Gut Nass - Ulf Imwiehe - E-Book

Gut Nass E-Book

Ulf Imwiehe

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Beschreibung

"Gut Nass" erzählt die tragikomische Geschichte des Endzwanzigers Felix "Flex" Freiwaldt, der im Forstbad, dem gemeindeeigenen Schwimmbad des Heideörtchens Schweigen, als Bademeister arbeitet. Oder Schwimmmeister, wie die korrekte Bezeichnung lautet, aber Flex nimmt es damit nicht so genau, hat er diesen Beruf doch lediglich ergriffen, um die Zeit möglichst locker herumzukriegen und gemütlich im öffentlichen Dienst ein bisschen Geld zu verdienen. Sehr zur Enttäuschung seines Vaters, der als erfolgreicher Werbetexter in Singapur lebt und sich eigentlich für seinen einzigen Sohn einen ähnlichen Lebensweg erhofft hatte. Als Flex eines Tages wider Willen die Karriereleiter hinauffällt und im Zuge der Privatisierung seines Schwimmbades zum Betriebsleiter ernannt wird, endet sein beschauliches Dasein. Seite an Seite mit seinen besten Freunden Meredith und Caruso taumelt Flex durch eine Welt aus dörflicher Widerstandskultur, knallharten Businessintrigen und verkorksten zwischenmenschlichen Beziehungen und kämpft dabei um die zerbrochene Liebe zu seiner Freundin, Maike. "Gut Nass" behandelt neben Themen wie Privatisierung, provinzpolitischen Machtspielen und Wutbürgertum vor allem die destruktive Wirkung des Ungesagten, des Verheimlichten. Denn ob es die Liebe zwischen Flex und Maike ist, die kaputte Beziehung zu seinem Vater oder das intransparente, größenwahnsinnige Projekt der Umwandlung des Forstbades in die gigantische Freizeitwelt Utopia Forest – alles droht am Unausgesprochen zu scheitern und an der Unfähigkeit oder dem Unwillen, einander zuzuhören.

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Seitenzahl: 547

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ulf Imwiehe

Gut Nass

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Montag: Evolution

Montag: Signale

Dienstag: Unruhe gleich Energie

Dienstag: Der Ruf des Nestes

Mittwoch: Aufsicht und besondere Aufgaben

Mittwoch: Nastrovje

Donnerstag: Situationsanalyse

Donnerstag: Vertrauensfrage

Freitag: Ganz schön bitter

Samstag: Unser kleines Leben

Samstag: Gut Nass

Sonntag: Im verbotenen Garten

Montag: Perspektiven

Montag: Utopia Forest

Dienstag: Ein Gefühl von Fallen

Dienstag: Linsen

Dienstag: Dinner der gebrochenen Herzen

Mittwoch: Absolutes Commitment

Mittwoch: Ein guter Eindruck muss schon sein

Donnerstag: Forstbad 21

Freitag: Zum Geburtstag

Freitag: Phönix

Samstag: Abwehrreaktionen

Sonntag: Initiative

Sonntag: Was uns verbindet

Montag: Ein Akt der Befreiung...

Montag: ...ein Akt der Gewalt

Impressum neobooks

Montag: Evolution

Ich weiß alles. Ich komm nur meistens nicht drauf.

»Tot?«

Ich verspüre abwechselnd den Drang, zu lachen, zu husten, vielleicht fassungslos den Kopf zu schütteln. Etwas Angemessenes. Ich tue nichts von alledem. Stattdessen suche ich nach der Pointe, nach irgendetwas Verräterischem in Bürgermeister Marthers Verhalten, diesem freundlichen, verlegenen Säugling. So ein treues Gesicht, alles rund und sanft und glatt. So weiches, bleiches Haar, ganz fein und luftig und doch immer streng gescheitelt. Man will es streicheln, dieses Haar, sich drin vergraben und Schutz suchen. Es ist das einzig sirenenhafte an diesem nüchternen Mann, diesem hochprofessionellen Verwalter, der stets den Tränen nah scheint.

Er nickt gewichtig.

»Gestern. Stromschlag. Zack! Beim Heimwerken, wenn ich das richtig verstanden habe. Auf jeden Fall ist es wohl bei ihm zu Hause passiert. Ganz genau weiß ich das nicht, hab auch erst heute morgen davon erfahren. War ja noch ganz hysterisch, seine Frau...«

»Witwe«, unterbricht ihn Tante Heidi, die jeder so nennt, natürlich nur hinter ihrem Rücken oder, offen, auf Betriebsausflügen und dergleichen, unter dem Schutz der Promille. Sie ist es, die mich vor einer Stunde angerufen und zum außerordentlichen Krisengespräch ins Rathaus bestellt hat. An meinem ersten freien Tag seit zwei Wochen! Selbstverständlich, ohne mir zu verraten, worum es eigentlich geht, so wie es ihr Prinzip ist. Wer auch immer diese Frau vor, wie sie gerne betont, fast zwanzig Jahren zur Personalchefin der Gemeinde Schweigen gemacht hat, war entweder mit ihr verwandt, total verzweifelt oder hatte einen diabolischen Humor.

»Natürlich, Frau Sarge-Albenbrecht, natürlich. Witwe.«

Bürgermeister Marther fummelt an seiner Krawatte herum, die sich mit seinem üblichen Sherlock-Holmes-haften Sakko zu einem farbarmen Einsatzanzug vereint. Beige-graue Dezenz, die auch sein Büro bestimmt, seinen akkurat aufgeräumten Schreibtisch mit dem Panoramafenster im Rücken, das über den winzigen, spätsommerlichen Schweigener Bürgerpark hinausblickt, dahinter rostziegelig und von Chromadern durchwirkt, die Gebäude von Schlüters Schokoladenfabrik, Keimzelle und Herz des Ortes. Die Touristen lieben diesen Geruch, der Tag und Nacht über Schweigen liegt. Weihnachtsbäckerei. Fett. Trost. Und überall Wald. Wald, Wald, Wald.

»Ja, äh, und jetzt?«

Ich war schon eloquenter, zugegeben, aber meine Frage muss wohl irgendetwas auslösen. Tante Heidi zuckt auf ihrem Stuhl neben mir zusammen, reißt sich die Brille herunter und kaut auf dem Bügel herum, als wäre sie plötzlich dem Hungertod nahe. Sie starrt mich an, knabbert, nuckelt und gibt kaum wahrnehmbare frierende Laute von sich, wie eine Grippekranke, die sich in den Schlaf schluchzt. Sie wechselt einen Blick mit Bürgermeister Marther, der nervös die Maus seines PCs hin und her schubst. Durch die Tür zum Vorzimmer von Bürgermeister Marthers Büro höre ich gedämpfte Stimmen, gefolgt vom Gelächter seiner Sekretärin. Ich komme mir ein wenig grotesk vor, in meinen schlotterigen Sportklamotten, aber was holen die mich auch direkt vom Fahrrad hierher?

»Wir haben uns gedacht...«, sagt Bürgermeister Marther.

»Im Angesicht der...«, sagt Tante Heidi.

Höfliches Gegrinse. Bürgermeister Marther weist ein wenig gönnerhaft und irgendwie sehr erleichtert wirkend auf Tante Heidi, die sich entschlossen die Brille wieder aufsetzt.

»Im Angesicht der Tragödie, die uns alle so unvorbereitet getroffen hat, erkennen wir, also Herr Bürgermeister Marther und ich, aber ich denke, ich spreche auch für die Gemeinde Schweigen an sich, bei allem Schmerz, die Notwendigkeit, zusammenzuhalten und ein gemeinsames Ziel im Blick zu haben. Eine Herausforderung. Jeder Rückschlag, ist eine Herausforderung.«

Oha, jetzt läuft sie sich warm.

»Weißt du, Felix, wenn es eines gibt, dass ich in all meinen Dienstjahren gelernt habe, und ich habe einiges erlebt und gesehen, kann ich dir sagen, also, wenn ich eines gelernt habe, dann das: Manchmal wird ein Kapitel im Buch des Lebens aufgeschlagen, das man nicht sofort versteht. Weil man es nicht lesen kann, weil einem die Vokabeln fehlen oder was weiß ich, ist ja auch egal. Also, Rätsel. Kann man ruhig davor stehen wie der, wie geht denn noch diese Sprichwort da, das mit dem Ochsen...? Jedenfalls darf man auch mal sagen, ich verstehe das nicht. Ist doch keine Schande! Wer weiß schon alles? Eben, keiner! Aber man muss den Mut haben, zu fragen. Oder aber wissen, wo das Wörterbuch steht. Das Lexikon. Oder ihr jungen Leute heute mit eurem Wiki-Dings und Google und wie das alles heißt. Ist doch alles da! Alles, was einem mitgegeben wird, zum Beispiel in der Berufsausbildung, das muss man als Rüstzeug begreifen, als Fundus, vor allem für die Momente, wenn es eng wird, kniffelig...«

»Um es kurz zu machen, Herr Freiwaldt«, fällt Bürgermeister Marther ihr ins Wort und vergisst wie jedes Mal, wenn er ungeduldig wird, das R zu rollen. Vielleicht fragt er sich gerade, wie ich auch, ob Tante Heidi langsam senil wird. »Also, um es sozusagen auf den Punkt zu bringen, es ist so, dass Frau Sarge-Albenbrecht und ich beschlossen haben, sie mit sofortiger Wirkung zum Betriebsleiter des Forstbades zu ernennen. Als Nachfolger von Herrn Klamm.«

Ich starre ihn an. Starre über seine Schulter in den Schweigener Himmel. Starre in Tante Heidis Milde. Brennt da was in meinem Bauch?

»Ja, aber, dienstältester Schwimmmeister ist doch Herr Teller. Ich meine, ist das nicht ein bisschen überstürzt?«

Tante Heidi nimmt die Brille ab und sieht mich ich an, als wäre ich irgendsoein misshandeltes Wesen aus einer dieser schlechten Reality-Shows. So ein ruiniertes Ding, das sie liebend gern aus seinem Elend heraus adoptieren würde, aber, ach, die Umstände, die Finanzen, die Vernunft.

