GUARDIANS - Die Vergeltung - Caledonia Fan - E-Book

GUARDIANS - Die Vergeltung E-Book

Caledonia Fan

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Beschreibung

Ein Auftrag der Regierung führt die Guardians im Jahr 2027 in die Türkei. Was als simple Observierung einer Industrieanlage beginnt, entwickelt sich rasch zu einem gnadenlosen Wettlauf gegen die Zeit. Die Folgen des Einsatzes erschüttern das Team und die Bewohner von Darach Manor. Doch niemand ahnt, dass die wahre Gefahr noch draußen lauert. Das nervenzerreißende Finale der Guardians-Trilogie!

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Seitenzahl: 631

Veröffentlichungsjahr: 2025

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GUARDIANSBand 3- DIE VERGELTUNG -

GUARDIANSBand 3- Die Vergeltung - Caledonia Fan

Impressum

Copyright: Caledonia Fan

Jahr: Zweite Auflage 2025

ISBN: 9789403805399

Lektorat/ Korrektorat: Caledonia Fan

Coverfoto: Caledonia Fan

Covergestaltung: Caledonia Fan

Verlagsportal: Bookmundo

Kontakt: [email protected]

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Verfassers ist unzulässig.

Prolog

September 2027

Langsam schritt er an der Steinmauer entlang und ließ dabei seine Finger über die raue Struktur des Putzes gleiten. Ihre Höhe von zweieinhalb Metern verbot jeglichen Blick auf das Innere des alten, herrschaftlichen Anwesens.

Doch den benötigte er gar nicht. Konzentriert marschierte er durch das Gras, dessen leises Säuseln im Wind der nahezu einzige wahrzunehmende Klang war, den er in der Stille der Nacht hörte. Vorbei an den Schildern, die alle vier bis fünf Meter auftauchten und jeden Neugierigen warnten, dass das Grundstück besonders gesichert war und das Überklettern der Mauer Lebensgefahr bedeutete.

Er suchte eine bestimmte Stelle. Einen Platz, wo er sich niederlassen konnte, um sein Vorhaben auszuführen.

Als er glaubte, ihn gefunden zu haben, ließ er sich im Schneidersitz nieder, lehnte den Rücken an die Mauer und sammelte sich. Seine Atemzüge wurden tiefer und länger, sein Herzschlag langsamer. Unnachgiebig drängte er die Welt um sich herum aus seiner Wahrnehmung, indem er die Augen schloss und alles ausblendete, was die Umgebung an Reizen auf ihn einstürmen ließ. Als er völlige Ruhe in seinem Bewusstsein spürte, legte er beide Hände flach vor sich auf die Erde.

Ein Impuls durchlief den Boden. Ein zweiter und gleich darauf ein dritter. Es wurden immer mehr. Niemand würde die Wellen, die er auf diese Weise mit seinen Händen in die Erde sandte, wahrnehmen. Wie bei einem Tropfen, der ins stille Wasser fiel, breiteten sie sich ringförmig um ihn herum aus. Trafen sie auf Widerstand, warf dieser sie zurück zu ihm. Er schickte daraufhin einen kräftigeren Impuls. Kam auch dieser wieder, wiederholte er es so lange, bis eine Welle stark genug war, um das Hindernis zu durchdringen und weiterzulaufen.

Geduldig saß er da, mit den Händen auf der Erde, furchte konzentriert die Stirn und wartete auf die Rückkehr der ausgesandten Schwingungen. Nichts war zu hören außer dem flüsternden Wind. Er hatte keine Eile, niemand würde ihn hier vermuten oder zufällig vorbeikommen.

Jede der Wellen, die zurückkam, fand den Weg durch seine Hände in sein Nervensystem. Als winzige Stromschläge sprangen sie von einer Synapse zur nächsten, rasten weiter zum Rückenmark und sammelten sich in seinem Hirn. Dort angekommen, schufen sie ein Bild. Jedes Detail, auf das sie getroffen waren, nahm er als eine Veränderung in der Frequenz zwischen ausgesandter und zurückgekehrter Schwingung wahr und speicherte es ab in einer Grafik, die er in seinem Kopf erstellte. Von einem Punkt ausgehend begann eine Linie, konzentrische Kreise um diesen zu ziehen. Ähnlich wie auf einem der früher verwendeten Radarschirme entstand auf diese Weise in einem Segment des stetig wachsenden, kreisrunden Bildes in seinem Kopf ein geometrisches Konstrukt. Der leere, weiße Raum in seiner Vorstellung wurde bei einem wahrgenommenen Hindernis mit einer Veränderung der Linie deutlich gemacht. Sie wurde dünner, dann wieder stärker und setzte manchmal ganz aus. Ein Grundriss des Gebäudes, das sich hinter der Mauer befand, wurde sichtbar. Jede Wand, jedes Rohr, jeder Stein - alle Strukturen waren in diesem Moment erkennbar geworden. Ein unglaublich detailliertes, dreidimensionales Geflecht aus Licht und Schatten zeichnete das Bild der Realität nach, besser aufgelöst als mit jedem hochmodularen Scanner dieser Welt. Welle für Welle, Linie für Linie, Meter für Meter bis hin zur vollständigen Abbildung.

Als die ersten Wellen die hohe Mauer auf der anderen Seite des Anwesens erreichten und zurückkamen, lächelte er. Seine Aufgabe war erfüllt. Zufrieden nahm er die Hände vom Boden und öffnete - wie aus einer Trance erwachend - die Augen.

Ohne Eile erhob er sich und schritt an der Mauer entlang zurück, bis er das schmiedeeiserne Tor sehen konnte. Ab da schlich er durchs Unterholz weiter. Als er fast an der Einfahrt war, blieb er - im Gebüsch verborgen - einen Augenblick stehen, um nach seinem Spion Ausschau zu halten. Er hatte ihn vorhin an dieser Stelle zurückgelassen, sah ihn aber nirgends mehr. Offensichtlich war es ihm gelungen, durch das Tor zu schlüpfen, und er befand sich bereits auf dem Weg zum Gebäude. Oder man hatte ihn entdeckt und aus dem Verkehr gezogen.

Vorsichtig schob er sich weiter voran, quer durch das Unterholz, um nicht gesehen zu werden, bis er wieder an der Straße stand. Sich nach allen Seiten umschauend überquerte er sie und stieg in das Auto, das er ein paar Meter in den Forstweg hineingefahren und dort geparkt hatte. Er holte ein Datenpad unter dem Sitz hervor, tippte etwas ein und wartete einige Augenblicke. Dann huschte ein kaum wahrnehmbares Lächeln über seine schmalen Lippen. Der Spion hatte es tatsächlich geschafft und befand sich im Haus.

Zufrieden schaltete er das Pad ab und legte es weg. Dann startete er den schweren Geländewagen und fuhr rückwärts bis zur Straße. Kurz darauf war der schwarze Kombi verschwunden.

Als er einen Tag später wieder in dem flachen Gebäude ankam, das sein Chef als Rückzugsort gewählt hatte, begab er sich auf direktem Weg zu dessen Büro. Die beiden Männer in ölverschmutzter Arbeitskleidung, denen er unterwegs begegnete, senkten den Blick und wichen ihm aus.

Nachdem er die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, wandte er sich dem Computerterminal zu und betrachtete einen Moment lang forschend den HoloScreen. Dann legte er seine Handflächen auf die mit Gel gefüllten Pads rechts und links neben der mattschwarzen Konsole, die der Chef extra für ihn und seine Fähigkeit entwickelt hatte. Einmal tief durchatmend schloss er die Augen und begann.

So wie das Bild in seinem Kopf entstanden war, zerlegte es sich nun wieder. Der Kreis verkleinerte sich, Linie für Linie verschwand und wurde zurückverwandelt in einen Impuls. Einzeln ließ er die Wellen, die gestern den Boden durchlaufen hatten und zu ihm zurückgekehrt waren, über seine Nerven und Handflächen nun langsam in die beiden Pads hineinfließen. Wie das Rückwärts-Abspulen einer Videoaufnahme. Er musste den Bildschirm nicht anschauen, um zu sehen, wie das Programm sie erneut abbildete, ausgehend von dem winzigen Punkt in der Mitte der weißen Fläche. Kreisförmige Linien, die sich - einem Radar gleichend - mit jedem Umlauf erweiterten und dabei die perfekte Rundung ergaben. Das Bild zeigte regelmäßige und unregelmäßige Vierecke, aneinandergereiht und zusammengehörig. Der Gebäudegrundriss.

Er nahm die Hände von den Pads und öffnete die Augen. Ein, zwei Sekunden glitt sein Blick über das, was das Programm abgebildet hatte. Dann berührte er den HoloScreen am Rand der Zeichnung. Das Bild folgte der Bewegung seines Zeigefingers und aus dem flachen Grundriss wurde eine transparente, dreidimensionale Grafik. Das Gebäude entstand vor seinen Augen, allerdings waren nur das Erdgeschoss und der Keller deutlich erkennbar. Der erste Stock bestand lediglich aus verschwommenen, lückenhaften Linien und der zweite fehlte ganz. Ihn hatten seine Wellen nicht erreichen können. Doch das war auch nicht nötig.

Lange betrachtete er das Bild kritisch, zoomte durch Spreizen seiner Finger einzelne Areale größer, drehte und neigte es. Er war zufrieden mit dem Ergebnis und sein Chef würde es auch sein.

„Computer, Grafik speichern!“, knurrte er.

Ein leiser, melodischer Ton zeigte, dass die Eingabe eines Namens für die zu speichernde Datei erwartet wurde. Kurz zögerte er, dann tippte er Darach Manor in das Paneel und bestätigte.

Ein zweiter Ton verkündete, dass die Speicherung erfolgreich abgeschlossen war.

