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Eine betrogene Frau steht rauchend auf dem Balkon und sinniert über ihre vergangene Beziehung. Ein verängstigtes Kind bittet um Hilfe und wird abgewiesen. Ein verbitterter Mann terrorisiert die lokalen Tageszeitungen mit wütenden Leserbriefen. Die menschlichsten aller Emotionen sind so tief in unserer Natur verankert, dass sie zu allen Zeiten, in allen Kulturen gleichermaßen vorkommen. Unsere Grundgefühle Verachtung, Ekel, Wut, Angst, Trauer, Überraschung und Freude bilden den Wesenskern des Menschseins. In vierzehn Kurzgeschichten wird das Leben gewöhnlicher Menschen erzählt, denen Ungewöhnliches widerfahren ist. Die Geschichten haben eines gemeinsam: Nichts ist so, wie es im ersten Moment scheint, denn alle sind Getriebene und Gefangene ihrer Grundgefühle.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Natalie Meleri
Impressum
© 2023 Natalie Meleri
Grundgefühle – 14 Kurzgeschichten
1. Auflage, September 2023
Alle Rechte vorbehalten
Natalie Meleri
c/o autorenglück.de
Franz-Mehring-Str. 15
01237 Dresden
Lektorat & Korrektorat: Astrid Töpfner, Lektorat Meerwoerter
Cover: Myriam Frisano
Buchsatz: Melanie Gurenko, Wolftribe Autorenservice
Das Werk, einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
ISBN der Taschenbuchausgabe:
978-3-757-90069-4
Hinweis
Einige der Kurzgeschichten behandeln negative Emotionen wie beispielsweise Trauer, Angst, Ekel oder Verachtung. Wer unangenehme Situationen durchlebt hat, die derartige Gefühle hervorrufen könnten, wird gebeten, die Geschichten mit Vorsicht zu genießen oder darauf zu verzichten.
Drei Uhr morgens
Die Welt ist dunkel. Die Welt ist still. Es ist drei Uhr morgens. Ich stehe in einem übergroßen T-Shirt barfuß auf dem Balkon und ziehe an meiner Zigarette. Wer jetzt glaubt, ich wäre gerade von meiner Nachtschicht oder einer wilden Party nach Hause gekommen und rauchte noch schnell eine zur Entspannung, bevor ich todmüde ins Bett fiele, täuscht sich. Ich habe meine Wohnung heute gar nicht verlassen. Es ist die Schlaflosigkeit, die mich mitten in der Nacht auf meinen Balkon treibt. Es ist kühl draußen, obwohl die Temperaturen tagsüber bereits kurz auf über zwanzig Grad geklettert sind. Eine schwache Bise streichelt meine Arme und Beine. Ich fröstle, lasse meinen Blick über die schlafende Nachbarschaft schweifen. Selbst die Grillen sind zu dieser Zeit stumm. Niemand ahnt meinen Schmerz. Niemand weiß, was du mir angetan, wie geringschätzig du mich behandelt hast. Die Zigarette in einer Hand haltend, spucke ich angewidert auf den Boden, als würden alle negativen Gefühle dadurch eliminiert.
In der Ferne bellt ein Hund, irgendwo ertönen die Sirenen eines Polizeiautos und unter mir fährt ein angetrunkener Fahrradfahrer in Schlangenlinien vorbei. Alles ist wie immer. Nur du bist nicht mehr da. Und wirst es auch nie mehr sein. Zu Recht! Ich ziehe heftiger an meiner Zigarette. Die Glut leuchtet rot auf. Sie ist die einzige Lichtquelle auf dem Balkon. So allein wie dieser rote Punkt fühle ich mich. Und allein du Scheißkerl hast das zu verantworten.
