Großvaters Wahrheiten - Ernst Bornemann - E-Book

Großvaters Wahrheiten E-Book

Ernst Bornemann

0,0

Beschreibung

Dieser Roman behandelt - auf Akten & Fakten aufbauend - die Geschichte eines Jugendlichen in der Zeit der politischen Wende. Das Vermächtnis seines geliebten Großvaters ist Last und Auftrag zugleich, denn dessen Erlebnisse als hoher MfS-Offizier durften erst dreißig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Begleiten sie die Beteiligten in die Wirren des Kalten Krieges, in eine Welt der Spitzel, in eine Welt der Lügen und des Verrats. Der todkranke, ehemals hoch dekorierte MfS-Offizier »Walther Herzberg« reflektiert sein Leben und Wirken in zwei Diktaturen. Er nimmt seinen Enkel »Sebastian Seemann« (kurz Bastian genannt) mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Herzberg beschreibt seine Jugend als Pimpf, seinen weiteren Werdegang bei der Sowjetischen Militäradministration und die steile Karriere beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buchbeschreibung:

Dieser Roman behandelt - auf Akten & Fakten aufbauend - die Geschichte eines Jugendlichen in der Zeit der politischen Wende. Das Vermächtnis seines geliebten Großvaters ist Last und Auftrag zugleich, denn dessen Erlebnisse als hoher MfS-Offizier durften erst dreißig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Begleiten sie die Beteiligten in die Wirren des Kalten Krieges, in eine Welt der Spitzel, in eine Welt der Lügen und des Verrats.

Der todkranke, ehemals hoch dekorierte MfS-Offizier »Walther Herzberg« reflektiert sein Leben und Wirken in zwei Diktaturen. Er nimmt seinen Enkel »Sebastian Seemann« (kurz Bastian genannt) mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Herzberg beschreibt seine Jugend als Pimpf, seinen weiteren Werdegang bei der Sowjetischen Militäradministration und die steile Karriere beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Über den Autor:

Ernst Bornemann, wurde 1963 in Uelzen geboren. Nach der Schul- und Berufsausbildung war er viele Jahre im öffentlichen Dienst tätig. Im Landkreis Harburg lernte er berufsbedingt fast jede Polizeidienststelle sowie zahlreiche Tatorte kennen. In den Asservatenkammern deuteten diverse Mordwerkzeuge wie Schusswaffen, Messer, Gifte und stumpfe Gegenstände auf Taten des Grauens hin. Dienstliche Belange führten ihn regelmäßig zum Landeskriminalamt nach Hannover.

Der Transport kriminalpolizeilicher Akten der Kriminalpolizeiinspektion Lüneburg brachte ihn mit Prominenten (z.B. Bernd Herzsprung) aus der Sendereihe SOKO 5113 zusammen. Die teilgeschwärzten Akten dienten damals den Bavaria-Studios als Ideen- und Regievorlage. Dass der Autor während dieser Zeit mindestens drei Dienstwagen zu Schrott fuhr, mögen ihm die Steuern zahlenden Bürger bitte nachträglich nachsehen.

In der Wendezeit zog es Bornemann in den »Nahen Osten«, in die Heimat seiner Vorfahren - mütterlicherseits. Dort im ehemaligen Ostdeutschland war er als Sicherheitsmitarbeiterin militärischen und polizeilichen Strukturen und Liegenschaften tätig.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ihm sein chronologisches Fachbuch: »Brücke zur Welt« aus dem Jahre 2008 und die im Vorfeld akribisch geführten Zeitzeugengespräche, Lob und Anerkennung einbrachten.

Seine Forschungen an der BStU in Magdeburg und Berlin und die von ihm aufgebaute Exponate-Sammlung aus dem Reich der Spione, sowie dessen Fachkenntnisse im Bereich der Funk- und Nachrichtentechnik machen ihn zum Kenner der Materie.

