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Auf einem unbewohnten kleinen Resthof erwacht die Natur aus der winterlichen Ruhe und muss erkennen, dass sie von einer seltsamen widernatürlichen Rattenplage heimgesucht wurde. Die Bäume und Sträucher jedoch sehnen sich nach Menschen, die dieses Grundstück wieder in seine einstige Schönheit zurückführen. Als Kanal ur-mütterlicher Kraft ist der Walnussbaum-Ahnin, die von allen liebevoll Großmutter genannt wird, die Macht gegeben das magische Lied der Göttin zu singen. In ihrer Liebe und Sehnsucht nach Menschen singt Großmutter Walnuss dieses Lied und ruft die älteste Fee des Feenwaldes im Norden herbei, die ihr den Wunsch nach Menschen gewährt. Doch die älteste Fee sendet Menschen an diesen Ort, die eine besondere Gabe aus dem Reich der Elfen und Feen besitzen, denn unter der Erde versteckt lauert eine Gefahr, die imstande ist, das Reich der Menschen von Mutter Erde zu trennen.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2022
ElfLynn
Großmutter Walnuss und das Lied der Göttin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Buchtitel
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Quellenverzeichnis:
Danksagung
Impressum neobooks
ElfLynn
Großmutter Walnuss und das Lied der Göttin
ElfLynn
Großmutter Walnuss
und das Lied der Göttin
Impressum
Texte: © 2020 Copyright by ElfLynn
Umschlag: © 2020 Copyright by ElfLynn Nachname
Verantwortlich
für den Inhalt: ElfLynn
Druck: neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Großmutter Walnuss
und
das Lied der Göttin
ElfLynn
Für den Walnussbaum
der in meinem Garten stand
und den ich liebevoll
Großmutter nannte
ElfLynn
Wanda Grandulatz hetzte mit ihren drei Söhnen über den tiefgefrorenen Ackerboden. Doch die erst vor zwei Wochen geborenen Söhne waren noch nicht schnell genug. Allein wäre sie schneller. Ihr Mutterinstinkt verweigerte sich diesen Gedanken. Es war schlimm genug, dass sie einen Sohn geopfert hatte. Sie hatte ihn zurück gelassen und eigentlich hätte sie ihn tot beißen müssen, aber das hatte sie nicht übers Herz gebracht. Der Schrei eines Habichts zerriss die Stille, tief duckte sie sich in die nächste Ackerrille und ihre Söhne folgten instinktiv ihrem Beispiel. „Sand und Stein, unsichtbares Gebein, weder fern noch nah, einfach nicht mehr da...“ Wanda flüsterte es in einem monotonen Singsang, nicht wissend, ob ihre Magie noch funktionierte - nach allem, was sie damit angerichtet hatte. „Sand und Stein, unsichtbares Gebein“, sie schloss die Augen in tiefer nach innen gerichteter Konzentration.
Leergefegt und vereist war der Ackerboden, denn es war Ende Januar. Weder Pflanze noch blanker Stängel boten Schutz vor den messerscharfen Augen ihres Feindes. Es war für Ratten keine gute Zeit unterwegs zu sein und schon gar nicht für Rattenbabys. Vorsichtig lugte sie nach hinten: wie eine Perlenschnur lagen die Söhne dicht in die Rille gedrückt hinter ihr und rührten sich nicht. „Sand und Stein, unsichtbares Gebein...“, abermals zerriss der grässliche Schrei des Habichts den Himmel, doch dieses Mal viel näher. Dicht kreiste er über den Acker, viel zu dicht. Sie würde ihre Söhne mit ihrem Leben verteidigen. Diese Entschlossenheit fraß sich durch ihre Angst, selbst in Anbetracht eines Gegners, dem sie nichts entgegen setzen konnte. Sie würde ihm den Magen füllen und ihre Söhne eine Zeit lang in Sicherheit bringen. „Meine Söhne“, echote es in ihrem Kopf... „einer von ihnen wird das Erbe in sich tragen und damit auch den Fluch, den ich über das altehrwürdige Geschlecht der Zauberratten gebracht habe“, glitt unverhofft genauso kreischend wie der Schrei des Habichts durch ihre Gedanken. Sie bereute zutiefst, doch Reue änderte nichts an den Tatsachen. Geschehen war geschehen. Genauso unerwartet hörte sie plötzlich die Luft, beinahe fauchend, zwischen den Schwingen ihres Fressfeindes. Ganz dicht flog er jetzt über den Acker. Sie schloss ihre Augen und inbrünstig wiederholte sie den Zauberspruch: „Sand und Stein, unsichtbares Gebein...“, das Fauchen der Luft verstummte, es schien, ihr Zauber funktionierte, denn den Augen eines Habichts entging normalerweise nichts. Wütend kreischte der Habicht, ein Schrei, der durch Mark und Knochen fuhr. Sie spürte das leichte Zittern ihrer Söhne. Dann flog der Raubvogel eine scharfe Rechtskurve und entfernte sich. Wanda Grandulatz erhob sich mit zitternden Flanken auf ihre Hinterbeine und prüfte den Horizont. Der Habicht war bei weitem nicht der schlimmste Feind, der sie bedrohte. Es gab Grausameres und Schlimmeres als den natürlichen Tod und diese Bedrohung kam aus den eigenen Reihen: Es waren die Elite-Ratten des Generals, von allen als Nebelratten gefürchtet. Kein Seelchen verließ die Rattenkolonie des Generals lebend. Sie reckte ihr Schnäuzchen in die Luft, gelblich kamen ihre Nagezähne zwischen der gespaltenen Oberlippe zum Vorschein. Oh, sie kannte das Geheimnis des Generals, das düstere Geheimnis seiner unseligen Macht und sie wusste, dass er sie töten würde, so oder so. Warum sie ausgerechnet über diesen Acker floh, wusste sie nicht. Auch die anderen Felder waren öde und lagen tiefgefroren brach. Es blieb letztlich egal, auf welchen Acker sie gemeinsam mit ihren Söhnen ihren letzten Atem aushauchen würden - sie aber wollte leben!
