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Das Leben im Hause Grimm geht seinen normal-chaotischen Gang: Hänsel und Gretel sind spät dran für die Schule, Rapunzel blockiert das Bad und Frosch hatte mal wieder Damenbesuch. Davon jedoch bekommt Jacob nichts mit. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer und geht seiner Wissenschaft nach. Bis sein Bruder Wilhelm ihn mit einer unerhörten Nachricht aus der Bahn wirft: Er möchte nicht mehr mit Jacob zusammenarbeiten. Schlimmer noch: Wilhelm möchte in die Politik gehen! Um seinen Bruder nicht zu verlieren, ist Jacob gezwungen, sich mit einer Sache zu beschäftigen, die er überhaupt nicht versteht: mit anderen Menschen. Sie sind verwirrt? Vollkommen zurecht! Also nichts wie rein in Ralph Mönius’ absurdes Paralleluniversum. Willkommen in einer der modernsten, buntesten und herzlichsten Familien Deutschlands – willkommen im Grimmatorium!
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Seitenzahl: 710
Veröffentlichungsjahr: 2018
Für A.
Manche Versprechen erfüllen sich erst nach langer Zeit.
&
Für M.
Die Zuhörerin, ohne die es dieses Buch nicht gäbe.
Vielen Dank an die Familie Grimm, ohne deren Erlaubnis,
sie begleiten zu dürfen, diese Chronik niemals entstanden wäre.
Ralph Mönius: „Grimmatorium – Eine deutsche Chronik“ 1. Auflage, März 2018, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2018 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Sarah Strehle (www.lektorat-strehle.de) Cover: Lisa Liepelt Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-087-8 epub ISBN: 978-3-95996-088-5
Ralph Mönius
GRIMMATORIUM
Eine deutsche Chronik
Wie dieses Buch entstand
Anfang März 2015, während meines Studiums der Germanistik und Politikwissenschaften an der Universität in Regensburg, legte ich mich, entscheidungsschwach, wie ich schon immer war, auf Anraten meines Professors auf folgendes Thema für meine Bachelorarbeit fest: „Die moderne deutsche Familie in Haushalt und Gesellschaft“.
Als ich meinen Kommilitonen davon erzählte, erntete ich Blicke voll Mitleid. Sie wussten alle, dass dies ein staubtrockenes Thema ist und mich zu einer Arbeit voller Statistiken und Stereotypen, aber ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn führen würde. Dafür würde ich endlose Stunden in der Bibliothek verbringen müssen, um Vergleiche anzustellen und Zahlen auszugraben.
Zum Glück kam es anders. Denn am 7. April zeigte mir ein guter Freund einen Artikel, auf den er zufällig gestoßen war. Ein bekannter Germanistikprofessor aus Gemsburg stand kurz vor dem Beginn eines Mammutprojekts. Doch war es nicht das Projekt selbst, das meine Aufmerksamkeit erregte, sondern eine Bemerkung ganz am Ende des Artikels. Eine Bemerkung darüber, dass dieser Professor mit seinem Bruder, seinen Pflegekindern und einigen Personen in einer recht ungewöhnlichen Hausgemeinschaft lebte.
Ich setzte mich mit ihm in Verbindung, bekundete mein Interesse und durfte schließlich für mehrere Monate den Professor und seine Familie begleiten. Mit der Unterstützung einiger lieber Studienkollegen habe ich alle Vorgänge rund um den Professor und seine Familie dokumentiert. Als Chronist war ich jeden Tag bei ihnen, ein Schatten an der Wand, Notizblock und Stift allzeit bereit. Außerdem nutzte ich jede freie Minute, um die Familie in Interviews zu den Ereignissen des jeweiligen Tages zu befragen. Auszüge aus diesen Interviews sind an vielen Stellen in den Text eingeflochten.
Wolf: „Wirklich? Der Usinn, den hier alle reden?“
Es hätte meine Bachelorarbeit werden sollen, ist aber, wie Du siehst, etwas umfangreicher geworden. Und so liegt vor Dir, lieber Leser, nun die wahre Geschichte einer außergewöhnlichen, aber ganz normalen, kunterbunten deutschen Familie in Zeiten turbulenter Umbrüche. Viel Vergnügen!
Der Chronist
Vorwort
Bin: Ich denke, also bin ich.
Sein: Wenn du gedacht hast, wirst du dann gewesen sein?
War: Was gewesen ist, das war einmal.
Ist: Aber wenn gut ist, ist gut.
Bin: Ich denke, also bin ich. Das heißt, ich dachte, also war ich. Das heißt, wenn ich gedacht haben werde, werde ich gewesen sein.
Sein: Bist du, weil du denkst, oder denkst du, weil du bist?
War: Wenn ich nicht dachte, war ich nicht. Wenn ich nicht war, dachte ich nicht.
Ist: Aber jetzt denke ich, also bin ich.
Bin: Und ich dachte gerade, also war ich gerade.
Sein: Aber was ist, wenn ich mit denken aufhöre? Höre ich dann auf zu sein?
War: Dann warst du halt.
Ist: Ach, du bist doch immer irgendwie.
Bin: Man muss das mit dem Sein auch nicht so ernstnehmen. Hauptsache man denkt.
Sein: Also kann ich denken, ohne zu sein?
War: Du kannst zumindest nicht sein, ohne zu denken.
Ist: Na, das ist ja klar.
Bin: Also gut dann: Ich bin, also denke ich.
Frosch: Ihr habt so ’nen Hau!
+++ INTERNATIONAL: Unizev warnt vor Millionen neuen Flüchtlingen – Kommen nun die Wörter? +++ REGIONAL: Freizeitbad „Wellenfreunde“ kündigt Großrenovierung an +++ PANORAMA: Malle heute: So asozial wie nie zuvor +++
1.1 Montag, 22. Juni
„Digga, was muss ich so früh aufstehen, das ist doch Scheiße!“
Die Familie morgens aufzuwecken, ist eine Aufgabe, die Hexe systematisch angeht.
Schritt 1: Gretel aufwecken.
„Immer musst du mich zuerst nerven, ey!“
Schritt 2: Gretels Geschrei weckt Hänsel.
„Boah, Gretel Alta, halt die Fresse, ich will schlafen!“
Schritt 3: Hänsels Ausbruch bringt Gretel auf hundertachtzig.
„Fick dich, Hänsel, wenn ich nicht schlafen darf, dann du auch nicht!“
Schritt 4: Das Geschrei weckt den Rest der Familie auf.
So geht Hexe ganz entspannt den Flur entlang und öffnet die Tür zu Wolfs Zimmer, der direkt neben Hänsel und Gretel wohnt.
„Jeden Morgen“, brummt er, als er aufsteht und sich ein Unterhemd über die stark behaarte Brust zieht. „Bei dem Lärm wird Jacob bald wieder sauer!“, ruft er Hexe hinterher.
Wolf: „Jeden verdammten Morgen …“
In Unterhemd, Boxershorts und Badelatschen schleppt Wolf sich in die Küche, um bei den Vorbereitungen für das Frühstück zu helfen. Er ist so groß, dass er sich im Türrahmen bücken muss. Sein Gesicht ist bärtig, sein mit Muskeln bepackter Körper über und über mit Haaren bedeckt und seine Erscheinung könnte sehr furchteinflößend sein, wenn sein Gesicht nicht so mondrund wäre und seine Augen nicht wie die eines Säuglings. Das Antlitz eines Kindes auf dem Körper eines Mannes. So hat es Brentano auf den Punkt gebracht, als er Wolf zum ersten Mal begegnet ist.
Hexe ist inzwischen schon im nächsten Zimmer, in dem Rapunzel bereits fertig eingekleidet eine Kamera auf ein Stativ schraubt.
„Guten Morgen!“, grüßt sie mit einem Lächeln. Es ist das Lächeln der schönsten Frau der Welt. Das ist keine Übertreibung, kein rhetorischer Kniff, sondern ein von Männern und Frauen auf der ganzen Welt anerkannter Fakt: Rapunzel ist die Schönste. Ihr Gesicht strahlt, die hellen Augen verzaubern und das lange Haar, das bis weit über die Schultern fällt, ist ein Schleier purer Verheißung. Viel wurde über sie gesagt und geschrieben, doch kein Wort, kein Gedicht, kein Lied, kein Tweet, kein Roman und auch kein Foto wird ihrer Schönheit gerecht.
Rapunzel: „Ich bin so aufgeregt! Endlich klappt es! Eine Sendung mit der ganzen Familie.“
Rapunzel ist nicht nur die schönste Frau der Welt, sie ist auch Deutschlands größter YouTube-Star, mit 20 Millionen Abonnenten.
Hexe: „Wobei die nicht alle aus Deutschland sind. Ich schneide die Videos und füge englische Untertitel ein. Unser Publikum ist international.“
Und während Rapunzel sonst in ihren Videos Lifestylefragen klärt, Beautyprodukte testet oder ihre neuesten Modeentwürfe vorstellt, hat sie heute etwas Besonderes vor. Sie will mit Hilfe der ganzen Familie eine Aufgabe bewältigen, zu der sie von einer anderen YouTuberin herausgefordert worden ist.
Rapunzel: „Die Wörter-Challenge. Kassandra hat gesagt, ich schaff die nicht, weil ich zu dumm bin. Aber die ganze Familie hilft mit! Ich hab die Regeln noch nicht verstanden, aber – wir schaffen das!“
„Ich hab schon fast alles vorbereitet“, sagt Rapunzel stolz zu Hexe.
„Ach ja, das ist ja heute“, murmelt Hexe nur. „Aber vorher gibt’s Frühstück.“
„Okay!“
Hexe verlässt Rapunzels Zimmer. Nebenan wohnt Frosch. Als Hexe seine Tür öffnet, ist er sofort ohne Decke, denn seine weibliche Begleitung hat diese an sich gerissen. Frosch liegt gänzlich unverhüllt da und nimmt erst mal seine Armbanduhr vom Schreibtisch, legt sie an.
Frosch: „Rolex.“
Frosch hat dunkles Haar, einen schlanken Körper und ein Gesicht, das schöner ist, als es ihm gut tut. Die Frau neben ihm kennt Hexe nicht, was normal ist.
„Was geht denn hier vor?“, fragt die fremde Frau.
„Es gibt gleich Frühstück“, antwortet Hexe.
