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"Das Drama ist wichtiger als die Wahrheit" Dies war das Lebensmotto von Martin Felder. Selbst als er dem Tod tief in die Augen blicken musste, blieb er diesem Grundsatz treu. Wenige Wochen bevor er starb, erzählte er seiner Tochter und seinen Enkeln die Abenteuer von Tim Iatradšin, einem Zeitreisenden.In Martins Geschichten reist Tim in die Zukunft um zu erfahren, was uns noch erwarten wird und was er alles verpassen würde.Er sieht, was aus der Menschheit wird, sieht die Errungenschaften und Abgründe unsererRasse. Alles auf einer Reise, die nicht nur zu seinem eigenen Ende führen könnte.Dies ist nicht nur ein Sammelband mit den letzten bekannten Geschichten von Martin Felder. Dies ist auch eine Art Biografie, die sich nicht jedem Leser auf anhieb zeigen wird. Ist sie doch so codiert und mysteriös wie Martin es schon immer liebte.Felder nimmt uns auf eine Reise in die Zukunft mit, die überraschend detailliert und glaubwürdig wirkt. In eine Zukunft, die uns nicht nur abschrecken soll, sondern auch viel Hoffnung und staunen bietet. Man wünscht sich, schon jetzt in einer dieser Zeiten leben zu können."Packend und berührend, nicht nur für Martin-Felder-Fans"Unbilon Taims"Ein Buch über Zeitreisende, das selbst in der Zeit zu reisen scheint"Kaltša Šinwen
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2013
Horace Ekgren
Grossvaters Zeitmaschine
http://gvzm.ch/kusata Buchcode: KUSATA
Für Martin Felder
Weil das Drama wichtiger als die Wahrheit ist
HORACE EKGREN
GROSSVATERS ZEITMASCHINE
Übersetzung aus der neuen Sprache durch Aben Enste
© 2083 Horess Ekgren © 2013 für die deutsche Ausgabe
Verlag: tredition GmbH, Hamburg ISBN: 978-3-8495-7152-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort
Mein Name ist Horace Ekgren. Mein Grossvater war der bekannte Journalist und Schriftsteller Martin Felder. Vor kurzem habe ich in Zusammenarbeit mit meiner Mutter Julia Ekgren-Felder den Sammelband «Drama vor Wahrheit» mit seinen bekanntesten Kurzgeschichten in der neuen Sprache veröffentlicht. Während der Recherchen dazu erinnerten wir uns an die Geschichten, die er uns kurz vor seinem Tod erzählt hatte.
Wie Sie sicher wissen, ist Martin Felder am 21. Juni 2032, um 1:51 Uhr in seinem Bett gestorben. Wenige Wochen zuvor wurde bei ihm ein Krebsleiden entdeckt. Der Arzt teilte ihm mit, er habe höchstens noch sechs Monate zu leben.
Seit meine Grossmutter Sabine gestorben war, besuchten wir ihn jedes Wochenende, manchmal übernachteten wir auch dort. Ich freute mich jeweils schon die ganze Woche darauf, eben wegen der Geschichten, die er immer zu erzählen wusste. Er entführte uns so immer wieder in eine neue, aufregende Welt. Wir, das sind meine Eltern, meine Schwester Bernice Ekgren und ich. Weder meiner Schwester noch mir war damals bewusst, wie berühmt unser Grossvater eigentlich war.
Von seiner Krankheit wussten wir nichts. Er verschwieg sie uns. Selbst seiner Tochter, unserer Mutter Julia, hat er nicht die geringsten Andeutungen gemacht. Uns bleiben nur die Geschichten.
Unter grossartiger Mithilfe meiner lieben Schwester Bernice Ekgren ist es meiner Mutter und mir nun gelungen, die folgenden sieben Geschichten zu rekonstruieren. Viel später erst erkannten wir, dass diese Erzählungen als eine Art Biographie zu verstehen waren. Natürlich auf die für Martin bekannte, dramatische Weise. Auch hier galt wohl das Sprichwort, für welches er so berühmt war: «Das Drama ist wichtiger als die Wahrheit».
Nach der Recherche habe ich die Geschichten leicht angepasst und Fehlendes nach bestem Glauben gefüllt.
Wir hoffen, dass Ihnen die Geschichten die Welt von Martin etwas näher bringen. Vielleicht sogar so nah, dass die Geschichten für Sie fast so intensiv und wichtig werden, wie sie es für uns inzwischen geworden sind.
Viele der Fans von Martin Felder mögen sich wünschen, dass dieses Buch mehr Licht in die Ereignisse um seinen Tod bringen würde. Aber es ist durchaus möglich, dass es mehr Fragen aufwerfen wird.
Eines schaffen diese Erzählungen aber mit Sicherheit. Etwas, das Martin sehr am Herzen lag. Sie bringen noch mehr Drama um sein Vermächtnis.
In spezieller Ehre an Martin wird dieses Buch nicht nur als digitaler Band, sondern auch nach althergebrachten Methoden gebunden hergestellt. Bis zu den Wochen vor seinem Tod war er ein grosser Gegner des E-Publishing gewesen. Irgendwie hatte sich aber seine Meinung plötzlich geändert.
Horace Ekgren, 23. November 2082, šuis, iūrop
Die folgende Geschichte erzählte uns Martin am 4. Juni 2032. Am Tag darauf hatte er seinen ersten Zusammenbruch. Er wusste damals noch nichts von seiner Erkrankung. Offiziell.
