinbar nicht-nachvollziehbare Schwierigkeiten in ihnen verankert hatten. Besonders, wenn gleichzeitig ein starker Bezug zu einer spirituellen Tradition besteht, stellt sich durch dieses Verstehen oft das Gefühl ein, dass es ein übergeordnetes Prinzip zu all diesem Geschehen gibt, dass ein Weg aus dem Leiden heraus möglich wird und Anlass zu neuer Hoffnung auf eine erfreulichere Zukunft besteht. Das IH-Modell ermöglicht es, dass traumabedingte Selbstzweifel bei entsprechend religiös orientierten Menschen nicht z. B. einem „Versagen Gottes“ zugeordnet werden, sondern dass Zusammenhänge zwischen Erlebtem und Interpretiertem für die betroffenen Personen psychodynamisch nachvollziehbar und auf Gefühls- und Empfindungsebene energetisch spürbar werden.
In ähnlicher Form eignet sich das IH-Modell auch für die Aufarbeitung transpersonaler Erlebnisinhalte. Auch hier besteht die Gefahr, dass aktuell Erlebtes unbewusst aus der (Übertragungs-) Sicht von traumatisierenden Kindheitserlebnissen interpretiert wird. Das IH-Schema trägt dazu bei, dass Historisches von Aktuellem getrennt interpretiert werden kann und sich somit die Ebenen nicht vermischen oder es im Extremfall aufgrund einer Überwältigung durch ungewohnte Erfahrungs- und Empfindungsinhalte gar zu psychotischen Wahrnehmungs-Entgleisungen kommt. Die inneren Strukturen, die es einer Person ermöglichen, das erforderliche Maß an innerer Autonomie zu erwerben, müssen weitgehend in der Frühkindheit angelegt werden. Peter Breggin erklärt, dass, wenn persönliche Bedürfnisse nicht von frühestem Kindesalter an befriedigt werden und die in unserer Kultur übliche persönliche Autonomie nicht früh entwickelt und gefördert wird, sie der Person sehr wahrscheinlich ein Leben lang Probleme bereiten werden.
Während traumatische Kindheitsprägungen über die Projektionen alter Ängste zu fehlinformierten Interpretationen transpersonalen Erlebens führen können, kommen bei diesen Interpretationen darüber hinaus auch noch Prägungen archetypischer oder tiefenstruktureller, kulturell vorbestimmter Art mit zum Tragen. In kollektivistischen Gesellschaften besteht häufig ein sehr offener Zugang zur geistigen Welt, da er durch die spirituelle/schamanische/religiöse kulturelle Vorprägung sozusagen schon „im System“ ist. Zu diesen Vorprägungen gehören komplexe Ahnenbeziehungen, schamanische Rituale, fetischistische Strukturen, Hexenjagden oder die auch in westlich-esoterischen Kreisen an Bedeutung gewinnenden bewusstseinserweiternden Erfahrungen mit der Droge Ayahuasca; die Wahrnehmung transpersonalen Erlebens für Menschen anderer kultureller Prägung kann daher eine völlig andere Bedeutung haben als für eine Person aus dem westlichen Kulturkreis im Zuge ihrer Individuations-Explorationen. Die Individuation umschreibt direkt den inneren Prozess der Person hin zu ihrer Unabhängigkeit von der Psychologie ihres Kollektivs. Dieser innere Emanzipationsprozess ist wiederum Voraussetzung für die Fähigkeit zur Beobachtung erlebter transpersonaler Phänomene, um von ihnen nicht psychisch überwältigt zu werden.