Meine Gedanken schweifen in die Vergangenheit ab, zurück zu unserer letzten Nacht, unserer letzten richtigen Nacht. Ich kann mich noch so gut daran erinnern, wie du mich im Arm gehalten hast. Wir lagen nackt im Bett, die Laken verschwitzt und zerwühlt. Du hast mich aufs Haar geküsst und in diesem Moment schien die Welt perfekt zu sein. An keinem Ort hätte ich lieber sein wollen als in dieser Wohnung. Obwohl sie klein und in die Jahre gekommen ist, haben wir sie zu unserem Zuhause gemacht. Sie war ein Ort der Geborgenheit. Oder vielleicht warst auch du mein Zuhause. Denn dir wäre ich überallhin gefolgt. In jener letzten Nacht schien alles möglich.
Natürlich gab es danach noch weitere Nächte, aber sie waren anders. Du hast dich langsam, aber stetig von mir entfernt. Ich war nicht gut genug – mal wieder. Ich erinnere mich noch genau daran, wie du plötzlich später nach Hause kamst. Wie dein Pullover nach einem unbekannten Parfüm roch, so als hättest du lange und intensiv eine fremde Person an dich gedrückt. Ich weiß noch, wie ich ins Bad ging, die Dusche anmachte und weinte. So lange, bis meine Augen ganz verquollen und die Wimperntusche verschmiert war. Ich hörte bereits die Stimme meiner Mutter: »War ja klar, dass du so einen Mann nicht halten kannst.« Mich zu unterstützen, war noch nie ihre Art gewesen. Das hob sie für meine Geschwister auf.
Als ich aus dem Bad kam und mich zu dir ins Bett legte, hast du nichts bemerkt. Oder wolltest du nichts bemerken? In diesem Moment realisierte ich, dass meine Tränen an dich Verschwendung sind. Es war das letzte Mal, dass ich um jemanden wie dich geweint habe. Eine Person, die mich so wenig respektiert wie ein Krimineller das Gesetz, hat meine Liebe und Wertschätzung nicht verdient.
Die Sirenen sind noch immer zu hören. Ich verbrenne mir fast die Finger an der heruntergeglühten Zigarette und drücke sie rasch im übervollen Aschenbecher aus, bevor ich mir auch schon eine neue anzünde. Zur Hölle mit meiner Gesundheit. Mein Leben ist so oder so ruiniert.
Mein Blick fällt auf das verblichene Foto unter dem Aschenbecher. Ich nehme es in die Hand und blase die Asche weg. Das Motiv ist kaum mehr zu erkennen, weil das Bild schon mehrere Male nass wurde. Dein Gesicht war jedoch schon davor unkenntlich – seit ich mit schwarzem Marker ein fettes X darüber gemalt habe. Deine gespielt glückliche Visage wollte ich mir nicht mehr antun. Das Bild ist ein Schnappschuss und zeigt uns zwei bei einem gemütlichen Picknick am See. Damals habe ich noch nichts geahnt. »Für immer«, hast du gesagt. »Ich kann mir ein Leben nur mit dir vorstellen.« Alles armselige Lügen. Ich war gut genug für eine Zeit lang. Nicht mehr und nicht weniger. Vor dir hatte es andere Dreckskerle gegeben, die die gleichen Versprechen gemacht und nicht gehalten haben. Doch ich würde lügen, wenn ich sagte, ich hätte nichts geahnt. Trotzdem tat es scheiße weh. Nur schon wenn ich daran denke, kommt mir wieder die Galle hoch.
Bei dir war es anders. Dir habe ich es geglaubt. Letztendlich bist aber auch du genauso wie sie: eine minderwertige Kreatur. Hast mich benutzt und dann achtlos weggeworfen, wie ein schmutziges Papiertaschentuch. Das ist die wohl größte Enttäuschung. Mein Herz war gebrochen, aber mir war klar: Du bist meine Tränen gewiss nicht mehr wert. Andere wären wütend gewesen, doch meinen Zorn hast du nicht verdient. Nach heute Nacht werde ich nicht einen Gedanken mehr an dich verschwenden. Du bist für mich gestorben.
Die Sirenen verstummen. Ich schließe meine Augen. Diese Ruhe brauche ich jetzt. Der Wind weht mein langes Haar zurück und ich lege den Kopf in den Nacken.
