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«Es war kurz vor Weihnachten. Über die Ägerti verlief die Strasse eine halbe Stunde wie in einem Tunnel. Allein wagte Lisabeth nicht durch die Finsternis zu gehen. Sie versteckte sich. Da kam ein junger verheirateter Mann. Sie ging hinter ihm her. Er hörte ihre Schritte, hatte Angst, eilte davon und versteckte sich hinter einem Nussbaum. Sie hustete laut, nahm lange Schritte und trat weiter oben auch hinter einen Baum. Er ging daran vorbei und sie folgte ihm nach. Da rannte er davon...» Elisabeth Bünter-Zurschmiede (1877-1966) erzählte gerne aus früheren Zeiten, wenn ihr Enkel Heinz Balmer und seine Frau Ruth sie im Altersheim besuchten. Aus den zahlreichen Notizen, die dabei entstanden, hat Ruth Balmer ein eindrückliches Lebensporträt zusammengestellt. Ein Stück Zeitgeschichte (nicht nur) aus Wilderswil.
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Das Elternhaus
Frühling
Sommer
Herbst
Winter
Der Bau der Bahnen
Nach dem Tod des Vaters
Freude und Leid in der jungen Ehe
In Vitznau
Aus dem Familienleben
Elises Ausbildung in Neuenburg
Melks Krankheit und Tod
Elsi und Heinz
Die Reise nach Paris
Heimarbeit
Die Grossmutter und ihr Enkel
An der Lehngasse
Elsi
Das Alter
Angaben zur Familie
Ruth Balmer wurde am 20. Oktober 1940 im damaligen Dürrgraben (heute Heimisbach) in der Gemeinde Trachselwald geboren. Sie besuchte neun Jahre die Primarschule im Weiler Thal. Neben den Büchern aus der Bibliothek las sie schon früh die Werke ihres Grossonkels Simon Gfeller. 1956 trat sie in das Lehrerinnenseminar der Neuen Mädchenschule in Bern ein. Hier öffnete sich ihr eine neue Welt. Sie liebte die Sprach- und Musikfächer, aber auch die Mathematik. 1960 erhielt sie das Primarlehrerinnenpatent. Anschliessend unterrichtete sie zwei Jahre in Häleschwand bei Signau. Dann studierte sie fünf Semester Germanistik und Geschichte in Basel und Bern. Seit ihrer Heirat mit Heinz Balmer im Frühling 1963 lebt sie in Konolfingen. Sie ist Mutter von zwei Töchtern und drei Söhnen. Ab 1973 arbeitete sie in der Volkshochschule Münsingen mit. 1978 wurde sie in den Kirchgemeinderat Konolfingen gewählt. Dieses Amt hatte sie zwölf Jahre inne, davon acht Jahre als Sekretärin. 1990 kehrte sie in ihren ursprünglichen Beruf zurück und übernahm bis 1996 ein Teilpensum an der Schule Mirchel.
Mein verstorbener Mann, der Wissenschaftshistoriker Heinz Balmer, schrieb in zahlreichen Schulheften auf, was ihm seine Grossmutter Elisabeth Bünter-Zurschmiede erzählte. Sie wurde 1877 in Wilderswil geboren und wohnte 85 Jahre in diesem Dorf. 1962 übersiedelte sie ins Altersheim Birgli in Brienz. Wenn wir sie dort besuchten, berichtete sie gerne aus alten Zeiten. Bald sprach sie vom ersten Auto, das sie als Kind gesehen hatte, dann vom Einzug in ihre Wohnung an der Lehngasse im Jahr 1942, von ihrer frühen Heirat, von der Einsamkeit im Alter. Ihre Erinnerungen waren wie lose Steine aus einem Mosaik. Ich versuchte sie zu ordnen und ergänzte sie mit Briefen und Bildern.
Ruth Balmer
Elisabeth Zurschmiede wuchs an der Allmend in Wilderswil auf. Der Vater, Hans Zurschmiede (1837– 1893), war, wie seine Vorfahren, Bauer, Sigrist in der Kirche Gsteig und Totengräber. Deshalb wurde er von den Leuten «ds Sigrists Hänsi» genannt. Er und sein Bruder Fritz teilten sich das Sigristenamt. Zu Beginn lebten beide mit ihrer Familie im Haus rechts vor der Brücke, die über die Lütschine zur Kirche führt.
