grün, tot, weiß - Anja Goerz - E-Book

grün, tot, weiß E-Book

Anja Goerz

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Beschreibung

Am Fuß der Hummerklippen wird der erfolgreiche Krimiautor Christian Gröger ermordet aufgefunden, der sich für die Recherche zu seinem neuen Buch auf Helgoland aufhielt. Bei ihren Ermittlungen stoßen die nach einem Burnout frisch in den Dienst zurückgekehrte Hauptkommissarin Herma Bahnsen und ihr junger Kollege Jan Tesdorp bald auf ein unfertiges Manuskript, das brisanter nicht sein könnte: Darin enthüllt Gröger die dunklen Machenschaften einflussreicher Helgoländer - von Korruption bis Schmuggel. Plötzlich steht die ganze Insel unter Mordverdacht.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Niemann & Goerz

grün, tot, weiß

Herma und Jan ermitteln

Zum Buch

Totgeschrieben Aufruhr auf Helgoland: Der berühmte Krimiautor Christian Gröger wird tot am Fuß der Hummerklippen gefunden. Der Pinneberger Oberkommissar Jan Tesdorp und die erfahrene Hauptkommissarin Herma Bahnsen aus dem Kommissariat Flensburg werden auf die Insel geschickt, um den Mord zu untersuchen. Bald stoßen die beiden auf ein brisantes Manuskript, das Gröger hinterlassen hat: Schonungslos enthüllt es, als Krimistoff verarbeitet, brisante politische und ökonomische Verstrickungen einiger Insulaner. Dieses Thema interessiert auch die Presse. So reist die selbstbewusste Journalistin Barbara Vella auf die Insel, die sich nicht nur für ihre Recherchen, sondern sehr bald auch für Jan Tesdorp interessiert. Je tiefer Jan und Herma graben, desto klarer wird, dass die Protagonisten des Romans mit den Inselbewohnern mehr als nur Gemeinsamkeiten aufweisen. Klar ist auch, dass die Vorbilder der Romanfiguren viel zu verlieren haben, sollten ihre Geheimnisse ans Licht gelangen.

Eric Niemann ist in Lübeck geboren und lebt in Hamburg. Er ist Schulleiter, schreibt neben Hörspielen – u.a. für die Serien »Sherlock Holmes – Die neuen Fälle«, »Pater Brown« und Ivar Leon Mengers »Die schwarze Stadt« – auch Theaterstücke und ist Autor der »Jerry Cotton«-Reihe. Zusammen mit Anette Strohmeyer hat er den zeitgeschichtlichen Krimi »Chinatown Hamburg« veröffentlicht, ebenfalls bei Gmeiner.

Anja Goerz ist gebürtige Nordfriesin und lebt nahe der dänischen Grenze. Sie hat Romane, Sachbücher und Kriminalromane geschrieben. Außerdem moderiert sie bei Bremen Zwei von Radio Bremen die Sendung »Der Morgen«. Krimifans kennen sie zudem aus Podcast-Formaten wie »Echte Verbrechen« und »Die Zeichen des Todes« mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos.

Impressum

Nach einer Audible Original Produktion

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung von: © Illustration Lutz Eberle unter Verwendung eines Fotos von © Iurii Buriak / iStock.com

ISBN 978-3-7349-3528-2

Kapitel 1

Eine Einbrecherfalle würde er als Erstes bauen.

Oder vielleicht das neue Buch von den Drei Fragezeichen lesen, das seine Oma ihm für das gute Zeugnis geschenkt hatte.

Am allerbesten wäre es vielleicht, den Strand erst mal auf Treibgut abzusuchen, bevor die ganzen Sommergäste eintrudelten.

Jonny war überwältigt von der Vorstellung, sechs Wochen ganz für sich zu haben. Ohne Schule und ohne Hausaufgaben!

Sechs Wochen, das waren 42 Tage. Für die Stunden hatte er seinen Taschenrechner gebraucht, aber eigentlich war das auch egal. Was zählte, war die Aussicht auf unendliche Sommertage und auf Abenteuer.

Noch dazu hatte seine Mutter ihm 20 Euro zusätzliches Taschengeld versprochen, weil sie in diesem Sommer nicht verreisen würden. Ein Vermögen.

Seine Mutter verdiente als Kassiererin nicht besonders viel, deshalb wollte sie noch ein wenig sparen und dann im nächsten Jahr vielleicht mit ihm nach London fliegen. Er hatte sich so gewünscht, einmal zu sehen, wo Sherlock Holmes gelebt hatte. Sein bester Kumpel Boy, der in seine Klasse ging, hatte erzählt, dass es sogar ein Museum des Meisterdetektivs gab und dass man den Spuren von Holmes und Dr. Watson durch London folgen konnte.

Vielleicht nächstes Jahr.

Dieses Jahr war er allein auf der Insel, denn alle seine Freunde waren verreist. Sogar Boy, der ein perfekter Dr. Watson war, verbrachte die nächsten Wochen bei seiner Oma auf dem Festland.

Für Jonny war die Insel Helgoland ein einziger Abenteuerspielplatz und er konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als die ganzen Sommerferien auf der Insel zu verbringen.

Mit Ausnahme einer Reise nach London natürlich.

Hier auf Helgoland hatte er die Nordsee, dazu noch ein Schwimmbad mit einem Sprungturm, die Hummerfischer, die ihn manchmal morgens mit aufs Meer nahmen, seinen Detektivkasten, den er zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und seine Sammlung mit Fingerabdrücken. Er konnte jetzt Fingerabdrücke nehmen wie ein echter Kommissar.

Es gab in dem Kasten eine Anleitung dafür, wie man Phantombilder erstellen konnte, sogar ein kleines Set aus Metallstiften war dabei, mit dem man angeblich Schlösser knacken konnte. Jetzt würde er endlich Zeit haben, damit zu üben.

Jonny würde es jedem Verbrecher unmöglich machen, ungeschoren davonzukommen.

Natürlich gab es die Inselpolizei. Aber den Chef, Bastian, den sah er ziemlich oft unten am Hafen bei den Hummerbuden rumhängen und Kaffee trinken. Der hatte doch keine Ahnung, wie ein echter Detektiv so arbeitete!