Seine Recherchen führten ihn mit Republikflüchtigen wie Dr. Peter Döbler (Flucht über die Ostsee 1971) zusammen. Er sprach mit »Hauptamtlichen MfS-Offizieren« und mit sogenannten IMs, den »Inoffiziellen Mitarbeitern« des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.

Als hilfreich bewertet er seine bestehenden Kontakte zu ehemaligen Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes und zu dem damaligen US-amerikanischen Abhörspezialisten Johnny Workman (ARD-Doku: Johnny und die Grenzsoldaten), welcher im Wendland an der Elbe - der Nahtstelle der beiden Weltmächte - seinen Dienst versah.

»Diese unerschöpfliche Quellenlage ist mein Kapital«, so der Autor.

Inhaltsverzeichnis

Ein Fetzen Papier

Gestolpert

Gesellschaftliches Chaos

Verräterische Aschewolken

Knabenhafte Diversanten

Das Weiße Haus

Die Bollerwagenbande

Kurze Hosen, braunes Hemd

Das Vermächtnis

Strastwuitje Towarischtsch

Die schöne Sarah

Geheimnisvoller Zweitaktmief

Die Beichte

Spitzel in Weiß

Die HVA und der Terror

Nächster Halt Lüneburg

An der unsichtbaren Front

Advent in der Altmark

Schlammhausen

Der Sensenmann

Ein Fetzen Papier

»Hier bist du Opa«, leise fast schleichend betrat Sebastian die alte Scheune. »Was machst du da?« »Arbeiten, ich muss noch arbeiten«, erwiderte Walther Herzberg. »Hm, na gut, dann will ich dich nicht weiter stören«, sprach Bastian - so nannte Opa-Walther ihn immer. »Ach Bastian, du störst doch nicht. Ich habe eben noch ein wenig aufräumen wollen, nichts Wildes, keine große Sache, Sache.« Walther Herzberg hatte eine Macke. Immer wenn ihm etwas peinlich war oder Aufregung im Raume stand, dann wiederholte er Wörter so wie gerade eben, als er »Sache« zweimal sagte.

Sebastian ging ein paar Schritte Richtung Werkbank. Er bemerkte, dass seinem Opa offensichtlich ein paar Schnipsel einer Zeitung oder eines Briefes heruntergefallen sein mussten. Ordentlich, wie er war, bückte er sich und ging damit zum alten Dauerbrandofen. Wie zufällig fiel sein Blick auf einen Fetzen Papier. »Unter Wahrung der Konspiration« stand da geschrieben. »Opa, was ist Konspiration?« Walther Herzberg hatte von Sebastians Hilfsaktion nichts mitbekommen. »Leg ihn weg, sofort« brüllte er! »Lass ihn fallen, ich brauche deine Hilfe nicht.« Sebastian war sehr erschrocken. So hatte er seinen Opa noch nie erlebt. Er rannte aus der Scheune über den frisch gemähten Rasen hinüber zu seinem an der Hauswand lehnenden Fahrrad, fuhr los und grübelte über seinen vermeintlichen Fehler nach. Er strampelte und strampelte. Am alten Postweg machte er halt und setzte sich auf den von ihm geliebten großen Feldstein, um nachzudenken. Doch so sehr er sich auch bemühte, er kam nicht drauf. Was habe ich denn falsch gemacht? Ich wollte doch nur nett sein. Was ist mit Opa los? Ist er genervt? Ich habe doch nur eine einzige Frage gestellt. So hat er mich noch nie behandelt. Und wenn ich mal eine Frage hatte, dann, ja dann, hat er mir immer geholfen. Er hat mir immer alles ruhig und verständlich erklärt. Ich weiß nicht, grübelte er. Was stand da noch auf dem Papierschnipsel? Unter Wahrung der Konspiration?

Langsam ging der Tag zu Ende. Ein frischer Sommerwind setzte ein. Sebastians Lieblingsplatz, der Feldstein, auf dem er so gern saß, war durch die Nachmittagssonne noch angenehm warm. Das liebte Sebastian. Hier zu sitzen, um zu träumen oder um nachzudenken, wie gerade jetzt. Sein Blick auf die Armbanduhr beendete den Ausflug, denn es war Abendbrotzeit.

