Grinin - Jürgen Walnshoff - E-Book

Grinin E-Book

Jürgen Walnshoff

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Beschreibung

Robert Runge ist Beamter im Bundesministerium der Finanzen. Er arbeitet so viel, daß wenig Zeit fürs Privatleben bleibt. Robert leidet zwar nicht darunter, aber eigentlich will er nicht ewig Single sein, und echte Abenteuer bietet selbst der abwechslungsreichste Ministerialdienst nicht. Robert lernt Claudia kennen, die Persönliche Referentin des Umweltministers, und plötzlich begegnet ihm alles auf einmal: Liebe und Abenteuer, Tod und Gefahr. Ein Minister wird ermordet, die düstere Vergangenheit des Kalten Krieges steht wieder auf, Geheimdienste schlagen zu, und Robert muss retten, was er liebt - und die Welt vor einer furchtbaren Bedrohung schützen. "Grinin" ist Vieles zugleich: Bürosatire und Kulturkritik an den herrschenden Verhältnissen, bundespolitische Utopie und Röntgenbild der Berliner Republik, Liebesgeschichte und faktenreicher Rückblick auf ein besonders scheußliches Kapitel des Rüstungswettlaufs mit der Sowjetunion, ein Genremix irgendwo zwischen Danny Kaye's "Die Lachbombe" und Alfred Hitchcock's "Der zerrissene Vorhang".

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Grinin

Wie ein Ministerialbeamter sich nach Liebe und Abenteuer sehnte - und beides bekam

Roman

von Jürgen Walnshoff

Imprint


Grinin

Roman von Jürgen Walnshoff

Copyright: © 2014 Jürgen Walnshoff

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de


eBook Konvertierung: Marte Kiessling, www.martemarte.de

ISBN 978-3-8442-9117-9

1. Kapitel

Der Dienst

Sonntag, 2. September, nachts

Robert drückte den Apatschen runter. Von über dem Höhenanzeiger lächelte ihm ein Traum von Pilotenfrauenbild zu. Auftrag: einen Spähtrupp einsammeln, der für die Terrorabwehr aufgeklärt hatte. Sie näherten sich Tala-Wa Barfak, ab jetzt hieß es vorsichtig sein. Die Aufständischen hatten aus der Gegend eine Wundertüte gemacht. Überall in dem Felsenmeer da unten konnten sie mit einem schweren MG lauern, und Panzerfäuste hatten sie auch genug.

Er flog die Kampfmaschine, seinen AH 64 ‚Apache‘. Daniel, hinter ihm, flog den Transporter, aber dafür hatte er eine super aussehende Copilotin. Robert klickte Manual Fire an und schaltete damit die Bedienung der Bordwaffen auf sich selbst um. Sein Bordschütze war bloß zur Trimmung gut. Der sah nichts, fand nichts, traf nichts. Lieber selber die Ziele anwählen und bekämpfen, solange die Elektronik funktionierte, auch wenn nur der Bordschütze eine anständige Zielkamera hatte.

Lo and behold!, da begann es: Aus zwei, drei Kilometern Entfernung räkelte sich ihnen eine grüne Leuchtspurkette entgegen. Da war wohl einer trigger-happy oder Meisterschütze – genau wußte man es immer erst hinterher. Die Leuchtspur schien direkt zwischen Roberts Augen gezielt. Er wußte, das war eine optische Täuschung, aber es wurde Zeit für ein paar Hiphop-Flugmanöver. Er rief über Funk Daniel zu: „Danny, Du links, ich rechts!“, schoß vorsorglich eine Runde Magnesiumfackeln und Aluminiumdüppel ab und ließ den Heli wegkippen. Der Bordschütze, der vor ihm und tiefer saß, begann mit unmenschlicher Geschwindigkeit den Kopf immer wieder nach links und nach rechts zu wenden, als geriete er in Panik. „Mein Bordschütze kotzt gleich!“ Daniel lachte.

Das Lock-On begann zu piepsen, auf dem Headup-Display wurde mit Raute und Kreis ein Ziel markiert. Robert ließ eine Hellfire los und schaute ihr begeistert nach, auf ihrer eleganten Abwärtskurve. Er griff mit links nach dem Glas und setzte es an, stieß dabei in der Aufregung an sein Bügelmikrofon und goß einen Schwall Weizenbier in die Tastatur. Da würde es nun dunsten und kleben, wenn nicht gar die Tastatur ruinieren, die gute, hintergrundbeleuchtete.

„Waaah, sapristi!“ Daniels Black Hawk war von einer Panzerfaustgranate getroffen worden und sackte wild kreiselnd abwärts.

„Shit, habe Bier in die Tasten gegossen, machen wir Schluß!“

„OK, ist eh spät, halt‘ sie unter die Wasserleitung und laß sie trocknen, die sind robust, das wird schon wieder. Tschückes!“

Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatten mehr als drei Stunden verzockt, ein bißchen Nervenkitzel halt, ein wenig Abenteuer-Ersatz in der verwalteten Welt, gegen den niemand etwas einzuwenden hatte, schon gar nicht Frau oder Freundin, denn sie waren beide unbeweibt (was weder Ursache noch Folge der Daddelei war, wie sie einander gelegentlich versicherten). »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Als ein Spiel versuchte Robert auch seine Arbeit im Ministerium zu nehmen.

Montag, 3. September, morgens

Da mußte er jetzt wieder hin, denn dieses Spiel endete voraussichtlich erst in 25 Jahren, an der Pensionsgrenze. Der schöne Spätsommermorgen entschädigte ein wenig dafür. Robert radelte durch den Tiergarten, vorbei am Zoo, vorbei an dem riesigen Vogelkäfig, an dem es immer so nach Fisch stank, vorbei am Lamagehege und über den Landwehrkanal Richtung Spanische Botschaft, Großer Stern und Brandenburger Tor. Der Tiergarten war noch menschenleer so früh am Tag. Wo weniger Sonne hinkam, wo es kühler und dunkler war, da roch es schon nach welkem, feuchtem Laub. Bald Herbst, wieder rieselte ihm ein Jahr durch die Finger, über fast jede Stunde hätte er Rechenschaft ablegen können anhand seines Dienstkalenders, und doch waren die Tage und Wochen verflogen wie Spreu. Am Ende des Monats würde sein Resturlaub aus dem vergangenen Jahr verfallen, und selbst wenn er vom diesjährigen Urlaub noch ein paar Tage nahm um Weihnachten und Neujahr herum, selbst dann würde er wieder den größten Teil des Urlaubsanspruchs ins nächste Jahr mitschleppen und im kommenden September einmal mehr in den Schornstein schreiben. Schön blöd.