Er begann mit den Worten: „Ich will euch die Geschichte eines Jungen erzählen, den ich gut kannte. Sein Name ist Tim.“
51 Jahre nach heute
Tim wurde in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren. Jedes Jahr an seinem Geburtstag wünschte sich seine Mutter den Song «Butterfly» von Danyel Gérard für ihn im Radio. Natürlich in der deutschen Fassung. Es war das erste Lied, das sie nach Tims Geburt gehört hatte. Ihr war klar: Tim war ihr «Butterfly».
Bis zu seinem 9. Lebensjahr fand er das wunderbar. Das Lied gehörte zu seinem Geburtstag dazu, wie die Kerzen auf dem Kuchen. Er und seine Mutter sangen immer lauthals mit. Dann plötzlich, ab seinem zehnten Geburtstag, konnte er es nicht mehr hören. Vielleicht, weil er anfing seinen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln. Oder aber weil Butterfly einfach nicht mehr modern war. Kim Wilde, ABBA oder sein damaliger Favorit Visages «Fade to Grey» waren in. Irgendwie hatte er den Song aber auch einfach satt. Und es war ihm vor seinen Schulfreunden peinlich, mit seiner Mutter zusammen dieses alte Lied zu singen. Auch wenn es sie traurig machte, beschwerte sich nicht. Wenigstens spornte ihn diese Musik dazu an, Englisch und Französisch zu lernen.
Er sollte den Butterfly-Song nach seinem zehnten Geburtstag für lange Zeit nicht mehr hören. Bis kurz vor dem Tod seiner Mutter, fast fünfzig Jahre später. Wie sehr er sich dann wünschte, sie hätten es noch einmal zusammen gesungen.
Tims elftes Lebensjahr war kein Gutes. Kurz nach seinem Geburtstag im Frühling zogen er und seine Eltern in einen anderen Ort. Irgendwohin aufs Land, ohne Nachbarn und die Schule war mehrere Kilometer von seinem neuen Zuhause entfernt. Er hasste es. Seine Mitschüler mochten ihn nicht wirklich – er sie auch nicht. Er war für alle nur der «Städter». Viel zu oft war er allein.
Manchmal vermisste er seine Freunde aus der Stadt. Er vermisste das Spielen in der Stadt. Fangen, Räuber und Gendarm, Verstecken. Diese Spiele gingen allein einfach nicht. Trotz seines Alters kannte er bereits die Tricks, mit welchen man sich selber gut zuredet. „Das stört mich nicht!“ Tim redete laut vor sich hin. „Ich kann auch allein wunderbar spielen. Am Bach, mit meinen Lego. Ich brauche keine Freunde.“
Seine Eltern sahen dieser Entwicklung mit besorgten Augen zu. Anfangs versuchten sie noch, ihn dazu zu ermuntern, mit den anderen Jungen aus der Schule draussen Fussball zu spielen oder nach dem Unterricht mit den Klassenkameraden etwas zu unternehmen. Aber er wollte nicht. Er wollte nur seine Freunde von früher. Sie waren nicht sonderlich überrascht, als Tim dann plötzlich von einem Freund erzählte, den es gar nicht gab. Tim nannte ihn Albert. Zum ersten Mal traf er ihn am 4. Juni 1981. Doch Albert war alles andere als erfunden. Tim wusste das. Und es war ihm egal was andere darüber dachten.
Wie fast jeden Tag trödelte Tim auch an diesem Freitag nach der Schule nach Hause. Es gab eigentlich einen Schulbus, der ihn in zwanzig Minuten bis vor die Haustür brachte. Doch wenn die Sonne schien und die Schule nicht zu spät aus war, ging Tim lieber zu Fuss nach Hause. Dabei konnte er in seine Fantasiewelt eintauchen, Pirat sein, Ritter oder Abenteurer sein… Denn es gab verschiedene Wege, die er nehmen konnte. Bei dem, der durch den Wald führte, stellte er sich immer vor, er sei ein Ritter, hoch zu Ross und durch den finsteren, gefährlichen Wald galoppierend. Ein Wald voller Hexen, Ungeheuer und düsterer Gestalten. Er musste die Prinzessin retten, die von der bösen Hexe gefangen gehalten wurde.
Ein anderer Weg führte ihn an den Zuggeleisen entlang. Hier entführten ihn seine Tagträume in eine Wirklichkeit, in der er ein Vagabund war, der auf Zügen die Welt entdeckte. In Tims Vorstellung rasten die Züge quer über die Erde und konnten ihn überall hinbringen, wo er wollte. Nicht nur einmal führten sie ihn sogar von der Erde weg quer durch die Galaxie.
Seine Lieblingsstrecke aber war diejenige, welche sich eine Zeit lang am Berg entlang wand. Dort gab es eine Stelle, an der eine steile Felswand etwa zehn Meter tief in einen See stach. Genau deshalb hatte seine Mutter ihm strengstens verboten, diesen Weg zu nehmen. Aus Angst, er würde eines Tages hinunterfallen. Und genau deshalb war es sein Lieblingsweg. Die Felswand verursachte schon so einen gewissen Nervenkitzel. Aber alles was verboten ist, wirkt noch viel, viel spannender.
Dort stand eine knallrote Bank, von der aus man eine wunderschöne Aussicht über den See und den dahinter liegenden Wald hatte. Am Horizont sah man die Häuserschatten der entfernten Stadt, aus der sie hergezogen waren. Etwas näher, hinter dem Waldstück das an den See grenzte, konnte er das Dach seines neuen Zuhauses ausmachen. Rauch stieg aus dem Kamin und das Sonnenlicht, das sich im Dachfenster spiegelte, blendete ihn. Tim seufzte. Sein Blick wanderte zurück an den Horizont. Er vermisste sein Leben, wie es vorher war, seine Freunde.
