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"Liebe Fahrgäste, es kam zu Verzögerungen im Betriebsablauf und wir sind unerwartet zum Stehen gekommen. Bitte bleiben Sie auf jeden Fall im Zug. Egal was sie sehen oder hören." Anna Porter wird schnell klar, dass es auf dieser Zugfahrt nicht mit rechten Dingen zugeht. Warum kann sie sich nicht erinnern, die Fahrkarte gelöst zu haben? Und wohin fährt sie überhaupt ganz allein? Wird sie ihr Ziel erreichen oder aussteigen? Ein Kurzroman über eine traumatisierte Frau, die während einer Zugreise wieder zu sich selbst findet.
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Seitenzahl: 49
Veröffentlichungsjahr: 2023
Für Mama
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Versuchte Tötung endet in Suizid
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Epilog
Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und fragte mich, wo ich war. Ach, ich schlief im Zug ja immer ein. Der angenehm gepolsterte Ledersitz tat sein Übriges. Mein Kopf ruhte an meinem Handballen an der Fensterscheibe. Die Morgensonne ließ die scheinbar endlose Landschaft jenseits des Fensters des modernen Hochgeschwindigkeitszuges, in dem ich mich befand, in ihrem hellen Licht erstrahlen. Der luxuriöse Zug fuhr nahezu lautlos an Getreidefeldern vorbei, dazwischen wuchs saftig grünes Gras, auf dem der Tau langsam verdunstete. Ich hörte, wie sich die anderen Fahrgäste vergnügt unterhielten oder sah sie ebenso wie ich verträumt aus dem Fenster blicken. Niemand telefonierte laut, nirgendwo war ein nerviger Klingelton zu hören und niemand roch nach kaltem Zigarettenrauch. So reiste man gerne.
Ich war noch nicht ganz wach, als meine Sitznachbarin zurückkam. Sie hatte sich mir als Debbie vorgestellt und hielt zwei Piccoloflaschen halbtrockenen Sekts in ihrer behandschuhten rechten Hand, in der anderen zwei Champagnerflöten aus weißem Plastik.
„Ich hatte wohl Glück, meine Liebe“, rief sie zufrieden aus, „dass sie im Bordrestaurant noch diese Dinger von der letzten Silvesterparty hatten! Wir können doch nicht aus einfachen Kaffeebechern oder gar aus der Flasche trinken, wie Hinterwäldler!“ Sie lachte hell und melodisch, stellte die beiden Gläser und die Piccolos auf den kleinen Tisch aus glänzendem Holz vor uns ab und setzte sich.
Verschlafen musterte ich sie. Debbie war eine der schönsten Frauen, die ich jemals gesehen hatte. Voluminöses rotes Haar, das ein ebenmäßiges, herzförmiges Gesicht umrahmte. Die smaragdgrünen Augen wurden perfekt durch Lidschatten und Eyeliner zur Geltung gebracht. Beneidenswert lange Wimpern. Wenn sie sprach, sprach sie mit charmantem Lächeln. Um ihre schlanke Figur war sie ebenfalls zu beneiden, ebenso um das ansprechende Dekolleté, hervorgehoben durch das fallende Revers ihres Chanelkostüms.
Ich hatte selten ein Problem mit meinem sportlichen Kleidungsstil oder meiner Figur. Am liebsten trug ich eben bequeme Sachen. Nun aber, dieser geradezu angsteinflößend eleganten Frau mit Spitzenhandschuhen und Glockenhut gegenübersitzend, kam ich mir in meinen Freizeitklamotten gnadenlos underdressed vor. Und zu pummelig.
„Sie heißen also Anna“, riss Debbie mich aus meinen Gedanken, „Miss Anna Porter, wie Portwein, ja?“
Habe ich mich ihr vorgestellt?
„Misses“, antwortete ich und lächelte, während sie uns den Sekt einschenkte.