Robert war nun gleich da. Er lächelte dem Mann von der Bundespolizei zu, der am Tor Wache hielt, schloß das Rad im Innenhof an und sprang die paar Treppen zu seinem Büro hinauf - lieber nicht den Paternoster nehmen, da traf er zu oft Leute, die ihm die Laune trüben konnten mit Bemerkungen wie: „Ach Herr Runge, Sie haben aber viel geändert an unserem Entwurf, und dabei hatte doch schon mein Referatsleiter so viel neu formuliert...“ oder „Guten Morgen, Herr Doktor Runge, wir haben Sie gestern Abend vermißt bei dem Museumsbesuch, den der Personalrat organisiert hat. Sie sind doch als Redenschreiber bestimmt auch interessiert an deutscher Geschichte - es war so ein netter Abend!“

Dabei war er eigentlich gar nicht Redenschreiber, das hatte sich bloß so ergeben im Lauf der Zeit. Offiziell war Robert zuständig für „Grundsatzfragen und Planung“. So stand es in seinem Kästchen auf dem Organigramm des Ministeriums, so hatte er selber es ausgedacht, und im Geschäftsverteilungsplan waren die drei Worte hintersetzt mit einer Menge Text, der zwischen vage („Themenkoordinierung“) und hyperkonkret („Glückwunschbriefe“) oszillierte. Es lief darauf hinaus, daß er in jede Sache hineingrätschen durfte, wenn er wollte, und grätschen mußte, wenn der Minister es für nötig hielt. Robert wollte selten („willig immer, freiwillig nie!“), sein Minister wollte praktisch bei jeder Gelegenheit.

Der Herr Bundesminister der Finanzen Dr. Wilhelm Haberer, Spitzname Uhu, weil er wie einer aussah mit seinem herzförmigen Gesicht, dem etwas zu langen schwarzgrauen Haarschopf, der klobigen Brille mit Gläsern wie Flaschenböden und den buschigen Augenbrauen, war im Bundeskabinett ein Proporzgeschöpf, ein studierter Musikwissenschaftler und Bonvivant, der anfangs nicht viel von Finanzpolitik verstanden hatte, der aber als Vorsitzender der kleinsten der die Regierungskoalition tragenden vier Parteien etwas Ordentliches hatte werden müssen, also klassisches Ressort, nicht irgendein Mickey-Maus-Ministerium oder eine Subventionsbude à la Forschung und Technologie. Haberer war in Ordnung, hatte allerdings den Tick, seine Sache ordentlich machen zu wollen, und also war er einerseits als Politiker massiv in allen Kernzuständigkeiten des Hauses unterwegs und litt er andererseits darunter als Mensch, weshalb er das dienstliche Pensum um seine kulturellen Steckenpferde aus Musikleben und Literaturbetrieb ergänzte. Als wäre das nicht genug, mußte er außerdem als Parteivorsitzender in den Koalitionsrunden anwesend und auf Ballhöhe sein, wo jedes erdenkliche politische Thema behandelt wurde, was entsprechende Arbeitsaufträge an die Fachabteilungen (und gern direkt an Robert) nach sich zog. Kurz: Haberer war teils aus Pflicht, teils aus Neigung flächendeckend präsent, schien unter der Woche ohne Schlaf auszukommen und war auf beeindruckende Weise anstrengend.

Heute war er wieder einmal nicht da, denn es herrschte Wahlkampf. Es war die Zeit, da sich in weiten Teilen des Hauses ein wohliges Gefühl von Unterforderung ausbreitete. Bundestagssitzungen gab es vor der Wahl voraussichtlich keine mehr, die lästigen parlamentarischen Anfragen waren abgearbeitet, die Gesetzgebungsarbeit ruhte, die Regierung konnte allen Umfragen nach gewißlich mit Wiederwahl rechnen, und Haberer wirkte alles andere als amtsmüde und würde wahrscheinlich im BMF weitermachen. Das fanden vermutlich selbst viele Mitglieder der Betriebskampfgruppen (so wurden die diversen Konventikel der Parteimitglieder im Ministerium genannt) der Oppositionsparteien schön, denn so würde der lästige Aufwand entfallen, einen neuen Minister und sein Umfeld einzuarbeiten oder womöglich gar die Haushalts- und Finanz-Utopien einer andersfarbigen Bundesregierung aus dem Ideenhimmel auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Fast das ganze Haus ruhte ein wenig aus. Nur einige Arbeitseinheiten konnten kaum zurückschalten. Die Europa-Abteilung zum Beispiel fuhr nahezu Voll-Last, obwohl Brüssel auf die Parlamentspause und den Wahlkampf in einem so großen Mitgliedstaat ein wenig Rücksicht nahm. Die Rechtsabteilung würgte unverdrossen an den europäischen Vertragsverletzungsverfahren gegen den Bund herum und an den hunderten Gerichtsverfahren im Inland, die dem Sinn des deutschen Steuerrechts auf die Spur zu kommen versuchten. Und auch Robert hatte gut zu tun.

Denn der Minister hielt in Wahlkampfzeiten mehr Reden denn je, und obwohl die Kampagne vom Parteiapparat gemanagt wurde und in der Parteizentrale Redenschreiber für diese Art von Punch-and-Judy-Show saßen, fuhr Haberer doch jeden Entwurf immer bei Robert vorbei, und er tat recht daran, denn erstens gab es in jeder Wahlkampfrede einen halbamtlichen, die Dienstgeschäfte betreffenden Finanzteil, der stimmen mußte, und zweitens hatte der Herr Bundesminister vermutlich einen gewissen Anspruch darauf, daß er nicht als Parteipolitiker völlig anders klang als in seiner amtlichen Rolle, soweit sich das alles überhaupt so klar trennen ließ.