Bastian hatte ihm auch erzählt, dass auf Helgoland schon seit Jahren kein richtiges Verbrechen mehr begangen worden sei.

Jonny hingegen war sich sicher, dass Bastian kein guter Polizist war und die Verbrechen einfach nicht entdeckt hatte.

Aber heute musste der Detektivkasten noch im Schrank bleiben, denn er durfte Hein Aiken besuchen. Der alte Kapitän fuhr mit einem der Seebäderschiffe jeden Tag von Cuxhaven nach Helgoland und zurück, und heute wollte er Jonny die Brücke zeigen.

Wenn die letzten Touristen vom Schiff mit den Börtebooten auf die Insel gebracht worden waren, dann würde Jonny zur Atlantis gefahren werden. Hein hatte auch versprochen, ihm heute den mächtigen Maschinenraum zu zeigen.

So stand Jonny also ungeduldig am Anleger im Winterhafen und wartete auf das Börteboot.

Ein Neunjähriger, der in den kommenden sechs Wochen mehr Abenteuer erleben würde als andere in ihrem ganzen Leben. Wenn die Ferien schon mit einer Schiffsbesichtigung anfingen, dann musste es einfach toll werden.

Birger Paulsen legte mit ordentlich Schwung an und ließ die Passagiere aussteigen. Dann winkte er Jonny zu. »Los, komm, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«

Jonny rannte den Anleger hinunter und sprang in das Boot, das veritabel zu schaukeln begann.

»Kannst es wohl kaum erwarten, aufs Schiff zu kommen«, sagte Paulsen lachend.

Jonny nickte, hockte sich in den Bug des offenen Bootes und sah hinüber zur Atlantis, die majestätisch in der leichten Dünung schaukelte.

»Ich kann dich ja verstehen. Mir hat der alte Hein auch das Schiff gezeigt, als ich so ’n kleiner Steppke war wie du. Hab ich auch nie wieder vergessen, wie das war. Auf der Brücke, all die Knöppe und Schalter. Doll.«

Paulsen hatte den Bug seines Bootes inzwischen in Richtung See gebracht und gab Gas. Das Börteboot zog so mächtig an, dass Jonny fast auf den Rücken gefallen wäre.

»Hool di man gud fast, miin Djong«, schrie Paulsen gegen die Wellen und den Wind an.

Jonny klammerte sich an die Seitenwände und spürte ein aufregendes Gluckern im Bauch, wenn das Boot in die Höhe gehoben wurde, um gleich darauf mit einem satten Klatschen im nächsten Wellental zu landen.

Es roch nach Meer und seine Lippen schmeckten salzig. Einzelne Tropfen Meerwasser trafen ihn im Gesicht, und nach kürzester Zeit konnte er durch seine Brille kaum noch etwas sehen. Er nahm sie ab und steckte sie in die Brusttasche seiner Latzhose.

Die Fahrt zur Atlantis dauerte nur wenige Minuten. Steuerbords war der Ausstieg des großen Schiffes noch geöffnet. Als Birger Paulsen sein Boot längsseits brachte, konnte Jonny zwei muskulöse Männer sehen, die ihm links und rechts vom Ausstieg eine Hand reichten, um ihn auf das Schiff zu ziehen. Fühlte sich fast an wie fliegen.

Jonny kannte die Männer, es waren Festmacher der Reederei. Sie mussten das Schiff sicher vertäuen und den Gästen beim Aussteigen in die Boote helfen. Die beiden, die von den Börtebootfahrern nur »die beiden« genannt wurden, waren Jonny ein bisschen unheimlich. Sie hatten jetzt Pause, während sich die Touristen auf der Insel mit steuerfreien Waren eindeckten oder einmal rundherum marschierten. Zur Langen Anna wollten immer alle, und auch zum Lummenfelsen. Dann saßen sie in den Cafés herum oder ließen sich von den Möwen die Pommes aus den Händen klauen, bevor sie wieder zurück aufs Schiff gingen.

»Na, Paulsen, hast du denn auch was Schönes für uns mitgebracht? Gilt dein Angebot noch?«, wollte einer der beiden wissen, und auch der andere sah Birger Paulsen erwartungsvoll an.

»Moment.« Paulsen wandte sich an Jonny. »Lauf hoch, mein Junge. Der Käpten ist auf der Brücke. Weißt du, wie du da hinkommst?«

Jonny nickte. Er zog seine Brille wieder aus der Tasche, putzte sie, so gut es ging, mit einem Zipfel seines T-Shirts und rannte los.

Er nahm Stufe um Stufe, so schnell er konnte, bis er schließlich, außer Atem, an Steuerbord vor der Metalltür der Brücke stand.

Käpten Hein Aiken öffnete dem Jungen die Tür. »Dann komm mal rein in die gute Stube«, sagte Hein. »Sprichst du auch Helgoländisch?«

Jonny nickte. »Wir lernen das jetzt in der Inselschule. Meine Mutter sagt aber, dass das eine tote Sprache ist, weil die niemand mehr richtig versteht.«

Wenn Aiken grinste, dann konnte man seine gelben Zähne sehen. Mama sagte, das passiert, wenn man sich nie die Zähne putzt und viel Pfeife raucht. Hein roch auch immer ein bisschen nach Tabak. Und nach Fisch. Er wirkte durch seinen dicken Bauch und seinen grauen Bart ein wenig wie ein sehr alter Obelix.

Jonny ließ seinen Blick über die Armaturen und technischen Geräte wandern, die in der Brücke aufgereiht waren.

»Bes ’e kloor tu en Törn med de Skep?«, wollte Aiken wissen.

Jonny sah den Kapitän fragend an.

»Bist du bereit für einen Törn mit dem Schiff?«, wiederholte Obelix.

Jonny wusste, was er darauf zu antworten hatte. »Aye, aye, Käpten«, rief er.

Nachdem Aiken den wissbegierigen Jonny ausführlich über Navigation, Nautik und Klabautermänner ins Bild gesetzt hatte, stiegen die beiden die Treppen zum Maschinenraum hinunter. Auf dem Weg dorthin durchquerten sie den Blauen Salon, der wegen seiner blauen Polstermöbel so hieß.

