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Georg will wissen, wer er ist. Er will wissen, wer sein Vater ist. Helfen soll ihm dabei sein Therapeut Dr. Berg. Gemeinsam entdecken Arzt und Patient, dass es Georgs Vater nach einer abenteuerlichen Flucht aus der Sowjetarmee nach Brasilien verschlagen hat, wo er Georg, den "Gringo", zeugt. Sich nirgendwo heimisch fühlend, wird das Leben Georgs recht bald zu einer Odyssee zwischen Brasilien und Europa. Ob als Drogenschmuggler in der Karibik, Barbesitzer in Hamburg oder Philosophiestudent in Münster: der Gringo schlägt nirgendwo Wurzeln. Alt geworden und ohne jede Hoffnung in seiner maroden Jacht wohnend, sinniert "Gringo" über sein Leben. In dieser Lage begegnet ihm die Filmstudentin Simone.
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Seitenzahl: 481
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Inhalt: Georg will wissen, wer er ist. Er will wissen, wer sein Vater ist. Helfen soll ihm dabei sein Therapeut Dr. Berg. Gemeinsam entdecken Arzt und Patient, dass es Georgs Vater nach einer abenteuerlichen Flucht aus der Sowjetarmee nach Brasilien verschlagen hat, wo er Georg, den „Gringo“, zeugt. Sich nirgendwo heimisch fühlend, wird das Leben Georgs recht bald zu einer Odyssee zwischen Brasilien und Europa. Ob als Drogenschmuggler in der Karibik, Barbesitzer in Hamburg oder als Philosophiestudent in Münster: Der „Gringo“ schlägt nirgendwo Wurzeln. Alt geworden und ohne jede Hoffnung in seiner maroden Jacht wohnend, sinniert „Gringo“ über sein Leben. In dieser Lage begegnet ihm die Filmstudentin Simone.
F.J. Brüseke, geb. 1954 in Hamm/Westfalen, war seit 1987 Professor für Soziologie an verschiedenen Universitäten Brasiliens. Lebt heute mit seiner deutsch-brasilianischen Familie in Florianópolis. Autor mehrerer Romane, darunter „Zeus und Goldenberg“ (Dittrich Verlag, 2021) und verschiedener Sachbücher über Entwicklungsfragen und Techniksoziologie.
Erster Teil
Der verlorene Vater
Zweiter Teil
Der verlorene Sohn
Dr. Berg, Allgemeinmediziner und Psychotherapeut, sitzt zurückgelehnt in dem schwarzledernen Liegesessel, der normalerweise seinen Patienten vorbehalten ist. Er ist ratlos. Schon zehn Mal war dieser Georg zu einer therapeutischen Sitzung erschienen, hatte einen kaum zu stoppenden Monolog gehalten und war genauso verschwunden, wie er gekommen war: pünktlich.
Er wird aus diesem Patienten nicht schlau. Was ist sein Problem? Bis jetzt hat er keine ihm aus seiner jahrzehntelangen Praxis bekannte Pathologie entdecken können. Hat er etwas übersehen? Er weiß es nicht. Bevor er die Therapie ergebnislos abbrechen muss, will er noch einmal einen Blick in die Sitzungsprotokolle werfen, die seine Assistentin nach den Tonbandaufnahmen angefertigt hat, denn auch dieses Mal hat er seinen Patienten um Erlaubnis gebeten, die Sitzung aufzeichnen zu dürfen. Dr. Berg rafft den auf seiner Brust liegenden Stapel loser Blätter zusammen und beginnt zu lesen.
Da reden sie in der Dritten Welt von Europa, als ob es das gäbe. Wo denn? Oder besser: seit wann? Noch nicht mal die Römer hatten eine Idee davon, die kannten nur das Mare Nostrum, unser Meer, später dann Mittelmeer, weil es in der Mitte liegt. Von Europa? Nein, in der Mitte des römischen Reiches. Das ging ja damals bis nach Bethlehem. Pontius Pilatus, den jedes Christenkind kennt, war ein römischer Beamter, wie er im Buche steht. Und dann ganz Nordafrika, alles unter römischer Verwaltung. War das Europa? Nein, sagen Sie. Aber was war es dann? Sie sagen, das war der Westen, der Okzident, das Abendland. Und dann schön kombiniert als abendländische Zivilisation, wie man uns immer erzählt hat, aber das Stück Afrika haben wir vergessen. Warum? Und Bethlehem, wo die Wiege stand, war wo? In Kleinasien sagen Sie. Und warum sagen andere, die Wiege der abendländischen Zivilisation steht in Griechenland? Das war früher? Vierhundert Jahre vorher? Und Rom? Sieben, fünf, drei, Rom kroch aus dem Ei. Da stand wohl noch früher eine Wiege. Drei Wiegen haben wir jetzt schon. Rom, Athen und Bethlehem. Wenn wir etwas stochern, finden wir vielleicht noch eine oder zwei, wer weiß.
Mit den Gringos taten sie sich ja schwer, die Römer. Die konnten nicht richtig sprechen. Die sagten immer: „barbara, barbara“, deshalb nannte man sie Barbaren. Die waren grob, man musste sie erziehen, umerziehen. Wie Hermann, den Cheruskerfürst, der erst mal einen anständigen Namen bekam: Arminius. Den konnte man jetzt deklinieren. Wessen Schwert ist das? Antwort: Arminii. Das war doch etwas anderes, viel logischer als dieses germanische Gebrabbel. Ist natürlich immer ein Risiko, wenn man Leuten von außerhalb Lesen und Schreiben beibringt. Und dann noch eine Ausbildung als Offizier? Reiner Selbstmord. Varus hat ihn dann tatsächlich begangen, nachdem Arminius, jetzt wieder Hermann, seine Legionen in die Wüste geschickt hat, will sagen in die teutonischen Urwälder. Von da an wussten selbst gallische Deppen wie Obelix, dass die Römer spinnen. Barbaren römische Kriegstechnik beibringen, hat man so etwas schon gehört? Kein Wunder, dass das ganze römische Reich nicht länger hielt als tausend Jahre. Sie meinen, das hätte nicht daran gelegen? Mag sein, mag sein. Vielleicht hat es ja auch an den Christen gelegen, die sich überall im römischen Reich breitgemacht haben und den Leuten einredeten, dass alle Menschen gleich sind. Wie konnten die Römer so etwas nur erlauben? Gut, in der ersten Zeit haben sie die Christen verfolgt, aber was ist dabei rausgekommen? Gar nichts. Die Päpste haben Rom übernommen wie die Bolschewiki den Kreml. Dasselbe Muster: vom Rand her das ganze System aufrollen und sich dann im Zentrum festsetzen.
Von da an ist das Abendland weggedriftet. Weg von Nordafrika, weg von Kleinasien ging es jetzt Richtung Norden. Aber irgendwie hat es nicht richtig funktioniert. Gut, Gallien war ja ein Kinderspiel, sozusagen das Startup von Caesar. Der hat die frühen Franzosen so zusammengehauen, dass die sogar ihre eigene Sprache an den Nagel gehängt haben und bis heute einen lateinischen Dialekt sprechen. Spanier und Portugiesen ebenfalls.
Aber nach der Dresche, die die Römer von Hermann und seinen Verwandten im Teutoburger Wald erhalten haben, war Schluss mit lustig. Sie meinen, es wäre im Osnabrücker Land bei Kalkriese gewesen? Auch gut, jedenfalls ist die römische Zivilisation nie über den Rhein gekommen. Das merkt man schon in Köln, wo noch gelacht wird. Aber kommen Sie mal ins Münsterland, wo die Leute erst einen Sack Salz miteinander essen müssen, ehe sie Freundschaft schließen. Wahrscheinlich ein altes Misstrauen gegen römische Eindringlinge.
Ist schon toll, wie die Germanen die damalige Dritte Welt gegen die abendländische Zivilisation verteidigt haben. Die christlichen Missionare mussten so manchen heiligen Baum fällen, bis denen endlich ein Licht aufging. Man staune, noch 725 beteten die der römischen Zivilisierung nur knapp entgangenen Germanen bei Fritzlar in Nordhessen die Donar-Eiche an, mutig gefällt von Bonifatius, dem Gutes-Tuer. Der Gott des Donners ließ seinen dröhnenden Hammer von nun an in anderen Gefilden herniedersausen, man hört ihn bisweilen heute noch in Afrika und in einigen Gegenden Asiens und Lateinamerikas. Aber in Hessen war Schluss damit und die paar Hexen, die bis heute noch Germanien unsicher machen, wollen wir mal als Fußnote betrachten, die nicht der Rede wert ist. Was, sagen Sie, Ihre Frau ist da anderer Meinung? Dann bringen Sie ihr bitte schonend bei, dass Germanien schlussendlich voll christianisiert, will sagen, zivilisiert worden ist und sogar seit der Aufklärung eine führende Rolle in Wissenschaft und Technik übernommen hat. Donner ist auch hier als atmosphärisches Phänomen erkannt und keiner zweifelt mehr daran, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Vor dem Gesetz, meinen Sie. Ja natürlich, kleine Ausrutscher können nun mal vorkommen, zumal heute Donnerstag ist.