Immerhin mußte Robert ihn nicht begleiten, wie zu den vielen Gipfeln und Räten und Konferenzen, auf denen ein Bundesfinanzminister seinen Dienstgeschäften nachgeht. Anfangs war die Reiserei spannend gewesen, schließlich ging es in alle Welt, und es gab manchmal nette Andenken wie zum Beispiel bei einer Konferenz in Jackson Hole, Wyoming, einen maßgefertigten Cowboyhut und handgemachte Cowboystiefel (alles pflichtgemäß dem Personalreferat als Geschenk gemeldet und durch eine persönliche Spende an das Rote Kreuz abgegolten, nur getragen hatte Robert das Zeug dann nie). Obendrein wuchs sich das Tagegeld der Reisekostenerstattung zu einer Art zweiter Ministerialzulage aus. Aber schon bald fühlte sich alles an, als wären sie in eine Zeitschleife geraten: immer dieselben Maschinen der Flugbereitschaft, immer die gleichen Fahrzeugkolonnen und Konferenzsäle und Hotelzimmer und Delegationsbüros, immer die gleichen Nasen in den Delegationen der anderen. Daß da dank Demokratie doch ziemlich viel Fluktuation herrschte, das merkte man nicht gleich, und später vergaß man es wieder, weil der Typus immer derselbe blieb: Anzugmenschen beiderlei Geschlechts, von denen die einen überschwenglich herzlich taten, das waren die Diplomaten, und die anderen Zahlen spuckten, das waren die Finanzer. Im übrigen wenig Abwechslung - hier und da eine fesche Dolmetscherin als Augentrost, manchmal ein Hotelzimmer mit Macken: Einmal, in Südkorea, hatten einige aus der Delegation das Licht in ihren Zimmern nicht ausgekriegt, und andere hatten es gar nicht erst angekriegt; ein verdeckter Intelligenztest vielleicht und jedenfalls ein wenig Gesprächsstoff für den Rückflug.

Robert durfte also daheim bleiben, in seinem geräumigen, modern eingerichteten Büro mit dem Ölgemälde „Lietzensee“ von Akira Nakao und mit Blick auf die Erna-Berger-Straße, wer immer jene Erna gewesen sein mochte. Er redigierte, was seine beiden Referenten und seine Referentin und was der Rest des Hauses zur Veröffentlichung entwarfen, er schrieb einiges auf Vorrat, das dank Dezimalsystem in einigen Monaten gebraucht werden würde, weil runde und halbrunde Gedenk- und Feiertage anstanden, er telefonierte ein- bis zweimal täglich mit Haberer, und er warf seine Abendeinladungen nicht weg, wie sonst immer, sondern suchte sich heraus, was vielversprechend klang.

Robert war eigentlich kein Auf-Abendeinladungen-Geher. Er fand die Fixkosten zu hoch: bräsige Ansprachen, in den Abend hinein verlängerte Dienstgespräche mit bei solchen Gelegenheiten zahlreich anwesenden Kollegen aus allen Ressorts, Gerangel um ein paar Würstchen und ein schlecht gezapftes Bier. Sein spezielles Abstinenzlertum machte ihn zur Ausnahme, denn wer nicht kleine Kinder hatte oder pflegebedürftige Eltern in Berlin, der ging hin, wenn er es auf eine Einladungsliste geschafft hatte; manche, weil sie Betriebsnudeln waren, andere, weil sie wenig mit sich anzufangen wußten, und wieder andere, weil sie instinktiv oder aus kalter Berechnung netzwerkten, wie das so schön hieß, und zu dem Behufe ihre Körper in möglichst viele Menschenansammlungen trugen. Für solche Leute mußte Robert ein furchtbarer Verschwender sein, eine glatte Fehlbesetzung - qua Funktion im Hause und qua luftigem Standort seines Referatskästchens hoch oben im Organigramm war er ein Muß für jeden Lobby-Verband und jede Landesvertretung, für jede Botschaft und jedes Unternehmen, wenn es ans Listenmachen ging und mehr Gästemasse benötigt wurde als bei wirklich exklusiven Events. Und dann als Eingeladener so wenig Gebrauch davon zu machen! Natürlich fiel seine Abwesenheit niemandem auf, denn wer ihn abends nie sah an den üblichen Wasserlöchern und sich überhaupt Gedanken darüber machte, der vermutete Robert garantiert entweder unter der Schreibtischlampe oder bei einer höherwertigen Veranstaltung.

Für heute Abend war einladungstechnisch leider fast nichts im Angebot, nur ein Parlamentarischer Abend beim Wehrbeauftragten, hot damn! Zu dem hatte sich anscheinend noch nicht herumgesprochen, daß der Bundestag so gut wie nicht mehr in der Stadt war. Andererseits: „Für Ihr leibliches Wohl ist gesorgt“, versprach in schönster Referentenprosa die Einladung, und auf ihrer Rückseite prangten ein Brauerei-Logo und das einer Bio-Fleischerei. Außerdem lag der Veranstaltungsort praktisch auf dem Nachhauseweg, also warum nicht? Apropos Referentenprosa: Angemeldet hätte man sich gehabt haben müssen, um an der Trinkung des Bieres ordnungsgemäß teilzunehmen. Aber so viel wußte selbst Robert: Die Tür weisen würde man ihm nicht.

Montag, 3. September, nachmittags

Vor den Wehrbeauftragten hatten die Götter eine hausinterne Besprechung gesetzt: Abstimmung eines Berichtes zur Wirtschafts- und Finanzpolitik, der an die Europäische Kommission und an das Europäische Parlament gehen sollte und natürlich auch an Bundestag und Bundesrat. Eigentlich waren solche Länderberichte der Mitgliedstaaten Dutzendware und Fleißarbeiten, selbst auf der europäischen Ebene interessierten sich dafür nur wenige. In Deutschland war das momentan anders: Im Wahlkampf eignete sich ein schöner Bericht mit dezentem Selbstlob vorzüglich für eine kleine Pressekonferenz des Ministers über das finanzpolitisch Erreichte. Allerdings mußte Robert ein Auge darauf haben, daß es auch wirklich ein schöner Bericht wurde - die von Koalitionspartnern geleiteten Ressorts würden ihre Schnäbel an dem Entwurf zu wetzen versuchen, schon um ihre eigene Bedeutung zu dokumentieren in Angelegenheiten, von denen sie nichts verstanden; und den eigenen Leuten war oft nur schwer klarzumachen, weshalb sie Deutschland in Euro-Neusprech über den grünen Klee loben mußten, statt bei einem realistischen „befriedigend“ bleiben und ein paar anderen Mitgliedstaaten die verdienten schlechteren Zensuren geben zu dürfen.

Diese Kollegen waren auf sympathische, aber hinderliche Weise ehrlich: Sie wußten, daß die Bundesregierung nicht wirklich energisch sparte und konsolidierte, schon gar nicht in einem wichtigen Wahljahr oder vor einem wichtigen Wahljahr, mit anderen Worten: immer nicht. Und sie wußten, daß manche EU-Mitgliedstaaten wirtschafts-, finanz- und sozialpolitisch fidele Baracken waren, in denen alle anschreiben ließen und am Ende fröhlich krähten: „Sagt den Deutschen, sie sollen Geld bringen, wir wollen zahlen!“ Beides wurmte die Aufrechten, aber schreiben durften sie es nicht, und wenn sie es doch taten, kam es nicht durch die Ressortabstimmung. Also, warum nicht gleich darauf verzichten? Oder brauchten sie die wahrheitsgetreue Version, zur Gewissensberuhigung oder zur Bestätigung ihrer Intelligenz?