In einer Ecke des Restaurants saß ein Mann und starrte gedankenverloren auf den Bildschirm seines Laptops.

Jonny blieb abrupt stehen. »Wer ist das denn?«

»Hast du nicht von dem Schriftsteller gehört, der auf der Insel ist?«

Jonny schüttelte den Kopf. »Was macht er hier?«

»Sacht, er kann hier gut denken. Hauptsache, er schreibt keinen Quatschkram über das Schiff.« Aiken grinste. »Uuder oawer de Koptain.« Aiken lachte schallend und deutete mit dem Finger auf den Schriftsteller. »Fährt wohl einfach gerne mit der alten Atlantis.«

»So wie ich«, sagte Jonny.

»Was?« Auf Aikens Stirn vertieften sich die Falten. »Ich dachte, du heuerst als Moses bei mir an, und dann bereisen wir die sieben Weltmeere.«

Jonny strahlte. »Wenn ich nicht mehr in die Schule muss, dann mach ich das sofort. Aber vielleicht will ich auch lieber Detektiv werden, so wie Sherlock Holmes. Da muss ich noch drüber nachdenken.«

Kapitel 2

Immer freundlich.

Weich und warm.

Augen, so voller Liebe und Vertrauen.

Hach.

Herma zuckte zusammen und schlug den Deckel ihres Laptops zu, als ihr Chef die Tür ihres Büros aufriss.

»Moin. So, dann … was wollte ich? Ach ja, Herma, es ist was passiert.« Hagen Schlenz stand in seinem schlecht sitzenden Anzug vor ihrem Schreibtisch. Die Ärmel reichten bis kurz vor die Fingerspitzen, dafür spannte der mittlere Knopf des Sakkos.

An der Hüfte oder ungefähr an der Stelle, an der andere eine Hüfte hatten, hielt ein ochsenblutroter Gürtel die Hose fest, die hinten an den Fersen immer leicht ausgefranst oder zumindest schmuddelig war, weil er beim Gehen auf den Saum trat. Optisch hatte sich Hagen in all den Jahren, die sie ihn nun kannte, nicht gerade zu seinem Vorteil entwickelt.

Irgendwie auch niedlich, dachte Herma. Sie tastete unter dem Schreibtisch nach ihrem Pulloversaum, um zu prüfen, ob der offene Knopf ihrer Jeans verdeckt war.

»Hier.« Hagen ließ eine dünne Papierakte auf ihren Schreibtisch fallen. Wischte sich danach die Handflächen an den Außenseiten der Oberschenkel ab, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wippte auf den Zehenspitzen.

Herma legte die Hände auf den Pappdeckel und schaute zu ihm auf. »Soll ich selber lesen oder willst du zusammenfassen?«

»Ein Toter. Also, da ist einer von der Klippe gefallen. Oder eben nicht gefallen, sondern gefallen worden. Digitale Akte liegt vor. Ich dachte nur, du hast ja ganz gern Papier, oder?«

Die Hände bewegten sich in die Hosentaschen, das Wippen wurde für einen Moment unterbrochen. Schlenz beugte sich etwas vor. »Ich muss da jemanden mit Fingerspitzengefühl hinschicken.«

»Hagen, ich les die Akte. Ist ja nicht so dick. Und dann komme ich bei dir im Büro vorbei und wir trinken einen Kaffee zusammen und besprechen das, okay?«

Hagen nickte und schenkte ihr sein schönstes Lächeln. Wenn er auch körperlich über etliche Defizite verfügte, seine Zähne waren in tadellosem Zustand. Mit diesem Lächeln hätte er so ziemlich alles an den Mann und die Frau gebracht. Er klatschte in die Hände, murmelte ein »Ja dann« und hatte auch schon wieder die Türklinke in der Hand. Columbo-mäßig drehte er sich im Türrahmen noch einmal um. »Ist übrigens Kreis Pinneberg, sagte ich das schon?«

»Aber da sind wir aus Flensburg doch gar nicht zuständig.«

»Wohl wahr. Aber die Kollegen pfeifen personell aus dem letzten Loch. Demo am Wochenende in Neumünster, Grippewelle, das Übliche. Die brauchen grad alle verfügbaren Kräfte.« Noch mal eine Zahnpastawerbung. »Deshalb leihe ich dich aus.«

Herma klappte das Notebook wieder auf. Zu früh. Denn Hagen war immer noch nicht fertig. Manchmal war sie kurz davor, die Geduld zu verlieren. Bisher hatte sie in all den Jahren die Macken ihres Chefs ertragen. Fast jedenfalls. Aber ein Burn-out hatte ja mehrere Ursachen, also zumindest bei ihr, und ein stets unentschlossener Chef, der Probleme damit hatte, klare Ansagen zu machen, trug sicherlich einen Teil zu ihrem Krankheitsbild bei.

»Der Tote ist ein Promi, deswegen, also eine gewisse Sensibilität darf ich doch wohl …«

»Schon gut«, unterbrach sie ihn. »Ich guck mir das an.«

Hagen nickte und verschwand endlich aus ihrem Büro.

Herma schloss die Homepage des Tierheims, das Hundebabys abzugeben hatte, schob das Laptop zur Seite und öffnete die Umlaufmappe mit den Unterlagen zum Fall.

Darin lagen nur wenige Papiere, ein Foto und eine ausgedruckte Landkarte von Google.

Auf dem ersten Blatt befand sich der Lebenslauf des Opfers, auf einen gelben Klebezettel hatte jemand handschriftlich den Namen Christian Gröger unterstrichen und »Promi« daneben geschrieben.

Der Name des Toten sagte ihr nichts.

Auf dem zweiten Zettel, einer ausgedruckten Mail, war die erste Einschätzung eines Arztes bezüglich der Todesursache formuliert worden. Doktor Matthias Liek hatte bestätigt, dass der Körper auf dem Strand leblos aufgefunden worden war. Todesursache nach Ansicht des praktischen Arztes war der Sturz von der Klippe und die dadurch entstandenen Verletzungen.

Hermas Telefon klingelte.