Etwas verspätet kam Sebastian zurück. Die Fahrradkette war zweimal abgesprungen und ein großer Rostfleck auf seiner Hose verriet das Malheur. Das bemerkte Opa-Walther sofort. Walther Herzberg war ein gebildeter und weltgewandter Mann. Ihm konnte niemand so schnell etwas vormachen.

»Du bist zu spät mein Sohn, ich mag es nicht, wenn du unpünktlich bist«, herrschte Sebastians Vater ihn an. »Setz dich hin und iss!« Sebastian nahm ohne ein Wort Platz. Den Tränen nahe meinte er: »Das ist wohl nicht mein Tag, erst Opa und jetzt du, Vati.«

»Lass den Jungen in Ruhe!«, brüllte Walther aus dem Nachbarzimmer. »Er kann nichts dafür. Siehst du denn den Rostfleck auf seiner Hose nicht? Denk nach! Aber denken war noch nie deine Stärke - oder? Schwiegersöhne kann man sich nicht aussuchen und einen arbeitslosen Schwiegersohn schon gleich gar nicht. Nur gut, dass das Atomkraftwerk Stendal, an dem du mitgebastelt hast, nie ans Netz gegangen ist. Einen großen Schlendrian habt ihr da hingelegt. Alles ohne Sinn und Verstand. Schweinerei. Ihr Dummköpfe!«

Hier herrscht urst dicke Luft, dachte Sebastian. »Habe keinen Hunger«, sagte er, »muss noch für die Schule lernen.« Dann stand er - ohne weitere Worte zu verlieren - auf und ging auf sein Zimmer.

»Aufstehen. Hallo Sebastian. Guten Morgen, es ist halb sieben, du musst zur Schule.« »Guten Morgen Mutti. Ich geh gleich raus zum Schuppen. Das Fahrrad weißt du, mir ist zweimal hintereinander die Kette abgesprungen. Ich werde sie spannen und ölen müssen.« »Ich hörte schon von deinem Pech«, erwiderte sie. »Dein Vater hat mir gestern Abend noch alles erzählt. Lass dir Zeit, er hat sich schon um alles gekümmert. Ist deine Mappe gepackt?« »Klar doch«, antwortete Sebastian. »Wir schreiben heute eine Kurzkontrolle in Sozialkunde.«

»Sag mal Sebastian, worum geht es denn in der Kurzkontrolle?« »Wir sprachen über Demokratie und über all das, was sie ausmacht, wie freie und geheime Wahlen und Pressefreiheit. Ach ja, und dass wir uns einbringen sollen. Unsere ehemalige Pionierleiterin hat auch gesagt, dass man Demokratie, und alles, was dazugehört, nicht einfach so diktieren kann. Man muss sie erlernen. Demokratie lebt hauptsächlich vom Mitmachen. Dann meinte sie noch, dass wir nicht alles kommentarlos hinnehmen sollen; ruhig hinterfragen, nicht alles glauben, so wie früher.« »Aha, eure ehemalige Pionierleiterin hat das gesagt. Ist ja interessant.« »Ja, Frau Dohle, du kennst sie. Sie ist seit zwei Jahren an unserer Schule.« »Soso, erst bringt sie euch den Sozialismus nahe und nun das genaue Gegenteil. Nun gut, ich werde sie auf dem nächsten Elternabend daraufhin ansprechen. Was bringt euch Frau Dohle denn noch so bei, Sebastian?« »Also, Frau Dohle ist zusätzlich auch noch unsere Geschichtslehrerin. Der Unterricht macht wirklich Spaß mit ihr. Sie behandelt uns beinahe wie Erwachsene. Sie nimmt uns ernst. Außerdem können wir zu ihr kommen, hat sie gesagt, wenn es irgendwelche Probleme gibt. Und ich glaube ihr.« »Hat denn deine Lehrerin auch einen Vornamen?« »Na klar, logisch. Mutti, du stellst ja lustige Fragen. Jeder hat doch einen Vornamen. Sie heißt Karola.«