»Felix«, sagt sie und mir fällt auf, dass Tante Heidi, abgesehen von Maike und dem Mann, aber an den will ich jetzt besser nicht denken (zu spät!), die einzige Person in ganz Schweigen ist, die mich bei meinem richtigen Vornamen nennt. »Hör mal, Felix. Jetzt hör mal zu. Ich kann gut verstehen, dass dich Hans-Herrmanns Tod belastet. Sieh uns doch an! Uns geht’s doch nicht anders. Schrecklich, ganz furchtbar. Und seine arme Frau erst.«

»Witwe«, sagt Bürgermeister Marther. Tante Heidi blinzelt, nuckelt, Bürgermeister Marther beugt sich vor, fixiert mich und faltet die Hände auf seinem Schreibtisch. Komisch, mir ist noch nie aufgefallen, dass er einen Ehering trägt.

»Witwe«, seufzt Tante Heidi. »Natürlich. Wie auch immer. Also, Felix, ich finde es, wie gesagt, ganz, ganz toll von dir, dass du selbst in dieser traurigen Stunde als erstes an deine Kollegen denkst. Und ja, sicher, Walter ist dienstältester Schwimmmeister, stimmt, stimmt. Aber mach dir da bitte überhaupt gar keine Sorgen, Felix. Das ist alles geklärt. Walter ist ein ganz, ganz lieber Kerl und hat Fachwissen. Alte Schule, unser Walter. Aber Betriebsleiter? Nee, nee, Felix, das sehe ich nicht. Für den ist ja der Badegast noch immer der Feind, ums mal so zu sagen. Also, Bürgermeister Marther und ich haben uns das gründlich überlegt und Walter wird das hundertprozentig verstehen und der Betriebsrat kann da gar nichts machen. Und wozu auch?«

Klingt ernst. Na ja, war einen Versuch wert.

»Außerdem fungieren Sie ja nun auch schon bald vier Jahre als Stellvertreter für Herrn Klamm«, gibt sich Bürgermeister Marther sonor. Das R rollt wieder. In einer anderen Situation würde mich das direkt beruhigen. »Und ganz unerfahren sind sie ja nun beileibe nicht, kennen das Bad in- und auswendig seit ihrer Ausbildung bei uns, haben immer Einsatz gezeigt, auch, wenn es mal eng wurde.«

Gibt es in diesem Saftladen denn Zeiten, in denen es mal nicht eng ist? Tante Heidi, frisch bebrillt und beruhigt, lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander. Das Kunstlederpolster ihres Stuhls faucht.

»Mein Motto war ja seit jeher, in all meinen Jahren hier, dass man dem Nachwuchs eine Chance geben muss. Ausbilden zur Verantwortung, sage ich immer. Dass es dann mal so über Nacht so weit kommt und noch dazu unter so fürchterlichen Umständen, konnte natürlich keiner ahnen. Aber, Felix, ich kenne dich seit Anfang an, das sind jetzt, acht, neun Jahre? Also, ich kenne dich doch und glaub mir, ich spreche jetzt nicht als Personalchefin... also natürlich tue ich das, aber eben nicht nur, sondern als Mensch und Bürgerin der Gemeinde Schweigen und, ja, auch als eine Art Freundin: Du bist der Richtige. Das Bad braucht dich. Die Gemeinde braucht dich.«

Beide beugen sich in mich rein, Bürgermeister Marther und Tante Heidi. Warten. Gucken. Diese beiden Überbringer großer Gaben, wie sie sich quälen in den schrecklichsten Sekunden nach der Bescherung.

»Und?« fragt Bürgermeister Marther.

»Was meinst du?« fragt Tante Heidi.

Ich atme vor mich hin. Tja, Tante Heidi, was meine ich? Dass ihr euch euer Gerede von Verantwortung und Zusammenhalt mal schön in die Tasche stecken könnt, weil ich eigentlich nur Schwimmmeister aus Gewohnheit bin und auf so einen Badleitungsquatsch pfeife? Dass ich hängen geblieben bin, was weiß ich denn, aus Protest vielleicht, mich aber dran gewöhnt habe und es mitunter sogar genieße, in der Aufsicht zu hocken und zu lesen, wenn nichts los ist? Dass ich sonst nicht ganz viel habe und nur deswegen solchen, wie ihr es nennt, Einsatz zeige, weil wir mal wieder völlig unterbesetzt sind und ich die Kollegen nicht hängen lassen will und kann? Weil ich dem Mann, obwohl er schon lange weg ist, meistens jedenfalls, auch nach all den Jahren immer noch beweisen muss, dass er keine Macht über mich hat? Oder vielleicht, dass er mir einfach leicht fällt, dieser Job, egal, wie ich es eigentlich hasse, ständig müde zu sein, wegen der bescheuerten Arbeitszeiten und der andauernden Selbstüberwindung, die von allem noch am meisten Kraft kostet. Dabeizubleiben. Sicher, sicher, manchmal ist es ja auch ganz lustig, Tante Heidi, manchmal ist man sogar ein wenig stolz. Wenn man etwa jemanden das Schwimmen beigebracht hat, der bis zu seinem siebzigsten Lebensjahr panische Angst vor Wasser hatte und jetzt zu einem der treusten Frühschwimmer zählt (was allerdings auch wieder nervt...!)? Wenn man an einem Sonntagnachmittag im August, wenn die Schwimmhalle geschlossen ist, über den total überfüllten Freidbadteil blickt und weiß, man hat es im Griff, das Team ist wach und stark und man unaufhörlich rennt und Köpfe zählt und der Geruch der in der Hitze backenden Kiefern und Eichen sich mit Fritteusenfett und ausgetragenem, am Beckenrand nie ganz trocknendem Wasser zu diesem typischen Forstbadaroma vermischt. Dieser Duft, der dich daran erinnert, wo du hingehörst und wo du morgen wieder sein wirst, denn wer soll es denn sonst machen? Und man steht in der triefenden Menge neben dem Aufgangsturm zur Speedrutsche, wie ein in geheimen Ritualen gesalbter Hohepriester der Sonnengottheit am Fuße eines bonbonfarbenen ägyptischen Obelisken, und sorgt für Ruhe und Ordnung, weist Plätze und Reihenfolgen zu, tröstet und straft, ist hilflos, wenn man aus sich heraus steigt und auf sein Leben blickt, in diesem Moment und doch auch ruhig und sicher, denn das hier, so absurd es einem dann auch scheinen mag, ist jetzt gerade einmal wichtig und unersetzlich und alles so zerbrechlich. Soll ich dir sagen, Tante Heidi, dass ich gar nicht weiß, ob ich das Zeug zum Badleiter habe und das Leben in der zweiten Reihe bevorzuge, wenn ich schon wählen muss? Dass ich genau in diesem Moment, ach, eigentlich immer, fast überall lieber wäre als hier und jetzt? Und wieso bietet einem hier eigentlich keiner einen Kaffe an oder sonst was zu trinken?

»Kriegen wir hin«, sage ich. Es muss die Gefallsucht sein. Flex, du Idiot!

Bei Schlüters geht irgendein Signal. Nochmal, feierlich. Vielleicht Schichtwechsel. Vielleicht wird gerade eine besonders edle Rezeptur durch die Rohrleitungen gepresst oder wie immer auch das da funktioniert.

Bürgermeister Marther lehnt sich glücklich schimmernd zurück und legt die Handflächen aneinander, wie zum Gebet. Obwohl, grüßen sich so nicht auch die Kampfsportler bevor sie einander zerkloppen?

»Sehen Sie, Frau Sarge-Albenbrecht?« sagt er. »Sehen Sie? Ich habe doch gesagt, dass unser Herr Freiwaldt genau der richtige Mann ist.«

»Daran habe ich keinen Moment gezweifelt. Keinen! Einzigen! Moment!«

Tante Heidi neigt sich zu mir herüber und krallt sich sanft in meinen Unterarm. Ihr Atem riecht nach Erdbeeren und kaltem Zigarettenrauch. Ich blinzele auf ihre Hand. In ihr Gesicht. Blinzele in Bürgermeister Marthers Gesicht und schreie nach innen. Wieso muss ich immer wieder so sein? Mein Mund klebt. Mein Rachen brennt. Ich müsste jetzt wohl was sagen. Stattdessen grinse ich dämlich. Bürgermeister Marthers Erleichterung schlägt um in professionelle Entschlossenheit. Er greift einen Stapel Papiere, die militärisch exakt neben seinem Computerbildschirm gestapelt sind und blättert darin herum.

»Hmmm. Hmmm.«

»Letzte Seite«, sagt Tante Heidi.

»Aber ja, aber ja«, murmelt Bürgermeister Marther und griffelt sich durch die Akte, meine Personalakte, wie ich mal vermute. Ist das jetzt gut oder eher grauenvoll?

»Ah, ja. Also, Herr Freiwaldt, da ist natürlich noch die Sache mit der Bezahlung.«

Grauenvoll, definitiv.

»Also, kurz gesagt, wir können Ihnen aufgrund ihrer Berufserfahrung, die wir rein qualitativ natürlich als enorm betrachten, Herr Freiwaldt, bitte verstehen Sie mich da richtig! Und da spielt es gar keine Rolle, dass Sie noch keine Meisterprüfung abgelegt haben. Das ist ja nicht mehr bindend, als Badleiter muss man ja nicht mehr zwingend, wie früher, den Meister... wie heißt das noch?«

»Meister für Bäderbetriebe«, hilft Tante Heidi.

»Genau, genau. Das geht ja auch als ganz normaler Schwimmmeister, oder Fachangestellter für Bäderbetriebe heißt das ja jetzt, so viel Zeit muss sein.«

Mir doch egal, wie das einer nennt. Schwimmmeister geht immer. Im Gegensatz zu vielen eher mimosenhaften Kollegen habe ich auch kein Problem mit dem irgendwo zwischen Hohn und Neid schwankenden Ehrentitel Bademeister. Da weiß man doch worum's geht!