Teil 1

9. August 2027 - Darach Manor

Nachdem der Letzte hereingekommen und die Tür mit einem dumpfen Laut ins Schloss gefallen war, hob Sadik, der Chef der Guardians, den Blick von seinem Datenpad. Prüfend ließ er ihn über die Anwesenden wandern, während das Stühlerücken und Scharren der Füße langsam verstummte. Man hörte nur noch die Klimaanlage, die in den Räumen des altehrwürdigen englischen Landsitzes trotz des schwülen Sommernachmittags für angenehme Temperaturen sorgte. In der Ferne grummelte verhalten ein Gewitter.

Sieben Guardians hatten sich im Medienraum im ersten Stock versammelt. Sie und zwei weitere Männer saßen - mit Datenpads vor sich - rund um den wandelbaren Tisch und unterhielten sich.

Einer der beiden zusätzlich Anwesenden war sein älterer Bruder. Gaz gehörte nicht zu den aktiven Guardians, sondern zum Background-Team. Aber Sadik holte ihn meist zu den Einsatzbesprechungen dazu, denn Gaz‘ technisches Know-how und seine Erfindungen hatten schon oft dafür gesorgt, dass der Vorteil bei einem Einsatz auf ihrer Seite war. Deshalb saß er auch diesmal hier, wie immer hinten neben dem Fenster. Er hatte den Stuhl zurückgeschoben, um die Beine ausstrecken zu können, und wartete mit vor der Brust verschränkten Armen auf den Beginn des Meetings. Seine strähnigen Haare hingen ihm ins Gesicht. Die Narbe, die seine linke Wange zierte, wurde nur schlecht von ihnen verdeckt und gab ihm ein verwegenes Aussehen.

Sadik musterte ihn noch eine Weile grübelnd, dann warf er einen Blick auf seinen MFA. Das Gerät am Handgelenk, das ausgesprochen Multifunctional Assistant hieß, konnte mehr, als ein Smartphone in seinen besten Zeiten je gekonnt hatte. Aber jetzt brauchte er nur die Uhrzeit. Und es war fünf, Zeit, zu beginnen.

„Okay, wir fangen an“, meinte er und stieß sich von der Fensterbank ab. Noch immer hatte er sich nicht an das gewöhnt, was aus den Guardians geworden war. Bis vor ein paar Jahren war er einer von ihnen gewesen. Später dann der Einsatzleiter vor Ort und außerdem der Nahkampftrainer. Nach dem Tod des Gründers hatte er die Leitung der Organisation übernommen. Die Aufgabe forderte seine ganze Aufmerksamkeit und Zeit und deswegen hatte er sich aus dem aktiven Dienst zurückgezogen. In den letzten Jahren war die Gruppe stetig gewachsen. Begonnen hatte alles mit zwei Guardians: mit ihm und seinem Bruder Gaz. Heute waren es sechzehn und neue, junge Anwärter brannten nur darauf, die Prüfung abzulegen.

Seit sie als Spezialeinheit dem Britannischen Geheimdienst unterstellt und keine selbständige Organisation mehr waren, hatten sich sowohl ihr Einsatzgebiet als auch die Art ihrer Missionen erheblich verändert. Waren sie noch vor zehn Jahren lediglich hier im Norden Britanniens, dem Lake District und Northumberland unterwegs gewesen, führten ihre Aufträge sie heute an die verschiedensten Orte überall auf der Welt. Anfangs waren sie in einem Kleinbus zum jeweiligen Einsatzziel gebracht worden. Jetzt standen ihnen andere, hochmoderne Transportmittel zur Verfügung. Und sie genossen Privilegien. So wurde dem Team zum Beispiel an Ausrüstung gewährt, was immer er bei seinem Vorgesetzten orderte. Ihr Fuhrpark und das gesamte Sicherheitssystem des Hauptquartiers hier auf Darach Manor wurden von der Regierung finanziert. Am Flughafen Blackpool stand ihr Jet Tag und Nacht einsatzbereit, um es ihnen zu ermöglichen, weltweit mobil und vor allem schnell zu sein. Sie hatten sich einen Namen gemacht, denn ihre Truppe vereinte fähige Leute mit besonderen Gaben, die das erledigten, woran andere scheiterten.

Und gestern war ein neuer Auftrag eingegangen. Eine heikle Aufgabe, die ein perfekt zusammengestelltes Team erforderte. Er dachte immer sorgfältig darüber nach, wer für die jeweilige Mission in Frage kam. Bei seiner Auswahl spielten sowohl die Fähigkeit als auch die Persönlichkeit des Teammitglieds eine Rolle. Nach einer Nacht intensiven Brütens darüber, wer dazugehören sollte, hatten heute Morgen die Namen festgestanden.

„Ihr werdet eine Salzfarm in der Zentraltürkei observieren“, verkündete er seinen aufmerksamen Zuhörern. „Es wurden verdächtige Aktivitäten auf dem Gelände beobachtet. Obwohl nachts dort nicht gearbeitet wird, kam gegen Mitternacht ein Bus, der Leute gebracht hat. Sie sind in einem der Gebäude verschwunden. Andere haben es verlassen, sind in den Bus gestiegen und weggebracht worden. Außerdem fahren Lkws das Firmengelände an, die in absoluter Dunkelheit entladen werden.“

„Woher stammen die Infos?“, fragte La'ith.

Sadik wandte ihm den Blick zu. Sein ernster und wortkarger Stellvertreter unterbrach ihn nur selten.

„Der Bus wurde von einem Lkw-Fahrer beobachtet, der nachts unweit der Farm eine Panne hatte“, antwortete er ihm. „Der Mann informierte die Polizei, weil er an einen Einbruch glaubte. Als diese eintraf, wurde nichts Ungewöhnliches gefunden. Der Bus war weg. Danach hat man eine lichtgesteuerte Kamerafalle angebracht, die die Ankunft aller Lkws aufzeichnet, und hoffte so, nächtliche Transporte erfassen zu können. Was auch geschah, aber da die Polizei von Aksaray bis zum Salzsee eine Stunde benötigt, war bei deren Auftauchen keiner mehr da. Und um sich tagelang auf gut Glück auf die Lauer zu legen, war das Interesse der Behörden nicht groß genug. Das Einzige, was man herausfand, war, dass der Bus in wöchentlichem Abstand auftaucht und dass die Lkws zweimal im Monat kommen.“

Er schaltete den Hologramm-Projektor an und automatisch wurde der Raum verdunkelt. In der Mitte des Tisches, um den sich die Stühle gruppierten, erschien ein hell leuchtendes Quadrat. Es zeigte einen Kartenausschnitt, aus dem sich in diesem Moment die Landschaft als Relief erhob. Während sich das durchsichtige Hologramm langsam um die eigene Achse drehte, wuchsen an der Seite mit dem großen „O“ für Osten Hügel in die Höhe und auf der gegenüberliegenden fiel die Fläche sacht ab.

Von Norden kommend zog sich ein rotes Band quer durch das Areal bis nach Süden und trennte die Hügelkette von der abgesenkten Region.

Sadik hatte seinen Datenträger zur Hand genommen, um anhand der Notizen die Örtlichkeit zu beschreiben. „Zuerst die Geografie“, begann er. „Die Farm liegt im Landesinneren, direkt am östlichen Ufer des Tuz Gölü. Ein großer, flacher See, der jetzt im Sommer am Rand mit einer dicken Salzschicht bedeckt ist.“ Er tippte auf die abgeflachte Stelle, die sich bei seinen Worten mit himmelblauem Inhalt füllte, bis ihre Oberfläche wieder eben war und sich weiß färbte. „Keine Bäume oder Büsche in der Umgebung und damit minimale Chancen, Deckung zu finden. Die Vegetation ist mehr als dürftig. Spärliches Gras in Ufernähe, vereinzelt ein paar Binsen direkt am Wasser. Das Hochland hier im Westen ist kahl.“

Die darauffolgende Geste berührte versehentlich die Bergkette und ließ das Hologramm für einen winzigen Moment verzerrt flackern.

„Diese Straße zwischen Höhenzug und Salzsee“, hier wies er auf das rote Band, „ist vierspurig und verläuft an der Stelle nah am Ufer. Sie verbindet Adana an der Mittelmeerküste mit der Hauptstadt Ankara und ist damit eine der meistbefahrenen Nord-Süd-Trassen des Landes.“

Zwischen Straße und Seeufer schoben sich nun kleinere, lose gruppierte Gebäude aus der Grundfläche wie Pilze aus dem Boden.

„Und das ist die Farm“, fuhr Sadik fort. „Das Salz wird aus dem See gewonnen, gereinigt und veredelt. In diesen Hallen“, sein Zeigefinger tippte auf die drei größten Gebäude, „lagert es bis zur Abholung. Sonst ist im Umfeld nichts zu finden. Eine dünn besiedelte Gegend trotz der perfekten Verkehrsanbindung. Der Pannen-Lkw stand hier.“ Sein Finger wies auf eine Stelle südlich der Gebäude. „Gibt es Fragen bis hierher?“

Sein Blick wanderte über die konzentrierten Mienen vor ihm, während er seinen Zuhörern Zeit gab, die genannten Fakten zu ordnen und zu überdenken.

