Grüße vom Zeitgeist - Wolfgang Pröll - E-Book

Grüße vom Zeitgeist E-Book

Wolfgang Pröll

0,0

Beschreibung

Haben Sie Zeit? Wissen Sie, was Zeit eigentlich ist? In diesem Roman versucht ein junger Architekt diese Frage zu lösen, indem er kreuz und quer durch Europa reist und Stätten besucht, an denen er Hinweise auf das Phänomen der Zeit erhofft. Daneben sucht er nach seiner verschwundenen Liebe.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

1 O Tempora o Mores!

2 Tempi Passati!

3 Das Geheimnis der Zeit

4 Herzliche Grüße vom Zeitgeist

5 Zu spät gekommen!

6 Der Tag, der niemals endet

7 Noch ein Tag, der nie zu Ende geht

8 Ein Leben jenseits der Zeit

9 Zwischen Abendland und Morgenland

10 Zerrinnende Zeit

11 Das ewige Auf und Ab der Zeit

12 High Noon

1 O Tempora o Mores!

Die spätsommerliche Sonne hatte soeben ihren höchsten Punkt überschritten, als ich völlig gedankenverloren vor einer Geschäftsauslage in der Istiklal Caddesi, der Hauptgeschäftsstraße und Fußgängerzone von Istanbul, stand. Hinter mir schob sich ein unaufhaltsamer Strom von meist jugendlichen Spaziergängern die Straße entlang, von mir etwas abgeschirmt durch einen Imbissstand, dessen köstlicher Duft nach Simitkringel mich aber kaum von meinen Gedanken ablenkte. Gelegentlich ratterte ein überfüllter rot-weißer Straßenbahnwagen hinter mir vorbei, der sich manchmal erst klingelnd einen Weg durch die Menschenmassen bahnen musste, um die Fahrt zwischen Tünel und Taksimplatz fortsetzen zu können. Nur am Rande registrierte ich eine Gruppe von vorbeimarschierenden Burschen, die Sprechchöre für den Fußballklub Galatasaray anstimmten, der am Abend offensichtlich ein wichtiges Europacupspiel vor sich hatte. Was sich vor mir in der Auslage befand, nahm ich ebenfalls kaum wahr, es dürfte sich um ein Modegeschäft gehandelt haben, in dessen Innerem ich gelegentlich die Schemen von Kunden und Verkäuferinnen erahnen konnte. In der Scheibe spiegelte sich alles, was sich hinter mir abspielte, nur blickte ich auch dort nur im Unterbewusstsein hin. Nein, mein Blick war bloß in mein Inneres gerichtet.

Aber was tat ich eigentlich hier? Wonach suchte ich? Ich hätte es kaum jemandem erklären können, meine Beweggründe wurden mir ja selbst immer rätselhafter. Das Leben schlug doch seltsame Kapriolen! Ich stand jetzt zufällig vor einer Auslagenscheibe, anscheinend ohne Ziel und ohne Weg, oder auch mit zwei Zielen, aber ohne vernünftigen Weg – und die einzige Richtung in meinem Dasein wies steil nach unten. Seit einigen Monaten war ich rastlos unterwegs, und heute war offensichtlich der Moment gekommen, der mir endgültig die Sinnfrage stellte. Sollte ich einfach aufgeben, alles hinwerfen und am besten auf das Sterben warten? Jetzt schon, mit 29, und heute war sogar mein Geburtstag! Aber was war es für eine aussichtslose Suche, die mich ausgerechnet hierher getrieben hatte? Womit hatte diese seltsame Geschichte begonnen, die man fast komisch nennen könnte, wäre sie nicht so unglücklich? Am besten lasse ich sie an jenem lauen Samstagabend vor mehreren Monaten, Anfang Mai, beginnen, als mein bester Freund Mike in einem Wiener Lokal seine Verlobung mit Karin feierte. Es war gleichzeitig der Tag meiner Trennung von Susi.

„Brauchst du noch lange, Schatz?“ fragte ich, an die offene Tür ihrer WG gelehnt, die sie gemeinsam mit ihrer Freundin Birgit bewohnte. Obwohl wir seit etwa eineinhalb Jahren beisammen waren, wohnte Susi unter der Woche nach wie vor hier, da sie so zu Fuß in wenigen Minuten zur Uni gehen konnte, während ich meine Wohnung weit draußen am Stadtrand in Simmering hatte. Nur an den Wochenenden und in den Ferien übernachtete sie bei mir. Die ständige Suche nach ihren Sachen, die sich prinzipiell immer am falschen Ort befanden, war bereits ein Quell unserer Belustigung geworden, vieles hatte sie sich zwischenzeitlich auch doppelt zugelegt.

„Ich komme gleich, Liebling!“ rief sie mir mit ihrer bittersüßen Altstimme aus dem hinteren Zimmer zu, das ich von meinem Standpunkt aus nicht einsehen konnte. Sie erschien wirklich kurz darauf und sah entzückend süß aus. Sie trug eine gebauschte, weiße Bluse zu einem dunkelblauen, etwa knielangen Faltenrock und stöckelte mit ihren bloßen Beinen in weißen Riemchensandalen auf mich zu. Eine rot-blaue Seidenblüte hatte sie sich mittels einer Haarspange seitlich ins leicht gewellte blonde Haar gesteckt, das sie dadurch unglaublich toll zur Geltung brachte. Nachdem sie mir mit ihren dezent roten Lippen einen Kuss auf die Wange gedrückt hatte, warf sie mir ein herausforderndes „Na?“ entgegen.

„Großartig, wie immer,“ antwortete ich und küsste sie ebenfalls, „ich hoffe nur, dass du damit Karin nicht ausstichst.“ Da sie aber mit ihren langen schwarzen Haaren genauso hübsch war, hielt ich diese Gefahr für vernachlässigbar. Wir kannten uns alle vier schon seit längerer Zeit, und die beiden Mädchen hatten sich gut angefreundet.9

Inzwischen war auch Birgits rotblonder Schopf im Vorraum erschienen. Sie war die Mitbewohnerin und Freundin von Susi, hatte aber keinen Bezug zu Mike oder Karin und würde uns daher nicht zur Party begleiten, obwohl Mike gemeint hatte, wir sollten sie doch auch mitbringen. „Ich glaube nicht, dass sie sie ausstechen möchte,“ meinte Birgit, nachdem sie mich kurz begrüßt hatte. „Während sie sich jetzt vor dem Spiegel hergerichtet hatte, sprach sie nämlich kein einziges Mal von Karin, dafür ständig nur von dir, fast als ginge es um eure eigene Verlobung.“

Mit einem verschämten Lächeln reagierte Susi: „Ach, hör auf!“ Ich sagte gar nichts darauf, da ich dieses Thema nicht schon wieder diskutieren wollte, schon gar nicht vor ihrer Freundin. Wir verabschiedeten uns also von Birgit, die uns noch viel Spaß wünschte, und gingen eng umschlungen aus dem Haus zur Straßenbahnhaltestelle. „Wie geht es denn deinem Vater?“ wollte sie wissen. Er war nämlich mit Mikes Eltern gut befreundet und ebenfalls zur Feier eingeladen. Ja, eigentlich kannten sich unsere Eltern schon viele Jahre, und erst dadurch hatte sich in der Kindheit die Freundschaft zwischen Mike und mir entwickelt. Doch seit einigen Tagen fühlte er sich nicht wohl, und bevor ich Susi abholte, hatte ich kurz in seiner Wohnung vorbeigesehen, in der ich immer noch ein Zimmer hatte. Gelegentlich übernachtete ich auch dort, damit er sich nicht ständig so einsam fühlte, nachdem meine Mutter vor rund einem Jahr gestorben war. Er war inzwischen ohnedies etwas eigenartig geworden, um nicht zu sagen schrullig. Er beschäftigte sich mit allem Möglichen, unter anderem auch mit Esoterik, was ich ihm früher nie zugetraut hätte. Vor zwei Wochen hatte er sogar eine uralte, riesige Pendeluhr in einem großen hölzernen Uhrkasten gekauft, die jetzt raumfüllend im Wohnzimmer stand. Doch die lauten Glockenschläge waren ihm lästig geworden, vor allem nachts, und so hatte er einfach das komplette Laufwerk abgestellt. Es wirkte, als wäre die Zeit angehalten oder überhaupt zum Stillstand gebracht worden. Aber ich hütete mich, meinen Vater zu kritisieren. Schließlich wusste ich ja auch nicht, wie ich reagierte, wenn Susi plötzlich tot umfiele. Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich mir diese Frage manchmal gestellt, aber immer nach kurzer Zeit beschlossen, nicht weiter darüber nachzudenken. Es war einfach unvorstellbar!