Sie fragen, was das alles mit den Gringos zu tun hat? Jetzt haut es mich aber um. Man nennt uns doch so, also sind wir es. Und wer wir sind, können nur wir wissen, das ist doch logisch. Die nennen uns zwar so, aber wissen nicht, wer wir sind. Im Grunde, meine ich. Das braucht also eine Erklärung, sowohl für die als auch für uns selbst. Oder wollen Sie ein Gringo sein, der nicht weiß, was ein Gringo ist? Ich jedenfalls nicht. Deshalb bin ich auch ganz unten angefangen, mit der Wiege und dem Mittelmeer. Sie hat noch nie jemand Gringo genannt? Na, dann kommen Sie mal hierher, das hören Sie schneller, als Ihnen lieb ist. Und dabei dieses Lächeln, als ob ein Gringo was Minderwertiges wäre. So was soll man nicht auf sich sitzen lassen, sage ich Ihnen, das geht einem quer runter und bleibt irgendwo stecken. Hinterher hat man Komplexe oder Schlimmeres. Meistens meinen die ja, man hat Geld, das flößt wenigstens etwas Respekt ein. Aber wenn man keins hat, Geld meine ich, was dann? Ohne Geld ist ein Gringo aufgeschmissen. Sogar die Taschendiebe werden wütend, wenn sie bei dir nichts finden. Weil das ja das Mindeste ist, was man von einem Gringo erwartet, dass er Geld hat. Und wenn die wütend werden, geht es richtig zur Sache. Vielleicht wollten sie mit der Pistole nur in deinem Gesicht herumfuchteln, dir Angst machen, damit du schnell alles rausrückst, das Geld meine ich. Aber wenn du keins hast, dann drücken die schon mal ab, so ärgern die sich. Und dann liegt man da und stirbt und alle stehen um einen herum. Wenn jemand fragt, wie heißt der denn? Wer ist das denn? Dann sagt einer, und es ist das letzte Wort, was du hörst: ein Gringo. Und du willst nicht wissen, was ein Gringo ist?
Der Gringo übertreibt, er treibt über. Er ist keine Brücke, er sucht einen Weg. Weit weg ist sein Ziel, eine Übertreibung. Übersee, wäre seine Heimat, wenn er denn bliebe. Seine Bleibe treibt darüber hinaus. Über den See hinaus, ohne zu wissen, ob Land kommt oder Meer in Sicht ist. Meer in Sicht! Mehr. Der Gringo ist unersättlich. Gäbe es ein Überland, er ginge hin. Aber das Land endet. Finisterra, Landsend, Schluss. Es ist das Meer, was das Land beendet, einkreist. Was kommt nach dem Meer? Was ist der Horizont? Wandert er, verschiebt er sich? Was kommt danach? Richtung Süden wird es Tag für Tag heißer, brennender. Die Hölle, ist sie vielleicht unter uns? Und wenn sie vor uns ist? Ein Abgrund, der uns plötzlich verschlingt. Die Mannschaft stöhnt. Sie flehen ihn an, umzukehren. Sie schreien, sie beten laut. Dem Gringo krampft sich das Herz. Umkehren, zurück dahin, woher er gekommen ist. Lieber verbrennt er in der Hölle. Fahrt zur Hölle! Schreit er sie an. Er ist bereit, zu töten für diese Höllenfahrt nach Übersee. Wenn die Hölle so nah ist, kann das Paradies nicht weit sein. Alle Mann in die Wanten! Großsegel hissen! Volle Fahrt voraus mit dieser heißen Brise, die uns ein Engel der Vorsehung schickt. Oder der Teufel. Fahrt voraus, nach weit weg, zu einem Ort, der nicht existiert. Warum ist es immer ein Boot, das uns zur Hölle fährt? Eines dieser flachen Schnellboote, speziell für Küstengewässer, gut auch für Flüsse geeignet, wie den Mekong, zum Stromaufwärtsfahren. Drei, vier Mann reichen. Einer am Motor, einer vorne wegen der Sandbänke, einer am aufgebockten MG. Und wir auf einer Munitionskiste, neben dem Steuermann, da ist es sicherer, meinen wir, weil das Boot tiefer liegt. Aber es ist nur ein Gefühl. Wenn es das Boot erwischt, sie haben diese leichten Raketen, aber eine Salve mit dem MG reicht schon, in die Bootswand dicht über dem Wasser oder in den Motor. Es ist nur ein Gefühl, dass du neben dem Steuermann sicherer bist. Wenn einer Richtung Hölle will, im Boot fahren alle zur Hölle. Warum ist es immer ein Schiff, das dorthin fährt? Und immer stromaufwärts, niemals abwärts, Richtung Meer, das weitet und öffnet den Strom für den Horizont. Aufwärts wird der Kongo enger, auch flacher. Das spannt an, da kommt das Ufer näher. Jetzt hört man Rufen, manchmal auch Trommeln. Das windet sich, das fühlt man im Gedärm, das macht Angst. In der engen Schleife Richtung Steuerbord ist es tiefer, das weiß der Steuermann. Das weiß auch die Gefahr im Busch, die durchs Gebüsch läuft und lacht. Wenn es denn Lachen wäre, nein, es ist Kichern, hundertfaches Gekicher. Und es klatscht auf das Wasser. Sind es Steine, Beile, Speere? Über dem Mekong gehen die Leuchtkugeln hoch. So trifft man besser, die Gringos, wenn sie denn kommen. Doch die fahren zur Hölle, die trifft man nicht, so schnell sind sie vorbei. Wer zur Hölle will, den hält keiner auf, nicht der Tod, nicht der Vietkong. Selbst der hat Angst. Dann hinter der nächsten Biegung kein Leuchten mehr oder Schießen. Da wartet etwas. Ist es ein Tor, ein Abgrund? Sind wir der Qualen ledig? Oder lassen wir besser alle Hoffnung fahren? Warum ist es immer ein Schiff, das bis zum Eingang der Hölle fährt? Ein langsames Schiff, weil stromauf, ein Schiff, das keine Chance hat nahe am Ufer bei Nacht. Da kann man noch so in den Busch schießen, das macht nur Wut, das verletzt, das kichert nicht mehr, das heult jetzt und man weiß, dass es kein Verzeihen mehr gibt, keine Versöhnung. Da öffnet sich die Biegung und das Schiff hat Wasser unterm Kiel in der Mitte, weiter weg von den Speeren und dem Getrappel am Ufer. Noch eine Salve, nur zum Triumph, nutzlos und Patronen vergeudend. Aber es schreckt ab, so denken wir. Wenn es denn stimmt. Wie kann jemand nur an Politik denken auf so einem Schiff? Wer sieht denn Sinn in so einem Boot? Es ist Einsamkeit und noch etwas anderes, das kennen wir nicht, es sind immer nur Männer, warum? Man muss Talent haben für solche Fahrten. Vielleicht auch Mut. Sicherlich Neugier. Man muss Verzweiflung mögen. Ist der Tod ein Gevatter? Ein Bruder? Ein Mann? Ein Horror. Ein Horror, gewiss.
Jeder Kontinent hat sein eigenes Tor zum Hades. Es ist immer ein Fluss. Manchmal so riesig breit und so lang, dass du nicht weißt, ob du aufoder ab-, hin- oder herfährst. Auf dem Amazonas ist es das Kreisen, dass dich zur Hölle bringt. Manchmal fließt das Wasser von oben nach unten, statt von hinten nach vorne. Die Wolken brechen über dir zusammen und du musst sehen, dass das Wasser dich nicht in die Tiefe reißt. Immer noch besser um den saugenden Schlund kreisen, als nach unten zu gehen mit Mann und den Ratten, die auf den Proviantsäcken sitzen und auch nicht wissen wohin. Ist es der Zorn Gottes, der das hilflose Floß des Aguirre in die Irre führt? Ist das steuerlose Kreisen im Strom sein Wille? Oder weiß er selber nicht, wohin mit dir und den Seinen, so nah am Tor der Hölle. Mitten im Paradies. Erst sollte es golden sein wie El Dorado, dann grün wie die Lunge der Welt. Jetzt ausgeplündert, ausgelaugt ist Amazonien, eine der letzten Grenzen der Welt, nur mit Sibirien vergleichbar oder Alaska, die letzte Zuflucht vor Logos und kaltem Kalkül. Das weiß der Gringo, der hierher verschlagen. Nicht er hatte die Idee, er ist nur der Täter, einer von vielen. Jetzt kreist er um das Nichts ohne Richtung, gestützt auf sein Schwert. Warum wirft er den unnützen Panzer nicht fort und schwimmt an das Ufer? Warum verlässt er nicht das Floß, bevor die Ratten es wissen? Ein Bann scheint ihn zu fesseln, dort wo kein Halt ist, nur Kreisen. Nur Kreisen.