Sich in den Horizont vertiefend blieb ihr Herz an dem alten Kotten hängen, von dem sie geflohen waren. Dieses Stück Land von Menschen verlassen, hätte ihr Paradies werden sollen. Düster und drohend ragten die zwei Schornsteine des Wohnhauses in den eisigen Januarhimmel. Nebelgrau zeichnete sich die Silhouette der Baumgruppe im südöstlichen Teil des Gartens ab. Unglück hatte sie über das Land gebracht. Noch ahnten diese Bäume nichts, sie schliefen tief in ihren Wurzeln. Zitternd drängten sich die Söhne an den dichten Winterpelz ihrer Mutter. „Ich muss einen heiligen Ort finden“, schoss wie ein Blitz durch ihre Gedanken. „Weiter!“, herrschte Wanda ihre Söhne an, schärfer, als sie es beabsichtigt hatte. Sie würde dieses Land nie wiedersehen, sie ahnte es. Ein kaltes inneres Frösteln griff nach ihr, wollte sich ihrer Seele bemächtigen. Sie konnte fühlen, wie sich die unheilvolle Macht des Generals auf sie richtete wie ein suchender Scheinwerfer auf Geflüchtete. Sie wusste es: Die Nebelratten hatten die Verfolgung aufgenommen. Sie rannte so schnell sie konnte und wusste nicht, ob ein heiliger Ort überhaupt in der Nähe war.
Das süßliche Aroma der Rapsblüten und ein milder Frühlingshauch lockten einen Schmetterling zu der Baumgruppe des alten Kotten. Der Zitronenfalter ließ sich südwestlich des Grundstücks auf den Birnbaum vor dem Haus nieder, setzte seinen Rundflug in nordöstlicher Richtung fort, zum kleinen Holundertriebling, über die bereits verblühende Forsythie zum Walnussbaum und weiter zum Kirschbaum, der im äußersten Nordosten des Grundstücks weilte und schließlich nördlich zu den vier hohen Tannen. Er flatterte erneut in Richtung Walnussbaum und kam an zwei kleinen Apfelbäumen vorbei, die zwischen den Tannen und dem Walnussbaum noch im winterlichen Schlaf ruhten. Bevor er auf den Walnussbaum landete, schien er es sich jedoch anders zu überlegen und flog zu dem mächtigen Holunderstrauch in der Mitte des Grundstücks, von dort in einer tollkühnen Aktion hoch hinauf der Sonne entgegen. Zitronengelb blitzte er im wolkenlosen Himmel auf. Eine Bö ergriff ihn und trug in fort. Als habe der Schmetterling die Seelen wach geküsst, regte sich der Walnussbaum zu neuem Leben.
”Oh... Großmutter! Auch schon aufgewacht?”, grüßte die Forsythie schnippisch, die schon lange vor den anderen erwacht war.
”Habe ich deine Blüte verschlafen?”, der Walnussbaum knarrte freundlich.
”Ja, wie jedes Jahr – aber nicht nur du, die kleinen Apfelbäume auch. Wahrscheinlich sind die hinüber. So, wie wir alle, wenn nicht Menschen einziehen und für Ordnung sorgen.”
”Menschen?“ gähnten die Apfelbäumchen,”Wo sind sie? Wann kommen sie?”
”Das Aufwachen hättet ihr euch sparen können. Unser Nährboden ist vom Gras und Unkraut des letzten Sommers immer noch überwuchert. Sie werden weiter wuchern und unsere Wurzeln werden keine Lebenskräfte mehr ziehen können. Wir sind geliefert”, kommentierte die Forsythie ungefragt.
”Wir wollen leben!”, wimmerten die kleinen Apfelbäume „Wir haben unsere Lebensmitte noch gar nicht erreicht... schon jetzt soll es vorbei sein?”
”Nun”, beschwichtigend knackte der Walnussbaum mit seinen noch kahlen Ästen, als bräche er den letzten Frost aus den dürren Zweigen, ”der Jahreslauf hat gerade begonnen. Wir wissen nicht, was die Zukunft uns bringt. Wir sollten mit Mut und Zuversicht austreiben.“
„Dieses Jahr schaffe ich es, Großmutter Walnuss!“, unterbrach die schrille Stimme des Kirschbaums im nordöstlichen Teil des Grundstücks, „Ich bin schneller, größer und besser, und bald werde ich eine mächtige stolze Eiche sein!” Auch der Kirschbaum war vor dem Walnussbaum erwacht und schien in den Jahresrhythmus mit aller Wucht hinein zu preschen.
”Warum willst du eine Eiche sein?“, fragte Großmutter Walnuss irritiert, „deine dunkelroten Kirschen erfreuen die Menschen doch und nähren sie sogar”.
”Nein, nein, nein!”, weigerte sich der Kirschbaum heftig, er kreischte es fast, ”Menschen können mir gestohlen bleiben, die schneiden meine Äste, damit ich jedes Jahr mehr Früchte tragen soll. So kann ich keine Eiche werden. Ich bin froh, dass im Haus keine Menschen wohnen, endlich kann ich verwildern und zu dem zurückkehren, was wir alle waren: Eichen! Wisst ihr denn nicht, dass jeder Baum eine Eiche war? Nur durch das Zurechtschneiden der Menschen entstanden die verschiedenen Baumsorten.”
Großmutter Walnuss lachte: ”Bevor ich ein Walnussbaum wurde, war ich eine kleine Walnuss.”
Dicht neben der Forsythie piepste ein besonders zartes Stimmchen: ”Mich hat meine Mutter geboren. Sie steht in der Mitte des Gartens und sagt, dass ich heilig bin. Ich bin ein Holunder, der Göttin Frau Holle geweiht...”
”Still meine Tochter“, flüsterte die Mutter des Trieblings, ”wir schwätzen und plappern nicht, dienen den Menschen, die uns ehren, indem wir sie schützen.“
Die Bäume schwiegen bestürzt, nicht wissend, ob sie die Holunder für ehrwürdig oder hochmütig halten sollten.
Die Forsythie schaukelte missbilligend im Frühlingswind und verkniff sich eine Antwort.
„Menschen...“, seufzte Großmutter Walnuss und blickte sehnsüchtig zum Haus „Ich wünschte, Menschen würden der Verwilderung ein Ende machen - ob der Birnbaum welche entdeckt, wenn er durch die Fenster schaut?“
”Gib mir Arme“, forderte die Forsythie keck, „Ich grabe meine Wurzeln aus und schaue selber nach”.
Die Apfelbäume kicherten, doch der Kirschbaum empörte sich: ”Du wirst niemals eine Eiche, du bist einfach zu blöd! Ein Baum mit Arme! Das ich nicht lache. Und selbst wenn du welche hättest, mit Wurzeln kann man nicht laufen. So was Dummes habe ich ja noch nie gehört.”
