Guck mir in die Karten - Arno Becker - E-Book

Guck mir in die Karten E-Book

Arno Becker

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Beschreibung

Stell dir vor, es gab nie einen Gott - und jetzt gibt es ihn auch nicht. Und dennoch schreibt genau dieser Gott ein Buch. Absurder Gedanke? Durchaus. Mit scharfem Humor und ironischem Blick auf die Kirchengeschichte zeigt der nicht existierende Gott, was aus Jahrhunderten voller Glauben, Macht und Absurditäten geworden ist. Dabei macht er klar: Religion ist nicht die einzige Möglichkeit, moralisch und anständig zu leben - auch ganz ohne göttliche Anleitung lassen sich Werte, Mitgefühl und Sinn finden.

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Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Du wunderst dich?

Achtung Spoiler!

TEIL 1: In meinem Namen?

Karl der Große

Kaiser Konstantin der Große

Juliana von Lüttich

Instrumente ohne Benutzerlizenz

Mein Lieblingsvolk?

Meine Lieblingsgläubigen: fromme Fußballer

Attentate

Ein Zeichen!

Mein Gießkannenprinzip

Versteckspiel

Indulgentia - Vergebung

Kirchen kann man nie genug haben

Menschen lieben Märchen

Gummibärchen und andere „Sünden“

Die Gott-als-Moralspender-Theorie

Des Guten zu viel

So sieht's aus

TEIL 2: Bettys Fragen

TEIL 3: Die Alternative

Ohne göttliche Stützräder

Moralische Ordnung

Vaterfigur

Wünsche, Ängste, Bitten

Raum der Solidarität

Hochgefühl

Hilfe bei der Kindererziehung

Struktur

Seelsorge

Riten

Entschleunigung

Schuld und Vergebung

Der Himmel ist jetzt leer

TEIL 4:

Wenn ich mir noch was wünschen dürfte

Kleinigkeiten

Die Neu(e)n Gebote

Du wunderst dich?

Was du hier liest, stammt aus meiner Hand. Nach mehr als zweitausend Jahren wieder ein Buch, mein zweites Werk!

Beim ersten Versuch, dem sogenannten Buch der Bücher, habe ich noch delegiert. Aber diesmal: kein Prophet, kein Ghostwriter, nicht diktiert, nicht herabgefunkt, nicht ins Pergament geflüstert – geschrieben. Von mir persönlich! Himmlische Edition.

Warum ich gerade jetzt Handlungsbedarf sehe, nach all den Jahren?

Ganz sicher nicht wegen des Geldes. Diese seltsame menschliche Erfindung ist mir seit jeher suspekt. Man kann damit nicht viel anfangen, schon gar nicht hier im Jenseits.

Ein ungestillter Hunger nach theologischer Literatur? Mein Gott, nein! Die Regale sind voll. Über mich wurde mehr geschrieben als über Sex, Krieg und Intrigen zusammen. Über meine Herkunft, meine Existenz, meinen (vermeintlichen) Willen – endlose Debatten, Konzile, Exkommunikationen. Kein Wesen wurde je mehr beschrieben, gefürchtet, verehrt – und missverstanden! Fürchterlich!

Dabei war ich früher gar nicht allein. Ich war Teil eines göttlichen Teams. Die Griechen, die Römer, die Inder – sie hatten uns organisiert wie eine Regierung, mit Ministerien und Ressorts. Ich war nicht mal unbedingt der Wichtigste.

Diese Sichtweise ist inzwischen aus der Mode gekommen. Warum? Ein paar besonders sparsame Kulturen kamen auf die Idee, dass ein Gott genügt. Alles unter einer Adresse. Ich wurde zum Alleinunterhalter.

Einzig, ewig, unsichtbar und moralisch absolut. Wer kann das schon von sich behaupten? Ohne Werbekampagne, ohne Imageberatung wurde ich zur Nummer eins. Die Konkurrenz verschwand in der Dunkelheit der Geschichte – nicht durch mein Zutun, sondern durch eure Fantasie, eure Sehnsucht nach Ordnung im Chaos.

Christen, Muslime, Juden oder Bahai – alle haben sie mich adoptiert, mich mit verschiedenen Namen bedacht. Kein Problem für mich. Ich bin da flexibel.

Aber dass jede dieser Gruppen behauptet, sie habe die Wahrheit für sich gepachtet? Also bitte!

Erwächst daraus nicht das Gift: der Hass im Namen des Heiligen?