„Es geht ihm nach wie vor nicht besonders gut,“ antwortete ich. „Es rächt sich jetzt, dass er damals die Grippe nicht ernst genommen und sie übergangen hat. Ich war soeben bei ihm. Er lässt sich entschuldigen und kann leider nicht mitkommen, sondern wird früh schlafen gehen.“

„Schade, hoffentlich erholt er sich bald wieder. Haben die Ärzte noch immer nichts Konkretes herausgefunden?“

„Nein. Es dürfte sich um nichts Ernstes handeln, vermutlich sind es bloß die Nachwirkungen der übergangenen Grippe. Wenn er nicht schon in Pension wäre, würde ich sagen, er wäre überanstrengt und müsste ausspannen. Aber auch so werden ihm einige Tage Ruhe gut tun.“

Inzwischen war die Straßenbahn gekommen, und wir fuhren den langen Weg zum Lokal am östlichen Stadtrand Wiens, wobei wir auch einmal umsteigen mussten. Für den Rückweg würden wir ein Taxi nehmen und bei mir in meiner Wohnung übernachten.

Das Gasthaus war mir bis jetzt unbekannt gewesen, und ich war von ihm angenehm überrascht. Wir gingen an einem Parkplatz vorbei, durch einen kleinen Garten in einen großen Gastraum. Mike hatte das ganze Lokal nur für unsere Gesellschaft gemietet. Da es eher formlos hergehen sollte, gab es keine lange Tafel mit einer bestimmten Sitzordnung, sondern etliche Tische zur freien Platzwahl füllten eine Hälfte des Raums, der Rest war freigeräumt, um eine Tanzfläche zu erhalten. In einem kleinen Nebenraum, direkt neben dem Durchgang zur Küche gelegen, befand sich eine Theke, auf der zahlreiche gekühlte Flaschen Wein, Bier, Mineralwasser und Limonade zur freien Entnahme standen. Das Personal ergänzte sie im Lauf des Abends immer wieder. Um hinter die Theke gelangen zu können, hätte man ein Brett in einem schmalen Durchgang öffnen müssen. Doch es war unnötig, in dem großen Glasschrank an der Rückwand befand sich nämlich deutlich sichtbar gar nichts, und das Stück Fußboden dazwischen dürfte genauso leer gewesen sein.

Die Speisen wurden in Form eines Selbstbedienungsbüfetts angeboten, das an einem langen Tisch gegenüber der Fensterseite aufgebaut war. Es war köstlich anzusehen, es gab belegte Brötchen verschiedenster Art, kalte Häppchen mit Ei und Schinken, Salate und auch warme Speisen wie etwa Wiener Schnitzel. Außerdem lagen Süßspeisen mehrerer Art bereit, die ebenfalls verführerisch dufteten. Mir lief bei dem Geruch das Wasser im Mund zusammen, und ich freute mich schon, wenn Mike und Karin endlich das Büfett freigeben würden.

Wir gehörten zu den ersten eingetroffenen Gästen, insgesamt sollten etwa vierzig Personen kommen. Da wir niemanden der wenigen anderen kannten, setzten wir uns an einen leeren Tisch in einer Ecke. Mike selbst und Karin waren ebenfalls noch nicht da. „Holst du mir etwas zu trinken?“ fragte Susi, „ich habe Durst. Rotwein würde mir schmecken.“ Ich wunderte mich zwar, da sie eher selten Alkohol trank, aber selbstverständlich ging ich zur Theke und holte eine Rotweinflasche. Als ich damit zurückkehrte, sah ich, dass sich inzwischen Günther, Mikes älterer Bruder, zu Susi gesetzt hatte. Ich hatte ihn zuvor gar nicht bemerkt gehabt und konnte mir nicht erklären, wo er plötzlich hergekommen war. Ich mochte ihn nicht, und schon oft hatte ich mich gefragt, wie denn Mike zu so einem Bruder gekommen war. Ich hielt ihn für einen arroganten Widerling, er lebte nur für eigenartige Vergnügungen wie etwa schnelle Autos, die er auch schon gelegentlich zu Schrott gefahren hatte, und seine Weibergeschichten waren stadtbekannt. Wieso immer noch Frauen auf ihn hereinfielen? Dabei sah er nicht einmal besonders toll aus, aber einen gewissen Charme den jungen Damen gegenüber konnte man ihm nicht absprechen. Da ich jedoch keinen Ärger an Mikes Verlobungsparty beginnen wollte, setzte ich mich still murrend neben Susi und schenkte den Wein in die bereitstehenden Gläser ein. Er hielt mir seines wie selbstverständlich entgegen, und schließlich stießen wir alle drei an. Während ich nur nippte, stürzte Günther das halbe Glas mit einem einzigen Schluck hinunter. Aber auch Susi stand ihm in nichts nach, sie schien wirklich Durst zu haben. Ich wollte schon eine Bemerkung machen, dass sie nicht zu viel Alkohol trinken solle, doch ich unterließ es, um nicht eine diesbezügliche Diskussion mit ihr vor Günther führen zu müssen. Wie ich ihn einschätzte, würde er mir sicher in den Rücken fallen, und sie erst recht zum Trinken animieren wollen. Zum Glück unterhielten sich die beiden nur kurz über Belanglosigkeiten, während ich stumm daneben saß. Dann trank er aus, sagte zu Susi mit einem Augenzwinkern „bis später!“ und ging, mich dabei völlig ignorierend, zu einem anderen Tisch, um die drei dortigen Gäste zu begrüßen, die ausnahmslos weiblich, jung und hübsch waren.

„Was soll das heißen, bis später? Habt ihr euch irgendetwas ausgemacht, als ich an der Theke war?“ fragte ich misstrauisch.

Doch sie lächelte mich besänftigend an: „Keine Ahnung, was er damit meint. Vor deiner Rückkehr hat er lediglich meine Blüte im Haar bewundert, sonst war gar nichts. Bist du etwa eifersüchtig?“ fragte sie fast etwas belustigt.

Natürlich war ich es, aber ich wollte es keinesfalls zugeben und stritt es daher ab. Danach stießen wir zu zweit noch einmal mit den Gläsern an, und Susi trank den Rest mit einem Schluck aus. „Trink nicht so viel,“ meinte ich jetzt unter uns, „du bist doch kaum an Alkohol gewöhnt.“

„Ach was,“ erwiderte sie ungehorsam. „Ein bisschen Rotwein soll ja sogar gesund sein, und er schmeckt mir heute wirklich gut. Schenkst du mir nach?“ Ich befolgte ihren Wunsch widerwillig, füllte ihr Glas aber nur zur Hälfte.

Inzwischen erschienen zahlreiche weitere Gäste. Ein junges Paar, dem wir einmal bei einem Besuch bei Mike und Karin für wenige Minuten begegnet waren, fragte uns, ob es sich zu uns an den Tisch setzen dürfe. Nichts war mir lieber als das, denn damit hatte Günther keinen Platz mehr, und freudig bejahte ich. Leider konnte ich mich nicht an die Namen der beiden erinnern, und ich fragte daher: „Wie heißt ihr noch bloß?“

„Ich bin Peter, und das ist meine Freundin Claudia,“ stellte sich der junge Mann vor. Wir unterhielten uns nett miteinander, wobei sich herausstellte, dass Claudia eine frühere Schulfreundin von Karin war. Jetzt arbeitete sie als Verkäuferin in einer Boutique, während Peter in einer Softwarefirma angestellt war. Die beiden tranken ebenfalls Rotwein mit uns, wobei ich bemerkte, dass vor allem Susi tüchtig zulangte. Was hatte sie heute bloß?