»Hagen, ich brauch noch einen Moment.«

»Ja, den kriegst du ja auch. Ich hatte nur gerade einen Anruf. Die Leiche wird jetzt zu weiteren Untersuchungen nach Pinneberg überführt, ist schon im Flieger. Da ist einer von den Kollegen nach Helgoland rübergeflogen und hat sie selbst abgeholt.«

»Wieso denn Helgoland? Hattest du nicht gesagt Pinneberg?«

»Ja, aber der Tote war zu Besuch auf Helgoland. Ferien, Grippewelle und die Demo, du weißt schon. Ist das ein Problem? Kannst du nicht weg?«

»Doch, doch.«

»Du bekommst natürlich Unterstützung. Ruf den Kollegen Jan Tesdorp an, der soll die Soko in Pinneberg leiten und kann dir alles sagen, was du wissen musst. Seine Kontaktdaten müssten mit in der Mappe sein, die ich dir gegeben habe.«

Hagen räusperte sich. »Von deiner Pause wissen die Kollegen in Pinneberg natürlich nichts. Muss ja auch nicht sein. Die wollten eine erfahrene Ermittlerin, die bist du ja.«

»Was ist das für ein Kollege, mit dem ich da ein Team bilden soll?« Herma ahnte Böses. »Müsste ich den kennen?«

»Äh. Ich denke nicht. Junger Mann, angeblich ein Ass im Job. Sein Chef ist begeistert. Er braucht aber einen Partner, also Partnerin jetzt. Die Pinneberger sind grad nicht so gut ausgestattet personell. Hab ich schon gesagt, oder? Natürlich habt ihr auch die Soko im Rücken, ich glaube, zwei, drei Leute haben die zusätzlich für den Fall abgestellt, die bleiben aber in Pinneberg.«

Hagen legte auf, ohne sich zu verabschieden. Auch so eine unsympathische Marotte.

Helgoland? Da war sie noch nie gewesen. Natürlich hatte sie gehört, dass Kollegen zum zollfreien Einkaufen mal eine Tagestour dorthin gemacht hatten, aber hier in Flensburg war für Ausflüge auf dem Wasser das Butterschiff nach Dänemark die erste Wahl.

Herma tippte den Namen der Insel in die Suchmaske ihres Computers ein und erhielt umgehend Hinweise zu den schönsten Hotels und Ferienwohnungen.

Bei Wikipedia stand, dass auf der Nordseeinsel 1.400 bis 1.500 Einwohner lebten und dass die Insel 1721 durch eine Sturmflut auseinandergebrochen war und seitdem die als Düne bezeichnete Nebeninsel existierte.

In den Nachrichtenmeldungen der Regionalzeitung wurde über die Entschärfung einer 50-Kilo-Bombe, Seehunde und die Lange Anna, einen Felsen, berichtet. Und Herma las, dass sie ihr Fahrrad nicht mitnehmen konnte. Radfahren war auf der Insel verboten, außer für die dortigen Polizisten und für kleine Kinder.

Helgoland also.

Ihre Mutter würde sich schön bedanken, wenn sie schon wieder wegfuhr. Wenn es nach der ginge, müsste sie sowieso viel öfter nach Niebüll kommen, um sie zu besuchen. Aber wenn sie dann zusammensaßen, sagte ihre Mutter meistens kaum etwas, sondern warf ihr nur vor, dass sie sich nicht gut genug um sie kümmerte. Die sollte froh sein, dass Herma überhaupt wieder damit begonnen hatte, mit ihr zu sprechen. Aber darüber, wie eine Mutter sein sollte, würden sie nie einer Meinung sein.

Wie es für Herma aussah, hatten die beiden Chefs sich überlegt, dass der junge Kollege aus Pinneberg so etwas wie eine Mutter brauchte, um sich bei den Ermittlungen nicht zu vergaloppieren. Nur eine Vermutung, aber sie machte diesen Job ja nicht erst seit gestern.

Nach all den kleinen Schreibtischjobs jetzt also wieder an die Ermittlungsfront. Herma erlaubte sich einen Moment des Zweifels, bevor sie sich innerlich aufrichtete.

Natürlich war sie wieder fit genug.

Die Geschichte mit der Müdigkeit hatte sie dank der Tabletten ganz gut im Griff und auch sonst fühlte sie sich an den meisten Tagen für das Leben gewappnet. Mit gewissenhafter Vorbereitung wäre es gar kein Problem, für einige Zeit zu verreisen.

Herma blätterte die Akte weiter durch, aber außer ein paar eher unscharfen Bildern und einem Verzeichnis von Ferienwohnungen war der Pappdeckel leer.

Herma hatte leichte Kopfschmerzen. Eigentlich müsste sie sich entspannen. Mit Hundewelpen. Oder Walgesängen.

Dann seufzte sie und griff nach dem Telefonhörer.

Kapitel 3

Ein hässlicher gelbbrauner Waschbetonbau, zwei Stockwerke hoch, braune Kunststofffenster und im hinteren Bereich ein lang gestreckter Flachdachschlauch als Übergang zur Druckerei.

Barbara Vella, 29 Jahre alt und die meiste Zeit ihres Berufslebens Reporterin beim Dithmarscher Boten, wunderte sich wieder einmal darüber, dass ihr diese Architektursünde in Heide nach all den Jahren immer noch unangenehm auffiel.

Sie grüßte die Frau am Empfang, die sich äußerst reserviert ihr gegenüber verhielt, seit sie das Wollknäuel, das die Dame gelegentlich mit zur Arbeit brachte, als »Pralinenhündchen« bezeichnet hatte.

Sie nahm die Post mit und öffnete mit ihrem Transponder den Zugang zu den Redaktionsräumen.

Gegenüber der Eingangstür lag der Konferenzraum. Deshalb konnten durch die Glastüren jetzt alle Anwesenden sehen, dass sie wieder mal zu spät war.

Barbara trat in den Konferenzraum und nickte ihrem Chefredakteur zu, der gerade dabei war, einen Volontär wegen irgendeiner Geschichte im Wochenendmagazin so richtig rundzumachen.

»… kein Blatt, in dem man sich durch Investigativrecherche seine Sporen verdient. Haben wir uns da verstanden, Sportsfreund?«

Der Angesprochene, ein dürres Kerlchen, inzwischen knallrot, nickte schweigend und senkte den Blick.

Barbara meinte sich zu erinnern, dass der Volontär Tim hieß. Oder Tom?