Manchmal sass er lange so auf der Bank und grübelte vor sich hin. Seine Mutter lachte ihn wegen seiner Nachdenklichkeit manchmal liebevoll aus. „Du bist zehn mein Liebling, nicht sechzig! Also benimm dich auch so“, pflegte sie zu sagen, und gab ihm dann jeweils einen Kuss auf die Stirn.
An heissen Tagen überlegte sich Tim oft, einfach ins Wasser zu springen, quer durch den See zu schwimmen und durch den kühlen, schattigen Wald nach Hause zu laufen. „Ich könnte es schaffen, so tief ist es gar nicht!“, sagte er sich an diesem Tag. Er war es sich so gewohnt, allein zu sein, dass es für ihn auch vollkommen normal war, laut mit sich selber zu reden. Eine Reaktion gab es sowieso nie. Ausser an diesem speziellen Freitag.
„Oh ja, ich bin sicher, dessen mächtig wärst du!“
Tim drehte sich erschrocken nach der Stimme rechts von ihm um. Es war ein junger Mann, mindestens doppelt so alt wie Tim, womöglich sogar noch älter. Blonde Haare, Bartstoppeln ums Kinn, seltsame Kleider. Er trug ein dunkles Jackett, darunter ein weisses Hemd und dunkle Hosen. Alles in allem sah er sehr altmodisch aus. Unpassend, irgendwie. Tims erster Gedanke war, dass das ein Geist aus einer anderen Zeit war.
„Wer bist du?“
„Ich heisse Albert. Und Bekanntschaft zu machen mit dir, erfreut mich sehr, Tim.“
„Woher kennst du mich? Bist du ein Geist?“, fragte Tim leicht verängstigt und unsicher.
Albert verneinte. „In der Zukunft treffen wir uns.“ Tim fiel auf, dass Albert eine seltsame Art hatte, sich auszudrücken. Irgendwie schien er Probleme mit der Grammatik zu haben. Und das obwohl er ein Erwachsener war! Überhaupt wirkte alles an ihm so… unpassend. Seine Kleidung, seine Haltung und seine Sprache wirkten altmodisch. So wie in den Schwarzweiss-Filmen, die er manchmal mit seinem Vater schaute.
„Wie meinst du das, in der Zukunft?“ Tim wurde langsam neugierig.
„Wir, du und ich, in vielen Jahren, wir erleben tolle Abenteuer.“
Viele Fragen blitzten in Tims Gedanken auf. Woher wollte der Mann das wissen? War er gefährlich? Was wollte er eigentlich? Log er ihn an? Aber statt ihn etwas davon zu fragen starrte er den Fremden nur stumm an. Er wusste noch nicht so recht, was er von ihm halten sollte.
„Du wunderst dich wohl, wie ich dieses Wissen beherbergen kann.“
Tim nickte tonlos. So konnte man es auch nennen. Beherbergen war ein Wort, dass er noch nie jemanden im echten Leben hatte sagen hören.
„51 Jahre nach heute. Du findest eine Zeitmaschine.“ „Eine Zeitmaschine!? Damit könnte ich damit die Zukunft erforschen!“, erwiderte Tim. Er beschloss einfach bei dem Spielchen mitzumachen. Vielleicht war der Mann einfach ein Verrückter, der aus der Irrenanstalt hinter den Hügeln, wie seine Mutter es nannte, ausgebüxt war. Aber spannend war die Vorstellung schon, eine Maschine zuhaben, mit der man die Zukunft entdecken könnte. „Ich wusste im Vornherein, dass du etwas wie das sagen würdest“, sagte Albert geheimnisvoll und zauberte eine kleine Kugel aus seiner Jackentasche. Er drehte sie und drückte daran herum. Dann verschwand er plötzlich in einem dunkelblauen, fleckigen Flackern. Tim rieb sich die Augen. Was war da gerade geschehen?!
Er wartete. Und wartete. Aber Albert erschien nicht wieder. Tim begann schon zu zweifeln, ob er sich nicht doch nur alles eingebildet hatte. Verwirrt machte er sich auf den Heimweg. Dort erzählt er natürlich seinen Eltern von Albert. Seine Mutter schimpfte zuerst mit ihm, weil er überhaupt diesen Weg nach Hause genommen hatte. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht dort entlang gehen sollst?!“ Dann aber machte sie sich mehr Sorgen darüber, dass er dort einen Mann getroffen hatte. Ein Mann, der auch noch mit ihm sprach. „Wer weiss, was der alles mit dir anstellen wollte! Heutzutage ist ja alles möglich! Kidnapper, Mörder…“, jammerte sie, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend.
„Aber Mama, er war ein Zeitreisender! Kein Kidnapper oder Mörder.“ Tim war verärgert. Erwachsene hörten nie richtig zu.