Hans heiratete 1861 die 19-jährige Luzia Balmer aus Wilderswil. Sie brachte neun Kinder zur Welt. Elisabeth wurde am 26. Februar 1877 als Zweitjüngstes der Geschwister geboren. 1882 kaufte der Vater das Haus links vor der Brücke. Hier verbrachte Elisabeth ihre Kindheit und Jugendzeit. Zu den neun eigenen Kindern nahm die Mutter im Lauf der Jahre neun Pflegekinder auf.
Elisabeth kannte nur die Grosseltern mütterlicherseits. Ulrich Balmer (1805–1887) und seine Frau Luzia Balmer-Häsler (1815–1891) wohnten im Sydach. Ulrichs Vater war Bauer und Viehdoktor gewesen und dessen Vater Bauer und Schulvogt. Aus diesem Grund nannten die Leute Elisabeth «Schuelvogts Lisabeth». Die Mutter sagte ihr immer «Lisabethelli».
Ulrich Balmer war ein lieber Grossvater. Wenn er am Käsen war, schauten ihm die Enkelkinder gerne zu. Sobald die Masse im Kessi dicklich wurde, nahm er ein wenig davon in die Hand, drückte sie aus und gab ihnen solche «Chäsvögeni». Lisabeth weinte bei seinem Tod und stand nachher oft an seinem Grab.
Die Grossmutter Luzia Balmer-Häsler war einmal in einer vereisten Gasse auf die rechte Hüfte gefallen. Seither konnte sie sich nur mühsam mit Krücken vorwärtsbewegen. Sie strickte den Enkelkindern Strümpfe aus Schafwolle für den Winter und aus Baumwolle für Frühling und Herbst. Sie war jähzornig, schimpfte mit ihnen und ohrfeigte sie. Einmal musste Lisabeth ihr etwas bringen. Da bat die Grossmutter, sie solle noch Fett kaufen. Als Lisabeth sagte, sie habe keine Zeit, sie müsse in die Nachmittagsschule gehen, warf ihr die Grossmutter eine Pfanne an den Kopf. Lisabeth kehrte blutverschmiert heim. Die Mutter weinte.
In den letzten zwei Jahren vor ihrem Tod lebte die Grossmutter bei ihnen an der Allmend. Eines Tages kam sie mit den Krücken vom Sydach zu ihnen. Sie brauchte zwei Stunden, bis sie in ihrer Küche stand. Erschöpft sagte sie, sie gehe nicht mehr hinaus, ausser man schicke sie weg. Die Mutter sagte: «Du hast meinem Bruder deinen ganzen Besitz gegeben, und jetzt kommst du daher!» Da fuhr der Vater sie an: «Schweig, es ist die Grossmutter!»
Sie hatte die Wassersucht. Die fünfzehnjährige Marianne und die zwölfjährige Lisabeth pflegten sie.
Der Vater verdiente als Sigrist und Totengräber nicht viel. Die Gräber musste er halbvergebens ausheben. Im Sommer war er oft als Bergführer unterwegs. Zu dieser Zeit fuhr noch keine Bahn in die Täler. Aber auf der Strasse herrschte reger Verkehr. Der Fahrweg von Unterseen nach Zweilütschinen führte durch Wilderswil und dort über die Gsteigbrücke. Die Fremden reisten in ein- oder zweispännigen Kutschen an. Die Bergführer stiegen mit ihnen zu den Gletschern hinauf oder geleiteten sie über die Pässe.
Bild 1: Die Kirche Gsteig und das Elternhaus links vor der Brücke
Lisabeths Mutter war eine grosse stattliche Frau. Sie hatte als Dienstmädchen in einer katholischen Familie kochen gelernt. Der Vater war mittelgross und schlank. Er konnte gut singen. Die Mutter sagte, sie habe ihn deswegen geheiratet. Mit einem Verwandten trat er an Hochzeiten auf. Er sang auch mit seinen Kindern. Fritz spielte Handorgel, Adolf konnte maulorgeln und pfeifen. Er pfiff schon am Morgen um fünf Uhr Lieder.
Sie waren immer viele Leute am Tisch. Und doch bekamen alle genug zu essen. Auch Gottfried, der schwerhörige Sohn des ehemaligen Inhabers der Wirtschaft in Gsteig, ass oft bei ihnen. «Chumm du nume», sagte die Mutter, obschon die Stube schon voll war. Vor und nach dem Essen beteten die Kinder. Jedes wusste, wann es an der Reihe war. Vor der Mahlzeit beteten sie «Spys Gott» und nachher sprachen sie ein Dankgebet. Lisabeth sagte als alte Frau: «Wer isst, ohne zu beten, benimmt sich wie ein Schwein, das zum Trog kommt.»