„Das heißt, du solltest jetzt gehen“, sagt Frosch zu der Frau. „Da kommt jetzt die ganze Familie zusammen.“ Der Gesichtsausdruck der Frau bleibt, wie er ist: geschockt.
Hexe dreht sich um und betritt die Küche gegenüber von Froschs Tür. Wolf ist bereits dabei, Orangensaft zu pressen.
„Mach mal die Omeletts für Hänsel und Rapunzel“, sagt Hexe kurz angebunden.
„Alles klar“, antwortet Wolf, der nun schon munterer wirkt. Er probiert ein bisschen von dem Orangensaft, scheint zufrieden, kippt ihn in eine große Karaffe und geht dann an seinen Herd. Die Küche ist groß und hat zwei Herde, einen mit vier und einen mit zwei Platten, die an gegenüberliegenden Seiten des Raumes stehen. Wolf steht am kleinen und brät zwei vegetarische Omeletts. Am anderen Herd gibt Hexe Speck in die Pfanne und bereitet damit Omeletts für den Rest der Familie zu. Nebenbei stapeln beide Semmeln, Brot, Milch, Wurst, Käse und die Karaffe mit dem Orangensaft, dazu Gläser und Teller auf zwei Tabletts, um sie ins Speisezimmer nebenan zu bringen.
Frosch kommt in die Küche und nimmt sich eine Semmel. Inzwischen ist er angezogen, trägt einen teuren Anzug, komplett in Grün, wobei das Hemd etwas heller ist als Jackett und Hose, beides jedoch dunkler als die ebenfalls grüne Krawatte. Niemand hat Frosch jemals in anderer Kleidung gesehen. Entweder im grünen Anzug oder nackt.
„Ich geh dann gleich mal los“, sagt er und will die Semmel aufschneiden, als Hexe ihm einen Klaps mit dem Kochlöffel auf die Hände verpasst. „Hey!“, ruft Frosch.
„Setz dich an den Tisch und frühstücke mit der Familie“, sagt Hexe.
„Ich muss in die Arbeit.“
Hexe lacht. „Du wirst dem Mädel schon noch früh genug entkommen.“
„Sie ist so anhänglich“, klagt Frosch. „Will euch kennenlernen.“
„Aber wollen wir das?“
„Ich bezweifle es.“
Hexe schüttelt den Kopf.
„Also gehe ich dann“, meint Frosch. Er wendet sich zur Tür, doch da steht nun Wilhelm Grimm, in Hemd und Stoffhose gekleidet. Wilhelm ist etwa einen halben Kopf kleiner als Frosch, hat eine gemütliche Figur und ein freundliches Gesicht. Da seine Gesundheit noch nie besonders stabil war, geht er seit einigen Jahren mit einem Stock als Hilfe.
„Schönen guten Morgen, Frosch“, sagt er nun mit warmer Stimme.
„Morgen“, antwortet Frosch.
„Wolltest du Hexe und Wolf gerade helfen, den Tisch zu decken?“
„Ich wollte –“
„Danke.“ Wilhelm dreht sich wieder um, geht zum Tisch und setzt sich auf seinen Platz. Wie üblich beginnt er, die Zeitung zu lesen. Frosch steht in seinem teuren Anzug da wie ein kleiner Junge. Dann nimmt er ein Tablett und trägt es ins Esszimmer.
Frosch: „Warum ich hier wohne? Ich könnte es mir durchaus leisten, allein zu leben … Gute Frage eigentlich.“
„Alta, weißt du schon, was es geworden ist?“, ruft Hänsel, als er das Esszimmer betritt. Man erkennt ihn und seine Schwester nicht nur an Stimme und Lautstärke, sondern auch am Jugend-Assi-Slang, der tief in ihrer Sprache verwurzelt ist.
„Was was geworden ist?“, fragt Frosch irritiert.
„Jugendwort des Jahres, Mann!“, antwortet Gretel, die direkt hinter ihrem Bruder hereinkommt.
Hänsel und Gretel sind niemals getrennt unterwegs, denn sie sind mehr als Geschwister, sie sind Zwillinge. Unzertrennliche und ungleiche Zwillinge. Während Gretel mit ihrer hellen Haut, braunen Haaren und wachen Augen klassisch mitteleuropäisch daher kommt, zeigt ihr Bruder mit seinen schwarzen Haaren, braunen Augen und seiner dunklen Haut eindeutig türkische Wurzeln auf. Trotzdem sind sie Zwillinge. Auch wenn die Leute es oft nicht glauben. Schon in jungen Jahren haben Hänsel und Gretel deshalb leicht reizbar auf das Thema reagiert und heutzutage, mit inzwischen sechzehn Jahren und als Schüler mit Oberstufenstress, können ihre Reaktionen schon mal feindselig ausfallen.
Hänsel: „Alta scheiße, natürlich sind wir Zwillinge!“Gretel: „Komm drauf klar!“Hänsel: „Ja, komm drauf klar!“
Von Feindseligkeit lässt sich im Moment zwar nichts spüren. Trotzdem sind die beiden sehr laut, wie Frosch aus nächster Nähe feststellen muss. „Für Jugendwörter bin ich zu alt“, sagt er.
„Wilhelm, weißt du, was es ist?“, fragt Gretel.
„Schlag es doch nach“, antwortet Wilhelm. „Hänsel, denkst du daran, die Tür sauberzumachen?“
„Ja mach Google her, Mann!“, drängt Hänsel und ignoriert Wilhelms Frage.
Gretel: „Hihi, Hänsel war vorgestern zum ersten Mal richtig besoffen und hat die Haustür vollgesprayt. Aber richtig geil!“ Sie lacht.
Gretel zieht ihr Smartphone heraus und googelt.
„Und?“, will Hänsel wissen.
„Digga, es lädt!“, ruft Gretel genervt. „Scheiß WLAN is so langsam!“
Gretel: „So scheiße langsam! Aber wär nich so schlimm, wenn Hänsel nich immer nervt …“Hänsel: „Gretel nervt!“
„Nerv nicht!“, blafft Gretel.
„Hast du jetzt?“, drängt Hänsel.
„Alter, geh weg!“ Gretel schubst ihren Bruder, der jedoch sofort wieder da ist und ihr das Handy abnehmen will.
„Lass mich, ich mach!“, ruft er.
„Boah, Finger weg, is meins!“ Gretel stößt ihm den Ellbogen in die Rippen.
„Aua, spinnst du?!“
„Selber Schuld!“
„Was is jetzt?“
„Boah scheiße!“ Gretels Gesichtsausdruck ist enttäuscht.
„Was?“, fragt Hänsel mit ängstlichem Blick.
„Is ‚merkeln‘ geworden“, meint Gretel. „Sorry.“
„Ach verdammt.“
Gretel nimmt ihren Bruder in den Arm, der sehr enttäuscht scheint. Frosch und Wilhelm sehen sich nur ratlos an. Das Gerangel der Zwillinge gehört zum Alltag, die Versöhnung weniger.
„Was ist los?“, will Wilhelm wissen.
„Jugendwort des Jahres“, sagt Gretel, „ist ‚merkeln‘.“
„Aber wieso ist das so schlimm?“
„Weil meins dabei war!“, klagt Hänsel.
„Deins?“, hakt Frosch nach.
„Ja, Mann, hab ich erfunden und is nich geworden …“
Hänsel: „Da machste mal was, ja, weil Jacob immer so: ‚Boah Hänsel, mach mal was mit die Wörta!‘, und dann mach ich was mit die Wörta und dann scheiße, weißte, is sau blöd, nervt und so.“ Gretel legt ihm eine Hand auf den Arm.
„Nächstes Jahr“, tröstet Gretel und klopft Hänsel aufmunternd auf die Schulter.
„Was war denn dein Wort?“, fragt Wilhelm.
„Alphakevin“, antwortet Hänsel immer noch geknickt. Alle lachen. Hänsel blickt auf und muss grinsen.
„Is geil, oda?“, fragt er in die Runde.
„Supergeil“, bestärkt ihn Gretel.
„Kreativ“, sagt Wilhelm anerkennend.
„Scheiße, sag ich doch, aber ist doch alles kacke!“
Bumm! „Aua!“ Hänsel hält sich den Kopf.
„Hör auf zu fluchen“, mahnt Hexe, die das zweite Tablett hereingetragen hat und nun neben Hänsel steht.
Hexe: „Hänsel ist ein ganz liebes Kind. Nur diese Flucherei muss er sich abgewöhnen. Kommt alles von seiner Schwester …“
„Sorry“, entschuldigt sich Hänsel.
„Und kein Englisch“, fügt Wilhelm ganz automatisch hinzu.
Wilhelm: „Wenn Jacob das hören würde, dürfte Hänsel sich einen Vortrag anhören …“
„Sorry“, sagt Hänsel wieder.
„Hänsel!“, schimpft Hexe. „Geh lieber die Tür saubermachen.“
„Äh, Leute“, ruft Rapunzel mit zarter Stimme und rettet somit Hänsel davor, tatsächlich gehen zu müssen.
Alle drehen sich um. Rapunzel steht etwas verloren in der Tür. Mit einem Mal ist es still im Esszimmer und Rapunzel schaut verwirrt, denn das ist sie nicht gewohnt – zumindest nicht daheim.
„Ähm, also … was ich sagen wollte: Das Bad ist zu“, sagt sie dann.
„Dann wird es wohl besetzt sein“, meint Hexe.
Hexe: „Ja, Rapunzel … sie ist … naja sie ist nicht dumm, nein, dumm gar nicht. Höchstens etwas bildungsfern, aber nein, bildungsfern heißt ja dumm und das ist sie nicht. Sie ist nur, wie soll ich sagen … sie ist wunderschön.“
„Aber von wem?“, fragt Rapunzel irritiert.
„Froschs Bekanntschaft?“, rät Hexe.
„Oh, entschuldige“, antwortet Frosch, geht aus dem Esszimmer hinaus und hinüber zum Bad, Rapunzel im Schlepptau.
„Ich muss mich doch fertig machen für unser Video“, erklärt sie.
„Ist das heute?“, fragt Frosch und seufzt. „Ich will hier raus.“ Er pocht an die Badtür.
„Eine Sekunde“, tönt die Stimme der fremden Frau von drinnen.