Bürgermeister Marther griffelt. »Also, kurz gesagt, steht da laut Tarifvertrag für sie noch kein weiterer Bewährungsaufstieg an, der letzte ist ja auch noch nicht solange her.«

Und war eher symbolischer Natur, aber ich will mal nicht jammern.

»Ich denke aber mal, dass die Verantwortung, die Sie bereit sind, zu übernehmen in Kombination mit der Größe des Bades, also des Personals, jetzt, der Mitarbeiter, meine ich – das sollte auf jeden Fall über eine Art Funktionszulage zu regeln sein. Das muss ja honoriert werden! Frau Sarge-Albenbrecht wird da die Tage mal in Ruhe drauf gucken, was da rauszuholen ist, zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die kleinste Geige spielt ja immer noch die schönste Musik, nicht wahr?«

Er reibt mehrmals Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aneinander und freut sich rührend unschuldig über seinen kleinen Witz. Ich gluckse höflich. Tante Heidis Stuhl faucht. Sie räuspert sich.

»Da wird auf jeden Fall was zu machen sein«, sagt sie fest. »Als Hans-Herrmann Klamm damals die Leitung vom alten Leyendieck übernommen hat, lief das ähnlich. Gut, der hatte den Meister aber ist ja lange her. Mensch, Mensch. Das waren zwar andere Zeiten, aber in Angesicht deiner besonderen Situation... Das muss man ja berücksichtigen, dass du jetzt nicht nur die klassischen Betriebsleiteraufgaben übernimmst. Das ist ja doch ein bisschen, äh, äh, anspruchsvoller, was da noch so auf dich und auf uns alle zukommt.«

Sie blickt hilflos zu Bürgermeister Marther hinüber, der einen geheimnisvollen synkopischen Rhythmus auf dem Deckblatt meiner Akte trommelt und dabei die Wangen einsaugt und aufbläht. Moment mal, das gefällt mir nicht. Da kommt doch noch was. Das war so klar. Ich Arsch...

»Was da auf noch so auf mich zukommt?« quake ich. »Besondere Situation?«

Wir glotzen im Dreieck, wie die Käuzchen im Vogelpark, immer hin und her rucken die Köpfe.

»Besondere? Situation? Also noch besonderer als von heute auf morgen meinen verstorbenen Chef zu ersetzen?«

Irgendwo im Vorzimmer oder auf dem Flur spielt ein Handy das Telekom-Jingle. Wer hat denn sowas noch? Bürgermeister Marther versucht mich anscheinend zu hypnotisieren, während Tante Heidi, vom Brillennuckelimpuls gepackt, tapfer ihre epileptisch Richtung Gesicht und zurück zuckende Hand unter Kontrolle bringt. Die kleine Flamme in meinem Bauch wandert Richtung Brust.

»Kann mir bitte mal jemand auf die Sprünge helfen?«

Wieder leises Gelächter von draußen. Was ist denn hier so amüsant? Hier ist ein Mensch gestorben, verdammt!

Bürgermeister Marther stößt sich mitsamt Drehstuhl von seinem Schreibtisch ab, fast angewidert, mit einem Schwung, dass er fast an die Panoramascheibe hinter sich anstößt, stützt die Ellenbogen auf die Knie und massiert sein Gesicht faltig, mit einer Inbrunst, die mir Sorgen bereitet. Ich kannte mal einen, der hatte einen dieser furchtbar knitterigen Tempelhunde oder wie die heißen. Sah ganz ähnlich aus. Das Vieh hatte aber deutlich weniger Kummer, als der kleine weiche Mann, der, hinter sich das Schweigener Postkartenidyll inklusive Schlüterscher Lebensader und Gründermythos, gerade die Hände in seine Stirn gräbt. Ja, will der sich denn gleich die Augen aus dem Kopf reißen? Tante Heidis Stuhl hört gar nicht mehr auf zu fauchen.

»Ja, Felix«, sagt sie, nein, würgt sie fast. »Ja. Ja. Da ist noch was. Das ist wie, wie...«

Sie blinzelt glänzend um sich herum. Zitterbacken. Die nächste Stufe nach Brillennuckeln, au weia. Bürgermeister Marther wippt mit zurückgelehntem Kopf in seinem Stuhl und dreht sich sachte Richtung Schweigen zu und zurück, mir sein Profil zugewandt.

»Um es kurz zu machen, Herr Freiwaldt. Die Sache ist intensiv aber überschaubar«, nuschelt er so leise, ich hör ihn fast so schlecht wie ich ihn verstehe.

»Das Buch des Lebens!« fuchtelt Tante Heidi.

Was hat sie bloß mit dieser bescheuerten Platitude?

»Das ist genauso, wie das, was ich vorhin meinte, mit dem Buch des Lebens. Dass wir nicht immer sofort begreifen können, was da drin steht und so weiter. Für uns alle hier, also für Bürgermeister Marther und mich und dich und für ganz Schweigen... Nicht nur das Forstbad, Felix, ganz Schweigen! Also, wie gesagt, für uns alle beginnt jetzt nämlich ein ganz neues, aufregendes Kapitel. Und manchmal, du weißt das bestimmt, du liest doch immer so viel, manchmal kriegt man die dollsten Gedanken bei sowas. Neues! Unbekanntes! Das ist ja ganz natürlich, dass einem das unheimlich ist. Das ist doch keine Schande. Mensch, Mensch, wie soll das bloß gutgehen und was man da nicht alles so denkt... Wie auch immer, wichtig ist, dass man nicht allein ist und an einem Strang zieht und, dass man weiß was man kann. Vertrauen! Und Mut muss man haben, dann schafft man alles. Und, dass man die Chance erkennt, die...«

Bürgermeister Marther gibt eine Mischung aus Knurren und verzweifelt gähnendem Schmerzensschrei von sich, rollt sich bis ganz dicht an seinen Schreibtisch heran und faltet die Hände. Die linke Hand dreht wie ein Automat den Ehering an der Rechten.

»Im Grunde ist es ganz einfach zu erklären, Herr Freiwaldt«, stöhnt er, sammelt sich kurz, strafft seinen runden Rumpf und blickt mir ins Gesicht. Etwas breiig und viskos. Zementen.

»Mit Wirkung zum 31.12. dieses Jahres, wird das Forstbad Schweigen aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen.«

Was machen die mit mir? Was zum Teufel machen die bloß immer alle mit mir? Als wenn man sich nach Jahren der Flugangst endlich zu seinem ersten Fallschirmsprung durchringt und kurz bevor man im Freifall die Leine reißen will von einem Klotz verglühenden Weltraumschrotts erschlagen wird. Oder schartige Blöcke gefrorener Pisse aus dem Billigfliegerbordklo. Hört man ja immer wieder, sowas. Jetzt mal ganz ruhig, Flex, ganz kalt. Erstmal Fakten.

»Heißt das...«, beginne ich und täusche ein Räuspern vor, als ich merke, dass ich fast schon schreie. »Ich meine, verstehe ich das hier gerade richtig, Sie wollen mich, na ja, wie soll ich sagen, befördern, nur um mich dann in ein paar Monaten zu feuern? Und, und, und... was heißt denn überhaupt schließen? Aus wirtschaftlichen Gründen? Pleite? Zu? Richtig zu?«

Tante Heidi grabbelt vor sich in der Luft herum, knetet den Saum ihrer Kostümjacke, schnaubt und prustet. Schnappatmung droht und somit Stufe drei nach Backenzittern und Brillennuckeln. Ihr Erdbeer-Tabakatem weht zu mir herüber, legt sich kurz auf mein Gesicht, auf meinen Hals, ebbt ab wie ein verfaulender Sommerabend. Bürgermeister Marther indes, hat endgültig die Contenance zurückgewonnen und lehnt sich in grauer Gelassenheit zurück. Seine Hände falten sich auf. Fast möchte ich meinen Kopf hineinlegen und ein wenig ausruhen.

»Nein, nein, nein, Herr Freiwaldt!« beschwört er und flattert ein wenig herum. Ein Dirigent, der die Stille bevorzugt. »Da habe ich mich vielleicht ein wenig missverständlich ausgedrückt. Machen Sie sich bitte überhaupt keine Sorgen. Überhaupt keine! Also, kurz gesagt, heißt Schließung in diesem Fall nicht Schließung. Eher so etwas wie, wie...«

»Übergang«, schlägt Tante Heidi vor, merklich um Enthusiasmus ringend.

»Genau, Frau Sarge-Albenbrecht. Übergang, so kann man das nennen. Oder, noch besser, Entwicklung! Evolution! Und Sie, lieber Herr Freiwaldt, Sie und wir alle dürfen aktiv daran mitwirken. Gestalten, Zukunft gestalten, dass drückt es vielleicht am präzisesten aus.«

Ich überlege, wie ich höflich zum Ausdruck bringen kann, dass in diesem Raum offensichtlich gänzlich unterschiedliche Vorstellungen von Präzision miteinander kollidieren und sage dann doch lieber nichts. Bürgermeister Marther beugt sich verschwörerisch vor.

»Wie Sie ja sicher mitbekommen haben, Herr Freiwaldt, ist es für einen öffentlichen Betreiber wie uns, also einer Kommune von doch eher, äh, äh, vergleichsweise überschaubarer Größe, wie es Schweigen nun einmal ist, nahezu unmöglich, un-mög-lich, Herr Freiwaldt, ein dermaßen, tja, üppiges, ach was, überdimensioniertes Bäderangebot auf Dauer wirtschaftlich zu betreiben. Da müsste man ja, um auch nur die laufenden Kosten zu decken, zwanzig, dreißig Euro Eintritt nehmen.«

Aus seiner kleinen Faust ragt dick ein Finger und zersticht die Luft.

»Da muss man ja mal ganz realistisch sein. So ein Kombibad wie das Forstbad, keine sechstausend Einwohner, dazu die Konkurrenz durch das Waldbad in Bomlitz, die Soltau-Therme, die bauen da ja wohl im großen Stil um, im ganz großen Stil, will ich meinen, und dieses Spaßbad in Rotenburg, die graben uns ja doch mächtig potenzielle Gäste aus dem Umland ab. Wie heißt das noch, das Ding da in Rotenburg...?«

»Ronolulu«, krächze ich.