Die Sitzung leitete Malke, das war schon mal gut. Ministerialdirektor Dr. Dr. Malke hatte Jura und Wirtschaftswissenschaften studiert, weil er damals kindlich neugierig war und sich nicht ausgelastet fühlte. Er hatte in beiden Fächern promoviert und pflegte sich, wenn er gute Laune hatte, mit „Dr. Dr. Oskar Oskar Malke“ vorzustellen. Und seine gute Laune wurde von Woche zu Woche stabiler, denn er ging bald in Pension. Den Wunsch des Ministers, noch „ein, zwei Jährchen“ dranzuhängen, hatte Malke mit wohlgesetzten Worten abgelehnt: höflich, bedauernd, alle Gegenargumente abschneidend, final. Malke wollte sich seinem Garten widmen und seinen Enkeln, die Reihenfolge enthielt eine Wertung. Er wußte, im Ministerium werde es genausogut auch ohne ihn gehen: Jede und jeder waren ersetzbar, und wurden sie ersetzt, so waren sie schnell vergessen. Die Zeiten waren nicht mehr danach, im Steuersystem, im Haushaltswesen oder in der Finanzpolitik Bleibendes zu stiften und historisch zu werden à la Schäffer oder Tietmeyer. Es wurde längst nicht mehr navigiert, es war bloß noch ein Sturz durch die Niagarafälle im zugenagelten Fass - wenig Steuerbarkeit, Ende bestenfalls offen. Malke fand angenehm, daß es für seine Pension aller Wahrscheinlichkeit nach noch reichen würde, jedenfalls wenn er nicht versuchte, die Sterbetafel (die von den Versicherungsunternehmen kalkulierte Tabelle der durchschnittlichen Lebenserwartung) allzusehr zu überbieten. Irgendwann würden der demographische Wandel - ein Rentenberechtigter pro Erwerbstätigem - und die Chinesen - zehn besser ausgebildete, fleißigere und anspruchslosere Konkurrenten pro Erwerbstätigem - das deutsche Wirtschafts- und Rentensystem demolieren. Auch deshalb lernten seine Enkel längst Mandarin. Alles Robert erzählt auf dem Heimflug von einer Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds, in aufgeräumter Stimmung und unter dem Beistand des Cognacs aus der Bordbar...

Malke verlor keine Zeit. Welche Abschnitte fehlten noch? Welche waren im Haus streitig? Welche Nachfristen waren realistisch, um zu liefern und unstreitig zu stellen? Wer schrieb den Sprechzettel für den Regierungssprecher? Und schließlich: Die Einleitung werde in ihrer jetzigen Form weder das Auswärtige Amt noch das Bundesministerium für Wirtschaft mittragen. Die beiden Absätze oben auf Seite 4 der Einleitung seien zu kritisch einigen südlichen Mitgliedstaaten gegenüber. Solche Werturteile überlasse die Bundesregierung besser der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament. Kaul meldete sich zu Wort: „Ich habe für diese Stelle schon eine neue Passage vorbereitet.“ Brav. Kaul, von teigigem Aussehen, zu Cord-Jacketts und Alliterationen neigend, um die vierzig Jahre alt und gelegentlich mild nach Ketchup duftend, war hausbekanntermaßen politisch von der Feldpostnummer, die in dieser Legislaturperiode über den Pforten des Auswärtigen Amtes und des Bundesministeriums für Wirtschaft stand. Er las feierlich einen fast undurchdringlichen Verhau von Text vor, aus dem nur die Bewertung hervorleuchtete, die Bundesregierung begrüße die in allen Mitgliedstaaten erzielten Fortschritte („den Wandel wirksam weiterentwickelt“) bei der finanziellen Konsolidierung und der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Das war ja nun das andere Extrem und genauso unakzeptabel. Robert verdrehte die Augen, Malke sah es und lächelte fein: „Herr Kollege, ich fürchte, Ihr Textvorschlag löst das Problem nicht. Wir sollten uns mit Werturteilen über andere Mitgliedstaaten generell zurückhalten. Das schließt auch positive Werturteile ein, und damit aus.“ Hätte gereicht, um den Vorschlag totzumachen. Aber Kaul hatte den Knopf gedrückt, und richtig, Depenhorst wurde gezündet. Robert lehnte sich zurück wie jemand, der eine Opera Buffa ins CD-Fach eingelegt hat, auf Play drückt und weiß: Noch ein, zwei Sekunden Stille, dann geht‘s so richtig los.

Depenhorst war eigentlich Ungar, das heißt sein Vater war Ungar gewesen, ehe er sich vor dem Gulaschkommunismus in Sicherheit gebracht hatte, ein stolzer Ungar mit einem Namen, den Deutsche weder aussprechen noch buchstabieren konnten. Darum hatte er den Namen der westfälischen Schönheit angenommen, die er sich mit seinem Honvéd-Husaren-Charme eroberte, und nun hieß also Depenhorst junior Depenhorst, sah aber aus wie ein Honvéd-Husar, dunkler Teint, Oberlippenbart und rote Weste inklusive, und hatte Paprika im Blut. Er begann vor Aufregung unter dem Tisch mit den Füßen zu trappeln und sagte nicht ohne Schärfe: „Ich weiß wirklich nicht, warum wir die Wahrheit scheuen sollten. Immerhin sind wir dem Parlament und den Steuerzahlern Rechenschaft schuldig. Von Konsolidierung und besserer Wettbewerbsfähigkeit kann in den Problemstaaten keine Rede sein. Die Strukturreformen kommen überhaupt nicht voran. Selbst was beschlossen wird, bleibt ungetan. Da herrscht eine andere Rechts- und Verwaltungskultur. Das muß auf den Tisch!“

„Herr Dr. Depenhorst, auf dem Tisch ist es ja nun schon, aber wie gesagt, das machen die Kollegen aus dem AA und aus dem BMWi nicht mit. Das kriegen wir nicht einmal bis in die Staatssekretärsrunde, dafür verkämpft sich unsere Hausleitung nicht, weil es aussichtslos ist.“

Wieder Kaul: „Ich habe meinen Text ein wenig überarbeitet, ich glaube, das könnte nun die Lösung sein.“ Sprach‘s, und verlas praktisch denselben Verhau, nur die Farbe des Lobes für die Konsolidierungsfortschritte war von Euphoria Rubin auf Euphoria Orange gedimmt. Dafür war jetzt Depenhorst im Gesicht rubinrot, aber nicht vor Euphorie.