Für Mitglieder vieler kollektivistischer Gesellschaften könnte das Dunkelerlebnis aufgrund ihres kulturell vorbestimmten Verständnisses von dem, was ihre Welt ausmacht, daher als ungeheuer bedrohlich empfunden werden. Transpersonale Erlebnisse mögen integraler Bestandteil ihres Gesellschaftslebens sein, indem sie oft in ritueller Form evoziert werden; für gewöhnlich werden sie aber ausschließlich an die Kompetenz von Schamanen delegiert. Als Ausflüge in die Welt des Transpersonalen auf unabhängige Initiative einzelner Gesellschaftsmitglieder hin wären sie aber eher undenkbar. Innerhalb des westlichen Kulturkreises geht es bei der Exploration des Transpersonalen dagegen um das Erleben-Beobachten von Elementen, die in ihrer Mehrdimensionalität für den menschlichen Geist nur schwer erfassbar sind, die sich aber in ihrer inneren Verarbeitbarkeit für die Person nicht auf schamanische Initiationsriten oder Geisterbeschwichtigungen verlassen kann. Sie braucht daher ein Referenzsystem, das imstande ist, eine Bewusstseinsvereinnahmung zu verhindern, die so nachhaltig wäre, dass sie ein Funktionieren im Alltag erschweren würde. Eine Exploration der transpersonalen Erlebniswelt, wie Saskia John sie über ihre Erfahrungen in der Dunkeltherapie beschreibt, setzt somit einen relativ hohen Individuationsgrad der interessierten Person voraus, der weitgehend von rigiden gesellschaftlichen Normen und Wertungssystemen unbeeinflusst bleibt.
Es gibt aber auch Übergänge zwischen der schamanischen Zugangswelt und sich spontan einstellenden Erlebnissen im westlichen Bewusstseinsraum. In den schamanistischen Ritualen vieler Kulturen werden Seelenreisen in entfernte Erfahrungswelten unternommen, um mit den Geistern von Lebenden und Toten zu kommunizieren, zum Beispiel, um Informationen zu Heilzwecken in die Alltagsrealität zurückzubringen. Oft werden dabei in rituellen Vorgängen mittels rhythmischen Trommelns die Schläfenlappen des Gehirns und mit ihnen in Zusammenhang stehende Anteile des limbischen Systems in Erregung versetzt. In erstaunlicher Analogie zu diesen rituell evozierten Erlebnissen zitiert Dana Zohar einen ihrer Patienten mit Epilepsie, der ihr diese aufgeregte Beschreibung gab: „Frau Doktor, auf einmal war mir alles kristallklar. … Es gibt eine endgültige Wahrheit, die sich völlig außerhalb des Zugangs normaler Gemüter befindet, die viel zu beschäftigt mit dem Alltagstreiben sind, um die Schönheit und Großartigkeit dieser Erkenntnis wahrzunehmen.“ (meine Übersetzung) Beschreibungen dieser Art sind typisch in Situationen, in denen eine verstärkte elektrische Aktivität in den Temporal-Lappen des Gehirns ausgelöst wird, und man findet sie daher neben den erwähnten schamanistischen Kontexten auch in spezifischen pathophysiologischen, mit Krankheiten des Gehirns einhergehenden Zusammenhängen. Sie können aber auch spontan, jenseits jeder Neuropathologie, ausgelöst werden, und sie sind typisch für den Erfahrungsbereich der neueren, im westlichen Kulturkreis entstandenen geistig-evokativen Disziplinen, zum Beispiel der (westlichen Variante der) Dunkeltherapie oder des Rebirthings.
Wie eingangs erwähnt, haben mich die Erfahrungen aus meiner transpersonalen Ausbildungszeit und Praxis zu der Ansicht gebracht, dass die Auseinandersetzung mit dem inneren Integrationsprozess von unbewussten emotionalen Inhalten eine essenzielle Voraussetzung ist, sich tief gehenden transpersonalen Prozessen risikofreier zu öffnen. Durch die Erfahrung der Transformierbarkeit von negativen Befindlichkeitszuständen wird eben gerade die Beobachterposition ermöglicht, die transpersonales Geschehen gleichzeitig erfahren und im Geiste Revue passieren lassen kann und erst damit die Öffnung in einen neuen Raum des Erlebens und der geistigen Expansion ermöglicht.
Saskia Johns Bericht über ihre Dunkeltherapie-Erfahrung ist somit mehr als nur ein Narrativ ihrer Erlebnisse, denn er erfüllt parallel dazu eine wichtige Vorbildfunktion der intrapsychischen Integrationsmöglichkeit von konsensrealitätsfremden Erlebnisinhalten.
Saskias besondere Fähigkeit besteht in ihrer überdurchschnittlich ausgeprägten Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit, sowohl auf Körperebene als auch im Hinblick auf Veränderungen innerhalb ihres eigenen Energiekörpers und dem ihres Umgebungs-Energiefeldes. Somit ist sie imstande, Erlebensinhalte oft in sehr subtilen Nuancen der sie begleitenden physiologisch-energetischen Vorgänge zu erfassen und mitzuteilen, wodurch sich dem Leser das Erleben in einer besonders plastischen, empfindungsmäßig nachvollziehbaren Form präsentiert. Durch diese Form der Vermittlung erschließt sich beim Lesen eine Form der Erfahrungswelt, die bei bestimmten Menschen auf ungeahnte Resonanz stoßen und einen Trainingseffekt für ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit erwarten lassen kann.