Neben der Sozi-Kurzkontrolle standen Mathe, Geo und Sport auf dem Stundenplan. Mit seinem Fahrrad brauchte Sebastian lediglich siebeneinhalb Minuten bis zur Karl-Marx-Oberschule. Sportlich war er schon immer, das muss man anerkennend zugeben. Und das hatte an der KMO durchaus große Vorteile, denn die Unsportlichen bekamen von Lehrer Raimotzki zur Strafe Blumenwasser zu trinken, eine Kopfnuss oder gar einen kompletten Schlüsselbund an den Kopf geworfen.

Es kam die Stunde der Wahrheit. Die Auswertung der Kurzkontrolle stand bevor. Sozialkunde ist ein Lernfach, das wusste Sebastian. Andauernd änderte sich etwas in der großen Politik. Das war im Großen wie im Kleinen so. Ganze Staaten lösten sich in Wohlgefallen auf, und waren auf der politischen Landkarte einfach nicht mehr auffindbar. Auch die kleine DDR sollte nun verschwinden, geschluckt von der mächtigen BRD. Die Soziale Marktwirtschaft wird die Zonies unter ihre Fittiche nehmen, keinem werde es schlechter gehen, hatte der Bundeskanzler Helmut Kohl gesagt. Sebastians Vater ist arbeitslos geworden. Davor wurde er auf »Null-Stunden« gesetzt und nun? Blühende Landschaften? Im nächsten Monat, am 3. Oktober 1990, feiern wir den ersten gemeinsamen Tag der Deutschen Einheit. Dann sind wir endlich richtige Bundis, dachte Sebastian, denn Westgeld gab es bereits seit Anfang Juli.

Frau Dohle betrat das Klassenzimmer. Zackig und zeitgleich standen ihre Schützlinge auf. »Guten Morgen!«, »Guten Morgen Frau Dohle!« Ein fast militärisches Ritual. Für ihre Schüler war das Aufstehen eine Selbstverständlichkeit. Bei Frau Dohle, so hatten sie sich beratschlagt, wollten sie es beibehalten, denn sie mochten sie.

»Sebastian«, rief Frau Dohle, »vor noch nicht einmal einem Jahr hättest du für das, was du hier geschrieben hast, eine Fünf bekommen. Vielleicht wärst du zur Strafe auch in einem Jugendwerkhof verschwunden. Ich komme daher nicht umhin, dir eine gute Zwei zu geben. Sehr schön, Sebastian. Tolle Arbeit! Hoffentlich habe ich dich jetzt nicht erschreckt?«

Frau Dohle legte gelegentlich ein Bein auf den Stuhl. Dann setzte sie sich obendrauf, sodass nur ein Bein den Boden berührte. So saß sie minutenlang - quasi im halben Schneidersitz - vor ihrer Klasse. Man gab ihr einen Spitznamen. Von einigen Schülern wurde sie daher heimlich »die Einbeinige« genannt.

Im Geschichtsunterricht zeigte sie, dass sie nicht von gestern war. Sie hinterfragte Vieles und gestaltete trotz fehlender aktueller Schulbücher einen zeitgemäßen und spannenden Unterricht. Eine tolle Frau, eine fetzige Lehrerin, sinnierte Sebastian, denn ihre grau-grünen Augen und ihre langen blonden Haare gefielen ihm sehr!