„Hey, äh … Baby“, leitet Frosch ein, „du kannst jetzt nicht ins Bad. Rapunzel ist dran.“
„Wir haben es heute eilig“, fügt Rapunzel hinzu. „Weil wir was für meinen Channel aufnehmen. Und da muss ich mich für fertig machen. Und danach muss ich an die Uni.“
Rapunzel: „Also ich bin an der Uni. Das ist die Universität. Und da studiere ich Modedesign. Ich bin voll gut da drin. Wirklich voll gut. Sagen alle. Ja. Und ich brauch halt ein bisschen am Morgen. Ich will ja nicht schrecklich aussehen. So wie andere Menschen. Es sehen wirklich viele Menschen schrecklich aus … Äh, was war die Frage?“
„Entschuldigung, nur eine Sekunde“, antwortet die fremde Frau von drinnen.
Rapunzel: „Ach so, ob ich ein Abikur habe! Ich glaube nicht. Keine Ahnung. Wieso? Wegen der Uni? Ich bin da einfach hingegangen. Die waren voll nett zu mir.“
Kurz darauf geht die Tür auf und die fremde Frau steht da mit nassen Haaren, nur in ein grünes Hemd von Frosch gekleidet. „Hey, Sexy“, raunt sie lasziv und lehnt sich gegen den Türrahmen.
Rapunzel verzieht ihr Gesicht.
„Mein Name, falls du dich erinnerst, ist Frosch“, erwidert der kalt. Er nimmt sie bei den Schultern und führt sie weg, sodass Rapunzel ins Bad kann.
„Was hast du noch so vor mit mir?“, fragt die Frau kichernd.
„Zuerst holen wir dich aus meinem Hemd heraus“, beginnt Frosch.
„Oh ja“, säuselt die Frau.
„Und dann ziehst du dir deine Klamotten an und gehst“, fährt Frosch fort und schiebt sie in sein Zimmer hinein. Er selbst bleibt davor stehen. „Du hast fünf Minuten“, ruft er und schließt die Tür. Sein Blick folgt Rapunzel, die nun ins Bad geht.
Frosch: „Warum ich hier wohne … hm …“
Frosch sieht Hexe an, die gegenüber in der Küche steht.
„Sei nicht so hart zu dem Mädchen“, tadelt Hexe ihn.
„Willst du sie beim Frühstück haben?“, erwidert Frosch.
Statt direkt zu antworten, sagt Hexe nur: „Sag ihr, sie soll sich beeilen.“
Wolf geht zurück in die Küche und kommt dabei Hexes Herd sehr nahe. Sie und Frosch beobachten ihn genau, sehen Wolfs heißhungrigen Blick auf die Speckwürfel, das kurze Aufflackern eines bedrohlichen Funkelns in seinem Blick, die Muskeln, die sich plötzlich in seinem Arm anspannen. Und doch geht er vorbei. Hexe nickt ihm anerkennend zu.
Hexe: „Wolf ist ein armer Kerl. Aufgewachsen auf einer Kannibaleninsel. Er hat da Menschen gegessen und so. Grausige Dinge. Von daher sollte er kein Fleisch essen. Sonst kann er schon mal … ungemütlich werden. Deswegen ist er Veganer.“
„Habt ihr mitbekommen, dass wir heute schon dieses Video mit Rapunzel machen sollen?“, brummt Wolf, als er sich wieder an seinen Herd stellt. „Und dann rennt ab heute auch noch dieser Chronik-Heinz hier rum! Ich will mich wirklich nicht beschweren, aber können wir nicht einmal einen ruhigen Tag haben?“
„Jammer nicht rum“, meint Hexe nur.
„Ich jammere nicht“, murmelt Wolf. „Ich meine ja nur, Jacob wird bei dem Chaos nicht in guter Stimmung sein.“
„Er wird damit zurechtkommen müssen“, sagt Hexe und winkt ab, doch so entspannt, wie sie sich gibt, ist ihr Blick nicht.
Als Froschs Zimmertür aufgeht, dreht er sich um. Die Frau, an deren Namen er sich nicht zu erinnern versucht, kommt in einem für den Morgen viel zu schicken, derangiert sitzenden Kleid heraus, wirft ihm einen giftigen Blick zu und marschiert dann Richtung Wohnungstür.
„Was ist nur los mit ihm?“, ruft die Frau verzweifelt Hexe zu. „Gestern war er noch so nett und –“
„Tschüs“, unterbricht Hexe sie zuckersüß mit melodischem Ü und winkt. Mit einem Poltern fällt die schwere Haustür zu.
Frosch scheint für einen Moment zu überlegen, ob er sich nicht gleich mit davon stehlen soll, sieht sich aber noch kurz um und erkennt Hexe, die hinter ihm den Gang herunter kommt. Also geht Frosch zurück ins Esszimmer, in dem es immer noch laut ist.
„Boah Digga, ich find’s nich okay, dass Rapunzel immer so ewig im Bad chillt, ich muss pullern!“, ruft Gretel. Sie steht vor der Badtür und hüpft von einem Bein aufs andere.
„Ganz ruhig, Gretel“, sagt Wilhelm. „Rapunzel kommt sicher gleich heraus.“
„Alta, ich muss!“ Gretel hämmert gegen die Badezimmertür. „Rapunzel, mach auf, ich muss pullern!“
„Gleich“, kommt Rapunzels liebliche Stimme zurück.
„Alta, ich komm rein!“
Klack! Das Türschloss wird verriegelt.
„Spinnst du?“, schreit Gretel.
„Ey Rapunzel lass meine Schwester jetzt!“, ruft Hänsel und rennt mit Vollgas gegen die Tür, Schulter voran, prallt ab und fällt zu Boden. „Klappt immer im Film“, murmelt er kopfschüttelnd.
„Jetzt seid doch ruhig und vernünftig“, meint Wilhelm. „Rapunzel tut das ja nicht absichtlich.“
„ICH MUSS!“, brüllt Gretel.
„SIE MUSS!“, brüllt auch Hänsel.
„Also der Lärm ist mir zu viel“, sagt Frosch. „Ich geh jetzt in die Arbeit.“
„Aber mein Video!“, ruft Rapunzel sofort verzweifelt aus dem Bad.
„Mach endlich auf!“, donnert Gretel wieder.
Wolf hält sich die Ohren zu und schüttelt den Kopf.
Wolf: „Jeden Morgen so ein Chaos …“
Hexe geht zum Bad. „Rapunzel, komm raus!“, befiehlt sie harsch.
„Aber ich –“, beginnt Rapunzel.
„Sofort!“
„Ich bin ja gleich fertig!“, protestiert Rapunzel trotzig. „Und sag Frosch, er soll da bleiben!“
„Bin schon weg!“, ruft Frosch auf dem Weg zur Tür.
„Boah, ich puller jetz’ einfach in den Gang!“, brüllt Gretel und beginnt schon, ihre Hose zu öffnen, weswegen Hänsel sofort aufspringt und sich in Sicherheit bringt.
„Nein“, ertönt da eine strenge Stimme hinter Gretel. Augenblicklich wird es still auf dem Gang.
„Endlich, etwas Ruhe“, sagt Jacob Grimm und blickt sich um. Er ist ein hochgewachsener, dünner Mann. Seine Miene ist ernst und strahlt eine natürliche Autorität aus. Gekleidet ist er wie ein Klischee-Professor: altbacken, spießig und übermäßig ordentlich. Allein seine Anwesenheit scheint das Chaos der Familie bereits zu ordnen.
Er klopft an die Badezimmertür. „Rapunzel, lass Gretel die Toilette benutzen“, ordnet Jacob an.
Die Tür geht auf und Rapunzel kommt heraus. Sofort stürmt Gretel hinein und wirft die Tür zu.
„Und du beeil dich, Gretel“, fährt Jacob fort. „Wenn ihr schon einmal alle versammelt seid, möchte ich etwas verkünden.“
„Jahaa“, stöhnt Gretel entspannt aus dem Bad.
Hexe scheucht alle zurück ins Esszimmer. „Hänsel, Schatz, setz dich an den Tisch“, sagt sie mit warmer Stimme. „Wolf hat dir ein Omelett gemacht.“
„Oh, danke!“, sagt Hänsel freudig und setzt sich. Rapunzel nimmt ebenfalls Platz, wenn auch beleidigt. Sie hat die eine Hälfte ihres langen Haares zu einem kunstvollen Zopf geflochten, während die andere Hälfte offen herunterhängt.
„Wunderschönes Kleid“, sagt Frosch, der genau weiß, was sie hören muss.
„Danke“, erwidert sie. „Ist selbst genäht.“
„Natürlich“, wirft Wilhelm routiniert ein. „Und meisterhaft.“ Sofort lächelt Rapunzel wieder.
Rapunzel: „Frosch? Ja, Frosch ist toll. Genauso wie Wilhelm. Und Wolf. Und die anderen. Die ganze Familie ist toll. Frosch auch. Nur vor Jacob hab ich manchmal Angst.“
Wolf stellt ihr das Omelett hin, das er für sie zubereitet hat, und setzt sich dann ebenfalls. Auf seinem Teller liegt ein Haufen Gemüse, daneben ein kleinerer Teller mit etwas Obst – der Nachtisch. Gretel kommt sichtlich entspannt aus dem Bad, setzt sich neben ihren Bruder und klaut mit ihrer Gabel ein Stück seines Omelettes.
„Boah, wie widerlich, Digga!“, ruft sie lachend.
„Alta, du bist widerlich!“, gibt Hänsel zurück.
„Seid still“, befiehlt Hexe.
Jacob steht noch in der Tür zwischen Gang und Esszimmer. Wilhelm bedeutet seinem Bruder, sich zu den anderen zu setzen. Also nimmt Jacob am Kopfende des Tisches Platz. Jetzt ist die ganze Familie zusammen. Alle sehen Jacob an.
Gretel: „Normalerweise isst er nich mit uns.“Hänsel: „Immer schon viel früher.“Gretel: „Steht um fünf oder so auf.“Hänsel: „Arbeitet dann schon immer im Arbeitszimmer.“Gretel: „Arbeitet bis mitten in der Nacht.“Hänsel: „Schläft sauwenig.“
Auch heute hat Jacob schon gefrühstückt, weswegen er Essen und Kaffee unangetastet lässt. Die Blicke aus der Familie sind recht unsicher. Niemand kann sich vorstellen, was er zu sagen hat.