Schließlich, als es draußen bereits dunkel geworden war, erschienen endlich Mike und Karin, gemeinsam mit ihren jeweiligen Eltern. „Was, so viele sind schon da?“ fragte Mike in die Runde, bevor sie sich alle an den einzigen langen Tisch setzten, zu dem sich bald einige ältere Verwandte der beiden gesellten. Insgesamt waren aber wesentlich mehr junge Leute anwesend, wozu leider ja beitrug, dass mein Vater absagen hatte müssen. Gleich darauf stand Mike auf und eröffnete gerade noch rechtzeitig das Büfett, bevor sich die Gäste auch ohne seine Erlaubnis darüber stürzen konnten. Sofort begann die übliche Drängelei, ja fast Balgerei. Ich wollte das vermeiden und etwas zuwarten, und als wir daher vorläufig sitzen blieben, trat Mike an unseren Tisch: „Hallo!“ warf er uns zu, und zu Susi gewandt: „Ich weiß jetzt gar nicht, wer hübscher ist, du oder doch Karin.“ Nun, sie war inzwischen auch zu uns gekommen und begrüßte uns, vor allem ihre alte Freundin Claudia. Sie trug ein asymmetrisch geschnittenes rotes Kleid, das ihr linkes Bein bis weit nach oben zeigte. Zusammengehalten war es durch einen goldfarbenen Gürtel aus großen runden Kettengliedern. Die Farben kontrastierten perfekt mit ihren tiefschwarzen langen Haaren, und ich hätte die Frage auch nicht beantworten können, wer denn hübscher sei. „Sind nicht alle Mädchen und Frauen hübsch?“ stellte ich daher die Gegenfrage und bezog dabei mit den Augen auch Claudia mit ein, die sich ja sonst stiefmütterlich behandelt fühlen musste. Jetzt lachten wir alle.

„Was ist mit deinem Vater?“ fragte mich Mike weiter.

„Er lässt sich entschuldigen, er fühlt sich nach wie vor nicht wohl.“

„Schade, meine Eltern hätten sich sehr gefreut, ihn wieder einmal zu sehen.“

„Ja, schade,“ sagte ich, und: „Ich werde später zu deinen Eltern hinüber gehen und es ihnen selbst sagen.“

Da inzwischen fast alle Gäste gekommen waren, schlug Mike mit einer Gabel an ein Glas, woraufhin sich das Stimmengemurmel beruhigte. „Meine Freunde!“ rief er in den Saal. „Karin und ich, wir freuen uns, dass ihr so zahlreich unserer Einladung gefolgt seid. Bevor wir uns die Ringe anstecken, möchte ich, dass ein bisschen Stimmung aufkommt. Die Musik soll beginnen, und ich wünsche mir, dass ihr jetzt alle tanzt. Auf geht’s!“

Daraufhin stellte Günther die Soundanlage an, die sich neben der Tür zum Garten befand, und ließ eine Reihe von modernen Hits ertönen, zu denen man leidlich tanzen konnte. Obwohl viele Gäste nach wie vor mit dem Büfett beschäftigt waren, füllte sich die etwas zu gering bemessene Tanzfläche ziemlich schnell. Ich selbst tanzte weder gern noch gut, aber natürlich machte ich Susi die Freude und ging mit ihr nach vorne, damit wir uns dort ein bisschen austoben konnten. Dabei bemerkte ich, dass sie nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand, aber zum Glück nur so leicht schwankte, dass es bloß mir auffiel. Nach zwei Tänzen nahm ich daher die Chance wahr, sie zum Tisch zurückzuführen. Ich selbst hatte ohnedies genug, und für Susi war es auch besser, sich auszuruhen. Doch sie protestierte heftig und laut: „Du gönnst mir überhaupt keinen Spaß!“ Aus den Augenwinkeln heraus registrierte ich, wie Günther, der immer noch neben der Soundanlage hockte, unser Gespräch neugierig und amüsiert verfolgte. Auch das noch!

„Du kannst ja kaum mehr geradestehen. Vorher wärst du einmal fast umgefallen, es ist ja direkt peinlich,“ schalt ich sie leise.

Anstelle einer Antwort nahm sie ihr halb volles Glas und trank es mit einem Schluck aus, wobei ich bemerkte, dass sie dabei ihr Gesicht seltsam verzog. „Was ist denn los mit dir?“ fragte ich sie. „Trink nicht so viel, du verträgst es nicht und hast doch jetzt schon genug! Es scheint dir nicht einmal mehr zu schmecken.“

„Jetzt sind wir endlich auf einer Verlobungsparty, wenn auch nicht auf der eigenen, und du lässt mich kein bisschen Spaß haben,“ jammerte sie vorwurfsvoll.

Ich konnte das alles nicht verstehen, suchte sie etwa Streit? Bisher hatten wir uns nie gestritten, wir harmonierten einfach in jeder Beziehung perfekt. „Hör zu!“ meinte ich daher. „Du trinkst ab jetzt keinen Alkohol mehr. Und sobald du wieder halbwegs nüchtern bist, verspreche ich, den ganzen Abend mit dir zu tanzen.“

Sie musste wissen, wie sehr ich ihr damit entgegenkam, da ich eigentlich gar nicht tanzen mochte. Doch sie stand einfach auf, murmelte „Ich muss dringend aufs WC“ und verschwand in dem langen Gang, der zur Toilette führte. Fast war ich geneigt, einen nicht ganz feinen Kommentar über den Zusammenhang zwischen ihrer Trinkmenge und dem WC-Besuch abzugeben, doch ich ließ es bleiben. Nachdenklich blieb ich kurz sitzen und sah ihr nach. Ich kann mich jetzt noch erinnern, wie ihr blondes Haar, in dem die Blüte befestigt war, sanft hin und her schwang und ihr dunkelblauer Rock bei jedem Schritt nach links und rechts wippte. Im Nu waren meine düsteren Gedanken verschwunden, und durch diesen von einem gewissen Besitzerstolz geprägten Anblick hatte ich ihr die kleine Unstimmigkeit bereits verziehen, obwohl es mir gar nicht gefiel, dass sie leicht betrunken war. Zum Glück bemerkte außer mir niemand etwas davon. Sie wusste offensichtlich noch, was sie tat, aber ich sollte darauf achten, dass sie nicht mehr trank. Ich ahnte natürlich nicht, dass ich sie in diesem Augenblick zum allerletzten Mal so unbefangen betrachtet und zum vorletzten Mal überhaupt gesehen hatte.

Während ihrer Abwesenheit nutzte ich die Chance, um für einen Moment zu Mikes Eltern zu gehen und ihnen persönlich die Entschuldigung meines Vaters zu überbringen. Da sie sich in einem angeregten Gespräch mit Karin und ihren Eltern befanden, blieb ich nur kurz und mochte nicht weiter stören. Alsdann blickte ich in die Runde. Susi war noch nicht zurückgekehrt, und die meisten Gäste tanzten, auch Peter und Claudia, sodass mein Tisch völlig leer war, ich wollte mich also nicht wieder hinsetzen. Als ich kurz aus dem Fenster sah, bemerkte ich Mike, der einsam im Garten unter einer großen Eiche stand und eine Zigarette rauchte. Hoffentlich war alles in Ordnung mit ihm! Vielleicht wollte er aber nur einmal durchschnaufen in all dem Trubel, und vor der eigentlichen Verlobung.

Wie üblich spannte sein Sakko etwas über dem Oberkörper, doch ich wusste, dass er nicht etwa einen kleinen Bierbauch hatte, sondern ganz im Gegenteil mit beachtlicher Muskelmasse aufwarten konnte. Mit seinen leicht wuscheligen, dunklen Haaren stellte er ein Bild von einem Mann dar, der in der Vergangenheit immer wieder Mädchen zum Schmachten gebracht hatte. Er hatte dies jedoch nie ausgenutzt, und seitdem er Karin kennengelernt hatte, gab es für ihn ohnedies nur sie. Und welches Bild zeigte ich? Ich war so ziemlich das Gegenstück von ihm: höchstens mittelgroß, brünett, eher unsportlich schlank, und Brillenträger. Was fand Susi eigentlich an mir? Zum Glück zählten für sie offensichtlich nicht die Äußerlichkeiten. Und auch Mike war es egal, er war mir in der Vergangenheit jedenfalls immer ein guter Freund gewesen, sogar mein bester.

Damit stand mein nächstes Ziel fest. Mit einer gewissen Befriedigung registrierte ich, dass auch Günther irgendwohin verschwunden war und nicht mehr neben der Musikanlage saß, die auch ohne sein Zutun irgendeinen grässlichen Hit spielte und direkt neben der Tür aufgebaut war, an der ich vorbeigehen musste. Ich holte noch mein Sakko, das ich über die Sessellehne gehängt hatte, um für die Kühle draußen gewappnet zu sein, ging hinaus und gesellte mich zu Mike.

