Große Elbstraße 7 – Liebe in dunkler Zeit - Wolf Serno - E-Book

Große Elbstraße 7 – Liebe in dunkler Zeit E-Book

Wolf Serno

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Beschreibung

Die große Hamburg-Saga.

Jahre des Leids – Jahre der Liebe. In ihrem Haus an der Großen Elbstraße versucht Vicki zur Haiden der Not zu trotzen. Die Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre trifft auch sie; zudem hat sie ihre Arbeit im Krankenhaus Eppendorf wegen einer Krankheit aufgeben müssen. Das Leben scheint nichts mehr für sie bereitzuhalten. Doch plötzlich kehrt ihr Bruder Benno mit seiner Tochter Florence aus New York zurück. Voller Eifer machen die drei sich daran, das alte Haus zu renovieren. Florence, die in den USA Medizin studiert hat, findet auch einen fähigen Architekten, in den sie sich obendrein verliebt. Doch Aron ist Jude, und auch in Hamburg kommen die Nazis mit aller Gewalt an die Macht ...

Das Schicksal einer Hamburger Familie von den dreißiger Jahren bis zum Ende des Krieges. Von dem Bestsellerautor Wolf Serno.

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Über das Buch

Die große Hamburg-Saga.

Jahre des Leids – Jahre der Liebe.

In ihrem Haus an der Großen Elbstraße versucht Vicki zur Haiden der Not zu trotzen. Die Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre trifft auch sie; zudem hat sie ihre Arbeit im Krankenhaus Eppendorf wegen einer Krankheit aufgeben müssen. Das Leben scheint nichts mehr für sie bereitzuhalten. Doch plötzlich kehrt ihr Bruder Benno mit seiner Tochter Florence aus New York zurück. Voller Eifer machen die drei sich daran, das alte Haus zu renovieren. Florence, die in den USA Medizin studiert hat, findet auch einen fähigen Architekten, in den sie sich obendrein verliebt. Doch Aron ist Jude, und auch in Hamburg kommen die Nazis mit aller Gewalt an die Macht.

Das Schicksal einer Hamburger Familie von den dreißiger Jahren bis zum Ende des Krieges. Von dem Bestsellerautor Wolf Serno.

Über Wolf Serno

Wolf Serno war, bevor er begann, Romane zu schreiben, viele Jahre erfolgreich als Werbetexter und als Dozent tätig. Mit »Der Wanderchirurg« gelang ihm ein internationaler Bestseller. Er lebt mit seiner Frau und zwei Hunden in Hamburg und Nordjütland.

Bei Rütten & Loening und im Aufbau Taschenbuch sind von ihm »Große Elbstaße 7 – Das Schicksal einer Familie« und »Große Elbstraße 7 – Liebe in dunkler Zeit« lieferbar.

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Wolf Serno

Große Elbstraße 7

Liebe in dunkler Zeit

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Erster Teil 24. Oktober 1934 bis 14. Februar 1939

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Zweiter Teil 10. November 1940 bis 3. Mai 1945

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Einige Nachbemerkungen

Die wichtigsten Personen der Handlung

Dank

Impressum

Stadt Hamburg, Vielbegabte, Freie!

So reich an Bürgersinn und Treue,

So reich an Fleiß und Regsamkeit,

Dein Lob erschalle weit und breit!

Heil über dir, Heil über dir, Hammonia, Hammonia!

O wie so wirkend stehst du da! …*

* Zweite Strophe der Hamburg-Hymne nach der Urfassung von Georg Nikolaus Bärmann. Albert Methfessel vertonte den Text. Die Hymne wurde erstmals im Jahre 1828 von der Hamburger Liedertafel gesungen.

Auch diesmal für mein Rudel

aus Zweibeinern und Vierbeinern:

Micky, Olli und Magda

Und für Fiedler, Buschmann, Sumo und Eddi,

die schon auf der anderen Seite

der Straße gehen

Erster Teil 24. Oktober 1934 bis 14. Februar 1939

Kapitel 1

Florence Haiden hätte nicht gedacht, dass Hamburg sie so grau empfangen würde. Sie stand an der Reling des Passagierdampfers Albert Ballin und beobachtete, wie das große Schiff sich langsam an den Landungsbrücken vorbeischob und weiter in Richtung Überseebrücke glitt. Eine Woche Atlantiküberquerung lag hinter ihr, und trotz der späten Oktobertage war das Wetter überwiegend freundlich gewesen. Und nun dieser Nieselregen!

Flo zog die Kapuze ihres Capes fester ins Gesicht und beschloss, sich nicht die Laune verderben zu lassen. Immerhin kehrte sie an jenen Ort zurück, an dem sie vor fünfunddreißig Jahren geboren wurde. Ein Ort, über den sie jedoch nicht viel wusste. Ein paar Postkarten hatte sie gesehen, die das Rathaus, die Reeperbahn und das Eingangstor von Hagenbeck’s Tierpark zeigten, ein paar Erzählungen ihres Vaters hatte sie gehört, die von den alten Zeiten auf St. Pauli handelten, und ein paar Briefe hatte sie gelesen, die von ihrer Tante Vicki stammten. Das war schon alles. Gegen New York schien Hamburg ein trübes Nest zu sein.

Tante Vicki war auch der Grund, warum Dad und sie die Überfahrt nach Deutschland angetreten hatten. Doktor Viktoria Dreyer, wie Tante Vicki eigentlich hieß, ging es sehr schlecht, nachdem ihr Mann Hannes vor nicht einmal drei Monaten an einem Myokardinfarkt gestorben war. Die Trauer um den geliebten Gatten hatte ihr jeden Lebensmut genommen. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Will niemanden mehr sehen! Benno, du musst unbedingt kommen! So stand es in dem Telegramm, das Willi Höller, ein alter Freund der Familie, vor vierzehn Tagen an Flos Vater geschickt hatte.

Ein Räuspern hinter Flos Rücken riss sie aus ihren Gedanken.

Sie wandte sich um und erblickte Frederik Rosen. Rosen war ein Mann Mitte vierzig, blond wie ein Wikinger, mit einem tätowierten Anker auf dem Unterarm. Er kam aus Hirtshals in Nordjütland, wo seine Familie seit Generationen Fischfang betrieb. »Ich wollte mich nur rasch von Ihnen verabschieden und Ihnen alles Gute wünschen«, sagte er.

»Das ist nett von Ihnen, Frederik. Alles Gute auch für Sie.«

»Tja, dann …« Rosen zögerte. Er machte Anstalten, sie zu umarmen, unterließ es aber. Stattdessen gab er ihr förmlich die Hand. »Ich muss noch ein paar Sachen packen. Leben Sie wohl, Flo. Ich werde Sie nie vergessen.« Hastig entfernte er sich.

Flo blickte ihm nach. Dass sie ihn kennengelernt hatte, war mehr einem Zufall zu verdanken, da Rosen eine Kabine Zweiter Klasse gebucht hatte, während sie und ihr Vater eine Suite bewohnten. Doch am dritten Tag der Überfahrt hatte ein Shuffleboard-Turnier für die Passagiere der Ersten Klasse stattgefunden, das aus Mangel an Teilnehmern mit Fahrgästen aus den unteren Decks komplettiert worden war. Darunter war auch Frederik Rosen gewesen.

Gleich zu Beginn hatte er sie gebeten, ihn Frederik zu nennen, da sie bei dem Spiel ein Zweierteam bildeten.

Sie hatte nichts dagegen gehabt. »Ich werde Flo gerufen, Flo wie Florence.«

»Mein Beruf ist übrigens ähnlich wie der Ihre.«

»Woher kennen Sie meinen Beruf?«, hatte sie gefragt.

»Ich muss gestehen, ich habe einen Kellner bestochen, damit er herausfindet, wie Sie heißen. Der Rest war einfach: Aus der Passagierliste geht hervor, dass eine gewisse Florence Haiden den amerikanischen Doktorgrad hat und Augenärztin ist.«

»Dann haben Sie auch herausgefunden, dass mein Vater Kunstmaler ist?«

»Das habe ich. Aber der Name Benno Haiden war mir schon vorher ein Begriff. Er ist ein berühmter Mann.«

»Und Sie? Sind Sie auch Ophtalmologe?«

»O nein!« Frederik hatte gelacht. »Ich bin Epithetiker. Ich habe mich auf die Anfertigung künstlicher Augen spezialisiert. Man kann sie aus Glas, Porzellan, Gummi oder Metall herstellen, je nachdem. Ziel ist immer, das Ergebnis so natürlich wie möglich aussehen zu lassen.«

»Wie interessant.«

»Ach, nicht der Rede wert. Allerdings sind in den letzten Jahren einige Beiträge über meine Arbeiten in der Fachliteratur erschienen, weshalb ich einen Ruf an die Augenklinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf erhielt. Eine große Ehre. Ich werde dort Leiter der Prothesenwerkstatt sein. Darf ich fragen, was Sie nach Hamburg führt?«

»Ein Verwandtenbesuch«, hatte Flo vage geantwortet und war froh gewesen, dass sie in diesem Augenblick aufgefordert wurde, mit dem Cue ihren ersten Disk zu schießen. Der Anlass, warum sie und ihr Vater unterwegs waren, ging niemanden etwas an.

Bei dem Turnier hatten sie und Frederik den zweiten Platz belegt, was der Däne mit einem eiskalten Aalborg Akvavit in der Bordbar begießen wollte.

»Lieber nicht«, hatte Flo gesagt. »Ich trinke eigentlich nie Schnaps.«

»Aber heute ist ein besonderer Tag, weil wir uns kennengelernt haben!«

Der Barkeeper hatte gefragt, ob der Dame vielleicht mit einem Cocktail gedient sei, und die Karte überreicht. Darauf stand: Probieren Sie unsere beliebte White Lady für RM 2,50, Angebot gilt nur während der Passage New York – Hamburg, 18. bis 24. Oktober 1934.