Sind es die Tropen oder ist es der Fluss, der den Gringos das Fürchten lehrt? Vielleicht nur diese drei: Mekong, Amazonas und Kongo. Denn nichts Ähnliches wissen wir vom Ganges, Nil oder Gelben Fluss, die große Reiche durchfließen, gesäumt von Pyramiden, Tempeln und Äckern. Oder liegt es an uns, dass wir vieles nicht wissen? Es gibt Flüsse, die liegen quer zu den wandernden Massen und Heeren, bilden Barrieren, trennen, verbinden nicht. Was ist der Rhein, wenn nicht jahrtausendelang eine Sperre mit Türmen bewehrt, die wachen nach Osten und Westen. Die Römer schon fanden es besser, sich hinter ihm zu verschanzen. Der Limes im Süden war nötig, weil ohne Schutz eines Flusses. Im Norden waren die Militärkolonien linksrheinisch wie Köln oder Xanten. Später begleitet die Maginot-Linie einen großen Teil seines Bettes, gesäumt von Hängen mit Reben. Im Kalten Krieg war der Rhein die erste Chance, die russischen Panzer zu stoppen. Westdeutschland war als Schlachtfeld erkoren und freigegeben für nukleare Granaten gegen die rollenden Panzer. Warum ist es am Rhein so schön, sangen tapfer die Winzer und die lieblichen Mädchen waren so lustig und die Burschen so durstig. Dann weiter im Osten die Oder und Neiße, auch quere Flüsse, nicht breit, aber klare Grenze zwischen dem nach Westen verschobenen Polen und Deutschland, dem gebliebenen Rest in zwei Stücken. Oder und Neiße, zwei Flüsse, die trennten, obwohl heute pragmatisch vernarbt im Vergessen. Das muss man vergessen und an anderes wird man erinnert, an nicht enden wollenden traurigen Tagen, die sich jedes Jahr wiederholen. Damals stürmten die Panzer über das weite Feld fast bis Moskau. Weiter unten im Süden blieben sie stecken, an einem anderen Fluss, der quer lag zu den von Westen anstürmenden Horden: die Wolga. Stalingrad kennen alle, bis auf die Jungen, aber die Wolga? Die Wolga hat einen Strand, an dem steht ein Soldat. Aber nicht lange währte sein Lied voller Sehnsucht nach irgendwas in der Ferne. Hundertausende bissen ins gefrorene Gras, Russen und Deutsche. Dann kamen wieder Schiffe die Wolga hoch, beladen mit allem, was Moskau brauchte, um die Feinde zu treiben hinter Oder und Neiße. Nie kam jemand über sie hinaus, die Wolga. Weder Napoleon noch der Letzte, der es versuchte. Nur die Russen selbst. Bis nach Wladiwostok und an den Ussuri, das war ein anderer Fluss, der begrenzte nach China hin. Obwohl viele Flüsse so das Schicksal bestimmten von Vielen, sich mit Blut färbten der getöteten Männer und nicht vergessen sind bis heute, führen wenige direkt in das finstere Herz, das stromaufwärts schlägt in der Brust der Barbaren.
Einmal ist es das Herz des Himmels und einmal das der Finsternis, doch schlägt es in derselben Brust. Paradies und Hölle, so nahe beieinander. Schatten und Licht, zwei Brüder, die verschiedener nicht sein können, die aber nicht voneinander lassen. Das Herz würde brechen. Das Herz des Menschen, das Herz des zivilisierten Barbaren. Schwierig das Wissen darum. Deshalb haben sie es in der Fantasie gespalten. Eins haben sie nach ganz unten verbannt, hinten, an das Ende des finsteren Flusses. Das andere nach oben, in den Himmel erhoben, weit weg. Eins dunkel, das andere hell. Eins den Göttern gewidmet, das andere den Teufeln. Sie bleiben nicht da die Götter, im Himmel. Sie lieben uns nicht. Deshalb machen wir ihnen Geschenke, opfern wir, was uns teuer ist. Wenn nicht, steigen sie herab und verbünden sich mit den Teufeln. Schleudern Blitze und trocknen das Land aus. Sie verlangen nach schlagenden Herzen und spritzendem Blut. Das sagen die Priester.
Grausam sind nicht wir. Grausam ist die Sonne, die dörrt das Land schon im fünften Jahr. Grausam ist dieser Gott, der nach Blut verlangt und uns blendet, wenn wir die Hände erheben und ihn um Wasser bitten. Viele schon sind verhungert, verdurstet, versiecht. Geben wir ihm also, was er verlangt. Frische, noch schlagende Herzen. Grausam ist der Gott, wenn er dem Himmel verbietet zu regnen. Grausam sind nicht wir, wenn wir dem Allmächtigen gehorchen. Das Herz des Himmels ist uns so fremd und so nah, wie das Herz der Finsternis. Wir verstehen uns nicht.
Die Spanier sind natürlich ein Völkchen für sich, durchaus nicht typisch. Die Portugiesen, ihre Nachbarn, waren da schon ganz anders. Warum? Wie soll ich das wissen! Vielleicht hatten sie mehr Kontakt mit den Mohren oder den Mauren, was weiß ich. Ob das dasselbe ist, Mohren und Mauren? Vielleicht, vielleicht auch nicht, gucken Sie doch mal selber nach. Auf jeden Fall waren die umgänglicher und nicht so rabiat im Umgang mit den Wilden. Oder soll ich lieber Heiden sagen? Was soll’s?
Man fragt sich manchmal, wer eigentlich wen entdeckt hat. Denn eigentlich war die Welt ja bekannt, bevor die Gringos kamen. Die Afrikaner kannten Afrika, die Chinesen Asien, die Inkas die Anden, die Azteken Mexiko und die Eskimos Grönland. Ob sie schon am Nordpol waren? Kann sein, aber wer nicht das filmt, was er macht, oder wenigstens aufschreibt, der kann es gleich sein lassen. Es zählt ja nur das, was die anderen von dir wissen. Natürlich müssen sie dir glauben. Den Wikingern, zum Beispiel, glaubt kaum einer. Sie glauben ihnen? Na schön. Aber hat es einer dokumentiert, schwarz auf weiß, meine ich. Das kann ja jeder sagen: Ich war in Amerika! Und wenn sie da waren, nehmen wir es ruhig mal an, wussten die denn, wo sie waren? Die waren vielleicht da und wussten gar nicht, dass sie da waren. Das zählt ja nicht. Also, nur um mal ein Beispiel zu nennen, die Portugiesen haben einen gewissen Cadamosto aus Venedig mit auf eine ihrer Erkundungsreisen genommen, immer die westafrikanische Küste lang. Die hatten vielleicht eine Angst vor dem offenen Meer! Die meisten der Matrosen konnten ja auch nicht schwimmen, unglaublich. Also, die Portugiesen schickten diesen Cadamosto an Land, um zu sehen, wie die Neger reagierten, ein Test sozusagen. Neger darf ich nicht sagen? Er hat aber in seinen Bericht geschrieben: Neger. Also, die Neger… Was haben Sie denn, Neger heißt schwarz und warum soll man nicht schwarz sagen, wenn sie nun mal schwarz ist, die Haut. Also, die Neger waren ganz aus dem Häuschen als Cadamosto vorsichtig an den Strand watete. Er sah natürlich auch komisch aus, in seinem Wams aus schwarzem Damast und darüber ein kurzer Mantel aus grauer Wolle und das bei dieser Hitze! Aber das Merkwürdigste war natürlich seine Farbe, nicht einmal eine Leiche war so bleich, eine Negerleiche, meine ich. Sie rieben seine Haut, um zu sehen, ob er sich weiß angemalt hatte. Selbst mit Spucke ging die weiße Farbe nicht ab. Da war das Gelächter groß. Wie konnte man nur so am Strand herumlaufen, weiß und in diesen Klamotten? Cadamosto war auf jeden Fall erleichtert und schrieb alles auf, als er unbeschadet wieder an Bord kam. Am Strand lachten sie noch Tage nach diesem historischen Ereignis: Sie hatten einen Weißen entdeckt, der Schwarze entdeckt hatte. Brüllkomisch!
