WOLFGANG ENDLERGrenzGängerÜberFliegerAphorismus bis Zwischenruf
Impressum1. Auflage© 2016 Endler, WolfgangUmschlaggestaltung, Illustration, Layout: Manfred SchallerLektorat: Monika JarjuIllustrationen: Dorothy Siegl & Rainer WieczorekFoto Wolfgang Endler: Monika RummlerVerlag: tredition GmbH, HamburgISBN Paperback: 978-3-7345-3390-7ISBN Hardcover: 978-3-7345-3391-4ISBN e-Book: 978-3-7345-3392-1Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
WOLFGANG ENDLERGrenzGängerÜberFliegerAphorismus bis Zwischenruf
(sich) einrichtenhabe mir heute endlichzwei neue Stühle gekauftgenießerisch sitze ich jetztgewidmet all jenen,die mir beim Aufstehen & Sitzenbehilflich waren und noch sindzwischen ihnen
Das Buchumfasst eine Auswahl von Aphorismen, Episoden, Gedichten, Geschichten, Lie-dern, Märchen und Raps, darin treten auf: Liebende & Verlebte, pazifistische Spinnen & irritierte Kormorane, nervende Nach-barn & „nette Nazis“ und Rüstungsindu-strielle & Demonstranten. Die Texte ent-standen zwischen Berlin & Südafrika und zwischen Müggelbergen & Tafelberg.Der AutorWOLFGANG ENDLER, geboren 1946 in Ostberlin, aufgewachsen in Friedrichsha-gen, Orthopädiemechaniker, lebt seit seiner Abschiebung 1971 nach politischer Haft (DDR) in Westberlin. Studium der Biologie und Promotion, er schreibt bevor-zugt literarisch-politische Texte, als bemerkenswerter Grenzgänger bewegt er sich zwischen den Genres. Er ist ein Vor-tragskünstler und Liederfinder mit Freude am Wortmaterial, veröffentlicht Geschich-ten und Gedichte in verschiedenen Anthologien, Literaturzeitschriften sowie im Internet.Mehr Informationen unter www.wolfgang-endler.de
AAndere rauchen gern – ich schreibe lieber. Ein greifbares Ergeb-nis meiner ernsthaften Liebe zur selbst (ein)gemachten Literatur halten Sie jetzt in den Händen. Als fröhlicher Universal-Dilettantspiele ich verschiedene Rollen, produziere Lieder und mich selbst. Was mich anregt? Menschen und Umstände, die mich neugie-rig machen auf Neues, Vielfältiges, Schönes, L(i)ebenswertes. Was und wer regen mich auf? Einförmigkeit und Einfalt, Mau-erbauer und Grenzwächter. Dagegen versuche ich als GrenzGänger und globaler Heimat-dichter ebenso Friedrichshagener wie Neuköllner, Europäer wie Afrikaner zu sein.Sollte die vorliegende Werksammlung –70 TeXTe ZUM SIEB-ZIGSTEN – um „UND70 ORTEN DER WELT“ ergänzt werden?Beim Schreiben soeben aus dem Takt gekommen, möchte ich Sie ermuntern, sich auf den Rhythmus dieses Buches einzulassen. Stimmungen und Klänge der ausgewählten Aphorismen &Gedichte, Märchen & Lieder schwingen auf und ab, freie Assozia-tionen und knallharte Realität wechseln einander ab. Folgen sie einer bewussten Komposition oder sind sie „nur“ Ausdruck mei-ner spontanen Intuition? Anstelle schwierige Fragen und schwer-gewichtige Antworten zu behandeln, sage ich nun leichthin: nicht nur aus musiktheoretischer Sicht kommt der Auftakt unbetont und locker daher. Blättern, lesen, lachen Sie – Lesen & Lachen machen schön, lassen Sie Unerwartetes erleben. Schauen Sie durch die Zwischen-räume meiner Gedanken bis zum Schlusstakt!Eine abwechslungsreiche Reise durch meinen literarischen Mikrokosmos,wünscht Wolfgang EndlerBerlin-Neukölln, 2016
11Aphoristische Assoziationen
12
13IRRläuferdes fünfstöckigen Hausesim X. Stockwerksagte der Mannwieder zu weit gegangenich bin wohl dochFatale Personalia Abortus bis Zahnausfall
14 b_schlussda eben ich ich bevorzugt nichts schreibe zwischen zu habe den sagen ZeilenFatale Personalia Abortus bis Zahnausfall
15Gedankenkrafter dachte so intensivüber sein Sterben nachdass er noch nicht einmalseinen Tod bemerkteFatale Personalia Abortus bis Zahnausfall zu habe den