»Genau!« jubelt er fast. »Ronolulu, was ist das eigentlich für ein selten dämlicher Name? Also, um es kurz zu machen, Herr Freiwaldt, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir, das haben Sie ja sicher in Ihrer täglichen Arbeit schon längst bemerkt, dringend investieren müssen, um den Wert des Bades zu erhalten. Und ich sage es hier mal ganz offen, dieses Geld haben wir einfach nicht. Man muss ja nur mal in die Zeitung gucken. Nachrichten! Krise, Krise, Krise und am dreckigsten geht’s den Kommunen.«

Er neigt sich leicht zur Seite und weist vage in Richtung Schlüter hinter sich.

»Und wir stehen noch vergleichsweise gut da, mit einem potenten Steuerzahler wie Schlüter im Gemeindegebiet.«

Tante Heidi macht zustimmende ho-ho Geräusche und faucht und zischt ein wenig mit ihrem Sitzpolster. Bürgermeister Marther nickt ihr zu, nickt mir zu und lodert schamanenhaft vor Eifer.

»Aber man muss doch einfach mal den Tatsachen in die Augen sehen, Herr Freiwaldt. Es ist eben nicht mehr wie es mal war. Die Kassen sind knapp, das Bad ist alt, vor allem die Technik ist ja teilweise fast schon antik. Das ist doch, wollen wir doch mal ehrlich sein, fast schon ein Wunder, dass die ganze Kiste überhaupt noch läuft.«

»Obwohl es natürlich ganz ganz toll ist, was das Team dort leistet, um den Laden in Schwung zu halten, dass wollen wir bitte nicht vergessen, Bürgermeister Marther. Investitionsstau hin oder her«, tadelt Tante Heidi verspielt pflichtschuldig. Sie lächelt im Raum herum. Ich glaube ich auch.

»Natürlich, natürlich, Frau Sarge-Albenbrecht«, ruft Bürgermeister Marther. »Ja also, wie auch immer, kurz gesagt, geht es darum, dass wir Geld in die Hand nehmen müssen, oder der Hammer fällt. Licht aus, Wasser raus sozusagen. Dieses Geld haben wir aber nicht. Jedenfalls nicht in solch exorbitanter Höhe. Und selbst wenn wir es hätten und alles auf den neusten Stand bringen würden, fehlt mir ehrlich gesagt die Fantasie, mir vorzustellen, wie wir, als Kommune, also, als kleine Gemeinde, das Forstbad zu den jetzigen Konditionen weiterbetreiben könnten, ohne ein, ein, ein... monströses Defizit einzufahren, das uns in den Ruin treibt. Ruin, Herr Freiwaldt, nicht übertrieben!«

Ich hebe die Hände und bemerke zu meinem Entsetzen, wie meine Finger hilflos flehend stumm vor sich hin stammeln.

»Und deswegen wird das Bad geschlossen?« Aus mir wird vielleicht doch noch einmal ein großer Kriminalist. Das wär ja ein Ding.

Bürgermeister Marther sieht aus, als wolle er jeden Moment aus seinem Drehstuhl heraus auf den Schreibtisch springen und sein Jacket durchs Büro schleudern. Er pulsiert triumphal.

»Nein, Herr Freiwaldt. Deswegen haben wir einen Investor gesucht, der das Forstbad übernimmt, modernisiert und betreibt und, ich muss gestehen, ich bin da sehr erleichtert drüber, wir haben einen gefunden.«

»Evolution«, sagt Tante Heidi.

»So ist es«, sagt Bürgermeister Marther. »Evolution.«

Karge Steppe in meinem Kopf. Gerippe trocknen unter Eisenhimmeln.

»Ja, und was ist mit dem Personal?« frage ich. »Die Arbeitsverhältnisse? Werden die dann aufgelöst oder wie muss man das verstehen? Ich meine, da gibt’s doch Verträge...«

»Herr Freiwaldt!«

»Felix!«

Bürgermeister Marther sieht mich an als hätte ich den großartigsten unanständigen Witz gerissen, den er je gehört hat während Tante Heidi offenbar kurz davor ist, mich an sich zu drücken und sachte zu beklopfen.

»Nein, nein, Felix, was denkst du denn?«

Wenn ich das jetzt sage, hat sich nicht nur die Sache mit dieser ominösen Betriebsleitergeschichte erledigt, ich werde wohl auch noch ins Exil gehen müssen, um mich je wieder sicher zu fühlen auf der Straße.

»Herr Freiwaldt,« pastoralt Bürgermeister Marther und formt einen Spitzgiebel mit seinen Händen, sein Mund als rosa Wetterhahn. »Ich kann sehr gut verstehen, dass sich das alles für Sie erst einmal ein wenig verwirrend anhört. Das ist doch auch nicht mal eben so, diese... Veränderung. Entwicklung. Aber bitte, ich bitte Sie Herr Freiwaldt, machen Sie sich keine Sorgen. Überhaupt keine! Das Bad verschwindet doch nicht vom Erdboden, das wird doch weiter betrieben, nur eben unter neuer wirtschaftlicher Führung. Da fliegt doch keiner raus! Herr Freiwaldt! Die Gemeinde Schweigen arbeitet mit Nachdruck, Hochdruck, an einer ganz individuellen personellen Lösung, gemeinsam mit dem Investor und, glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich alles daran setzen werde, ich ganz persönlich, dass diese Sache so elegant über die Bühne geht, wie, wie... Kurz gesagt, ich verspreche Ihnen, das Personal wird noch einmal dankbar sein für diese Entwicklung.«

Er neigt sich mir entgegen und blinzelt mich zielend an. Gleich schmeißt er mit Bonbons.

»Stellen Sie sich vor, Herr Freiwaldt, ein ganz neues, hochmodernes Bad, auf dem topaktuellsten Stand der Schwimmbadtechnik, mit allem Schnickschnack, das ist doch mal eine Aufgabe für einen jungen Kerl wie Sie! Klingt das denn gar nicht spannend für Sie?«

»Ähm, ja, also, doch, doch, natürlich. Sehr spannend klingt das für mich.« Ich will ein Roboter sein, servil und fremd im eigenen Handeln. »Allerdings muss ich gestehen, dass mir immer noch nicht ganz klar ist, was genau denn nun meine Aufgabe ist. Abgesehen von der Führung der Tagesgeschäfte bis zur Schließung...«

»So! Erst einmal folgendes, Herr Freiwaldt«, unterbricht Bürgermeister Marther mich und wirft seichte Kerben um sein Kinn. »Können wir uns hier bitte mal darauf einigen, nicht mehr von einer Schließung zu sprechen. Ja? Das ist eine Neustrukturierung. So würde ich das mal nennen wollen. Ein enorm wichtiger und positiver Schritt für das Bad, die Gemeinde und, Herr Freiwaldt, nicht zuletzt für Sie. Zweitens: Ihre Aufgabe ist es natürlich, den Betrieb bis dahin weiterzuführen. Das wird angesichts der bevorstehenden Umwandlung...«

»Und im Schatten der Tragödie... also einen so beliebten und erfahrenen Betriebsleiter zu verlieren und zu ersetzen, das ist ja auch eine ganz ganz große Herausforderung«, mahnt Tante Heidi, nimmt die Brille ab und hackt mit den Bügeln abwechselnd in meine und Bürgermeister Marthers Richtung. Klamm war beliebt? Das wird ja immer geheimnisvoller.

»Ja, ja, Frau Sarge-Albenbrecht«, bollert Bürgermeister Marther. »Das auch, selbstverständlich. Aber ihre eigentliche Mission, also, was über die eigentliche Badleiterfunktion hinausgeht und weswegen wir uns niemanden anders als Sie für diese Position vorstellen können, Herr Freiwaldt, ist die enge Zusammenarbeit mit dem Investor. Mit dessen Vertreter, meine ich natürlich. Der muss sich ja ein dezidiertes Bild machen können. Evaluation, Situationsanalyse und alles was dazu gehört. Da sind Sie, neben den entsprechenden Stellen in Verwaltung, also vor allem auch Buchhaltung und Technik, unser Repräsentant. Als Fachmann vor Ort, kurz gesagt. Da braucht es Kompetenz, Drive und Kommunikationstalent, Herr Freiwaldt. Agilität!«

Draußen im Park bellt ein Hund. Ein Mann schnauzt ihn an und der Hund bellt nur noch irrer. Ich beneide beide. Bürgermeister Marther hebt lustig die Brauen und sieht mich, leise mit den Fingern gegen seine Maus klickernd an. Tante Heidi putzt unsichtbare Verschmutzung von ihren Brillengläsern. Ich muss hier raus.

»Ja, das ist doch mal was«, rufe ich. Ein euphorisierter Scheinriese. Ich strahle Bürgermeister Marther und Tante Heidi an, bis mir vom Grimassen schneiden das Gesicht wehtut und beide wirken, als seien sie kurz davor, den Champagner herauszuholen.

Es folgt ein Stroboskopenmahlstrom von Händeschütteln, Schulterklopfen, mit hoher Dringlichkeit vorgetragenen Einschwörungen (»Aber noch kein Wort von der Übernahme des Bades, Herr Freiwaldt. Zu niemanden. Das ist noch streng geheim. Gemeinderat und Investor müssen noch einiges festklopfen und wir wollen doch keine unnötige Unruhe bei Personal und in der Öffentlichkeit auslösen, nicht wahr?«) und immer wieder Beschwichtigung. Dann im Jagdgallop mit Tante Heidi durchs Rathaus in die IT-Abteilung, hier unterschreiben, bittesehr, ein prima nagelneues iPhone, schwarz magst du doch so gerne, aber pass auf, dass dir das nicht so zerkratzt in deinem Rucksack, immer schön erreichbar sein, wichtig, wichtig, Emailkonto ist schon eingerichtet, das Gerät vom Klamm ist ja gegrillt, schrecklich, schrecklich, alles Gute im neuen Job, auf Wiedersehen und keine Sorge wegen dem Gehalt, Ergänzung zum Arbeitsvertrag ist schon so gut wie unterwegs, muss doch alles seine Ordnung haben. Und ich stehe draußen vor dem Rathaus in der Sonne, gar nicht übel, nicht zu heiß, blicke über den Bürgerpark, blicke zu Schlüter, den quallig schimmernden Altbauten davor, in denen bis zum Krieg die Werksverwaltung untergebracht war und die jetzt als Sozialwohnungen dienen, blicke die Straße zur anderen Seite hinauf, rechts hinter den Hecken bläht sich die Grundschule mit der wohl hässlichsten Turnhalle der gesamten Lüneburger Heide, weiter oben die Neubausiedlung, die älter ist als ich aber immer noch als neu gilt, dann dunkel wogend Tannen, Kiefern, Buchen, Eichen, und schließlich darin verborgen, wie eine Legende, das Forstbad.