Wie Sie sehen, wissen wir nur davon, weil Cadamosto ein Tagebuch geführt hat und die Portugiesen Angst hatten, selber an Land zu gehen. Wenn einer an Land gegangen wäre, der nicht schreiben konnte? Bis heute wüssten wir nichts von dieser denkwürdigen Begebenheit. Genau deshalb, weil sie nicht schreiben konnten, haben die im Senegal bis heute keinen blassen Schimmer davon, dass ja sie es waren, die die ersten Weißen entdeckt haben, welche meinten, Afrika entdeckt zu haben. Und das nur, weil sie gelacht haben, statt alles aufzuschreiben. Das sage ich Ihnen, wer zu viel lacht, der kommt nicht weit. Es gibt mündliche Überlieferung, sagen Sie? Die gibt es, sicherlich. Aber erzählen Sie mal fünfhundert Jahre den gleichen Witz. Das geht in die Backenmuskeln, nutzt sich ab und irgendwann lacht keiner mehr.
So einer wie Cadamosto war eigentlich selten auf dem Schiff. Er hatte, obwohl er Venezianer war, ja einiges auf dem Kasten: konnte lesen, schreiben und sich mit den Portugiesen verständigen, was auch nicht immer einfach war, bei diesem Genuschel. Außer ihm waren noch ein Pater dabei, der was wusste, aber sonst ein stiller Mensch war, sowie der Kapitän und der Nautiker. Also vier die keine Analphabeten waren, aber auch nicht schwimmen konnten. Die große Mehrheit, um nicht zu sagen der Rest der Besatzung, war eine Tragödie. Grobe Kerle, die nur dazu dienten, den Anker zu heben und das Großsegel zu hissen. Da braucht man Muskeln und das hatten sie. Aber sonst? Dumm wie ein Scheunentor. Der Vergleich hinkt? Haben Sie denn schon einmal ein intelligentes Scheunentor gesehen? Es heißt, weit wie ein Scheunentor, meinen Sie. Gut, Sie haben Recht. Ich wollte auch nur mal sehen, ob Sie mir noch zuhören.
Diese Kerle galten natürlich zu Hause nichts. Waren ja noch nicht einmal Handwerker bis auf den Zimmermann. Waren arbeitslos und jung, deshalb heuerten sie an auf diesem Kahn, wo sie auch nichts zu sagen hatten, aber wenigstens rauskamen aus ihrem Kaff. Als die sahen, dass Cadamosto lebendig wieder vom Strand der Wilden zurückkam, wurden sie mutig. Beim nächsten Mal wollten sie die Neger sehen. Da das Wasser schon knapp wurde, ließ der Kapitän zwei Beiboote mit Fässern und je sechs Mann an Land. Cadamosto durfte nicht mit, das war sein Glück, denn diese unzivilisierten Rüpel, verloren den Verstand, das bisschen, was sie hatten, als sie nicht nur Neger sahen, sondern auch Negerinnen. Alle oben ohne, wenn Sie verstehen, was ich meine. Die Kerle grapschten hierhin und dahin und ehe der Kapitän, der alles durch sein Fernrohr beobachtete, einen Warnschuss abgeben konnte, war eine große Schlägerei im Gange. Endlich ging der Schuss dann doch los und die Wilden flüchteten entsetzt ins Landesinnere. Der Kapitän regte sich f6rchterlich auf wegen des Wassers, das sie nicht mitbrachten. So ist das eben, wenn man zu Hause nichts hat, nichts ist und nichts zu sagen hat. Dann meint man eben, im Ausland wäre man der Krösus und lässt den Macker raushängen. Aber die Neger haben es denen gegeben. Das würden Weiße ja auch machen, wenn Schwarzafrikaner am FKK-Strand auf Sylt unseren Frauen so mir nichts, dir nichts an die Titten gingen. Habe ich nicht Recht?
Auf jeden Fall war es nicht immer einfach, als sich die Wilden und die Zivilisierten kennenlernten. Hauptsächlich, weil sie sich nicht kannten und sich deshalb des Öfteren verwechselten. Kann man ja, von heute aus gesehen, vielleicht verstehen. Es ist natürlich erfreulich, wenn man registrieren darf, dass der Besuch der Zivilisierten bei den Wilden gar nicht so selten überraschend einvernehmlich ausging. Sehr zum Ärger des Kapitäns, der wiederholt Mitglieder seiner Crew verlor, weil diese partout nicht mehr zurückwollten. Wie das? Sie hatten vom stinkigen Leben an Bord bei schlechter Verpflegung eh die Nase voll und wenn man sich dann noch in eine dieser barbusigen Schönheiten verliebt, war es um die Zivilisation geschehen.
Es sind etliche Fälle bekannt geworden, dass schon im 15. Jahrhundert, während ihrer ersten zaghaften Versuche entlang der Westküste Afrikas nach Indien vorzudringen, was ja dann auch geklappt hat, wie wir wissen, die Portugiesen immer wieder Seeleute verloren. Nicht weil diese im Kochtopf der Wilden landeten, sondern weil sie das Stammesleben unter Heiden, dem Leben in der Christenheit vorzogen. Einige haben es sogar zu angesehenen Beratern oder gar Medizinmännern gebracht, die den Portugiesen späterhin wichtige Vermittlerdienste leisteten. Die Portugiesen hatten immer schon einen Hang zum schwarzen Küchenpersonal und auch der Mangel an Frauen an Bord erklärt so einiges. Doch selbst die Franzosen in Nordamerika waren nicht gegen den Ruf der Wildnis gefeit. Vor allem Trapper, die gewohnt waren, monatelang alleine durch die kanadischen Wälder zu streifen, hatten regelmäßig Kontakt mit Einheimischen, also mit denen, die wegen des Irrtums von Kolumbus Inder, will sagen Indianer, genannt wurden. Diese für die Indianer ungefährlichen Einzelgänger passten sich an deren Lebensweise häufig dergestalt an, dass sie von Indianern kaum mehr zu unterscheiden waren: Sprache, Frau, Wigwam… Es fehlte nur die rote Haut, um gänzlich mit ihnen eins zu werden.
Ich sehe es Ihnen an, dass Sie mir nicht glauben. Nun denn, einige Namen, deren Schicksal Sie gerne weiterverfolgen können. Olivier Le Tardif, Nicolas Marsolet, Jean Godefroy, Jean Nicolet. Das reicht wohl. Und denken Sie nicht, dass diese übergelaufenen Franzosen von Karl May erfunden wurden. Sie werden es ja sehen, misstrauisch wie Sie sind, werden Sie bestimmt nachschlagen. Entschuldigung, nehmen Sie das nicht persönlich, ich habe es ja auch gemacht.
Und dann die Südsee! Da hatte Kapitän Cook bei seiner ersten Reise nach Tahiti mächtig Ärger, als zwei seiner Seeleute kurz vor dem Ankerheben als vermisst gemeldet wurden. Der Kapitän musste einige Insulaner in Geiselhaft nehmen, damit sie die Matrosen herausrückten, die sich mit ihren Gespielinnen in die Berge verdrückt hatten.
Stellen Sie sich nur die Aussicht vor! Da unten die Bucht mit dem Schiff, blaues Meer, so weit das Auge reicht, wenn es von Insel zu Insel gleitet, wie ein Falter von Blume zu Blume! Das war nicht nur was für Gauguin, selbst hartgesottene Seefahrer wurden weich bei solch einem Anblick. Und wenn Ihnen dann noch eine von diesen Insulanerinnen ins Ohr säuselt. Sie werden unruhig? Gut, lassen wir dieses Kapitel. Aber es musste einfach auch einmal gesagt werden, denn es gibt im Leben des Gringos nicht nur Zeter und Mordio. Hin und wieder wird er für seine verwegenen Träume reich belohnt und mancher warf schon ein ganzes Leben weg, um zu einem solchen Augenblick unter Palmen einmal sagen zu dürfen: Verweile doch! Du bist so schön! Selbst Goethe, wenn er diesem malerischen Meerbusen ansichtig geworden wäre, hätte nicht Nein gesagt. Glaube ich.