»Ah, Madame gibt uns die Ehre. Schön, dass du auch noch kommst.« Chefredakteur Dieter Kock hatte die unangenehme Angewohnheit, lautlos mit den Fingern zu schnipsen, wenn er kurz vor dem Ausflippen war. So wie jetzt.

»Morgen«, sagte Barbara und lächelte in die Runde. Sie fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die langen dunklen Locken, ließ sich auf den einzigen freien Stuhl in der zweiten Reihe gleiten und suchte in ihrer Handtasche nach dem Lippenstift und ihrem Handspiegel.

Kock blickte schwer atmend in die Gesichter der Anwesenden. »So. Noch Anmerkungen zum Magazin?«

Niemand würde es wagen, anderer Meinung zu sein, wenn der Chefredakteur in dieser Stimmung war.

»Gut, dann zur heutigen Ausgabe!« Kock griff nach einer aktuellen Zeitung, die mittig auf dem Konferenztisch lag. Hektisch faltete er das Blatt auseinander, warf den Mantelteil auf den Tisch zurück und hielt das zweite Buch mit dem Lokalteil nach oben. Dann tippte er mit seinem dicken Zeigefinger auf die Schlagzeile. »Ist das euer Ernst?« Er knüllte die Zeitung zusammen und warf sie nach der Redakteurin, die für Lokales in Heide zuständig war. »Beate! Ich glaube es nicht.« Kock fuchtelte mit den Händen herum. »Die Kohlregentin war ein Mann? Das ist also diese total irre Geschichte, an der du seit Wochen herumrecherchierst? Ich glaub, ich spinne. Mensch, Beate, du machst den Job doch nicht erst seit gestern.«

Die Angesprochene – Beate Wilhelm, eine quadratisch gebaute Endvierzigerin – richtete sich auf und holte Luft.

Kock griff ein, bevor sie etwas sagen konnte. »Vergiss es.« Er unterstrich seine Aussage mit einer abfälligen Handbewegung. »Ich will deine Laberei gar nicht hören. Mensch, ein Mal mitdenken, ist das denn so schwer?« Auf der Stirn des Chefredakteurs hatten sich feine Schweißperlen gebildet. Er schnaufte und ließ sich schließlich auf seinen Stuhl fallen, stützte sich auf die Ellenbogen, legte die Hände vor die Augen und schüttelte den Kopf.

Michael, der neue Kollege aus dem Feuilleton, schlug die Beine übereinander und ergriff das Wort. »Auf unsere neue Serie zu den besten Köchen aus der Region gibt es schon wahnsinnig viele Leserreaktionen. Da würde sich möglicherweise auch ein kleiner Bildband rechnen.«

Kock saß immer noch mit den Händen vor Augen da.

»Unser Ulf hat ja auch schon wirklich außerordentliche Fotos geschossen bei den Terminen. Also wenn man da nicht Appetit bekommt, dann weiß ich es auch nicht.«

Abrupt stand Kock auf, ging zwei Schritte Richtung Tür, überlegte es sich dann anders und lehnte sich gegen die Wand. »Danke, Michael. Dann machen wir die Geschichten nicht nur im Magazin, sondern auch zweimal in der Woche regional. Sprich dich mit den Zuständigen ab, damit du den Aktuellen keinen Platz wegnimmst.« Er schaute in die Runde. »Was noch?«

Wie immer nach so einem Ausbruch traute sich niemand, etwas zu sagen.

Und wie immer nach so einem Ausbruch wurde Kock danach sehr sanft und fast schon unheimlich ruhig im Tonfall. »Wenn wir das mit den Abonnenten nicht bald in den Griff bekommen, dann machen die uns eine Lokalausgabe dicht, das ist euch schon bewusst, oder? Dann kann Büsum auf jeden Fall einpacken. Mindestens zwei von euch dürfen dann demnächst für eins dieser ekelhaften Anzeigenblätter schreiben.« Kock ließ seinen Blick über die betretenen Gesichter schweifen und blieb bei Barbara hängen. »An was bist du dran, Vella?«

»Hip-Hop-Meisterschaft in Meldorf, eine Schülerin hat gute Chancen auf den EM-Titel, da machen wir ein schönes Porträt.«

»Du da.« Kock zeigte auf den zittrigen Volontär. »Das übernimmst du. Hol dir die Infos in der Redaktion. Und ich möchte die Geschichte sehen, bevor sie in den Druck geht, klar?«

Der Kleine wurde wieder rot, diesmal wohl vor Freude.

»Heide bastelt sich die neuen Arbeitslosenzahlen zurecht, und diesen Beschiss mit dem Bürgermeister habt ihr auch noch auf dem Zettel, oder?«

Die Lokalredakteurin nickte. »Ja, wir haben inzwischen eine Quelle, die bestätigt, dass der das Erlebnisbad im Wahlkampf nur versprochen hat, weil er wusste, dass er dann bei der Stichwahl die entscheidenden Stimmen holt. Im Suff soll er zugegeben haben, dass die Stadt dafür sowieso nie das nötige Geld gehabt hätte. Finden die Wähler bestimmt nicht uninteressant.«

»Vella, für dich habe ich eine andere Geschichte.« Kock tippte auf die Titelseite der Zeitung. »Hast du das gesehen, Barbara?« Er deutete auf den kleinen Kasten mit den Kurzmeldungen. »Diese Geschichte auf Helgoland?«

»Ja, ja. Korruption, eine Baufirma und ein Skandal. Ach komm, Chef. Ich schlaf gleich ein. Kennst du eine öffentliche Ausschreibung, bei der nicht ein bisschen geschummelt wird? Die wollten in der Mantelredaktion einfach mal wieder was über Helgoland schreiben.«

»Du kümmerst dich darum. Wenn nichts dran ist, dann kannst du meinetwegen morgen wieder kleinen Mädchen beim Tanzen zugucken.«

Barbara ärgerte sich. Wenn ihr heute früh der blöde Kaffeefilter nicht umgekippt wäre und sie den Dreck nicht noch hätte wegmachen müssen, dann wäre sie pünktlich hier gewesen. Dann hätte der Chefredakteur sie nicht dazu aufgefordert, ein totes Pferd zu satteln.