Ethan, im normalen Leben ein mäßig motivierter Physikstudent, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die trainierten Arme vor der breiten Brust. „Was denken denn unsere Brötchengeber, was da nachts abgeht in dieser Salzfarm?“, fragte der Dreiundzwanzigjährige mit hochgezogener Augenbraue. „Vermuten sie ein Spielcasino da drin? Ein Drogenlabor?“

Sadik kaute einen Moment auf der Unterlippe, bevor er antwortete, während seine Augen den Text auf dem Datenpad überflogen. Es gab nicht viel, was man ihnen an konkreten Fakten zur Verfügung gestellt hatte. Die Beziehungen Britanniens zur Türkei waren angespannt, seit der Mittelmeerstaat zusammen mit achtzehn anderen Mitgliedsländern des Vereinten Europa die Separation Schottlands unterstützt hatte. An Informationen aus diesem Land zu kommen, erwies sich seitdem als enorm schwierig.

Das war der Grund für den Geheimdienst gewesen, die Guardians auf die Sache anzusetzen. Man brauchte die Truppe, die vorwiegend aus Leuten bestand, die eine besondere Begabung hatten. Als Spezialkommando standen sie in dem Ruf, solche Aufträge schnell, diskret und sauber zu erledigen. Bei den Einsätzen ließ man ihnen für gewöhnlich freie Hand und wollte dafür zufriedenstellende Ergebnisse sehen. Wie sie erreicht wurden, interessierte die Auftraggeber in der Regel nicht.

Sadik hob vage die Schultern. „Die Leute, die dieser Bus gebracht hat, können dort gar nicht beschäftigt werden, weil die Arbeit ab achtzehn Uhr ruht. Die Transporter der Firma fahren nur tagsüber. Es gibt keine Salztransporte während der Nacht. Und weil die herbeigerufenen Polizisten niemanden auf dem Areal vorgefunden haben, obwohl der Fahrer des Pannen-Lkws den Bus gesehen hat, vermutet man irgendwelche unterirdischen Bauten. Satellitenscans konnten das aber nicht bestätigen. Was auch immer da nachts vor sich geht - es hat nichts mit dem Salzgewinn zu tun.“

„Dann vielleicht doch ein Drogenlabor?“

Die Frage war von einem Guardian mit rabenschwarzen Locken gekommen, dem man seine mittelamerikanische Abstammung ansah. Er hatte sich ebenfalls zurückgelehnt, seine Beine unter dem Tisch ausgestreckt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt.

„Oder man stellt Waffen her“, gab Sadik zurück. „Der türkische Zoll hat zwei dieser Nacht-Lkws angehalten. Die Überprüfung der Lieferungen durch die Autobahnpolizei ergab Computerequipment und metallisches Kleinmaterial. Doch die Frachtpapiere waren in Ordnung. Man musste die Lkws ziehen lassen. Nach einem unmittelbar darauf folgenden, anonymen Hinweis beim Zoll“, hier machte er eine bedeutungsvolle Pause, „hat dieser unter einem Vorwand die gesamte Salzfarm unangekündigt durchsucht, aber nichts gefunden. Ein normal laufender Betrieb mit normalen Angestellten. Der Eigner des Grundstückes ist ein unbeschriebenes Blatt. Einheimischer und ein bislang unbescholtener Unternehmer. Die Basis glaubt jedoch, dass er vielleicht mit der IS einen Terroranschlag auf britannischem Boden plant, da unser Land die beiden Flugzeugträger noch immer nicht aus dem östlichen Mittelmeerraum zurückgezogen hat. Es wäre also möglich, dass es unter der Farm ein Labor gibt, in dem chemische oder biologische Waffen entwickelt werden, und schon der Verdacht reicht aus, den Leuten da oben kalte Füße zu bescheren. Da schrillen alle Alarmsignale. Seit den letzten Anschlägen auf die Befürworter des Vereinten Europa in Mailand und London ist man misstrauisch gegenüber jedem und allem und sieht selbst in der kleinsten Fabrik gleich ein Biowaffenlabor.“ Sadik seufzte und fuhr sich durch das kurzgeschnittene Haar, das trotz seiner fünfunddreißig Jahre schon erste Grautöne zeigte.

„In Ordnung. So viel zur Information über das Objekt. Kommen wir zur Anreise. Ein schwieriges Unterfangen bei diesem Terrain.“ Seine Hand wies auf die virtuelle Landschaft auf dem Tisch.

Gaz lehnte sich nach vorn. Er stützte die Ellenbogen auf und musterte das Hologramm mit gerunzelter Stirn.

„Ihr braucht auf jeden Fall den Explorer“, murmelte er.

Sadik nickte. Der Desert-Explorer, wie er mit vollem Namen hieß, war ihr mobiler Stützpunkt, wenn ein Einsatz sie in den Nahen Osten führte. Von vier beweglichen Achsen angetrieben, meisterte der Dreißigtonner das schwierigste Terrain. Er verfügte über sieben Schlafplätze, hatte eine autarke Energie- und Wasserversorgung und war Kommandozentrale und Unterkunft gleichzeitig.

„Zeig mal einen anderen Maßstab“, forderte Gaz.

Sadik veränderte das angezeigte Gebiet im Kartenausschnitt auf dem Tisch. Der Salzsee schrumpfte, bis man ihn nicht mehr erkennen konnte. Dafür erschien ganz Kleinasien, Syrien und der östliche Teil des Mittelmeeres.

Gaz vergrößerte den syrischen Bereich mit einer lässigen Handbewegung. Sein Finger ließ das Bild erzittern, als er auf eine Hafenstadt weit im Osten der türkischen Mittelmeerküste tippte.

„Hier steht er“, meinte er. „Und wo brauchst du ihn?“

Sadik verschob die Karte wieder. Kleinasien rutschte erneut ins Zentrum und er zeigte auf einen rot leuchtenden Punkt in der Mitte des Landes.

„Wie weit ist es vom Standplatz bis zum Einsatzort?“, murmelte Gaz, während er sich gedankenverloren das Kinn rieb.

„Fast fünfhundert Kilometer liegen vor Zarif und seinem Baby“, war die prompte Antwort und eine grellgelb leuchtende Schnur zeichnete blitzschnell den Straßenverlauf zwischen der Hafenstadt und Sadiks rotem Punkt nach.

Gaz rechnete kurz und wiegte den Kopf. „Das könnte er in zehn Stunden schaffen. Reine Fahrzeit. Diesmal müssen wir ja keine Wartezeit an der Grenze einrechnen.“

Ethan stieß erleichtert den Atem aus. Seit sich das Land Syrien Islamischer Staat nannte und von der gleichnamigen Organisation regiert wurde, war dessen Grenze fast unüberwindbar, egal welches Fahrzeug man fuhr. Und der Explorer erregte immer Aufsehen. Doch sein Fahrer Zarif, ein gerissener und mit allen Wassern gewaschener Freund von Gaz, hatte schon mehrfach bewiesen, dass er Unmögliches möglich machte.

„Der Jet bringt uns nach Adana.“ An der gelben Linie erschien ein weiterer Punkt, nahe der türkischen Mittelmeerküste und der syrischen Grenze.

„Der Jet?“, fragte der Guardian mit den schwarzen Locken verwundert dazwischen. „Warum nicht der DEFIANT?“

„Weil der Hubschrauber bis dahin geschätzte zehn Mal tanken müsste, du Held!“

Die gemurmelte Antwort seines Sitznachbarn ließ ein Grinsen auf einzelnen Gesichtern der andern auftauchen.

Der Frager schien sich nicht daran zu stören. „Und wie lange brauchen wir dann noch vom Flughafen in Adana bis zum Zielort?“, wollte er missmutig wissen.

„Eine Dreiviertelstunde für die dreihundertvierzig Kilometer Luftlinie, Nelio.“ Sadik schickte einen bedeutungsvollen Blick zu dem Nörgler. „In Adana holt uns nämlich dein heißgeliebter Hubschrauber ab und bringt uns hin.“

Verstohlenes Aufatmen ging durch die Gruppe und er wusste, warum. Geschätzte vierhundert Kilometer im Explorer zu reisen grenzte an Folter und war geeignet, Teil der Guardian-Aufnahmeprüfung zu sein. Trotz der Klimaanlage, die das Monstrum besaß, fühlte man sich wie eingesperrt in dem Blechkasten.

„Zehn Stunden für Zarif also, wenn er gut durchkommt. Die Straße scheint ja weitestgehend eben zu sein.“ Gaz kratzte sich am Nacken und musterte das Gelände kritisch.

„Ja, müsste hinkommen“, bestätigte Sadik. Er fuhr sich erneut mit der Hand über das Haar.

„Und wo willst du unser Luxuswohnmobil dann hinstellen in dieser Einöde?“, wollte Ethan wissen. „Da ist meilenweit nichts, wo man es verstecken kann. Kein Baum, keine Felsgruppe, gar nichts. Und das Ding ist nicht gerade unauffällig.“

„Der DEFIANT und der Explorer treffen sich hier auf der Hochebene.“ Ein neuer Punkt erschien mitten in dem endlosen braunen Gebiet östlich vom Ziel. Sadik begründete seine Wahl nicht. Der Grund für die Abgeschiedenheit würde allen klar sein. Die Landung musste weitab von menschlichen Siedlungen erfolgen, denn obwohl er das derzeit leiseste Modell war, erregte der riesige mattschwarze Hubschrauber mit dem Doppelrotor genauso viel Aufsehen wie der Explorer. „Auf dieser Route kommt Zarif aus dem Süden von Adana“, fuhr er fort und tippte auf die rote Linie der Nord-Süd-Verbindung. Wieder erzitterte das Hologramm dabei. „Hier, ein paar Kilometer vor der Salzfarm, wird er die Autobahn verlassen und diesen Feldweg hinauffahren bis zum Treffpunkt auf der Hochebene. Dort oben dürfte er vor neugierigen Blicken sicher sein. Ihr könnt von da aus über Trampelpfade näher an den Zielort herankommen, ohne dass man euch entdeckt. Das Gelände ist kein Problem für den Explorer.“

Er sah, dass sich Ethan und Nelio, der nach dem Hubschrauber gefragt hatte, einen vielsagenden Blick zuwarfen und konnte ihn einordnen: Wer schon im Nahen Osten im Einsatz und dabei in diesem bulligen Vierachser unterwegs gewesen war, hatte erlebt, dass dieser tatsächlich fast jedes Terrain bravourös meisterte. Nur während der Fahrt drinnen zu sitzen, war etwas, was nicht alle ohne weiteres schafften. Man musste einen stabilen Magen haben und durfte nicht unter Seekrankheit leiden. Das hatte einigen schon schlimme Stunden beschert. Deswegen war man manchmal besser beraten zu Fuß nebenherzugehen, da sich der Dreißigtonner bei diesen Strecken sowieso im Schritttempo bewegte.