Ehe er etwas sagen konnte: „Wir kommen so nicht weiter, meine Herren. Herr Runge, könnten Sie in Ihrem Referat einen Vorschlag erarbeiten?“ Das war erneut der richtige Zug, um aus dieser Sitzung schnell herauszukommen, und todsicher wußte Malke, daß Robert das wußte und außerdem wußte, daß Malke wußte, daß Robert das alles wußte; jedenfalls sahen sie sich in die Augen und lächelten anerkennend. Robert würde die politisch unsagbaren Sätze streichen und die Einleitung mit Versatzstücken aus dem Berichtsteil und mit etwas eigener Lyrik verlängern, möglichst viel umstellen und durchschütteln und alles sehr spät nachreichen, damit Hardliner wie Depenhorst keine Zeit zum Widerspruch mehr fanden und Kaul nicht auf die Idee kommen und herumerzählen konnte, er hätte etwas Brauchbares beigetragen. Und weil der neue Text aus Roberts Referat kommen würde, aus der Nähe zum Minister und zu den Büros der Staatssekretäre, würden alle davon ausgehen dürfen, Roberts Text entspreche den Wünschen der Leitung, und dadurch darüber hinweggetröstet sein, daß sie sich nicht durchgesetzt hatten.

„Selbstverständlich gern, Herr Dr. Malke!“

„Wunderbar, dann wären wir ja durch. Herzlichen Dank, meine Herren.“

Montag, 3. September, abends

Robert hatte den Wehrbeauftragten unterschätzt. Dieser Parlamentarische Abend hätte sogar ohne Abgeordnete funktioniert. Im Hintergrund spielte eine Bundeswehr-Combo Swing, im Vordergrund gab es ein ordentliches Buffet, im Hintergrund standen zwei Bierbuden, und sehr im Vordergrund schlenderten einige entzückend aufgemachte Frauen umher. Leider interessierten sie sich nicht für Robert. Sie umschwärmten die wenigen Abgeordneten, die denn doch da waren - meist Verteidigungsausschuß, teilweise Auswärtiger, ein paar aus dem Wirtschaftsausschuß. Allesamt Hinterbänkler, allesamt gut im Fleisch stehend und schlecht angezogen, mit an den Nacken klaffenden Jacketts, Schlipsmustern wie Kontaktanzeigen, tiefhängenden oder unter die Achseln gezogenen Hosen und Gesundheitstretern an den Füßen. Robert wußte: Der Aufzug konnte Tarnung sein, Mimikry für den Wähler, das gar nicht so unbekannte Wesen, der es nicht mochte, wenn sein Abgeordneter im Wahlkreis oder auf Fotos aussah wie Graf Koks von der Gasanstalt - außer, er war Graf Koks von der Gasanstalt, dann wurde er angehimmelt und durfte Hemden mit Umschlagmanschetten tragen und am besten ein Monokel noch dazu.

Ob nun schlank und chic oder nicht, diese Herren Abgeordneten hatten etwas, was Robert bei all seiner Schlankheit und trotz allem dezenten Chic seines Anzugs (sein Blaumann), seiner Zegna-Krawatte und seiner Budapester Schuhe fehlte, so, wie sie umlagert wurden von den jungen Dingern, vermutlich Mitarbeiterinnen in den Abgeordnetenbüros oder Praktikantinnen daselbst, oder Journalistinnen auf der Suche nach exklusiven Informationen. Die wußten wohl alle, wie hilfreich ein Volksvertreter sein konnte, um einen Broterwerb zu ergattern oder zu sichern. Einige sahen aus wie aus dem Studio von Dr. Dralle, gute Futterverwerter, aber manche wirkten wirklich sehr schnuckelig. Alle lauschten den Volksvertretern, die auf fünf, sechs Grüppchen verteilt standen, im Gespräch mit Offizieren diverser NATO-Armeen, Mitarbeitern des Bundestages und Lobbyisten. Überall führten vorwiegend die Abgeordneten das Wort, zwei von ihnen lachten gern dröhnend, vermutlich über die eigenen Späße. Der Wehrbeauftragte war nicht zu sehen. Robert war mit der Dreiviertelstunde Verspätung gekommen, die einhielt, wer sich Ansprachen ersparen wollte. Vielleicht war der Beauftragte ja nach seiner Begrüßungsrede gleich wieder hinfortgeeilt, den Kummerkasten leeren oder Stabsoffizieren die Beichte abnehmen? Sei‘s drum. Welche Eröffnungszüge gab es, um eines der Mädels kennenzulernen? Am besten am Buffet ansprechen, Motto „Wo steht denn hier der Senf?“

„Guten Abend Herr Runge, ich wußte gar nicht, daß Sie sich für die Arbeit des Wehrbeauftragten interessieren?“

Wer war das? Vor ihm stand eine echte Blondine um die dreißig, die er kannte, aber woher?

„Gabelsbach.“

Sie hatte erkannt, daß er hing.

„Ja, guten Abend, nett, Sie hier zu treffen.“

„Gabelsbach, BMU.“

Als ob ihm das half! Egal, erst einmal drüberwegreden. „Ja. Naja, ich war ja selber einmal Soldat, Wehrpflichtiger, das verbindet einen für immer mit dem Thema. Wir hatten damals einen Vertrauensmann, und jeder mußte den Namen und die Aufgaben des Wehrbeauftragten kennen, das wurde abgefragt, damit wir uns gleich an ihn wenden konnten, falls wir schikaniert würden oder so.“

„Ich bin mit meinem Minister hier.“

Ach ja! Das war die Persönliche Referentin von Bundesumweltminister Sebastian Rommel, mit dem Wüstenfuchs nicht verwandt und nicht verschwägert. Robert hatte sie hier und da in dem Männerlager gesehen, das sich bei Regierungskonsultationen, bei europäischen Ministerräten, bei Haushaltsklausuren und dergleichen bildete, wenn die meisten Mitarbeiter vor den Türen des Sitzungssaales warten mußten. Es war längst kein reines Männerlager mehr, der Frauenanteil im Öffentlichen Dienst hatte ja stark zugenommen, aber bei solchen Wartereien überwogen noch immer deutlich die Männer. Gabelsbach stach weder dort noch heute abend besonders hervor. Sie trug die Haare ungefähr kinnlang und kleidete sich unauffällig und in Naturfasern. Diesmal steckte sie in einer naturweißen, fast bis zu den Knien reichenden Jacke, die an eine Tischdecke erinnerte, eine eckige Tischdecke aus steifem Leinen: der kleine dicke Ritter Oblong-Fitz-Oblong im Textilpanzer. Dazu beigefarbene Leinenhosen und flache hellbraune Schuhe, die vorn rund waren wie Entenschnäbel. Nun ja. Sie trug kein Make-up, das (um fair zu bleiben) brauchte sie aber auch nicht - sie hatte einen frischen Teint und klare Züge.