Das beruhigte seine Mutter soweit, dass sie ihn nicht mehr anschrie. Aber dafür war jetzt sein Vater besorgt über seine «Hirngespinste», wie er es nannte. Er rief seine Schwester, Tims Tante Olivia, die Psychologin war, an. Als diese ihm erklärte, dass Tim langsam zu alt sei, um imaginäre Freunde zu entwickeln, begann sein Vater ihm immer häufiger unangenehme Fragen zu stellen. Tim wollte nicht, dass seine Eltern sich sorgen machten. Und er wollte schon gar nicht, dass sie dachten, mit ihm stimme etwas nicht. Er selber fand sich nämlich ganz in Ordnung. Und je öfter er von Albert erzählte, desto sicherer war er sich, das alles war wirklich geschehen. So etwas konnte er sich nicht ausgedacht haben. Aber damit seine Eltern wieder ruhig schlafen konnten und ihn vor allem auch in Ruhe liessen, sagte er ihnen irgendwann, dass er sich Albert wohl nur eingebildet hätte und dass es ihn nicht gäbe. Er entschied sich ihnen weitere Treffen mit Albert zu verheimlichen. Sollte es denn noch weitere geben.
Die darauf folgende Woche nahm Tim jeden Tag den Weg am See entlang nach Hause, in der Hoffnung, Albert wieder zu sehen. Tief in sich drinnen, hatte er doch Angst, sich alles nur eingebildet zu haben. Was, wenn seine Eltern recht hatten? Er musste Albert unbedingt wieder sehen. Ausserdem wollte er ihn noch so vieles fragen! Der Montag war regnerisch, Dienstag und Mittwoch wehte ein kühler Wind.
Trotzdem sass Tim auf der Bank und wartete. Seiner Mutter erzählte er, er helfe der Theatergruppe, die Kulissen zu basteln, damit sie sich nicht sorgte, weil er fast eine Stunde später nach Hause kam.
Am Donnerstag schlug das Wetter auf brütende Hitze um. Doch Tim war das Wetter egal. Jeden Tag setzte er sich auf die kleine rote Bank und wartete geduldig auf Albert.
Am Freitag hatte er die Hoffnung schon fast aufgegeben. Trotzdem machte er sich wieder auf den Weg zur Bank über der Feldwand am See. Schon von weitem sah er ihn. Albert sass bereits dort! Tim rannte die letzten paar Meter so schnell er nur konnte. Hab ich’s doch gewusst, dachte er triumphierend, ich habe ihn mir nicht eingebildet! Er erzählte Albert, dass er jeden Tag hier auf ihn gewartet hatte. Albert fühlte sich deswegen schlecht. Er entschuldigte und erklärte ihm zerknirscht, dass er die die Zeitmaschine nicht steuern könne.
„Meine Zeitmaschine fehlfunktioniert. Sie schob mich eine Woche nach vorne. Anscheinend.“
Tim musterte ihn und bemerkte, dass er wirklich noch genau gleich aussah wie am Freitag zuvor. Der gleiche Anzug, unveränderter Bart. Von seinem Vater wusste er, dass sich der Bart zwischen Stunden und Tagen extrem verändern kann.
„Warum ist sie denn kaputt?“, fragte Tim neugierig. Albert antwortete, dass sie eigentlich gar nicht kaputt sei. „Es gibt zwei Zeitmaschinen, eine funktioniert einwandfrei. Aber die andere irgendwie ist mit der ersten verbunden und manchmal sie macht einfach «irgendetwas»“.
„Und wo ist die denn die Zeitmaschine, die richtig funktioniert?“
„Mein lieber Tim. Die besitzt du!“
„Ich?! Aber ich habe ganz bestimmt keine Zeitmaschine!“
„So einfach, es ist nicht. Am besten, ich erzähle die Geschichte vom Anfang.“
Tim setze sich neben ihn. Aber er war so gespannt, dass er gleich wieder aufsprang und aufgeregt von einem Fuss auf den anderen hüpfte, während er Albert zuhörte. Er liebte Geschichten! Jegliche Zweifel oder Ängste, die er noch gehabt hatte, waren verschwunden. Albert war hier. Albert war echt. Und, wie er erstaunt feststellte, er mochte Albert. Dieser begann nun zu erzählen, wie sie sich kennengelernt hatten.
„Wenn du 62 Jahre hast, erhältst du eine schlimme, wirklich schlimme, Nachricht vom Arzt. Es macht dich so traurig. Es macht nachdenklich. Du gehst in den Keller. Vielleicht du hörtest mich, vielleicht du wolltest eine Flasche Wein holen. Später, du trinkst gerne Wein, wenn du traurig bist.“ Jetzt kamen in Tim einige Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte auf. Er durfte einmal von seiner Mutter einen Schluck probieren, als diese abends an einem Gläschen Wein nippte. Er fand es abscheulich und konnte wirklich nicht verstehen, wie man so etwas trinken konnte. Aber vielleicht würde er ja so unglaublich fest traurig sein, dass es ihm sogar egal war, etwas ekliges zu trinken.
„Als du dort im Keller standest, ich glaube, furchtbar ich erschreckte dich…“, er lachte in seinen Bart hinein, „aber ja, dort trafen wir uns zum ersten Mal. Nachdem ich dich überzeugte davon, du seist weder betrunken noch verrückt, schliesslich wir kamen ins Gespräch. Eigentlich: Du hast mich stundenlang ausgefragt. Woher komme ich, was mache ich…“, er lachte wieder, wurde dann aber sofort ernst. „Schliesslich hast du erzählt, du hast eine schlimme Krankheit. Sofort, ich hatte die Idee, wir suchen in der Zukunft nach einem Heilmittel. Nichts mehr, du konntest noch verlieren.“
Tim stand nun ganz ruhig. Wenn das stimmte, was dieser alte Mann ihm da erzählte, dann… er wollte gar nicht weiter denken. Es war doch nur eine Geschichte. Eine Geschichte in der er Wein trank.