Ja gesagt hat Paul Gauguin. Wenn es so etwas wie einen Prototyp des Gringos gäbe, es wäre dieser verrückte Franzose. Was sage ich, Franzose? Seine Mutter hatte peruanische Vorfahren, was ihm eine gehörige Dosis Inkablut in die Venen gepresst hat. So einer hält Paris natürlich nicht aus. So einer explodiert und schreit, wenn das Getue zu viel wird. Alles ist zu kompliziert, zu falsch, um gelebt werden zu können. Irgendwo muss es einfacher sein, irgendwo muss es wild sein, bunt. Er hat es ja versucht, alles richtig zu machen. Aber da stirbt der Vater auf dem Schiff von Paris nach Peru, als er noch ein Baby ist. Daran erinnert man sich nicht, aber das sitzt tief. Dieses Geschaukel bei der Überfahrt und die Mutter weint beim Stillen. Salzige Tränen gemischt mit Milch. Da soll einer normal werden. So fing es an. Er hat es wirklich versucht, hat auch einige Jahre gut verdient, als Angestellter. Aber es ging nicht. Dann hat er alles an den Nagel gehängt und das bei fünf Kindern! Die sind in Kopenhagen geblieben bei der Mutter. Da sieht man es schon, eine Dänin hatte er geheiratet, warum keine Französin? Immer das Andere, das Fremde zog ihn an. Obwohl eine Dänin ja nichts ist im Vergleich zu den Tahitianerinnen, die er dann hatte. Jung waren sie, vielleicht vierzehn. Volljährig? Das ist was für Juristen vom Nordpol. Eine Frau ist Frau, wenn sie schwanger werden kann. Manchmal schon mit dreizehn. Die Wilden wussten das und sperrten die Mädchen weg bis zur Heirat, für ein paar Monate, mehr hält ja keine aus. Und die Männer auch nicht. Er hat noch ein paar Kinder gemacht. Keiner weiß das genau. Natürlich war das, fast tierisch. Wollte er das? Aber das Paradies, mit Palmen und so, ist teuer. Billiger als Paris, aber teuer. Vor allem wenn es nichts gibt gegen Durchfall, Malaria und Syphilis und den schmerzenden Knöchel. Das hatte er alles und malte wie ein Teufel. Ein malender Teufel im Paradies. Da haben wir uns aber verplappert. Tatsächlich rührt es einen ans Herz. Wie schwer es ist, primitiv zu werden und zu malen und davon zu leben. Daran ist er dann auch gestorben und sie haben ihn 1903 im Sand der Tropen begraben, mit 54 Jahren. Auf der Insel Hiva Oa, unrasiert und fern der Heimat. Hatte er denn eine?
Man wird so wie der, den man besiegt hat. Schon beim Kampf musst du ihn hassen so wie er dich, sonst hast du keine Kraft. Er brüllt und du hast Angst. Du brüllst lauter, das macht ihm Angst. Du kannst keinen besiegen mit einem Messer, wenn der eine Pistole hat. Du musst schneller schießen als er, wenn er an deine Waffe kommt, macht er das. Aber das Problem ist nicht der Kampf. Du hast gesiegt, okay. Was machst du mit den ganzen Leuten? Frauen, Kindern, Alten? Gut, auch ein paar Männer lässt du am Leben. Und dann? Die Frauen, die jungen zumal, bieten sich an. Verpflegen musst du sie alle. Du lässt dir helfen von den Besiegten, ohne sie geht nichts. Auch du musst essen im fremden Land. Du kommandierst sie und schon jetzt brauchst du schon ihre Sprache. Ein Kommando, das keiner versteht, ist ein kurzer bellender Laut, sonst nichts. So nimmst du die ersten fremden Worte in deinen Mund. Mit der Zeit geht es besser. Mit ein paar Worten fängt es an, bis du Sätze sagst, die zu Hause schon niemand mehr versteht. Wenn du einsam bist, Soldaten sind immer einsam, redest du mit ihnen. Meistens sind es Frauen, die sind scheu, aber sprechen mit den Siegern. Die haben ihren Sold und sind stolz. Was soll man denn auch machen mit humpelnden Verlierern, die schreien im Schlaf und nichts haben. Nur weil sie reden wie du? Nur weil sie zu den gleichen Göttern beten? Es ist nichts anziehender als der Glanz im Auge des Siegers und sein Geld. So einen Mann will man haben, so einer soll Vater meiner Kinder sein. Die Götter, die Sprache, das richtet sich mit der Zeit. Bald ist sie schwanger und der Sieger von einst besiegt in den Armen der Frau. Das Problem ist nicht der Kampf. Das Problem ist der Sieg, oder die Lösung, wer weiß.
Wer kein Pferd je gesehen hat, was soll er denken, wenn er ein Pferd sieht? Und eins mit Reiter, das aussieht wie ein Tier mit sechs Beinen und zwei Köpfen, das sich plötzlich in zwei teilt, wenn der obere Kopf mit Beinen abspringt und aussieht wie ein Mensch. Das kann ja nicht natürlich sein, das ist nicht normal, das kommt aus dem Meer in schwimmenden Häusern oder kommt es vom Himmel geflogen mit diesen weißen Flügeln aus Stoff? Das müssen die Götter sein, von denen die Alten berichten, bärtige Götter, die aus Rohren Feuer spucken, sodass man tot umfällt vor Schreck oder mit einem Loch in der Brust und steht nicht mehr auf. Diese göttlichen Wesen behandelt man freundlich. Gibt ihnen zu Essen und Trinken und opfert, was man hat. Natürlich das Beste, nicht nur junge Lamas. So opfert man die gerade gemachten Gefangenen vor den speisenden Göttern. Reißt ihnen das Herz aus und besprenkelt die anderen Gaben mit frischem Blut. Doch was tun die umworbenen Götter? Sie wenden sich ab vor Entsetzten. Schneiden Grimassen und erbrechen das so köstlich bereitete Mahl.
Die Götter sprechen Spanisch und fühlen sich bestätigt in dem, was sie schon wussten. Das hier sind Wilde, Menschenfresser, gottlose Wesen ohne Seele. Und Cortez ergreift sein Schwert und ruft sein Gefolge zurück von der ehrenden Tafel, die Montezuma bereitet hat für seine übernatürlichen Gäste. So hielten die einen die anderen für Götter und die anderen hielten die einen für Tiere. Sie irrten beide. Von unten nach oben und von oben nach unten. Aber es war nicht dieser Irrtum, der die Spanier zu Königen machte und ihre Sprache zur Sprache der Neuen Welt und ihres neuen Gottes. Es war das, was fehlte in der Hand der Azteken, Maias und Inkas: das Eisen, das Rad und das Pulver. Die Technik, listig gehandhabt, bezwang andere Völker, nicht Gott oder seine Gesandten. Spät sahen sie das ein, auf Kirchenstufen sitzend, die Schnapsflasche neben sich: Bauern ohne Land und Hirten ohne Herden. Doch der Hass kommt zu spät und verblendet nur, warum die einen siegen und die andern verlieren. Später Hass hält dich gefangen und wiederholt die verlorene Schlacht. Wie willst du dich befreien von den Conquistadores, wenn du wie sie denkst? Der Sonnengott steht nicht auf deiner Seite, er hat dich immer betrogen, auch vorher. Vielleicht hilft dir das Spiel der Flöte in deinem Schmerz. Vielleicht zeigt dir der Condor den Weg, kreisend hoch in den Lüften.
Am Rande der großen Reiche werden die geboren, die weitersehen als die in Madrid, Paris oder Moskau. Damit es nicht neue Tyrannen nur sind, brauchst du ein neues Herz, herausgerissen aus der versteinerten Brust des Hasses. Das Herz ist das höchste Gut, das wussten schon die, die es noch schlagend der Sonne entgegenstreckten. Das Herz ist das höchste Gut, wenn es in deiner Brust schlägt besonnen und nicht voll finsteren Hasses. Es gibt auf lange Sicht nur Siege des Pyrrhus. Kultur verbreitet man nicht auf der Spitze der Lanze. Das Land, das du besetzt, ernährt dich und ändert dich. Den Geschmack der neuen Gewürze nimmst du mit nach Hause, sogar der fremde Koch und seine Kinder wohnen bald in deiner Stadt. Deine Sprache wird verformt im Mund der Kolonisierten, die nicht aufhören, sich zu erinnern, teilweise. Immer mehr werden sie, halb dies und halb das und vielleicht einiges Neues. Die Gemischten, die Kreolen sind was? Eine neue Rasse? Sie sind ein Stein im Schuh der Reinen. Sie sind du und nicht du gleichzeitig. Dabei sollten wir lernen von den Hunden und das, was wir aus ihnen gemacht haben. Sie sind flexibel. Reine Rassen sind dies immer nur, wenn man einmal einer Mischung diesen Namen gibt. Geh auf eine Rassenschau, auch von Geflügel oder Kaninchen. Alle sind gemischt. Züchten heißt mischen, bis man das hat, was man will. Die Mischung macht’s. Nichts ist rein von Natur aus. Warum fliegen die Hummeln von Blüte zu Blüte? Warum sind die Männer untreu? Warum hat es der Homo sapiens mit dem Neandertaler getrieben? Um die Gene zu mischen, ganz einfach. Denn nur so entsteht Neues und Widerstandsfähigeres, auch wegen der Umstände, die sich immer verändern. Selbst wenn man anderes will als Gene vermischen, Liebe zum Beispiel, es läuft auf dasselbe hinaus. Was sagen Sie? Die Männer sind keine Hummeln? Da haben Sie aber mal wieder Recht, Sie Schlaumeier! Aber gucken Sie auf das Resultat, die prächtigen Äpfel! Und sehen Sie sich die Hummel mal genauer an, voller Pollen von anderen Blüten. Das sollte Ihnen zu denken geben, mein Lieber. Und warum gefällt dem Weißen die üppige Schwarze und der Schwarzen gefallen die blauen Augen des Nordens? Warum ließ Gauguin die zarten Pariserinnen links liegen, nahm erst eine Dänin und dann die vielfach porträtierten Frauen von Tahiti? Der Reiz des anderen, sagen Sie? Erst mal müsste es ja heißen, der Reiz der anderen und nicht des, aber was bedeutet das? Warum reizt das, die oder der und stößt nicht ab? Und das sage ich Ihnen geradeheraus, um zu mischen! Die Natur will mischen!