Während Ethan schadenfroh grinste, erschien auf Nelios Gesicht ein gequälter Ausdruck. Ihn wurmte es mächtig, dass er zu denen gehörte, die Probleme mit der Reise in dem Wüstenschiff hatten, wie sie den Desert-Explorer scherzhaft nannten.

„Die Details werden später festgelegt.“ Sadik winkte ab. „Lasst uns mal weiterlesen, damit wir das heute noch zu Ende bringen.“

Das Gemurmel, das sich rund um den großen Tisch erhoben hatte, verstummte wieder und die Köpfe wandten sich ihm erneut zu.

„Euer Auftrag lautet Observierung. Nichts sonst. Ihr beobachtet erstmal von außen und La'ith“, er richtete seinen Blick auf seinen Stellvertreter, „entscheidet vor Ort, ob und wann ihr reingeht.“ Kurz fuhr er sich mit dem Handrücken über die Stirn. Trotz der Klimaanlage war es warm im Zimmer und die elektronischen Geräte heizten es zusätzlich auf. „Das bedeutet: hinschleichen, umschauen, zurück. Schnell und lautlos. Keinerlei Aktionen, keine Begegnung mit den Arbeitern, kein Auslösen dieser Kamerafalle am Eingang.“ Sein Finger tippte auf die Zufahrt der Salzfarm. „Wir sind nie dort gewesen. Klar?“

Ein Blick in die Runde zeigte einstimmiges Nicken.

„Unser IT-Genie versucht wie immer, im Vorfeld so viel wie möglich über das Grundstück, die Gebäude, die Beschäftigten und selbstverständlich den Eigentümer herauszufinden“, fuhr Sadik fort und richtete seinen ernsten Blick auf ihren Computerspezialisten. „Ich will alles wissen, Senad. Jedes Detail.“

Senad nickte. Früher war der Bosnier selbst Guardian im Außendienst gewesen. Heute nahm er nicht mehr an Einsätzen teil. Die Zentrale der Organisation, ein Büro im zweiten Stock des Landsitzes, war rund um die Uhr besetzt und die Technik machte es möglich, ihn zu jeder Zeit zu kontaktieren. Senads Aufgabe war eine detaillierte Recherche im Vorfeld über das Zielobjekt, die Zielgruppe oder die Zielperson. Hatte er einmal damit begonnen, biss er sich daran fest wie ein Pitbull. Er fand alles heraus. Das Equipment, das ihm dabei zur Verfügung stand, war größtenteils vom Geheimdienst gestellt worden, dem daran lag, dass seine Spezialeinheit bestmöglich ausgerüstet war. Doch Sadik wusste, dass Senad vieles davon selbst entwickelt und mit Hilfe von Gaz gebaut hatte.

Er wandte den Blick wieder der Gruppe zu. Jetzt blieb nur noch eines zu tun und dann konnte er seine Leute für heute entlassen.

„Okay. Kommen wir zu den Teilnehmern. Das Wüstenschiff hat sieben Schlafplätze. Zarif als der Fahrer muss auf jeden Fall dabei sein und La'ith als Einsatzleiter ebenso.“ Er nickte seinem Stellvertreter zu. „Einer ist ständig auf Wache und braucht kein Bett, deshalb besteht das restliche Team aus euch sechs.“

Er musterte sie der Reihe nach. Da war zuerst Ethan, der träge auf seinem Stuhl wippte und das sandfarbene Basecap weit in den Nacken geschoben hatte, so dass das widerspenstige blonde Haar darunter hervorlugte. Ihn hatte er aufgrund seiner Fähigkeit, sich selbst aufzulösen und wieder zusammenzusetzen, gewählt. Das war bei einer Observierungsmission schon oft hilfreich gewesen. Türen und Riegel bildeten keine Hindernisse für den Guardian. Doch er galt als schwierig und es mangelte ihm an Teamgeist.

Neben ihm saß Jala, die schlanke, junge Frau mit den dunklen Augen und dem nachtschwarzen Haar. Ihre Gabe war genauso unverzichtbar. Als die Einzige unter den Guardians konnte sie Blitze erzeugen und anwenden. Mit Leichtigkeit knackte sie elektronische Schlösser, störte Kameraübertragungen oder legte ganze Gebäude stromtechnisch lahm.

Die Fähigkeiten der verbliebenen Guardians waren ebenfalls sehr hilfreich. Panos hörte wie ein Luchs und war der Scharfschütze des Teams. Bran beherrschte Telekinese. Nelio konnte sich unsichtbar machen. Jeder Guardian sprach zudem fast fließend Türkisch. Es war wichtig, dass man die Landessprache verstand, und das mindestens so gut wie ihr Fahrer, der Syrer Zarif.

Sadik erhob sich von dem Fensterbrett, auf dem er wieder gesessen hatte. „Noch Fragen?“

Da niemand mehr etwas wissen wollte, entließ er die Truppe mit einem Nicken. „Der Abreisetag steht noch nicht fest, könnte aber schon morgen sein, also macht euch abreisebereit!“, schickte er ihnen nach. Dann ließ er mit einem Tastendruck das Relief des Einsatzgebietes auf dem Tisch in sich zusammensinken und gleich darauf erlosch auch der Hologramm-Bildschirm.

Gaz blieb bis zuletzt im Medienraum und wartete auf ihn. Gemeinsam gingen sie die Treppe hinab und verließen den Landsitz durch das dicke Eichenportal. Ihre Wohnungen lagen im ehemaligen Kutscherhaus, einem der Nebengebäude.

Eine Weile liefen sie stumm entlang der gepflegten Hecke, die den Platz vor dem Haus und den Weg zum Wirtschaftshof begrenzte.

„Panos?“, fragte Gaz schließlich in das Schweigen hinein.

„Einwände?“

Sein Bruder brummte etwas in seinen Dreitagebart. „Ich denke, du wirst ihn wegen seiner Gabe und seiner Treffsicherheit mitnehmen, aber macht beides seine Einschränkung wett?“

Sadik verstand, was Gaz meinte. Panos war ein unerschrockener und trotzdem besonnener Guardian. Doch er hatte ein Handicap: Der neunzehnjährige Grieche sprach nicht. Schuld daran war ein schweres Trauma in seiner Kindheit. Kein Wort war seitdem aus seinem Mund gekommen.

Sadik erinnerte sich, wie der Junge vor vier Jahren an der Schule aufgenommen worden war und sofort beschlossen hatte ein Guardian zu werden. Seine Ausbildung und die anschließende Aufnahmeprüfung hatte er genauso wie alle anderen gemeistert. Zur Verständigung mit Freunden und Lehrern nutzte er sein winziges Datenpad, das er immer bei sich trug.

Doch Gaz schien zu wissen, dass das nicht der Grund war, warum er den dunkelhaarigen jungen Mann mit den sanften Augen in der Truppe dabeihaben wollte.

„Ich weiß, was du mit Panos planst“, verkündete Gaz in dem Moment, als hätte er die Gedanken erraten.

Sadik lachte leise. „Ist das so offensichtlich?“

„Verkauf mich nicht für dumm“, konterte Gaz und schob die Hände in die Hosentaschen. „Du willst den Jungen mit dem Explorer vertraut machen. Und für Zarif einen Nachfolger finden. Immerhin ist der alte Knabe fünfundsechzig.“

„Ja“, bestätigte Sadik. „Es wird Zeit, an eine Ablösung zu denken. Und ich glaube, Panos ist der Richtige dafür. Gavin meint das auch. Er lobt sein technisches Know-how in den höchsten Tönen.“

„Der muss es ja wissen.“ Gaz nickte zustimmend. „Aber das hat der Junge tatsächlich. Er und Autos sind zwei Dinge, die einfach zusammengehören. Wusstest du, dass er Fahrtraining bei Imara gemacht hat? Sie war begeistert von ihm.“

Sadik blieb stehen. „Wirklich? Das ist gut!“

Gaz war weitergegangen. „Was dachtest du denn? Glaubst du, sie will bis zur Rente den Chauffeur für die Stadtschüler machen? Als Sekretärin des Direktors ist sie voll und ganz ausgelastet.“

Verblüfft schüttelte Sadik den Kopf. Das war ihm entgangen. Aber es kam seinen Plänen gelegen. Panos würde zeigen, dass ihn mitzunehmen eine gute Entscheidung gewesen war.

21. August 2027 - Darach Manor

„Ich will nicht, dass du mitkommst“, knurrte Ethan störrisch. Er holte aus und warf den Kiesel, mit dem er gespielt hatte, weit hinaus. Mit einem leisen Plumps fiel er ins Wasser. „Wir fliegen schon morgen früh und dir geht es heute immer noch nicht besser.“

Vorwurfsvoll sah er Jala an, die neben ihm auf dem Felsbrocken am Ufer des Sees saß. Er wusste: Sie mochte diesen Platz genauso gern wie er. Jetzt am Abend, wenn die Sonne langsam hinter dem nordwestlichen Wald sank und dabei flüssiges Gold über die stille Wasseroberfläche breitete, kamen sie am liebsten hierher. Meistens besprachen sie den vergangenen Tag oder die absolvierten Einsätze.