„Wie geht es dir so als Verlobter?“ fragte ich ihn nach einem kurzen Moment gemeinsamer Stille.

„Noch bin ich nicht verlobt,“ sagte er. „In etwa einer Stunde werden wir uns die Ringe anstecken. Aber ich fühle mich großartig und glücklich. Ich bin nur in den Garten herausgegangen, damit ich nicht drinnen alles verrauche. Ich hoffe, die übrigen Gäste sind auch so rücksichtsvoll.“ Nun, als notorischen Nichtraucher konnte er mich damit natürlich nicht meinen.

„Du hast riesiges Glück mit Karin,“ meinte ich, „Sie ist fantastisch.“

„Du kannst dich aber auch nicht beschweren,“ lächelte er, „mit Susi hast du genauso das große Los gezogen.“

Da ich ihn nicht über die aktuelle Unstimmigkeit zwischen uns informieren wollte, stimmte ich ihm zu, sagte einfach „Ja,“ und dachte es auch. Diese lächerliche Auseinandersetzung von vorhin sollte sich sicher im Nu in Nichts auflösen.

„Wollt ihr euch denn gar nicht verloben?“ fragte er mich weiter, „ich würde mich auf eine entsprechende Feier freuen.“

„Wir betrachten uns als quasi verlobt, sind es aber nicht offiziell. Vielleicht holen wir es eines Tages nach,“ antwortete ich und wunderte mich, dass auch Mike damit anfing. Vermutlich würde mir ohnedies nichts anderes übrig bleiben, als zuzustimmen. Ja, wenn ich früher daran gedacht hätte, dann hätten wir heute eine doppelte Verlobungsparty geben können. „Aber wir denken nicht an eine so große Feier, eher an etwas in kleinerem Rahmen, vielleicht lassen wir die Verlobung auch überhaupt aus.“

„Diese Feier heute war auch nicht meine oder gar Karins Idee. Aber du kennst ja meine Eltern. Wenn sie die Chance wittern, so etwas auszurichten, dann sind sie nicht mehr zu bremsen.“

Mit einem Seitenblick versuchte ich, ins Innere des Lokals zu blicken, doch ich sah nur einen kleinen Teil des Saals. Susi konnte ich nirgends erkennen, aber das hatte nichts zu bedeuten, sicher war sie schon von der Toilette zurück. Wahrscheinlich unterhielt sie sich soeben mit Karin, deren Tisch ich von hier aus nicht einsehen konnte. Als ich gerade Anstalten machte, wieder hinein zu Susi zu gehen, hielt mich Mike mit der belanglosen Bemerkung zurück: „Was für ein wunderschöner Abend!“

„Ja, so lau und friedlich,“ antwortete ich, ohne genau zu wissen, ob er die Schönheit des Abends auf das Wetter oder auf seine Verlobung bezogen hatte – vermutlich beides. „Er erinnert mich an den Tag, an dem ich Susi kennengelernt habe, damals war es genauso schön, obwohl eine ganz andere Jahreszeit war,“ merkte ich an.

„Es würde mich endlich genau interessieren, wie ihr zwei euch begegnet seid. Du hast es mir bis jetzt nur in den Grundzügen erzählt.“

Da ich ihn nicht enttäuschen wollte, blieb ich bei ihm unter dem großen Baum stehen, erinnerte mich freudig an unser erstes Zusammentreffen und begann zu erzählen:

Es war vor rund eineinhalb Jahren, genau am 15. November. An diesem Tag entfielen an der Uni zwar die Vorlesungen, da es sich um einen Landesfeiertag in Wien handelte. Doch die Büros waren geöffnet, und auch Prüfungen konnten stattfinden. Ich hatte am Vormittag meine allerletzte Prüfung bestanden und damit mein Architekturstudium mit nur geringer Verspätung abgeschlossen. Nachdem ich das Universitätsgebäude verlassen hatte, ging ich einfach wahllos spazieren, um meine Anspannung abzubauen. Es war ein wunderbarer Spätherbsttag, nicht so kalt und nebelig wie die Tage zuvor, nein, die Sonne schien warm und ließ die verfärbten Blätter in den Parkanlagen in fantastischen Farben leuchten. Ich schlenderte glücklich, aufgewühlt und gleichzeitig innerlich leer durch den Volksgarten und gelangte schließlich zurück zum Heldenplatz. Vor dem großen Reiterdenkmal für Erzherzog Karl, den Sieger über Napoleon in der Schlacht bei Aspern, setzte ich mich auf die einzige noch freie Sitzbank und ließ mir die möglicherweise letzten warmen Sonnenstrahlen dieses Herbstes ins Gesicht scheinen. Nach wenigen Minuten kamen zwei mir damals unbekannte Mädchen vorbei, Susi und ihre Freundin Birgit, und fragten mich, ob noch Platz für sie sei. Ich bejahte und rutschte etwas zur Seite, damit sie sich ebenfalls niedersetzen konnten, Susi saß dabei neben mir. Sie hatte mittellange, blonde Haare und war fast um einen Kopf kleiner als ich. Sie trug einen türkis-weiß gestreiften Ringelpullover und etwas ausgeblichene stone-washed Jeans, wodurch ihre schwarzen Stiefel außerordentlich gut zur Geltung kamen. Sie schlug die Beine übereinander und stellte ihre grau-blaue Umhängetasche zwischen ihr und mir auf der Bank ab. Ihrem Gespräch lauschte ich nicht bewusst, da ich in Gedanken noch immer bei meiner Prüfung war. Ich erkannte aber wie aus weiter Ferne, dass es sich ebenfalls um zwei Studentinnen handelte, sie unterhielten sich über irgendeine Exkursion, zu der nur eine der beiden sich anmelden hatte können. Nach etwa einer Viertelstunde verabschiedete sich Birgit, während Susi neben mir sitzen blieb und mich kurz darauf höflich nach der Uhrzeit fragte. Im selben Moment, als ich auf meine Armbanduhr blickte und „Punkt zwölf Uhr mittags“ sagte, begannen in der Ferne die Mittagsglocken irgendeiner Kirche zu läuten, worauf wir gleichzeitig loslachten.

„Da hätte ich ja gar nicht zu fragen gebraucht,“ entschuldigte sie sich freundlich.

„Es stört mich überhaupt nicht, und schließlich ist heute ohnedies ein Glückstag für mich,“ antwortete ich und erweckte damit ihre Neugierde.

„Wie das?“

„Ich habe soeben mein Studium abgeschlossen, vor zwei Stunden habe ich meine letzte Prüfung bestanden.“

„Gratuliere! Ich studiere auch, bin aber erst im fünften Semester. Und wie wirst du jetzt feiern?“

„Momentan ist mir gar nicht nach einer großartigen Feier zumute, ich will einfach den schönen Tag genießen. Nur eines habe ich gleich vor, und zwar möchte ich etwas essen. Ich bin inzwischen sehr hungrig, weil ich morgens kein Frühstück hinuntergebracht habe.“

„Du Armer!“ bedauerte sie mich.

Da zuckte plötzlich wie ein Blitz eine Idee durch meinen Kopf. Schließlich hätte ich alleine essen gehen müssen, da alle meine Freunde zu Mittag keine Zeit für mich hatten. Am liebsten hätte ich ja Mike angerufen, doch ich wusste, dass er mir absagen würde. Er hatte nämlich vor Kurzem Karin kennengelernt und nur mehr für sie Zeit. Aber nun eröffnete sich eine unverhoffte Chance: „Weißt du was?“ fragte ich sie einfach, ohne lange ein Für und Wider zu bedenken. „Zur Feier des Tages lade ich dich jetzt zu einem anständigen Mittagessen ein. Ich würde mich wirklich freuen, wenn du mich begleitest. Schließlich ist es alleine ja sehr langweilig,“ spielte ich die Mitleidskarte aus.