„Auf einer unserer Reise, wir trafen sogar einen Arzt“, fuhr Albert indessen fort. „Aber er dich heilen, das war unmöglich. Dafür aber seine Frau. Sie hatte eine ähnliche Krankheit wie du. Aber weniger schlimm. Schliesslich, dieser Arzt schaffte es, die Krankheit vor dem Entstehen zu vernichten. In der weiteren Zukunft, darum die Krankheit existierte nicht mehr. Entsprechend gab es leider kein Heilmittel.“ Albert hielt inne, und schaute eine Weile lang nachdenklich in die Ferne. Eine Sorgenfalte grub sich tief zwischen seine Augen.
Er mochte mein grosses Zukunfts-Ich wohl wirklich, dachte Tim, und wurde auch ein wenig traurig.
Mit leiser Stimme erzählte Albert weiter. „Trotzdem, wir entschieden uns, wir reisen weiter in die Zukunft. Wir waren neugierig, wollten wissen, was die Zukunft noch bietet. Es waren spannende Reisen. Vor allem die Technologien veränderten sich extrem. Manchmal, alles war modern, manchmal, wie in meiner Zeit, vieles war wieder weg. Die Menschen dachten immer anders, aber bis zum Ende in der gleichen Sprache. Aber diese Sprache ist nicht deutsch. Das merkst du vielleicht?“
Der letzte Satz, der offenbar eine Frage war, riss Tim aus seiner Konzentration. Es war ihm nicht mal mehr aufgefallen, dass Albert seltsam sprach. Er hing gebannt an seinen Lippen. Seine Mutter erzählte ihm manchmal auch Geschichten, aber nicht solche! Kurz antwortete er «ja» auf die Frage, deren genauen Inhalt er schon wieder vergessen hatte.
„irgendwann in der Zukunft hatte man kein Internet mehr. Unglaublich, oder?“
„Internet? Was ist das?“
„Herrje, im Erzählen, ich habe dein Jahr vergessen! Vergiss es einfach. Aber freue dich darauf!“
Albert erzählte weiter von Ritten auf seltsamen, grossen Tieren, die erst in der Zukunft entstehen würden. Er berichtete von einer Reise mit einem Raumschiff zu den ersten Siedlungen auf dem Planeten Mars. Von einem Freizeitpark auf dem Himalaya und über einen tropischen Urwald, der sich über einen Grossteil von Europa zog und von einem intelligenten Pilzwesen bewirtschaftet wurde.
„Sie aktiviert sich“, unterbrach Albert sich plötzlich überrascht. Tim drehte sich verdutzt nach ihm um und sah, wie Albert an der Zeitmaschinenkugel hantierte.
„Manchmal sage ich, wann es weitergeht, manchmal befielt die Maschine. Oh, es sieht nach Zukunft aus!“ Er zwinkerte Tim noch einmal zu. „Ich hoffe ich sehe dich bald wieder, aber komm hier nicht vorbei, bei schlechtem Wetter, ich werde dann auch gleich weiterziehen.“
Tim wollte danken, zustimmen, irgendetwas machen. Doch Albert war bereits vor ihm weg geflackert. Perplex blieb er noch eine Weile vor der roten Bank im Gras sitzen. Zukunftsreisen, komische Tiere, Inter-was?.. Sein Kopf war ganz sturm. Er liebte Alberts Geschichten! Schliesslich rannte er den restlichen Weg bis nach Hause. Er konnte es kaum erwarten, weitere Geschichten zu hören. Es war ihm völlig egal, ob sie nun wahr waren, oder nicht. Sie waren spannend, sie liessen ganze neue Welten in seinem Kopf entstehen! Schade, konnte er seiner Mutter nichts davon erzählen. Schade, konnte er überhaupt niemandem davon erzählen.
Die nächsten Tage war schönes Wetter. Zumindest regnete es nicht. Jeden Tag rannte Tim den Weg bis zu der Stelle über dem See. Aber jedes Mal, wenn er, komplett ausser Atem, dort ankam, musste er enttäuscht feststellen, dass Albert nicht da war. Tim war so aufgeregt, dass er nicht einmal mehr an seine alten Freunde dachte, oder die Stadt, in der er früher gewohnt hatte. Neben all den wilden Geschichten fand kaum mehr anderes Platz. Am Montag erwischte ihn seine Geografielehrerin, wie er einen riesigen Urwald in die Weltkarte malte, und exotische Tiere. Sie rügte ihn etwas und gab ihm ein neues Blatt, in das er die Ländernamen eintragen sollte.
Am Mittwoch hagelte es zuerst und dann regnete es bis tief in die Nacht. Tim überlegte sich, ob er trotzdem auf Albert warten sollte. Aber er entschied sich, auf ihn zu hören und auf besseres Wetter zu warten.
Am Freitag klärte der Himmel sich endlich wieder auf und einige Sonnenstrahlen kämpften sich durch die Wolken. Tim rannte so schnell er nur konnte zur Bank am See, um auf Albert zu warten. Er wartete und wartete. Als nach einer halben Stunde, die sich für ihn wie eine Ewigkeit anfühlte, immer noch niemand kam. Stand er enttäuscht auf. Wie lange sollte er denn noch warten? Jetzt war doch schon eine ganze Woche vergangen! Er begann traurig nach Hause zu schlurfen. Plötzlich spürte er einen kalten Wind im Rücken und einige Wassertropfen fielen ihm in den Nacken. Erschrocken drehte er sich um. Dort stand Albert! Pitschnass und leicht zitternd.