Wilhelm: „Jacob ist ein toller Mensch. Er ist mir der liebste und wichtigste Mensch auf der ganzen Welt. Aber er ist nicht besonders gut darin, mit anderen Menschen umzugehen. Er hat andere Stärken. Seine Arbeit als Sprachwissenschaftler. Mit seinem Pensum und der Qualität seiner Arbeit kann niemand mithalten. Was aber der Familie nicht viel nützt. Da hoffen alle nur, dass er sich nicht wieder über die allgemeine Lautstärke beschwert.“
„Ich habe eine wichtige Ankündigung zu machen“, beginnt Jacob schließlich, „denn heute habe ich offiziell mit der Arbeit an meinem bisher größten und wichtigsten Werk begonnen. Weiter ist es wohl nicht nur mein wichtigstes Werk, sondern eines der bedeutendsten in der Geschichte unseres Landes. Es wird die Geschichte verändern, es wird uns als Nation, als Volk definieren und unserer Kommunikation eine neue Qualität verleihen.“ Jacob macht eine Kunstpause. Spannung entsteht dadurch jedoch nicht. Schon in einem normalen Gespräch klingt er immer, als würde er einen Vortrag halten. Und wenn dies tatsächlich der Fall ist, macht dies seine Sprache nicht lebendiger.
„Was ich damit sagen will“, fährt er fort, „ich habe heute mit der Arbeit am ersten allumfassenden deutschen Wörterbuch begonnen.“
Fragende Blicke schlagen ihm entgegen.
„Es wird die erste vollständige Sammlung deutscher Wörter sein, inklusive deren Definitionen“, versucht Jacob zu erklären. „Es wird als Werk alle sprachlichen Hindernisse beseitigen, Missverständnisse verhindern und damit eine neue Ära des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft einläuten. Denn wenn wir alle unsere Sprache korrekt beherrschen und dadurch tatsächlich dieselbe Sprache sprechen, werden wir friedlicher und harmonischer zusammenleben.“
Die Blicke werden klarer. Nur beeindruckt sind sie nicht.
„Ich finde, es ist ein großartiges Projekt“, sagt Wilhelm in die Stille hinein. „Ambitioniert und sehr nützlich.“
Rund um den Tisch murmeln alle Zustimmungsbekundungen. Jacob nickt zufrieden.
Jacob: „Dieses Projekt ist so offensichtlich notwendig, dass es jedermann versteht.“
„Wenn jemand Wilhelm und mir bei dem Projekt helfen will, wird diese Hilfe natürlich gerne angenommen“, erklärt Jacob der Runde. „Solange eure Arbeit die nötige Qualität erfüllt.“
„Ich soll mit dir an dem Wörterbuch schreiben?“, fragt Wilhelm nun erstaunt.
„Natürlich“, antwortet Jacob. „Es ist sehr umfangreich, da kann ich dich gut brauchen. Außerdem gilt doch immer unser Grundsatz: Die Arbeit des einen …“
„… ist auch immer die Arbeit des anderen“, vervollständigt Wilhelm den Satz. „Natürlich.“
„Gut, dann ist das ja geklärt.“ Jacob nickt zufrieden und steht auf. „Ich gehe wieder an die Arbeit.“ Und damit verlässt er das Esszimmer. Kaum ist er gegangen, beginnt die Familie wieder zu reden.
„Na da hast du ja ein tolles neues Projekt, Wilhelm“, sagt Frosch kopfschüttelnd. „Ich geh jetzt in die Arbeit.“
„Nein, wir machen erst noch das Video“, beharrt Wilhelm. Frosch blickt düster drein.
„Wir müssen in Schule!“, ruft Hänsel.
„Ihr habt die ersten zwei Stunden frei“, wirft Hexe ein. „Es ist Montag.“
„Verdammt“, brummt Hänsel.
„Wieso wollt ihr das Video denn nicht machen?“, fragt Rapunzel verwirrt. „Es ist doch cool, wir besiegen Kassandra bei der Challenge.“
„Kein Englisch“, ermahnt Wilhelm automatisch.
Wolf seufzt. „Bestimmt besiegen wir sie.“
Wolf:Schüttelt den Kopf. „Nicht mit Rapunzel …“
„Ich hab kein Bock“, mault Hänsel.
„Hänsel, sei leise und mach die Tür sauber!“, sagt Wilhelm nur. „Wer im Rausch etwas anstellt, muss es auch wieder –“
„Wir helfen Rapunzel aufbauen!“, ruft Hänsel schnell und rennt mit Gretel hinaus. Rapunzel folgt ihnen.
„Frosch, hilf doch kurz hier aufzuräumen“, ordnet Wilhelm an. „Ich hole derweil Jacob.“
„Während seiner Arbeitszeit?“ Frosch lacht trocken. „Viel Glück.“
Wilhelm verlässt das Zimmer. Frosch und Hexe beginnen abzuräumen. Aus Rapunzels Zimmer sind schon wieder die lauten Stimmen der Zwillinge zu hören. Schließlich erhebt sich auch Wolf, schüttelt den Kopf und sammelt die Teller ein.
Wolf: „Ja, das ist ein ganz normaler Morgen bei uns.“
1.2 Arbeitszimmer
Selbst Wilhelm betritt das Arbeitszimmer vorsichtig, wenn Jacob arbeitet, was quasi immer der Fall ist. „Bruder, ich störe dich nur ungern, aber hast du eine Sekunde?“, fragt Wilhelm.
Jacob sieht von seinem Laptop auf, während seine Finger noch etwas zu Ende tippen. „Du störst ganz und gar nicht“, erwidert er.
Jacob: „Nichts ist mir lieber, als mit Wilhelm zusammenzuarbeiten. Er ist mir der liebste und wichtigste Mensch auf der Welt. Ihn nicht bei mir zu haben, nicht mit ihm arbeiten zu können, wäre grausig.“
Wilhelm lächelt und schließt die Tür hinter sich. Die Wände des Arbeitszimmers sind mit Bücherregalen vollgestellt, welche bis auf den letzten Zentimeter gefüllt sind – streng geordnet versteht sich: zuerst nach Themen und innerhalb dieser alphabetisch nach Autorenname. Unter dem Fenster stehen die beiden Schreibtische und ragen in den Raum hinein. Sie berühren sich Rücken an Rücken, sodass Jacob und Wilhelm einander zugewandt arbeiten können. Auf Wilhelms Schreibtisch stapeln sich einige Bücher und viel loses Papier liegt herum. Daraus ragt ein Computerbildschirm hervor und irgendwo darunter ist auch eine Tastatur versteckt.
Jacobs Schreibtisch dagegen ist im Moment auffallend leer, was daran liegt, dass er sein neues Projekt beginnt. Trotzdem versinkt Jacobs Arbeitsfläche niemals im Chaos, denn er ordnet all seine Unterlagen in einem klaren System um seinen Laptop herum.
Wilhelm geht zu seinem Schreibtisch hinüber und setzt sich.
„Ich habe dir schon ein Dossier zusammengestellt, in dem du alle Anweisungen zur Arbeit am Wörterbuch findest“, erklärt Jacob, während er weitertippt. „Sag mir bitte, wenn dir daran etwas missverständlich erscheint, denn ich will dieses Dossier auch verwenden, um Studenten einzuweisen.1 Es ist sehr viel Arbeit und wir können alle Arbeitskraft brauchen, die wir kriegen können.“
„Ich bin eigentlich nicht wegen des Wörterbuchs hier“, sagt Wilhelm.
„Ach nein?“, fragt Jacob nun erstaunt und sieht auf.
„Ich werde dir auch noch nicht gleich beim Wörterbuch helfen können“, sagt Wilhelm. „Zuerst müssen die Märchen fertig werden.“
„Hast du die Arbeit daran noch nicht beendet? Erstaunlich …“
Wilhelm seufzt leise.
Wilhelm: „Wie gesagt, Jacob arbeitet viel. In den letzten Jahren hat er eine Sammlung deutscher Heldensagen, fünf Bände über die deutsche Grammatik und einige Abhandlungen über seine Lieblingsfabeln geschrieben. Und – versteht mich nicht falsch, das ist sehr schön – nur leider nimmt er immer an, dass alle so schnell arbeiten können wie er. Und er kann sehr ungeduldig werden, wenn dem nicht so ist.“
„Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass wir jetzt das Video mit Rapunzel machen“, erklärt Wilhelm.
„Ah, die Herausforderung!“, reagiert Jacob unerwartet gutgelaunt. „Sehr schön!“
„Sehr schön?“, fragt Wilhelm erstaunt nach. „Ich hatte erwartet, dass du während deiner Arbeitszeit keinen Sinn für so etwas hättest.“
„Es handelt sich um eine Herausforderung, die sich mit Wörtern beschäftigt, oder nicht?“
„Ja.“
„Dann werde ich demonstrieren können, warum mein Wörterbuch so wichtig ist.“ Jacob nickt zufrieden. „Lass es uns angehen.“ Er steht auf und geht zur Tür.
„Vielleicht reagiert die Familie dann begeisterter auf das Projekt“, meint Wilhelm und erhebt sich ebenfalls.
„Auf mich wirkten sie recht überzeugt.“ Jacob sieht seinen Bruder an. „Auf dich nicht?“
„Doch, doch“, beschwichtigt der schnell.
„Gut“, meint Jacob. „Aber bitte, nenn sie nicht ‚Familie‘. Wir haben das doch besprochen. Ich habe wirklich nichts gegen sie, aber diese Gemeinschaft erfüllt nicht die Definition des Wortes.“
„Was soll ich denn sonst sagen?“, fragt Wilhelm.
„Hausgemeinschaft. Du weißt doch, dass Genauigkeit ein wichtiger Grundpfeiler unseres Berufs ist.“ Jacob öffnet die Tür und tritt auf den Flur hinaus.
„Du hast recht“, sagt Wilhelm und folgt ihm.
Zusammen gehen sie den Gang hinunter, Jacob immer einen halben Schritt vor seinem Bruder, hoch aufgerichtet, während Wilhelm sich auf seinen Stock stützt, bemüht mitzuhalten.