Ich sehe dein Gesicht vor mir. Wie du gelächelt hast, als ich ungläubig eine Pistole in der Hand hielt. Deine Pistole. Sie hatte in einer kleinen Box unter dem Bett gelegen. Nur zufällig habe ich sie gefunden.
»Keine Sorge, ich werde sie nicht gegen dich verwenden«, hast du gesagt und dieses Lächeln aufgesetzt, das mir so viel Sicherheit gab. Das sei ein Überbleibsel aus dem Militär.
»Dann hast du wenigstens keine Munition«, habe ich erleichtert geantwortet und die Pistole zurück in die Box gelegt.
»Vielleicht habe ich etwas mitgehen lassen. Man muss sich schließlich beschützen können«, hast du erwidert.
Ein Jahr später war es umgekehrt: Ich habe gelächelt und du ungläubig dreingeschaut, als ich den Lauf der Pistole auf dich gerichtet habe. Es war ein kaltes Lächeln, das meine Augen nie erreichte. Auch du hast meine Liebe nicht verdient, Dreckskerl. Ich wette, du hättest nicht damit gerechnet, dass ich es durchziehe. So wie ich scheinbar nichts durchziehen kann. Aber dieses Mal schon. Dieses eine Mal wollte ich es allen zeigen – ganz egal zu welchem Preis. Ein erbärmlicher Wurm wie du hat nicht das Recht, weiterzuleben.
Es klopft laut an meiner Tür, doch ich gehe nicht hin. Unter mir blinken die rotblauen Lichter der Polizeiautos.
»So schnell«, murmle ich und drücke meine Zigarette aus. Ich habe vieles falsch gemacht in meinem Leben, aber das hier war richtig. Ich habe es ordentlich zu Ende gebracht. Das war das letzte Mal, dass jemand so mit mir umgesprungen ist.
Ich höre, wie das Holz der Eingangstür splittert, und wenig später stürmen fünf schwerbewaffnete Polizisten in die Wohnung. 3 … 2 … 1 … Die Balkontür wird aufgerissen, ich werde an die Wand gedrückt und spüre den rauen Putz an meiner Wange. Einer der Polizisten legt mir Handschellen an. Dann schiebt er mich grob durch die Wohnung. Ich schaue mich nochmals um. So viel Glück und Leid an einem Ort vereint. Ein letztes Mal sehe ich die Pistole. Sie liegt auf dem Küchentisch. Einfach so. Neben Schlüsseln, Zeitungen und der Post. Man könnte fast meinen, sie gehörte dorthin. Die Schlafzimmertür ist fest verschlossen und das aus gutem Grund. Dorthin möchte ich nicht mehr zurückgehen. Nie mehr.
Gerade als mich der Polizist durch den Wohnungseingang zerrt, öffnet einer seiner Kollegen eben diese Tür.
»Er ist hier. Aber ich fürchte, wir sind zu spät«, ruft er einem dritten Beamten zu.
Dann bin ich im Treppenhaus und werde unsanft nach unten begleitet. Ich kann die fragenden Blicke der Nachbarn förmlich spüren. Doch niemand traut sich herauszukommen. Der Türspion muss reichen. Bevor ich in den Streifenwagen einsteige, werfe ich einen letzten Blick auf den Balkon im dritten Stock. Unseren Balkon. Ein verächtliches Lächeln gleitet über meine Lippen. Für immer und ewig, hast du gesagt. Hier hast du dein Für-immer-und-ewig, du egoistisches Arschloch.
Die Wanderung
Als der Wecker um sieben Uhr klingelt, ist es draußen noch düster. Ich weiß, dass ich sofort aufstehen sollte, trotzdem tippe ich auf den Schlummermodus und gönne mir acht weitere Minuten unter der warmen Decke. Ich habe eine unruhige Nacht hinter mir und fühle mich nicht erholt. Normalerweise schlafe ich fernab vom Lärm der Stadt immer wunderbar, doch diese Nacht wurde ich von wirren Träumen heimgesucht. Wie diese genau aussahen, kann ich bereits nicht mehr sagen. Was bleibt, ist das ungute Gefühl.