Tims Augen leuchteten auf. Aber er versuchte cool zu bleiben. „Mittwoch?“
„Mittwoch!“ Albert strich mit beiden Händen über sein Jackett, welches in Sekundenbruchteilen wieder vollkommen trocken war. Dasselbe auch bei den Hosen und dem Hemd. Er begann zu lachen. „Ich wünschte, das ginge auch mit den Haaren!“
Tim setzte sich neben ihn und Albert erzählte weiter. Irgendwann waren der zukünftige Tim und Albert so weit in der Zukunft, dass es einfach nicht mehr weiterging.
„Ich glaube, danach die Welt stirbt. Deshalb vielleicht, es war uns nicht möglich, weiter in die Zukunft zu reisen. Wir wurden Zeugen dieser ganz schrecklichen Sache, die alle Menschen auf der Erde, und auch dem Mars, tötete.“
Eine schreckliche Sache? Die Welt… stirbt? Alle Menschen sterben? Tim wischte sich ganz schnell heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Aber, wir schafften es, verschont zu bleiben. Mit der Zeitmaschine, wir versuchten, die anderen Menschen auch zu retten. Wir herstellten eine Art Schutzschild. Aber plötzlich gab es etwas wie eine Überladung und… nun ja, ich landete hier neben dir, in den 1980er Jahren. Ich erkannte dich sofort.“
„Oh…“, sagte Tim, und fühlte sich komisch. Lange Zeit sagte keiner von beiden etwas. Tim musterte Albert aus den Augenwinkeln und sah, dass sich auf dessen Stirn wieder die Sorgenfalte eingegraben hatte.
Schliesslich stand Albert auf und streckte sich. „Und siehst du Tim, deshalb glaube ich, dass du wirst besitzen die Zeitmaschine.“
„Aber warum erst in 51 Jahren? Warum nicht jetzt schon?“
„Es scheint, dass die fehlfunktionierende Zeitmaschine an spezielle Knotenpunkte springt. Deshalb, ich glaube, wirst du in 51 Jahren die Zeitmaschine von dir selber erhalten. Sie springt dahin zurück, wo sie startetešta.“
„So lange muss ich warten?!“, Tim war enttäuscht. „Und was soll ich so lang machen?“
Albert überlegte einige Zeit für seine Antwort. „Werde reich und berühmt!“
Sie sprachen noch lange miteinander. Plötzlich merkte Tim, dass es langsam dunkel wurde. In der entfernten Stadt, welche einst sein Zuhause gewesen war, blitzten bereits die ersten Lichter in den Schatten der Häuser auf. Seine Mutter! Sie machte sich bestimmt schon Sorgen! „Ich muss nach Hause gehen!“ Er wollte schon losrennen, da erkannte er es erst. Alberts Geschichten klangen abgeschlossen, die Zeitmaschine war nicht wieder angesprungen. Womöglich konnte er sie reparieren oder er wusste einfach, dass er nicht wiederkommen würde.
Tim drehte er sich noch einmal um. „Albert, werden wir uns jemals wieder sehen?“ Vor der Antwort hatte er aber angst.
„Natürlich! Hast du mir denn nicht zugehört? Spätestens in 51 Jahren. Aber was bedeutet schon Zeit…“
Und das war das Ende von Grossvaters Geschichte. Meine Schwester Bernice fragte, was denn aus Tim wurde und er antwortete: „Der wurde reich und berühmt!“ Ich wollte wissen, ob er die Zeitmaschine je gefunden hatte. Martin meinte etwas abwesend: „Nein, er wartet immer noch.“
Alberts Erzählungen basieren auf einigen von Martins Kurzgeschichten. Speziell hervorzuheben ist hier natürlich «Der Pilz Europa» mit welchem Martin Felder im Jahr 1999 erstmals Schlagzeilen als Autor machte.
Weder Bernice noch ich kannten damals jedoch seine Werke. Für uns war Tim nur eine Figur aus einer Geschichte. Unserer Mutter war gleich klar, dass dies eine aufgepeppte Geschichte aus Martins Kindheit sein musste.
Martins Mutter nannte ihn früher wirklich Butterfly. Auch war die Familie in die Nähe eines Sees gezogen. Doch von einem erfundenen Freund wurde unserer Mutter bis dahin noch nie berichtet. Womöglich hat er diesen Teil wirklich nur erfunden oder seine Eltern hatten sich einfach nie wieder daran erinnert.
Am Morgen des fünften Juni fühlte Martin sich unwohl. Als er versuchte aufzustehen verlor er für einige Minuten das Bewusstsein. Sofort suchte er einen Arzt auf. Dieser diagnostizierte einen Gehirntumor. Inoperabel. Die Ärzte gaben ihm noch ungefähr sechs Monate, mit einer Chemotherapie könnte er diese eventuell um noch einmal drei Monate verlängern.
Wie Sie bestimmt wissen, hat er es nicht einmal sechs Monate geschafft. Obwohl wir ihn noch am selben Tag, dem fünften Juni am Nachmittag besuchten, verschwieg er uns den Vorfall. Auch vom Krebs erzählte er nichts. Wir erfuhren erst nach seinem Tod, dass er krank gewesen war. Er begrüsste uns einfach wie immer und meinte dann fröhlich: „Tim hat die Zeitmaschine gefunden!“
Das Mädchen, das auf Freitag wartete
Tim konnte niemals wirklich vergessen, was Albert ihm erzählt hatte. Obwohl er ihn nach dieser letzten Begegnung nicht wieder sah. Mit der Zeit, und je älter er wurde, begann er zwar daran zu zweifeln, ob er wirklich echt oder doch nur eine Kinderfantasie gewesen war. Aber vergessen konnte er ihn nie. Auch nicht die Prophezeiung, dass er in 51 Jahren eine schlimme, unheilbare Krankheit haben werde. Aber 51 Jahre sind eine lange Zeit und Tim versuchte den Gedanken daran, und wie wahr diese Vorhersage sein konnte, zu verdrängen. Doch irgendwann wurde Tim fünfzig, dann sechzig Jahre alt. Schliesslich wurde er 62 Jahre alt. Das Jahr, in dem alle die Dinge, die der komische Mann ihm damals erzählt hatte, eintreffen sollten.