Auf jeden Fall ist in dieser ganzen Konfusion der Gringo entstanden. Sogar die Missionare kamen aus dem Tritt. Wie soll man das Wort Gottes predigen, wenn es niemand versteht? Man versteht Gott schon kaum, wenn er Deutsch spricht. Stellen Sie sich die Geburt Christi in Mandarin vor oder in Tupi. Sie verständen rein gar nichts, die natürlich auch nicht, nur andersherum. Wie soll ein Irokese von den Heiligen Drei Königen hören, von Weihrauch und Myrrhe? Das musste also übersetzt werden, nachempfunden, neu erfunden. Und das haben die Missionare gemacht, meistens Jesuiten, die hatten was drauf!
Die waren nach Jahren irgendwo in der Wildnis auch nicht mehr die Alten. Schliefen auf gestampftem Lehm und wurden von den Indianern bemalt, um nicht aufzufallen, so wie die aussahen. Um zu übersetzen, muss man natürlich viel vergessen von der eigenen Sprache. Und wenn man das Wichtigste rüberbringt, da freut man sich schon nach so vielen Jahren im Busch.
Die bleiben nicht immer am gleichen Ort wie wir. Die brechen ihre Zelte ab und ziehen weiter. Ein Kreuzweg. Aber das mochten die Pater, das Kreuz tragen, und seien es nur die Stangen des Zelts. Alles zur Ehre Gottes, das wussten die Indianer ja nicht, die dachten die Pater wären so hartgesottene Burschen wie sie. Deshalb luden sie ihnen noch mehr auf. Die Jesuiten lernten natürlich auch, dass man bei Nomaden eher die Bibel verliert, irgendwo in der Steppe, als eine Seele rettet. Deshalb haben sie im Süden feste Stationen gebaut, die sie Missionen nannten. Reduktionen, meinen Sie. Okay, das trifft den Kern der Sache auch besser. Mit einer richtigen Kirche in der Mitte. Das hat beeindruckt, ein festes Haus ist eine Burg und sie konnten bald lateinische Kirchenlieder, die Indios. Die Pater haben sich revanchiert und sprachen Tupi und erfanden die Bibel neu, auf Tupi. Beachtlich. Der Pater Anchieta hat sogar eine Grammatik dieser Sprache verfasst. Bis ins siebzehnte Jahrhundert haben die Jesuiten in Brasilien Tupi gesprochen, wenigstens ein paar. Bis Pombal die Sprache verboten hat, das war es dann. Aber, wie so oft, gehen die Schüsse nach hinten los. Wie soll man die Seele retten ohne den Körper, in dem sie hier auf Erden zeitweilig wohnt? Die Jesuiten wollten also auch Indios retten, mit Haut und Knochen, vor Sklaverei, Vertreibung und was sonst noch so kommt. Das ging natürlich nicht. Und da hat man sie vertrieben, nicht die Indios, Sie Spaßvogel, die Jesuiten. Den Indios ist damals das Tupi im Hals stecken geblieben und über zweihundert andere indianische Sprachen wurden von da an nur noch geflüstert, bis heute. Und immer leiser.
Wenn man das alles hört, muss man schon aufpassen, dass man kein schlechtes Gewissen kriegt in den Tropen. Und überhaupt außerhalb Europas. Aber was kann ich denn dafür, dass ich ein Gringo bin? Warum haben die nicht das Rad vor uns erfunden und den Karabiner? Dann sprächen wir heute Tupi und müssten auf Englisch flüstern. Aber wahrscheinlicher ist Mandarin. Die kannten ja schon das Pulver, die Chinesen. Mit Pulver kann man schießen und kommt überall durch, wenn es denn sein muss. Aber man muss natürlich darauf kommen, vor den andern, dass man Pulver in ein Rohr stecken muss, hinten verschlossen bis auf das Loch für die Lunte und vorne voll Blei. Ist doch nicht schwierig, aber da muss man erst mal draufkommen, vor den andern, klar. Segeln konnten die ja schon wie die Teufel. Bis nach Amerika, sagt man. Noch ein paar Jahre und die hätten Europa entdeckt und was dann? Dschunken den Rhein hoch, bis Köln oder Schaffhausen. Da hätte es keinen westfälischen Frieden gegeben in Münster. Aber Bambussprossen schon früher und billige Seide. Gelbe Teufel nannte man sie auch ohne das. Wahrscheinlich wegen Dschingis Khan, der zu Fuß bis nach Europa gekommen ist, will sagen zu Pferde, mit seinen Horden. Waren Mongolen sagen Sie? Sicherlich, sonst wären sie ja auf Schiffen gekommen wie die Chinesen. Mit rohem Fleisch unter dem Sattel kommt man einmal hin nach Europa und einmal zurück. Eine Eroberung dauert nicht lange ohne Technik, zum Glück. Ein kurzer Besuch der reitenden Männer aus dem Osten, Mongolen, ich weiß, und bis heute gibt es im Osten Europas Schlitzaugen. Gucken Sie mal genau hin! Und hohe Backenknochen bei den Slaven. Wo kommen die her? Pferde sind natürlich gut in der Steppe, wie Panzer, das rollt und das trappelt. Aber nur das? In Europa gab es eben vieles auf einmal. Ich denke, also bin ich. Das ist schon was. Da blitzt der Geist, die Logik, bevor es knallt. Uhr, Kompass, Sextant, wenn man nachdenkt, fällt einem noch mehr ein, was es hier gab, bevor es die andern auch hatten. Das war der Vorteil.
Das Fernrohr, genau, das Fernrohr. Fast hätte ich es vergessen und wenn man es umdreht ist es ein Mikroskop oder nicht? Sehen Sie? Wir sind Erfinder, Du und ich, das ist es. Aber die anderen waren glücklicher, sagen Sie. Bis wir kamen, jawohl. Aber wenn wir nicht gekommen wären, wären die andern gekommen.
Die Mongolen, jawohl die Mongolen, waren ja schon mal hier, fast, beinahe, knapp. Die Türken bis Wien. Sie sagen, heute sind sie in Berlin?! Aber das ist doch etwas ganz anderes. Die Araber waren auch schon mal da. Halb Spanien haben sie zivilisiert. Fahren sie mal hin, nicht nach Mallorca. Sie Banause! Nach Córdoba und Umgebung. Ohne die würden wir Aristoteles gar nicht kennen. Hatten wir alles vergessen. Dank der Germanen. Es kann einem schon manchmal peinlich sein, wenn man meint, man stammt davon ab. Aber hinterher haben sie dann aufgeholt und den Arabern gezeigt, was eine Harke ist. Kennen Sie den Ausdruck? Stammt auch von den Germanen, direkt aus dem Ruhrgebiet.
Damals hatte Leibniz entdeckt, dass alles eine Ursache hat. Keine Wirkung ohne Ursache. Genial! Damit ging die Wissenschaft los und das Experimentieren. Da hatten die Araber nichts dagegenzusetzen. Die waren vorher schon weg, sagen Sie, vor Leibniz? Lenken Sie mich nicht ab. Spätestens dann wären Sie aber abgezogen. War einfach genial, dieser Mann. Keine Wirkung ohne Ursache! Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen oder im Gehirn, wenn Sie eins haben. Nein, nein, entschuldigen Sie, da ist die Begeisterung mit mir durchgegangen. Ich meinte natürlich nicht Sie, sondern die andern. Die haben von da an nichts mehr zu sagen in der Welt. Und nicht wegen der Rasse oder Christus oder der höheren Kultur, nein, wegen der Technik. Kapitalismus, sagen Sie? Was ist denn Kapitalismus ohne Technik? Da sagen Sie nichts mehr, nicht wahr? Es ist auch besser so.