Genau wie Bran, Panos und Eliasz waren sie als Kind entführt und für medizinische Versuche missbraucht worden und dieses gemeinsame Schicksal schweißte sie fest zusammen. Sie verstanden einander fast ohne Worte.

Aber nicht immer. Jala war der Gegenpol zu seinem draufgängerischen und oft aufbrausenden Charakter: besonnen, zurückhaltend und manchmal verschlossen wirkend. So auch jetzt.

„Hör auf damit“, meinte sie und er nahm den ungehaltenen Unterton in ihrer Stimme wahr. „Ich bin nicht die Einzige, die die Pizza gestern Abend nicht vertragen hat. Na und? Das passiert schon mal.“ Sie wandte ihm das Gesicht mit den kohlschwarzen Augen zu. „Es geht mir wieder gut. Hör auf, mich ständig beschützen zu wollen.“

Er knurrte noch einmal, doch ihm war klar, dass er auf verlorenem Posten kämpfte. Obwohl er wusste, dass Zärtlichkeiten nicht ihr Ding waren, nahm er ihre schmale Hand in seine. Besorgt musterte er seine Freundin.

Jala entsprach nicht dem allgemeinen Schönheitsideal. Ihre Wangenknochen traten deutlich hervor, was ihrem Gesicht einen herben Ausdruck verlieh. Der Blick ihrer tiefdunklen Augen konnte einen förmlich durchbohren, wenn sie in Zorn geriet. Sie trug keinerlei Make-up und seiner Meinung nach benötigte sie auch keines. Ihre Haut, die ihre Herkunft aus südlichen Ländern verriet, schimmerte goldbraun wie Milchkaffee. Den rabenschwarzen Haaren schenkte sie nicht die geringste Aufmerksamkeit und verbarg sie meist als dicken Zopf unter dem Basecap, das sie ständig trug. Ihr Mund lächelte selten und wenn, dann nur kurz.

Aber dieses Lächeln war es gewesen, was ihn gefangen genommen hatte. Jala war der Anker in seinem Leben. Er liebte sie und träumte von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr als seiner Frau, mit einem Haus und Kindern. Solche sentimentalen Anwandlungen kannte er sonst nicht von sich und er verbarg sie sorgfältig vor den Kameraden.

Doch Jala ließ ihn weich werden.

„Damit werde ich niemals aufhören“, brummte er und nahm ihr das Basecap ab, worauf einer schwarzen Flut gleich die befreiten Haare über ihren Rücken fielen. Mit dem Zeigefinger hob er ihr Kinn ein wenig an und drückte einen sanften Kuss auf ihre Stirn. „Ich könnte mir nie verzeihen, wenn dir etwas passiert.“

Sie seufzte. „Eng mich nicht so ein“, bat sie. Ein leicht genervter Unterton war in ihrer Stimme hörbar gewesen. „Du erdrückst mich manchmal fast mit deiner Fürsorge. Ich bin nicht aus Glas.“

Doch, dachte Ethan grimmig, du bist zerbrechlich wie Glas und ich frage mich immer wieder, woher du die Kraft nimmst, das harte Training der Guardians durchzustehen.

Sie war das, was man dünn nannte. Nicht schlank, sondern schmächtig. Ihre Taille konnte er beinahe mit den Händen umspannen und ihre Schultern erschienen ihm schmal wie die eines Kindes. Doch Jala besaß die Zähigkeit von Unkraut, das sich durch Asphalt bohrte. Das wusste jeder im Team. Mit ihr war nicht zu spaßen und wer sich im Training nicht vorsah, musste das auf die schmerzhafte Weise erfahren. Ihr Wesen war düster und verschlossen, sie redete nicht viel und meist nur, wenn sie gefragt wurde. Das und ihre dunklen Augen machten sie zum kompletten Gegenteil von Satu, der blonden Freundin mit dem sonnigen Gemüt, die im nächsten Jahr die Prüfung ablegen würde.

Ethan verstand, warum Sadiks Wahl auf Jala gefallen war. Wie alle Guardians trug sie als Standardausrüstung die Glock an der rechten Hüfte und das Messer in der Lederscheide am Oberschenkel. Doch ihre eigentliche Waffe war die Elektrizität. Sie entfesselte Blitze, die Mauern sprengten. Und gleichzeitig konnte sie diese ungeheure Kraft so gezielt und dosiert anwenden, dass sie die kompliziertesten Sicherungsanlagen lahmlegte.

Sie würden Jala brauchen. Er musste sich damit abfinden und nannte sich albern, weil ihm jedes Mal vor einem Einsatz die Angst um sie die Kehle zuschnürte.

„Es wird kühl“, murmelte er, obwohl ihnen das sonst nichts ausmachte. „Lass uns reingehen.“ Er war verstimmt und verbarg es nicht vor ihr.

Sie hielt ihn am Arm fest, als er aufstehen wollte.

„Mir geht es doch genauso“, meinte sie besänftigend, als hätte sie seine letzten Gedanken gelesen. „Als Sadik als Erstes deinen Namen nannte, war mein einziger Wunsch, ebenfalls dabei zu sein.“ Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und zwang ihn so, sie anzusehen. „Ich habe auch Angst um dich. Du bist nicht allein mit diesem Gefühl.“

Wärme durchflutete ihn, als er sie dankbar in die Arme schloss und sein Gesicht an ihrer Schulter barg. „Verdammt, ich liebe dich so sehr, dass es wehtut“, murmelte er und obwohl sie die Worte nicht verstanden hatte, wusste sie, was er gesagt hatte. Es war immer dasselbe.

22. August 2027 - Adana, Türkei

Nach der klimatisierten Kabine im Flieger traf sie die Hitze wie ein Keulenschlag. Jeder, der die Stufen vom Jet zum Rollfeld hinunterstieg, kniff geblendet die Augen zu. Es war, als atmete man heißes Wasser. Augenblicklich brach einem der Schweiß aus.

Beim Ausladen des Gepäcks packten alle mit an. Der Flughafen in Adana hatte ihnen einen der agilen und flinken Gepäcktransporter zur Verfügung gestellt. Mit ihm brachten sie alles, was sie an Ausrüstung mitführten, hinüber auf das Areal, wo der DEFIANT stand. Die heiße Luft über seinen Turbinen flimmerte und ließ seine sechs Rotorblätter darüber aussehen wie sich sacht bewegende, dunkle Tentakel. Der schwarze Helikopter bot einen beeindruckenden Anblick, wenn man ihn zum ersten Mal sah.

Matt, der Pilot erwartete sie. Er war auf einem der Flugzeugträger im östlichen Mittelmeerraum stationiert und bei Einsätzen in diesen Regionen ihr Truppentransporter. Zum Glück unterhielt Britannien trotz der angespannten politischen Situation noch immer eine Militärbasis in der Türkei, so dass die Landung eines britannischen Hubschraubers zwar argwöhnisch beobachtet, aber nicht verboten wurde.

Wieder fasste jeder mit an und innerhalb von Minuten hatte man das Gepäck im Laderaum des Helikopters verstaut. Danach war die sandfarbene Kampfmontur bei allen komplett durchgeschwitzt. Der Wetterbericht, der zweiunddreißig Grad für die türkische Küstenregion und fünfunddreißig für das Landesinnere prophezeit hatte, sollte recht behalten.

Als das letzte Gepäckstück eingeladen war, stiegen sie in die Kabine, legten die schweren Westen ab und setzten die federleichten Kommunikationshelme auf. Nachdem Matt sich vergewissert hatte, dass jeder angeschnallt war, versprach er einen Flug mit offenen Türen.

Als der Rotor auf Touren kam, konnte man aufgrund des aufgewirbelten Staubs nichts mehr erkennen. Doch nach dem Abheben schaltete Matt den Turbo zu und sie wurden in ihre Sitze gepresst. Der Wind riss ihnen den Atem von den Lippen und machte eine Unterhaltung unmöglich. Als die Landschaft unter ihren Füßen wegstürzte, bescherte das einigen ein leicht flaues Gefühl im Magen, aber alle wussten: Sobald der Heli auf Kurs war, lag er wie ein Brett in der Luft. Man hätte Tee ausschenken können, ohne einen Tropfen dabei zu verschütten.

Die Flüsterturbinen des Hubschraubers erlaubten trotz der offenen Türen Gespräche, aber in der Kabine herrschte noch immer Schweigen.

„Was habt ihr diesmal vor?“, hörte La'ith Matts Stimme im Kopfhörer.

„Nur eine Observierung“, antwortete er knapp und blickte aus dem Fenster auf die unter ihnen dahinrasende Landschaft. Es war schon fast ein Ritual zwischen ihnen: Matt fragte nach dem Ziel und er gab ihm eine vage Antwort. Sadik vertraute dem Piloten, doch je weniger der wusste, desto weniger konnte er preisgeben. Der Nahe Osten war trotz der globalen Friedenskonferenz im vergangenen Jahr noch immer ein unruhiger Ort und es konnte durchaus geschehen, dass ein Hubschrauber der Streitkräfte ohne Grund spurlos vom Himmel verschwand und das Schicksal des Piloten nie aufgeklärt wurde.

Kurz warf er einen Blick auf den MFA. Er hoffte, dass Zarif und der Explorer ungehindert das Ziel erreicht hatten. Der Syrer war gestern Abend in Iskenderun gestartet und wollte während der Nacht fahren, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Die Ankunft plante er gegen Mittag.