Es war der Morgen des 5. Juni, auf den Tag genau 51 Jahre nachdem er als kleiner Junge Albert zum ersten Mal getroffen hatte. Ein unangenehmes Drücken im Kopf weckte ihn auf. Wie jedes Mal, wenn er krank war, zum Arzt musste oder Schmerzen hatte, so musste er auch jetzt an Alberts Worte von damals denken, an die er sich noch sehr genau erinnern konnte: „Wenn du 62 Jahre hast, erhältst du eine schlimme, wirklich schlimme, Nachricht vom Arzt.“ Er «hatte» jetzt 62 Jahre. Tim verdrängte den Gedanken so schnell wieder wie er gekommen war. Wie immer. „So ein Quatsch“, murmelte er, „in meinem Alter hat man eben schnell mal Kopfschmerzen. Vermutlich ist das Wetter umgeschlagen.“ Er beschloss, aufzustehen und einen Blick nach draussen zu werfen. Vielleicht hatte es endlich angefangen zu regnen, denn schon seit Tagen herrschte trockenes, heisses Wetter. Seit Tagen wartete man vergeblich auf einen abkühlenden Sommerregen, ein Gewitter oder irgendeinen Kontrast. Als Tim aufstand, wurde der Druck in seinem Kopf beinahe unerträglich. Gerade als er den Vorhang zur Seite schieben wollte, wurde ihm schwarz vor den Augen. Er war ohnmächtig.
Irgendwann wachte er auf. Seinen Kopf zierte eine schmerzhafte Beule, aber immerhin war der Druck weg. Mühsam rappelte Tim sich auf. Er stöhnte. Wie lang war er ohnmächtig gewesen? Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass noch immer früher Vormittag war. Er war also nicht allzu lange bewusstlos gewesen. Zur Sicherheit, und mit Alberts Hiobsbotschaft im Hinterkopf, aktivierte er trotzdem sofort das Air-Medizinsystem um seinen Arzt zu kontaktieren. Das Ferndiagnosesystem lieferte aber nur unklare Resultate. So vereinbarte er für später am Tag einen Termin. Tim beschloss, einen Morgenspaziergang zu machen und später bei einer Zeitung ausgiebig zu frühstücken. Das würde ihn sicher auf andere Gedanken bringen. Als er wenig später aus seiner Haustür trat, sah er, dass es in der Nacht geregnet hatte. Das beruhigte ihn etwas. Sicher war sein Unwohlsein auf die Wetterschwankung zurückzuführen.
Bei Doktor Christen musste Tim zunächst eine halbe Stunde im Wartezimmer ausharren. Er lenkte sich mit den dort ausgelegten Fachzeitschriften ab und unterhielt sich mit einer Frau in seinem Alter, die ihm ihre Rheumabeschwerden ausführlich schilderte. Dann erwarteten ihn einige Untersuchungen und unangenehme Minuten im mobilen MRI. Noch einmal musste er eine knappe halbe Stunde warten. Sie kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Schliesslich rief Dr. Christen ihn endlich in sein Sprechzimmer. Mit dieser beruhigenden, besonnenen Stimme, die alle guten Ärzte zu haben scheinen, erklärte er ihm die Diagnose:
Gehirntumor. Tim war überrascht, dass er selber so ruhig blieb. Vielleicht lag es ja tatsächlich an Dr. Christens Stimme. Eigentlich drehte nur ein Gedanke Kreise in seinem Kopf: Das war es. Das war der Beweis. Albert war echt. Kein Hirngespinst eines kleinen Jungen. Es gab ihn wirklich. Und leider hatte Albert Recht gehabt. Dr. Christens Stimme schreckte ihn aus diesen Gedanken auf: „Es tut mir leid, ihnen das mitteilen zu müssen. Aber der Tumor hat bereits Metastasen gebildet Das heisst, dass wir ihn nicht mehr operativ entfernen können. Das Risiko, dabei ihr Gehirn zu verletzten ist zu gross.“ Er schaute von dem Papier hoch, auf dem er diese Resultate abgelesen zu haben schien, nahm sich die Brille von der Nase und massierte seine Stirn. „Hören sie, Tim, ich kann ihnen höchstens raten, eine Chemotherapie zu machen.“ Dr. Christen machte eine Pause, schaute Tim ernst an und legte dann seine Hand auf dessen Arm bevor er weitersprach. Tim wusste schon, was er jetzt sagen würde. „Die Chemo wird ihre Zeit allerdings lediglich um ein paar Monate verlängern. Sie wird den Tumor nicht heilen können.“ Der Arzt prognostizierte Tim noch maximal neun Monate zu leben. Mit der Chemo.