Alles sieht aus wie immer und doch ist alles grausam anders. Metallisch fremd. Gläsern hart und endgültig. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, worauf ich mich da eingelassen habe, nehme mir jedoch vor, diesen ganzen Irrsinn mit der größtmöglichen Gelassenheit als aufregend zu betrachten und schließe mein Fahrrad auf. Bewegung, Schweiß und Schmerz. Bloß raus aus meinem Kopf, was ist da bloß wieder los? Wildnis. Bloß raus aus diesem Nest.

Ich springe aufs Rad, mein rettendes gleichgültiges schwarzes Prothesentier, gleite rechts die Straße hinunter, weg von Rathaus und Forstbad, quer durch den Park (zweimal Blinzeln), Schlüters Kalorien in die Luft sottendes Werksgebiet entlang, dann durch den Kreisverkehr, vorbei an Bibliothek, Sparkasse und Post, raus auf die Allee Richtung Bomlitz, zwei Kilometer Fahrradweg, dann rechts in Westerharl zum alten Friedhof, auf dem sich die Koniferen um eine einzige, greise Birke krümmen, und weiter, links, rechts, schaukelndes Fabrikgetreide, Wald, Dorfmark erhebt sich aus der dünstenden Senkung, rechts über die Feldmark, bebend, springend und zurück auf die Kreisstraße. Richtung Bad Fallingbostel jetzt und wieder Wald, immer Wald. Gerade, lange Strecke. Ich hebe mich leicht aus dem Sattel und schalte höher, hell, dunkel, dunkel, hell, hell, dunkel. Alles brennt. Die Zunge pelzt. Ich bin durstig. Gut. Am Kreisel (auf gottverlassener Flur, na, wenn's die Unfallstatistik senken hilft) lasse ich mich bergab rollen und überlege kurz, wieder Richtung Bomlitz abzubiegen. Nein, nein, so geht das nicht, mehr Leid! Also weiter durch Bad Fallingbostel, raus, nach Düshorn, Walsrode, dann langsam heimwärts, ja bin ich denn bekloppt? Kurz vor Uetzingen lässt die Wirkung nach. Auf dem Grünstreifen liegt eine zerplatzte Katze, ihr umgekrempeltes Fell strahlt schwarz und weiß, eine Pfote ragt aus dem dreckigem, grau und rot durchschlungenem Kadavergewirr. Ein letzter Gruß. Ich biege links Richtung Borg ab und lass die Tritte länger werden, gnädiger. Die Sonne steht tief und kitscht golden sämigen Werbehonig. Durch Borg also, diese seltsame Reihe von menschenlosen Häusern und staksendem Rehwild auf den vernarbten Weiden, durch Benefeld, an Bomlitz vorbei, dann weiter nach Schweigen zum alten Zöllnerhäuschen auf der Anhöhe am Bach vor dem Ortsschild. Ich holpere über den Kopfsteinpflasterweg, lehne mein Rad an eine schartige Eiche und setze mich auf die grob aus Stämmen gehauene Bank neben dem Hinweisschild: Zollhaus Schweigen, ehemalige Wohnstätte des Schriftstellers Tassilo Eisen, der in den Jahren von 1949 bis 1990 hier gelebt und gearbeitet hat. Darunter das übliche historische Brimborium über Bronzezeit, Grenzverläufe im Dreißigjährigen Krieg, Westfälischen Frieden, Frankreich, Kaiser, Nazis und lauter so Scheiß.

Ich fummele eine halbvolle Plastikflasche Volvic aus dem Rucksack. Urinaltemperiert, welch eine Erlösung. Dann kram ich das iPhone hervor, tipp und wisch da ein bisschen drauf rum (tatsächlich, sämtliche Kontaktdaten der Gemeindeverwaltung schon hinterlegt, da klappt ja doch noch was!) und versuche erfolglos herauszufinden, wie ich den Krempel von meinem Samsung da rüber schieben kann. Bevor ich noch alles frustriert im Bach versenke, tippe ich den ganzen Mist lieber stumpf ab. Ist ja auch weniger entfremdend, wenn man mal wieder richtig Handarbeit verrichtet, so klebrig dasitzend im eigenen Gestank. Drecksmücken, rauchen müsste man.

Ein tollwütiges Moped kreischt unten die Straße entlang und stürzt sich in den Ort, ein Auto hupt in grüßender Komplizenschaft oder aus Hass. Fast sieben. Da müsste Maike eigentlich mit allem Gelerne durch sein an der Uni. Oder, warte mal, muss sie heute arbeiten, in der Wohngruppe für Borderliner? Obwohl, da war sie ja erst am Sonntag gewesen. Deswegen ist sie ja schließlich am Wochenende nicht nach Hause gekommen. Ich werde es mir nie merken können bei all den hundert Dingen, die sie so treibt aber ihr geht es mit meinem Dienstplan auch nicht anders. Vor allem, weil der eh nur auf dem Papier existiert und fast täglich aufs neue zerwolft wird. Ich greife zum Samsung, aber von wegen! Wenn die mir schon so eine Fußfessel verpassen, sollen die mal nicht glauben, dass ich noch mein eigenes Geld fürs quasseln ausgebe. Flatrate, mon amour...

»Hallo?« Ihre Stimme, immer sicher, immer klar, immer wissbegierig. Im Hintergrund brüllt Bremen, sie muss wohl unterwegs sein.

»Ahoi, Käpt'n, hier ist Flex«, schrille ich, fahre vor mir selbst zurück und versuche meine dumme Aufregung zu drosseln.

Sie stöhnt. Sie hasst es, wenn ich sie so nenne. Sagt sie.

»Felix? Was ist das denn für eine Nummer von der du anrufst?« Ich sehe im Geiste ihre Sommersprossen sich unwirsch grübelnd zusammenballen. Im Hintergrund robotet die Haltestellenansage tantenhaft: »Sielwall.« Muss wohl auf dem Weg nach Hause sein. Nicht das richtige Zuhause, also unseres. Ihre WG in der St.-Pauli-Straße im Ostertorviertel mit ihrer Kommilitonin (Katja? Maja? Vaja?) und diesem total verstrahlten sogenannten Künstler. Ob die beiden den Schrägo wohl sezieren und auf links drehen wenn sie unter sich sind? Können Psychologiestudentinnen da widerstehen?

»Och«, tue ich lässig, wichtig. »Ich wollte nur mal sehen, ob meine neues Diensthandy funktioniert.« Und erzähle ihr die ganze absurde Geschichte von Klamms Tod, den sie, außer als häufigsten Hauptschurken meiner fast allabendlichen Nervenzusammenbruchsoperetten vor allem deswegen kennt, nein kannte, weil der ihr mal kurz vor der Einschulung das Seepferdchenabzeichen abgenommen hat. Ich bin gerade inmitten meiner besten Imitation von Bürgermeister Marthers und Tante Heidis typisch labyrinthischem Gewäsch, als sie mich unterbricht.

»Felix, das ist wirklich alles ganz toll. Also, nicht mit dem ollen Klamm, jetzt. Das wünscht man ja keinem! Aber deine Beförderung, das freut mich echt für dich.«

Ob sie sich wohl gerade wieder mit einer Strähne ihrer Kupfergoldhaare einen Schnurrbart macht, wie sie es manchmal tut, wenn sie in ein Gespräch verwickelt ist aber eigentlich ganz woanders sein will? Da raschelt doch was!

»So wie du immer über den ganzen Terror da im Forstbad geschimpft hast... Da war's doch höchste Zeit, dass die deinen Einsatz auch mal würdigen.«

Die Stimme sagt: »Theater am Goetheplatz.« Hätte sie nicht schon eine Station vorher aussteigen müssen, wenn sie nach Hause will?

»Nee, ich treff mich noch mit Freunden«, bettet sie lakonisch meine Nachfrage zur Ruhe. »Aber, sag mal, Felix. Können wir nicht am Wochenende über alles sprechen? Das ist im Moment wirklich ganz schlecht. Ich bin sowas von busy diese Woche und ich wollte sowieso noch in Ruhe mit dir reden.«

Oho! Alarm! Und, mal ehrlich jetzt, busy? Wer redet denn so?

»Oder musst du wieder arbeiten?«

Wieder? Da ist doch was! Ich brabbel irgendetwas in dem Sinne, dass ich in der Gestaltung meiner Dienstzeiten als Betriebsleiter hoffentlich flexibler sein werde und frage sie, ob alles in Ordnung ist. Ich höre sie sanft durch die Nase schnaufen.

»Felix. Felix, lass uns am Wochenende darüber reden, ja, Felix? Ich weiß im Moment echt nicht wo mir der Kopf steht. Ja? Ich melde mich vorher noch mal, ok? Morgen oder so. Ich muss jetzt los, du, mach's gut, ja?«

Die Stimme in Bremen sagt: »Domsheide.« Ich sage gar nichts und die Verbindung ist unterbrochen. Was war das jetzt? Ich glotze auf das erlöschende Display, glotze den Hang runter auf die Straße, glotze in den trägen Bach und töte ein, zwei Mücken. In einer Hand das iPhone in der anderen die leere Volvicflasche, versuche ich, mich an die letzte gemeinsame Zeit mit Maike zu erinnern, klopfe alles auf Störquellen ab, als es in meiner Hand vibriert. Das iPhone gibt ein furzendes Geräusch von sich. Da hat aber jemand Humor in der IT-Abteilung, na warte, Langer! Eine sms. Ich fummel und wisch, bis ich den Mist endlich aufrufen kann.