Beim zweiten Weckruf bin ich deshalb versucht, meine Gnadenfrist erneut zu verlängern, lasse es jedoch bleiben. Ich strecke einen Arm aus meinem kuscheligen Kokon, um die Temperatur zu überprüfen. Es ist noch immer kalt im Chalet, was nicht verwunderlich ist. Schließlich sind wir erst gestern Abend angekommen und zuvor lief die Heizung nicht. Mit einem tiefen Seufzer schlage ich die Decke zurück und setze mich auf die Bettkante. Meine nackten Füße berühren den kalten Holzboden. Rasch greife ich nach den dicken Wollsocken, die ich gestern in weiser Voraussicht neben das Bett gelegt habe. Fröstelnd gehe ich zur alten Kommode hinüber und schlüpfe in meinen wärmsten Pullover. Zu Hause in der Stadt trage ich ihn nie, aber wenn ich in die Berge fahre, ist er mein treuer Begleiter.
Mauro scheint den Wecker nicht gehört zu haben. Alles, was ich von ihm sehen kann, ist sein strubbeliger schwarzer Haarschopf. Ich stupse ihn sanft an und er gibt einen undefinierbaren Laut von sich.
»Aufstehen, du Schlafmütze! Ich gehe ins Bad«, sage ich und laufe über den knarzenden Boden zur Tür. Das einzige Licht im Schlafzimmer dringt durch die Ritzen der alten Fensterläden. Sie waren einst leuchtend rot, doch mittlerweile ist die Farbe fast komplett abgeblättert, wie mir gestern bei unserer Ankunft auffiel. Das Chalet versprüht viel Charme, obwohl es in den letzten Jahren sichtbar vernachlässigt wurde. Trotzdem ist mir innerlich kalt, als ich an den geschlossenen Zimmertüren durch den Korridor gehe, und dieses Mal liegt es nicht an der Raumtemperatur. Ein eisiger Schauer jagt mir über den Rücken, als ich unser altes Kinderschlafzimmer passiere. Ich weiß nicht, weshalb meine Familie aufgehört hat, hierherzukommen. Früher haben wir fast alle Ferien im Chalet verbracht. Ich fühle mich etwas unbehaglich, kann das Gefühl aber nicht richtig zuordnen. Seit wir angekommen sind, zerrt eine längst vergessene Erinnerung an mir, doch sie zeigt sich nicht.
Ich tapse durch die kleine Wohnküche mit dem Schwedenofen, den wir früher immer eingefeuert haben. Gestern ist dies weder mir noch Mauro gelungen. Vermutlich ist der Kamin seit Jahren nicht mehr gereinigt worden. Ich schließe die Tür des Badezimmers hinter mir und schalte das Licht an. Die Glühbirne im Spiegelschrank flackert heftig, und ich befürchte schon, dass sie den Geist aufgibt, als sie sich doch noch stabilisiert.
Aus dem angelaufenen Spiegel blickt mir mein müdes Gesicht entgegen. Die blonden Haare sind vom unruhigen Schlaf zerzaust. Ein erneuter Schauer überkommt mich, als ich mich in diesem alten Spiegel anschaue. Das Bild eines Mädchens, das sich weinend die Hände wäscht, bis sie wund sind, blitzt in meinen Gedanken auf. Mein Magen rumort unangenehm. Ich greife rasch nach meiner Bürste, um das Bild zu vertreiben. Einer Erinnerung oder nur ein Hirngespinst? Vielleicht hätte ich den Krimi, der in einer verlassenen Berghütte spielt, nicht mitnehmen sollen.
Als mir mein Haar gebändigt über die Schultern fällt, binde ich es zu einem Zopf zusammen. Danach drehe ich den Wasserhahn auf – gestern war das Wasser noch ganz braun, jetzt ist es klar und frisch – und wasche mich. Ich fühle mich plötzlich schmutzig und schrubbe mein Gesicht so fest, dass sich rote Flecken auf meiner Haut bilden. Danach verlasse ich schon fast fluchtartig das Bad, ohne mich nochmals anzusehen.
In der Küche greife ich nach einer verbeulten Pfanne, die über dem Herd an einem Haken hängt.