Das war vor einer Stunde gewesen. Bis jetzt hatte Zarif noch keine Nachricht geschickt, dass er am Ziel angekommen war. Unwillkürlich suchte La'ith mit den Augen die unter ihnen verlaufende Autobahn nach dem klobigen Gefährt ab, doch ihm war klar, dass er ihn gar nicht entdecken konnte. Der Helikopter war zu schnell, um normale Trucks vom Explorer unterscheiden zu können. Nur zwei Herden Wildschafe konnte man ausmachen, winzige Punkte, die über die Steppe davonstoben, und in der Ferne senkte sich ein Schwarm Rosaflamingos auf die weiße Ebene des Salzsees herab.

Nach genau einer Dreiviertelstunde verringerte Matt die Fluggeschwindigkeit. La'ith bemerkt, wie nun auch der Pilot die kahle Landschaft musterte.

„Seid ihr sicher, dass ich euch hier absetzen soll?“, meinte Matt zweifelnd. „Weit und breit ist nichts und niemand zu sehen.“

„Ganz sicher.“ La'ith lehnte sich beruhigt zurück, denn er hatte das Wüstenschiff erspäht. Dafür brauchte es ein wenig Übung, die Matt fehlte.

Gaz hatte den Explorer im letzten Jahr zum ersten Mal für das menschliche Auge tarnen können. Der unermüdliche Tüftler war stundenlang mit Nelio und den drei Physikern Bran, Ethan und Shujaa zusammen gewesen. Nelio besaß die Gabe, sich durch Änderung der Lichtbrechung in seiner unmittelbaren Umgebung unsichtbar zu machen, und Gaz war auf die Idee gekommen, den Effekt zu erforschen und ihn für eine Tarnplane zu verwenden. Viele Fehlversuche hatten sie hinnehmen müssen, bis es gelungen war, die Lichtwellen so um den Testgegenstand herumzuleiten, dass er nicht mehr zu sehen war. Dass da unten im heißen Sand etwas vor fremden Blicken verborgen wurde, erkannte man nur, wenn man wusste, worauf man zu achten hatte.

Gaz war mit dem Ergebnis noch nicht ganz zufrieden, denn sobald sich der Gegenstand bewegte, flimmerte er wie Rauch, der in einen Luftwirbel geraten war. Das konnte von einem aufmerksamen Beobachter wahrgenommen werden. Trotzdem hatte Gaz das gleiche Prinzip auch bei der Herstellung der superdünnen Tarnfolien angewendet, die jeder Guardian in der Westentasche trug.

Entsprechend den vorgegebenen Koordinaten ließ Matt den DEFIANT langsam sinken und landete. Noch bevor sich die Unmengen an aufgewirbeltem Sand gesetzt hatten, sprangen alle heraus und begannen mit dem Ausladen der Ausrüstung. Heißer Wind strich unangenehm über jeden Zentimeter nackter Haut und der feine, rötliche Staub reizte zum Husten.

„Sonnencreme“, zischte Bran, der gemeinsam mit Ethan einen schweren Kühlbehälter mit Lebensmitteln zum Explorer trug und gleichzeitig einen weiteren mittels Telekinese vor sich herschweben ließ. Missmutig blinzelte der Telekinetiker zu dem im Zenit stehenden Glutball. „Ich wusste, dass ich was vergessen habe!“

Ethan grinste. „Wenn’s weiter nichts ist“, meinte er schulterzuckend, „Der Doc hat Tonnen davon eingepackt, das reicht für drei Jahre.“ Er sah sich um, während er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. „Nachts ist es sicher erträglich hier. Wir können ja wieder oben auf dem Wüstenschiff schlafen, wenn du willst.“

Brans hochgereckter Daumen signalisierte sein Einverständnis. Das hatten sie schon letztes Jahr in Ägypten getan und die beiden Nächte waren so ganz annehmbar gewesen. Damals hatte der nagelneue King Bull Helikopter den dreißig Tonnen schweren Explorer zum Zielort gebracht und vor ihren staunenden Augen vom Himmel herabschweben lassen. Doch das war eine Ausnahme gewesen, weil die ägyptische Regierung selbst den Auftrag gegeben hatte.

Zarif, der kleine Mann mit der typisch südländischen Mentalität, begrüßte sie überschwänglich mit einem Wortschwall, von dem nicht jeder alles verstand. Sein Türkisch hatte einen grauenhaften Akzent, doch im Gegensatz zu ihnen schaffte er es problemlos, sich mit den Einheimischen zu verständigen. Der drahtige Syrer, der Ethan gerade mal bis zur Schulter reichte, trug einen schmutzigen, sandfarbenen Overall und wie immer seine helle Tuareg-Kopfbedeckung, um sich gegen den heißen Steppenwind zu schützen. Sie ließ nur die listig blickenden blauen Augen frei und hatte ebenfalls schon bessere Tage gesehen.

„Merhaba, Zarif“, erwiderte La'ith die Begrüßung und nickte ihm zu. Dann kletterte er in die Kabine, um Sadik den Treff mit dem Explorer zu bestätigen.

„Zarif!“, kam es inzwischen von Jadran. Der zwanzigjährige Kroate mit dem pechschwarzen Schopf, der einen großen Rucksack trug und gleichzeitig gemeinsam mit Nelio eine Kiste vom Heli herüber schleppte, grinste flegelhaft. „Was macht deine liebreizende Gemahlin?“

Der Angesprochene schnaubte unwillig, während die übrigen Guardians lachten. Alle wussten, dass ihr Fahrer jeden Tag, den er nicht mit seiner Ehefrau verbringen musste, dankbar begrüßte.

„Allah möge ihr langes Leben schenken, Freund Jadran“, gab er lakonisch zurück. „Und mir noch viele Aufgaben, die mich von ihrer Seite wegholen.“

Zarif schob das Tuch vom Gesicht, um sein breites Grinsen zu offenbaren, und das allgemeine Gelächter ließ sie die Hitze für einen Moment vergessen.

Jadran hatte schon geahnt, dass eine derartige Antwort kommen würde. Zarif liebte seine Frau. Trotzdem ließ er kein gutes Haar an ihr, wenn er über sie sprach.

La'ith kam wieder ins Freie.

„Zarif, ich habe mit dir zu reden“, meinte er und winkte gleichzeitig Panos herbei. Er entfernte sich mit beiden ein paar Schritte, um dem Syrer Sadiks Plan zu erläutern. Der ältere Mann hörte aufmerksam zu und war nicht begeistert, sein ‚Jawahra‘, was das arabische Wort für Juwel war, nach diesem Einsatz einem anderen zu überlassen. Doch der junge Grieche gefiel ihm auf den ersten Blick und obwohl auch Panos ihn einen ganzen Kopf überragte, hieb er ihm erfreut auf die Schulter. Dass sein potenzieller Nachfolger kein Wort sprach, störte ihn nicht. „Dafür rede ich für zwei“, meinte er achselzuckend und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Also passt das doch.“

La'ith musterte Panos prüfend. Er hatte ihm schon im Flieger erklärt, was der Hauptgrund für seine Anwesenheit bei der Mission war. Sein Auftrag lautete, alles über den Explorer zu lernen, weil er beim nächsten Einsatz ihres mobilen Stützpunktes ohne Zarif auskommen musste. Deshalb war diese Aufgabe für ihn vorrangig. Natürlich sollte er auch an der Observierung teilnehmen. Seine Gabe würde ihnen mit Sicherheit nützen. Panos hörte viel besser als ein normaler Mensch und hatte in Tests sogar die Eule, die Fledermaus und den Luchs geschlagen. Die Reichweite der für ihn vernehmbaren Frequenzen und die Fähigkeit, den Ursprung von Geräuschen zu erkennen, überschritt die des menschlichen Ohrs bei weitem.

Zarif packte seinen Nachfolger am Arm und zog ihn mit sich, wahrscheinlich, um ihm bis zur Abfahrt schon ein paar Dinge zu zeigen.

„Viel Erfolg bei eurer Mission!“ Matt, der gegen den Lärm des Rotors anbrüllen musste, hob zum Abschied grüßend die Hand, bevor er einstieg. Dann brachte er seinen schwarzen Vogel wieder in die Luft und flog in einer steilen Kurve zurück in Richtung Küste.

Mit vor der Brust verschränkten Armen sah La'ith dem Helikopter hinterher. Als dieser nur noch ein schwarzer Punkt am Horizont war, ließ er den Blick westwärts wandern. Irgendwo dort verlief die Autobahn und daneben befand sich die Farm. Gleich dahinter lag der Salzsee. Und als müssten sie es bestätigen, zog erneut ein Schwarm von Rosaflamingos über sie hinweg. In einem eleganten Bogen glitten sie tiefer und hielten auf das flache Gewässer zu.

Er hatte sich kundig gemacht über das Land, seine Tier- und Pflanzenwelt, das Klima, die Infrastruktur - einfach über alles. Und er wusste, dass jeder der anderen das ebenso getan hatte. Einer Aufforderung dafür bedurfte es nicht. Es gehörte zur persönlichen Vorbereitung einer Mission genauso wie die Überprüfung der Ausrüstung, der medizinische Check und das Packen. Routine.

„Ich brauche nachher einen Freiwilligen“, verkündete er, als er sich wieder zu der Gruppe gesellt hatte.

Die Begeisterung bei den Kandidaten hielt sich in Grenzen. Es war kurz nach Mittag, die heißeste Zeit des Tages. Jedem war klar, was diesen Freiwilligen erwartete, sobald alles, was sie mitgebracht hatten, im Explorer verstaut war und das Wüstenschiff den vorgesehenen Standort erreichte. La'ith plante einen ersten Fußmarsch in Richtung des zirka einen Kilometer entfernten Sees, um sich ein Bild von dem Areal zu machen. Ein dreidimensionales Hologramm im Besprechungsraum war eine großartige Sache, aber nichts konnte das ersetzen, was man mit eigenen Augen sah. Und ein Kilometer in dieser Glut war selbst am Abend kein Spaziergang. Näher an die Abbruchkante der Hochebene heranzufahren wäre unklug, denn der wassergekühlte Diesel des Explorers war zwar schallisoliert, doch das tiefe Brummen konnte man trotzdem noch über eine beträchtliche Entfernung wahrnehmen.