”Also meine Freunde“, der Wind trug die Stimme des Birnbaumes heran, der den Wunsch von Großmutter Walnuss gehört hatte und nur zu gerne bereit war, ihr diesen Wunsch zu erfüllen:„Menschen sehe ich nicht im Haus. Was ich aber sehe wird euch nicht freuen.”
”Sag es”, drängte Großmutter Walnuss.
”Ratten! Im Haus sind Ratten. Sie machen sich an den Wänden und Zimmerdecken zu schaffen, haben den Holzfußboden durchgefressen. Es scheint, sie wollen das Haus zu ihrer Rattenburg machen.” Nach einer Weile fuhr er fort: ”In so ein Haus ziehen keine Menschen mehr. Nee, wir werden uns damit abfinden müssen. Oh weh, so viele Ratten.”
”Seht ihr?”, frohlockte der Kirschbaum, ”ich habe es gewusst, wir alle werden Eichen und nie wieder werden sie uns zu Leibe rücken, um an uns zu reißen und uns unsere Früchte zu nehmen!”
Traurigkeit erfüllte die anderen bei dem Gedanken, nie wieder mit Menschen zusammen zu sein. Zu gern nahmen sie Anteil und beobachteten das Leben und Schaffen der Menschen. Nein, sie wollten sich nicht abfinden, dazu liebten sie die Gesellschaft von Menschen zu sehr. Sie hofften allen Widrigkeiten zum Trotz. Hofften viele Tage und viele Nächte. Im Juni verkündete Großmutter Walnuss: „Heute ist der Tag der Sommersonnenwende. Erinnert ihr euch, dass die Menschen einst an diesem Tag den Sommeranfang feierten und heilige Feuer zu Ehren von Mutter Erde entzündeten?“
Die Forsythie erwiderte vorlaut: „Jetzt komm uns nicht mit Märchen, die über den Ernst der Lage hinweg trösten sollen.“
„Sie hat recht!“, piepste der kleine Holunderzweig leise. „Meine Vorfahren haben mir davon erzählt. Es gab eine Zeit, da hatten die Menschen einen lebendigen Kontakt zu uns. Sie ehrten und feierten die Jahreskreisfeste, den Zyklus von Mutter Erde, Mutter Sonne und Mutter Mond. Wir Holunder sind auch heilig, weil wir oft von Dryaden beseelt sind, die viele tausende Jahre alt sind.“
„Was für ein Quatsch!“, kommentierte die Forsythie abfällig.
Großmutter Walnuss säuselte: „Dir Forsythie, würde das weise Wesen einer Dryade sicherlich auch gut tun!“
„Das fehlte noch! Soll ich mich mit einem Baumgeist abquälen und vielleicht einer höheren Bestimmung folgen? Also bitte, meine lieben Bäume, wir können nicht alle so durchgeknallt sein, wie der Kirschbaum!“
„Eh, Vorsicht!“, drohte der Kirschbaum „Ich habe keinen Baum-Dryade-Geist oder wie das heißt, da kannst du dir sicher sein. Nein, ich allein wandle mich zu meiner wahren Bestimmung, ich werde die erste Eiche in diesem Garten sein“, sagte der Kirschbaum und verstummte.
Die Apfelbäume wurden neugierig und wollten wissen, was es mit der Sommersonnenwende auf sich hatte. Großmutter Walnuss verriet, dass an diesem besonderen Tag die Sommerelfen und Feen Wünsche erfüllten. Sie wollte diesen magischen Tag nutzen, um die Hüterinnen der Natur um Hilfe zu bitten. Menschen sollten dieses Haus wieder bewohnen und der Verwahrlosung ein Ende machen.
„... und die Ratten vertreiben!“, ereiferte sich die Forsythie, denn dieser Gedanke gefiel ihr.
Eine Ratte hatte sich unbemerkt angeschlichen und war Zeuge der Unterhaltung geworden. Sie war empört: „Ihr wollt uns vertreiben?“
Schlagfertig grummelte die Forsythie: „Ich bin eine heilige Forsythie. Ich spreche nicht mit Tieren!“
Wieselflink schoss der Nager unter den Forsythienbusch: „Und ich bin eine Ratte, gehöre zu den Nagetieren, weißt du, was ich mit deiner Rinde und deinen Wurzeln anstellen kann?“
„Iiiiiih!“, schrie die Forsythie angewidert, „geh runter von mir!“
Eine weitere Ratte näherte sich: „Rupatz! Mit wem sprichst du?“
„Ah, da kommt mein Truppenführer Ratz, der zufälligerweise auch mein Vetter ist. Jetzt wirst du ein Geständnis ablegen!“ forderte Rupatz, „Ihr alle werdet euren Hochverrat zugeben!“
Doch die Bäume raschelten im Wind, sprachen nicht mehr.
„Späher Rupatz!“, rief der Truppenführer genervt „Melde mit wem du gesprochen hast!“
„Jawohl!“, salutierte Rupatz „Melde gehorsamst, habe mit dem vorlauten Gebüsch gesprochen und war Zeuge einer Verschwörung der Bäume gegen uns!“
Der Truppenführer baute sich bedrohlich vor Rupatz auf und brüllte ihn an: „Hat man dir ins Hirn geschissen? Bäume sprechen nicht!“
„Aber“, entgegnete Rupatz vorsichtig „ich kann es beweisen!“ Er sprang auf die Forsythie und krabbelte an ihren Zweigen entlang. Nichts geschah. Er kratzte an ihrer Rinde, riss sein Nagergebiss auf und begann die Rinde abzuschälen. Keinen Mucks gab die Forsythie von sich.
„Bist du völlig bekloppt geworden, oder was soll diese Aktion darstellen!“, brüllte Truppenführer Ratz.
Kleinlaut musste Rupatz zugeben, dass er dumm dastand. Der Truppenführer schüttelte den Kopf und befahl ihm auf seinen Späherposten zurück zu kehren. Er nannte ihn Knalltüte und drohte, dass verrückt gewordene Ratten verbannt wurden. Rupatz wusste, dass eine Verbannung aus dieser Kolonie, ein Todesurteil war. Niemand verließ diese Kolonie lebend. Den Verbannten wurden Elitesoldaten nachgesandt, um das Urteil zu vollstrecken. Das war ein offenes Geheimnis.