Als Tim aus der Praxis hinauslief, fühlte er sich wie ein Roboter, der mechanisch alle Bewegung macht, die er erlernt hat. Der Fuss vor Fuss setzt, um vorwärts zu kommen. Er lief einfach drauflos, achtete nicht einmal wirklich, wohin er lief. Dass ihn der Tod nun schneller als erhofft einholen würde, war nicht, was ihn am meisten erschütterte. Wenn es jetzt schon sein musste, war er auch jetzt schon bereit. Er hatte viel erreicht und war zufrieden mit seinem Leben. Was ihn viel mehr bestürzte, war die hinterlistige Wucht und Geschwindigkeit, mit welcher dieser Krebs angriff. Plötzlich durchfuhr ihn ein Gedanke: Seine Familie! Wie sollte er ihnen das erklären… Er wollte sich nicht vorstellen, wie sie um ihn trauerten. Ihn umsorgen müssten. Er war immer ein stolzer, selbständiger Mann gewesen. Wie sollte er es ihnen nur erklären? Beschäftigt von diesen Gedanken machte er sich schliesslich auf den Heimweg.
Zu Hause angekommen, fühlte er sich müde und schlapp. Er wollte sich gerade etwas hinlegen, da hörte er plötzlich ein Rumpeln im Keller. Albert? Dachte er sofort. Er erinnerte sich, dass Albert damals gesagt hatte, dass sie sich kennenlernen würden, nachdem er vom Arzt eine schlimme Nachricht erhielt. Nun, die schlimme Nachricht war gekommen. War es wirklich möglich? War auch Albert wirklich hierher gekommen? Seine Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. Die Neugier war grösser. Tim ging in den Keller um Albert – oder eben doch nur eine Ratte – zu finden. Doch er fand etwas ganz anderes. Keinen imaginären Freund. Auch kein Ungeziefer. Er rieb sich die Augen. Das Kellergewölbe war in bläuliches, flackerndes Licht getaucht. Am Boden zeichnete sich der Abdruck einer grossen Sphäre ab, in deren Mitte eine Art Gerüst schwebte. Es sah aus wie eine komplexere, aber viel kleinere Version einer Raumstation. Tim traute seinen Augen nicht. Ob sein Tumor ihn schon halluzinieren liess? Er trat näher an das Ding heran. Erst jetzt sah er, dass da noch etwas dahinter, in der Ecke des Raumes lag. Ein Mensch! Tim rannte, so schnell ihn seine alten Knochen trugen, zu dem Körper hin, der seltsam verdreht dalag und sich nicht rührte. Albert! Schoss es ihm sofort durch den Kopf. Beim Mann angelangt, drehte er ihn vorsichtig um. Er hatte Angst ihn zusätzlich zu verletzen. Tim zuckte zurück. Das war nicht Albert! Aber wer war es dann? Der Fremde hatte weisse Haare, sah erschöpft und unglaublich alt aus. Älter, als er wahrscheinlich war. Er kam Tim irgendwie bekannt vor. Doch er konnte es einfach nicht einordnen. Albert war er auf jeden Fall ganz sicher nicht. Sachte schüttelte den Mann, tätschelte sein Gesicht. „Hallo? Sie?“ Keine Reaktion. Tim fühlte den Puls. Er hatte keinen. Der Unbekannte war tot. Erschrocken liess Tim ihn los. Da lag ein Toter bei ihm im Keller! Was sollte er jetzt tun? Am besten er rief die Ambulanz an! Beim Aufstehen stiess er aus Versehen an den Arm des Toten. Da rollte eine kleine Kugel aus dessen Hand. Vorsichtig nahm Tim sie an sich und sah sie sich an. Sie sah fast genau gleich aus wie die Kugel, die Albert damals hatte. Womöglich sogar genau gleich. Er ging noch einmal in die Hocke und sich den leblosen Körper genauer an. Plötzlich durchfuhr es ihn wie ein Schock. Wie hatte er den Mann nicht erkennen können? Die Person, die da lag, war er selbst.
Tim musste sich setzen. Er zitterte am ganzen Körper. Er lehnte sich gegen die kühle Wand und blieb eine ganze Weile so sitzen. Gedanken stürmten auf ihn ein. Alle gleichzeitig. Die Diagnose. Seine Kopfschmerzen. Der Tote. Das Blau leuchtende Ding. Albert. Er brauchte lange, um sich zu beruhigen und wieder klar denken zu können. Er versuchte sich zu erinnern, was ihm Albert alles erzählt hatte, damals vor 51 Jahren. Da plötzlich wusste er es wieder. Er schaute die Kugel an, die er immer noch fest umklammert hielt. „Die Maschine, die richtig funktioniert“, flüsterte er leise, mit zittriger Stimme. Ob er sie nehmen durfte? Albert hatte ihm damals erzählt, sie hätten sich hier zum ersten Mal getroffen. Doch es fehlte jede Spur von ihm. Ob er die Kugel trotzdem…? Er dachte an implodierende Universen und andere Klischees, die er aus Sciencefictionfilmen kannte. Nach einigen Momenten fasste er sich jedoch ein Herz und entschied, dass das Universum wohl schon lange explodiert wäre, hätte es das gewollt. Ausserdem, was hatte er zu verlieren?
Er drehte die Zeitmaschine in seiner Hand hin und her. Wie benutzte man denn das Ding überhaupt? Plötzlich drückte er aus Versehen etwas. Er hörte ein Klicken und mit einem Mal fiel das schwebende Metallkonstrukt hinter ihm mit einem metallischen Scheppern in sich zusammen und auf den Boden. Erschrocken drehte Tim sich danach um. Das vorher so imposante… Gerät… erschien ihm jetzt fast wie ein Haufen Müll. Noch etwas hatte sich verändert, merkte er plötzlich. Sein eigener lebloser Körper war verschwunden.