Bran nahm das Basecap ab und fuhr sich durch den braunen Schopf. Jadran und Ethan vermieden es, den Leader anzusehen. Einzig Jala und Nelio waren bereit, ihn zu begleiten.

La'ith wählte Nelio und übertrug Jala stattdessen die Aufgabe, unmittelbar nach dem Eintreffen am geplanten Zielort Sadik zu informieren.

22. August 2027 - Darach Manor

Tiana nahm eine Zeitschrift vom Gartentisch und fächelte sich Luft zu. Die Augustsonne brannte so unbarmherzig, dass es selbst mit Sonnenbrille und Strohhut kaum auszuhalten war. Seufzend stand sie auf und schob ihren Liegestuhl ein wenig nach rechts, um wieder in den Schatten des Sonnenschirms zu gelangen.

Ein kurzer Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass noch eine halbe Stunde blieb, bis Rhea kommen würde. Manche belächelten sie wegen des zierlichen, altmodischen Zeitmessers, wo heute jeder einen MFA in den verschiedensten Ausführungen besaß. Nicht solche Alleskönner, wie die Guardians sie nutzten, sondern kleine, am Handgelenk tragbare Kommunikationseinheiten mit verschiedenen Zusatzfunktionen. Sie jedoch liebte diese Uhr. Ihre Mutter, die im letzten Winter gestorben war, hatte sie ihr hinterlassen.

Sie vermisste die Frau, die ihr mehr Freundin als Mutter gewesen war. Erst vor drei Jahren hatte sie sie kennengelernt, obwohl sie einander schon ihr ganzes Leben lang kannten. Nur wusste sie nichts über die Zeit vorher. Ein Verbrecher hatte ihr die Erinnerung daran gelöscht, im Grunde sogar viel mehr als nur das. Ihre Kindheit und Jugend waren von ihm komplett aus ihrem Gedächtnis ausradiert worden.

Als sie damals aus Guatemala zurückgekommen war, hatte sie entschieden, in England zu bleiben und nicht, wie von ihren Eltern vorgeschlagen, nach Bulgarien zurückzukehren. Deshalb sahen sie sich zwar selten, das Verhältnis zwischen ihnen war aber trotzdem innig geworden. Ihre Hochzeit im vergangenen August konnte die Mutter noch miterleben. Kurz vor Weihnachten hatten sie dann die Nachricht erhalten, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Ihre Hochzeit.

La'ith, ihr Mann, war jemand, der es einem nicht leichtmachte, ihn zu lieben. Dafür war er zu schwierig. Erst gestern Abend hatte er es ihr wieder bewiesen. Sie hatten gestritten und gingen dann zu Bett, ohne sich zu versöhnen. Und heute Morgen war er bereits weg gewesen, als sie aufwachte, obwohl er wusste, dass sie sich immer furchtbar sorgte, wenn er bei einem Einsatz war. Das machte ihr besonders zu schaffen.

Sie holte ihr Datenpad unter der Zeitschrift hervor und rief das Menü auf. In einem versteckten Ordner hatte sie ein Bild von ihm. Er wäre ärgerlich, wenn er es wüsste, denn er achtete sorgfältig darauf, auf keinem Foto zu sehen zu sein.

Doch seit heute Morgen war er irgendwo in der Türkei unterwegs. Sie brauchte nicht zu befürchten, von ihm überrascht zu werden, wenn sie es betrachtete.

Ein trauriges Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie es aufrief. Leise seufzte sie, während ihre Finger über den Bildschirm strichen. Ernst sah er aus auf dem Foto, wie eigentlich immer: die Augenbrauen leicht zusammengezogen.

Ihr Bruder Trajan hatte triumphierend gegrinst, als es ihm gelungen war, ihre Bitte zu erfüllen. Sie hatte unbedingt ein Bild von La'ith haben wollen. Jedes Mal, wenn er zu einem Einsatz aufbrach, rechnete sie damit, dass er nicht zurückkam. Er war stets in vorderster Front und machte lieber alles selbst, um keinen seiner Leute in Gefahr zu bringen. Sadik hatte ihn einmal ‚Mister einhundertzehn Prozent‘ genannt, weil er ständig mehr gab, als nötig war. Es schien, als wäre er immer noch bemüht, Schuld zurückzuzahlen. Dabei klagte ihn niemand an. Nur er sich selbst. Schonungslos ging er mit seiner Vergangenheit ins Gericht und das, obwohl er vor Jahren rigoros mit ihr gebrochen hatte. Nicht nur innerlich. Auch äußerlich. Sie wusste, dass er zu dem Zeitpunkt, an dem er zu den Guardians gekommen war, sein Haar viel länger getragen hatte. Sogar das ewige Schwarz bei seiner Kleidung hatte er abgelegt, bevorzugte aber nach wie vor dunkle Farben. Alles Dinge, mit denen er seinem Umfeld unbewusst signalisierte, dass er sich geändert hatte.

Nur von dem schwarzen Dolch trennte er sich nicht. Er war das Einzige, was er von seinem Zwillingsbruder behalten hatte. Noch immer glaubte er, an dessen Tod Schuld zu haben. Und noch immer wartete man vergeblich auf ein Lächeln oder gar ein Lachen bei ihm.

So wie jeden in ihrem Umfeld kannte sie auch ihn erst seit drei Jahren. Alle waren ihr damals fremd gewesen, als sie in Guatemala ohne Erinnerungen und ohne Vergangenheit in das Hier und Jetzt geschleudert worden war. Mit Hilfe der außergewöhnlichen Gabe von Yonas, dem Arzt der Guardians, hatten die anderen es geschafft, ihr ihr früheres Leben anhand von Bildern zu zeigen, die er ihr in den Kopf projizierte.

Nur La'ith hatte sich dabei zurückgehalten. Er war ihr generell aus dem Weg gegangen. Bis sie ihn zur Rede stellte. Und da hatte er ihr gestanden, dass er sie liebte.

Sie lächelte bei dem Gedanken an diesen Septemberabend. Es war Rheas und Nakoas Hochzeit gewesen und sie hatten sich beide von der Festgesellschaft davongestohlen und bis in die Nacht geredet.

Zwei Jahre später waren sie miteinander verheiratet.

Noch einmal glitten ihre Fingerspitzen behutsam über das kühle Bildschirmglas. Siebenundzwanzig war sie jetzt. Eine Frau in der Blüte ihres Lebens. Um ihr Glück mit La'ith perfekt zu machen, hatte sie sich nur noch ein Kind gewünscht.

Nein.

Das war seine Entgegnung gewesen, als sie das Thema eines Abends angeschnitten hatte. Ein klares, unumstößliches Nein. Er würde niemals Kinder in die Welt setzen, hatte er ihr erklärt.

Obwohl sie die Gründe ahnte, hatte sie nach ihnen gefragt und an der Antwort erkannt, dass er seine Meinung nicht ändern würde. Er weigerte sich, seine manipulierten Gene an ein Kind weiterzugeben, denn er hielt es für unverantwortlich.

Erneut seufzte sie. Ihr Bruder Trajan hatte ihr erzählt, was La'ith durchgemacht hatte, und das half ihr, die Weigerung ihres Mannes zu verstehen und zu akzeptieren. Trotzdem fiel es ihr unsagbar schwer, auf ein Kind zu verzichten.

Und der gestrige Abend hatte alle ihre Hoffnungen zunichtegemacht, dass er sich doch noch besann. Mit einer Handbewegung hatte er ihre Argumente einfach abgeschnitten und verkündet, dass es gar nicht mehr möglich sei. Auf ihre verwirrte Frage hin gestand er, dass er bereits vor der Hochzeit diesen kleinen Eingriff hatte durchführen lassen, bei dem ...

Sie hatte sofort begriffen, was er umständlich zu erklären versuchte, und ihn nicht ausreden lassen. Wie von der Tarantel gestochen war sie aufgesprungen, fassungslos den Kopf schüttelnd. Ihr war nichts eingefallen, was sie darauf hätte sagen können. Stattdessen musste sie gegen den Wunsch ankämpfen, ihm eine Ohrfeige zu geben.

Aber sie hatte weder das eine noch das andere getan, ihn nicht geschlagen, nicht geweint und nicht geschrien. Nach ein paar Sekunden, in denen sie einander stumm angestarrt hatten, war sie an ihm vorbeimarschiert und im Schlafzimmer verschwunden.

Als er eine halbe Stunde später ins Bett gekommen war und ihr sanft die Hand auf die Schulter gelegt hatte, hatte sie sie energisch weggeschoben und sich umgedreht. Sein Seufzer war deutlich zu hören gewesen und da waren endlich die Tränen gekommen. Fast zwei Stunden hatte sie geweint, immer wieder neu in krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, bis die Müdigkeit sie übermannte. Als sie am Morgen erwachte, war La'ith schon weg gewesen, unterwegs in die Türkei.

Deshalb hatte sie ihre beste Freundin heute zum Tee eingeladen, um ihr ihr Herz auszuschütten. Obwohl sie nur eine Haustür weiter wohnte, hatten sie solche gemeinsamen Nachmittage eher selten, seit Rhea Mutter geworden war. Die Freundin würde ihre Kinder, den kleinen Tariq und Baby Anela, mitbringen. Salz in ihrer Wunde ...