Da kann etwas nicht stimmen. Nehmen wir mal nur diese vier Religionen: Wenn eine davon die allein richtige wäre, sagt mir meine göttliche Logik, dass die drei anderen danebenliegen müssen! Das fatale Ergebnis: unheilvolle Konkurrenz unter meinen Anhängern, die sogar das Töten Andersgläubiger legitimiert hat – und immer noch legitimiert.

Glaub mir – und das Glauben sollte deine Spezialität sein – so macht es keinen Spaß, Gott zu sein.

Achtung, Spoiler!

Unter solch widrigen Voraussetzungen bin ich froh, dass es mich gar nicht gibt!

Ich sage es lieber gleich, damit wir uns nichts vormachen. Jetzt ist es raus.

Bist du enttäuscht?

Ich will dich nicht verletzen, nicht verhöhnen – im Gegenteil! Ich will es dir erklären.

Stell dir ein Kind vor. Nennen wir es Conny aus Bielefeld. Es glaubt an die Zahnfee, den Nikolaus, das Christkind, den Osterhasen, an Wärme, Wunder und Wunschzettel. Welche Enttäuschung erfährt das arme Kind, als ihr großer Bruder sagt: „Ja, wünschenswert, aber leider nicht wahr.“

Aber Conny will weiter glauben. An lange Ohren, weiße Bärte und Geschenke aus geheimnisvollen Sphären. Conny will wichtig sein, will wahrgenommen werden. Von Figuren, die sie nie sehen durfte.

Conny hat übrigens die Möglichkeit, ein Leben lang zu behaupten, es gäbe doch den Osterhasen. Viele hätten ihn schon gesichtet, nur nachweisen konnte ihn noch niemand. Wer wollte Conny vom Gegenteil überzeugen?

Vielleicht bist du Conny, nur älter. Deine Illusion, dass es mich gibt, will ich dir nicht nehmen. Wenn dir dein Glaube Halt gibt, wenn du auch als Erwachsener noch einen Vater zum Anlehnen und Ausheulen brauchst, dann bin ich der Richtige.

Dann schlage dieses Buch zu. Ernsthaft. Ich will dir nichts nehmen, was dir guttut.

Etwas, das sich bewährt hat, etwas, das vielleicht den größten Teil deiner Jahre Lebensinhalt war, das kannst du nicht einfach über Bord werfen – jedenfalls nicht ersatzlos. Darauf komme ich später zu sprechen, im Kapitel „Die Alternative“.

Ich will dir keinesfalls den Boden unter den Füßen wegziehen, möchte kein Gotteslästerer sein. Ich will dir Respekt entgegenbringen, so wie ich es auch bei Conny aus Bielefeld tue.

Als gottesfürchtiger Mensch wirst du sicher beten, zum Beispiel: „Lieber Gott, mach mich gesund!“ So ähnlich könnte es auch Conny tun – oder auf einen Zettel schreiben.

Du magst einwenden, zwischen Conny und dir gäbe es erhebliche Unterschiede. Ja, Vergleiche, Connys Wunschzettel auf der einen, und deine Gebete auf der anderen Seite – sie hinken immer, aber sie haben auch Parallelen. Die kann man sehen, oder nicht sehen wollen.

Hast du dir schon einmal überlegt, wie das für mich ist, wenn Menschen mir ihre Probleme anvertrauen? Versetze dich mal in meine Lage!

Sollten dir jetzt schon Zweifel am Glauben gekommen sein, brauchst du vielleicht einen Rettungsanker, der dir sagt, dass ich falsch liege.

Wie wäre es mit den faszinierenden Erfindungen der Natur? Eine Körperzelle, ein komplexes Organ wie das Auge oder das Herz, der Kreislauf des Wassers mit Verdunstung und Regen, und nicht zuletzt die originellen Methoden der Fortpflanzung – all das schreit geradezu nach einem Schöpfer.

Woher soll es sonst kommen, wenn nicht von einem großen Geist?

Mein neues Buch neutral zu lesen, ist ungefähr so einfach wie das Lächeln eines Finanzbeamten zu deuten: Entweder man glaubt – oder man glaubt nicht. Eine Entscheidung ist längst gefallen, bevor die erste Seite umgeblättert wird.

„Prove me wrong“ war das Format des ermordeten Rhetorikers Charlie Kirk. Klingt nicht gerade nach der Suche nach Wahrheit. Gerade in einer Zeit, in der Diskussionen nicht mehr der Wahrheit dienen, sondern dem heiligen Sakrament des Recht-Habens, ist es schwer, der Versuchung zu widerstehen. Zu verführerisch ist das leise Triumphgeheul bei jedem zweiten Kapitel: „Siehst du! Da steht es! Schwarz auf weiß! Ich habe mich auf die richtige Seite geschlagen.“

Die Corona-Zeit – du erinnerst dich, dieses sonderbare Menschheitsexperiment zwischen Angst und Abstandsregeln – hat es noch einmal eindrucksvoll gezeigt: Glaube kann ebenso heilvoll wie unheilvoll sein. Und wehe, jemand verwechselt Überzeugung mit Beweis! Plötzlich stehen sich zwei Priesterschaften gegenüber, beide mit brennendem Eifer, beide ohne letzte Sicherheit.