„Und deine Freundin? Wenn sie davon erfährt, wird sie doch sicher eifersüchtig!“

„Zu einer dauerhaften Freundin hat es noch nicht gelangt,“ gestand ich ihr aufrichtig. Ich wollte noch die Anmerkung „bis jetzt“ hinzufügen, unterließ es aber zum Glück, um sie nicht zu verschrecken. „Machst du mir die Freude und sagst zu?“

„Ich kann leider nicht. Ich muss kurz vor ein Uhr wieder auf der Uni sein und mich für eine Exkursion anmelden, das ist die letzte Chance dazu.“

„Kannst du das nicht online erledigen?“ fragte ich leicht erstaunt.

„Leider nein, der Professor ist noch vom alten Schlag und besteht auf einer persönlichen Anmeldung.“

„Ist diese Exkursion denn so wichtig?“ fragte ich mit wachsender Verzweiflung, da sie meinen Plan zu durchkreuzen schien.

Jetzt lachte sie mich an: „Überhaupt nicht, sie ist nicht verpflichtend. Ich will auch gar nicht teilnehmen, außerdem mag ich den Professor nicht, aber Birgit steht auf ihn. Sie ist bereits angemeldet und möchte nicht ohne mich mitfahren.“

„Dann sag ihr einfach, die Exkursion war bedauerlicherweise schon ausgebucht.“

„Wenn sie dahinterkommt, dann ist sie furchtbar eingeschnappt, und ich wohne schließlich mit ihr zusammen.“

„Ich verrate garantiert nichts, versprochen! Und jetzt komm einfach mit, wir suchen uns ein nettes Lokal!“ Wie soll ich mein Hochgefühl beschreiben? Ich stand auf, sah sie an, und nach kurzem inneren Ringen folgte sie mir tatsächlich, ließ die Exkursion Exkursion bleiben und ging mit mir Richtung Innenstadt. Ich war gleichermaßen erfreut wie auch erstaunt, denn ich hatte nicht damit gerechnet gehabt, dass sie meinen Vorschlag tatsächlich annehmen würde; aber ich hatte gedacht, ich könnte es ja versuchen. Später gestand sie mir, dass sie über sich selbst verwundert war, da sie auf derartige Angebote üblicherweise nicht einging. Sobald ich mir über ihr Einverständnis sicher sein konnte, fragte ich sie auch: „Wird denn dein Freund nicht eifersüchtig werden?“

„Zu einem festen Freund hat es bis jetzt noch nicht gelangt,“ ahmte sie meine Worte nach und lächelte mich dabei an.

„Da sind wir ja dann zwei,“ bemerkte ich. Wie sich später herausstellte, hatte sie trotz ihres offenen und fröhlichen Wesens wirklich noch keinen festen Freund gehabt, in dieser Beziehung war sie immer sehr zurückhaltend gewesen, wie ich selbst ja auch.

Wir schlenderten nebeneinander durch die belebte Altstadt und taten so, als ob wir ein Lokal suchten. Ich verzögerte das Tempo aber absichtlich, um länger mit ihr beisammenbleiben zu können, und ich bekam das Gefühl, als ob es ihr durchaus recht war. Wir mussten uns eng aneinander halten, um uns in den Menschenmassen nicht zu verlieren. Es war erstaunlich, dass selbst um diese Jahreszeit noch so viele Touristengruppen in Wien unterwegs waren. Einmal nutzte ich sogar die Gelegenheit, sie an der Hand zu nehmen, doch sie entzog sie mir sofort. Daraufhin ließ ich derartige Versuche bleiben und war fast froh darüber, dass sie es mir nicht zu einfach machte. Andererseits hätte ich so gerne ihre Hand gefühlt!

Als wir beim Stephansdom vorbeikamen, gingen wir kurz hinein. Ich hatte gehofft, dass wir dadurch dem Straßentrubel etwas entgehen könnten, aber leider war dem nicht so, im Dom drängten sich die Touristenmassen erst recht. Später besuchten wir den Dom noch mehrmals, und Susi erklärte mir dabei die Baumerkmale der Gotik. Natürlich waren mir diese nicht unbekannt, da die Architekturgeschichte einen, wenn auch randlichen Teil meines eigenen Studiums bildete, der mich bislang aber nicht sonderlich interessiert hatte. Ihr gefiel dieser Baustil, obwohl sie ausgerechnet den Stephansdom eher als düster empfand. Nun, was mich betraf, so fand ich es überall wunderschön, wenn nur Susi bei mir war.

Schließlich, als wir bereits die ganze Innenstadt meist schwatzend, doch manchmal auch schweigend und zugleich vielsagend durchquert hatten, meinte sie: „Weißt du was? Das Wetter ist doch viel zu schön, um in ein Lokal zu gehen. Mir genügt es völlig, wenn wir uns dort vorn am Schwedenplatz ein Paar Würstel besorgen und uns auf eine Bank am Donaukanal setzen.“

Die Idee gefiel mir, und wir hielten es so. Ich muss auch gestehen, dass sie öfters so hervorragende Ideen hatte. Als wir so saßen und unsere Würstel aßen, fanden wir endlich die nötige Ruhe, um miteinander zu sprechen. Ich erfuhr von ihr, dass sie aus der südlichen Steiermark stammte und in Wien Kunstgeschichte studierte, die angesprochene Exkursion hätte einige Tage zu den Schlössern Südböhmens führen sollen, um sie in kunsthistorischer Hinsicht zu erkunden. Nebenbei malte sie auch, aber rein hobbymäßig. Sie meinte, sie wäre keine Künstlerin, da sie ja sonst an der Kunstakademie studieren würde. Doch wenn sie einmal nach ihrem Studium keinen Job bekäme, dann könnte sie ja versuchen, damit berühmt zu werden. Ich antwortete, ihr erstes großes Gemälde wäre hiermit bereits von mir gekauft, und wir lachten beide. Schließlich erklärte sie mir aber, dass es nie dazu käme, da sie gar nicht an große Gemälde dachte, sondern bisher nur Kleinigkeiten wie Glückwunschkarten gezeichnet oder unveröffentlichte Entwürfe für Briefmarken oder CD-Covers erstellt hätte. Sie träumte aber natürlich auch davon, sich irgendwann ein eigenes Atelier einrichten und dort vielleicht doch große Bilder malen zu können, etwa im Stil des französischen Impressionismus, der ihr sehr gefiel. Als ich sie fragte, ob sie glaube, dass sie mit diesem Stil auch heute noch ein Einkommen haben könnte, lachte sie wieder und meinte: „Ein Maler darf sich nie fragen, ob er damit Geld verdienen kann, sonst müsste er nämlich zu weinen beginnen.“

Leider erreichte bald der Schatten der Mauer hinter uns die Sitzbank, und wir standen auf, um ein paar Schritte zur Seite zu machen. Es war fast zwei Uhr am Nachmittag, die Anmeldezeit für die Exkursion war längst abgelaufen, und die Sonne schien uns wärmend ins Gesicht. „Übrigens danke für die Würstel,“ sagte sie.

„Es war doch nur eine Kleinigkeit, und ich bedanke mich bei dir, dass du meine Einladung angenommen hast. Ich fand das Mittagessen mit dir ausgesprochen prima, und das Angebot für ein Essen in einem großen Lokal bleibt natürlich aufrecht.“

„Ich weiß noch nicht,“ antwortete sie, und anschließend bemerkte sie, in die Sonne blinzelnd: „Was für ein herrlicher Tag heute, noch so spät im Jahr!“

„Wir sollten das ausnützen. Fahren wir doch mit der U-Bahn zur Donauinsel und gehen dort ein bisschen spazieren!“ schlug ich daher vor.

„Ich weiß nicht, Birgit wartet auf mich. Sie wird sich ohnedies wundern, wo ich so lange stecke.“

„Bist du ihr etwa Rechenschaft schuldig? Aber du könntest sie ja mit dem Handy anrufen und ihr Bescheid geben.“

„Ich will jetzt gar nicht mit ihr sprechen. Womöglich möchte sie dann auch herkommen und sich uns anschließen.“ Hieß das, dass sie mit mir alleine bleiben wollte?

„Dann musst du dein Handy ausschalten, sonst wird sie ja dich anrufen.“

„Natürlich, du hast recht,“ antwortete sie, kramte eine Weile in ihrer Umhängetasche, bis sie schließlich ihr dunkelblaues Handy aus den untersten Tiefen herausholte und es abschaltete. Sodann drehte sie ihren Kopf zu mir und sagte temperamentvoll: „Na dann los, fahren wir!“ Damit bewies sie mir, dass sie völlig unkompliziert war, was ich sehr begrüßte.