Mit stolzgeschwellter Brust und der Zwei in Sozialkunde ging Sebastian nach Hause. Seine Eltern konnten ihm in Geschi und Sozi nicht weiterhelfen. Sie lebten noch immer in ihrer kleinen, verstaubten DDR, sie jammerten ständig herum. Manchmal betranken sie sich. Dann setzte Sebastian sich wieder auf sein Fahrrad und radelte zu seinem Stein. Dort konnte er versuchen, Klarheit in seine Gedanken- und Gefühlswelt zu bringen. Mit seinen Eltern hätte er nicht tauschen wollen. Vati arbeitslos und Mutti bei einer privaten Versicherung. Wird alles gut gehen? Seine Mutter hatte eine Menge zu sagen, damals. Noch vor sechs Monaten war sie beim Rat der Stadt beschäftigt gewesen. Sie wurde entlassen. Sebastian traute sich nicht, nach den Gründen zu fragen. Vielleicht redet sie darüber, hoffte Sebastian, wenn die passende Zeit dazu gekommen ist.

Was Opa jetzt wohl macht?, rätselte Sebastian. Manchmal bastelte er in der alten Scheune herum. Für ihn baute er eine Simson S-50 neu auf. Das soll sein »Bastian« aber noch nicht wissen. Zur Jugendweihe soll er sie bekommen. Manchmal schloss Opa-Walther von innen ab, damit er sein Bastelwerk vor seinem Lieblingsenkel verstecken konnte. Bastian ließ ihm seine Freude. Irgendwie war es auch seine eigene.

»Schau mal, Opa. Ich habe eine Zwei in Sozialkunde bekommen. Das ist doch was, oder?« »Du willst doch nur deine versprochene Mark für jede Zwei kassieren, richtig?« »Stimmt genau, Opa!« »Ja, Bastian, ich bin zwar alt aber noch nicht senil. Außerdem war ich auch mal jung und hab's genauso gemacht wie du.«

»Opa, noch vor einem Jahr war es so, dass die Achtklässler in die FDJ durften und das Blauhemd bekamen. Ich hatte mich schon so sehr darauf gefreut, denn von meinem roten Halstuch habe ich mich innerlich schon eine Weile verabschiedet, verstehst du?« Was wird denn jetzt?« »Wer weiß das schon, Bastian. Welche Farben werden demnächst getragen, unter wessen Flagge und mit welchen Symbolen auf Oberarm oder Brust. Ich kann es dir nicht sagen.«

Gestolpert

»Es waren die letzten Kriegstage, Bastian. Meine Freunde und ich trugen das Braunhemd, und wir trugen es mit Stolz, da hat uns unser geliebter Führer Adolf Hitler, an den wir Jungs so sehr glaubten, noch an die Front geschickt. Wir waren halbe Kinder. Für Führer, Volk und Vaterland, eingezogen in einen aussichtslosen Krieg. Beinahe hätte man auch mich verheizt.«

»Mein lieber Bastian, nach dem Krieg habe ich hier im Osten, damals sagte man Ostzone, beim Aufbau der DDR mitgemacht. Der Gedanke an Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit ließ mich an einen fairen Neubeginn im Sozialismus glauben. Die Freie Deutsche Jugend, die FDJ, motivierte und mobilisierte tausende junge Menschen zu einem Dienst an einer guten Sache, geführt von der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Ich stolperte, und das habe ich damals gar nicht gemerkt, von der einen Diktatur in eine andere. Es wurde wieder marschiert, Fahnen getragen. Aus Braunhemden wurden Blauhemden. Ja, so war das damals. Es fehlte uns an Lebenserfahrung. Wir waren blind oder naiv, vielleicht beides. Die alten Leute ahnten, was passieren würde. Sie blieben still, denn sie wussten, was mit Querulanten und Andersdenkenden passiert war und was wieder, unter einer sowjetisch geprägten Führung, passieren könnte. Tja, Bastian, nun bin ich selbst ein alter Mann, habe in meinem Leben viel unternommen und ebenso viel unterlassen. Einige meiner damaligen Entscheidungen kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Mit dem Wissen von heute, meiner gewonnenen Lebenserfahrung sehe ich nun manche Dinge ganz anders. So ist es eben. Jeder muss sein Päckchen tragen und damit klarkommen. Siehste, Bastian, nun habe ich dir doch noch einen Vortrag gehalten.« »Schon gut, Opa, es ist schön, dir zuzuhören. Du hast viel erlebt. Du kennst dich aus. Jetzt muss ich das alles erst einmal verdauen. Wenn Mutti und Vati mir etwas nicht erklären können, dann frage ich eben bei dir nach, stimmt's, Opa?« »Ja genau so machen wir das, Bastian.«