Also, tu mir den Gefallen: Suche nicht nach Beweisen, sondern nach Wahrheit. Nicht allein – ich begleite dich. Schließlich habe ich Zeit. Unendliche.

TEIL 1

In meinem Namen?

Karl der Große

Jetzt reicht’s! Jetzt ist Handlungsbedarf! Ich habe genug davon, dass Menschen meinen Namen wie eine Eintrittskarte benutzen – wahlweise für Ideologien, Sonderbarkeiten oder blanke Verbrechen. Verantwortung? Nicht ihre. Immer schön auf mich zeigen.

Ich hätte früher eingreifen müssen! Viel früher. So etwa am 25. Dezember des Jahres 800, als dieser sogenannte Karl der Große sich zum Liebling meiner Gnade erklärte:

„Karl, der erhabenste Augustus, von Gott gekrönt, großer friedlicher Kaiser, der das römische Reich lenkt.“

Steht so unter seinen Urkunden. Papperlapapp! Anmaßung! Selbstüberschätzung!

Als hätte ich in dem Moment nichts Besseres zu tun gehabt, als ihn auf einen Thron zu hieven. Ich war beschäftigt – mit der Ausdehnung des Universums, mit Milliarden von Galaxien, jede davon voller Sonnen. Und jetzt nagle mich bitte nicht auf die Zahl der Nullen fest!

Karl – aus meiner Sicht war der nicht groß, eher… durchschnittlich – stand auf einem unscheinbaren Felsen namens Erde, der sich einmal täglich um sich selbst drehte, und hielt sich für meinen Auserwählten. Weil er ein paar Feldzüge gewann, der „friedliche Kaiser“! Langobarden, ungläubige Sachsen, heidnische Awaren – und zack: war ich der stille Komplize.

Hat er das wirklich geglaubt? Keine Ahnung. Aber er ließ es glauben. Und das reicht ja bekanntlich.

Hatte Karl eine Erscheinung? Visionen? Kein einziges Mal! Kein brennender Dornbusch, keine Stimme vom Himmel. Seine Siege reichten ihm als göttliches Telegramm – als sei ich ein Feldherr, der hinter den Kulissen die Karten mischt.

Und zinkt.

Kaiser Konstantin der Große

Wenn Karl der Große wirklich von mir persönlich eingesetzt worden wäre, dann könntest du auch getrost die folgende Geschichte glauben. Man erzählt sie sich bis heute:

Im Jahr 312 nach der Geburt meines Einzelkindes Jesus saß ich gelangweilt auf meinem Thron. Diesmal schweifte mein Blick nicht nach Palästina, sondern Richtung Rom.

Dort stritten Maxentius und Konstantin um die Macht.

Keine Überraschung – menschliche Gier ist so konstant wie die Lichtgeschwindigkeit.

„Also gut“, dachte ich: „Konstantin wirkt... ehrgeizig. Vielleicht unterstütze ich ihn.“

Natürlich reicht Daumendrücken nicht aus. Ich wollte Eindruck machen. Also malte ich ein Kreuz aus Licht an den Himmel – und schrieb dazu: „In hoc signo vinces“. Schließlich beherrschte Konstantin, wie auch ich, die lateinische Sprache: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“

Er sah es. Rieb sich die Augen. Fragte einen seiner Berater, was er mit dieser rätselhaften Botschaft anfangen solle. Dieser Minister war (nicht ganz zufällig) Christ – damals nur eine Sekte, aber mit Einfluss – und riet: „Male Kreuze auf die Schilde deiner Soldaten! Dem neuen Gott zu Ehren!“

Ich dachte: „Gott sei Dank! Konstantin macht’s wirklich.“ Aber dann die Kehrseite: 40.000 Schilde! Das war eine unvorstellbare Plackerei – alles sollte bis zum 28. Oktober, dem Tag der Schlacht, fertig sein.

Maxentius hatte fast doppelt so viele Soldaten. Ungünstig. Aber perfekt für Konstantin, um bei einem Sieg zu behaupten: „So was geht nur mit göttlicher Hilfe!“

Am Vorabend, dem 27. Oktober 312, legte ich mich schlafen – Zweifel plagten mich. Dann fiel mir ein: Maxentius ist Nichtschwimmer. Aha!