Wir wanderten lange auf der Donauinsel, den gesamten Weg von der Reichsbrücke bis zur Floridsdorfer Brücke. Vor allem dauerte es deswegen so lange, weil wir des Öfteren auf einer Sitzbank eine Pause einlegten und die vorüberfließende Donau sowie so manches Schiff betrachteten. Es war ein wunderschöner Tag, in jeder Hinsicht, obwohl es zum Schluss schon dämmrig und auch kälter wurde, als sich die Sonne orangefarben dem Horizont zuneigte. Später sollte ich in den Beinen spüren, dass ich eine so weite Wanderung nicht gewöhnt war. Und Susis Stiefel mit ihren gar nicht so niedrigen Absätzen waren für einen solchen Marsch überhaupt nicht gedacht! Doch sie beklagte sich nicht, trug aber in den folgenden Wochen nur mehr Schuhe, die alles andere als hochhackig waren.

Hier endlich hatte die Zahl der Menschen deutlich abgenommen, und wir fanden schließlich die nötige Ruhe, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Wir kamen uns auf dem wunderbaren Weg mit unseren Worten, und noch viel mehr mit unseren Blicken, ganz nahe, ohne dass sich etwas Näheres ergeben hätte. Ursprünglich hatte ich tatsächlich nur geplant gehabt, meinen Glückstag nicht alleine verbringen zu müssen und mich gefreut, jemanden zur Unterhaltung gefunden zu haben. Doch inzwischen hatte ich mich bereits schwer in Susi verliebt, und sie hatte mir später gestanden, dass es damals auch bei ihr schon gefunkt hatte. Nur einmal verdunkelte sich kurz ihr Gesicht, als sie mich fragte: „Was soll ich Birgit sagen, wo ich war, und warum ich mich nicht für die Exkursion angemeldet habe?“

„Am besten ist immer die Wahrheit,“ antwortete ich. „Sie wird sicher Verständnis dafür haben.“

„Du hast recht. Es wird ihr nicht gefallen, aber ich stehe dazu.“

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Sehr gerne. Du hast doch sicher momentan viel Zeit. Ich habe zu Mittag auch eine längere Vorlesungspause, also wieder um Punkt 12 Uhr beim Denkmal, wie heute?“

„Prima, ich werde mit Freuden dort sein.“ Und als ich mich später auf dem Gehsteig vor dem Eingangstor ihres Hauses von ihr verabschiedete, gab ich ihr ein überraschendes Küsschen auf die Wange. Sie ließ es geschehen, drehte aber anschließend verschämt ihren Kopf zur Seite, sagte kurz „Tschüss!“ und hüpfte durch das offene Eingangstor ins Haus.

„Was für eine schöne Geschichte,“ sagte Mike. „So genau hatte ich es bis jetzt noch nicht gewusst. Und eure Sitzbank beim Denkmal ist damit euer Treffpunkt geworden? Vor allem finde ich es als einen tollen Zufall, dass der Zeitpunkt exakt zu Mittag war, und die Glocken läuteten, als ihr euch kennenlerntet.“

„Ja, das fanden wir auch wunderbar. Genau ein Jahr später wollten wir alles nachspielen. Wir kämen von verschiedenen Seiten, treffen uns pünktlich zu Mittag, wenn die Glocken erklingen, fast so wie Wildwesthelden beim Duell. Aber anstatt zu schießen, würden wir uns umarmen, auf die Bank setzen und küssen. Leider war dann das Wetter ganz grauenhaft, wie meistens um diese Jahreszeit, ein kalter stürmischer Wind wehte uns den Nieselregen entgegen. Wir setzten uns daher nicht nieder, aber wir küssten uns unter dem Regenschirm, den uns dabei der Wind umdrehte. Wir wurden völlig durchnässt,“ lachte ich. „Doch in einem halben Jahr ist es ja wieder so weit, vielleicht haben wir dann mehr Glück.“

„Du musst mir einmal die Fortsetzung eures Kennenlernens erzählen, es klingt so romantisch,“ meinte er, „bei mir war es ganz anders, aber ebenfalls wunderschön.“

„Ich kenne auch nur die Grundzüge, leg los!“

„Gerne, aber ein anderes Mal,“ und dabei warf er den Zigarettenstummel zu Boden und trat ihn aus. „Jetzt gehen wir besser wieder hinein und kümmern uns um unsere Mädels.“

„Natürlich,“ antwortete ich, und wir betraten das Lokal. Mike ging nach links und gesellte sich wieder zu Karin und den Eltern, ich sah mich nach Susi um. Bei Karin war sie nicht, an unserem Tisch saß sie ebenfalls nicht. Ich konnte sie auch nicht auf der Tanzfläche erblicken und machte mir langsam Sorgen. Inzwischen hätte sie ja längst vom WC zurück sein müssen. Ob ihr etwa übel geworden war, und es ihr schlecht ging? Womöglich war sie zusammengebrochen und benötigte Hilfe? Nachdenklich schlenderte ich zur Theke im Nebenraum, um mir eine Flasche Mineralwasser zu holen, da ich einen ziemlichen Durst bekommen hatte. Am besten wäre wohl, ich würde jemanden bitten, auf der Damentoilette nachzusehen, Karin etwa, oder Claudia.

Während ich nach der Flasche griff, hörte ich leise Geräusche von hinten, aus dem engen Bodenbereich zwischen der Theke und der Rückwand. Wegen der lauten Musik konnte ich es nicht richtig deuten, aber etwas raschelte und bewegte sich, hatte sich etwa eine Katze dort unten auf dem Boden versteckt? Normalerweise war ich gar nicht besonders neugierig, doch irgendetwas drängte mich dazu, nachzusehen, was dort vorging, möglicherweise meldete sich ein sechster Sinn in mir. Später wünschte ich, dies niemals getan zu haben. Da ich nicht über das Bord hinweg auf den Boden blicken konnte, ging ich zum Durchgang, öffnete die Klappe und trat einen Schritt hinter die Theke. Fassungslos registrierte ich, dass sich Susi und Günther innig wälzten. Ihre Spange mit der Blüte hatte sich aus ihren Haaren gelöst und lag neben ihrem Kopf am Boden. Ihre Bluse war vollständig geöffnet, und Günther rieb sein Gesicht an ihrer Brust. Mit einer Hand schob er ihren Rock hoch und wühlte tief darunter herum. Susi wirkte zwar erstaunlich temperamentlos, aber sie spreizte ihre Beine weit, um ihm sein Spiel zu erleichtern, wobei ich ihr knappes Höschen zwischen seinen Fingern aufblitzen sah. Gleichzeitig krallte sie eine Hand in seinen Nacken, warf ihren Kopf zur Seite und schien die Sache doch so zu genießen, dass ich mir sicher war, es könnte nur mehr wenige Augenblicke dauern, bis ich das Allerärgste miterleben müsste.

Wie lange ich ihnen zugesehen hatte, vermochte ich auch später nicht mehr zu sagen, vermutlich dauerte es aber nur einen Moment. Warum ich mich nicht sofort abgewendet hatte? Wahrscheinlich konnte ich es einfach nicht glauben, was mir meine Augen zeigten, ich war wie gelähmt und sah dem grauenhaften Liebesspiel voll Entsetzen zu. Da, kurz bevor es wirklich entscheidend wurde, öffnete sie plötzlich ihre Augen und erblickte mich. Mit einem hysterischen Aufschrei sprang sie hoch und warf Günther dabei zur Seite. „Nein!“ kreischte sie, strich ihren Rock glatt und klammerte sich mit beiden Händen an meinen linken Arm, während ihre Bluse noch immer offenstand. „Was habe ich getan? Es tut mir leid! Bitte verzeih mir, der Wein war schuld!“ suchte sie anscheinend nach einer Ausrede.

„Du bist nüchtern genug, um zu wissen, was du getan hast,“ entgegnete ich kühl.

„Ich bin jetzt plötzlich nüchtern geworden, zum Glück bist du noch rechtzeitig gekommen.“ Sie tat ja, als ob sie dies alles nicht freiwillig getan und ich sie aus höchster Not errettet hätte. Ich hatte allerdings genug gesehen, um es genauer zu wissen.