Es ist daher zu hoffen, dass Neu-Interessierte an der Materie sich durch diesen Erfahrungs- und psychischen Aufarbeitungsbericht gleichzeitig zu eigenen Explorationsabenteuern ermutigt, aber auch mit mehr Informationen über eine angemessene innere Vorbereitung ausgestattet fühlen mögen.
In „The Invitation“ („Die Einladung“) umschreibt Oriah Mountain Dreamer den Übergang zwischen der eigenen emotionalen Realität und der inneren Öffnung zu schamanisch-unterweltlichen Sphären, die jenseits der Gesetzmäßigkeiten normaler menschlicher Existenz liegen.
„Ich will wissen, ob du bereit bist, für die Liebe, für deine Träume, für das Abenteuer, lebendig zu sein, den Spott der anderen auf dich zu nehmen … … Ich will wissen, ob du den Kern deines eigenen inneren Schmerzes berührt hast, ob du dich durch die Verratsmomente des Lebens geöffnet hast, oder ob du eingeschrumpft bist und dich eingeschlossen hast aus Angst vor noch mehr Schmerz!
Ich will wissen, ob du Schmerz aushalten kannst, meinen oder deinen eigenen, ob du ausgelassen tanzen kannst und dich bis in die Finger- und Zehenspitzen mit Ekstase füllen lassen kannst, ohne uns zur Vorsicht zu mahnen, dass wir realistisch sein müssten oder uns der Begrenzungen des Menschseins gewahr zu sein hätten …
Ich will wissen, ob du mitten im Feuer mit mir stehen wirst, ohne zurückzuschrecken.“ (Oriah Mountain Dreamer, Mai 1994, meine Übersetzung aus dem Englischen)
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Gabriele Fröhlich ist Ärztin, transpersonale Psychotherapeutin, Coach und Konfliktmediatorin im internationalen Bereich. Ihr besonderes Interesse gilt der Erforschung paranormaler und interdimensionaler Phänomene im Kontext ihrer Chancen und Gefahren für die Menschheit im aktuellen kosmischen Geschehen. Sie arbeitet an einem Buch zu diesem Thema und ist Autorin verschiedener akademischer Artikel im Kontext der angewandten emotionalen Intelligenz.
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Ich bin unheimlich aufgeregt, in Erwartung dessen, was da auf mich zukommt. Siebeneinhalb Stunden Autofahrt von der Heimat in den Schwarzwald liegen hinter mir. Für die herrliche Umgebung habe ich kaum ein Auge übrig und auch in den nächsten Tagen werde ich nichts davon sehen, denn ich bin gekommen, um in die Dunkelheit zu gehen.
Ich habe Angst. Vor allem davor, Dinge zu sehen oder zu erfahren, die es eigentlich dem „normalen“ Menschenverstand nach nicht gibt, z. B. Geister. Und ich habe riesige Angst davor, dass dann in mir eine Sicherung durchbrennt und ich verrückt werde oder vor Schreck auf der Stelle tot umfalle.
Es ist später Nachmittag. Mein Herz schlägt aufgeregt, und ich folge Holger, meinem Betreuer, nach der ersten Begrüßung mit äußerst gemischten Gefühlen in mein Appartement. Er wird mich in diesen zwölf Tagen begleiten, indem er mir Tee bringt und eine Stunde am Tag für Gespräche zur Verfügung steht. Die restlichen 23 Stunden werde ich mit mir und der Dunkelheit allein sein.
Ich schaue in ein ganz kleines, schlicht eingerichtetes Zimmer mit einer gemütlichen Dachschräge. Rechts an der Wand das Bett, ein kleiner flacher Tisch direkt gegenüber, links neben dem Tisch ein heller Korbsessel und eine Matratze zwei Schritt vor mir auf dem Boden – das ist alles. Die Schlichtheit und Enge wirkt ernüchternd auf mich. (Den Vorteil dieser schlichten Einrichtung für den Aufenthalt in der Dunkelheit kann ich momentan noch nicht sehen.) Holger zeigt mir das Bad, das im Gegensatz zum Zimmer groß und geräumig wirkt. Badewanne, Toilette und Waschbecken, alles da, was ich brauche. Alle Fenster und Schlitze in den Räumen und auf dem Flur sind sorgfältig abgedunkelt.