Warum will der Gringo immer alles verbessern? Es gibt keine Schubkarre, die nicht schneller fahren könnte, keine Küchenmöbel, die nicht praktischer sein könnten, kein Buch, das nicht besser hätte geschrieben werden können. Überall muss er seine Nase reinstecken oder seine Finger. Diese Unruhe, wenn er etwas sieht, das man verändern kann. Kein Stein bleibt auf dem andern, weil die Steine ja auch nebeneinanderliegen könnten. Ist es nicht eine ansprechende Veranda geworden, gemacht aus den alten Ziegeln der Mauer? Und so reist er durch die Welt, denn warum soll er zu Hause bleiben, wenn er auch woanders sein könnte? Ein unruhiger Geist, dieser Gringo. Das andere ist immer besser oder könnte es sein, er muss es probieren. Weit weg ist da, wo er hinwill.
Wahrscheinlich fing das schon mit Sokrates an und seiner penetranten Fragerei. Konnte er denn nicht die Dummbeutel in Ruhe lassen? Nein, er musste fragen und fragen, bis denen ganz schwindlig wurde und sie ihm schließlich Recht gaben. Mit den Schatten an der Höhlenwand kann man doch recht gut leben. Und dann noch liegend. Da muss dieser dreidimensionale, platonische Farbengucker kommen und alle in hellen Aufruhr versetzen. Damit fing alles an. Der Gringo kann die andern einfach nicht in Ruhe lassen. Dabei hatte er die besten Absichten. Wer kann schon mitansehen, wie die Seelen der Heiden in der Hölle schmoren? Haben die überhaupt Seelen? Also wird getauft, was das Zeug hält. Haben alle eine Seele, geht es erst richtig los. Jetzt muss man ihnen das Beten beibringen und gute Manieren. Kommunionunterricht, Katechese, es hört nicht mehr auf. Sie machen immer noch viel falsch, deshalb müssen sie beichten. Es gibt keinen Christenmenschen, den man nicht verbessern könnte.
Und die Welt? Seitdem der Gringo sich auf die Welt stürzt, ist sie verloren. Oder ist es umgekehrt? Die Römer sind damit angefangen, nein, die Griechen oder die Ägypter. Manche sagen ja, der Homo sapiens hat versucht, den Neandertaler zu verbessern. Wer soll das wissen?. Aber sie war immer schon da, diese Unruhe. Heute kritisiert man ihn, den weißen Mann und nennt ihn Gringo, wie mich. Das schmerzt. Sie wollen Unabhängigkeit, Gleichheit, Freiheit. Wenn das so weitergeht, wahrscheinlich auch noch die Brüderlichkeit! Was wüssten denn die von der Freiheit ohne die Gringos? Demokratie, wo kommt die denn her? Aus Afrika oder China? Sie kritisieren den Kapitalismus, weil der aus Europa kommt, aber der Sozialismus, wo kommt denn der her? Marx war etwa ein Cherokee und Engels ein Inder? Russen waren sie auch nicht, wie viele meinen, sondern Deutsche, die später Nazis wurden, zeitweise, deshalb darf Marx kein Deutscher sein. Dummköpfe sind sie, zurück in die Höhle! Oder waren sie nie draußen? Kann sein. Also Kapitalismus und Sozialismus kommen beide aus Europa. Pech für die Postkolonialen, die Europa mit Europa bekämpfen. Aus dem Eurozentrismus kommt keiner raus. Wenigstens nicht so, das ist klar. Der Gringo ist ein Widerspruch, er ist nicht nur doof. Er hat die Kritik geschrieben, mit der du ihn kritisierst. Er ist kritisch, das ist nicht nur dein, sondern auch sein Problem. Kritik ist hässlich, deshalb sieht er so aus, in seinen langen Bermudas und den Socken in den Sandalen. Schon die ersten sprangen zerlumpt und stinkend von Deck. Die Wilden haben gelächelt, kritisch waren sie nicht, sonst hätten sie sich die Nase zugehalten. Dafür hat der Gringo kritisiert, was sie aßen. Sie fraßen ihre Gefangenen, zum Beispiel. Oder kochten Schildkröten, die vom Aussterben bedroht sind oder die schon ausgestorben sind, ohne dass wir es wissen, weil sie die gegessen haben, bevor sie katalogisiert worden sind von Spix und Martius und den anderen.
Würde ein Franzose einen Engländer Gringo nennen? Natürlich nicht. Und weißer Mann? Ein Deutscher würde einen Holländer so nennen? Negativ. Die Europäer nennen sich vielleicht Spaghettifresser oder Krauts, wenn es hoch kommt, Boche. Aber Gringo, das kommt woanders her. Weißer Mann auch. Ja, die Römer waren auch nicht besser mit ihren Barbaren. Wie kann man die Germanen nur Barbaren nennen?! Das mit den Spaghetti ist vielleicht die angemessene Retourkutsche, aber für die Falschen. Die Römer haben keine Spaghetti gegessen, noch nicht einmal Pizza. Und die Italiener, die Armen, müssen es ausbaden, zweitausend Jahre später, nur weil die Nachfahren der Römer Gastarbeiter der Nachfahren der Germanen geworden sind. So viele Nachfahren. Die Leute erinnern sich gerne an Beleidigungen, Warum? Wer hat noch mal gesagt, dass die deutsche Frau wie eine Kuh singt im Vergleich zu den Italienerinnen? Unerhört! Obwohl es stimmt, wenn man hinhört.
Weiß ist man auf jeden Fall nur außerhalb Europas, wenn man die Sizilianer, Griechen, Spanier und Portugiesen abzieht. Meine ich. Aber die werfen alles in einen Topf. Und da kommt noch mehr hinein. Alles, was irgendwann mal ausgewandert ist und sei es vor fünfhundert Jahren. Die Indianer Nordamerikas sind angefangen mit dem weißen Mann, weil sie selber rot waren, aber das wussten sie erst, als der weiße Mann sie so nannte, die Rothäute. Wo sind die denn rot? Höchstens angemalt. Wahrscheinlich war es das, die Farbe. Warum hat man sie sonst so genannt. Die waren doch nicht rot.
Vielleicht ist auch alles einfach falsch übersetzt worden. Als die ersten Europäer, die in Wahrheit Engländer waren, die ersten rot angemalten Indianer gesehen haben, die auch keine waren, wurden sie bleich vor Schreck. Bleiche Gesichter hatten sie, bis die falschen Indianer lachten. Da wurden die Engländer langsam weiß, bis sie ihre Originalfarbe wiederhatten, die zwischen grau und rosa schwankt, wenn wir ehrlich sind. Aber jetzt waren sie Bleichgesichter, oder höflicher, weiße Männer. Frauen spielten damals noch keine Rolle, nur zu Hause. Wie haben eigentlich die Neger die portugiesischen Sklavenhändler genannt? Weiß das einer? Oder haben die das vergessen, die Neger meine ich. Die sind ja auch nicht richtig schwarz. So wie Kohle oder eine schwarze Katze bei Nacht. Vielleicht ein paar, kann sein. Aber schwarz? Wenn man viel rumkommt und das ist der Gringo ja, ist sowieso alles egal. Das mit den Farben, meine ich. Es kommt darauf an, wie einer guckt. Da sieht man, wenn man Erfahrung hat, wer dir gleich ein Messer in den Bauch haut.