16Endlers Tier_über_LebenAlbino bis Zitteraaltierischer (s)trip aller anfang ist schwersagte der elefant und entkleidetevorsichtigseine geliebteseidenraupe
17Frühe AltersWeisheit oder VorWarnung Verschone mich mit Sex im Alter,sagte die EintagsFliege zum Falter. Endlers Tier_über_LebenAlbino bis Zitteraal
18konsequenter pazifismus nur über meine leichesagte die spinneinmitten ihres netzesim rohr des panzersEndlers Tier_über_LebenAlbino bis Zitteraal
19Aufbauende Weisheit der Inuitder SCHNEE von gestern ist der IGLU von morgenPrima Klima von Lima bis FukushimaAlgenpest bis Zyklon
20Unerwartete Chance KLIMAVERÄNDERUNGist keine Katastropheschafft sie dochmehr Raumfür Ruferin derWüs tePrima Klima von Lima bis FukushimaAlgenpest bis Zyklon
21lechts und / oder rinksaktuelles Weiterbildungsangebotder VERWALTUNGSAKADEMIE DES LANDES BERLINfür den Verfassungsschutz zum Thema:LERNEN, NACH DEM RECHTEN ZU SEHEN Terror im Ohr – volles RohrAlberne Anmache bis zermalmter Zentralfriedhof
22Himmlisches WeihnachtsGeschenk frisch auf dem Gabentischeine sorgsam verpackte Kampfdrohnedas Lieblingsspielzeug des Henkersder kein Blut sehen kannTerror im Ohr – volles RohrAlberne Anmache bis zermalmter Zentralfriedhof
23AUS DER WERBUNGals Alternative zur Kalaschnikowempfiehlt sich die MaschinenpistoleMP 5 von HECKLER & KOCHmit nur drei Kilogrammkinderleicht zu handhaben auch für KindersoldatenTerror im Ohr – volles RohrAlberne Anmache bis zermalmter Zentralfriedhofmit Dank an MJ
24Spuren_Lese Kürzlich meinte ein namhafter Philosoph,der Fortschritt sei eine Schnecke.Endlich einmal eine alternative Erklärungfür die Vielzahl der Schleimspuren. Bericht zur (Schräg-)Lage der NationAbschiebung bis Zukunftsforschung
25Störung auf der FESTplatteWenn der Nazi „NEGER“ schreitfehlt mehr als nur ein Megabyte.Bericht zur (Schräg-)Lage der NationAbschiebung bis Zukunftsforschung
26
27Prinzip Hoffnung oder Ernst Bloch dentistischauch der Zahn der Zeitbekommt eines TagesKARIESDADA GAGA TRaLaLaAlbernheitsanfall bis Zynismuseskalation
28Schritt_Weisealler Anfang ist schwersage ich zu mir und nummeriere die leeren Seitenmeines geplanten Buchesüber Schreib-BlockadenDADA GAGA TRaLaLaAlbernheitsanfall bis Zynismuseskalation
29EPISODEN
30Der erste September 1953 war für mich ein ganz besonderer Tag. Meine Mutter begleitete mich zur Einschulung. Stolz trug ich die große Schultüte. Hatte eine neu aussehende kurze Hose an. Bis zur letzten Woche war sie noch lang und gehörte meinem älteren Bru-der. Aber warum sollte ich mich dafür schämen? Es ging doch vie-len so. Das alte Schulgebäude aus dicken grauen Steinquadern sah nicht eben freundlich aus. Der Haupteingang lag gegenüber dem Friedhof von Friedrichshagen. Aber das störte mich nicht. Ich war darauf gespannt, was im Unterricht passieren würde. Unsere Klassenlehrerin war klein und grauhaarig. Sie war so alt wie meine Oma, aber freundlicher. Dass eine Rentnerin im Schuldienst arbeitete, lag nicht an der besonders hohen Wert-schätzung des Alters. Das meinten jedenfalls meine Eltern. Es mangelte an Lehrern in der DDR. Hauptsächlich wohl deshalb, weil ehemalige Nazis keine Chance auf Anstellung im Erziehungs-wesen hatten. Und die Lehrerbildungsinstitute hätten nicht genü-gend Ausbilder und Studienplätze, sagte meine große Schwester. Von meinem älteren Bruder hatte ich aufgeschnappt, dass Frau H. Kommunistin wäre, aber keine hundertfünfzigprozentige. Ich ahnte schon, wie das gemeint war. Dabei verstand ich noch gar nichts von Prozentrechnung.Nach ein paar Tagen mochte ich die Lehrerin. Und sie mich wohl auch. Lag das an meinen schulischen Leistungen? Oder hing es vielleicht auch damit zusammen, dass ich den gleichen Vorna-Die erste Lehrerin