»Nein, danke. Wenn schon, dann einen Whisky.«

»Darf es eine bestimmte Marke sein?«

»Ja, ich nehme einen Cutty Sark.«

»Für den Herrn auch einen?«

»Ich schließe mich an.«

»Cheers und Skål!« Während sie tranken, hatte Frederik wissen wollen, warum sie als Amerikanerin einen schottischen Whisky bevorzuge.

»Das ist eine eigene Geschichte.«

»Ich verstehe. Würden Sie mir die Geschichte bei unserem nächsten Treffen erzählen?«

»Es ist besser, wenn wir uns nicht wieder treffen, Frederik.«

»Warum nicht, Flo?«

»Ich bin noch nicht so weit. Ich muss Abstand gewinnen.«

Er hatte ihre Hand genommen und gefragt: »Abstand, wovon?«

Sie hatte ihm die Hand entzogen. »Bitte nicht. Es tut mir leid. Auch das ist eine eigene Geschichte.«

Danach war Flo ihm noch ein paar Mal begegnet. Ob der Zufall dabei eine Rolle spielte oder ob Absicht dahintersteckte, wusste sie nicht. Sie wusste nur, dass sie ihn nett fand, aber nicht in ihn verliebt war. Und sie war keineswegs sicher, jemals wieder lieben zu können.

Ein Zittern ging durch den riesigen Schiffsleib. Die Albert Ballin hatte die Überseebrücke fast erreicht. Auf den Planken der hohen Stahlbogenkonstruktion drängten sich die Menschen unter einem Wald von Regenschirmen. Flo schaute aus nach Willi Höller, der das Telegramm an ihren Vater geschickt hatte und sie abholen wollte.

Plötzlich klopfte ihr eine Hand auf die Schulter.

Flo fuhr herum. Ihr Vater stand da. »Mein Gott, hast du mich erschreckt, Dad!«

Benno lächelte vielsagend. »Ich bin’s nur. Hast du deinen Verehrer, diesen blonden Wikinger, erwartet?«

»Frederik ist nicht mein Verehrer.«

»Ist er es nicht? Na ja, jedenfalls glänzt er durch Abwesenheit. Hast du Willi schon entdeckt?«

»Wie denn, ich sehe nur Regenschirme.«

Benno kniff die Augen zusammen und spähte in die Menschenmenge. »Dahinten, bei dem Zeitungskiosk, da steht einer, der seinen Schirm dauernd in die Luft stößt. Das könnte er sein. Ob er uns erkannt hat?«

»Ich weiß nicht.«

Benno formte die Hände zu einem Trichter und brüllte, ohne sich um die anderen Passagiere zu kümmern: »Willi, bist du’s? Hummel, Hummel!«

»Mors, Mors!« erklang die Antwort aus der Ferne. Der Schirm tanzte noch heftiger auf und nieder.

»Er ist es!« Benno winkte. »Bis gleich!«

Er nahm Flo bei der Hand. »Komm unter Deck, wir verlassen das Schiff. Der Kabinensteward hat sich schon um die Koffer gekümmert. Bin gespannt, wie sich Hamburg unter den Füßen anfühlt.«

»Ich auch«, sagte Flo.

***

Trotz seiner fünfundachtzig Jahre war Willi Höller immer noch eine imposante Erscheinung. Er war eins neunzig groß und hatte dichtes schlohweißes Haar, das an den Seiten in einen mächtigen Vollbart überging. »Ich glaub, es pieselt nicht mehr«, sagte er. »Wurde auch höchste Zeit.« Er klappte den Schirm zu und gab ihn der zierlichen älteren Frau an seiner Seite. »Halt mal.«

Die Frau hieß Vira. Sie war mit Willi weder verheiratet noch verwandt, aber beide standen sich sehr nahe. Früher hatte sie im Glückskeller gearbeitet, einem Bordell, das Willi in den zwanziger Jahren während der großen Inflation verkaufen musste, weil kaum ein Freier mehr in der Lage gewesen war, den »Losverkäuferinnen« viele Milliarden Reichsmark für einen Besuch zu bezahlen.

Heute besaß Willi nur noch die Kneipe direkt nebenan, die offiziell Höller’s Hölle hieß, doch von jedermann auf dem Kiez nur Hölle genannt wurde. Die Hölle lag an der Nordseite des Spielbudenplatzes und war in den bewegten Zeiten um die Jahrhundertwende Anlaufstelle und Rettungsanker für neugierige Reeperbahnbummler, gestrandete Matrosenliebchen und verfolgte Sozialdemokraten gewesen. Sie hatte gute und schlechte Jahre überstanden und war genauso sturmerprobt wie die Gäste, die bei ihr ein und aus gingen. In all der Zeit hatte Willi wie ein Fels in der Brandung hinter dem Tresen gestanden, aber in den letzten Monaten wollten die Knie nicht mehr so recht, weshalb er auf einem hohen Stuhl saß, dem »Ansitz«, wie er ihn nannte, während Vira für ihn den Laden schmiss.

»Siehst du den Schrankkoffer da?«, fragte Willi und zeigte auf ein mannshohes schwarzes Ungetüm, das von drei umlaufenden Stoßleisten geschützt wurde. »Der muss Benno gehören. Er hat ihn von uns zum Abschied bekommen, damals, als er mit Anni und der kleinen Flo nach Amerika auswandern wollte. Dass er den immer noch hat! Erinnerst du dich?«

»Tu ich«, antwortete Vira mit piepsiger Stimme. »Der ist nicht zu übersehen.«

»Lass uns hingehen, Benno und Flo kommen sicher gleich die Gangway runter. Wir stellen uns hinter den Koffer und überraschen sie.«

Sie strebten durch die Menge zu dem Ungetüm, Willi auf einen Stock gestützt, Vira den Regenschirm in der Hand. Als sie den Koffer erreichten, sahen sie, dass weitere Gepäckstücke der Haidens danebengestellt worden waren, darunter einige Taschen und eine große Seekiste mit Messingbeschlägen an den Ecken. Die Kiste war grün, auf dem Deckel prangte ein kunstvoll gemaltes Segelschiff, dessen Name Cutty Sark lautete. »Da brat mir doch einer einen Storch«, brummte Willi. »Die olle Kiste gibt es immer noch. Wenn ich mich recht erinnere, gehörte sie mal Flos Mutter Anni. Anni wiederum hatte sie ihrem Vater Cord abgeschnackt, der mal auf der Cutty Sark gefahren ist. Nun steht das Ding wieder hier. Wahrscheinlich hat Flo ihre Sachen da drin.«

»Ich glaub, da kommt Benno«, piepste Vira. »Er hat ’n Cowboyhut auf dem Kopf und ’ne junge Frau im Schlepptau.«

»Das wird Flo sein. Nichts wie hinter den Koffer.«

Sie versteckten sich, bis Benno und Flo heranwaren, und traten einen Schritt vor. »Na, Maler Klecksel, mal wieder im Lande?«, dröhnte Willi.

Vira kicherte.

Benno stand da wie angewurzelt. Dann strahlte er über das ganze Gesicht. »Mensch, Willi, bist du’s wirklich nach so langer Zeit?«

»Bin ich, Junge.«

»Du siehst keinen Tag älter aus als fünfunddreißig Jahre später.«

»Danke für die Blumen. Dafür wirst du bestimmt hundert.«

»Meinst du?«

»Ja, siehst heute schon aus wie neunundneunzig.«

Nach diesem kleinen Geplänkel, das nur ihre Verlegenheit überbrücken sollte, umarmten sie sich herzlich. Auch Vira nahm Flo in die Arme und sagte mit ihrer hohen Stimme: »Willkommen in Hamburg.«

»Oh, danke.« Flo schlug die Kapuze ihres Capes zurück. Dichtes blondes Haar quoll hervor und fiel auf ihre Schultern. Ein Sonnenstrahl, der in diesem Augenblick durch die Wolkendecke brach, ließ es wie Gold glänzen.

Willi pfiff anerkennend. »Dünnerslag!«

»Wie?« Flo blickte fragend.

»Ach nichts, mien Deern, das war Plattdüütsch. Ich wollte nur sagen, du bist genauso hübsch wie Anni, deine Mutter, damals war. Nur dass du grüne Augen hast und Sommersprossen auf der Nase. Steht dir aber gut!«

Flo lachte. »Du bringst mich ein bisschen in Verlegenheit, Onkel Willi.«

»Sagtest du gerade ›Onkel‹?« Willi blickte entrüstet. »Mach mich nicht älter, als ich sowieso schon bin. Für dich bin ich Willi, in Ordnung?«

»Okay … Willi.«

»Na, dann an mein Herz!« Willi drückte Flo kurz und heftig an seine breite Brust und meinte: »Ihr müsst noch den Zoll- und Einreisekram erledigen. Vira und ich warten hinter dem Gebäude auf euch. Ach, Moment mal, ihr braucht ja noch jemanden, der euch die Koffer schleppt.« Er winkte einen Mann mit einer Schottschen Karre heran. »He, Hein, fohr den schwatten Kaventsmann un dat annere Tüch för de Herrschaften no’n Toll, kloar?«

»Jo, geiht kloar, Willi.«

Benno meinte: »Du scheinst ja immer noch sehr bekannt zu sein auf St. Pauli.«

»Bin ich. Wie ’n bunter Hund.«

***

»Ich glaub, wir nehmen besser zwei Droschken, eine für die Koffer, eine für uns«, sagte Willi eine halbe Stunde später. »Ist vielleicht besser, wenn wir erst mal in die Hölle fahren und nicht gleich in die Große Elbstraße. Eine kleine Stärkung würde euch guttun, dachte ich, und Vicki weiß ja sowieso nicht, dass ihr kommt.«

»Eine kleine Stärkung hört sich gut an«, sagte Benno.