Sie wollte doch einfach nur ihre Ruhe haben.

Kapitel 4

Jan zappte sich durch das holländische Fernsehprogramm. Auch nicht besser als zu Hause.

Eigentlich war ihm auch gar nicht nach zweidimensionalen Bildern. Er wollte etwas Echtes.

Er wusch sich die Hände an dem kleinen Becken an der Wand des Zimmers und machte mithilfe von Haargel so etwas wie eine Frisur aus seinem gewellten Schopf. Knotete dann den Binder ab und probierte, ob es lässiger aussah, wenn er zwei oder drei Hemdknöpfe offen ließ. Entschied sich schließlich anders und band die Krawatte wieder zu einem perfekten Windsor-Knoten.

Jan nahm einen kräftigen Schluck von dem Dosenbier, das er aus einem Automaten in der Lobby des schäbigen Hotels gezogen hatte. Er besprühte sich mit Creed Aventus und strich sich noch einmal mit der Hand durch die Haare.

»Hey, Siri, schreib Parfüm auf meine Einkaufsliste.«

Das mit dem Dreitagebart war keine gute Idee gewesen, der musste auf jeden Fall wieder weg.

Morgen würde er schon wieder in seinem Büro sitzen und sich mit den Autodiebstählen am Wilhelmpark, der Einbruchserie in der Neubausiedlung und dem pädophilen Serienmörder beschäftigen, der sich nach Ablauf seiner Sicherungsverwahrung Pinneberg als Wohnort ausgesucht hatte.

Die Arbeit war gut. Er hatte zwar wenig Freizeit, aber das war ihm gerade recht.

»Siri, zeig mir Vergnügungsviertel in Amsterdam.«

»Ich konnte keine Orte zu Vergnügungsviertel finden.«

Jan schaute auf sein Handy, tippte in der Websuche seine Frage ein und klickte sich durch die Angebote, bis er fand, was er gesucht hatte. Dann legte er den Finger auf einen Link und wählte die Routenbeschreibung für Fußgänger.

Er warf sich sein Sakko über, schob das Handy in die Innentasche, kontrollierte, ob er ein Taschentuch eingesteckt hatte und ob sein Portemonnaie sicher verstaut war. Aus der Innentasche fingerte er einen Streifen Kaugummi, den er sich in den Mund schob. Dann trat Jan vor die Zimmertür und schloss ab.

Er war zum zweiten Mal in Amsterdam. Beim ersten Mal, als er zu einer Fortbildung in der Stadt war, hatte ein Kollege ihn nach einem langen Abend in der Hotelbar überredet, mitzukommen. »Professionelles Vergnügen« hatte der es genannt.

Jan hatte in dieser Nacht die Kontrolle verloren. Das durfte sich nicht wiederholen.

Jan ging zügig die Straßen entlang, überquerte eine Gracht und bog schließlich in das Amüsierviertel der holländischen Hauptstadt ein.

Er brauchte heute kein Basecap und keinen hochgestellten Kragen. Seine Augen konnten sich auf das für ihn Wesentliche konzentrieren und mussten nicht die Umgebung nach Personen absuchen, die ihn möglicherweise erkennen könnten.

In den Schaufenstern posierten Frauen in Unterwäsche, die mehr zeigte als verbarg.

»Come to me, sweetheart«, rief ihm ein Living Doll zu. »English, deutsch?«

»English«, sagte er.

»I am Mia. I can see that you are young, but an experienced man«, begann sie und leckte sich mit der Zunge über ihre Lippen.

»No talk«, entgegnete Jan. »How much?«

»I like men who know what they want. I can see that in you.«

Als er sich anschickte zu gehen, sagte sie: »Fifty.«

Jan folgte Mia eine schmale Holzstiege hinauf. Er war unsicher, spürte eine leichte Übelkeit, vielleicht auch nur Unbehaglichkeit. Aber es war nach allem, was passiert war, doch wirklich klüger, für einen Abend zu bezahlen, wenn er dadurch nichts riskierte.

Nie wieder wollte Jan sich in der Situation wiederfinden, aus der sein Vorgesetzter ihn vor einigen Jahren herausgeholt hatte. Das hätte fast das Ende seiner Laufbahn bei der Polizei bedeutet. Eine Nacht mit einer Frau, die kein gutes Ende genommen hatte.

Bis er ganz genau herausgefunden hätte, was damals passiert war, würde er auf Nummer sicher gehen. Bisher war da immer noch ein großes schwarzes Loch in seinen Erinnerungen.

Das Zimmer wurde von einem Kingsize-Bett dominiert. In einer Ecke des Raumes stand ein voluminöser Strauß Plastikblumen, in der anderen hing eine Lederschaukel von der Decke herab.

Mia sah ihn lasziv an und zeigte auf eine Tür am Ende des Raumes. »Shower first, please.«

Jans Handy klingelte.

Kapitel 5

Der Geruch schnürte ihr den Hals zu.

Jedes Mal nahm Herma sich vor, die Zimtbonbons, die immer in der Mittelkonsole ihres Wagens lagen, einzustecken. Jedes Mal war sie dann aber auf dem Parkplatz des Pflege- und Altenheims so damit beschäftigt, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen, dass sie die Bonbons vergaß und doch wieder diese Duftmischung aus zerkochtem Gemüse, ungewaschenen alten Menschen und saurer Milch einatmen musste.

Die Tür zum Zimmer ihrer Mutter stand sperrangelweit offen. Der Rollator war nicht da, also sparte sie es sich, im winzigen Bad nachzusehen, und ging gleich zurück ins Erdgeschoss. Immer Richtung Kohldunst.

Nach dem Mittagessen trafen sich die Bewohner des Pflegeheims, wenn sie denn dazu in der Lage waren, hier zum Kartenspielen oder zum Würfeln.

Donnerstagnachmittags kam eine Jugendgruppe ins Altenheim. Herma hatte sich fremdgeschämt, als sie Zeugin wurde, wie eine überambitionierte 15-Jährige die Gruppe zum Malen mit Fingerfarben aufgefordert hatte.

»Ihr werdet sehen, das tut so gut. Lasst euren Gefühlen freien Lauf,« hatte sie die alten Menschen zuckersüß zum Klecksen motiviert.