Inzwischen hatte sich auch Günther erhoben. Er zertrat dabei, vermutlich absichtlich, ihre auf dem Boden liegende Blüte und strich grinsend an uns vorbei, wobei er mir jovial auf die Schulter klopfte und meinte: „Zieh nicht so ein spielverderberisches Gesicht und vergönne ihr doch auch einmal ein bisschen Spaß!“ Damit wiederholte er Susis Worte mir gegenüber, die er belauscht hatte, und es klang, als hätte ich die beiden bei einem harmlosen Würfelspiel überrascht. Und überhaupt, was hieß, ich solle ihr ein bisschen Spaß vergönnen? Hatte sie etwa mit mir nie Spaß gehabt? Am liebsten hätte ich ihm eine geknallt, aber ich konnte mich beherrschen. Erstens war ich kein Schlägertyp und Günther wäre mir dabei weit überlegen gewesen. Und zweitens war dies Mikes Verlobungsfeier, die ich doch nicht durch eine Prügelei mit seinem Bruder platzen lassen wollte. Außerdem war ich immer noch völlig benommen. Die Partygäste waren inzwischen ohnedies auf uns aufmerksam geworden, als ich von der Theke hervorkam und die an mich festgeklammerte Susi dabei mitzerrte. Ich wollte nur fort!

„Bleib hier,“ schrie sie und drückte ihre Finger in meinen Arm, dass es schmerzte, „lass uns doch reden.“

„Darf ich etwa dort weitermachen, wo ich Günther zu deinem Leidwesen unterbrochen habe?“ bemerkte ich sarkastisch, dabei auf ihre offene Bluse starrend.

„Geh nicht fort! Bleib bei mir! Verlass mich doch nicht! Es tut mir so leid!“ bettelte sie und fiel auf die Knie, ohne meinen Arm loszulassen. Die meisten Gäste blickten uns inzwischen interessiert zu.

„Ich dich verlassen?“ fragte ich zurück. „Du verwechselst Ursache und Wirkung. Du hast ja soeben mich verlassen.“ Ich versuchte, weiter zu gehen und ihre Hände abzuschütteln, doch es gelang mir nicht, ja ich zog sie sogar ein kleines Stück auf den Knien über die Tanzfläche.

„Ich schwöre dir, das war das erste Mal, und es wird nie mehr geschehen. Ich werde dir immer treu bleiben, du kannst dich darauf verlassen. Und ich verspreche dir, dass ich keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren werde. Nie!“ In rascher Folge sprudelte sie lautstark ihre Worte hervor, ohne Rücksicht darauf, ob sie damit Mikes und Karins Verlobungsparty schmiss.

„Ach, was ist das alles doch so widerlich! Geh mir aus den Augen, du Schlampe!“ antwortete ich wütend vor Enttäuschung und riss mich endlich gewaltsam aus ihrer Umklammerung los, wobei ich aber hoffte, ihr dabei nicht allzu weh getan zu haben. Ich schritt rasch zur Tür, und die ersten Tränen traten mir in die Augen. Hinter mir kauerte Susi auf den Knien und rief mir irgendetwas nach, das ich wegen ihres hysterischen Schluchzens nicht verstand, womöglich hatte es „Ich liebe dich“ gelautet. Doch ich öffnete die Tür und stürmte hinaus in die Dunkelheit, ohne mich umzusehen oder mich weiter um Susi, Mike, Karin oder sonst jemanden zu kümmern. Ich rannte wahllos irgendwohin und wollte nur weg, weit weg, möglichst rasch, und zwar alleine!

2 Tempi Passati!

Ich lief planlos einfach irgendwohin. Nachträgliche Erinnerungsfetzen zeigten mir Bilder von Einfamilienhausgebieten, Feldrändern und riesigen Wohnblockanlagen, wo mir vereinzelte Gruppen von Jugendlichen nachstarrten, ohne mich aber dabei zu belästigen. Ich wusste nicht, wohin ich rannte, bisweilen auch rasch dahin marschierte; viele Tage danach versuchte ich, mittels eines Stadtplans meine Route wenigstens in groben Zügen zu rekonstruieren, es gelang mir aber nur teilweise. Ich dachte damals an nichts anderes als an meinen unendlichen Schmerz, meine Wut und vor allem meine grenzenlose Enttäuschung. Warum hatte sie mir dies angetan? Es kam mir vor wie ein grauenhafter Blitz, der plötzlich aus heiterem Himmel in mein Leben gezuckt war. Nichts hatte darauf hingedeutet, ich hatte mich auf einen netten Abend gefreut gehabt, und jetzt dies! Wegen meiner völlig chaotischen Gedanken erkannte ich nichts mehr bewusst und lief wie durch einen nebligen Wasserfall, in meinem Kopf hörte ich bloß dumpfes Dröhnen. Vermutlich entging ich einige Male nur aufgrund glücklicher Zufälle schweren Unfällen, denn ich achtete natürlich in keinster Weise auf den Straßenverkehr. Ja, in meinem damaligen Zustand hätte ich es vielleicht sogar begrüßt, überfahren und getötet zu werden, obwohl ich es auch nicht herausforderte. Ich tat überhaupt nichts bewusst.

Irgendwann, mir kam es vor wie nach einigen Stunden, überquerte ich die Reichsbrücke Richtung Innenstadt. Was meine Schritte lenkte, hätte ich nicht erklären können – ein Instinkt, der reine Zufall, oder gar ein tief verborgener Plan in meinem Unterbewusstsein? Ich wusste es nicht. Als ich auf der Brücke die Höhe der Donauinsel erreichte, hielt ich für einige Zeit keuchend inne, stellte mich an das Geländer und blickte auf das in der Dunkelheit nur schwer auszumachende, lang gestreckte Band der Insel unter mir. Während auf der Verkehrsebene über mir vereinzelte Autos vorüberrauschten, rastete ich zum ersten Mal und versuchte, meine Gedanken wenigstens ein bisschen zu ordnen. Dabei überschwemmten mich die Erinnerungen an unseren gemeinsamen Marsch auf der Donauinsel - an dem herrlichen Tag, an dem wir uns kennenlernten. Wir waren nachher leider nie wieder hierher zurückgekehrt, irgendwie hatte sich die Gelegenheit dazu nicht mehr ergeben. Ich bedauerte es jetzt und dachte an die glückliche Zeit zurück, als wir im herbstlichen Sonnenschein mit vor Freude und Aufregung pochenden Herzen dahinschlenderten. Ich hatte ihr damals vorgeschlagen, dass wir anstelle der Exkursion rein privat, nur wir zwei, zu den südböhmischen Schlössern reisten. Sie meinte, sie hätte keine Lust, dort Birgit oder ihren Professor zu treffen. Dann hatte ich die Idee, wir könnten stattdessen nach Prag fahren, das läge auch in Tschechien und wäre mindestens genauso interessant. Natürlich hatte sie mein Ansinnen entschieden abgelehnt. Und natürlich fuhren wir mehrere Wochen später mit der Eisenbahn nach Prag und verbrachten dort einige wunderbare Tage miteinander.

Doch jetzt tränten meine Augen, mein Herz schlug in einem hastigen Rhythmus, und ohne Vorwarnung drehte sich mein Magen mehrmals um, obwohl ich wenig gegessen und fast keinen Alkohol getrunken hatte. Ich musste mich urplötzlich übergeben und beugte mich dabei weit über das Geländer. Was wäre, wenn ich dadurch das Übergewicht bekäme und hinab stürzte? Würde ich es bedauern oder gar begrüßen? Doch mein Instinkt hielt mich fest, bis sich mein Magen beruhigt hatte. Leider erleichterte es mich überhaupt nicht, als einzige Folge fühlte ich nur einen entsetzlichen Geschmack im Mund.

Anschließend ging ich mit langsameren Schritten weiter, bis ich mich über der Mitte des Hauptstromes befand und dort erneut stehen blieb. Ich starrte auf das vom Halbmond nur wenig erhellte, düstere Glitzern des auf mich zuströmenden Wassers, das dann schließlich unter mir und der Brücke nach hinten verschwand. Aus der Ferne kam der Fluss wie die Erinnerung aus der Vergangenheit. Wo er mich erreichte, strömte er unter mir weg, und ich konnte seinen weiteren Verlauf nicht verfolgen, so als flösse er in eine unbestimmbare Zukunft, oder auch einfach nirgendwo hin. Meine Vergangenheit schien ebenso ins Nichts zu fließen, meine Erinnerungen hatten die Zukunft verloren.