Holger geht und kündigt an, dass er in einer halben Stunde wiederkommt, um das Licht auszuschalten. Ich schlucke bei dem Gedanken daran, habe aber keine Zeit, mich mit meinen Gefühlen zu befassen. Ich packe meine Waschsachen aus, ziehe mir bequeme Kleidung an und präge mir genauestens den Ort der Ablage meiner persönlichen Sachen ein. Außerdem stelle ich die Saftflaschen, Mineralstofftabletten und das Pulver für Brühe bereit, denn ich werde in den zwölf Tagen fasten.
Kaum bin ich fertig, steht Holger auch schon in der Tür. Oh Gott! Jetzt wird es ernst. Er erklärt mir, dass er die Sicherungen für das Licht rausdreht, damit ich nicht aus Versehen im Dunkeln an die Lichtschalter komme und das Licht einschalte. Mir wird ganz mulmig, keine Chance zum Schummeln! Als er gehen will, erzähle ich ihm von meiner Angst. Dass ich ihn am liebsten festhalten und nicht weglassen möchte und mich in diesem Moment wie ein kleines Kind fühle, das Schutz und Geborgenheit bei Papa sucht, verschweige ich ihm – kommt mir zu lächerlich vor. Er beruhigt mich und meint, das ginge jedem vorher so mit der Angst; sei man aber erst mal in der Dunkelheit, möchte man gar nicht mehr heraus. Ich nehme es hin, nach außen hin so gelassen wie möglich, es innerlich jedoch nicht so recht glaubend und mit aufkommenden Tränen und meiner Angst kämpfend. Am liebsten wäre ich auf der Stelle auf Nimmerwiedersehen in einem Mäuseloch verschwunden. Ich befinde mich in einem inneren Kampf zwischen Sofort-Gehen und Die-Sache-Abblasen einerseits und Bleiben und voller neugierig gespannter Erwartung auf die Erfahrung andererseits. Da ich mir ziemlich albern vorkäme, wenn ich jetzt vor Holger zu weinen anfinge, schlucke ich die Tränen „tapfer“ runter und schweige. Holger verabschiedet sich und knipst das Licht aus – in dem Moment gibt etwas in mir auf, und ich füge mich in mein selbst gewähltes „Schicksal“.
Sofort untersuche ich ziemlich hektisch meine Umgebung, rufe mir alles ins Gedächtnis zurück, was ich mir gemerkt hatte, prüfe, ob ich die Dinge wiederfinde. Dadurch werde ich innerlich ruhiger, alles ist an seinem Platz.
Da ich total k. o. bin, gehe ich gleich schlafen.
Alles, was im Folgenden geschieht, nehme ich mit einem Diktiergerät auf. Die Knöpfe am Gerät kenne ich schnell in- und auswendig. Wie leicht das im Dunkeln geht, hätte ich nie gedacht.
Mein Herz schlägt wild und laut gegen meine Brustwand. Ich fühle mich aufgedreht; der Kopf ist zugezogen und schmerzt. Die Augen tun weh und auf dem Klo war ich trotz Abführmittel auch noch nicht. Mir ist hundekalt. Wie geht es mir mit der Dunkelheit? Nun, meine Angst ist weg – oder verdränge ich sie nur? Egal, ich fühle sie jedenfalls nicht mehr. Jetzt finde ich es spannend, von der Dunkelheit umgeben zu sein. Alles, was ich tue, ist neu und anders. So muss ich mich bei jedem Vorhaben, z. B. etwas trinken, beim Laufen, vorwärts tasten.
Mit der Zeit weiß ich intuitiv sehr genau, wo sich meine Utensilien befinden. Ich handele ungewohnt achtsam und bin beim Laufen hochgradig präsent, um nirgendwo anzustoßen. Die pechschwarze Dunkelheit beansprucht all meine Aufmerksamkeit und schürt meine Spannung und Neugier auf „größere“ Erfahrungen.