Doch Rhea würde ihr auch zuhören. Sie trösten, wie sie es in den letzten drei Jahren schon so oft getan hatte. Und ihr dann den Kopf waschen, wie unglaublich froh sie doch sein konnte, einen Mann wie La'ith zu haben.

Wieder lächelte Tiana. Rhea hatte recht: Darüber war sie froh. Trotz allem. An jedem einzelnen Tag. Und das seit genau einem Jahr, denn heute war ihr erster Hochzeitstag.

Sie stand auf, um ins Haus zu gehen und das Teewasser aufzusetzen. Die modernen Geräte kamen ihr nicht in die Wohnung. In dem Punkt war sie so altmodisch wie mit ihrer Armbanduhr. Nichts konnte den aromatischen Duft von Tee so hervorlocken wie das Aufgießen der getrockneten Blätter mit sprudelnd kochendem Wasser. Langsam und mit Sorgfalt. So, wie es sich für Tee gehörte.

22. August 2027 - Inland, Türkei

Dreißig Minuten hatte der Desert-Explorer benötigt, um die zwei Kilometer bis zum geplanten Standort zu bewältigen. Der Feldweg, den er entlang walzte, war so knochentrocken wie jeder andere Zentimeter Land hier und die aufgewirbelte Staubwolke bereitete La'ith Sorge. Mit Sicherheit war sie meilenweit zu sehen in dieser baumlosen Einöde.

Als das schwerfällige Gefährt langsam wie eine Schnecke über den nächsten Hügel kroch, tauchte am westlichen Horizont Tuz Gölü, der Salzsee, auf. Das grelle Weiß blendete und Laith wandte den Blick ab, um auf den MFA zu sehen. Sie lagen perfekt im Zeitplan, doch das hatte er nicht anders erwartet. Bis Sonnenuntergang würden die anderen sich eingerichtet haben. Ihm selbst und Nelio stand in der Zwischenzeit eine erste Erkundung des Terrains bevor.

Flüchtig warf er einen Blick auf seinen Gefährten und Lebensretter. Der ehemalige Gummizapfer aus dem Regenwald von Guatemala hatte ihn vor drei Jahren verletzt in der grünen Hölle aufgelesen und wieder auf die Beine gebracht. Dann war er beim größten und gefährlichsten Einsatz, den sie je gemeistert hatten, freiwillig an seiner Seite geblieben. Und ein paar Wochen nach diesem haarsträubenden Abenteuer hatte er sich entschieden, den Guardians nach England zu folgen, um einer von ihnen zu werden. Jetzt saß er am Fenster und versuchte, das Schwanken des Wüstenschiffes zu ignorieren. Nachher musste er fit sein.

Die Hitze flimmerte über dem Salz des Tuz Gölü und ließ die Linie der Berge am Horizont zittern. La'ith lag neben Nelio auf dem steinigen Boden. Einen Meter vor ihnen fiel der Hang steil ab und endete wenige Schritte vor der vielbefahrenen Straße in einem Haufen Geröll. Schwere Lastkraftwagen donnerten vorbei im Wechsel mit teils recht klapprigen Privatautos, Luxuslimousinen und klimatisierten Touristenbussen.

La'ith, der mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag, wusste, dass Nelio durch das Optikon spähte und das gesamte Areal der Salzfarm musterte, die sich unter ihrem Beobachtungsposten auf der anderen Straßenseite befand. Die Sonne senkte sich im Westen über dem Salzsee und musste dem Kameraden direkt ins Gesicht scheinen, doch die hervorragenden optischen Eigenschaften des Gerätes würden ihre blendenden Strahlen schlucken, ohne die Sicht zu beeinträchtigen.

„Bisher sind drei der blau-weißen Firmen-Lkws auf das Areal gekommen“, berichtete Nelio. „Ihrem Fahrverhalten nach zu urteilen, hatten sie keine Ladung. Sie haben sich mit weit geöffneten Hecktüren rückwärts in die Lagerhalle geschoben, die direkt am Ufer steht. Was drin passiert, kann ich nicht erkennen. Siehst du was?“

La'ith knurrte unwillig. „Salz“, antwortete er, ohne die Augen zu öffnen, „Berge von Salz.“

„Wo ist Enes gerade?“

„In der Halle, in der der Trailer beladen wird. Da drin ist ein Deckenkran.“

Er hatte Enes als Spion losgeschickt. Sein rot leuchtendes Energiewesen, das einem Vogel und zugleich einem Drachen glich, konnte nicht nur riesenhaft groß, sondern auch so klein sein, dass ihn niemand bemerkte. Er war der perfekte Observierer, weil La'ith durch seine Augen sehen konnte. Jetzt eben beobachtete er auf diese Weise das Beladen eines der Transporter.

Es gab nichts Ungewöhnliches dabei zu entdecken und er dirigierte Enes weiter. Sein eigentliches Interesse galt dem Nebengebäude. Es war ein Flachbau, deutlich kleiner als die Lagerhalle und auf den ersten Blick wie ein Büro wirkend. Doch es hatte keine Fenster.

Er hörte, wie Nelio seine gesamten Beobachtungen mit den dazugehörigen Uhrzeiten wiederholte und wusste: Der Kamerad fügte dem Einsatztagebuch Sprachmemos hinzu, die enthielten, was wann auf dem Areal passiert war. Er selbst ließ inzwischen das Energiewesen, das kaum größer als ein Lichtpunkt war, durch das Schlüsselloch in den fensterlosen Flachbau eindringen und in Bodennähe durch das Zimmer schweben. Es waren tatsächlich zwei Büros in dem Gebäude, so winzig, dass sie nur einen Bruchteil der gesamten Grundfläche einnahmen. Doch es gab keine Möglichkeit, den Rest der Räume zu sehen. Eine massive Wand setzte Enes‘ Erkundungstour ein Ende.

Verwirrt öffnete La'ith die Augen. „Das kann doch nicht stimmen“, murmelte er, drehte sich auf den Bauch und stützte sich auf die Ellenbogen. „Hast du die Gebäude schon vermessen?“

Nelio schüttelte den Kopf. „Noch nicht jedes.“

La'ith richtete sein Optikon auf das flache Bauwerk, dessen Innenleben sich nicht erkunden ließ. Sorgfältig fixierte er beim Hindurchsehen die Messpunkte und las dann das Ergebnis ab.

„Fünfundsechzig Fuß!“, entfuhr es ihm überrascht. Er hatte sich verschätzt. Es war deutlich größer als vermutet. Was befand sich noch in dem zwanzig Meter langen Haus außer den beiden Büros, die es zusammen auf höchstens fünf Meter brachten?

Er ließ Enes einmal rundherum fliegen, doch es gab keinen zweiten Eingang. Der nicht zugängliche Bereich musste also durch die einzige Eingangstür erreichbar sein. Aber wie, wenn dort eine massive Wand war?

„Ich versuche es mit dem Schaller“, meinte er. „Das Haus muss ein Untergeschoss haben.“

„Welches denn?“ Nelio, der mit seiner Eingabe fertig war, hatte offenbar gar nicht mitbekommen, auf welches Gebäude er sein Augenmerk gerichtet hatte.

„B“, antwortete er, während er das Ultraschallgerät in Position brachte. Sie hatten sich angewöhnt, eine Gruppe von Bauwerken innerhalb eines Areals mit Buchstaben zu benennen, und zwar immer von Westen nach Osten. A war die Salzhalle und C das Haus neben dem Parkplatz.

Nelio musterte es mit leicht zusammengekniffenen Lidern.

„Möglich“, meinte er und wiegte den Kopf, „aber eher unwahrscheinlich. Der salzhaltige Boden zerfrisst ihnen das Mauerwerk.“

„Wir werden es gleich wissen.“ La'ith schaltete das Gerät ein. Unhörbare Schallwellen liefen durch das Erdreich, trafen auf Hindernisse und kamen zurück. Er musste den Vorgang ein paar Meter weiter nördlich wiederholen, damit aus den gemessenen Werten ein zweidimensionales Bild auf dem Monitor des Schallers erschien.

Der verblüffte Laut, den er gleich darauf von sich gab, ließ Nelio herüberblicken.

„Siebenunddreißig Fuß! Das müssen“, er rechnete schnell nach, „vier unterirdische Stockwerke sein!“

Sie sahen sich an. Wenn bis dahin noch irgendwelche Zweifel an der Wahrheit der Spekulationen über die Salzfarm bestanden hatten - diese Tatsache wischte sie weg.

„Also ist das, was wir oben sehen, nur die Spitze des Eisberges“, murmelte Nelio.

„Das trifft es ganz gut“, gab La'ith düster zurück. „Was um alles in der Welt machen die da unten?“

„Oha, es scheint, als ob eben Feierabend ist“, warnte Nelio. „Besser du lässt Enes verschwinden, bevor ihn jemand entdeckt.“

La'ith nickte. Es war achtzehn Uhr. Aus dem Gebäude C, das wohl die Kantine enthielt, traten Menschen in Zivil heraus, die nur wenige Minuten zuvor - noch in orangefarbenen Arbeitsoveralls - hineingegangen waren. Enes würde Aufmerksamkeit erregen, Nelio hatte recht.

Der kleine Feuervogel ermöglichte ihm gerade noch zu sehen, wie das Bürogebäude B von einem Mann sorgfältig verschlossen wurde, dann löste er sich auf.

„Scheinbar macht das Büro ebenfalls Schluss für heute“, bemerkte er sinnend. Es schien ein normales Türschloss zu sein, denn der Mann hatte dafür einen großen Schlüsselbund aus der Hosentasche geholt und wieder darin verschwinden lassen, bevor er langsam zum nächsten Gebäude schlenderte.

Nelio hob wieder das Optikon an die Augen.