»Meint ihr nicht, es wäre besser, gleich zu Tante Vicki zu fahren, wo es ihr doch so schlecht geht?«, wandte Flo ein.

Willi winkte ab. »Ach, die freut sich noch früh genug. Und kleiner ist die Überraschung später auch nicht. Die Überraschung ist doch der Witz bei der ganzen Sache. Hättet ihr euch angekündigt, wäre die Aufregung groß gewesen, und sie hätte das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Glaub mir, Flo, es ist besser so.«

»Wenn du meinst.«

Zu viert bestiegen sie die Droschke und fuhren nach St. Pauli. Während Willi und Benno über alte Zeiten und ehemalige Bekannte sprachen, starrte Vira schweigend vor sich hin. Sie war freundlich, aber nicht sehr gesprächig, vielleicht auch ein bisschen befangen, weil sie es gewesen war, die Benno damals das erste »Glückslos« seines Lebens verkauft hatte.

Flo blickte aus dem Fenster und ließ die Eindrücke Hamburgs auf sich wirken. Der Wagen fuhr nach Westen, immer nah am Ufer der Norderelbe entlang, und erreichte kurz darauf die Landungsbrücken mit dem Glockenturm und dem Eingang zum Elbtunnel. Beides kannte Flo schon aus der Schiffsperspektive, nur die Masten mit den roten Hakenkreuzfahnen waren ihr nicht aufgefallen. Von Nahem wirkten die Gebäude viel beeindruckender, auch wenn sie im Vergleich zu den Wolkenkratzern auf der 5th Avenue winzig klein waren. Dafür wurden sie umweht von dem Geruch nach Teer, Salz und Ferne. Flo kurbelte das Fenster herunter und sog die Luft tief ein. Vielleicht liebte sie den Geruch so sehr, weil ihre Mutter in Finkenwerder groß geworden war, bevor sie Benno heiratete.

Bei dem Gedanken an ihre Mutter fiel ein Schatten auf Flos Gesicht, und das nicht nur, weil in diesem Augenblick die Sonne wieder hinter den Wolken verschwand. Anni war vor acht Jahren auf tragische Weise ums Leben gekommen. Sie hatte mit Benno und Flo an der alljährlich stattfindenden Macy’s Thanksgiving Day Parade teilgenommen, einer Veranstaltung mit Tausenden jubelnder New Yorker. Irgendein Verrückter hatte trotz strikten Verbots ein paar Freudenschüsse abgegeben, woraufhin ein Pferd durchgegangen war und Anni überrannt hatte. Zwei Tage später war sie im Hospital ihren Verletzungen erlegen. Noch in derselben Woche hatte Flo ihr Apartment am Central Park aufgegeben und war wieder zu ihrem Vater gezogen. Sie fühlte sich für ihn verantwortlich, denn bei allem künstlerischen Erfolg war er immer der große Junge geblieben, der einen weiblichen Halt brauchte.

»Es dauert nicht mehr lange«, sagte Benno. »Wir sind schon in der Davidstraße. Da vorn kreuzt die Kastanienallee, die erkenne ich wieder, obwohl sich vieles verändert hat.«

»Das kannst du laut sagen. Viele neue Fassaden, und überall sticht einem das Hakenkreuz ins Auge, aber die Hölle steht nach wie vor«, brummte Willi und wandte sich an den Fahrer: »Wenn wir die Reeperbahn erreicht haben, biegst du nach rechts ab.«

»Ich weiß, wo die Hölle ist«, entgegnete der Fahrer.

»Da hast du ja nochmal Glück gehabt.«

Benno grinste. »Früher oder später landen wir alle in der Hölle, was?«

Die restlichen Minuten vergingen schweigend.

Als die Fahrer der beiden Droschken sämtliche Koffer mit vereinten Kräften auf den Bürgersteig gehievt und Willi trotz Bennos Protest bezahlt hatte, hörten sie plötzlich, wie jemand hinter ihnen seltsame Worte rief: »Seid mir gegrüßt, befreund’te Scharen, die mir zur See Begleiter waren …!«

Benno und Flo guckten verdutzt.

Die Stimme gehörte einer dunkelhaarigen, kräftigen Frau unbestimmbaren Alters, die einen schwarzen Mantel trug, dazu eine Melone mit bunten Papierblumen auf dem Kopf. Sie hockte auf einer Fischkiste und hatte einen Korb mit geräucherten Aalen vor sich.

»Lass gut sein, Aale-Edith«, sagte Willi. »Das sind Benno und Flo, die gehören gewissermaßen zur Familie. Denen musst du nichts verkaufen.«

»Meinst du?« Aale-Edith deutete auf ihre Ware und begann unbeirrt zu singen: »Alle Vögel sind schon da, Aale, Aale, Aale …! Ein Stück vom Schwanz, junger Mann? Mit einer Mark bist du dabei. Den Kurzen dazu gibt’s in der Hölle!«

Benno lachte. »Junger Mann? Ist lange her, dass eine so schöne Frau das zu mir gesagt hat. Nimmst du auch Dollars?«

»Ich nehm alles, was ich kriegen kann.«

Benno steckte ihr einen Dollarschein zu. »Den Aal behalt man, ich mag nicht so fett.«

»Und ich mag nichts geschenkt. Entweder du nimmst den Aal, oder du kannst dir dein Geld sonst wohin stecken.«

Willi mischte sich ein. »Nun sei mal nicht so kratzbürstig, mach doch Feierabend für heute und komm mit rein.«

»Nee, ich sitz hier bis sechs, wie immer.«

»Wie du meinst.« Willi pfiff auf zwei Fingern und rief: »Schatzi, komm mal raus!«

Die Tür zur Hölle ging auf, ein junger Mann erschien. Er war neunundzwanzig Jahre alt, von drahtiger Gestalt und trug eine Nickelbrille, die ihn harmlos und ein wenig professoral aussehen ließ. Doch das täuschte. In Wirklichkeit war Schatzi ziemlich gewitzt, um nicht zu sagen, mit allen Wassern gewaschen – ein Umstand, der auf St. Pauli überlebenswichtig sein konnte. Er war der Sohn von Vira und bezeichnete sich selbst als Seitensprung seiner Mutter, da diese eigentlich nur Frauen liebte. Schatzi dagegen liebte nur Männer, was aber kaum einer wusste. Wenn Schatzi nicht gerade in der Hölle kellnerte, war er Billettabreißer und Mädchen für alles im Panoptikum schräg gegenüber.

»Was gibt’s, Willi?«, fragte er.

»Jede Menge Koffer.« Willi deutete auf das Gepäck. »Das sind übrigens Benno und Flo, von denen ich dir erzählt hab.«

»Willkommen am Tor zur Hölle.« Schatzi grinste. »Lass mich raten, Willi: Ich soll mich um die Koffer kümmern.«

»Du bist ein Blitzmerker.«

»Das haben wir gleich.« Schatzi verschwand und kam Augenblicke später mit ein paar kräftig gebauten Gästen zurück. »Bringt das Zeug rein, Willi gibt euch dafür einen aus.«

Im Handumdrehen war sämtliches Gepäck in die Kneipe getragen.

Willi machte gute Miene zu Schatzis Großzügigkeit und geleitete seine Freunde die Stufe hinunter in den Schankraum. »Mach dich auf was gefasst«, sagte er zu Flo.

Kapitel 2

Flo und Benno blickten sich in der schummrigen Kneipe um, die nur von mehreren Positionslaternen auf den Tischen und zwei Kasemattenfenstern in der gegenüberliegenden Wand erhellt wurde. Am Ende des Tresens stand eine Teekiste aus Kalkutta, auf der ein Grammophon mit Schalltrichter Platz gefunden hatte. Davor lagen ein Päckchen mit Langspielnadeln und mehrere Schellackplatten. Von der Decke hing ein Haifischgebiss herab, daneben baumelten ein Kugelfisch und zwei mächtige Schildkrötenpanzer, die dem Raum die Anmutung einer Tropfsteinhöhle gaben. Die Abbildung der Seespinne an der Wand mit den freizügigen Liebesakten an den Enden ihrer zehn Schreitbeine war verblasst. Irgendjemand hatte einen Fächer australischer Jagdbumerangs und ein Didgeridoo darüber gehängt. Von den sieben Früchten der Seychellenpalme, die Benno einst liebevoll bemalt hatte und auf diese Weise zu prallen Weiberhintern werden ließ, blätterte die Farbe ab. Zwei von ihnen zeigten überhaupt keine Farbe, sie glänzten, als wären sie aus Wachs.

Flo besah sich alles genau und staunte. Sie kannte einige teure Nachtclubs in Manhattan, auch zwei oder drei Barrel Houses an der Lower East Side, aber so etwas wie diese Hamburger Kneipe hatte sie noch nie gesehen. Doch die eigenartige Mischung aus maritimen und exotischen Stücken gefiel ihr.

»Wer hat denn die zwei strammen Damengesäße aus Wachs geformt?«, fragte Benno. Er sagte absichtlich »Damengesäße«, weil er in Flos Begleitung war. Sonst hätte er wohl von »Weiberärschen« gesprochen.

»Ich.« Schatzi grinste schief. »Drüben im Panoptikum hab ich sie gemacht. Aber eigentlich sollen sie Jungspopos darstellen.«

Benno stutzte. »Auch gut.«

Vira zapfte unterdessen Biere.