31men wie ihr Sohn trug? Sie schwärmte manchmal von ihrem Wolf-gang, der in der DDR ein bekannter Komponist war. Gern erzähl-te sie Geschichten von seinen Auslandsreisen. Begeistert hören wir ihr zu, wie sie von seinem Besuch in der Mongolei berichtete. Dort bekam er in einem großen Zelt aus Filz Tee mit Butter zu trinken, der merkwürdig schmeckte und roch. Aber er musste den Tee austrinken und loben. Denn den Gastgeber durfte man auf keinen Fall beleidigen. Das alles stand bestimmt nicht im Lehr-plan. Aber für mich und viele andere war es spannend. Manchmal allerdings erzählte sie politische Dinge und stellte Fragen, die ich ziemlich merkwürdig fand. Fiel ihr das während des Unterrichts einfach so ein? Oder hatte sie einen Parteiauftrag dafür? Diesen Begriff hatte ich von einem Mitschüler aufge-schnappt, dessen Vater war ein Bonze, ein hohes Tier in der SED. Meine Eltern wurden nachdenklich, als ich ihnen davon erzählte. Hatten die Fragen der Lehrerin vielleicht etwas damit zu tun, das der 17. Juni noch nicht lange her war? Ich hatte das Rasseln der Panzerketten auf dem Fürstenwalder Damm noch im Ohr. Die sowjetischen Panzer kamen wohl aus Erkner oder von noch wei-ter östlich und fuhren Richtung Innenstadt. Wegen der Ausgangs-sperre durften wir nicht draußen spielen. Konnte mich gut erin-nern, welche Angst meine Mutter hatte, als Vater erst abends nach Hause kam.Eines Tages erzählte Frau H. irgendetwas zur Versorgung mit Konsumgütern. Dann fragte sie nach unserer Meinung. Als ich etwas zu sagen begann, unterbrach sie mich mit den Worten: „Das sind RIAS-Argumente“. Ich war verblüfft und überhaupt nicht der Ansicht, dass ich die Parolen des „Rundfunks im Amerikani-schen Sektor“ nachplappern würde. Ohne zu überlegen, platzte ich heraus: „Das sind meine Argumente. Und die müssen Sie mir beantworten!“ Kaum ausgesprochen, hätte ich die Worte am liebsten schnell wieder zurückgeholt. Stille im Klassenraum. Doch anstelle eines Donnerwetters erklärte sie, warum sie meine Mei-nung für falsch hielt.
32Nachtrag von 1975Olle Kamellen, vorbei, fast vergessen. Seit einiger Zeit West-berliner, besuche ich das Kino CAPITOL in Dahlem. Auf dem Spielplan steht der sowjetische Film „Der erste Lehrer“ nach dem Buch von Tschingis Aitmatow. In einer Szene berichtet der Dorf-schullehrer und ehemalige Rotarmist von seiner Begegnung mit Lenin im revolutionären Petrograd. Einer der jüngsten in der Dorfschule fragt, ob Lenin sterben könne? Der Lehrer verliert völlig die Fassung und schreit ihn an: „Aus dir spricht der Klas-senfeind!“ Der Kleine weiß selbstverständlich nicht, was dieser Begriff bedeutet. Aber er spürt, dass er etwas ungeheuerlich Schlimmes gesagt haben muss. Der Junge weint bitterlich. Wäh-rend das Publikum über den Spruch des Lehrers lacht, muss ich weinen. Wahrscheinlich als einziger im Saal. Seit vier Jahren auf der anderen Seite der Mauer, aber anscheinend noch immer nicht richtig im Westen angekommen. Oder bin ich nur noch nicht bei mir angekommen? Nachtrag von 2010Finde zufällig einen Zeitungs-artikel, der mich in tiefes Nach-denken versetzt. Darin heißt es, ein prominenter westdeutscher Komponist hätte durch intensive Recherche herausgefunden, dass Wolfgang H. in der Spätphase seines Schaffens die in ihm wach-sende Opposition zum DDR-System in einigen seiner Kompositionen verschlüsselt hätte. Obgleich musikalischer Laie, ist mir zwar bekannt, dass es ver-schiedene Notenschlüssel gibt. Wie sich aber beispielsweise „Ul-bricht verrät den Sozialismus“ in Noten verschlüsseln ließe, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben.