„Nanu, was macht der Herr Umweltminister hier? Soll endlich nachhaltiger geschossen werden?“

Dabei wußte er gar nicht, ob sie Humor hatte, und falls ja, welchen.

„Der BMU ist auch zuständig für einige Hilfen, die wir zur Bewältigung umweltschädlicher militärischer Altlasten einigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion geben. Dabei werden von uns Berater aus der Bundeswehr und ehemalige Bundeswehrangehörige eingebunden, und darum gibt es durchaus Schnittmengen zwischen BMU und BMVg. Außerdem kennen sich mein Minister und der Wehrbeauftragte schon aus der Studienzeit.“

Aha. Tja, damit war dieses Thema wohl erschöpft. Und zwei der süßen jungen Dinger waren plötzlich im Mantel und verabschiedeten sich und waren also praktisch weg. Robert drehte sich unwillkürlich dem Ausgang zu und wußte nicht, was tun. Die Gabelsbach stehen lassen und den beiden nachlaufen? Das war kein guter Plan, er hätte sie am Buffet ansprechen müssen, aber vermutlich waren die ja längst am Buffet gewesen, bevor er hier ankam, die Chance am Buffet hätte sich gar nicht mehr geboten! Also hierbleiben, Gabelsbach loswerden und herausfinden, ob andere nette Damen übrig waren. Er wandte sich wieder Gabelsbach zu. Die sah ihn ungerührt an, obwohl sie ihn ja eben für ein paar Sekunden verloren hatte und das unmöglich verschlafen haben konnte - blöd war die gewiß nicht: Rommel galt als intellektuell fordernd, und weil er homosexuell war, ohne davon viel Aufhebens zu machen, und entsprechend verpartnert, hatte er sie als PR garantiert nicht für irgendwelchen außerdienstlichen Service engagiert. Das gab es natürlich auch, Persönliche Referenten mit höchstpersönlicher Zusatzleistung, aber nicht Gabelsbach, die bestimmt nicht! Mist, jetzt war er schon wieder offensichtlich unaufmerksam gewesen. Aber nun guckte sie, ihrerseits abgelenkt, über seine Schulter, so klein und dick wie Fitz-Oblong war sie nämlich gar nicht, und sagte: „Muß gehen, mein Minister bricht auf. Tschüs.“

„Tschüs.“

Er sah ihr nach. Sie hatte keinen Mantel. Sie bewegte sich gut.

Es wurde dann kein langer Abend mehr. Robert traf noch Jupp Lemberg, einen alten Bekannten vom Verteidigungsministerium, und er wurde dem amerikanischen Militärattaché vorgestellt, einem Colonel Baines. Der sah absurd attraktiv aus: groß, sandfarbenes Haar, blauäugig, mit kantigen und doch sympathischen Gesichtszügen, wie von der Besetzungsliste von Starship Troopers. Aber auch bei Frauen und Männern, die wie Models aussahen, stimmte die Gauss‘sche Normalverteilung, es gab unter ihnen denselben Anteil von Klugen und Doofen, Langweilern und Unterhaltsamen, Fiesen und Netten wie in der Gesamtbevölkerung. Baines schien humorvoll und intelligent zu sein, und er berichtete eindrucksvoll von seinen Erfahrungen als Soldat im Irak und in Afghanistan: Die Armee habe dort sozusagen lernen müssen, Suppe mit dem Messer zu essen. Anfangs habe sie nur das scharfe Schwert gehabt, geschmiedet für den klassischen Staatenkrieg und so gut wie unbrauchbar im Kampf gegen Aufständische und Terroristen und im Kampf um das Vertrauen der Bevölkerung, die eigentlich nur in Frieden gelassen werden wollte. Dann habe sich die Armee auf das Leben dieser Menschen eingelassen, habe in ihren Stadtvierteln und Dörfern kampiert, Haus an Haus, damit nicht mehr nachts die Terroristen kamen, um zu drohen und Unterstützung zu erpressen. Er und seine Kameraden waren um die halbe Welt geflogen und fünfhundert Jahre zurück in der Zeit. Sie hatten gelernt, helfen zu wollen, und hatten hier und da auch helfen können. Sie hatten in Lehmhütten gehockt und mit Vätern um getötete Kinder getrauert. Sie waren auf Patrouille Zielscheiben gewesen, Kameraden waren aus dem Hinterhalt verletzt und verstümmelt worden, waren gestorben. Aufopferung. Baines berichtete ruhig, eher untertreibend, und lächelte mitunter schmerzlich. Er hätte nicht besser um Sympathien werben können für die US Army und für die Bürde des wohlwollenden Hegemons, der sie entsandte. Robert war beeindruckt und ein wenig schuldbewußt, denn aus diesem Maelstrom von Furcht, Gewalt und Leid machten manche Leute Ballerspiele, und manche Leute spielten damit.

Dienstag, 4. September, vormittags

Der Minister war drin. Er sagte das selber so: „Ich komme rein.“, oder „Ich fahre rein“, oder eben: „Ich bin drin.“ Elvis in the house, the king in the building. Darum heute Morgenlage beim Herrn Minister. Gut für gesunde Ernährung, weil es für jeden einen Teller mit Obst gab, dazu Kaffee und Gebäck. Das alles bezahlte der Minister aus der eigenen Tasche, nicht aus Sorge um das leibliche Wohl seiner Mitarbeiter, sondern um keine Angriffsfläche zu bieten - er hatte den Freitisch als Tradition vorgefunden und es dabei belassen, nur eben skandalsicher finanziert. Für wichtige Gäste gab es eine ähnliche Bewirtung. Die zahlte der Steuerzahler.