Willi hatte auf seinem Ansitz hinter dem Tresen Platz genommen und betrachtete die Szenerie von oben. Er zündete sich eine Overstolz an und hustete ein paar Mal.

»Qualm nicht so viel«, piepste Vira.

»Seit wann rauchst du denn?«, fragte Benno.

»Hab’s mir auf meine alten Tage angewöhnt. Der Lunge von einem schwarzen Schauermann macht das nichts aus.«

»Was ist ein schwarzer Schauermann?«, fragte Flo.

»Ein Hafenarbeiter, der Kohlen in Körben oder Säcken schleppt. Ich war Viz einer Fünf-Mann-Gang, spezialisiert auf den Transport von Nusskohle. Aber das ist lange her.« Willi nahm einen tiefen Zug. »Genug gesabbelt, zur Begrüßung nehmen wir erst mal einen zur Brust. Vira, gib mal jedem ein Helles, auch den anderen Gästen.«

Alle hoben das Bierglas und tranken auf den Besuch aus dem fernen Amerika. Nur Schatzi machte eine Ausnahme, er bevorzugte Danziger Goldwasser.

Anschließend fragte Willi, ob jemand Hunger hätte. In seinem Hause ständen allerdings nur Soleier, Rollmöpse und Frikadellen auf der Speisekarte. Da Benno und Flo seit dem Frühstück an Bord nichts mehr gegessen hatten, zögerten sie nicht lange und griffen zu.

Danach sagte Willi: »Schatzi, kassier mal bei den Gästen ab, wir wollen unter uns sein.«

Als das geschehen war, stieg Willi von seinem Ansitz herab und setzte sich zu Benno und Flo an den Tisch. »So, und nun erzählt mal, wie es euch in all den Jahren ergangen ist.«

Benno trank einen Schluck Bier. »Dass Anni, Flo und ich nach der Ankunft in New York erst mal viele trockene Brötchen essen mussten, weißt du ja.«

Willi nickte. »Ja, das weiß ich, obwohl du nie ein großer Briefeschreiber warst.«

»Zuerst hab ich uns mit dem Zeichnen von Comics über Wasser gehalten.«

»Comics?«

»Das sind Bildergeschichten mit Sprechblasen. Nicht gerade das, was ich mir erträumt hatte. Doch mit der Zeit erlangte ich einige Berühmtheit. Die Comics waren das Sprungbrett, um endlich das malen zu können, was ich schon immer wollte. In der 88. Straße, Ecke Riverside Drive richtete ich mir ein Atelier ein und lernte kurz darauf Joshua Brickstein kennen, einen Galeristen, der seine Räume am Times Square hat. Josh rührte kräftig die Reklametrommel für mich, dann machte er eine erste Ausstellung mit meinen Bildern und verkaufte auf Anhieb ein paar. Er riet mir, nicht mehr unter dem Namen ›Bernhard zur Haiden‹ zu malen, sondern mich einfach ›Benno Haiden‹ zu nennen, weil die Amerikaner das besser aussprechen könnten.«

Benno hielt inne, trank einen weiteren Schluck Bier und fuhr fort: »Seitdem läuft es wie von selbst. Es ist verrückt: Wenn du erst mal einen Namen hast, kannst du malen, was du willst, es wird dir aus den Händen gerissen.«

»Dann nagst du ja nicht am Hungertuch«, stellte Willi fest. »Ich nehme an, die Malerei hat dir auch über den Verlust von Annis Tod hinweggeholfen?«

»Das hat sie. Und nicht zu vergessen Flo. Sie ist in den dunkelsten Stunden an meiner Seite gewesen und eine wunderbare Tochter.« Benno ergriff Flos Hand und drückte sie.

»Ach, lass doch, Dad«, wehrte Flo verlegen ab.

Willi zündete sich eine weitere Overstolz an. »Und du, Frau Doktor, was hast du so getrieben?«

Flo lächelte. »Wenn du ›Frau Doktor‹ zu mir sagst, Willi, ist das ziemlich ungewohnt. In Amerika redet man Ärzte einfach nur mit ›Doc‹ an. ›Doc Flo‹ haben mich alle im Kings County Hospital genannt, wo ich nach dem Studium und der Promotion anfing. Das war 1927, und ich war eine der ersten Augenärztinnen dort. Schade, dass Mom das nicht mehr erlebt hat.«

»Ja, sie wäre sehr stolz auf dich gewesen«, bestätigte Benno. »Und sie hätte sicher gern die Riesenparty miterlebt, die ich für dich in meinem Atelier veranstaltet habe.«

»Wie feiert man denn Partys in New York?«, wollte Vira wissen.

»Oh«, rief Benno augenzwinkernd, »wild und ausgiebig! Und meistens im Regen.«

»Im Regen?«

»Im Konfettiregen. Die Stadt ist ein Babylon der verschiedensten Volksgruppen. Kein Tag im Jahr, an dem nicht gefeiert würde. Mal sind es die Italiener, mal die Chinesen, mal die Holländer, mal die Iren, mal … Herrgott, ich weiß gar nicht, wer sonst noch alles Festivitäten veranstaltet. Es gibt sogar eine deutsche Kolonie.«

»Eine deutsche Kolonie?« Willi drückte seine Zigarette aus und wurde von Vira daran gehindert, sich eine neue anzuzünden. »Davon musst du uns erzählen.«

»Okay.« Benno ließ sich von Schatzi ein weiteres Bier bringen und begann, von Flo unterstützt, ausführlich über die verschiedenen Landsmannschaften, ihre Brauchtümer, die Paraden, die Umzüge und all die anderen Vergnügungen in der großen Stadt zu berichten.

Darüber verging die Zeit wie im Fluge, irgendwann sah Flo auf die Uhr und rief erschrocken: »Großer Gott, es ist schon fünf! Wir sollten dringend zu Tante Vicki aufbrechen, sonst wird es zu spät, und wir müssen uns irgendwo ein Hotelzimmer suchen.«

Das wollte Benno auf keinen Fall. »Unsinn. Wir fahren gleich los und überraschen sie. Genau wie geplant.«

»Wenn du meinst, Dad.«

Hastig verabschiedeten sie sich von den Freunden.

Benno überlegte. »Ich glaube, wir lassen den Schrankkoffer erst mal bei dir, Willi. Da sind sowieso nur sperrige Sachen drin.«

»Ist gut, Junge. Ich lass euch eine Droschke holen.«

Augenblicke später trat Benno vor die Tür und erblickte Aale-Edith, die noch immer auf ihrer Kiste saß und Fisch feilbot. Er ging auf sie zu und sagte: »Ich stelle gerade fest, dass ich Heißhunger auf ein Stück fetten Aal habe. Würdest du mir eins verkaufen?«

Aale-Edith verzog keine Miene. »Warum nicht? Hier ist ’n besonders schönes Stück. Macht zwei Dollar.«

»Nanu? Vorhin wärst du noch mit einem Dollar zufrieden gewesen.«

»Vorhin ist vorbei.«

Benno wollte protestieren, besann sich jedoch anders. Irgendwie reizte ihn Aale-Ediths spröde, eigenwillige Art. Sie war eine Herausforderung, denn normalerweise konnte er mit seinem Charme fast jede Frau einwickeln. »Soso, zwei Dollar. Wie sagte mein Vater immer? Mit dem Preise steigt die Achtung.« Er gab ihr das Geld, nahm den in Butterbrotpapier eingewickelten Aal und kletterte in die Kraftdroschke, die unterdessen herangewinkt und mit dem Gepäck beladen worden war.

Flo stieg auf der anderen Seite ein.

»Auf Wiedersehen, Aale-Edith.«

»Adschüs, ihr zwei.«

Während das Automobil in Richtung Königstraße Fahrt aufnahm, hörten sie hinter sich Aale-Ediths Lied, als wäre es ein Abschiedsgruß: »Alle Vögel sind schon da, Aale, Aale, Aale …«

***

Vor dem Haus Große Elbstraße 7 bezahlte Benno den Fahrer und drückte ihm das Stück Aal in die Hand.

»Was soll ich damit?«

»Nehmen Sie’s als Trinkgeld. Ich habe zwei Dollar dafür bezahlt.«

»So viel?«

»Ja, wenn Sie noch etwas tun wollen, tragen Sie das Gepäck vor die Tür.«

»Jawoll, der Herr.«

Während der Chauffeur mit den Taschen und Kisten beschäftigt war, betrachtete Flo das große Anwesen. Der zweistöckige Bau im Gründerzeitstil bestand aus einem linken und einem rechten Flügel, dazwischen lag der Haupteingang, zu dem fünf Marmorstufen emporführten. Haufen von Herbstlaub lagen darauf, die niemand weggeharkt hatte. Insgesamt schien das Haus schon bessere Tage gesehen zu haben, davon zeugten nicht nur die verwitterte Fassade mit den bröckelnden Portalsäulen, sondern auch die rissige Farbe der alten Fenster. Hier also wohnte ihre Tante.

»Klingel mal, Vicki wird Augen machen«, sagte Benno.

Flo klingelte.

Sie warteten eine Weile, aber es tat sich nichts.

»Versuch’s noch mal.«

Flo gehorchte.

Als wiederum nichts geschah, sagte Benno: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesem Riesenhaus keine Menschenseele ist. Ich gehe mal nach hinten in den Garten. Früher gab es da einen Anbau für die Gärtner. Vielleicht wohnt da einer, der uns helfen kann.«

Benno verschwand und ließ Flo mit den Gepäckstücken allein. Nach einer Weile hörte sie seine Stimme: »Komm bitte zum Nebeneingang.«

Flo ging zum Nebeneingang. Benno stand da mit einem schnauzbärtigen Mann. »Das ist Piotr«, sagte er. »Piotr ist Pole und hat einen Schlüssel für die Tür. Er meint, die Köchin und das Mädchen seien schon weg, aber Frau Doktor Dreyer müsste eigentlich im Haus sein.«

»Bitte, schließen Sie auf«, befahl Flo.