Gesellschaftliches Chaos

In zahlreichen Betrieben und in der Karl-Marx-Oberschule ging es drunter und drüber. Es gab jeden Tag neue Zeitungsmeldungen, neue Enthüllungen in Sachen Stasi und Konsorten. Schon wieder waren Arbeiter, Ingenieure, Ärzte und Lehrer verschwunden.

Gerüchte um deren Stasiverbindungen waren auch Thema in den Lehrerkollektiven. Selbst im Unterricht fand dieses heikle Thema Platz. Besorgte Schüler wollten mehr wissen, um verstehen zu können, was da gerade vor sich ging. Wie war das denn mit der Stasi? Wen konnte, oder durfte man danach befragen? Wer wird uns was erklären können? Wer will das überhaupt?

Abb. 1 Bildmitte: Stasispitzel und Schuldirektor Adolf Palme – Deckname »Schule« Schuleinweihung POS Karl-Marx 1978. Quelle: BStU, MfS, KD-Osterburg, Reg. Nr.: VII / 1941/80

Das allmächtige und angsteinflößende MfS war in allen Medien präsent, ob in Zeitungen, Zeitschriften, im Radio oder in der Glotze. Alle beschäftigten sich mit dieser, auf Volkes Schultern liegenden Last. Es wurde gemunkelt und getuschelt.

Abb. 2 Quelle: BStU, MfS, KD-Osterburg - Reg.-Nr.: VII /1941/80

Eine schrecklich spannende und unruhige Zeit zog alle fest in ihren Bann. Sollte man die Einbeinige daraufhin ansprechen? Wie wird sie reagieren? Zwei Mädchen der Klasse, ein Freund und Sohn eines Polizisten, sowie Sebastian selbst waren sich einig. Wir fragen sie. »Dürfen wir Sie mal was fragen, Frau Dohle? Aber nicht böse sein, bitte! Wir brauchen Ihren Rat und Ihre Hilfe. Wir sind stark verunsichert. Vieles, was bis vor kurzem richtig war, ist nun falsch. Einige Eltern unserer Freunde sind jetzt arbeitslos. Viele Werktätige wissen schon, dass ihre Betriebe früher oder später schließen müssen. Dann sind auch sie arbeitslos.« »Ich verstehe eure Sorgen. Lasst mich einen Vorschlag machen«, meinte die Einbeinige. »Wie wäre es, wenn wir uns gemeinsam austauschen. In privater Atmosphäre, nur eure Eltern, ihr und ich. Wäre das etwas für euch? Beratschlagt das mal und lasst mich wissen, was wir machen wollen, ja? Ach, und noch was. Fragt bitte bei den Eltern nach, was sie von der Stasi und ihren Machenschaften mitbekommen haben. Vielleicht kommt ihr so der Sache Stück für Stück näher. Fragt nach, was sie von der Stasi hielten. Was ist mit den Großeltern? Vielleicht hat die Stasi auch in Familien hineingewirkt, wer weiß. Fragt zu Hause nach! Notiert euch bitte ein paar Stichpunkte, die wir privat oder im Unterricht behandeln können. Also bis bald!«

Ein paar Tage später gab Frau Dohle ihren Schützlingen im Geschichtsunterricht folgende Hausaufgabe mit auf den Weg. Sie sollten Zeitungsausschnitte aus den Jahren 1989 und 1990 nach interessanten Meldungen durchforsten. Passende Artikel ausschneiden oder gleich komplette Zeitungen mitbringen. Im ND, in der Jungen Welt, der Volksstimme und in anderen Sprachrohren der ehemaligen DDR-Organe werden sich brauchbare, zu besprechende Hinweise finden lassen. Da war sich die Einbeinige sicher.