Rein statistisch gesehen, haben ja Weiße, wenn ich uns jetzt mal so nennen darf, mehr Weiße umgebracht als umgekehrt. Das verstehen Sie nicht? Habe mich sowieso gewundert, dass Sie so lange still waren. Aber jetzt frage ich Sie, was ist denn daran schwierig? Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg. Wer hat da wen umgebracht? Weiße Weiße. Oder sind die Russen nicht weiß? Sind Sie vielleicht farbenblind? Die Engländer und Amerikaner waren was? Und die Juden? Waren die etwa schwarz? Das regt mich sowieso immer auf, dass die Postkolonisierten meinen, die Weißen hätten sich auf das Töten von Roten, Schwarzen und Gelben spezialisiert. Die Weißen haben erst mal kräftig unter den Weißen aufgeräumt. Dreißigjähriger Krieg, was war das denn? Napoleon hat auf wen geschossen? Warum gibt es so viele Burgen in Frankreich und Deutschland? Aus Angst vor den Schwarzen? Und die Römer mit ihren Kurzschwertern und Wurfspeeren haben wen getroffen, vorzugsweise? Vorzugsweiße hätte ich beinahe gesagt. Aber was rede ich? Man muss auf jeden Fall aufpassen, wenn man im Süden ist. Asien weniger. Aber Afrika und Südamerika, da geht es schon zur Sache. Und ich rate Ihnen, gucken Sie immer, wie einer guckt. Ob er einen Revolver hat, das ist wichtiger als die Farbe. Vorne, hinten, am Gürtel unter dem weiten Hemd. Manchmal am Unterschenkel, passen Sie auf! Und noch was: Die meinen heute, die Neger wären versklavt worden wegen des Rassismus. Dass ich nicht lache. Man kauft nicht jemanden, von dem man nichts hält. Man kauft, weil man ihn braucht, weil er was wert ist. Die Indios waren ja schwache Typen. Eine Grippe und es war aus. Nicht mal zum Rudern taugten die. Fragen Sie Humboldt. Und man kann auch nur kaufen, was auf dem Markt ist. Die Neger waren auf dem Markt, sie waren schon Sklaven bevor die Portugiesen oder sonst wer sie gekauft hat. Ach so, das ist neu? Dann noch eins: Wer hat sie gefangen und bis an die Küste geschleppt? Andere Neger, meistens feindliche Stämme. Waren die Rassisten? Lächerlich. Die Portugiesen und Engländer haben sich ja gar nicht ins Landesinnere vorgewagt damals. Das haben sie lieber anderen überlassen, Mittelsmännern, manchmal Mestizen oder Zivilisationsflüchtlingen. Und die Neger auf den Sklavenmärkten der Hafenstädte Westafrikas waren gut zum Arbeiten, deshalb kaufte man sie. Sie sind schlecht behandelt worden, sagen Sie? Sauschlecht, sage ich Ihnen, sauschlecht! Wie die Tagelöhner in Europa, wie die Frauen und Kinder in den Kohle- und Erzminen Europas. Manchmal vielleicht eher besser. Wenn ein Lohnarbeiter stirbt, wen kümmert das? Aber lassen Sie Ihre eigene Kuh verhungern, wenn Sie Milch brauchen, oder Ihr Pferd, das Sie zum Pflügen brauchen? Mit den Sklaven in den Goldminen von Ouro Preto hätte ich auch nicht tauschen wollen. Eine Schinderei, häufig auf den Knien in engen Stollen bis zum Umfallen. In den Zuckerrohrplantagen, Knochenarbeit. Aber was war in den Jahrhunderten vor dem Zwanzigsten keine Schinderei? In den Häusern als Amme oder gar als Geliebte des Herrn, das war schon auszuhalten. Und vergleichen Sie das nicht mit heute, das wird schief. Da können sie alle vorherigen Jahrhunderte wegwerfen mit Sklaven, Knechten, Mägden, Unfreien, Matrosen, Soldaten und allem, was dazu gehört. Ob ich die Sklavenarbeit verteidige? Haben Sie nicht zugehört! Die sind ja häufig eingegangen an Trauer, nicht, weil Essen fehlte oder wegen der Peitsche. Sie verstanden häufig die Mitgefangenen nicht, waren alles andere Stämme, andere Sprachen. Und die neuen Besitzer haben sie absichtlich gemixt, wegen der Rebellionen. Depression gab es damals ja noch nicht. Ich meine das Wort. Aber daran sind viele zugrunde gegangen. Kann man verstehen.
Die Gringos und die schwarzen Sklaven haben etwas gemeinsam. Da staunen Sie, was? Denn sie waren beide nicht von hier. Von da, will ich sagen. Was hatte der weiße Mann mit Amerika zu tun, gar nichts. Und der schwarze? Auch nichts. Sind beide Migranten. Jawohl. Der eine freiwillig, der andere gezwungen. Aber sie hatten beide keine Ahnung von den Pflanzen, den Tieren und der Gegend, in die das Leben sie verfrachtet hatte. Sie mussten von den Indios lernen oder improvisieren. Und haben zusammen viel kaputt gemacht, weil sie es ja nicht kannten bis heute. Da ist viel schiefgelaufen in Afrika. Unterhalb der Sahara, meine ich. Und auch im Westen, Guinea und so. Wenn man sich vorstellt, dass auch Ägypten Afrika ist und der Nil. Unglaublich! Mit den Arabern hat man sich einigermaßen verstanden. Gehandelt, sogar einiges übernommen. Die Zahlen, zum Beispiel. War einfach besser das Dezimalsystem. Die hatten schon was auf dem Kasten. Auch philosophisch. Und die Geschichten an den Lagerfeuern der Karawansereien, großartig! Ästhetisch sowieso, jahrhundertelang besser als die Europäer. Der Islam? Was ist mit dem Islam? Das waren doch keine Terroristen, das waren Moslems. Man muss doch kein Terrorist sein, wenn man Moslem ist, jetzt aber mal langsam. Jahrhunderte wenigstens waren sie es nicht. Sind ja drei Brüder. Die Juden, die Christen und die Moslems. Aus derselben Gegend und mit dem ersten Gott, der Bücher veröffentlicht hat.
Man streitet nur mit dem, der einem nahe ist. Oder würden Sie mit der Ehefrau eines Chinesen streiten, der in Shanghai wohnt? Die Palästinenser und die Israelis, zum Beispiel, die sitzen sich einfach zu sehr auf der Pelle. Geistig, meine ich. Wenn man den ganzen Tag an den anderen denkt, wird man natürlich wütend. Sollten sich einfach ignorieren oder aus dem Weg gehen, wenn das möglich ist in diesem Streifen Land, oder weggehen, wie ich. Die Menschen sind immer gewandert. Übrigens wie alles Getier, das Beine hat, fliegt oder schwimmen kann. Er ist sehr langsam gegangen, vermutlich, weil er an jedem Baum stehen geblieben ist. So langsam, dass er dabei Schlitzaugen bekommen hat und helle Haut. Die Zöpfe hat er sich selbst gemacht, die kriegt man ja nicht vom Wandern. Unterwegs hat er alles vergessen, sogar woher er gekommen ist. Nur neuerdings graben sie überall Schädel aus und sagen, wir stammen davon ab. Erst war es nur die Lucy in Afrika, jetzt melden sich alle paar Jahre andere Schädelsucher, die meinen, dass der Mensch nicht von Lucy abstammt, sondern von anderen Affen. Hominiden nennen sie die, für mich sind das Affen, nur intelligentere. Dass man sich beim Wandern ändert, hat viele überrascht, mich nicht. Man muss es nur langsam machen, sonst erschrecken sich die anderen, zu denen man kommt, auch die Tiere. Die Wanderung, zu Fuß über Stock und Stein, war manchmal so langsam, dass die Menschen meinten, sie kämen gar nicht von der Stelle. Tatsächlich sind sie manchmal hunderte von Jahren an einem Ort geblieben. Sei es, weil der Ort Wasser hatte, Wild und eine gute Aussicht oder weil sie einfach genug hatten, vom ewigen Koffer auf, Koffer zu. Nach einiger Zeit dachten die Enkel und Urenkel, dass sie nie gewandert wären, bis schließlich einer die Koffer entdeckte und meinte, man müsse wieder los. So sind sie bis nach Sibirien gekommen und da natürlich nicht geblieben, was verständlich ist. Nur einige blieben da. Aus denen sind später Chinesen und Mongolen geworden, welche letzteren wieder zurückwollten. Was sie dann auch gemacht haben unter Dschingis Khan. Wenigstens hatten sie Pferde, da ging es schon schneller mit der Wanderung. Wie die andern über die Beringstraße gekommen sind, weiß der Henker. Einige meinen, es hätte tatsächlich eine Straße gegeben, über Land, die haben sie dann benutzt, sind die Küste von Alaska entlang und haben sich aufgeteilt, als sie die Büffel gesehen haben. Wieder sind einige zurückgeblieben. Wo kämen sonst die Eskimos her? Eskimos sind wissenschaftlich gesehen, wenigstens für mich, Chinesen im Schnee. Die Azteken, Maias und Inkas sehen ja auch noch so aus, als wären sie vor Kurzem aus Asien gekommen. Es ist natürlich bezeichnend, dass man nicht mehr zurückkann, wenn man erst mal längere Zeit weg ist. Zum einen, weil da heute Wasser ist, wo früher die Beringstraße war. Ich meine, die über Land. Und schlussendlich haben die Chinesen eine Mauer gebaut, die der Rückwanderung endgültig ein Ende machte. Also, man kann nur nach vorne wandern und muss sich gut überlegen, wo man unterwegs bleibt. Je nachdem wo man bleibt, wird man Afrikaner, Inder, Chinese, Mongole oder Indianer. Wenn es hochkommt, Azteke oder Inka. Wer von Afrika statt nach rechts nach links gewandert ist, wurde Neandertaler, ich meine, Europäer. Wer keine Ruhe gab und in den letzten fünfhundert Jahren von Europa aus weiterwanderte, wurde Gringo wie ich.
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