Hallo und guten Tag, Hr. Freiwaldt. Freue mich auf gute Zusammenarbeit i.S. Forstbad. Sehen uns morgen 13.30 Personalversammlung im Bad, dann Näheres. Allerbeste MFG Holm-Rüdiger Andersen

Personalversammlung? Morgen? Ja, erzählt mir vielleicht auch mal jemand was?

Montag: Signale

Nach einer ausgiebigen Dusche und dumpf schrumpeligem Herumgelungere in meinem Dachgeschoss gebe ich mich Frau Riebesehls unten brüllendem Fernseher geschlagen, steig in die Chucks und radel Richtung Forstbad. Seit einer Stunde Badeschluss. Die beste Zeit des Tages. Der Abend dampft verhalten, das Rauschen des stoisch umwälzenden Beckenwassers sonort aus dem Freibad herüber, als ich, vorbei an dem etwas zurückgeduckten Diensthäuschen, in dem immer noch der alte Leyendieck wohnt, obwohl er schon bald zwanzig Jahre in Rente ist, über den fast leeren Parkplatz sirre und mein Rad vor dem L'Afrique anschließe.

Forstbad Schweigen: das einzige Schwimmbad in der südlichen Heide mit Gastronomie im Afrikastil. Steht zumindest so ähnlich auf der Webseite der Gemeinde. Meredith verachtet den, wie sie es nennt, Ethnochauvinismus, den die Gemeinde ihr zur Auflage gemacht hat, zu bedienen und liebt es, das Afrikaklischee mit Hilfe von winterlichen Grünkohlorgien, im Raum verteilten Bienenkörben und plattdeutschen Leseabenden zu brechen. Merediths Plattdeutsch gereicht jedem Schweigener Rübenbauer zur Ehre. Hat sie als Kind in Celle gelernt, von ihrem Stiefvater, der zu allem Überfluss auch noch Imker war. L'Afrique, mein Quell und Balsam und weltenfeiger Trost, wo Ghana sich und Heide treffen, Herrmann-Löns-Kitsch und bunt gipserne panafrikanische Skulpturenreplikate, Masken, Schreine, ein künstlicher, beruhigend bizarrer Nukleus, hineingeglast und geziegelt zwischen Schwimmhalle und Freibad. Coole Kneipe.

Nicht allzuviel los, ist für einen Montagabend aber nicht ungewöhnlich. Vereinzelt schmatzen ein paar Stammgäste im schummrigen Dekor und murmeln in ihre Getränke. Akustikgitarren zirpen aus verborgenen Lautsprecherboxen. Pädagogenjazz. Verständnisvoll, harmlos, angenehm unauffällig, kann man so machen. Fleischgeruch fettet die Luft. Lamm und Couscous. Von einer Seite funzelt die Notbeleuchtung der leeren Schwimmhalle durch die linke gläserne Trennwand, hinter der anderen, schräg gegenüber blutet die Sonne hysterisch über die weite baumumstandene Liegewiese und bringt das Wasser in den Außenbecken zum Glühen. Ihre Fünf-Sterne-Deluxe Aussicht nennt Meredith das, wenn sie mal wieder über die Pacht schimpft, die sie der Gemeindeverwaltung jeden Monat zahlt.

Sie ruht herrschend hinter der menschenleeren Theke, eine Wand von Schnapspalisaden hinter sich und ihr Lächeln gerät ein wenig abschüssig, als ich durch den Gastraum auf sie zu schlurfe. Hat sicher auch keinen leichten Tag gehabt, die Gute. Bei dem Wetter und noch dazu Ferien. Ich stelle mir vor, wie sich Armbündel vom Freibad aus in die Durchreiche winden, nach Pommes gieren, nach Eis, Mäusespeck und zahnschmelzhassenden Gummimonstren. Meredith als kühne Feldherrin, ihre Kämpfer in diesem kulinarischen Zweifrontenkrieg dirigierend, die kurzen Dreadlocks straff in alle Richtungen wachend. Wir umarmen uns ungeschickt langarmig über die Theke hinweg. Küsschen, Küsschen. Ihre Wangen sind warm und trocken, ihr Griff stark und fest.

»Hast du das mit Klamm schon gehört?« flüstert sie fast während sie mir ungefragt ein Weizenbier einschenkt. Medizin des Sommers. Ich nehme einen kurzen fiebrigen Schluck, nicke Unverfängliches krächzend. Woher weiß sie denn das nun schon wieder?

»Walter hat's mir vorhin erzählt«, fährt sie fort. »Da wär wohl heute vormittag ein Fax gekommen, von Tante Heidi. Hängt im Personalraum aus.«

Hinter ihr schwingt die Flügeltür zur Küche auf und Merediths Aushilfskraft Simon kommt mager herausgeglitten, überblickt den Gastraum, schnappt sich ein Tablett und spurtet zu Tisch vier, an dem ein Touristenpaar zufrieden speckig über leeren Tellern und Schälchen glänzt.

»Na, Flex, schon wieder Sehnsucht nach dem Forstbad? Geht nicht ohne, oder was?« bleckt er mich an und balanciert klappernd beladen in die Küche zurück, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich denke kurz an Maike, die nach einer unserer Zankereien über meine Dienstzeiten mal bitter vorschlug, ich möge doch im Rathaus beantragen, mir eine Zelle im Keller des Bades einzurichten damit ich auch ja immer vor Ort sein kann. Als ob es hier um Hingabe ginge! Als ob ich darin Erfüllung suchte! In der Verfügbarkeit. Mich greifen lassen. Mich in der Pflicht auflösen. Was die alle immer denken. Einer muss doch...!

»Wie hat er denn reagiert?« frage ich. »Also, Walter, jetzt.«

Er ist immerhin derjenige, der Klamm am längsten kannte und dessen rustikale Art des Umgangs mit seinen Untergebenen am erfolgreichsten an sich abperlen ließ. Eine Souveränität, die sich resoluter Gleichgültigkeit ebenso verdanken mochte wie tiefer Zuneigung. Man weiß es nie so recht bei Walter, dieser stachelbärtigen granitenen Sphinx.

»Ach, du kennst den doch«, winkt Meredith ab. »Too cool for school. Der lässt sich nicht so einfach in die Karten gucken.«

Wieder fliegt die Küchentür auf und Caruso wälzt sich dramatisch heraus. Caruso, diese berlinernde, stampfende, grellmähnige Explosion grölender Vitalität, zwei Meter muskulös schwellendes Mallorcafleisch, teils gutmütig prolliges Wrestlingmonstrum, teils sozialer Selbstmordattentäter, ein Bademeister wie aus dem Klischeebrockhaus. Obwohl er sich aufgrund seines Spezialgebietes und diverser entsprechender Fortbildungen ja lieber als Saunameister tituliert, aber was soll die Pedanterie? Er trägt noch seine Dienstkleidung. Das giftgrüne T-Shirt, mit dem die Gemeinde Schweigen ihre Bediensteten im Forstbad modisch verstümmelt, spannt sich über seine Brust, die schwarzen Ballonseidenshorts wirken absurd winzig an diesem Kubikgiganten, er rasselt im Takt der Musik mit seinem Schlüsselbund.

»Ich muss doch sehr bitten, meine hochverehrte Miss Ampofo«, dröhnt Caruso Autorität dilettierend, küsst Meredith auf die Stirn, schlappt mit klatschenden Adiletten hinter der Theke hervor und setzt sich auf den Barhocker zu meiner Rechten. »Walter hat die Nachricht vom so plötzlichen Ableben unseres geliebten Anführers eben nicht mit der ihn sonst auszeichnenden Fassung aufgenommen. Vielmehr offenbarte er mir gegenüber heute die erste authentische Gefühlsregung, seit Tante Heidi ihm damals aus Versehen doppelt das Weihnachtsgeld zugeschlagen hat. Ob ihr es glaubt oder nicht, und ich hab's selbst kaum geglaubt, der zähe alte Knochen hatte doch tatsächlich Tränen in den Augen. Kann ich auch ein Weizen kriegen, bitte, Merry?«

Er legt seinen Schlüsselbund auf die Theke, rupft seinen Zopf zurecht und schlingt die Arme übereinander. Meredith schenkt gewittrig ein und hiebt das Glas vor ihn, wie eine Kampfansage.

»Caruso, du Arsch, wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen, dass du nicht durch meine Küche hier reinzulatschen hast?«

Es macht sie wahnsinnig, wenn das Schwimmbadpersonal den Zugang nutzt, der Merediths Lager im Technikkeller der Halle über eine Treppe mit der Küche verbindet. Wir stoßen an und Caruso leert mit einem wilden Zug sein Glas zur Hälfte. Schaum krabbelt träge in seinem Hufeisenschnurrbart herum, diesem unmöglichen, ebenfalls blondierten Porno-Schnuppi. Er mimt Kränkung und streckt Meredith die Handflächen hin.

»Na, na, na. Ich werd doch wohl noch meine Runde durch den Betrieb drehen dürfen, bevor ich das Bad zumache. Sicherheit geht schließlich vor!«

»Meinetwegen kannst du Runden drehen, bis du einen Graben in die Liegewiese gelaufen hast. Meine Küche ist tabu für Außenstehende! Verbotene Zone! Was sollen denn meine Gäste denken?«

Caruso sieht betont betroffen zu mir rüber. Er schüttelt schwer den Kopf.

»Außenstehende, Flex. Hast du das gehört? Außenstehende! Und das mir... Wo wir doch alle eine glückliche Forstbadfamilie sein sollten.«

»Mit dir als schwer erziehbarem Riesenbaby, oder was?« schnaube ich.

Caruso kichert kieselig und pult eine völlig zerknitterte Packung Lucky Strikes aus seinen Shorts. Meredith legt die Fäuste auf den Tresen und neigt sich vor.

»Wenn du hier jetzt auch noch rauchst...«, haucht sie mit Mörderflüstern und muss die Drohung nicht einmal vollenden.