Kaum waren die zwei Ratten außer Hörweite, jaulte die Forsythie vor Schmerz. Ihr war klar, dass sie den angenagten Ast vertrocknen lassen musste, damit im Winter der Kältetod nicht in ihren Wurzelstock eindringen konnte. Hokuspokus hin oder her. Sie war bereit, selbst nach einer Sommerfee Ausschau zu halten. Diese militante Ratte war ihr Feind, dessen war sie sicher. Wenn keine Menschen kamen, um die Ratten zu vertreiben, würde sie von diesem Fellsack gemeuchelt.
„Seltsam“, murmelte Großmutter Walnuss leise. In den vielen Jahren ihres Lebens, waren ihr etliche Tiere begegnet, darunter auch Wanderratten, doch keine war militärisch organisiert wie diese und keine von ihnen hatte die Sprache der Bäume verstanden.
Eine Horde von zwanzig Ratten schlich durch das hohe Gras auf den Walnussbaum zu. Die Bäume erschraken: Der Birnbaum hatte recht, denn hier würden keine Menschen einziehen. Das Land war erobert, unbewohnbar für Menschen. Großmutter Walnuss beobachtete die Ratten. Ihr militärisches Benehmen war mehr als ungewöhnlich. Es war besorgniserregend. Sie schienen von einer seltsamen Energie umgeben, einem Bann oder Fluch. Dann erblickte sie den Anführer der Ratten, doppelt so groß wie die übrigen, bedrohlich anders in seinem Auftreten. Von ihm ging der unsichtbare Zauberfluch aus. Großmutter Walnuss fühlte eine böse Magie und fröstelte. Sie war froh, dass die anderen dies nicht bemerkten. Mutter Holunder raschelte in einem kaum spürbaren Wind und der Walnussbaum wusste, dass auch sie unter der Gegenwart dieses Wesens erzitterte. Der Anführer erreichte mit seiner Truppe den Walnussbaum und gab Befehl, das umliegende Gras abzusuchen. Er selbst zog sich in seine unterirdischen Gemächer zurück. Noch lagerte seine Kolonie in Höhlen nah am Haus. Doch bald würden sie die Burg in ihren Besitz nehmen. Die sonst unterirdisch lebenden Wanderratten würden emporsteigen unter seiner Herrschaft auf das Niveau der Hausratte. Dies aber wäre erst der Beginn seines Imperiums. Er würde ein neues Rattenzeitalter einleiten und die Menschen zum Kulturfolger der Ratten machen. Er hasste Menschen. Sie waren gnadenlose, unbarmherzige Herrscherratten, duldeten keine anderen Ratten in ihrer Nähe, hielten sich für etwas Besseres und verleugneten ihre Rattenabstammung. Er bezeichnete sie auch gern als Glatzratten, weil sie kein Fell trugen und ihre Nacktheit anderweitig bedecken mussten. Getreu ihrem Vorbild eroberte der General niederwerfend, vergewaltigend und räuberisch die Ratten-Kolonien der Umgebung. Wer sich ihm widersetzte, wurde getötet. Unter seiner Herrschaft gab es nur einen Willen: seinen! Die ihm gegebene Macht setzte er erbarmungslos gegen jeden ein. Der Ursprung dieser Macht war sein streng gehütetes Geheimnis. Niemand wusste von dem Ursprung der Macht, niemand sollte es wissen und jene, die es gewusst hatten, hatte er töten lassen. Durch die Verschmelzung mit jener Macht hatte er sein gewöhnliches Rattenleben als Bisaratz beendet und sich selbst zum General erhoben. Er fühlte tief in sich, von gleicher Art wie die Menschen zu sein, deshalb wusste er auch, dass sie in Wahrheit Ratten waren, und sich lediglich Menschen nannten. Es war nicht nur sein Recht, sondern auch seine Pflicht, alles Schwache und weniger Intelligente unter seine Macht und seine Herrschaft zu zwingen.
Einsam durchwachten die Bäume die Nacht, hofften auf eine vorbei eilende Fee. Und wieder blieb dieses Land sich selbst überlassen. Großmutter Walnuss liebte dieses Land, ihre Freunde und die Menschen. Als alte und weise Baum-Ahnin besaß sie die magische Fähigkeit, die älteste Fee eines Waldes herbeirufen zu können, die ihr einen Wunsch gewähren würde. Aber kein Baum, der diese magische Fähigkeit je angewandt hatte, lebte danach länger als fünf Jahre. Deshalb hatte sie gehofft, eine Fee würde die Baumgruppe zufällig besuchen, denn dies war in der Vergangenheit manchmal geschehen. In der Nacht zur Sommersonnenwende kamen die Sommerelfen und Feen vom Feenwald im Norden um verschiedene Bäume mit ihrem Segen zu beschenken. Meist hatten die anderen Bäume diese besondere Nacht verschlafen und weil es nicht sicher war, wann die Feen das nächste Mal auftauchten, hatte Großmutter die wenigen Begegnungen mit den Feen allein erlebt. Großmutter Walnuss traf eine Entscheidung: „Also gut, ich werde das magische Lied der Göttin singen und die älteste Fee herbei rufen!“
„So ein Lied kenne ich nicht!“, platzte die Forsythie heraus.
„Tu es nicht!“, warnte der Birnbaum, „der Preis dafür ist zu hoch.“
„Eh, Leute, habe ich den Hauptteil nicht mitbekommen?“, plapperte die Forsythie, „lasst das Bäumchen singen, wenn es singen möchte.“
„Bäume, die dieses Lied sangen, lebten danach nicht länger als fünf Jahre“, knarrte Großmutter Walnuss bedächtig, „niemand weiß, was aus den Baumseelen wurde. Wir weisen Bäume wissen deshalb nicht, ob das Singen dieses Liedes erlaubt ist. Es könnte unsere Rettung sein, aber vielleicht nur die eure.“
„Das würdest du für uns tun?“, fragten die Apfelbäume ergriffen.