Da ich absolut nichts sehe, wird mir bewusst, wie sehr ich mich vorher auf meine Augen verlassen habe. Ich vergleiche mich mit einem Blinden. Eine vollkommen andere Welt – zuvor unwichtige Dinge sind plötzlich bedeutsam, und die anderen Sinne, v. a. Tasten und Hören, treten eindrucksvoll in den Vordergrund. Meine Hände werden zu meinen Ersatzaugen, und am liebsten hätte ich riesige Ohren, um noch besser zu hören. Sie erscheinen mir einfach zu klein.
Meine ersten Tai-Chi-Übungen erweisen sich als unglaublich herausfordernd. Immer wieder habe ich das Gefühl, vollkommen falsch zu stehen – eine Kontrolle ist ausgeschlossen, da meine Augen fehlen. Fußspitzenkick? Aussichtslos, da ich das Gleichgewicht auf einem Bein nicht halten kann. Wie in meiner Anfängerzeit vor acht Jahren! Ich bin leicht angesäuert.
Da ich trotz der Schwierigkeiten mit ganz langsamen Bewegungen weitermache, um nirgendwo hart anzustoßen, komme ich tiefer in meinem Körper an und fühle ihn auf eine mir bislang unbekannte Weise. Der sehr kleine Raum, das fehlende Sehen und der durch die Dunkelheit veränderte Gleichgewichts- und Orientierungssinn lassen mich in eine andere Art von Aufmerksamkeit – hochgradig konzentriert und wacher als gewöhnlich – gleiten, die mich den äußeren Raum und zugleich den Körperinnenraum deutlicher wahrnehmen lässt. Ganz gesammelt im unteren Bauchraum spüre ich, wie von der Hüfte aus alle Bewegungen ihren Ausgangspunkt nehmen. Ich habe ein Aha-Erlebnis und weiß plötzlich, was mein chinesischer Tai-Chi-Lehrer meinte, wenn er auf das harmonische Zusammenspiel zwischen Hüfte, Armen und Beinen hinwies. Dass sich mir diese Aussage nie wirklich in ihrer Bedeutung erschlossen hatte, wird mir erst jetzt bewusst. Ich hatte sie nur vom Kopf her verstanden, aber nicht vom Inneren heraus. Spannend!
Wenig später grummle ich völlig unzufrieden vor mich hin. Mir wird deutlich bewusst, wie sehr ich hierher gekommen bin, um etwas zu erleben. Es fällt mir schwer, dieses Erleben-Wollen, diese Erwartungshaltung loszulassen. Ich erinnere mich, warum ich hier bin: um in der Dunkelheit zu erfahren, wer ich bin, was mich ausmacht, woher ich komme, wohin ich gehe. Ich möchte tiefer in das SEIN eintauchen.
Und nun werde ich gleich zu Beginn hart mit den beiden Seiten in mir konfrontiert. Einerseits denke ich: „So ein Mist, für das viele Geld sitzt du jetzt hier im Dunkeln rum und kannst nichts tun. Wärst du doch bloß nach Indien geflogen, da hättest du bestimmt mehr erlebt!“, anderseits ist zugleich das Bewusstsein da, dass alles, was ich anderes tun würde, nur eine Ablenkung wäre von dem, was IST. Nichts wollen, nichts erwarten, nichts begehren …, loslassen! Wie geht das nur?
Ich schätze, es ist nachmittags: Mein Herz schlägt wieder ruhiger; die Aufregung, die alles Neue begleitet, hat sich größtenteils gelegt. Der Kopf ist nach wie vor zugezogen und fängt regelrecht zu lärmen an, wenn ich das dicke, schwarze, schwere Tuch um den Kopf binde, das meine Augen vor dem Tageslicht schützt, wenn ich das Badfenster zum Lüften öffne.
Wie fühle ich mich? Wie bestellt und nicht abgeholt! Unzufriedenheit und Unmut füllen mich gänzlich aus. Ich kriege das mit dem Loslassen nicht hin! Wenn das die ganze Zeit so weitergeht, werde ich überhaupt keine tiefen Erfahrungen machen …
Nachdem mir klar wird, dass ich mir mit meiner Unzufriedenheit selbst im Weg stehe und schon wieder mitten drin bin im Wünschen, Wollen und Erwarten, rede ich mir selber gut zu: „Es ist doch erst der erste richtige Dunkeltag. Versuche, einfach nur zu sein und die Zeit zu nutzen, um auszuruhen. Die Gedanken einfach kommen lassen, alles darf sein.“
Die Konzentration für eine Meditation fällt schwer, und ich kann im Sitzen nicht tief in den Bauch hinunteratmen.