1 Professor Dr. Jacob Grimm lehrt Germanistik an der Universität von Gemsburg.
1.3 Eine Herausforderung
Bis auf Jacob und Wilhelm sind alle in Rapunzels Zimmer versammelt. Es herrscht das gewöhnliche Chaos. Rapunzel versucht, es zu übertönen, aber sie schafft es nicht. Dabei hat sie so viel vorbereitet. Vor ihr Kleiderregal, welches eine komplette Zimmerwand einnimmt, hat sie ein großes grünes Tuch gespannt. Das hat nicht nur den Vorteil, dass Hexe nachher jeden beliebigen Hintergrund einfügen kann, sondern auch, dass das Chaos nicht mehr zu sehen ist. Rapunzels Sinn für Ordnung beschränkt sich auf die Kleider, die sie am Leib trägt.
Die Kamera ist frontal auf den grünen Hintergrund ausgerichtet. Jetzt versucht Rapunzel, das Objektiv so auszurichten, dass alle im Bild sind. Eine schwierige Aufgabe, weil niemand stillhalten will.
„Leute, bitte“, fleht Rapunzel, doch niemand hört das Piepsen bei der Lautstärke. Wolf belehrt Frosch über die beste Methode beim Abspülen, da er mit Froschs Ergebnissen nicht zufrieden war. Die Zwillinge diskutieren in ihrer Normallautstärke, welches Wort sie nächstes Jahr zum Jugendwort des Jahres machen wollen.
Hänsel: „Trumpeten.“Gretel: „Wenn jemand nur Scheiße labert und so tut, als hätt er recht.“Hänsel: „Lidln.“Gretel: „Billigscheiß kaufen.“Hänsel: „Spuckerle machen.“Gretel: „Das klingt süß.“Hänsel: Er grinst. „Is kotzen.“
Schließlich kommt Hexe Rapunzel zu Hilfe. „Jetzt seid mal alle still und bleibt stehen!“, kommandiert sie. Auf Hexe wird gehört.
Die Tür geht auf und Jacob und Wilhelm treten ein.
„Oh, Jacob, schön, dass du auch mitmachst“, freut sich Rapunzel.
„Das Video ist dir doch wichtig“, meint Wilhelm. „Da hilft Jacob gern.“
„Außerdem ist es eine gute Gelegenheit, die Bedeutung des Wörterbuches zu demonstrieren“, fügt Jacob an und stellt sich zusammen mit seinem Bruder zu den anderen.
Rapunzel: „Ja, es ist mir sehr wichtig! Kassandra, also die YouTuberin mit der Challenge, die hat voll wenig Follower. Sie ist auch in meinem Kurs an der Uni und ich hasse sie! Sie ist so ne Bitch! So schlimm! Im Ernst!“ Rapunzels Blick strotzt vor Entschlossenheit. „Also müssen wir gewinnen!“
„Rapunzel, erklär doch schon mal, wie die Herausforderung für das Video jetzt funktioniert“, sagt Hexe.
Alle Augen richten sich auf Rapunzel. Sie lächelt nervös und setzt dann zur Erklärung an. „Also Kassandra hat mich herausgefordert“, beginnt sie. „Ihr wisst ja, dass sie doof ist.“ Alle nicken. Außer Jacob.
Jacob: „Wer ist Kassandra?“
„Und also, wir spielen ein Wortspiel“, erklärt Rapunzel weiter. „Ähm, das geht so, dass, also … jeder sagt glaube ich ein Wort.“ Sie wirft Hexe einen hilfesuchenden Blick zu.
„Wir sagen einfach der Reihe nach Wörter“, erklärt Hexe weiter. „Die müssen keinen Satz oder Zusammenhang ergeben. Sie müssen alle in einer Sprache sein. Wir dürfen keine Pausen lassen. Und es darf kein Wort zweimal genannt werden.“ Hexe blickt in unbeeindruckte Mienen. „Es klingt einfach“, fügt sie hinzu. „Ist es aber nicht.“
„Was ist denn der Rekord von Kassandra, den wir brechen müssen?“, fragt Frosch.
„Äh, ich glaub, also …“ Rapunzel merkt, dass sie zu schnell und ohne die nötigen Informationen geantwortet hat.
„Zweiunddreißig“, springt Hexe wieder ein.
„Genau!“, bestätigt Rapunzel freudig.
„Easy!“, ruft Hänsel.
„Benutze deutsche Wörter“, sagt Jacob. Alle seufzen.
„Jacob, bevor dir der Spruch beim Spiel rausrutscht, warne ich dich noch mal: Jeder darf immer nur ein Wort sagen“, mahnt Hexe.
Hexe: „Wenn es so was wie Korrektur-Tourette gibt, hat Jacob es. Also benutz niemals englische Wörter oder Anglizismen in seiner Gegenwart!“
„Solange wir alle Deutsch sprechen, gibt es kein Problem“, insistiert Jacob. „Ihr merkt sicherlich, wie nützlich mein Wörterbuch hier wäre. Bald ist es Realität!“ Jacob in so guter Stimmung zu sehen wirkt sehr befremdlich auf den Rest der Familie. Alle sehen sich fragend an, aber niemand will etwas dazu sagen.
„Schön, das wäre dann ja geklärt.“ Hexe zuckt mit den Schultern und schaltet die Kamera ein. „Können wir jetzt anfangen?“ Sie drückt auf Aufnahme und alle stellen sich dicht gedrängt zusammen.
„Hallo Leute und willkommen zurück bei meinem Channel BlondImTurm“, moderiert Rapunzel an, die ganz vorne steht.
Hexe:Sie lächelt stolz. „Der Name des Channels war meine Idee.“
„Benutze deutsche Wörter“, sagt Jacob automatisch.
„Hä?“, macht Rapunzel.
„Bei deinem Kanal BlondImTurm“, verbessert Hexe und Jacob nickt.
Rapunzel runzelt nur die Stirn und wendet sich dann wieder der Kamera zu. „Bei meinem Kanal BlondImTurm“, fährt sie etwas verunsichert fort. „Ich bin Rapunzel, aber das wisst ihr ja schon. Und das hier ist meine Familie. Das da sind Wilhelm und Jacob Grimm.“ Beide nicken in die Kamera.
„Genau genommen ist es keine Familie“, fügt Jacob hinzu.
„Wilhelm ist so unser Papa“, fährt Rapunzel fort und ignoriert Jacob diesmal einfach. „Und Jacob … arbeitet viel.“
Die Zwillinge müssen unwillkürlich kichern, reißen sich jedoch zusammen, als Wilhelm ihnen einen warnenden Blick zuwirft. Jacob sieht sie nur fragend an.
„Dann ist da Wolf“, erklärt Rapunzel weiter und Wolf lächelt. „Wolf ist voll lieb, außer wenn er Fleisch isst. Und er hilft Hexe immer in der Küche. Das ist Hexe. Die kennt ihr auch, weil sie meine Videos schneidet und hochlädt und so. Voll lieb!“ Auch Hexe zeigt ein freundliches Lächeln. „Die Kleinen da sind Hänsel und Gretel, die sind Zwillinge.“
„Wir sind nicht klein!“, rufen die Zwillinge dazwischen.
„Und das da ist Frosch“, schließt Rapunzel ihre Moderation ab. „Der macht irgendwas mit Frauen und Geld oder so.“
„So würde ich das nicht sagen“, will Frosch sofort erklären, doch Rapunzel übergeht seinen Einwurf einfach.
„Und die helfen mir jetzt alle bei der Challenge, die Kassandra mir gestellt hat.“
„Benutze deutsche Wörter“, sagt Jacob wieder.
„Jacob, lass sie doch ausreden“, bittet Wilhelm seinen Bruder. Jacob schüttelt nur den Kopf, sagt aber für den Moment nichts mehr.
„Kassandra kennen die meisten von euch wahrscheinlich nicht“, moderiert Rapunzel weiter. „Sie hat voll wenig Follower. Egal. Auf jeden Fall ist sie doof und wir brechen ihren Rekord bei der Wörter-Challenge.“
„Die Regeln sind einfach“, springt Hexe ein, um sie noch einmal zu wiederholen und weiteres Unwissen Rapunzels zu vermeiden. „Wir sagen nacheinander Wörter, die keinen Zusammenhang ergeben müssen, nur schnell aufeinanderfolgen müssen. Wichtig ist, dass kein Wort doppelt genannt wird. Rapunzel, was ist Kassandras Rekord, den wir brechen sollen?“
„Zweiunddreißig“, sagt Rapunzel und alle atmen auf, weil sie die richtige Zahl genannt hat.
„Also, fangen wir an, das sollte schnell gehen“, meint Hexe. Sie hebt ihre Hand und zählt mittels ihrer Finger von drei herunter. Dann zeigt sie auf Rapunzel, die anfangen soll.
„Okay“, sagt Rapunzel.
„Benutze deutsche Wörter“, sagt Jacob. Alle sehen ihn strafend an.
„Das ging wirklich schnell“, schüttelt Hexe den Kopf.
„Jacob, bitte versuche dich zu beherrschen“, wendet sich Wilhelm an seinen Bruder.
„Wir hatten uns auf Deutsch als Sprache geeinigt und das war nicht Deutsch“, beharrt Jacob.
Frosch seufzt. „Bitte Jacob, es war allgemeiner Sprachgebrauch.“
„Wir sind hier nicht beim Scrabble!“, insistiert Jacob.
„Fangen wir einfach noch mal an“, brummt Wolf. „Diesmal schaffen wir es und dann können wir alle wieder unserem Tag nachgehen.“
„Oder endlich zur Arbeit“, meint Frosch.
„Von wegen Arbeit“, spottet Gretel. „Irgendwelche Frauen abschleppen.“
„Ist auch Arbeit.“
„Also dann!“, ruft Hexe und versucht, die Stimmung hoch zu halten. „Je schneller wir anfangen, desto schneller sind wir fertig!“ Sie hebt wieder ihre Hand, zählt herunter und zeigt auf Rapunzel.
„Blond“, sagt die (1). Hexe zeigt weiter auf die Leute, die sprechen sollen. „Im“, sagt Wolf (2). „Turm“, schließt sich Wilhelm lächelnd an (3). „Scheiß“, meint Hänsel (4). „Schule“, ergänzt Gretel (5). Die Zwillinge kichern. Hexe zeigt auf Frosch. „Gewinnmaximierung“, sagt der und zieht erstaunte Blicke auf sich (6). Hexe zeigt auf Jacob. „Personalpronomen“, sagt der (7).