„Ich bin der Kanal urmütterlicher Kraft für dieses Grundstück und für euch“, erwiderte Großmutter Walnuss leise, „wenn ich es nicht tue, wer dann?“
„Soll es die Mutter des Holunderzweigs tun!“, erwiderte die Forsythie schnippisch, „die ist doch ach so heilig, der kann das bestimmt nicht schaden!“
Großmutter Walnuss lächelte amüsiert: „Du hast gehört, die heiligen Holunderbüsche sind zum Schutz der Menschen da. Ich aber bin für euch da!“
„Möge die älteste Fee des Waldes uns dafür Menschen schicken, die dich lieben wie wir“, wisperte der Birnbaum mit zitternder Stimme. Andächtige Stille breitete sich aus. Großmutter Walnuss begann sich kaum merklich rhythmisch zu bewegen, als tanze sie. Dabei gerieten starre und elastische Holzfasern aneinander, wurden gedehnt, sanft gedreht und zusammen gedrückt und erzeugten melancholische, sanfte und gleichsam quietschende Klänge, den Klängen der Walgesänge ähnlich. Von dieser Melodie ging eine sonderbare Wirkung aus. Der heilige Gesang erfüllte den Garten mit einem irisierenden Licht. Als der Gesang endete, stand unter dem Walnussbaum die Silhouette einer Fee, ihre großen silbrig schimmernden Flügel bewegten sich sanft und lautlos: „Du hast mich gerufen. Ich bin Kayleen, die älteste Fee aus dem Feenwald dort oben auf den Hügeln im Norden, dessen Silhouette ihr sehen könnt, wenn ihr eure Blicke erhebt.“ Ihre zarte Hand wies nach Norden über die stummen Tannen hinweg: „So wie du mich gerufen hast, werde ich dich rufen, wenn deine Zeit gekommen ist, die ich bestimmen werde.“
Es schien als wartete sie auf eine Antwort. Großmutter Walnuss raschelte mit den Blättern: „So sei es.“
Kayleen nickte: „Wie lautet dein Wunsch? Was kann ich für dich tun?“
„Töte sie nicht, tu ihr nichts, verschone ihr Leben!“, kreischte die Forsythie außer sich. Von ihrem frechen Mundwerk schien nichts geblieben. Niemals hatten die Bäume die Forsythie in dieser Art erlebt. Die Fee des Waldes lächelte weise: „Weißt du eigentlich, dass du zu der Gattung der Sträucher zählst, liebe Forsythie? Du gehörst nicht zu den Bäumen und dennoch lieben sie dich, als wärst du eine von ihnen.“
„Natürlich weiß ich das!“, trumpfte die Forsythie keck auf, kleinlaut fügte sie hinzu: „...aber ich hab gehofft, die anderen würden es nicht merken!“
„Nun denn“, wandte sich Kayleen an Großmutter Walnuss, „nenne mir deinen Wunsch.“
„Ich wünsche Menschen herbei, die in dieses Haus einziehen, diesen Garten pflegen... es dürfen auch kleine Menschen dabei sein, die an unseren Ästen rupfen, ihr Spielzeug überall liegen lassen und lustige Dinge tun.“
Kayleen nickte: „Es soll geschehen! Die Menschen, die ihr euch gewünscht habt, werden kommen und zwei kleine Kinder mitbringen.“ Sie blickte sich noch einmal um, dann erhob sie ihre Arme in einer anmutigen und dennoch kraftvollen, magischen Art:
„Etwas Gutes wird nun geschehen
und Schlechtes muss am Ende gehen.
Bedenkt bei alledem:
was geschehen soll, wird geschehen,
es bleibt beim Kommen und Gehen.
Das Eine gebe ich euch,
das andere lasse ich euch –
doch eines wird nie geschehen.“
Dann war Kayleen verschwunden.
In die entstandene Stille hinein seufzte Großmutter Walnuss: „Wir haben allen Grund zu hoffen.“
„Ja“, säuselten die Bäume. Nur der Kirschbaum blieb stumm, er war zu sehr damit beschäftigt, eine Eiche zu werden und hatte das Kommen und Gehen der Fee des Waldes nicht bemerkt.
Am Morgen suchte Rupatz seinen Truppenführer auf: „Späher Rupatz meldet gehorsamst ein verdächtiges Leuchten gestern Nacht, als weiteren Beweis für die Verschwörung dieser Bäume!“
„Dieses verdächtige Leuchten, Späher, begleitet den Wechsel von der Nacht zum Tag. Man nennt es Dämmerung!“, erklärte der Truppenführer betont ruhig.
„Mit Verlaub“, entgegnete Rupatz mutig, „nach dem Leuchten war es wieder stockdunkel!“
Die anwesenden Soldaten kicherten: „Wahrscheinlich, weil du eingeschlafen bist.“
Zutiefst gekränkt blickte Rupatz zu Boden und Truppenführer Ratz schickte ihn fort. Dieses absonderliche Verhalten des Spähers musste der Truppenführer unverzüglich dem General melden. Alles gehörte zu jeder Zeit unter Kontrolle. Jede Abweichung von der Norm musste angezeigt werden. Truppenführer Ratz war dem General bedingungslos ergeben. Gehorsam war für ihn eine Frage der Ehre. Diese Einstellung hatte ihn zum Truppenführer über die Soldaten gemacht und nichts anderes hämmerte er seinen Soldaten ein. Die Soldaten des Generals unterwarfen nicht nur die anderen Rattenkolonien, sondern überwachten gleichzeitig das Volk. Ihre Aufgabe war, die Diktatur des Generals umzusetzen, sowohl gegen fremde Rattenstämme als auch innerhalb des eigenen Volkes. Truppenführer Ratz fürchtete den General nicht, sondern blickte ehrfürchtig zu ihm auf. Der General war groß, stark und mächtig, ihm gebührten Respekt und Gehorsam.
Die Loyalität seiner Untertanen, deren Angst und auch ihre Unterlegenheit nutzte der General, um seine Machtposition ständig vorzuführen, das schaffte Respekt und er wusste die Loyalität seiner Untertanen zu nutzen. Vor zwei Monaten hatte es einen Zwischenfall gegeben mit einer Ratte, die es gewagt hatte, den Machtanspruch des Generals in Frage zu stellen. In geflissentlicher Ausübung seiner Pflicht, hatte Truppenführer Ratz auch diese Ratte beim General angezeigt. Wanda Grandulatz war ihr Name und sie hatte behauptet, einem alten Zaubergeschlecht zu entstammen, wodurch sie angeblich besondere Fähigkeiten besaß. Dem Truppenführer kam Rupatz’ Verhalten und seine Behauptung, er könnte mit Bäumen sprechen, auffällig ähnlich vor. Vielleicht war dieses von der Norm abweichende Verhalten durch eine Verwandtschaft hervorgerufen, als Ausdruck eines Gendefekts, was seine Meldung über den Späher Rupatz geradezu zwingend machte. Der Truppenführer wollte keine Zeit verlieren und seinen Pflichten unverzüglich nachkommen.