Piotr zögerte.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Es hat alles seine Ordnung, ich bin die Nichte der Hausherrin.«

»Und ich der Bruder«, ergänzte Benno. »Sie können unser Gepäck vom Haupteingang holen und hineintragen.«

»Tak jest.« Der Gärtner schloss auf und entfernte sich.

»Ich gehe besser vor«, sagte Benno. »Es ist zwar eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt hier war, aber ich weiß noch, dass in diesem Flügel Vaters Arbeitszimmer lag, gleich nebenan war die Bibliothek.«

Sie gingen durch beide Räume und trafen niemanden an. Genauso sah es im anderen Flügel aus, der ehemals den Großen Salon beherbergt hatte, danach aber in einen Behandlungsraum für Patienten umfunktioniert worden war. Mehrere Regale mit Literatur, zwei Medizinschränke, ein Röntgenapparat, ein Leuchtkasten zum Studium der Aufnahmen, eine Personenwaage, eine Untersuchungsliege, ein Schreibtisch – alles war da, was ein Mediziner zur Ausübung seines Berufes brauchte. Nur Vicki fehlte.

»Vielleicht ist sie oben?«, vermutete Benno. »Mag sein, dass sie dort wieder wohnt, nachdem Hannes gestorben ist.«

Im ersten Stock fanden sie den Kleinen Salon, in dem seinerzeit einzelne Gäste zu Tee und Gebäck gebeten wurden. Er war ebenso verwaist wie das eheliche Schlafzimmer der Großeltern. Daneben lag Vickis Mädchenzimmer. Auch hier war sie nicht, doch das Einzelbett sah benutzt aus. Einige Kleidungsstücke lagen auf dem Boden. Flo betrachtete sie nachdenklich und fragte: »Wohin führt die Tür dort?«

»Ins große Bad.«

»Schauen wir auch da mal nach.« Flo drückte die Klinke nieder und ging vor. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen. In der gefüllten Wanne lag eine Frau. Und vor der Wanne lag ein Messer. Das bleiche Gesicht der Frau bildete einen scharfen Gegensatz zu dem hellroten Blut, dessen Spritzer überall den Kachelboden bedeckten.

»Um Gottes willen«, stammelte Benno. »Es ist Vicki, sie ist tot!«

Kapitel 3

Flo hielt zwei Finger an die Halsschlagader der bleichen Frau in der Wanne. »Tante Vicki ist nicht tot, sondern bewusstlos«, stellte sie sachlich fest. Wie immer, wenn es drauf ankam, war alle Anspannung von ihr abgefallen. Sie handelte ruhig und überlegt.

»Nicht tot?«, fragte Benno ungläubig.

»Nein, sie hat sich die linke Pulsader aufgeschnitten und sehr viel Blut verloren. Wir müssen schnell handeln, damit es nicht zu spät ist. Hast du ein Taschentuch?«

»Ja, hier.«

»Falte es zwei Mal und presse es so fest du kannst auf die Wunde.«

»Sofort.«

»So ist es gut. Und halte den Unterarm hoch.«

»Mache ich.« Benno erledigte alles in fliegender Hast. Die Blutung kam zum Stillstand.

»Presse weiter, Dad! Im Zweifel mehr zum Herzen hin. Das machst du sehr schön. Aber wir sind noch nicht fertig. Wir müssen einen Druckverband herstellen und brauchen dazu eine Mullbinde. Wahrscheinlich finden wir sie unten in der Praxis, aber es bleibt keine Zeit, sie zu holen.«

»Und nun?«

»Überlässt du mir deine Krawatte.« Flo zog den langen seidenen Binder aus Bennos Kragen heraus und wickelte ihn stramm um das als Druckpolster dienende Taschentuch. Sie verknotete ihr Werk und erklärte: »Der Verband muss fest, aber nicht zu fest sitzen, damit kein Blutstau entsteht. Hilf mir, Tante Vicki aus der Wanne zu heben. Wir legen sie drüben auf ihr Bett.«

»Okay.«

Benno trat an das Kopfende der Wanne und fasste Vicki unter die Arme, Flo ergriff die Beine. Gemeinsam wuchteten sie den Körper aus dem blutigen Badewasser heraus und schleppten ihn hinüber ins andere Zimmer. Als die Bewusstlose gebettet war, holte Flo mehrere Kissen und legte sie unter die Beine, um diese zu erhöhen. Dann schlug sie Vicki mehrmals mit der flachen Hand gegen die Wange. »Tante Vicki, wach auf! Tante Vicki, hörst du mich?«

Keine Reaktion. Nur Vickis Lider flatterten leicht.

»Ich glaube, es ist zwecklos.« Benno seufzte. »Wenn wir nur ein wenig früher da gewesen wären! Wir brauchen dringend einen Arzt.«

»Das bin ich selbst.« Flos Stimme klang schroffer, als sie wollte. »Was wir brauchen, ist ein Hospital. Lauf runter und rufe einen Krankenwagen. Ich habe im Behandlungsraum ein Telefon gesehen.«

Benno wandte sich zum Gehen, aber Flo hielt ihn zurück. »Und sage Piotr, er soll einen Bohnenkaffee aufgießen und hierher bringen.«

»Ja, Flo.«

Als Benno verschwunden war, setzte Flo sich auf den Bettrand. Abermals schlug sie gegen die Wange der Bewusstlosen und abermals vergebens. Doch es war buchstäblich lebensnotwendig, dass die Verletzte wieder wach wurde. Sie durfte nicht hinüberdämmern in eine andere Welt. Ihr Herz musste weiterschlagen! Flo überzeugte sich, dass der Druckverband hielt und sagte: »Ich werde jetzt so lange zu dir sprechen, Tante Vicki, bis du ein Lebenszeichen von dir gibst. Wahrscheinlich ist es egal, was ich sage, es kommt in erster Linie darauf an, dass du meine Stimme hörst. Sie soll dich beruhigen und dich fühlen lassen, dass jemand für dich da ist. Ich will, dass du nicht aufgibst. Du musst leben wollen! Ich habe nicht die weite Reise über das Meer gemacht, damit du jetzt von uns gehst. Das Leben hält sicher noch viele schöne Stunden für dich bereit. Ich bin jünger als du, und ich habe bei Weitem nicht die Erfahrung wie du, aber ich weiß, wie es ist, wenn die Welt über einem zusammenbricht, weil man einen geliebten Mann verloren hat. Glaubst du, es wäre in Hannes’ Sinn gewesen, dass du Selbstmord begehst? Siehst du, er hätte gewollt, dass du weiterlebst. Er hätte gewollt, dass du deinen Bruder und deine Nichte triffst und mit ihnen schöne Stunden verbringst. Bitte, komm zu dir, damit Dad und ich uns nicht für alle Zeit Vorwürfe machen müssen, weil wir zu spät gekommen sind.«

»Alles erledigt!« Benno kam atemlos zur Tür herein. »Der Krankenwagen müsste unterwegs sein, und hier ist der Kaffee.« Er hielt ein Tablett mit einer Kanne und zwei Tassen hoch.

»Danke, Dad. Eigentlich wollte ich Tante Vicki einen Schluck einflößen, aber ich fürchte, es wird nicht gelingen. Sie reagiert einfach nicht. Du kannst das Tablett auf der Fensterbank abstellen.«

Benno nickte. Er war stehengeblieben und schaute ernst drein. Dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck. Erst wirkte er verblüfft, dann erstaunt – und dann ließ er das Tablett fast fallen. »Flo, sieh nur! Vicki scheint wach zu werden …«

Flo folgte seinem Blick. Vicki hatte die Augen aufgeschlagen. Ein Lächeln des Erkennens trat auf ihre Lippen. Ihr Mund bewegte sich und formte tonlose Worte.

»Sag jetzt nichts, Tante Vicki.« Flo jubelte innerlich. »Es wird dir bestimmt bald besser gehen.«

»Ja, es wird dir bestimmt bald besser gehen«, bekräftigte Benno.

In diesem Augenblick ertönte auf der Straße das Martinshorn des Krankenwagens.

***

»Ich war so verzweifelt, ich wusste nicht mehr ein noch aus«, sagte Vicki eine Woche später zu Flo. Sie war noch immer sehr schwach und musste sich schonen. »Wenn du und Benno nicht gewesen wärt, läge ich jetzt neben Hannes auf dem Ohlsdorfer Friedhof und nicht hier auf der Chirurgischen Abteilung in Eppendorf.«

»Es ist ja noch mal gut gegangen.« Flo sah Vicki teilnahmsvoll an. Dass ihre Tante überlebt hatte, war keineswegs selbstverständlich gewesen und zu einem großen Teil auch der Transfusionsmedizin zu verdanken. Die Schwestern und Pfleger, allen voran der Stationsarzt Doktor Schellhammer, hatten von einem kleinen Wunder gesprochen, als Vicki nach vierundzwanzig Stunden endgültig über den Berg war.