„Oho, verheiratet“, säuselte Debbie und nahm einen großen Schluck aus dem flötenförmigen Plastikglas. „Das habe ich nach dem vierten Versuch aufgegeben.“
Ich wusste nicht recht, was ich darauf am besten antwortete. Sie sah nicht aus, als würde sie es bedauern. Daher lächelte ich nur unbeholfen.
Debbie musste meine Verlegenheit bemerkt haben, denn sie wechselte sofort das Thema und erzählte mir aus ihrem Leben. Sie verbrachte ihre Zeit am liebsten mit Shopping und Wellness. Dank vierer reicher Ex-Ehemänner, guten Eheverträgen und noch besseren Geldanlagen brauchte sie nicht zu arbeiten und ließ sich ‚einfach treiben‘. Man sah ihr an der schönen Haut an, dass sie keinen Stress hatte.
Ich konnte nicht anders, als ihr auch von mir zu erzählen. Ein bisschen widerwillig, aber sie fragte so nett und schien wirklich an mir interessiert. Ich zweifelte nicht daran, dass Debbie einfach ein herzensguter Mensch war. Sie strahlte etwas aus, das ich nicht benennen konnte, etwas Warmes und Helles, das dafür sorgte, dass ich mich bei ihr aufgehoben fühlte.
Also erzählte ich ihr von meinem semi-langweiligen Job bei Brilliant Things Inc., am Telefon in der Bestellhotline. Dass ich dort schon zwölf Jahre arbeitete und mir meine Arbeit, trotz der manchmal auftretenden Monotonie, Spaß machte. Dass ich unsere Kunden, die bei uns per Teleshopping Schmuck bestellten, äußerst nett und höflich fand, meistens jedenfalls.
Debbie hörte mir aufmerksam zu, als ich vor mich hin plapperte. Der Sekt hatte wohl auch zu meiner plötzlichen Redseligkeit beigetragen.
„Schmuck, wie wundervoll!“, rief sie aus und lehnte sich entspannt zurück. „Wir sollten etwas essen“, merkte sie an, „der Sekt steigt uns sonst noch zu schnell zu Kopf.“ Ich wollte ihr schon von meiner Trinkfestigkeit erzählen, aber sie musste ja nicht unbedingt wissen, dass ich manchmal das ein oder andere Glas zu viel trank. Sie rief den jungen Mann in einer burgunderfarbenen Serviceuniform zu uns und bestellte zweimal das Tagesgericht, gelbes Curry mit Kartoffeln auf Reis. Ich wollte meinen Geldbeutel zücken, doch sowohl Debbie als auch der Servierer winkten ab.
Ist schon gut, Anna, schienen ihre Blicke zu sagen. Ich musste kurz blinzeln, fast kam es mir vor, als hätte der junge Mann sechs Augen statt zweier.
Es war mit Abstand das beste Curry, das ich je gegessen hatte. Debbie stimmte mir zu, allerdings nicht ohne mir von ihrem zweitbesten Curry zu erzählen, das sie in Gesellschaft eines indischen Maharadscha genießen durfte. Ich wollte sie weiter darüber ausfragen, als sie plötzlich meine Hand nahm, aus dem Fenster zeigte und ausrief: „Schauen Sie nur, wie rot die Mohnblumen leuchten! So schön…“ Sie breiteten sich wie ein weicher Teppich über die Felder aus, dessen Ende nicht in Sichtweite war. Mir wurde klar, dass wir bisher weder an einer Siedlung noch einem einzelnen Haus vorbeigefahren waren, und mir wurde kurz mulmig. Das Gefühl verschwand, als Debbie sich mir wieder zuwandte. „Ich bekam von meinen Ehemännern immer Rosen geschenkt, wie kitschig! Dabei ist die Mohnblume für mich die schönste aller Blumen.“ Nachdenklich nickte ich, obwohl ich nicht ganz einverstanden war. Ich liebte es, von Daniel zum Valentinstag kitschige Rosen geschenkt zu bekommen. Moment … Daniel. Wo war denn mein Mann?