Nachdem der Truppenführer den ehrenwerten General unterwürfig gegrüßt hatte, berichtete er ausführlich vom sonderbaren Verhalten seines Spähers Rupatz. Misstrauen regte sich im General, listig kniff er seine rabenschwarzen Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Wanda Grandulatz war ihm nur allzu gut bekannt. Als normale Ratte mit dem Namen Bisaratz hatte er sie einst geliebt – aber als General hatte er sie und alle ihre Kinder töten lassen. Es war unmöglich, dass eines der Kinder überlebt hatte.
„Wanda Grandulatz überlebte die Verbannung nicht, sie nicht und ihre Nachkommen nicht. Als wir im Winter dieses Land in Besitz nahmen, hatten wir im Januar freiwilligen Zulauf aus der Umgebung. Mag sein, dass er der Sohn einer der zugelaufenen Mütter ist. Jedenfalls kann von Verwandtschaft mit der Zauberratte keine Rede sein. Es ist nicht möglich.“
Truppenführer Ratz nickte unterwürfig. Nie würde er die Worte des obersten Machthabers anzweifeln. Das abnorme Verhalten des Spähers war zur Kenntnis genommen worden, damit war seine Pflicht erfüllt. Er wusste ohnehin, dass allein sonderbares Verhalten Grund genug war, einen Soldaten zu degradieren.
Als Späher Rupatz die Aufforderung erhielt, sich beim General zu melden, ahnte er schon, dass sein Truppenführer ihn gemeldet hatte. Rupatz war überzeugt, dass er wesentlich zum Schutz der Kolonie beigetragen hatte. Vielleicht stand eine Beförderung für ihn in Aussicht? Nichtsahnend stand er jetzt vor dem General und salutierte unterwürfig. Dunkel und undurchschaubar musterten ihn die schwarzen Augen des Generals. Doch außer ängstliche Unterwürfigkeit konnten sie an und in Rupatz nichts sehen. Zur Sicherheit umkreiste der mächtige General den ängstlichen Rupatz. Tief sog er die Luft und den Geruch der Soldatenratte ein. Er nahm Witterung auf. Jedes Quäntchen Magie würde er wittern können, jeden Gendefekt, jede Abnormalität und er würde diesem Leben sofort ein Ende setzen. Doch nichts witterte er und entspannte sich. Es war ohnehin von Anfang an unmöglich gewesen, denn die Magie der Zauberratten vererbte sich nur an eine Tochter, das wusste er. Vielleicht war diese Ratte einfach nicht imstande ihrer Verantwortung als Späher gerecht zu werden? Taugte wahrscheinlich nur für einfache Hilfsarbeiten. Er beschloss, Rupatz zu den Arbeitsratten ins Haus abzukommandieren: „Noch immer haust mein Volk in unterirdischen Höhlen, anstatt standesgemäß in gleicher Behausung wie die Menschen zu leben. Ich halte dich für geschickt, mir den angemessenen Rahmen unter der Leitung des Obergefreiten Motz zu verschaffen.“ Mit einer kurzen Kopfbewegung entließ der General den ehemaligen Späher Rupatz.
Wie ein Schlag ins Gesicht peitschten die Worte in Rupatz’ Ohren: Er war seines Soldatenstatus enthoben und zur Arbeitsratte degradiert worden. Enttäuschung brannte in seinen Augen, seine bedeutungsschweren Beobachtungen erhielten keine entsprechende Würdigung. Er bestätigte den Befehl mit einem energischen „Jawohl!“ und verließ den General sich dem Befehl beugend. Er trottete zum Haus: „Auch gut“, dachte er trotzig, „wenn mir sowieso keiner glaubt, kann ich ohnehin nichts mehr machen.“
Ein riesiges Rattenloch neben der Regentonne diente als Haupteingang. Flink huschte Rupatz hinein und gelangte in den Keller. Er trippelte die Kellertreppen hinauf und durch die halb geöffnete Kellertür in eine Deele. Über ziegelsteinrote Bodenfliesen flitzte er in die Küche. Hier standen einige Möbel an der Wand und er fand seinen neuen Vorgesetzten Motz, der eine Gruppe Arbeitsratten mit verschiedenen Aufgaben betraute. „Späher Rupatz meldet sich zum Innendienst“, grüßte er.
Motz betrachtete Rupatz prüfend, nickte wohlwollend: „Willkommen, Kamerad.“ Er führte Rupatz durch das Haus und zeigte ihm verschiedene, angelegte Gänge. Dazu erklärte er: „Wir müssen geheime Gänge, durch die wir nicht gesehen werden, aber auch offensichtliche Löcher anlegen, die gesehen werden müssen. Jeder soll sehen, dass wir die Burg für uns beanspruchen. Hier zum Beispiel...“, er kroch durch verwinkelte Gänge und schließlich durch ein riesiges Loch, das in den Holzfußboden eines Zimmers gefressen war „ist ein offensichtlicher und damit abschreckender Zugang zum Keller. Wie du siehst, sind wir wieder im Erdgeschoss. Wer immer auch dieses große Rattenloch sieht, wird wissen, dass enormes Rattenaufkommen herrscht.“
Rupatz schnäuzte sich beeindruckt. Sie liefen über die Rauspunddielen zurück in die Küche, huschten durch einen schmalen Tunnel zwischen Einbauschränke und Wand.
„Hier haben wir bereits Walnussvorräte eingelagert und die Schränke durchfressen, um an die dort gelagerten Lebensmittel zu kommen. Falls Menschen einziehen, haben wir den Befehl, über unsere Geheimgänge unbemerkt zu bleiben und die Versorgungslinie lahm zu legen.“
Rupatz verstand, wenn Menschen in diese Behausung zurückkehren wollten, gäbe es Krieg.
„Warum ist dieser Schrank nicht durchgängig gemacht worden?“, fragte Rupatz, als sie die Rückwand eines Elektroherdes passierten.