„Jacob, auf Deutsch“, jammert Rapunzel. „Jetzt müssen wir von vorne anfangen.“
„Das war Deutsch!“, ruft Jacob überrascht.
„Das war Russisch!“, beharrt Rapunzel.
„Du meinst Latein“, sagt Frosch.
„Genau.“
„Es ist ein deutsches Fachwort mit lateinischem Ursprung“, verteidigt sich Jacob voller Entrüstung. „Genauso wie Gewinnmaximierung!“
„Ach Frosch!“, Rapunzel klatscht Frosch die flache Hand auf die Schulter.
„Tut mir leid“, entschuldigt Frosch sich.
„Wieso? Du hast keine Regel gebrochen!“, insistiert Jacob.
„Ach, wenn sie sagt …“
„Was sie sagt, ist irrelevant!“ Langsam wird Jacob lauter. „Ich bin der führende Experte des Landes auf dem Gebiet der deutschen Sprache. Wahrscheinlich auf der ganzen Welt! Und ich sage dir, dass es ein deutsches Wort ist!“ Es ist still im Zimmer. Die Familie blickt Jacob stumm an.
Der schüttelt nur fassungslos den Kopf. „Nun seht ihr, wieso meine Arbeit, ein erstes einheitliches und allumfassendes deutsches Wörterbuch zu schreiben, so wichtig ist“, erklärt er. „Damit ein jeder weiß, welche Wörter der deutschen Sprache angehören und welche nicht. Und bis wir das eindeutig definiert haben, vertagen wir dieses Video.“
Er blickt in die Runde, in die enttäuschten Gesichter, die er jedoch nicht als solche wahrzunehmen scheint. Wilhelm will etwas sagen, doch Jacob kommt ihm zuvor: „Vorher wird es sowieso nicht funktionieren.“ Mit dem Satz dreht er sich um und verlässt das Zimmer.
„Boah, ohne Scheiß.“ Hänsel schüttelt den Kopf. „Manchmal is Jacob so …“
„… ein Vollidiot!“, vervollständigt Gretel den Satz.
„Kinder!“, weist Hexe die beiden zurecht.
Wilhelm seufzt und versucht, Jacob in Schutz zu nehmen. „Ich weiß schon, er kann manchmal schwierig sein.“ Doch sein Blick zeigt, dass auch er enttäuscht von seinem Bruder ist. „Aber er meint es nicht böse. Und wir sollten uns bemühen, ihm auch nicht böse zu sein. Wir sind doch eine Familie.“
„Nicht wenn’s nach ihm geht“, meint Frosch und geht zur Tür. „Ciao!“ Damit verschwindet auch er aus dem Zimmer.
„Ich geh mal die Wäsche machen“, sagt Wolf genervt.
„Schule“, sagen die Zwillinge gleichzeitig und verschwinden. Hexe seufzt und schaltet die Kamera aus.
Wilhelm legt der traurig drein schauenden Rapunzel eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid“, sagt er mitfühlend. „Vielleicht war heute einfach kein guter Tag für das Video.“
„Ach, Jacob ist doch immer so“, schluchzt Rapunzel und wendet sich ebenfalls zum Gehen. „Ich muss in die Uni.“ Die schönste Frau der Welt verlässt das Zimmer und lässt Wilhelm und Hexe allein zurück.
„Dabei war er heute sogar mal in richtig guter Stimmung“, sagt Hexe ungläubig und beginnt, die Kamera abzubauen. „Aber selbst das nützt nichts.“
Wilhelm nickt langsam. „Dann macht es wohl keinen großen Unterschied, wenn er mal in richtig schlechte Stimmung kommt“, sinniert er vor sich hin.
Hexe sieht ihn fragend an. „Hast du irgendwas vor?“
„Hm“, macht Wilhelm nachdenklich. „Vielleicht gibt es hier bald einige Veränderungen.“
„Ohje“, seufzt Hexe tief, tritt auf den Gang hinaus und ruft: „Wolf, such die Wohnungsanzeigen aus der Zeitung!“
Derweil sitzt Jacob glücklich und konzentriert arbeitend an seinem Computer und vervollständigt den ersten Eintrag im Wörterbuch:
A
der edelste, ursprünglichste aller laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen. a hält die mitte zwischen i und u, in welche beide es geschwächt werden kann, welchen beiden vielfach es sich annähert.2
2 Jacob Grimm hält überhaupt nichts von der Regelung der Groß- und Kleinschreibung im Deutschen. Prof. Dr. Grimm schreibt bis auf Eigennamen alles klein.
+++ INTERNATIONAL: „Ich sehe keine Flüchtlinge! Ich sehe eine Invasion!“ + Europa muss Einwandererkontinent werden! +++ REGIONAL: Gemsburgs Oberbürgermeisterin Rita Werk: Die umsichtige Krisenmanagerin + Manfred Riederer (CFU) führt erste Umfragen zur Gemsburger Oberbürgermeisterwahl an +++ PANORAMA: Jenny Starrence über ihre neuen Brüste, ihren neuen Film und den Feminismus in Amerika +++
2.1 Freitag, 26. Juni
Sehr früh am Morgen, noch bevor die Zwillinge zur Schule müssen, sind sie zusammen mit Jacob und Wilhelm im Arbeitszimmer. Hänsel sitzt auf einem Stuhl neben Jacobs Schreibtisch. Jacob geht vor ihm auf und ab, während Wilhelm versucht, an seinem Computer zu arbeiten. Im Hintergrund fläzt Gretel auf dem Fensterbrett und ist in ihr Smartphone vertieft.
„Also, Hänsel, was sagst du, wenn du dich mit deinen Freunden verabreden möchtest?“, fragt Jacob.
„Ey, geh’ ma Stadt“, antwortet Hänsel.
„Nein“, verbessert Jacob. „Es heißt: ‚Liebe Freunde, habt ihr Lust, in die Stadt zu gehen?‘“
„Liebe Freunde, habt ihr Lust, in Stadt zu gehen“, wiederholt Hänsel unmotiviert.
„DIE Stadt.“
„Die Stadt.“
Jacob seufzt, fährt aber fort: „Und was sagst du, wenn du dort Hunger bekommst?“
„Geh ma Döner.“
„Nein, Hänsel!“
Wilhelm sieht auf seine Armbanduhr. Seit einer halben Stunde geht es so und die Frustration aller Beteiligten steigt.
Wilhelm: „Jacob will Hänsel auf eine Deutschklausur vorbereiten. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee war.“
„Es heißt: ‚Holen wir uns etwas von dem Döner-Restaurant‘“, verbessert Jacob.
„Holen wir uns etwas von das Döner-Restaurant“, wiederholt Hänsel.
„DEM Döner-Restaurant.“
„Aber es is DAS Restaurant.“
„Ja, aber –“
„Ach so“, unterbricht Hänsel ihn. „Weil DER Döner? Is dann DEM? Aber muss dann nich DES sein? Weil DER und DAS zusammen?“ Er grinst stolz wegen seiner Erleuchtung. Doch Jacob starrt Hänsel nur fassungslos an.
„Er versucht mitzudenken“, wirft Wilhelm beschwichtigend ein und sieht von seinem Computer auf.
„Das ist doch nicht mitdenken!“, wiegelt Jacob ab. „Das ist einfach falsch.“
„Weil du alles kompliziert machst!“, ruft Hänsel. „Verstehen mich doch alle.“
„ES verstehen dich doch alle“, verbessert Jacob automatisch.
„Boah, Jacob!“ Hänsel springt auf. „Artikeln sind einfach scheiße!“
„DIE ARTIKEL, Hänsel. Ohne n. Und außerdem ist es kein Artikel, sondern ein Pronomen. So wirst du deine Klausur nie bestehen.“
„Ich hab gut Inhalt!“
„Es ist egal, wie gut dein Inhalt ist, wenn du die Grundlagen der Sprache nicht beherrschst“, erklärt Jacob trocken. „Es geht um klare, verständliche Wörter, genaue Definitionen und formale Richtigkeit. Ohne die wird niemand deinen Inhalt verstehen.“
„Bruder, bitte“, sagt Wilhelm. „Du musst nicht so hart zu dem Jungen sein.“
„Streng macht nervös, weißt du“, stimmt Hänsel zu.
„Streng ZU SEIN, STEIGERT DIE Nervosität“, verbessert Jacob automatisch.
„Es is zu kompliziert!“ Hänsel vergräbt sein Gesicht in den Händen.
„Es ist so einfach, wie es sein kann, damit Menschen sich verstehen, ohne dass es problematisch wird oder zu Missverständnissen kommt.“
„Es gibt aber viele Missverständnisse“, gibt Wilhelm zu bedenken.
„Weil die Sprache nicht richtig gelernt wurde“, sagt Jacob.
„Oder weil die Menschen einfach Menschen sind“, widerspricht Wilhelm.
„Wieso sagst du so etwas, Bruder?“, fragt Jacob entgeistert.
„Damit die Kinder rechtzeitig in die Schule kommen“, antwortet Wilhelm. „Du vergisst die Zeit und unterrichtest Hänsel den ganzen Tag.“
„Von mir lernt er mehr als in der Schule“, erklärt Jacob herablassend.
„Nen Scheiß“, wirft Gretel von hinten ein, ohne von ihrem Handy aufzublicken.
„Wie bitte?“ Jacob blickt überrascht auf.
„Bei dir lernt er nich mehr als in der Schule“, beharrt Gretel. „Du machst alles zu kompliziert.“
„Genau!“, pflichtet Hänsel seiner Schwester bei.
„Vor allem für ihn“, fügt Gretel grinsend hinzu.
„Hey!“, beschwert sich Hänsel.
Jacob schüttelt den Kopf. „Die Sprache ist so einfach wie möglich, ohne verwirrend zu sein!“
„’S ging schon einfacher“, sagt Gretel und starrt weiterhin nur auf ihr Smartphone.
„Wie einfacher?“, fragt Hänsel hoffnungsvoll.
Wilhelm: „Mit Jacob zu arbeiten, ist nie leicht. Ich sollte das beenden, bevor es eskaliert.“
Wilhelm erhebt sich. „Jacob, die Kinder sollten jetzt wirklich los, sonst kommen sie zu spät zur Schule. Und Hänsel sollte vorher eigentlich noch die Tür saubermachen!“
Hänsel setzt eine Unschuldsmiene auf.