Abb. 3: MfS-Auskunftsbericht: Adolf Palme. Streng geheim! Quelle: BStU, MfS, KD-Osterburg - Reg.-Nr.: VII / 1941/80

Und in der Tat, allein schon das Thema Staatsbürgerkunde füllte ellenlange Spalten in den aktuellen Tagesausgaben. Aus knallharten Antiimperialisten wurden geschmeidige, smarte Vertreter in modischen Nadelstreifenanzügen. SED-Parteisekretäre mutierten zu aggressiven Vermögensberatern. In nur wenigen Monaten verrieten sie alles, wofür sie früher standhaft eintraten. Sie krochen nach oben und traten nach unten. Wendehälse können gefährlich werden. Weitere Verlautbarungen über die SED-Waldsiedlung Wandlitz, zu Waffenlieferungen und die Aufnahme von, in der Bundesrepublik Deutschland gesuchten, RAF-Terroristen in der DDR, versetzte viele Bürger in Sprachlosigkeit und Wut. Einige fragten sich nun. Hatte man sie betrogen, ausgenutzt, verarscht? Was ist mit den Soli- und Gewerkschaftsbeiträgen für DSF, SED, FDJ, FDGB passiert? Zweck- entfremdet? Es hatte den Anschein!

Schulschluss. Ein Freitag Nachmittag. Die Septembersonne machte Lust auf draußen. An diesem Wochenende wollte Sebastian mit seinen Eltern über das von Frau Dohle vorgegebene Stasi-Thema sprechen. Auf dem Nachhauseweg sinnierte er ein wenig vor sich hin. Er war nicht sicher, ob seine Eltern für dieses Thema überhaupt die Nerven hätten. Beide trugen sich mit Existenzsorgen. Seine Mutter soll für die Versicherung Umsatz machen und sein Vater sucht immer noch krampfhaft nach einer passablen Arbeit in der Region. Trotzdem, sie müssen mir helfen, dachte Sebastian, diese fremde aber spannende neue Welt zu verstehen. Das sind sie mir schuldig. Sie dürfen mich nicht einfach alleine lassen - ohne Antworten auf das Jetzt - und wortlos abtauchen. Das lasse ich nicht zu.

»Mutti?«, »Ja Sebastian, was hast du denn?« »Ich möchte fragen, ob du mir helfen würdest.« »Helfen bei was?« »Na, bei meinen Hausaufgaben, die aktuellen Themen, ich habe dir davon erzählt. Frau Dohle hatte uns doch gebeten, auch mit unseren Eltern darüber zu sprechen.« »Jetzt reicht es mir aber, Sebastian. Das Leben in der DDR ist doch nicht auf das Thema Stasi zu reduzieren. Sag das deiner Lehrerin und einen schönen Gruß von mir!«

Sebastian hatte eine knappe Antwort erwartet. Gewünscht hatte er sich diese doch recht heftige Reaktion allerdings nicht. Er war ein heller Kopf. Er verstand sehr wohl die Situation seiner Mutter. Nachfühlen konnte er sie nicht - wie auch.

Soll ich Vater fragen, dachte Sebastian. Ein Versuch war es wert. »Vati, darf ich dich mal ...?«, da wurde Sebastian auch schon unterbrochen. »Jetzt nicht, mein Sohn, du siehst doch! Komme mal nach dem Fußball zu mir, dann nehme ich mir Zeit für dich.« Doch dazu kam es nicht. Kurt Seemann bekam - rein zufällig - Besuch von einem Fußballkumpel. Und dieser hatte zufälligerweise ein paar Flaschen Bier und eine Flasche Goldkrone dabei. Da kommentierten die Bierbäuche auch schon lautstark drauflos. Ein Hochgenuss im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei blieb es. Diesen Tag konnte Sebastian, was die erhoffte Hilfe in schulischen Dingen anbetraf, für sich abhaken. Vielleicht hätte an diesem Wochenende sein Opa für ihn Zeit.

Verräterische Aschewolken