Obergefreiter Motz sah ihn erstaunt an: „Das ist kein Schrank, sondern ein E-Gerät, wie du an diesen Kabeln und Drähten erkennen kannst.“
Er klopfte Rupatz freundlich auf die Schulter: „Warst wohl noch nie in einer Menschenfestung, wie?“
Rupatz schüttelte den Kopf. Er mochte den Obergefreiten und dessen vertrauensselige Art sofort. Plötzlich hörten sie Menschenstimmen, die sich dem Haus näherten. „Alarm!“, brüllte Motz. Flink schoss er aus der Küche zurück ins Esszimmer. Rupatz hetzte ihm nach.
„In den Keller mit dir!“, zischte Motz „Ich muss bleiben und beobachten wie sie reagieren, damit ich dem General Meldung machen kann. Los, los, versteck dich, Kumpel!“ Rupatz sprang in das große Loch im Fußboden und bewunderte Motz für seinen Mut, sich allein den mächtigen Menschen zu stellen. Motz blieb in der Dunkelheit des Rattenlochs.
Knarrend öffnete sich die Eingangstür in der Küche. An den Schritten erkannte Motz, dass zwei große und zwei kleine Menschen das Haus betraten. Sie kamen durch die Küche direkt in das Esszimmer. Plötzlich starrten strahlend blaue Menschenaugen ins Loch. Der Schreck lähmte Motz und er hielt die Luft an, jede Bewegung hätte ihn jetzt verraten. Er hoffte, die Dunkelheit ließ ihn unsichtbar bleiben. Das Gesicht verschwand. Motz hörte die Familie durch das ganze Haus gehen. Über die hintere Tür gingen sie in den Garten.
„Max nimm Pia an die Hand“, forderte die junge Mutter Leona, „das Gras steht zu hoch, sie kann kaum drüber schauen!“ Vertrauensselig schob die dreijährige Pia ihre Hand in die ihres sechsjährigen Bruders. Der Garten war verwildert, geradezu verkommen, dachte Leona, die Gräser standen hüfthoch und der Untergrund war uneben. Vorsichtig schritten die Kleinen durch den urwüchsigen Garten. Leona blickte lächelnd ihren Kindern hinterher, blieb aber mit ein wenig Abstand immer in ihrer Nähe. Max mit seinen kurzen dunkelblonden Stoppelhaaren und seine Prinzessin-Schwester mit dem hübschen Kleidchen und ihren hellblonden Zöpfen. Ihr Mann Felix folgte seinen Kindern, schien sie auch ungern allein durch das hohe Gras streifen zu lassen. Felix trug sein mittelblondes, leicht gewelltes Haar lang und hatte es zu einem hohen Zopf am Hinterkopf gebunden. Liebevoll betrachtete Leona ihren Lebensgefährten von der Seite. Sein Körper war schlank, wirkte drahtig und man sah ihm, wenn er nicht gerade seine Zimmermannshosen trug, nicht unbedingt an, dass er Handwerker war. Er war ein liebevoller und sanfter Mann und zusammen mit Leona waren sie ein starkes Team. Sie fühlten eine tiefe Übereinstimmung miteinander. Unter den gewaltigen Ästen des Walnussbaums beendeten sie ihren Rundgang.
Den Bäumen war mulmig, sicher war die Anwesenheit der Ratten im Haus nicht zu übersehen. Leonas Hand berührte liebevoll den Walnussbaum: „Hier können wir einen Hund halten, oder Felix?“
Felix blickte seine Frau liebevoll an, sie sah bezaubernd unter dem Walnussbaum aus, ihr langes seidenglattes hellbraunes Haar schimmerte golden. Auch wenn Leona seit Pias Geburt mit ihrer Figur unzufrieden war, fand er ihre fraulichen Rundungen sehr reizvoll.
„Wir können nicht nur einen Hund halten, es ist genug Platz für ein Pony!“ Er grinste, wusste er doch, wie sehr Leona sich als kleines Mädchen ein eigenes Pony gewünscht hatte. Leonas dunkelbraune Augen leuchteten vor Freude bei der Vorstellung ein eigenes Pferd zu haben. Felix nickte bestätigend: „Du liebst doch Naturverbundenheit, ...bindest dir noch zwei Zöpfe, dann passt alles zusammen.“
„Ja, ich liebe die Vorstellung“, schwärmte sie lachend, „dass die Erde unsere Mutter ist und die Tiere und Pflanzen unsere Geschwister. Ich mag den Gedanken, dass wir alle mit einander verbunden sind; es ist meinem eigenen inneren Wesen so nah und deinem doch auch.“
Die Bäume waren sich einig: diese Familie sollte hier einziehen. Felix und Leona schauten sich um, ließen ihren Blick über die Weite des Landes schweifen. Felix legte einen Arm um sie. Mit seinen 1,79 m überragte er sie ein wenig. Seine Hand zeigte nach Süden: „Siehst du, drüben zwischen den Hügeln, im Tal liegt die Alte Hansestadt Lemgo. Silvester werden wir die Raketen von allen Stadtbewohnern am Nachthimmel sehen können.“
Leona drehte sich langsam im Kreis: „Es ist wunderschön: das Land, die Weite, die hügelige Silhouette, der Wald auf den Hügeln im Westen und dort im Norden. Überall Land, Wälder und Felder und mittendrin wir, im Herzen von Mutter Natur.“ Felix lächelte, ihm waren die Ratten nicht entgangen. Er sorgte sich, ob er seiner Familie ein solches Haus zumuten sollte. Nicht nur das übergroße Loch im Fußboden zeugte von ihrer Anwesenheit, auch der Ammoniakgeruch, der in den Räumen hing, ganz zu schweigen von den eindeutigen Verunreinigungen auf den Fußböden und die durchhängenden Zimmerdecken in den oberen Räumen. Das alte Fachwerkhaus war ihm für einen Spottpreis angeboten worden, denn der Eigentümer war ein Freund seines Onkels, für den er oft als Zimmermann tätig war. Mit seinem handwerklichen Geschick würde er das Haus wieder herrichten können. Allerdings fehlte es dem Haus an sämtlichen Standards wie Heizung oder fließendes warmes Wasser. Wahrscheinlich verfügte es noch über einen alten Brunnen-Anschluss und war gar nicht richtig an den öffentlichen Kanal angeschlossen. Es würde ihn jedenfalls nicht sonderlich überraschen. Über den Betrieb seines Onkels wäre es ein Leichtes, günstig an Baumaterialien und befreundete Handwerker zu kommen. Er und Leona teilten die Liebe zu Tieren und zur Natur. Ein Haus in Alleinlage zu besitzen, war das Kühnste, das beide zu träumen gewagt hatten. Dieses Haus jedoch war mehr als renovierungsbedürftig wusste Felix, es war eine Rattenburg und das verunsicherte ihn, auch wenn die ostwestfälische Landschaft des Kreises Lippe hinreißend war. Zudem musste er sicher sein, dass dieses Haus nicht unter Denkmalschutz gestellt werden konnte, sonst wären Modernisierungen unmöglich, weil lediglich Restaurierungsarbeiten erlaubt waren und obendrein nur von Fach-Firmen ausgeführt werden durften, die für die Sanierung historischer Bauten zugelassen waren und das würde seine finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Die junge Familie ging und es wurde still im Garten.