Die erste Gesprächsrunde mit Holger liegt hinter mir. Er hat mir viele Fragen gestellt, so z. B.: „Was ist das Ich? Was sind Gedanken? Woher kommen die?“ Unsere Unterhaltung zieht noch einmal durch meinen Kopf und ich stelle fest, dass ich von dem, was er über das Ich erzählte, nichts behalten habe. Ich nehme mir vor, noch einmal nachzufragen.
[07/2010: Die ersten Gespräche hatte ich noch nicht aufgenommen; die Idee dazu kam mir erst später, als ich merkte, dass ich vieles von dem, was Holger sagte, nicht behalten konnte. Ich fand das schade, und da ich für mich die Erfahrungen und Gespräche später nachbearbeiten wollte, bat ich Holger um seine Zustimmung, die Sitzungen aufzeichnen zu dürfen.]
Die Gedanken kommen, wie ich Holger verstanden habe, aus dem Nichts, springen hoch wie Delfine, und ich solle versuchen, bevor der nächste Gedanke hochspringt, in die kleine Pause oder Lücke dazwischen einzutauchen – dann würde ich in eine andere Dimension kommen.
Weiter erklärte Holger, dass man in der Seelenwelt ganz real vorhanden und genau an dem Ort ist, wo man sich hindenkt. Man sei, was man denke. In der Seelenwelt gebe es weder Ort, Raum noch Zeit, deshalb könne die Seelenwelt nur ganz schwer mit normalen Worten beschrieben werden. Nach der Seelenebene käme die Geistwelt, die auch eine Realität sei. Es gebe also drei Ebenen – als Erstes den Körper, zweitens die seelische Welt und als dritte und höchste Ebene die geistige Welt.
Ich gehe ins Bett. Der „Tag“ kam mir heute unendlich lang vor, als ob er 36 Stunden gehabt hätte.
Von einem Traum wache ich auf, gehe auf die Toilette und sehe überall Lichtstreifen, als ob sanftes Licht durch die Schlitze eines nicht vollständig heruntergelassenen Rollos scheint. Ich bin irritiert, die Streifen sind mir unklar.
In meinem Bett denke ich noch ein wenig über die Streifen nach und sinke dabei wieder in den Schlaf …
Ich erwache mit einem klaren Kopf, fühle mich richtig gut und bin total euphorisch und voller Freude auf den „Dunkeltag“.
Holger ist gerade gekommen, um mir Tee und heißes Wasser zu bringen; leise geht er wieder.
Erinnerungen tauchen auf, wie extrem mein Körper auf die ersten beiden Dunkeltage mit Spannung reagierte: Ich konnte nicht tief durchatmen, alles in mir fühlte sich eng an, und das Herz schlug schnell und stark gegen die Brustwand – alles körperliche Zeichen einer Angst, obwohl ich sie nicht fühlte. Sie ist mir nicht bewusst, doch mein Körper scheint es besser zu wissen. Wie muss es Menschen, v. a. Kindern, erst gehen, die gegen ihren Willen – als Strafmaßnahme – in dunkle Räume gesperrt werden? Ich bin ja freiwillig hier drin, wissend, dass ich jederzeit abbrechen kann. Das ist ein entscheidender Unterschied. Vor meinem inneren Auge tauchen Kriegsbilder auf. Ich sehe Menschen in Luftschutzbunkern sitzen, um sich vor Bombenangriffen zu schützen und bekomme eine Vorstellung davon, dass man vor Angst sterben kann.
Ich erzählte Holger gestern von meiner Angst vor dem Tod und von meinem Kindheitswunsch, berühmt zu sein, damit nach meinem Tod der Nachwelt etwas von mir erhalten bleibt und sich die Welt auch Jahrhunderte später noch an mich erinnert und ich nicht ganz „verloren oder vergessen“ bin. So, wie heute über längst verstorbene Staatsoberhäupter, Goethe und Schiller geredet wird.