Wenn Susi wenigstens gestorben wäre, vielleicht durch einen fürchterlichen Unfall. Dann hätte ich sie zwar auch endgültig verloren, aber ich könnte meine wunderbaren Erinnerungen an sie bis an mein Lebensende voller Liebe pflegen. Doch jetzt hatte ich sie genauso für immer verloren, und das auf eine so hässliche Art, mein letzter Blick auf sie war von grauenhaftem Entsetzen geprägt. Sie hatte nicht nur unser Zusammensein und unsere Liebe zerstört, sondern auch meine Erinnerungen. Ich hatte sie nie kontrolliert, stattdessen ihr immer grenzenloses Vertrauen entgegengebracht. Doch wer weiß, wie oft sie es missbraucht hatte! Im Nachhinein fragte ich mich jetzt, warum sie wirklich weiterhin bei Birgit wohnen wollte und nicht auf Dauer zu mir gezogen war. War es tatsächlich nur wegen der Nähe zur Uni, oder weil sich Birgit die Wohnung nicht weiter alleine leisten hätte können, wie sie mir immer wieder erklärt hatte? Wer weiß, was der wahre Grund war?

Plötzlich läutete mein Handy, das ich in der Sakkotasche nebst Geld und Schlüssel eingesteckt hatte, mit seinem grauenhaft unpassenden, fröhlichen Klingelton. Vermutlich war es Mike, der wissen wollte, wo ich denn steckte, und ob ich wieder zurück zu seiner Verlobungsparty käme, oder es war auch jemand anderer, etwa mein Vater, der mich vielleicht bitten wollte, das Telefon an Mikes Eltern weiter zu reichen, damit er sich bei ihnen persönlich für seine Abwesenheit entschuldigen konnte. Eine weitere Möglichkeit, wer mich in meinem Schmerz anrufen könnte, verdrängte ich sofort, noch bevor mir die Idee dazu durch den Kopf ging, daran versuchte ich schon gar nicht zu denken! Ich wollte mit überhaupt niemandem sprechen, leider hatte ich vorher nicht bedacht, das Handy auszuschalten! Mit einer Verwünschung nahm ich es aus der Tasche, ohne dabei auf die Anzeige zu achten, und schleuderte es aus einer plötzlichen Laune heraus weit nach vorne in den Fluss hinein. Das Display beleuchtete die Flugbahn wie der Funke einer Sternschnuppe, und nachdem es in die dunkle Oberfläche des Stroms eingetaucht war, schien es sogar für kurze Zeit unter Wasser weiter. Ich sah noch, wie das Handy beim langsamen Versinken wieder auf mich zutrieb, bis das Licht plötzlich verzischte. So schnell ging also das Verlöschen! Sollte ich nicht am besten auch gleich hinterher springen? Das Versinken erfolgte doch sehr rasch, ich hatte es soeben beobachtet! Ich würde tiefer und tiefer fallen, das Wasser erreichen und dann noch tiefer sinken. Das Einzige, was mich letztlich daran hinderte, war, dass ich ihr diesen Triumph nicht gönnte. Nein, sie konnte mich nicht vernichten! Sie sollte wissen, dass ich weiter lebte und weiter litt! Ihr schlechtes Gewissen sollte nicht in einem einzigen kurzen Moment zufriedengestellt werden, sondern sie sollte ihr Leben lang daran denken müssen, dass es mich immer noch gab, als auch in ferner Zukunft noch lebender Augenzeuge ihrer ungeheuerlichen Tat, als sie die Liebe ermordete!

Auf irgendwelchen Wegen gelangte ich zum Riesenrad, das seinen Betrieb in dieser Nacht natürlich schon eingestellt hatte. Erst vor wenigen Tagen, als uns die Sonne erstmals in diesem Jahr einen wirklich warmen Tag bescherte, war ich mit Susi im Prater gewesen. Wir fuhren mit der Achterbahn und tasteten uns Hand in Hand durch das Spiegelkabinett, wo sie vor Vergnügen quietschte. Sie hatte also doch Spaß mit mir gehabt! Oder war alles nur gespielt? Ich ließ sie sodann Autodrom fahren. Ich selbst mochte das nicht, sondern blieb am Rand stehen und sah ihr voller Liebe zu, wie sie sich geradezu kindlich daran erfreute. Ihre flatternden Haare sah ich jetzt noch vor mir dahinwehen. Später kauften wir uns Popcorn und Cola und beobachteten die kleinen Kinder, wie sie mit leuchtenden Augen auf den Pferdchen und Autos eines Ringelspiels saßen. Zuletzt, als es schon dämmerte, fuhren wir noch eine Runde mit dem Riesenrad, betrachteten dabei die Stadt, in der die ersten Lichter angingen, und küssten uns.

Schnell suchte ich mir ein Gebüsch am Wegrand, ich musste mich schon wieder übergeben. Der Unterschied zwischen den Erinnerungen und der Gegenwart zerstörte mich auch körperlich, von der hoffnungslosen Zukunft ganz zu schweigen. Ich sollte mich besser von den Plätzen fernhalten, wo alles in mir hochkam – was durchaus im wörtlichen Sinn zu verstehen war!

Aber ich lenkte meine Schritte nicht bewusst, vielleicht sabotierte mein Unterbewusstsein sogar meinen Willen und führte mich erst recht an die Stellen, die ich eigentlich vermeiden wollte. Jedenfalls gelangte ich zum Schwedenplatz, wo ich sie damals zu einem kleinen Mittagessen eingeladen hatte. Auf der bewussten Bank waren wir später noch öfters gesessen, einige Male hatten wir dabei sogar wieder Würstel gegessen. Ob ich mich jetzt auch kurz hinsetzen sollte? Ich blieb jedoch standhaft und schaffte es, zügig daran vorbeizugehen. Mein Magen drehte sich erneut, aber es kam nichts mehr hoch, vermutlich war ich bereits völlig entleert. Ich war überhaupt leer, in jeder Hinsicht, nicht nur im Magen, die Schwärze des Nichts breitete sich in meinem ganzen Körper aus, vor allem in meinem Geist. Ob sich Tote ähnlich fühlten?

Das nächtliche Wien wirkte wie ausgestorben. Entweder war außer mir tatsächlich kaum jemand unterwegs, oder ich bemerkte bloß niemanden bei meinem blinden Dahintaumeln. In der Gegend des Praters waren mir allerdings einige aufreizend bekleidete Damen aufgefallen, die auf ein spätes Einkommen hofften. Wir ignorierten uns gegenseitig. Frauen gleich welcher Art waren so ziemlich das Letzte, das ich momentan brauchen konnte. In einem Anfall von Bosheit meinte ich sogar, dass ich damit den Ort entdeckt hätte, an den auch Susi hingehörte. Einige Male musste ich Betrunkenen ausweichen und entwickelte eine große Abscheu gegen sie, da ich ja soeben erfahren hatte müssen, welches Unglück übermäßiger Alkoholgenuss über die Menschen bringen konnte. In der Innenstadt klapperten die Pferdehufe eines späten Fiakers vorüber, der Touristen transportierte, die sicher Unsummen dafür hatten ausgeben müssen. Aber meist fühlte ich mich völlig alleine, und das begrüßte ich sehr. Jegliche Gesellschaft wäre mir äußerst unwillkommen gewesen.

Bald kam ich am Stephansdom vorbei und prüfte bewusst nicht, ob er geöffnet war, ich hätte ihn sowieso nicht betreten wollen. Vor etwa zwei Wochen hatten wir ihn zuletzt besucht. Susi hatte gemeint, dass es doch schön wäre, in einer richtig gotischen Kirche zu heiraten, es müsste nicht unbedingt der Stephansdom sein. Sie hatte zwar nicht konkret von uns gesprochen, aber die Anspielung war überdeutlich. Leider hatte ich darauf überhaupt nicht reagiert, weder zustimmend noch ablehnend, sondern hatte schnell das Thema gewechselt. Die Zeit war damals zu schön gewesen, um irgendeine Veränderung auch nur in Betracht zu ziehen, selbst eine zu einer noch engeren Beziehung. Wahrscheinlich war dies ein Fehler, ich hätte wenigstens mit ihr darüber reden sollen! Vielleicht wäre dann alles anders gekommen, aber jetzt war es endgültig zu spät, um weiter darüber zu grübeln!