Die Abteilungsleiter und Staatssekretäre trugen vor, meist kurz, es herrschte Flaute. Abteilungsleiter Fischer berichtete über eine Niederlage vor dem Bundesverfassungsgericht, in einem Bund-Länder-Streit über Fragen der Finanzordnung. Haberer war nun schon lange genug Minister, um den Vorlauf zu kennen. „Das war eine Niederlage mit Ansage, oder? Was wissen wir denn heute über die Rechtslage, was wir vor drei Jahren noch nicht gewußt haben?“ Aus dem Augenwinkel sah er, daß Staatssekretär Thon begonnen hatte, zu lächeln und mit dem Kopf zu nicken, als wolle er dem Minister zustimmen und dem gegenüber sitzenden Fischer signalisieren: „Das habe ich Ihnen doch gleich gesagt!“ Dabei war es genau andersherum gewesen: Fischer hatte gewarnt, und Thon hatte in Einklang mit dem Kanzleramt dafür geworben, es auf den Prozess ankommen zu lassen, denn er war eine Sockenpuppe des Herrn Bundeskanzlers und Vorsitzenden der größten Regierungspartei, ein treuer Parteisoldat im Öffentlichen Dienst, der überallhin geschickt wurde, wo der Kanzler einen Aufpasser brauchte. Derlei war üblich, die Koalitionspartner schickten einander Gefolgsleute als politische Beamte ins Haus, als gegenstrebige Fügungen im Gebälk der Regierung, die deren Vertrauensbasis und Stabilität erhöhen sollten, wobei diese Kundschafter aus einer anderen als der eigenen Partei im ministeriellen Alltag natürlich nach Kräften ignoriert und übergangen wurden, soweit es um die wichtigen Fragen ging. Aber der beamtete Herr Staatssekretär Thon war schon seit Jahrzehnten für den Kanzler unterwegs, er war es für ihn schon in der Landespolitik gewesen, und das machte Thon zu so etwas wie dem lebenden (wenn man es Leben nennen wollte) Leitfossil einer Kanzler-Kreatur und bewies, daß der Kanzler auf Haberer ein besonders wachsames Auge hatte. Das konnte als Kompliment gelten.

Haberer wandte sich zu Thon: „Herr Staatssekretär Thon, Sie lächeln und nicken, aber haben damals nicht vor allem Sie befürwortet, daß wir es auf das Verfahren ankommen lassen sollten? Haben Sie nicht vorhergesagt, die Länder würden sich nicht auf eine Klage einigen können, und falls doch, dann würde das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung wie gewohnt möglichst schonen, und wenn doch nicht, dann würde das Urteil erst nach Jahren kommen, und dann könnten wir noch immer bei seiner Umsetzung hinhaltenden Widerstand leisten? Da wären wir ja nun angelangt. Welche Vorschläge haben Sie denn, wie ein solcher legaler Widerstand bei der Umsetzung aussehen könnte?“

Thon wandte sich erst dem Minister zu: „Herr Minister, diese Frage habe ich sofort in die zuständige Abteilung geben lassen“, dann richtete er sich gegen Fischer auf: „und ich gehe davon aus, daß daran bereits mit Hochdruck gearbeitet wird.“ Fischer zog ein Gesicht, als hätte er plötzlich einen schlechten Geschmack im Mund. Offenbar hatte Thon keineswegs weit genug vorausgedacht und begann gerade erst mit dem Nach-unten-Treten. Daß er behauptete, er habe natürlich die lahmen Beamten längst darauf angesetzt, gefälligst Auswege zu suchen, richtete sich selbst; und jeder am Tisch kannte den Vorlauf und Thons Rolle darin und wußte auch, warum das entscheidende Wort in der Frage des Ministers das Wort „legal“ gewesen war - es gab keine legale Umgehung des Urteils, es war zu eindeutig. Nur blieb das alles unausgesprochen, denn mieser Stil ließ sich nur schwer in Worte fassen und zur Rede stellen, und wer das tat, stand obendrein schnell als unkollegial da, und das schützte Frettchen wie Thon und machte Beamte wie Fischer und Malke zu Stoikern, die sich auf ihre Pension freuten. Waren nicht angeblich Frettchen besonders beliebt bei medizinischen Experimenten zum Wohle der Menschheit, weil ihr Immunsystem so menschenähnlich auf gefährliche Bakterien und Viren reagierte? Wann wurden die Forscher endlich auf Thon aufmerksam?

Dienstag, 4. September, abends

Sie hatte ihn nicht nach dem Senf gefragt. Aber sie hatte ihn angesprochen, und sie hatte seinen Namen gewußt. Vielleicht hatte sie vorher Zeit gehabt, in ihrem Gedächtnis nach dem Namen zu kramen, aber er hätte den ihren wahrscheinlich selbst bei einigem Nachdenken nicht gefunden. Sie hatte die Möglichkeit gehabt, sich einer der ins Gespräch vertieften Gruppen anzuschließen, sich einfach irgendwo dazuzustellen, oder sie hätte sich abseits halten, an einem Getränk festhalten, den Empfang aus dem Hintergrund betrachten können. Aber alles das hatte sie nicht getan. Sie war zu ihm gekommen und hatte ihn angesprochen und ihn gefragt, was ihn herführte. War sie wirklich daran interessiert gewesen? Wenn ja, war sie bloß auf eine abstrakte Weise interessiert, einfach um einen Grund zu erfahren, auf den sie selber nicht gekommen war, spielte sie Denksportaufgaben mit sich selbst? Oder war sie dienstlich daran interessiert, warum ein BMF-Beamter beim Parlamentarischen Abend des Wehrbeauftragten herumstand? Beides war doch unwahrscheinlich. Also mußte sie wohl an ihm persönlich interessiert gewesen sein - gewesen, denn er hatte es ja wieder einmal mit Pauken und Trompeten vergeigt, so paradox das auch klang.

Robert joggte im Schloßpark Charlottenburg. Kaum Spaziergänger, das Wetter war zu unfreundlich. Ein paar Hundebesitzer, ein paar Jogger. Er drehte seine Runden und dachte so vor sich hin.