Holger meinte, das könnte auch karmisch bedingt sein, und die Angst vor dem Tod sei wie der Stachel im Fleisch, der mich dazu bewegen würde, mich tiefer damit zu beschäftigen, Leute zu heilen und Vorträge darüber zu halten. Dadurch könnte ich die Angst mit der Zeit auflösen, was sozusagen eine Lebensaufgabe für mich sei. Und wenn ich das gelöst habe, dann würde ich sterben …
Hhuuuu. Mich durchzieht ein grausiges Gefühl, ich schüttle mich, und alle meine Körperhaare stellen sich kerzengerade auf. Indem ich die Forschungen über den Tod durch Vorträge und andere Öffentlichkeitsarbeit weitergebe, würde lt. Holger nebenbei auch mein Berühmtheitswunsch erfüllt. Es sei Quatsch, das Berühmtsein-Wollen zu unterdrücken, sondern es müsse einfach gelebt werden.
Ich denke eher, dass der Berühmtheitswunsch aus der Angst vor dem Tod und dem Gedanken, dann niemals je wieder zu leben, seine Kraft zieht.
Ich setze mich zu einer Meditation. Die Atmung ist oberflächlich, der Körper angespannt, die Beine tun weh. Kurze Zeit später wird die Atmung schneller und flacher, das Herz immer aufgeregter und ich fange an zu schwitzen. Angstreaktion!? Ich rede mir gut zu, mich auf das erste und zweite Chakra konzentrierend: „Spannend, wie du reagierst. Bleib einfach dabei, egal, wie der Körper reagiert, und schau, wie es weitergeht!“ Durch diese Gedanken werde ich ruhiger.
Ich stelle eine Flut an Gedanken fest, die mich pausenlos durchziehen. „O. k.“, sage ich mir, „alle Gedanken dürfen sein, haben ihre Berechtigung, und ich mache einfach weiter.“ Die Gedankenflut bleibt jedoch, als ob sie mein Abtauchen in die Tiefe verhindern wolle.
Unglaublich, diese Schwierigkeiten! Ich fühle mich wie ein Anfänger, als ob ich noch nie meditiert hätte.
Durch weitere unbeirrbare Konzentration auf die Chakren komme ich beim vierten Chakra an, in meinem Herzen. (Das Ankommen im Herzraum erinnerte mich an ein Seminar bei Bert Hellinger, wo es darum ging, der Mutter oder anderen wichtigen Personen einen Platz im Herzen zu geben.)
Ich sehe, wie sich mein engster Familienkreis vor mir versammelt. Andächtig führe ich meine Eltern und Großeltern zu einem eigens für sie bestimmten Ehrenplatz in meinem Herzraum – ein Podest mit fein gewebtem Teppichbelag, auf dem geschwungene, mit rotem edlem Samt bezogene Lehnsessel platziert sind. Ein berührender Moment!
Den Großeltern väterlicherseits stelle ich meine Familie vor, da ich die beiden nie kennengelernt habe. Wie sehr sie sich freuen, uns sechs zu sehen! Wellen von Liebe und Zuneigung durchströmen mich …
Ich nehme alle Ahnen gleichzeitig in den Blick und bitte sie, freundlich auf mich und meine Familie zu schauen. Ein zustimmendes freudiges Nicken lässt mein Herz strömend warm und weit werden.
Aus dem Hintergrund kommt meine verstorbene Stiefmutter direkt auf mich zu. Diese Frau hat mir viel gegeben und ich habe sie als Zweit-Mutter sehr lieb gewonnen. Wir umarmen uns lange sehr innig und ich danke ihr noch einmal für die gemeinsame Zeit. Ich schaue in die große Runde, mich sehr bereichert und auf berührende und ganz neue Art und Weise wunderbar vollständig fühlend. Ich denke an meinen Mann – auch er ist in meinem Herzen, obwohl ich mich kürzlich von ihm trennte.
Nach einer Weile konzentriere ich mich auf das fünfte Chakra im Halsbereichund lande in meiner Klause im Himalaja, die ich schon aus früheren Meditationen kenne. In 4.000 Meter Höhe, vor dem Eingang meiner Höhle sitzend, schweift mein Blick über hohe, in amethystfarben strahlendes Blau eingerahmte goldene Berggipfel und tief eingeschnittene satt dunkelgrün schimmernde Täler. Ich genieße die Stille, die Weite und die erfrischende Klarheit der Luft.