»Ja, das ist es.« Vicki trug noch immer einen dicken Verband um das linke Handgelenk. »Nachdem du und Benno extra über den großen Teich gekommen seid, um mir zu helfen, kann ich es selbst nicht mehr begreifen, dass ich Schluss machen wollte. Aber ich sah an jenem Nachmittag einfach keinen anderen Ausweg mehr. Ich war so verzweifelt. Alles kam an diesem Tag zusammen: die Trauer um Hannes, das verlorene Glück, die Einsamkeit …«

»Einsamkeit? Aber du hast doch sicher gute Freunde?«

Vicki nickte. »Sicher, ein paar. Auch die Leute vom Kiez, allen voran Willi. Aber ich habe mich in den Monaten nach Hannes’ Tod völlig abgekapselt, wollte niemanden sehen, da blieben immer mehr Freunde weg.«

Flo streichelte Vickis verbundenen Arm. »Ich schlage vor, du stehst auf, und wir machen einen kleinen Rundgang. Es gibt so viele Wege auf dem Klinikgelände, und die frische Luft wird dir guttun.«

Arm in Arm gingen sie langsam zu einem kleinen Rondell in der Mitte des Areals, das allgemein »Marktplatz« genannt wurde, und setzten sich dort auf eine Bank. »Dann kamen noch die Geldsorgen hinzu«, nahm Vicki den Faden wieder auf. »Hannes war ein hervorragender Arzt, Mediziner aus Berufung, doch Geld bedeutete ihm nichts. Er hätte jeden Patienten am liebsten umsonst behandelt. Und Papierkram hasste er. Wenn ich nicht ein Auge drauf gehabt hätte, wären manchmal überhaupt keine Rechnungen geschrieben worden. Wie oft habe ich zu ihm gesagt: ›Hannes, Liebster, du hast ein großes Haus zu unterhalten, vergiss das nicht! Du hast eine Köchin, eine Haushaltshilfe, einen Gärtner, und du hast nicht zuletzt mich, deine Frau und Assistentin. Das alles verursacht hohe Kosten, jeden Monat.‹ Dann gelobte er hoch und heilig Besserung, aber nach ein paar Wochen war es wieder das alte Lied.«

»Aber hättest du nicht selbst als Ärztin arbeiten und Geld verdienen können? Soviel ich weiß, hast du deinen Doktor im Jahre 1913 gemacht und dir damit einen lang ersehnten Wunsch erfüllt.«

»Das stimmt.« Vicki seufzte. Sie kramte in der Tasche nach einem Stückchen Brot und warf es vor die Ligustersträucher am Rande des Marktplatzes. »Aber wer hätte Hannes dann assistiert? Wer die Karteikarten geführt, die Termine gemacht, die Röntgenbilder archiviert, die Instrumente sterilisiert und so weiter? Du bist selbst Ärztin, Flo, und weißt, wie vielfältig die Aufgaben einer Helferin sind. Ich hätte wahrscheinlich hauptsächlich gearbeitet, um sie bezahlen zu können. Nein, es blieb danach alles beim Alten. Aber die Genugtuung, es geschafft zu haben, eine Doktorin der Medizin zu werden, die hatte ich.«

Ein Spatz flog aus dem Ligusterstrauch heraus, landete neben dem Brotstückchen und begann, daran herumzupicken.

»Hättest du nicht jemanden entlassen können, zum Beispiel die Köchin?«, fragte Flo.

»Dann hätte ich selber kochen müssen, und ich war noch nie gut am Herd. Aber wahrscheinlich hast du recht. Vielleicht hätte ich der Haushaltshilfe kündigen sollen. Vielleicht auch Piotr, dem Gärtner. Doch was hätte das an der Gesamtsituation geändert? Nichts.« Wieder seufzte Vicki. »Vielleicht fragst du dich, warum ich mich nicht bemüht habe, nach Hannes’ Tod eine Approbation zu bekommen, um selbst zu praktizieren. Die Wahrheit ist: Ich leide an Multipler Sklerose.«

»Du hast MS?« Flo war erschüttert.

»Ich weiß es seit sieben Jahren. Ich glaube, Hannes wusste es schon länger, weil er die Symptome richtig einschätzte. Ich hatte seinerzeit ein taubes Gefühl im Oberschenkel, was ich aber nicht weiter beachtete. Später kam eine Beeinträchtigung der Sehfähigkeit hinzu, die aber wieder vollständig verschwand. Als Augenärztin kennst du diese Anzeichen sicher.«

»Ja, sie sind mir bekannt.«

Der Spatz hatte Gesellschaft bekommen, gemeinsam zerrupften die kleinen Vögel das Stück Brot und schwirrten damit in alle Richtungen davon. Flo sah es kaum, sie war zu abgelenkt durch das, was sie gerade gehört hatte.

»MS ist nicht heilbar«, sagte Vicki. »Ich muss jederzeit damit rechnen, dass die Symptome wieder auftreten, dann sogar stärker als zuvor. Das ist der Grund, warum ich als Ärztin nicht arbeiten kann.«

»Du Arme!« Flo schloss Vicki spontan in die Arme. »Bei dir kam wirklich alles zusammen. Vielleicht hätte ich an deiner Stelle genauso gehandelt.«

Vicki schüttelte den Kopf. »Sag das nicht. Du bist eine junge, starke Frau.«

»Ich werde demnächst sechsunddreißig.«

»Siehst aber aus wie sechsundzwanzig. Glaub mir, du hast dein Leben noch vor dir. Du wirst einen Mann und viele Kinder bekommen.«

»Nein.«

»Nein?« Vicki schaute Flo forschend an. »Glaubst du nicht an die große Liebe?«

»Nicht mehr.«

»Magst du mir erzählen, warum das so ist?«

Flo zögerte. Sie hatte bislang mit niemandem darüber gesprochen. »Er ist ein elender Mistkerl!«, platzte sie schließlich heraus.

Vicki wartete.

»Ein elender Mistkerl, der mich vier Jahre lang an der Nase herumgeführt hat. Heute weiß ich, dass er nur mit mir ins Bett wollte, mehr nicht. Er war Arzt am Kings County Hospital, wo auch ich arbeitete, und machte mir von Anfang an schöne Augen. Er überhäufte mich mit kleinen Geschenken, war charmant, unterhaltsam, intelligent. Zur Mittagspause trafen wir uns regelmäßig in einem billigen Hotel zwei Straßen weiter und … nun, du kannst dir schon denken, was wir da taten. Er sprach vom Heiraten und von einer rosigen Zukunft und wollte am liebsten jeden Tag mit mir zusammen sein. Nur am Wochenende nicht. Das hätte mich eigentlich stutzig machen müssen, aber ich schwebte auf Wolke sieben und war blind. Bis ich eines Mittags im Hotel nicht ihn, sondern seine Frau antraf. Sie war sehr ruhig und gefasst, sie sagte, sie hätte nur durch einen Zufall von unserer Beziehung erfahren. Dann fing sie an zu weinen, zeigte mir Bilder von den gemeinsamen Kindern und bat mich, ihr nicht den Mann zu nehmen und ihre Ehe zu zerstören.«

»Das muss eine schreckliche Situation für dich gewesen sein«, sagte Vicki mitfühlend.

»Für mich brach eine Welt zusammen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich meldete mich krank. Tagelang lief ich nur herum und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Die Wunde, die mir der Mistkerl geschlagen hatte, war einfach zu tief. Am meisten aber ärgerte ich mich über mich selbst. Welch dumme Gans war ich gewesen, dass ich die ganze Zeit nichts gemerkt hatte! Dann, Gott sei Dank, meinte Dad vor ein paar Wochen, ich solle mit nach Deutschland kommen, es ginge dir sehr schlecht, und im Übrigen würde mir die Ablenkung guttun.«

Flo atmete tief durch. »Tja, so ist alles gekommen, Tante Vicki.«

»Tja, so ist alles gekommen«, wiederholte Vicki sinnend. »Das gilt wohl für uns beide.« Dann lächelte sie. »Jedenfalls bin ich sehr froh, dass du mir das Leben gerettet hast.«

»Ich habe nicht viel dazu beigetragen.«

»Doch, das hast du, und ich danke dir.« Vicki nahm Flos Hand und drückte sie. »Ich möchte, dass wir Freundinnen sind, und zu einer Freundin sagt man nicht ›Tante Vicki‹, sondern nur ›Vicki‹. Einverstanden?«

»Oh, ja.« Flos Augen leuchteten.

»Würdest du mich jetzt wieder in mein Bett bringen? Ich bin etwas müde.«

»Aber gern, Vicki!«

Kapitel 4

Benno und Schatzi standen vor der Werkbank im alten Atelier des Hauses Große Elbstraße 7. Benno hatte den Raum einst mithilfe des Gärtners Jakub eingerichtet. Jakub war ein wenig schlicht, aber sehr stark gewesen. Er hatte die Mauer zwischen dem Mansardenstübchen und Annis alter Kammer eingerissen, um mehr Platz zu schaffen. Außerdem hatte er unter der Anleitung eines Tischlers zwei weitere Fenster ins Dach eingebaut, damit mehr Tageslicht in den Raum kam.

Ebendieses Licht fiel nun auf die Werkbank und erhellte zwei kürbisgroße Gebilde, die den Früchten der Seychellenpalme aufs Haar glichen. »Die Ärsche sind gut gelungen«, lobte Benno. »Hast du sie wirklich ganz allein gemacht?«

»Ich hatte eine Hilfe.« Schatzi grinste.