Sie war ruhig gewesen, sachlich, aktiv. Sie war auf ihn zugegangen. Er tat das anderen gegenüber nie, außer auf der Pirsch. Im Auswärtigen Amt unterschieden sie bei den dienstlichen Beurteilungen angeblich drei Idealtypen: den brillanten Analytiker, den soliden Praktiker (der wenigstens unfallfrei die Zeitung hereinholt) und den begnadeten Kontakter. Er hoffte für sich, er würde wenigstens als begabter Analytiker durchgehen; ein begnadeter Kontakter aber, der nach einer Woche Station an der Botschaft London selbst die Tauben am Trafalgar Square mit Vornamen kennt, so einer war er gewiß nicht. Vielleicht hatte ihn das Jurastudium deformiert? Der gute Jurist ist ein großer Reduzierer, der sieht in allem nur das für die Lösung des Falles Wesentliche, in jeder Konstruktion die tragenden Teile und also selbst in einem Karnevalszug im Grunde nicht mehr als Personen und Sachen. Ob dadurch im Lauf der Zeit die Neugier oder die Fähigkeit abstumpfte, die Fülle der Erscheinungen wahrzunehmen, sie gelten und auf sich wirken zu lassen, wenn und solange es keinen Fall gab, der zu ihrer Reduktion zwang? Führte die juristische Brille bei ihm zu einem Augen- und Gefühlsleiden? Jedenfalls: Robert war ein sehr passabler Jurist geworden, und noch dazu arbeitete er schnell, wirklich schnell. Das waren beruflich große Vorzüge. Sie hatten ihm von Anfang an eine weit überdurchschnittliche Belastung beschert, weil ohne Rücksicht auf Zuständigkeiten und Geschäftsordnung immerfort Mehrarbeit bei ihm landete, wie wenn ein unsichtbares Gefälle sie auf seinen Schreibtisch rollen ließ. Privat machten ihn seine Geschwindigkeit und Arbeitsauslastung wenn nicht zum Einzelgänger (oder besser: Einzelläufer), so doch zu einem Mann, der oft allein war, wenngleich selten einsam. Ihm blieb wenig Zeit für Geselligkeit, aber er vermißte sie auch nicht sonderlich, weil er Nabelschau langweilig fand, die den eigenen Nabel betrachtende ebenso wie die vergleichende Nabelkunde, und die meisten geselligen Anlässe boten, wie Robert fand, wenig mehr als das. Die Menschen waren nun einmal aus einer bloßen Handvoll von Grundmustern gemischt, für „Bauchnabel“ gab es nicht einmal ein Synonym, so gleich war er bei allen, waren sie sich alle, und das ging in Ordnung so, die überschaubare Menge der Charaktertypen und Interessen reichte vollkommen hin, um das Epos Menschliche Komödie in Gang zu halten. Wozu also freiwillig mehr Zeit darauf verwenden als unbedingt nötig? Drama und Individualität wurden überschätzt, fand Robert, das Streben danach war auch bloß ein Massenphänomen, und Originalität war höchst selten (erst recht auf der Berliner Veranstaltungswiese), vielleicht, weil alle durch dasselbe Bildungswesen, die gleichen Medien und das gleiche Konsumangebot geformt waren und weil es zuviel Lohnknechtschaft und zu wenig ökonomische Unabhängigkeit gab, ganz zu schweigen von den Freiräumen, in denen früher von Originalität bis Verschrobenheit alles Mögliche gedeihen konnte, als noch so viele in der Waldeinsamkeit lebten, als noch so viele ohne geistigen Austausch und abgeschnitten von Massenmedien waren, wie das arme Schulmeisterlein Wutz, das sich seine Bücher selber schrieb, und als wieder andere fast noch Autokraten sein konnten, mit persönlicher Gerichtsbarkeit über die eigenen Hintersassen und mit einem Pfarrer, der gefälligst zu predigen hatte, wie es dem Gutsherrn paßte, oder sich eine neue Stelle suchen mochte und am besten gleich „ins Elend gehen“. Selbst eine Lebensweise wie die von E. T. A. Hoffmann war doch heutzutage praktisch unmöglich: der Musikus, vorzügliche Jurist und Kammergerichtsrat, der Geheimbundromane und phantastische Erzählungen schreibt, sich regelmäßig im Weinkeller von Lutter & Wegner zu Berlin die Kante gibt und in Bild und Wort die herrschenden Gewalten verspottet. Über „E. T. A. Hoffmann als Jurist“ hatte Robert seine Doktorarbeit geschrieben. Seitdem spürte er manchmal die Hoffmannschen Bockshörnchen unter der Kopfhaut; aber noch hatte er dichtes Haar, da fielen sie nicht auf, und außerdem war er eben vernünftig und funktionierte, sachlich, kühl und schnell.

Noch zwei Runden für heute. Am Joggen liebte er vor allem die Erschöpfung. Er liebte es, an die Grenzen seiner Ausdauer zu gehen. Auch im Dienst waren ihm die Zeiten am liebsten, wenn er fast überlastet war, wenn er wenig Schlaf hatte, wenn nächtelang durchverhandelt wurde oder ein Schriftsatz fristwahrend fertig werden mußte - diese leicht euphorische Trance danach, die übergroße Klarheit des Blicks, der selbst weit Entferntes surreal deutlich heranholte, das waren für ihn Momente des Glücks. Darum mochte er auch Handkes „Versuch über die Müdigkeit“ so gern, während er für die Schilderung irgendwelcher Zen-Empfindungen irgendwelcher Beamter in irgendwelchen Stadtparks rein gar nichts übrig hatte. Mochte er Erschöpfung, weil sie die Langeweile betäubte? War nicht der Dienst bei aller Hektik Langeweile, ewige Wiederkehr des Gleichen, Warten auf die Pension, nur mit höherer Restlaufzeit als Malke? Gewiß, er war gut in dem, was er tat, und er würde noch eine ganze Menge Jahre gut darin sein, aber trat er nicht doch auf der Stelle, bei aller Geschwindigkeit und aller stillen Genugtuung darüber, wie schnell er die Bälle zurückdrosch, die auf ihn zuflogen? Kam da noch etwas, kam da noch jemand, mußte da nicht noch mehr sein? Seine Brüder, der ältere wie der jüngere, hatten jedenfalls beide Frau und Kinder und schienen ganz froh damit. Deutete seine Neigung, sich in wunschlos glückliche Müdigkeit hineinzulaufen, hineinzuarbeiten, womöglich auf eine Freude an Selbstauslöschung, eine Freude, die sich schwerlich mit anderen teilen ließ und jedenfalls keinen Platz bot für Miteinander, für Zweisamkeit und Nestbau? War er deshalb immer noch allein? War er womöglich bindungsunfähig, suchte er nur flüchtiges Jagdglück statt bäuerlicher Seßhaftigkeit und Bindung an die Olle, pardon, die Scholle? Bon, die Kalauerei arbeitete noch, die Schutzschilde waren oben. Immerhin: War es nicht seltsam, welche Gedanken die Erinnerung an Frau Gabelsbach da in ihm auslöste? Lernte er sich gerade selbst ein wenig besser kennen durch sie? Und welchen Eindruck mochte sie von ihm haben? Ein Trottel? Ein Träumer? Ein Mann mit Aufmerksamkeitsdefizit und schlechtem Namensgedächtnis? Träumer wäre schön.

Mittwoch, 5. September, mittags