33Ein Freitag wie viele andere. Sitze auf der Schulbank, Geschichtsunterricht bei Herrn P. Es klingelt, wir stehen auf. Da kommt der Direktor ins Klassenzimmer, der in unserer neunten Klasse Staatsbürgerkunde gibt. Aber wir haben doch jetzt Sport? Unser Erstaunen währt nicht lange. Er sagt nur knapp: „Traurige Nachricht, Herr S. musste ins Krankenhaus. Herzinfarkt. Der Sportunterricht muss leider ausfallen. Nach der 5. Stunde gibt's dann planmäßig Chemie.“ Unterrichtsfrei, eigentlich Grund zum Jubeln. Aber die meis-ten sind offenkundig traurig. Herr S. ist auch bei den Schülern beliebt, die keine Sportskanonen sind. Er versucht jeden zu för-dern, ohne ihn aber zu überfordern. Verlasse nachdenklich das Gebäude unserer Polytechnischen Oberschule. Das alte Haus mit den mächtigen Natursteinquadern liegt genau gegenüber dem Friedrichshagener Friedhof. Hatten die Architekten damals irgendeinen Hintergedanken, als sie den Haupteingang der Schule vis á vis vom Friedhofstor setzten? Keine Ahnung, warum ich mir jetzt Gräber anschaue. Zuerst alte, dann einige frische. Kränze mit Schleifen, bunte oder auch ver-trocknende Blumen. Gehe meist mit gesenktem Kopf. Habe kein Zeitgefühl. Wie lange bin ich schon unterwegs? Stutze, als ich keine Grabsteine mehr bemerke, stattdessen kleine Holzkreuze. Ich lese: „Annchen – geb. 10.04.1945, gest. 20.12.1945“, direkt dane-ben: „Helmut – geb. 02.08.1946, gest. 02.02.1947“. Da könnte ich liegen, schießt es mir durch den Kopf. Mir wird kalt, an einem warmen Junitag. Ich laufe, immer schneller, stolpe-re, nur weg von hier. Als ich endlich wieder auf der Straße stehe, bin ich schweißnass und habe Schüttelfrost. Kann mich später nicht mehr erinnern, was eigentlich danach im Chemieunterricht gelaufen ist. Nächsten Montag gibt es eine Überraschung. Dem Direktor ist Herzkasper: „Stillgestanden!“
34es gelungen, eine Vertretung für Herrn S. zu finden. Eigentlich ist das unmöglich, da die Anzahl der Studenten an den Lehrerbil-dungsinstituten und Universitäten seit Jahren dem Bedarf ent-sprechend straff geplant ist. Dort werden garantiert nicht zu viele ausgebildet. Wahrscheinlich würde noch nicht einmal das Argu-ment helfen, dass wir kurz vor dem Schulabschluss stehen. Aber unser Direktor hatte anscheinend nicht nur eine geniale Idee. Es ist ihm auch gelungen, sie zu realisieren. Auf dem Schulhof stellt er uns kurz Herrn J. als Vertretung vor und entschwindet. Todor J. ist eine stattliche Erscheinung. Groß, schlank, straffe Haltung, schwarzhaarig und gebräunt steht er in seinem schicken grauen Trainingsanzug vor uns. Er spricht perfekt Deutsch, ist aber Bul-gare und trainiert Leichtathleten des DDR-Armeesportklubs ASK Vorwärts. Als er „Stillgestanden, links um!“ kommandiert, bleiben die meisten einfach stehen. Wahrscheinlich vor Verblüffung. Als er nochmals „links um“ ruft, bewegen sich tatsächlich einige nach links, andere aber auch nach rechts. Er scheint davon ebenso über-rascht zu sein, wie wir von seinen Kommandos. Hinter mir schon jede Menge Gemurmel. Als er „im Gleichschritt marsch“ sagt, bricht das totale Chaos aus. Ein paar Mitschüler gehen los und treten anderen in die Seite oder auch in die Hacken. Die meisten aber bleiben stehen und schimpfen: „Wat soll 'n det? – Der spinnt wohl. – Wir sind doch hier nicht auf dem Kasernenhof.“Die Hautfarbe von Herrn J. scheint sich sehr schnell verändert zu haben. Warum erinnere ich mich ausgerechnet jetzt an die Phy-sikstunde von heute Morgen? Ach ja, da lernten wir einiges über die Lichtgeschwi