„Nein, zuerst muss ich Hänsel das beibringen“, insistiert Jacob. „Er ist eine Schande für die deutsche Sprache.“
Wilhelm und den Zwillingen entgleiten synchron die Gesichtszüge. Sie starren Jacob ungläubig an.
„Jacob?“, fragt Wilhelm. „Meinst du nicht, dass du übertreibst?“
Jacob schüttelt den Kopf. „Hör ihn dir doch an. Seine grausam verstümmelte Sprache. Gerade du müsstest doch wissen, wie viel man von mir lernen kann, Bruder. Und selbst du bist damit noch nicht fertig.“ Jacob bedenkt Wilhelm mit einem Blick, als wäre das Gesagte offensichtlich.
Wilhelm sieht ihn erst geschockt an, dann ändert sich etwas in seinem Blick. Ganz langsam dreht er sich Gretel zu.
Wilhelm: „Lassen wir es doch eskalieren! Soll er mal sehen, wie es ist, wenn er solche Sachen zu jemand anderem als mir sagt! Wenn jemand nicht so verständnisvoll ist! Wenn jemand widerspricht!“
„Wie könnte man die deutsche Sprache einfacher machen, Gretel?“, fragt er dann.
„Gar nicht.“ Jacob stöhnt. „Hörst du mir nicht zu, Bruder?“
„Hänsel braucht jede Hilfe, die er kriegen kann“, sagt Wilhelm kalt.
„Ich find euch alle doof!“, protestiert Hänsel.
„Sch!“, macht Wilhelm. „Also, Gretel?“
„Mit de“, sagt Gretel lapidar.
„De?“, fragt Jacob.
„De Haus, de Bank, de Stuhl, de Tisch, de Döner-Restaurant.“
Hänsels Gesicht leuchtet auf. „De Stadt, de Auto, de Hunger, de Lösung!“, ruft er.
„Nein!“, widerspricht Jacob vehement. „Hört auf!“
„Okay“, sagt Gretel und grinst Jacob an. Für einen Moment ist es still. Absolut still. Eine Stille, die ohrenbetäubend zwischen allen steht, während drei Augenpaare zu Jacob wandern und ihn herausfordernd anblicken.
Die Muskeln in seinem Nacken spannen sich an, eine Ader tritt auf seiner Stirn hervor. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde er sich beherrschen können. Doch dann bricht es aus ihm heraus: „Benutze deutsche Wörter!“
Sofort ist Gretel auf den Beinen. „De Anglizismen, de Sprache, de Genauigkeit.“
„De Nudeln, de Nachos, de Veggie-Burger“, fährt Hänsel fort.
„Hört auf!“, befiehlt Jacob machtlos.
„De Schule, de Lernen, de Bildung“.
„De Fahitas, de Bouillon, de Ziegenkäse-Döner“, macht Hänsel weiter.
„Wilhelm!“, ruft Jacob nach Rettung.
Doch Wilhelm zuckt nur mit den Schultern und meint: „Wir sollten sie in die Schule gehen lassen.“
Wütend wendet Jacob sich den Zwillingen zu. „Unterschätzt diese Wissenschaft nicht!“, beginnt er. „Eine Sprache definiert ein Volk und durch die komplette Durchleuchtung und das Verständlichmachen der deutschen Sprache für das ganze Land, wird diese Nation neu definiert werden! Von daher erfordert Sprache größte Konzentration und Genauigkeit und es kann nicht immer auf die persönlichen Gefühle des Einzelnen Rücksicht genommen werden.“
„De Rücksicht“, sagt Gretel teilnahmslos.
Wilhelm bedeutet ihr mit einem Kopfschütteln, dass es genug ist. Also verlassen die Zwillinge das Arbeitszimmer.
Jacob ist immer noch zutiefst verärgert. „Ich verstehe nicht, wieso du das zugelassen hast!“, faucht er seinen Bruder an.
Wilhelm: „Jacob ist so ein schlauer Mann, sicherlich einer der schlausten des Landes. Leider gibt es trotzdem viele Dinge, die er nicht versteht.“
„Bruder, setz dich doch“, sagt Wilhelm mit ruhiger Stimme und nimmt wieder an seinem Schreibtisch Platz. Jacob setzt sich gegenüber, mit strafendem Blick.
Wilhelm atmet tief durch. „Wir müssen etwas besprechen.“
2.2 Eine eigenständige Entscheidung
Wolf liegt auf der Küchenanrichte in der Mitte des Raums auf dem Rücken und starrt an die Decke, während seine Arme und Beine herunter baumeln. Alles glänzt um ihn herum wie neu, weil er alles ordentlich geschrubbt hat. Aus seinem Mundwinkel hängt eine Karotte, an der er nagt.
„Du bist spät“, sagt er zu Hexe, als sie hereinkommt.
„Jaja“, antwortet Hexe und zieht einen Stuhl heran. „Fangen wir an.“
Wolf: „Die Therapie mit Hexe hilft mir sehr. Ich will ja für die Menschen um mich herum keine Bedrohung sein. Weil ich doch auf einer Kannibaleninsel aufgewachsen bin. Bis ich vierzehn war. Dann bin ich geflohen und über Afrika nach Deutschland gekommen. Ich wollte eben keine Menschen mehr essen. Nur überkommen mich immer wieder diese Anfälle, in denen ich den Verstand verliere und Menschenfleisch brauche. Das kann durch alles Mögliche ausgelöst werden. Großen Stress, zu viel Hunger oder wenn ich wütend werde oder Fleisch esse. Jede Art von Fleisch. Also bin ich Veganer geworden und mache bei Hexe eine Therapie.“ Für einen Moment hält er inne, dann zuckt er mit den Schultern. „Ich denke, jeder hat so seine Probleme.“
„Also, wie lief das Training mit den Zwillingen?“, fragt Hexe, während sie sich einen kleinen Notizblock und einen Stift bereitlegt.
„Gut“, antwortet Wolf.
Hexe greift erneut in ihre Schürze, nimmt ein Stück Wurst heraus und legt es neben Wolf auf die Anrichte.
„Du bist eine böse Frau“, brummt er.
„Ich weiß“, sagt Hexe und grinst. „Bist du schwach geworden?“
„Kaum.“
Wolf: „Ja, die Zwillinge trainieren mit mir. Sie halten mir eine Wurst hin und locken mich und ich muss widerstehen. Dabei stoppen wir die Zeit.“
„Wie kaum?“, bohrt Hexe nach.
„Erst nach zwölf Minuten“, antwortet Wolf.
Wolf: „Die magische Grenze: zwölf Minuten. Ich habe es noch nie dreizehn Minuten geschafft. Einmal war ich nahe dran. Zwölf Minuten und vierundfünfzig Sekunden.“ Er schüttelt den Kopf. „Aber das sind keine dreizehn.“
Hexe seufzt tief. „Du und deine zwölf Minuten.“
„Ich versuche es ja“, meint Wolf.
„Aber?“, hakt sie nach und schreibt etwas auf ihren Block.
„Es ist schwierig, mit der Wurst.“
„In der Welt da draußen gibt es überall Würste.“
„Aber ich bin nicht in der Welt da draußen, ich bin hier drinnen.“
„Bald nicht mehr.“
Wolf sieht sie erschrocken an. „Wie meinst du das?“
„Ich meine, du solltest dir langsam einen Job suchen.“
„Was?“ Mit einem Mal setzt Wolf sich auf.
Wolf: „Bitte, bitte, bitte nicht!“
„Willst du mich verschaukeln?“, fragt er.
„Ganz im Gegenteil“, antwortet Hexe und kritzelt weiter.
„Ich kann da nicht raus!“, protestiert Wolf. „Ich kann der Wurst gerade mal zwölf Minuten widerstehen!“
„Niemand wird dich zwölf Minuten lang mit einer bedrängen“, sagt Hexe und winkt mit dem Notizblock ab. „Die Leute brauchen nicht einmal zwölf Minuten, um eine zu essen.“
„Es muss ja nicht mal eine Wurst sein!“, widerspricht Wolf immer heftiger. „Was, wenn mich einer provoziert? Zu sehr unter Stress setzt? Ohne Punkt und Komma zutextet? Du weißt, dass das alles schon mal gereicht hat.“
„Dafür trainieren wir doch.“
„Aber was, wenn ich trotzdem ausraste?“
„Raste einfach nicht aus.“
Wolf schnaubt frustriert. „Ein toller Rat!“
Da donnert plötzlich ein Schrei durch die Wohnung. Sowohl Wolf als auch Hexe blicken überrascht auf.
„Was passiert da?“, fragt Wolf etwas ängstlich.
„Ich glaube, da rastet einer aus“, meint Hexe und legt den Kopf schief.
„Wilhelm, du bist von Sinnen! Das kann nicht dein Ernst sein!“ Jacob schüttelt energisch den Kopf. In seiner Stimme schwingen zu gleichen Teilen Ungläubigkeit und Ekel mit.
„Jacob, bleib doch bitte vernünftig“, versucht Wilhelm seinen Bruder zu beruhigen. „Es musste doch irgendwann einmal soweit kommen.“
„Dass du nicht mehr mit mir arbeiten willst?“, ruft Jacob. „Bin ich so ein unangenehmer Mensch?“
„Ganz und gar nicht.“
Wilhelm: „Außer man muss mit ihm arbeiten …“
„Es ist nur so, dass ich einmal versuchen möchte, mein eigenes Projekt zu verfolgen“, erklärt Wilhelm ruhig.
„Wieso?“, fragt Jacob. „Unser Grundsatz lautet, dass die Arbeit des einen auch immer die Arbeit des anderen ist. So müssen wir nie getrennt sein.“
„Das stimmt, aber so –“, will Wilhelm antworten, wird jedoch unterbrochen.
„So würden wir getrennt arbeiten!“, beharrt Jacob.
„Immer noch in der gleichen Wohnung, dem gleichen Arbeitszimmer“, sagt Wilhelm. „Ich habe nicht vor, für mein Projekt umzuziehen.“
„Aber du willst mir nicht beim Wörterbuch helfen?“
„Nein, ich –“
„Oder das Märchenbuch fertig schreiben!“, unterbricht Jacob seinen Bruder.