»Ist ja gut, ist ja gut«, wirft Caruso die Hände in die Luft. »Scheiß Gesundheitsterror! Rauchverbot in Kneipen... manchmal möchte man fast gar nicht mehr auf diesem Planeten leben.«

»Restaurant«, korrigiert Meredith stählern. »Und mir ist piepegal was du auf dem Planeten Caruso so alles treibst. Auf dem Planeten Merry tanzt du nach meiner Pfeife, Dicker, das ist mal klar. Die Fluppen bleiben aus! Und die Küche ist 'ne No-Go-Area, so einfach ist das.«

Caruso nimmt einen weiteren Zug von seinem Weizenbier, stellt sein fast leeres Glas übertrieben bedächtig ab und umklammert es zärtlich mit beiden Pranken. Er scheint weniger Freude an diesem Gekabbel zu haben, als gewöhnlich.

»Mann, Mann, Mann, ist das heute eine gereizte Atmosphäre hier«, poltert er. »Im Bad auch schon. Bloß weil der olle Klamm den Arsch zugekniffen hat sind alle auf einmal so eklig unentspannt. Kennt man gar nicht von diesem Verein.«

Ich verschlucke mich fast an meinem Bier.

»Nee, was bist du nicht für ein sensibler, einfühlsamer Kerl«, tue ich entsetzt. Meredith sieht aus, als wolle sie Caruso am liebsten mit dem Kopf ins Spülbecken tauchen.

»Was ist das denn für ein pietätloser Scheiß?« Sie schiebt das Kinn vor. »Kann ja sein, dass Klamm nicht gerade der tollste Chef unter Schweigens Sonne war aber deswegen lässt einen doch sowas nicht unberührt. Der ist tot, Caruso. Vielleicht ist dir nicht ganz klar, was das bedeutet?«

Caruso schweigt grübelnd, trinkt behutsam den Rest seines Bieres aus und bedenkt Meredith und mich abwechselnd mit versöhnlich tiefem Blick.

»Das bedeutet, dass es trotzdem irgendwie weitergehen muss«, grummelt er. »Und vor allem bedeutet es, dass seine Frau nie erfahren wird, wie der hinter ihrem Rücken rumgevögelt hat, der alte Stelzbock. Zumindest nicht mehr von ihm selbst.« Er fängt lässig das nasse Geschirrhandtuch, das Meredith auf sein Gesicht zielt und rollt es seelenruhig vor sich auf dem Tresen zu einer losen Wurst.

»Witwe«, verbessere ich automatisch. Meredith blinzelt. Caruso sieht mich schräg von der Seite an, schnauft. Ich trinke, den Mund voller Fell. Hab gar keinen Durst mehr. Habe ich aber ja nie auf Alkohol. Geht schließlich auch nicht um Genuss beim Saufen. Wer glaubt denn schon an so etwas? Freiheit, ja, das schon eher. Und die stumpfe beruhigende Wucht des Vergessens, flüssig brennende Lobotomie. Jemand hustet verlegen. Oh, das bin ja ich.

»Na ja«, seufze ich. »Irgendwie hat Caruso ja auch recht. Die Show muss weitergehen, so bescheuert das klingt. Ich meine, das hat ja nicht unbedingt was damit zu tun, dass es einem nicht leidtut um Klamm und so weiter.«

Meredith sieht mich fast mitleidig an während Caruso mich mit seiner Handtuchwurst auf den Oberarm boxt. Feuchtigkeit sickert durch den Ärmel meines T-Shirts.

»So ist es, Flex. So sieht das nämlich mal aus. Und wie genau das Ganze weitergeht, werden wir ja sicher morgen Mittag aus berufenem Munde erfahren.« Er grinst Meredith mutig an. »Das heißt, diejenigen von uns, die zum Personal gehören. Irgendwelche Gastronomiepächterinnen haben bei solchen Anlässen ja leider keinen Zutritt. So als Außenstehende.« Meredith lodert still.

»Was steht denn eigentlich genau drin, in Tante Heidis Fax?« fahre ich dazwischen, ganz Unschuld.

»Nix weiter, du weißt doch, wie die ist«, rollt Caruso mit den Augen. »Ganz ungünstiges Verhältnis zwischen Datenmüll und Information, wie immer. Haufenweise Betroffenheitsblabla weil Klamm abgekackt... also, verstorben ist und nachdrückliche Einladung zur Personalversammlung zum Schichtwechsel zwecks Zukunftsplanung. Das war's.«

Er beugt sich über den Tresen und legt seine Handtuchwurst vorsichtig neben das Spülbecken.

»Ich würde aber jede Wette eingehen, dass ich genau weiß, was kommt«, sagt er dann in Merediths Richtung, die ihm eine um Nuancen gelüpfte skeptische Braue gönnt.

»Ich würde nämlich einen Hunni wetten, dass unser Flex hier morgen offiziell zum Nachfolger von Klamm ernannt wird und das Forstbad mit ruhiger Hand in eine goldene, sorglose Zukunft führen wird. Warst ja lange genug Stellvertreter von dem alten Sackgesicht.« Er windet einen Arm um meinen Nacken und schüttelt mich sachte. »Und jetzt wirste endlich Thronfolger.«

»Tja«, murmle ich und kann mich nicht bremsen vor Gedankenlosigkeit. »Zumindest bis hier Ende des Jahres der Hammer fällt.«

Caruso blickt mich fragend an, die Stirn in Knoten. Meredith gefriert. Oh, verdammt... Ich knete und zerre für eine Sekunde an meinem Gesichtsfleisch herum, ganz wie Bürgermeister Marther, fällt mir auf, reiße mir beim Gedanken an ihn hektisch die Hände von den Wangen und sehe mich um. Schräg hinter Meredith, an der Fensterseite zum Freibadteil, steht Simon und sortiert mit auffallender Gründlichkeit einen Stapel Speisekarten. Ich ringe den Impuls nieder, aufs Fahrrad zu springen und für immer durch die Nacht zu rasen, trinke mein Bier aus, blicke von Caruso zu Meredith, zum hilflos lauschenden Simon und zurück. Meredith versteht.

»Sag mal Simon, kommst du 'ne Weile allein klar?« ruft sie zu ihm herüber, worauf er fast alles fallen lässt, und ertappt auf der Stelle herumtänzelt, der inkompetenteste Spion der Welt. Er wedelt in alle Richtungen, weist mit je einer Handvoll in Papyrusimitat gebundener Karten von Tisch zu Tisch zu Theke und reißt die Augen auf.

»Was? Wer, ich? Klar! Ja, nee, na klar, Merry, kein Problem. Gar kein Problem.«

»Sauna?« fragt Meredith leise.

»Sauna«, bestätige ich.

Caruso grunzt zufrieden.

»Och, nee«, stöhne ich, als Caruso zum ich weiß nicht wievielten Mal die Milchglastür der Aufgusssauna aufstößt, zwei Schritte zum Eisbrunnen im Vorraum neben dem Durchgang zu den Duschen nimmt und die Wodkaflasche aus dem gefrorenen Gebrösel hervorknirscht.

»Nun wein mal nicht, kleiner Mann«, tut er samten als er wieder eintritt. »Gibt ja schließlich was zu feiern heute.«

Er schenkt in der schummerigen Hitze des Schwitzraumes unsere Gläser voll, wirft die Flasche in so leichtsinnigem Bogen zurück in das in die Wand eingelassene Becken voller Crushed Ice, dass mir kurz die Kehle krampft und schließt die Tür hinter sich. Wir glänzen buttern nackt in der vertäfelten Finnenhölle. Caruso, stolz türmend in seinem Sanctum Sanctorum, gleich neben dem Elektroofen mit den glühenden Saunasteinen, den Kopf fast bis unter die Decke gereckt, Meredith und ich auf den hölzernen Bänken keuchend, sie weiter unten, näher zur Tür, ich auf einem der oberen Plätze in der Ecke, da wo die Hitze sich sammelt, wo die Büßer sitzen.

»Auf Flex, unseren neuen Herrn Oberforstbaddirektor«, hebt Caruso albern feierlich sein Glas. Ich habe es aufgegeben, mich über seine dusseligen Trinksprüche aufzuregen. Wenigstens drückt er dieses Mal nicht wieder seinen Dank an Klamm für dessen spontanen Abgang aus. Manchmal weiß ich auch nicht, dieser Kerl...

»Auf Flex«, sagt Meredith.

»Ach Scheiße«, sage ich und versuche den widerlich puffig-scharfen Absolut Vanille in einem Sturz zu schlucken, ohne dass er mir gleich wieder hochkommt. Wie kann man nur so einen Fusel saufen? Meredith schüttelt sich wohlig. Caruso zischt grinsend. Ich unterdrücke ein Würgen. Schnaps ist einfach nichts für mich. Normalerweise trinken wir ja keinen Hartalk, wenn wir uns mal wieder, wie so oft, nach Badeschluss in der verlassenen Sauna treffen, es sei denn, Walter und Saskia sind dabei, aber Caruso und Meredith haben, nachdem ich ihnen ausführlich von meinem plötzlichen Termin in der Verwaltung erzählt hatte, zur angeblichen Feier des Tages darauf bestanden. Alkohol in der Sauna, nach Dienstschluss nachts im Betrieb herumgeistern, wenn das Bürgermeister Marther wüsste. Ja, doch, es hat tatsächlich seine Vorteile, hinter den Kulissen zu arbeiten.

»Das war jetzt aber echt der letzte«, versuche ich resolut zu klingen, wenig überzeugend. »Ich will morgen bei dieser bekackten Versammlung nicht in den Seilen hängen, an meinem ersten Tag als, als... Außerdem hab ich noch gar nichts gegessen heute Abend.«

Caruso lacht schnaufend durch die Nase. »Kein Wunder, dass du aussiehst wie 'ne Teewurst für Veganer. Nicht immer nur Schwimmen und Radfahren wie ein Idiot, Flex, auch mal ordentlich was hinter die Kiemen stopfen.«

Er löst seinen Zopf, schüttelt die geölte Wasserstoffperoxidmatte, dann sammelt er unsere Gläser ein, stellt sie vorsichtig in einem winzigen Türmchen neben sich auf den Boden und kichert erneut.