Also: Schlacht an der Milvischen Brücke. Romantischer Ort, blutiger Tag. Maxentius ließ die Brücke einreißen, baute eine neue – provisorisch. Im Rückzug dann der – Achtung Wortspiel – Knackpunkt: Ich ließ sie einstürzen. Maxentius ertrank.

Gott hab ihn selig! Sieg für Konstantin.

Und da war er: Der Beweis! Für meine Existenz. Für meine Parteinahme.

Und weil eine Hand die andere wäscht, machte Konstantin das Christentum salonfähig. Das Christentum wurde legalisiert und gefördert, später unter Theodosius I im Jahr 380 sogar Staatsreligion des Römischen Reiches.

Aber mal ehrlich – glaubst du das wirklich?

Ich – als göttlicher Pate solcher Machenschaften?

Ich weiß nicht mal mehr, ob es wirklich so ablief. Vielleicht hat man es ihm später angedichtet. Vielleicht hat er selbst daran geglaubt. Vielleicht war es ein genialer Schachzug.

Vielleicht war es einfach nur... menschlich. Keine Ahnung.

Ich kann auch nicht alles wissen!

Juliana von Lüttich

Kein Mensch hat je einen richtigen Dialog mit mir geführt. Immer war es einseitig. Dass ich geantwortet hätte, behaupten sie alle: Karl der Große, Kaiser Konstantin… und auch die Heldin der nächsten Geschichte. Die Story ist immer noch aktuell.

Nein, das ist nicht ganz richtig. Die Geschichte dahinter kennt heute kaum einer, dafür aber deren Konsequenzen. Die feiert man bis heute – mit pompösen Umzügen, Blasmusik, Baldachin und bunten Blumenaltären. Fronleichnam nennen sie es.

Juliana war damals gerade sechzehn. Eine Frau mit Vision – im wörtlichen Sinn.

Es war das Jahr 1209, oder sagen wir: irgendwann in diesem groben Zeitraum. Damals war das mit den Kalendern noch eine ziemliche Kraut-und-Rüben-Angelegenheit. Juliana war eine junge Nonne in Lüttich, eigenbrötlerisch, melancholisch, aber mit einer feinen Antenne für das Jenseits. Sie betete viel, aß wenig, schlief kaum – was bei Visionen äußerst hilfreich sein kann.

Dann kam er: der Traum, der die katholische Welt veränderte.

Sie sah den Mond. Groß, hell, strahlend. Aber da war ein Fleck. Ein dunkler Schatten auf der silbernen Scheibe. Ein Makel im Vollmond der göttlichen Ordnung. Juliana war erschüttert. Der Mond – mein Symbol für die Kirche auf Erden! Der Fleck – eine Lücke, eine fehlende Feier im (prall gefüllten) Kirchenkalender!

Andere hätten gesagt: „War nur ein Traum. Vielleicht der Ziegenkäse von gestern.“

Aber Juliana war beharrlich. Jahrzehntelang sprach sie mit Geistlichen, drängte, bat, flehte, nervte – sie wollte diese Lücke füllen. Und was fehlte?

Ein eigenes Fest zur Verehrung des Leibes meines Sohnes. Ein Fest nur für genau den Moment, wenn aus Brot Gott wird.

Versteh mich nicht falsch – ich habe nichts gegen ein gutes Fest. Aber ich saß da oben und dachte: „Echt jetzt? Noch ein Feiertag? Als ob mit Ostern, Pfingsten, Weihnachten und den ganzen Heiligen der Kalender nicht schon voll genug wäre!“

Aber gut, wer bin ich, das zu beurteilen?

Juliana ließ nicht locker. Einen Unterstützer fand sie in einem Priester namens Canon Jean d’Évreux. Spätere Generationen machten aus seinem Herkunftsort Évreux den Vornamen Eva – ungewöhnlich genug für einen Mann.

Andererseits, ausgerechnet dieser Eva war der erste Mensch. Der erste Mensch, der Julianas Mondgeschichte nicht für einen geistlichen Sonnenstich hielt. Statt sie zu rügen oder in eine dunkle Kammer zu sperren, wie es später einige Ordensleute durchaus in Erwägung zogen, hörte er ihr zu. Stellte Fragen. Schrieb alles auf.

Und dann – ich konnte es kaum glauben – unterstützte er sie!

Schließlich wurde ihr Wunsch kirchlich abgesegnet – erst zögerlich, dann begeistert. Und schwupps: Da war es, das Fronleichnamsfest. Mit Monstranz, Prozession und ganz viel Pomp.