Trotz ihrer grossen Haushaltung hatte die Mutter immer etwas übrig für andere. «I ha grosse Säge», sagte sie und schickte nie jemanden leer fort. Sie war ganz wie ihr Vater mit den «Chäsvögeni». Sie wirkte als Erzieherin durch ihr Vorbild. Die Kinder gewöhnten sich früh an die Arbeit. Als Lisabeth einmal sagte: «O das machen i jetz nid gäre», erwiderte sie ruhig: «So machs halt ungäre.»
Am Samstag pflegte eine Lumpensammlerin ihren schweren Karren nach Gsteigwiler hinaufzuziehen. Da schickte die Mutter einige ihrer Kinder zur Brücke: «Geht und wartet; dann helft ihr den Karren stossen.»
Bild 2: Die Eltern Johannes Zurschmiede (1837-1893) und Luzia Balmer (1842-1913)
Kaum war der Schnee geschmolzen, sammelte die Mutter mit den beiden jüngsten Kindern Lisabeth und Adolf die Äste und Zweige, die vom Baumschnitt in der Hofstatt am Boden lagen. An mehreren Stellen blühten bereits Schneeglöcklein. Sie achteten darauf, dass sie möglichst keines verletzten oder zertraten. Weil sie schwitzten, zogen sie die Jacken aus. Sie spürten die Wärme der Sonne. Ein Glücksgefühl stieg in ihnen auf. Der Frühling war da. Sie mussten nicht mehr die ganze Zeit im schlecht geheizten Haus sein.
In den nächsten Tagen lasen sie auf den Wiesen und Äckern Steine auf. Sie fanden viele, in allen Grössen. Gottfried half ihnen dabei. Er war wegen des schlechten Gehörs menschenscheu, aber lieb. Er war 1869 geboren worden. Als Zehnjähriger hatte er die Mutter verloren, und ein Jahr später war sein Vater an Tuberkulose gestorben.
Einige Leute sagten, seine Behinderung sei eine Strafe Gottes, weil sein Vater, Heinrich Balmer, Wirt und Schwingerkönig in Gsteig, ein Spötter gewesen sei. Die Mutter, Elisabeth Balmer-Hiltbrand aus Wimmis, hatte schwer darunter gelitten, dass das Jüngste ihrer drei Kinder hörgeschädigt war. Sie wusste von ihrem gehörlosen Bruder, welche Schwierigkeiten diese Behinderung verursachte.
Gottfried lebte bei seinem Bruder Heinrich, einem Bäcker. Die Schwester Elisabeth heiratete 1886 den Gerichtsschreiber Hans Balmer.
Beim Abendessen schliefen Lisabeth und Adolf beinahe ein. Auch die Mutter sagte, sie spüre die Frühlingsmüdigkeit. Sie hatten aber keine Zeit, um sich auszuruhen. Auf dem Pflanzplätz setzten sie Erbsen und Zwiebeln, im Garten säten sie frühe Rüebli und Schnittmangold.
Dann begannen sie mit der Frühlingsputzete. Sie reinigten die Stuben und die vier Gädeli. Die Männer nahmen die Vorfenster ab und verstauten sie. Die inneren Fenster trugen sie zum Brunnen, wuschen sie und stellten sie zum Trocknen an eine Wand. Am Abend roch es fein nach frischer Luft, und durch die sauberen Fenster schien die Sonne.
Die Reinigung der Küche dauerte einen ganzen Tag. Beim Kochen, Heizen und Räuchern hatte sich viel Staub und Russ angesetzt.
Ostern war ein Freudenfest. Die dreissig braunen und weissen Hühner, die die Mutter besass, hatten schon im Februar mit Legen begonnen. Sie färbte die Eier in einem Sud aus Zwiebelschalen. Einen Teil davon verkaufte sie. Die andern schichtete sie für die Familie auf eine Platte. Sie versteckte sie nicht. Am Ostermorgen strömten viele Leute an ihrem Haus vorbei zur Kirche. Der Vater war als Sigrist schon früh hinübergegangen. Als die Glocken zu läuten begannen, zog die Mutter eine Jacke an, setzte einen Hut auf und verliess mit dem Psalmenbuch in der Hand das Haus. Andächtig schritt sie über die Brücke und betrat das altehrwürdige Gotteshaus.