»Lass mich raten: Hat jemand aus dem Panoptikum mit Hand angelegt?«

»Das kann man so nicht sagen.« Schatzis Grinsen wurde breiter. »Ich habe einen Bekannten mit einem sehr knackigen Popo. Den stellte er mir freundlicherweise für einen Abdruck zur Verfügung. Der Rest war einfach.«

Benno musste lachen. »Du bist nicht auf den Kopf gefallen, stimmt’s?«

»›Gewusst, wie. Darauf kommt’s an‹, hat mein Vater immer gesagt.«

»Wer war dein Vater? Vielleicht kenne ich ihn?«

»Vater starb vor zehn oder elf Jahren, weil er zu viel und zu oft ins Glas geguckt hatte. Er war der beste Gast in seiner eigenen Kneipe. Die Kneipe gibt es heute nicht mehr, sie hieß Siebenmeilenstiefel und lag am Ende der Reeperbahn, in der Herrenweide.«

»Ich werd verrückt!«, entfuhr es Benno. »Dann war dein Vater Amandus Schuh, den alle Welt ›Mandi‹ nannte. Mandi war damals der Meinung, seine Kneipe könne nicht Schuh’s Eck oder Bei Schuh oder ähnlich heißen, das würde blöd klingen. Deshalb kam er auf Siebenmeilenstiefel. Mein Gott, ich kannte ihn gut. Wie klein die Welt doch ist.«

»Und auf der Reeperbahn ist sie noch kleiner. Als Vater unter der Erde war, kam Vira zu mir und sagte, sie hätte mit Willi gesprochen, ich könne in der Hölle anfangen. Das wäre praktisch, und es wäre auch näher zum Panoptikum. Tja, so hat sich alles ergeben.«

»Okay, jetzt aber ran ans Werk. Wird Zeit, deine Jungspopöchen anzumalen. Vorher jedoch müssen wir sie aufspießen und fixieren.«

Schatzi erschauerte. »O Gott, wie sich das anhört!«

Jetzt war es an Benno zu grinsen. »Wir stecken sie auf ein Stück Besenstiel und klemmen sie daran in den Schraubstock, dann können wir sie in einem Arbeitsgang von allen Seiten anmalen.«

»Verstehe.«

Danach begann Benno, einen Hautton aus Aquarellfarben anzumischen. »Ursprünglich waren es sieben Seychellenfrüchte, die ich damals bemalte«, sagte er. »Wo sind eigentlich die zwei geblieben, die durch diese ersetzt werden sollen?«

»Die hingen immer vor dem Eingang zum Glückskeller.«

»Ach ja, ich erinnere mich.« Benno machte den ersten Pinselstrich.

»Als Willi den Glückskeller 1923 verkaufen musste, verschwanden sie spurlos. Es war eine traurige Zeit. Drei Billionen Mark hat Willi für den Puff bekommen, und eine Woche später war das Geld nur noch ein Bier wert.«

Benno malte weiter. »Bei uns in den USA hättest du zu dem Zeitpunkt überhaupt kein Bier kaufen können. Jedenfalls nicht offiziell. Wir hatten die Prohibition. Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol waren streng verboten. Natürlich fand der Mann auf der Straße trotzdem Mittel und Wege, an sein Bier oder an seinen Whisky zu kommen. Wie sagte Mandi, dein Vater, so richtig? ›Gewusst, wie. Darauf kommt’s an.‹«

»Genau. Und deshalb habe ich in der Puppenwerkstatt vom Panoptikum eine tüchtige Portion Wachs mitgehen lassen. Es gibt über dreihundert Figuren, an denen ständig was ausgebessert werden muss, da fällt ein bisschen Wachs mehr oder weniger gar nicht auf.«

»Sehr clever. Willst du auch mal?« Benno hielt Schatzi den Pinsel hin.

Schatzi nahm ihn und machte seinen ersten Pinselstrich. Er war hoch konzentriert, seine Zungenspitze wanderte hin und her.

»Nur zu, nicht so zögerlich. Wenn man Flächen malt, geht man vor wie beim Harken: lang der Strich und kurz die Pause. Und vergiss nicht, zwischendurch den Pinsel in die Farbe einzutauchen.«

»Ja, Benno.« Schatzi machte weiter.

»Siehst du, es geht doch. Aus dir wird nochmal ein richtiger Kunstmaler.«

»Mach dich nur lustig.«

»Aller Anfang ist schwer. Ich werde noch ein zartes Grau für die Falte zwischen den Pobacken anmischen, dann bekommt das Ganze mehr Gesicht.«

»Mehr Gesicht?« Schatzi prustete los, und der Pinsel rutschte ihm aus. Ein hässlicher Streifen entstand.

»Das macht nichts«, sagte Benno. »Lass mich den Rest erledigen. Ich denke, das wird ein Prachtexemplar.«

Nachdem sie auch den zweiten Kürbis bemalt hatten, sagte Benno: »Beide Stücke bekommen noch einen durchsichtigen Schutzlack, damit die Farbe hält. Allerdings passiert das erst morgen, weil sie richtig trocken sein müssen. Bleibt die Frage, wo wir sie hinhängen, wenn sie fertig sind.«

»Vielleicht über den Eingang zur Hölle?«, schlug Schatzi vor.

»Warum nicht? Wir müssen vorher nur Willi fragen. Aber der wird nichts dagegen haben, wenn seine Kneipe verschönert wird.«

»Bestimmt nicht. Dieses Haus hätte übrigens auch mal eine Verschönerung nötig. Sieht alles ein bisschen runtergekommen aus.«

»Ist mir auch schon aufgefallen. Hilf mir mal, die Pinsel auszuwaschen und die Aquarellfarben wegzuräumen.« Nachdem das geschehen war, sagte Benno: »Dieses alte Gemäuer liegt mir am Herzen, mehr als ich dachte. Wenn ich mich entschließen würde, für längere Zeit in Deutschland zu bleiben, könnte ich mir vorstellen, es renovieren zu lassen.«

»Das würde wohl niemanden mehr als Vicki freuen.« Schatzi stellte sich auf die Zehenspitzen, um das Glas mit den ausgewaschenen Pinseln in ein Regal zu stellen. Dabei rutschten seine Ärmel herab, und mehrere kunstvoll gestochene Tätowierungen wurden sichtbar.

Benno erkannte Schlangen und Drachen in verschiedenen Farben. Sein künstlerisches Auge fühlte sich angesprochen. »Wer hat denn die Tattoos gemacht?«, fragte er.

»Christian Warlich in seiner Kneipe.«

Benno wunderte sich. »Ein Kneipenwirt, der tätowiert? Wo gibt’s denn so was?«

»Nur auf St. Pauli«, antwortete Schatzi nicht ohne Stolz. »Christian hat seinen Laden in der Kieler Straße. Solltest du hingehen, grüß schön von mir.«

»Vielleicht mache ich das, denn die Tattoos sind wirklich gut, das habe ich sofort gesehen. Aber zuerst gehen wir jetzt mal runter. Bin gespannt, ob es in diesem Frauenhaushalt was Anständiges zu trinken gibt.«

Als sie die Treppe hinabstiegen, blieb Schatzi plötzlich stehen und ergriff Bennos Arm. »Ich glaube, wir sind ein gutes Gespann«, sagte er leise.

Benno blickte ihn direkt an. »Ja, Schatzi, das sind wir, aber mehr auch nicht.«

***

Es war neun Uhr abends. Benno trug die alte Joppe, mit der er damals immer umhergezogen war, dazu seinen Cowboyhut, einen Stetson. Langsam ging er die Reeperbahn hinunter. Viel hatte sich in den Jahren nicht verändert. Noch immer war die Straße wie ein schlafender Riese, der Nacht für Nacht erwachte, ein bunter, greller Ort, an dem Huren sich feilboten, Strichjungen flanierten und Rauschgift unter der Hand verkauft wurde. Aber auch ein Platz der Lichtspielhäuser, der Varietés, des bürgerlichen Amüsements. Tagsüber dagegen wirkte die sündige Meile meist öde und trist. Doch Benno störte das nicht. Er liebte die Gegend. An der Ecke Talstraße bog er nach Norden ab, schlenderte vorbei an den pittoresken chinesischen Läden und wandte sich nach links in die Kieler Straße, die zu jener Zeit noch weit nach St. Pauli hineinreichte. Vor dem Haus Nummer 44 blieb er stehen. Schankwirtschaft stand in großen Lettern über dem Schaufenster. Von innen waren mehrere Pappschilder gegen die Scheibe geklebt. Darauf war zu lesen: Steche alles in sämtl. Farben nur elektrisch an allen Stellen. Und: Streng reell. Und: Giftfrei! Dazu einige beispielhafte Abbildungen. Ein Schmetterling, eine Meerjungfrau, ein Totenkopf.

Benno betrat die Wirtschaft. Wie in jeder Kneipe füllten mehrere Tische den Raum, dazu Stühle, Bänke und ein Garderobenständer. Im Hintergrund, neben einer durch einen roten Vorhang abgeteilten Ecke, befand sich der Tresen. Doch damit endeten schon die Gemeinsamkeiten. Anders als in der Hölle mit ihrer bunten Mischung aus Seegetier und Jagdwaffen hingen hier große Schwarz-Weiß-Porträts tätowierter Kunden an den Wänden, dazu unzählige Postkarten und Briefe aus aller Welt, teils vergilbt, teils zerknickt, von Absendern, die Warlich hatten grüßen oder ihm für seine Künste danken wollen.

Benno hängte den Stetson an den Garderobenständer, steuerte den Tresen an und bestellte ein Bier. Von hier aus konnte er einen Blick in die Ecke hinter dem roten Vorhang werfen. Ein Mann, der wie ein Gentleman aussah, stand da. Anfang vierzig, glatte Haare, Anzug, Schlips. Konnte das Warlich sein? Offenbar ja, denn er legte in diesem Augenblick eine elektrische Tätowiermaschine aus der Hand, mit der er ein Hamburg-Panorama auf der Brust eines Kunden begonnen hatte. »In ein paar Tagen ist nichts mehr rot, Erwin«, sagte er. »Entzünden wird sich auch nichts, keine Sorge, nur ab und zu ein bisschen Nivea oder Penatencreme drauf, das langt.«

»Danke, Christian.« Der Kunde zögerte. »Das mit dem Bezahlen … Ich bin gerade etwas klamm.«

»Zahlen kannst du am Schluss, du hast noch drei Sitzungen vor dir. Wir sehen uns nächste Woche wieder. Mach’s gut.«

»Danke.« Der Kunde zog sich an und verschwand.