Jeder, der Beobachtungen während des Besuches der Menschen gemacht hatte, fand sich beim General ein. Er zürnte: „Haben die Menschen mitbekommen, dass wir die Festung eingenommen haben?“
Motz berichtete: „Bin mir sicher, dass der Mann sofort alles gecheckt hat. Er schien besorgt über den Zustand der Burg und unsicher, ob diese Festung überhaupt angemessen ist. Aber die Frau und ihre Kinder zeigten keine Anzeichen.“
Wütend peitschte der General mit seinem Schwanz: „Wie auch immer, wir geben unsere Festung nicht auf. Ich habe Trümpfe im Ärmel, mit denen die Menschen nicht rechnen.“ Mit einem Kopfnicken entließ er seinen Krisenstab. Er musste nachdenken, wollte allein sein. In nächster Zeit standen Unruhen bevor, zum Krisengebiet war seine Festung geworden und mehr denn je brodelte sein Hass auf die Menschen. Er fletschte die Zähne. Die Menschen wussten nicht, was sie auf dieser Festung erwarten würde, welcher fremden Macht sie hier gegenüber treten würden.
Kaum waren Motz und Rupatz von der Krisensitzung ins Haus zurück gekehrt, versuchte Motz seine Arbeitsratten zu beruhigen. Der Besuch der Menschen hatte in den meisten Ratten Angst ausgelöst und sie waren sofort bereit, die Festung den Menschen zu überlassen. Doch der Befehl des Generals war eindeutig und Motz versprach, mit ein wenig Glück könnten die Menschen vertrieben werden.
„Nein!“, erhob Grillatz, eine zugewanderte Ratte, die von Narben entstellt war, das Wort. „Anders als ihr Einheimischen, habe ich reichlich Erfahrungen mit Menschen gemacht. Und ich sage euch, sie werden keinen von uns am Leben lassen. Wir sollten das Land räumen und retten, wen zu retten uns möglich ist.“
Unter den Arbeiterratten entstand ein Tumult. Motz ließ einen Kreis bilden und verlangte, dass Grillatz in die Mitte treten sollte. Die Versammlung musste leise bleiben. Das Zulassen anderer Meinungen widersprach der erbarmungslosen Diktatur des Generals. Sollten sie von den Soldaten entdeckt werden, würden sie des Hochverrats angeklagt und getötet.
Als Grillatz in die Mitte trat sprach er zu den anderen: „Wie ihr seht, bin ich von Narben übersät. Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe. Das waren die Menschen. Sie nannten es, ein Exempel statuieren. Ich sollte ein abschreckendes Beispiel für jene sein, die das Territorium der Menschen betreten wollten. In einem kleinen Käfig wurde ich gefangen und mit Benzin übergossen. Trotz der Enge im Käfig versuchte ich dieser übelriechenden Substanz zu entgehen. Sie zündeten mich an und ließen mich frei. Durch meine Schmerzens- und Todesschreie sollten meine Artgenossen wissen, was auch ihnen drohte, wenn sie blieben.“
Ein Raunen bewegte sich durch die Reihen der Anwesenden.
„Schreiend und brennend kroch ich durch ein tiefes Schlammloch und die Flammen erloschen, aber das Feuer brannte unaufhörlich weiter in meinem Innern. Diese Gluthitze, die mir das Fell und die Haut versengte, fühle ich immer noch in mir. Die Grausamkeit der Menschen ist unvorstellbar, ihre List und Tücke nicht zu überbieten. Sie haben ganze Familien ausgerottet, in einem Streich. Ich sah meine Liebste und die Kinder sterben... - Auch wir dachten, ein Paradies gefunden zu haben. Überall lagen Köstlichkeiten herum, wir lebten im Überfluss. Dann bekamen meine Liebste und die Kinder eine merkwürdige Krankheit. Ihr Blut verdünnte sich so sehr, dass es zu inneren Blutungen kam und sie starben... . Es gab keine Rettung. Erst zu spät fand ich heraus, dass die Köstlichkeiten ausgelegtes Gift war. Durch unseren Geruchssinn wissen wir, was die verstorbene Ratte zuletzt gefressen hat, aber zu spät stellte sich heraus, dass das zuletzt Gefressene nicht auch das vergiftete Futter gewesen ist. Wisst ihr, was das bedeutet? Unser paradiesisches Leben hier ist zu Ende. Wenn die Menschen herausgefunden haben, dass wir hier sind, können wir unseren Nasen nicht mehr trauen, wir können nie mehr sicher sein, dass das, was wir fressen, nicht vergiftet wurde.“
Unsicherheit und Angst breitete sich aus. Motz trat in die Mitte des Kreises: „Gibt es noch jemanden, der etwas zu diesem Thema sagen möchte?“
Rupatz trat in die Mitte des Kreises: „Hört, was ich zu berichten weiß. Nicht nur die Menschen sind unsere Feinde, sondern auch die Bäume. Sie haben sich gegen uns verschworen, wollen, dass Menschen einziehen und uns vertreiben.“
Erst war es still, dann brach Stimmengewirr aus. Die einen glaubten Rupatz wäre verrückt, andere fanden ihn mutig und wieder andere meinten, er wäre ein strafversetzter Spinner. Motz versuchte die Menge zu beschwichtigen, die Versammlung wurde zu laut und die Gefahr groß, dass sie entdeckt wurden. Er setzte sich auf die Hinterbeine und hob beschwichtigend die Ärmchen in die Luft: „Hört mich an, Freunde, hört mich an!“
Die Menge beruhigte sich und Motz konnte gedämpfter sprechen. Er wandte sich fragend an Rupatz: „Du hörst die Bäume sprechen?“
„Ja, du etwa nicht?“