Im Frühling hatte die Mutter grosse Wäsche. Mit den Vorbereitungen fing sie schon Tage vorher an. Sie stellte die Zuber in den Brunnentrog, damit das Holz aufschwoll und kein Wasser mehr durchliess. Am Vorabend sortierte sie die schmutzige Wäsche, die auf dem Söller an zwei Stangen hing. Seit der letzten grossen Wäsche waren sechs Monate vergangen. Sie füllte mehrere Körbe mit Leintüchern, Tischtüchern, Bettanzügen, Küchentüchern, Schürzen, Nastüchern, Hemden und Hosen. Eine Menge Strümpfe, Mützen und Handschuhe hatten sich angehäuft. Ausser den wollenen Sachen wurde alles in einem Buch-Chessi im Waschhaus mit kochender Aschenlauge übergossen und auf einem Brett geschlagen. Danach wurde die Wäsche im Brunnentrog geschwenkt. Der Vater spannte unterdessen in der Hofstatt ein Seil von Stecken zu Stecken und von Baum zu Baum. Die Frauen trugen die ausgewrungene Wäsche auf einer Bahre hinaus und hängten sie auf. Es war ein beglückender Anblick, wenn die Tücher im Wind flatterten.
Sobald die Wäsche geglättet und in die Truhen und Schränke geräumt war, säten, steckten und pflanzten die Mutter und die Töchter Gemüse im Garten und auf dem Pflanzplätz.
Anfangs Mai setzten sie eine Menge Kartoffeln auf ihrem Land und «Uf em Rächt». Jeder Bürger von Wilderswil hatte zwei Äcker «Uf em Rächt». Der Vater und die Brüder zogen mit der Haue eine Furche in den Acker. Die Mutter, Lisabeth und Adolf traten hinein, und während sie vorwärtsgingen, legten sie nach jedem Schritt eine Kartoffel in die Erde. Die Männer gruben eine neue Furche und deckten dabei die andere zu. Bald reihte sich Zeile an Zeile. An den meisten Tagen war Gottfried da. Man konnte ihn bei dieser Arbeit gut brauchen. Zuerst half er den Männern, und als die Mutter sagte, es sei Zeit zum Kochen, legte er Kartoffeln ein.
Nach einer kurzen Mittagspause arbeiteten sie weiter, bis die Mutter das Zvieri holte. Sie liessen sich am Rand des Ackers nieder und assen mit erdigen Fingern Brot und Käse und tranken Milchkaffee. Beim Aufstehen spürte Lisabeth, dass ihre Glieder steif waren, doch nach wenigen Schritten verschwand die Müdigkeit.
Unterdessen war der Schnee auch auf der schattseitig gelegenen Buechiweide in Gündlischwand geschmolzen. Lisabeths Eltern besassen dort ein Stück Mattland. Im Frühling donnerte eine Lawine über die Schneitfluh hinunter. Deshalb mussten sie bis in den Frühsommer Holz und Steine wegräumen.
Bald sprossen die Kartoffeln aus dem Boden und mit ihnen eine Menge Unkraut. Dieses entfernten sie mit einer kleinen Hacke. Einmal geschah Lisabeth und Adolf ein Missgeschick. Sie rissen die Kartoffelpflanzen aus, weil sie meinten, diese seien ein Unkraut. Nachdem sie einige wenige Zeilen gesäubert hatten, kam die Mutter. Sie war entsetzt und schlug sie, was sie sonst nie tat.
Im Sommer befanden sich die drei Kühe und sieben Schafe, die sie besassen, auf der Alp. Nur die Ziegen blieben unten im Dorf. Die Mutter kochte am Abend oft eine Milchsuppe mit Brot. Sie erwärmte die Ziegenmilch, schnitt Brot hinein und rührte kräftig.
Bei schönem Wetter brachten die Dorfbewohner das Heu ein. Sobald es dürr war, rechten sie es zu dicken Walmen. Dann schoben die Männer es mit einer Eisengabel zusammen und hoben eine Ladung um die andere auf den Wagen, wo es von einer Person in Empfang genommen und möglichst gut aufgeschichtet wurde. Das erste Fuder, das Lisabeth lud, schwankte auf der Heimfahrt hin und her. Der Vater regte sich auf, weil es regnen wollte. Er schlug sie heftig, riss sie an den Zöpfen und ohrfeigte sie. Ein Mann, der sich in der Nähe befand, sagte: «Eh aber Hänsi, das zwölfjährige Mädchen!»