»Das erinnert mich an den Spruch vom ollen Klamm, immer wenn wir mal am Grillen waren oder so und alle so richtig schmerzbefreit zugelangt haben.«

»Fressen wie die Pferde und arbeiten wie die Ponys«, leiern Meredith und ich im Duett und wir lachen wie die Teenager. Älter geht’s ja nicht. Ich muss an die erste Begegnung zwischen Klamm und Meredith vor fünf Jahren denken, als sie die Gastronomie im Forstbad übernahm und erneut heulen wir durchs stille dunkle Bad, als ich nachmache, wie Meredith auf Klamms Spruch, dass sie ja super deutsch spräche, mit einem knochentrockenen »Sie aber auch« reagierte.

Caruso setzt sich ans andere Ende von Merediths Bank, lehnt sich mit dem Rücken an die Wand und schließt die Augen. Stummes, wohliges Brüten. Neunzig Grad Celsius, Minutenfrieden. Meredith verschränkt die Beine im Lotussitz und streckt und biegt sich sehnig. Ich versuche, ihr nicht zu auffällig auf die Brüste zu glotzen. Wir sind hier schließlich unter Freunden. Da geiert man nicht. Da hab ich meine Prinzipien.

»Mmmhhh...«, macht sie und gähnt genüsslich. »Mir reicht's jetzt allerdings auch. Ist bestimmt schon nach zehn. Ich geh mal rüber und helf Simon, klar Schiff zu machen und dann muss ich zu Hause bestimmt wieder Lily vom PC losmeißeln.«

Die Kämpfe zwischen Meredith und ihrer dreizehnjährigen Inkarnation sind legendär. Wahrscheinlich sind sich die beiden einfach zu ähnlich und hängen zu sehr aneinander, um dauerhaft zur Ruhe zu kommen. Familien... Ich möchte Meredith umarmen und für alles danken. Dafür, wie bedingungslos und tief sie ihre Tochter liebt und wie die beiden alles füreinander tun. Dafür, wie klar sie ist und stark. Dass wir befreundet sind. Caruso kommt mir zuvor.

»So einfach verdrückt ihr euch hier nicht, ihr Deserteure. Einen letzten Aufguss noch, für die nötige Bettschwere«, verfügt er mit erhobenem Zeigefinger und rauscht erneut aus dem Schwitzraum. Die Tür schließt sich schmatzend hinter ihm. Meredith stützt die Ellenbogen auf die Schenkel und ruht ihr Kinn in den Handflächen.

»Meinst du, die machen das Bad dicht, Flex?« fragt sie leise. Im Gegensatz zu Caruso, der die Zusammenfassung meines Gesprächs mit Bürgermeister Marther und Tante Heidi mit der üblichen nonchalanten Flapsigkeit aufgenommen hat, wirkt Meredith weitaus grüblerischer. Sie hat zuviel erlebt, um sogenannten Autoritäten zu vertrauen. Vor allem hier in Schweigen.

»Kann ich mir nicht vorstellen«, sage ich und weiß doch nicht, ob ich es wirklich so meine. Ich reibe mir den Nacken, verteile glitschigen frischen Schweiß der nach nichts riecht. »So eine Riesenkiste wie die hier, das wär ja totaler Wahnsinn. Das wird schon irgendwie weitergehen.«

»Ja, aber was könnte ein privater Betreiber denn groß anders machen, als die Gemeinde? Das ergibt doch wirtschaftlich keinen Sinn, Flex.«

Ich tue so, als würde ich nachdenken. Ich will aber gar nicht nachdenken. Ich will noch nicht mal über die ganze Scheiße reden. Weiß ich doch nicht. Weiß ich doch alles nicht!

»Ach Merry, jetzt mach dir mal nicht so 'nen Kopf...« floskele ich als die Tür auffliegt und Caruso, beladen mit einem kleinen Bottich, Saunakelle, Plastikschüsselchen und einem um den Nacken gelegten Saunatuch hereinkommt.

»Genau, Merry,« orgelt er und stellt seine Utensilien ab. »Immer geschmeidig bleiben und einfach mal abwarten. Amok laufen können wir immer noch.«

Wie so oft, bin ich ein wenig unsicher, ob er scherzt oder nicht. Caruso greift den Bottich in eine Hand, tunkt die hölzerne Kelle hinein und rührt glücklich.

»Jetzt gibt’s erstmal schick was auf die Drüsen. Anis!« intoniert er und gießt drei Kellen voll Wasser mit aromatisiertem Aufgusskonzentrat versetzt über die glühenden Steine. Der Dampf brüht über uns, verheißungsvoll nach Jahrmarkt duftend. Caruso stellt Bottich und Kelle beiseite und wedelt mit dem Saunatuch wie ein wahnsinnig gewordener Waldteufel über dem Ofen, über seinem Kopf, faltet dann den Stoff auf und schlägt die herrlich quälende Hitze vor uns ab. Ich schnappe vergeblich nach Luft. Mein linkes Ohrläppchen schmerzt, als der Ohrring darin zu schmelzen scheint. Meredith kauert sich zusammen, ihr Rücken zuckender Glanz. Wir wimmern ein wenig während Caruso die Prozedur zweimal wiederholt, dann das Schüsselchen ergreift und mit einer Hand darin gräbt. Salz. Der Kerl versteht sein Handwerk.

»Und noch was feines für die Schwarte«, freut er sich und hält mir die Schüssel unter die Nase. »Das reißt nochmal so richtig die Poren auf und ist außerdem ein super Peeling.« Ich nehme mir eine Handvoll Salz und verteile es über meine Arme, meine Brust, meinen fischigen Bauch, nehme noch etwas und reibe es über meine Beine. Über meine Schultern und Nacken. Kleine Kristallblitze fressen sich in meine Haut, reinigen mich, salben mich mit klebrigem Biss.

»Hast du da was reingemischt?« frage ich schnüffelnd.

»Zitronenmelisse.« Er dehnt das Wort gourmant, klatscht mir eine Pranke seiner Rezeptur auf den Rücken und rubbelt auf mir herum, als wolle er mich gerben. »Und eine Winzigkeit Honig.«

Meredith greift ebenfalls zu, reibt sich von oben bis unten ein, nur ihr Gesicht aussparend.

»Riecht nach Halsbonbons für Senioren«, murrt sie halbherzig und neigt sich ein wenig vor, während Caruso ihr, über sie gebeugt, sorgfältig den Rücken einreibt. Und reibt. Und reibt.

»Sag mal, werd ich hier jetzt gepökelt?« schimpft sie nach einer Weile und blinzelt unter ihren Dreadlocks hervor. »Und fahr gefälligst den Zauberstab ein, du pimmelgesteuerter Barbar!«

Erstaunt stelle ich fest, dass Caruso zusammenzuckt und sich seiner verschämt im anschwellen begriffenen grobädrigen Erektion ein wenig zu genieren scheint.

»Kannste ja als Kompliment auffassen«, murmelt er verlegen, rubbelt sich das Salz über die Brust und dreht sich hilflos hierhin und dorthin.

Meredith schüttelt den Kopf, seufzt, steht auf und streckt sich.

»Bis demnächst, Jungs. Ich geh duschen«, sagt sie und fügt im Vorbeigehen an Caruso hinzu. »Kalt! Solltest du vielleicht auch tun.« Caruso, die Schüssel in der Hand, blickt ihr unglücklich nach. Ob das zwischen den beiden irgendwann mal etwas wird? Ach, was weiß ich denn. Ist mir jetzt auch zu verstiegen. Ich denke an Maike. Maike geht nie mit mir in die Sauna. Maike mag keine Schwimmbäder.

»Jetzt denkt sie wieder, ich will nur das Eine von ihr«, brummt Caruso und bläst verächtlich Zigarettenrauch durch die Nase in die Nacht.

»Na ja«, sage ich vorsichtig. »Die Signale, die du da vorhin gesendet hast könnte man ja durchaus dementsprechend interpretieren.«

Caruso legt den Kopf in den Nacken und sinnt stumm den Schweigener Sternenhimmel an, der sich über das Forstbad wirft. Wir sitzen auf der Bank beim Kinderplanschbecken und blicken über die Liegewiese. Die kleine Rutsche kauert wie ein verlassenes Dinosaurierbaby im flachen Wasser vor uns. Der Schiffchenkanal gurgelt leise. Der Matschspielplatz duftet schlammig. Nach der Hitzeorgie in der Sauna ist die milde Nacht nahezu erfrischend. Verlassen rauscht das Freibad um uns. Ich genieße die Stille, die bedrückende Magie eines leeren Ortes, der sonst vor Leben wimmelt. Es ist, als wenn ein nächtliches Geheimnis das Dunkel durchstreift und die von Gewimmel verschmutzte Atmosphäre durchlüftet, umgeht, Frische bereitet für den neuen Tag. Eine bedächtige, ewige Mühle. So kann es bleiben. Jeder, der diesen Beruf wählt, weil er angeblich gern mit Menschen umgeht, wird bestätigen, dass die besten Zeiten, die kraftvollsten Momente jene sind, wenn von Menschen weit und breit nichts zu sehen ist und friedliche Verlassenheit herrscht.

»Signale!« knurrt Caruso und zermalmt seine Kippe am Betonsockel der Bank. »Was kann ich denn dafür wenn mein Körper mich im Stich lässt? Ich bin doch kein Fakir oder so was, dass ich die totale Kontrolle über meinen Organismus hätte.«

»Solange dir so was nicht im Dienst passiert«, versuche ich einen schlaffen Scherz, bringe Caruso jedoch damit erst so richtig auf Touren.

»Sag mal, zweifelst du hier etwa meine nötige professionelle Distanz gegenüber unseren Gästen und Schutzbefohlenen an?«

Ich wedele abwehrend mit den Händen und beschließe, ihn noch ein bisschen zu piesacken.

»Nee, nee, Caruso. Ich weiß doch, dass du Saunadienst immer nur streng nach Dienstanweisung machst.«