Seitdem besuchte sie ihre Mutter lieber dienstags, da gab es keine Gruppenangebote.

»Herma!«

»Hallo, Mama.«

»Du kommst aber spät heute.« Linke Bahnsen saß allein an einem Tisch, vor sich eine Illustrierte, die auf der Seite mit dem Kreuzworträtsel aufgeschlagen war. Ihre ganze Körperhaltung war ein einziger Vorwurf. »Mit Mittag sind wir jetzt schon fertig.«

»Mama, ich esse hier doch sowieso nie mit.« Allein der Gedanke an weiches Gemüse und labberige Fischstäbchen verursachte ihr Übelkeit.

»Aber du musst essen. Du achtest nicht gut genug auf dich. Erinnere dich daran, was der Arzt gesagt hat, als es dir so schlecht ging. Reichlich Erholungsphasen und gesundes Essen.«

Herma nickte den Frauen am Nachbartisch zu, die Kniffel spielten, setzte sich dann auf den Stuhl ihrer Mutter gegenüber und legte die Hände in den Schoß. Sie ekelte sich vor der schlecht abgewischten Tischplatte. »Mir geht es gut. Und dir? Was macht dein Rücken?«

»Ach, Kind. Der Rücken. Das wird wohl nichts mehr. Die Frau Doktor sagt, das ist eben das Alter.«

»Aber du hattest doch diese Salbe, hat die denn gar nicht geholfen?«

»Bist du neuerdings auch noch Medizinerin? Seit wann hilft denn schon eine Salbe?« Ihre Mutter griff nach Rätselheft und Kugelschreiber.

Natürlich, keine fünf Minuten hier und schon drehte sich wieder alles um das Leid ihrer Mutter. Noch nie hatte sie sich wirklich dafür interessiert, wie es ihrer Tochter ging. Welche Sorgen sie umtrieben, was oder wen sie liebte oder wovon sie träumte.

Nicht zum ersten Mal fragte Herma sich, warum sie eigentlich immer noch jede Woche herkam. Warum sie nicht dabei geblieben war, den Kontakt zu ihrer Mutter komplett einzustellen.

Frau Beier schielte zwar, aber Herma hatte trotzdem den Eindruck, dass sie die ganze Zeit zu ihnen herüberglotzte.

Außer dem Schütteln der Würfel im Plastikbecher am Nachbartisch, dem Ticken der Uhr an der weiß gekalkten Wand und dem Gemurmel ihrer Mutter, die sich selbst immer wieder die Begriffserklärungen ihres Rätsels vorsagte, war nichts zu hören.

»Bronson!«

»Bitte?«

»Amerikanischer Schauspieler, Bronson. Was du immer vor dich hinsprichst, Mama. Charles Bronson heißt der Mann. Spiel mir das Lied vom Tod? Kennst du den Film? Schreibt man B-R-O-N-S-O-N.«

»Ja, das könnte stimmen. Passt jedenfalls.«

»Mama, ich muss weg. Ein paar Tage, vielleicht eine Woche. Kann also sein, dass ich nächste Woche nicht kommen kann.«

Ihre Mutter legte den Kugelschreiber in ihre Zeitschrift und klappte das Heft zusammen. »Wie weg? Heißt das, du kommst nächste Woche nicht? Ist es dir schon wieder zu viel? Herma, du bist gerade einmal an einem einzigen Tag in der Woche hier und das auch nie besonders lange.«

»Ich werde nach Pinneberg abgeordnet.«

»Aber das geht doch nicht so einfach. Du hast doch deine schöne Wohnung in Flensburg. Wer kümmert sich denn da um alles? Hast du eine Nachbarin zum Blumengießen? Aber das hat dich ja noch nie interessiert, dass man auch Verpflichtungen eingeht, wenn man Eigentum hat. Da warst du immer schon so wie dein Vater.«

Jetzt war sich Herma sicher, dass die Würfeldamen ganz genau beobachteten, was an diesem Tisch passierte. Der Becher jedenfalls wurde schon seit gefühlten Minuten am Nebentisch geschüttelt, ohne dass die Würfel fielen.

»Das kann ich mir nicht aussuchen, Mama. Die Kollegen in Pinneberg brauchen Hilfe für eine Sonderkommission, und dann wird das an oberster Stelle entschieden. Da kann ich nicht einfach sagen, das mache ich nicht.«

»Aber du hast eine kranke Mutter, um die du dich kümmern musst.«

Diesen traurigen Blick kannte Herma zur Genüge. Trotz allem hatte sie nicht gelernt, ihn zu ignorieren.

»Ich hab dir schon immer gesagt, Kriminalpolizei ist nicht das Richtige für eine Frau. Es ist kein Wunder, dass du so krank geworden bist. Aber du hast dir ja noch nie etwas vorschreiben lassen.«

Herma konzentrierte sich darauf, gleichmäßig zu atmen. Sie dachte an all die schönen Dinge in ihrem Leben. Das neue Boxspringbett, den Abend mit diesem Verwaltungsfachangestellten neulich, den sie in der Hotelbar getroffen hatte, den neuen Imbiss im Haus gegenüber ihrer Wohnung. Und sie erinnerte sich selbst daran, wohin es sie gebracht hatte, als sie sich zu sehr um ihre Mutter gekümmert hatte. Bevor die Erinnerungen an das, was sie verloren hatte, zu schmerzhaft wurden, versuchte sie ein Lächeln, obwohl Linke ohnehin nur auf ihr Rätsel schaute. »Du bist hier doch sehr gut versorgt.« Herma legte ihre Hand auf die ihrer Mutter. »Von Pinneberg bis Niebüll bin ich auch nur gut zwei Stunden unterwegs.«

Dass man von Niebüll bis Helgoland mindestens eine Tagesreise einplanen musste, behielt sie wohl besser erst einmal für sich. »Wenn also wirklich mal etwas ist, dann rufst du mich einfach an.«

»Du gehst ja nie ans Telefon. Dieser moderne Schnickschnack mit diesen Telefonen zum Mitnehmen. Als wir früher jemanden sprechen wollen, da haben wir das über einen Apparat zu Hause gemacht, dazu setzte man sich hin und dann gab es eine richtige Unterhaltung. Wenn ich dich mal erreiche, dann hast du es ja immer fürchterlich eilig und musst gleich wieder auflegen.«

»Hör bitte damit auf.« Herma bemühte sich, leise zu sprechen.