„Das ist fast fertig, aber –“
„Schön, dann bringe ich es für dich zu Ende“, giftet Jacob. „Wie so oft.“
„Jacob, jetzt hör mir endlich zu!“ Auf seinen Stock gestützt wuchtet Wilhelm sich aus dem Schreibtischstuhl und geht in die Mitte des Zimmers. Jacob schüttelt nur geringschätzig den Kopf. Für den Moment bleibt er jedoch still.
„Selbstverständlich werde ich das Märchenbuch noch fertigstellen“, sagt Wilhelm.
„Ist das noch selbstverständlich?“, fragt Jacob.
„Ja.“ Wilhelm bemüht sich, ruhig zu bleiben. „Und dann werde ich mich auf dieses neue Projekt konzentrieren.“
„An dem du ohne mich arbeiten willst“, konstatiert Jacob.
„Nun, ich werde Hilfe nicht abweisen.“ Wilhelm zuckt mit den Schultern. „Nur ob du mit deinen Fähigkeiten für dieses Projekt geeignet bist, ist fraglich.“
„Wie bitte?“ Nun entgleiten Jacob die Gesichtszüge vor Überraschung. „Was ist das denn für ein Projekt?“
„Ich möchte Oberbürgermeister von Gemsburg werden.“
Stille.
Jacob scheint zu überlegen, ob er gerade richtig gehört hat oder seine Ohren sich einen Scherz mit ihm erlauben. Schließlich zieht er die Augenbrauen kritisch zusammen. „Du möchtest in die Politik gehen?“, fragt er vorsichtig nach.
„Ja“, bestätigt Wilhelm.
„Na gut“, seufzt Jacob, setzt sich an seinen Schreibtisch und beginnt zu arbeiten.
Etwas verloren steht Wilhelm in der Raummitte und blickt seinen Bruder verwirrt an. „Ich hatte nicht erwartet, dass du dem so einfach zustimmen würdest.“
„Doch, doch“, sagt Jacob abwesend und tippt weiter. „Sicher.“
„Ich dachte nicht, dass du Politik als wichtig empfindest.“
„Das tue ich auch nicht.“
„Wieso bist du dann so ruhig?“
Jacob sieht auf. „Wie viele Menschen kennen dich?“, fragt er. „Wie viele stimmen für dich? Vergnüge dich damit, und wenn du fertig bist, gehen wir wieder an die Arbeit.“
Wilhelms Mund klappt auf. Sehr weit. Doch dann schließt er ihn verärgert und geht zu seinem Schreibtisch. Er zieht einen zusammengehefteten Stapel Papier hervor und knallt ihn Jacob auf den Tisch.
„Das ist die Liste meiner Unterstützer, die ich heute im Rathaus abgebe, um damit offiziell zu kandidieren“, knurrt Wilhelm. „Es sind deutlich mehr Unterschriften als nötig.“
Jacob besieht sich das Papier. Seine Augen weiten sich. „Bruder …“, beginnt er, doch das Wort bleibt einsam in der Luft hängen.
„Jaja, Bruder“, zischt Wilhelm. „Weißt du, Jacob, mir war schon immer bewusst, dass du dich selbst für den Größten hältst und auf gewisse Weise hast du damit recht. Aber ich habe nie gewusst, wie gering du mich wertschätzt.“ Wilhelm ist ganz blass geworden und seine Lippen zittern. „So überragend deine Intelligenz auch sein mag“, spuckt er die Worte kreuz und quer über Jacobs Schreibtisch, „es würde dir nicht schaden, einmal über deinen Tellerrand hinaus zu sehen oder zumindest ein wenig davon mitzubekommen, was außerhalb dieses Zimmers vor sich geht. Falls du das überhaupt aushältst!“
Damit packt Wilhelm seine Liste, dreht sich um, geht erhobenen Hauptes zur Tür des Arbeitszimmers und knallt sie hinter sich ins Schloss.
Es dauert ein paar Minuten, bis die Tür zum Arbeitszimmer wieder auffliegt und Jacob heraustritt. Hastig geht er den Gang hinunter und stößt fast mit Rapunzel zusammen, die soeben die Wohnung betritt.
„Aufpassen!“, ruft Jacob. „Solltest du nicht an der Universität sein?“
„Nein, da sind alle gemein!“, schluchzt Rapunzel laut auf und läuft mit Tränen in den Augen ins Esszimmer.
Rapunzel: „Sonst sind immer alle voll nett! Außer Kassandra, die ist doof. Aber alle andern! Mit denen red ich und so. Und wir lachen. Aber heute sind alle gemein!“
Überrascht von dieser Reaktion bleibt Jacob stehen und starrt ihr hinterher. Dann besinnt er sich wieder auf sein Ziel und marschiert ebenfalls ins Esszimmer.
„Ist es wegen Kassandra?“, fragt Hexe gerade Rapunzel, als er eintritt.
Rapunzel nickt. „Weil ich die Challenge nicht geschafft hab“, murmelt sie. „Und jetzt lachen alle.“
Jacob will sie gerade zur deutschen Sprache ermahnen, als ein Blick von Hexe dies unterbindet.
„Wirklich alle …“, murmelt Rapunzel und Hexe nimmt sie in den Arm.
Hexe: „Ja, sie wurde noch nie ausgelacht.“ Sie schüttelt den Kopf. „Es ist immer schwierig, wenn Rapunzel alltägliche Erfahrungen normaler Menschen machen muss …“
Ohne auf Rapunzels Leid einzugehen, fragt Jacob: „Wo ist Wilhelm?“
„War der nicht gerade bei dir?“, rätselt Hexe und reicht Rapunzel ein Taschentuch.
„Ich bin hier“, sagt Wilhelm, als er aus der Küche kommt. Er hat immer noch seine Liste unter dem Arm. Sein Blick ist hart, als er Jacob trifft, weicht jedoch auf beim Anblick Rapunzels. „Rapunzel, was ist denn passiert?“, fragt er.
„Sie wurde an der Uni verspottet“, erklärt Hexe. „Wegen der vermasselten Herausforderung.“
Wilhelm bedenkt Jacob mit einem strafenden Blick. „Siehst du, du solltest auch die Welt außerhalb deines Arbeitszimmers beachten“, ermahnt Wilhelm.
„Einverstanden, Bruder, ich werde mich diesbezüglich bessern“, sagt Jacob und überrascht Wilhelm mit dieser Einsicht. „Können wir jetzt wieder normal an die Arbeit gehen?“
„Nein“, erwidert Wilhelm. „Du nimmst mich immer noch nicht ernst!“
„Natürlich nehme ich dich ernst!“, ruft Jacob. „Du bist mein Bruder!“
„Du nimmst mich nicht ernst, wenn wir zusammenarbeiten.“
„Doch natürlich. Wenn ich dich nicht ernst nehmen würde, würde ich dir deine Fehler nicht aufzeigen, sondern alles selbst erledigen.“
„Du machst quasi alles selbst.“
„Weil du oft sehr langsam arbeitest.“
„Weil du unmenschlich schnell arbeitest!“, entgegnet Wilhelm.
„Bitte, Wilhelm!“, fleht Jacob nun fast. „Du weißt doch, dass du mir der liebste und wichtigste Mensch auf der Welt bist!“
„Und du mir auch“, meint Wilhelm. „Genau deshalb brauche ich meine eigene Aufgabe. Damit es so bleiben kann.“
„Aber doch nicht als Politiker!“, protestiert Jacob. „Du bist Sprachwissenschaftler wie ich. Du bist Hilfsautor aller meiner – unserer Werke!“
Wilhelm schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid, Jacob. Aber ich möchte nicht der Hilfsautor sein. Ich möchte etwas Eigenes auf die Beine stellen.“
„Du möchtest Bürgermeister werden“, brummt Jacob.
„Oberbürgermeister, um genau zu sein“, verbessert Wilhelm.
„Was war das?“, fragt Hexe, und auch Rapunzel blickt die Brüder verwirrt aus roten Augen an.
„Entschuldige, Hexe, ich wollte es geheim halten, bis es wirklich offiziell ist“, erklärt Wilhelm. „Aber ich werde für den Posten des Gemsburger Oberbürgermeisters kandidieren.“
„Das ist wunderbar“, sagt Hexe und nickt anerkennend.
„Danke.“ Wilhelm lächelt.
„Das ist überhaupt nicht wunderbar“, zischt Jacob. „Aber mach nur. Wenn deine Kandidatur genauso schlampig ist, wie die Arbeit am Märchenbuch – das ist übrigens ein Projekt, bei dem du Hauptautor bist – dann ist der Wahlkampf ja bald vorbei und wir können wieder zusammenarbeiten.“ Die offene Feindseligkeit im Raum macht Rapunzel Angst, also versteckt sie sich hinter Hexe.
„Es tut mir sehr leid, dass du so denkst, Bruder“, antwortet Wilhelm kontrolliert. „Ich hatte gehofft, du würdest mich unterstützen, so wie ich dich immer unterstützt habe.“
„Nun, wie du sagst, den Großteil der Arbeit habe ich allein gemacht“, sagt Jacob trotzig.
Wilhelm sieht ihn nur an. Schließlich wendet er sich zum Gehen um. „Ich muss die Liste abgeben“, murmelt er und geht hinaus auf den Flur.
Jacob folgt ihm. Auch Hexe will sehen, was nun passiert. Rapunzel ist auch neugierig, aber bleibt in der Tür zum Esszimmer auf Sicherheitsabstand.
„Läufst du jetzt vor mir davon?“, ruft Jacob seinem Bruder hinterher.
„Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll!“, antwortet Wilhelm gereizt. Gerade als er seine Hand auf die Türklinke legt, klingelt es. Hexe runzelt die Stirn.
Hexe: „Normalerweise weiß ich, wenn wir Besuch bekommen.“
Wilhelm reißt die Tür auf. Draußen stehen drei Personen, zwei Männer und eine Frau. Um sie herum liegt ein Haufen Reisetaschen.
„Sind wir hier bei Grimm?“, fragt einer von ihnen.
„Siehst du, Jacob, du bist mir nicht egal!“, ruft Wilhelm. „Ich hab dir sogar Unterstützer gesucht, die dir bei dem Wörterbuch helfen können! Aber du … du … Kümmer du dich um sie!“ Er wendet sich noch mal an Hexe. „Sie brauchen ein Zimmer, weil ihre Bezahlung hauptsächlich darin besteht, dass sie jetzt hier wohnen!“
„Was?“, fragt Hexe verdattert.