Benno beobachtete, wie Warlich sein Instrumentarium mit bedächtigen Bewegungen zur Seite räumte. Dann sah er auf. Ihre Blicke trafen sich. »Du siehst aus, als wärst du nicht nur zum Biertrinken hier«, sagte Warlich.

»Erraten«, antwortete Benno. »Ich wollte den Mann kennenlernen, der Schatzi die Schlangen und Drachen auf den Arm tätowiert hat.«

»Meinst du Schatzi von der Hölle?«

»Genau den. Ich soll schön grüßen.«

»Grüß zurück. Und nun willst du auch Schlangen und Drachen?«

»Nein. Zumindest noch nicht. Ich wollte dir nur sagen, dass ich deine Arbeiten sehr schön finde.«

»Danke.« Warlich lächelte zum ersten Mal. »Wer bist du überhaupt? So wie du aussiehst, könntest du von hier sein, aber ich habe dich noch nie gesehen.«

»Ich bin Benno.«

»Ich bin Christian.«

Sie gaben sich die Hand. Benno stellte zu seiner Überraschung fest, dass Warlichs Handrücken kunstvoll tätowiert waren. So etwas hatte er bisher nur bei Polynesiern gesehen. Der Wirt winkte dem Mädchen hinterm Tresen zu. »Mach mir auch ein Bier fertig, Käthe.«

Nachdem sie gemeinsam getrunken hatten, sagte Benno: »Ich bin ein alter Freund von Willi Höller. Bin Ende der neunziger Jahre nach New York ausgewandert, um dort mein Glück zu machen, und nur für einen längeren Besuch in Hamburg.«

»Was, du lebst in New York?«

»So ist es.«

»Ich war auch mal eine Zeit lang in New York, da hätten wir uns eigentlich treffen können.«

Benno trank einen Schluck und grinste. »Stimmt, wo die Stadt doch so klein ist.«

»Nur sechseinhalb Millionen Einwohner.«

Beide lachten.

»Aber die Stadt ist mir in guter Erinnerung«, nahm Warlich den Faden wieder auf. »Ich habe dort meine elektrische Tätowiermaschine erworben, zurzeit ist sie die Einzige ihrer Art in Deutschland. Willst du sie mal sehen?«

»Aber ja!«

Warlich machte eine einladende Geste. »Dann darf ich dich in mein Atelier moderner Tätowierungen bitten. Es beginnt gleich hinter diesem Vorhang.«

»Die Tätowiermaschine ist sicherer, schmerzärmer und hygienischer als die herkömmliche Methode«, erklärte er wenig später, stellte sie an und zeigte ausführlich ihre Handhabung.

»Das glaube ich dir«, versicherte Benno, »aber um ehrlich zu sein, interessiere ich mich weniger für den Apparat, sondern mehr für die Werke, die du damit stichst.«

»So, so.« Warlich blickte spöttisch. »Willst du mir etwa Konkurrenz machen?«

Benno lachte. »Nein, wirklich nicht. Ich habe meinen eigenen Broterwerb.«

»Und was machst du so?«

»Ich male Bilder. Mein vollständiger Name ist Benno Haiden. Meine Werke werden in New York bei Joshua Brickstein ausgestellt.«

Daraufhin schwieg Warlich. Dann sagte er: »Ich glaube, ich muss dir Abbitte leisten. Ich kenne einige deiner Werke, und ich bewundere sie. Ich könnte nie so malen. Es ist eine Ehre für mich, dass du meine Tattoos magst.«

Benno hob sein Glas. »Glaub mir, es ist umgekehrt genauso. Ich könnte nie so gute Tattoos stechen. So ist es halt im Leben, der eine kann dies, der andere das. Wenn alle das Gleiche könnten, wär’s doch langweilig. Prost!«

»Prost, Benno. Nett, dass du das sagst. Dann werde ich dir jetzt einige meiner Vorlagenbücher zeigen.«

»Gerne.«

Kurz darauf kam Benno aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was er sah, waren keine ungelenk skizzierten Figuren, sondern mit meisterhaftem Strich gemalte Motive, perspektivisch genau, farblich fein nuanciert: Adlerköpfe, Schwerter, Flaggen, Drachen, Anker, Schiffe. Alles in jeglicher Form und Farbe. Barbusige Südseeschönheiten, lachende Matrosenbräute, finstere Seeräuber, Geishas mit Fächer, Indianer mit Kopfschmuck … Am meisten aber beeindruckten ihn mehrere Hautpräparate, handtellergroße Lappen, bei denen es sich um abgelöste Tätowierungen handelte. »Wie hast du das fertiggebracht?«, fragte er.

»Mit einer von mir entwickelten scharfen Spezialflüssigkeit«, antwortete Warlich. »Sie muss mehrmals aufgetragen werden, dann lässt sich die Haut abziehen, mitsamt dem unbeschädigten Motiv.«

»Ein bisschen makaber, aber faszinierend.« Benno verzog das Gesicht. »Tut das weh?«

»Ja, es ist eine schmerzhafte Prozedur.«

»Dann plädiere ich dafür, die Tätowierungen an ihrem Platz zu lassen.«

Warlich schmunzelte. »Ich auch. Da kommen sie am besten zur Geltung. Am liebsten lasse ich mich inspirieren von asiatischen und amerikanischen Motiven. Ich strebe immer nach Erweiterungen meines Bildmaterials. In letzter Zeit nimmt allerdings die Zahl der Kunden zu, die sich den Hitlerkopf stechen lassen. Bärtchen auf der Oberlippe. Scheitel rechts, wie mit dem Beil gezogen. Oder die beiden SS-Runen. Oder den Totenkopf.«

»Du sagst das, als gäbe es schönere Motive.«

Warlichs Miene verdüsterte sich. »Glaubst du das nicht auch?«

Benno schwieg. Dann nickte er. »Die Deutschen sind mir fremd geworden. Als ich fortging, herrschte der Kaiser. Jetzt gibt es den Herrn Hitler. Zwischen beiden liegen Welten. Ach, apropos: Ich habe mal eine Reise in die Südsee gemacht, zu den Marquesas-Inseln, weil einer meiner Lieblingsmaler, Gauguin, auf Hiva Oa begraben ist. Dort habe ich die Tätowierkunst der Insulaner kennengelernt, ihre vielfältigen Motive und deren Bedeutung. Ich habe von damals noch ein paar Skizzen. Allerdings befinden die sich in New York, doch ich könnte sie aus dem Kopf nachzeichnen, falls du willst.«

»Und ob!«

Da nichts anderes so schnell greifbar war, zeichnete Benno ein paar Motive auf mehrere Bierdeckel, unter anderem das an ein Labyrinth erinnernde Marquesas-Kreuz.

Warlich war begeistert. »Es geht doch nichts über die einfachen, jahrhundertealten Formen! Erlaubst du, dass ich sie in mein Repertoire aufnehme?«

»Na klar.«

»Darauf steht noch ein Pils und ein Kurzer auf meine Rechnung, was meinst du?«

»Kann nicht schaden.«

Nachdem sie das Bier getrunken, den Schnaps gekippt und sich danach noch einmal dasselbe gegönnt hatten, sagte Benno: »Besser, wenn ich jetzt die Kurve kratze, sonst krieg ich noch Schlagseite. Muss in die Große Elbstraße 7. Schlafe dort in meinem Atelier.«

»Das heißt, du willst kein Tattoo von mir? Ich würde dir ’nen Sonderpreis machen.«

»Doch, schon. Aber ich weiß noch nicht genau, was. Bye- bye, Cristian.«

»Adschüs, Benno.«

Kapitel 5

Benno nieste und schnäuzte sich geräuschvoll mit dem Taschentuch. Er hatte sich eine Erkältung zugezogen, und er wusste auch, warum. Schuld waren die zugigen Fenster in seinem alten Atelier, wo er sich ein Lager aufgeschlagen hatte. Außerdem schrieb man Ende November, es herrschte Grippewetter. Er knüllte das Tuch zusammen, stopfte es in die Hosentasche und beschloss, hinunter in die Bibliothek zu gehen.

Dort traf er Flo an. »Was machst du denn hier?«, fragte er.

»Ich belese mich über die Multiple Sklerose«, antwortete Flo.

»Wieso das denn?«

»Weil Vicki an dieser Krankheit leidet.«

»Woher weißt du das?«

»Weil sie es mir gesagt hat.«

»Aber man sieht ihr gar nichts an!«

»Noch nicht, doch die Symptome, die sie hatte, waren eindeutig. Und was machst du hier unten, Dad?«

»Ich wollte nach einem Kognak gegen meine Erkältung Ausschau halten. Dein Großvater hatte hier früher immer welchen versteckt. Hinter Meyer’s Konversations-Lexikon, Band 18, Schöneberg bis Sternbedeckung. Ah, da steht ja tatsächlich noch eine Flasche. Ob die letzten fünfunddreißig Jahre dem Hennessy geschadet haben?«

»Dad, manchmal bist du unmöglich. Ich erzähle dir, dass Vicki MS hat, und du denkst an nichts anderes als Kognak.«

»Du hast recht, was ist schon ein Schnupfen gegen MS. Meinst du, wir können ihr irgendwie helfen?«

»Die Krankheit ist nicht heilbar, sie kann jedoch sehr langsam verlaufen. Sicher dürfte sich ein glückliches Umfeld positiv auswirken.«