Die Damen am Nachbartisch machten immer noch keine Anstalten, ihr Spiel fortzusetzen.

»Das machst du immer.« Herma biss sich innen auf die Wangen, die Hände legte sie wieder in den Schoß. »Jedes Mal, wenn ich dich besuche, machst du mir Vorwürfe. Willst du jetzt auch wieder damit anfangen, dass ich doch lieber Fotolaborantin hätte bleiben sollen? Hier in Niebüll wohnen, einen Landwirt heiraten, Kinder kriegen, dich zu Hause pflegen?« Herma tastete in ihrer Hosentasche nach den Tabletten.

»Was wäre denn so schlecht daran? In einer richtigen Familie kümmert man sich umeinander.«

»So wie du dich um mich gekümmert hast damals? So wie Papa sich um dich gekümmert hat?«

»Herma! Nun sprich doch leiser.«

Zu spät.

Frau Beier und Frau Christiansen hatten ihre Spielsachen bereits zusammengeräumt und kamen jetzt auf ihren Tisch zu.

»Herma, das ist aber nett, dass du mal wieder da bist.« Frau Beier machte Anstalten, sich zu ihnen zu setzen.

»Moin, Frau Beier. Frau Christiansen.«

»Herma hat heute gar nicht so viel Zeit, sie ist ja so beschäftigt. Kaum ist sie wieder im Kommissariat zurück bei der Arbeit, da muss sie auch schon die kompliziertesten Fälle lösen.« Linke gab sich Mühe, so etwas wie Stolz auf ihre Tochter zu simulieren.

»Wirklich? Und bist du denn immer noch nicht wieder verheiratet, Herma? Du hast ja so schön abgenommen, gut siehst du aus.« Frau Christiansen tätschelte Hermas Schulter und zog sich einen Stuhl vom Nebentisch heran. »Wie alt bist du denn jetzt eigentlich?«

»Tut mir leid.« Herma schob den Stuhl zurück und bemühte sich, Frau Christiansen dabei nicht anzurempeln.

»Wie meine Mutter schon gesagt hat, ich muss jetzt wirklich gehen.«

Die Wange ihrer Mutter roch beim Abschiedskuss nach Oil of Olaz. Und nach schlimmen Erinnerungen.

Kapitel 6

Absurd, dachte Renate König, als sie das Angebot für Fischstäbchen über der Kühltheke sah. Warum sollte man sich gefrorene und panierte Fischreste kaufen, wenn es hier auf Helgoland jeden Tag frischen Fisch gab?

»Ach, hallo, Renate.«

»Hallo, Anni.« Renate deutete auf das Plakat mit dem Sonderpreis in Leuchtschrift. »Wenn man sich den Fischstäbchen-Kapitän auf dem Poster genauer anguckt, der hat schon ein bisschen Ähnlichkeit mit Birger Paulsen, findest du nicht? Gut, ein Börteboot ist kein Fischkutter, aber eine gewisse Ähnlichkeit ist schon vorhanden, finde ich.«

Anni lachte, nahm sich einen Beutel Erbsen aus der Kühlung und legte ihn in ihren Korb.

»Hast du unseren Pastor schon gefragt, ob das mit den Proben für unsere Karkfinken klappt?«

»Mach ich nachher. Ich war noch gar nicht in der Kirche heute, ich putz da ja immer nur freitags. Aber am Wochenende ist nur ein Taufgottesdienst am Sonntag, Samstag sollte die Kirche frei sein für den Chor.«

»Wunderbar.«

Anni nickte in Richtung Kasse. »Ich muss auch los.«

Renate nahm eine Packung Mehl aus dem Regal und ging neben Anni zur Kasse. »Ist denn so viel los bei dir im Geschäft?«

»Ach, weißt du, es wird ja jedes Jahr weniger mit den Touristen. Wenn man für ganz wenig Geld nach Mallorca fliegen kann, warum sollte man dann nach Helgoland kommen? Die Hummerbuden sind ja schon für sich eine Attraktion, da nimmt sich dann auch nicht jeder noch ein Stück Kunst mit nach Hause. Die meisten machen nur Fotos und gehen dann zollfrei ’ne Buddel Schnaps oder Parfüm kaufen. Aber ich bin ja froh, wenn ich etwas zu tun habe.«

»Zu dir kommen sie ja ganz sicher schon allein wegen deines alten Freundes. Bist ja eine der Letzten, die ihn noch gekannt hat.« Im Vorbeigehen griff Renate nach Keksen und Schokolade. »James Krüss kennt doch wirklich jeder.«

»Ach was, die meisten Kinder lesen doch gar nicht mehr.« Anni schüttelte den Kopf. »Mit all diesen Filmen und Computern, da nimmt doch keiner mehr ein Buch in die Hand. Das sehe ich auch bei meinen Enkeln. Hast du eigentlich schon diesen berühmten Schriftsteller gesehen, der auf der Düne wohnt?« Annis Augen leuchteten.

Renate schüttelte den Kopf. »Gesehen habe ich ihn noch nicht. Aber er soll ja mit einigen gesprochen haben, die nächste Geschichte wird wohl hier bei uns spielen, heißt es.«

»Da wollen wir lieber nicht wissen, was der gute Mann so alles über euch beiden Schnuckelchen schreiben wird.« Birger Paulsen hatte wirklich eine große Ähnlichkeit mit dem Mann auf den Fischstäbchenpackungen.

»Moin, Birger.« Anni sah in seinen Einkaufskorb. »Seit wann kaufst du denn Zigaretten?«

Birger ging nicht auf die Provokation ein und drängelte sich zwischen Anni und Renate, um als Erster an der Kasse zu stehen.

»Ihr habt doch nichts dagegen? Ich hab’s ’n büschen eilig, bin noch mit Andresen verabredet und eigentlich schon zu spät dran.«

»Was heckt ihr beide denn wieder aus?«

Anni nahm eine Schachtel Pfefferminzbonbons aus dem Regal vor der Kasse, und Renate begann damit, ihre Einkäufe auf das Laufband zu legen.