Gute Laune Abend - Alfred Unger - E-Book

Gute Laune Abend E-Book

Alfred Unger

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Beschreibung

Freaky hat den verwegenen Plan eine Party in einer urlaubsbedingt leerstehenden Casa reicher Leute zu veranstalten. Dazu lädt er Personen aus seinem Bekanntenkreis ein und wirbt zusätzlich auch noch im Internet für sein Event. Dieses Vorgehen führt zwangsläufig dazu, dass seine Gäste keine homogene Gruppe bilden. Als logische Folge daraus ergeben sich chaotische Zustände, mit nicht kalkulierbarem Ausgang. Freaky erlebt wie sich Ernie & Bert,, Spiderman, ein junges Pärchen Obdachloser, eine Sinnsucherin, eine Braut, Laotse, seine stille Liebe Susi und die restlichen schrägen Vögel die sich herumtreiben, irgendwie miteinander verknüpfen lassen. Am Ende der Nacht ergeben die skurrilen Ereignisse sogar noch einen unerwarteten Sinn.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

»Ich brauche Liebe!«, schreit der dickbäuchige junge Mann vom Dach des zweistöckigen Prachthauses herunter, das im Stil einer spanischen Casa erbaut wurde, dabei breitet er seine Arme aus wie die Jesus-Statue in Rio. Er trägt nur einen knapp sitzenden schwarzen Slip mit neongrünen Tigerstreifen.

Es ist Samstag, später Nachmittag, und die Sonne ballert vom Himmel. »Wer ist das?«, fragt Rick und zeigt mit der Bierflasche in der Hand nach oben. Rick heißt eigentlich Richard, aber wer will schon so angesprochen werden.

»Johannes«, gebe ich etwas gequält zurück. Das gleißende Licht von oben brennt mir in den Augen. Zudem leide ich unter einem Kater, gestern bin ich in einer Kneipe versackt. Der kühle Weißwein schmeckt hervorragend. Ich habe mal in einem Lifestyle-Magazin gelesen, dass ein erlesener Weißwein sich in besonderer Weise dazu eignen soll, die Folgen einer durchzechten Nacht zu vertreiben.

»Zum Glück steht das Haus frei«, überlegt Rick.

»Ja. Hier, wo die Reichen wohnen, sind die Nachbarn aufgrund der riesigen Grundstücke etwas weiter weg«, bestätige ich, »zudem ist Urlaubszeit, es dürften eh nicht alle zu Hause sein.«

»Verstehe«, Rick nickt, »aber warum trägt der Dicke einen Tigerslip?«

»Weil er die mit Leopardenflecken für vulgär hält«, erkläre ich ihm, »du musst wissen, Johannes ist sensibel.«

»Oha«, Rick nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche, »hatte er denn schon mal was mit einem Mädchen?«

»Ja, aber das liegt bereits Jahre zurück.«

»Woran hat es gelegen?«

»Soviel ich weiß, beteuerte das Mädel bei jeder sich bietenden Gelegenheit, bei der Liebe käme es nicht auf den Körper, sondern auf die Seele an.«

»Klingt doch nett«, unterbricht mich Rick.

»Schon. An seinem Bauch gibt es kein einziges Haar.«

»Na und?«

»Wenn er bei der Missionarsstellung anfing zu schwitzen, stülpte sich sein Bauchnabel wie ein gigantischer Saugnapf über den Leib des Mädchens und es ging nicht mehr vor und zurück.«

Rick grinst. »Und er unten, sie oben?«

»Da war der Bauch im Weg. Also musste sein Oberkörper tiefer als der untere Rest gelegt werden. In der Position sah er aber nur den wabbelnden Speckhügel vor sich und kam wegen der so entstandenen Entfernung mit seinen Händen nicht mehr an sein Mäuschen heran, die Brüste und so, du weißt, was ich meine. Er ist halt sensibel.«

»Und von hinten durch die kalte Küche, was den unschlagbaren Vorteil mit sich bringt, dass keiner der Akteure ein freundliches Gesicht machen muss?« Rick will es genau wissen.

»Dabei musste er ihr, um überhaupt mit dem dazu notwendigen Organ nahe genug heranzukommen, seinen Bauch auf den Rücken legen, was sie als zierliche Person in kürzester Zeit zusammenbrechen ließ. Abgesehen davon war diese Position auch für ihn zu belastend.«

»Klar. Es gibt doch noch andere Möglichkeiten.«

»Alles habe ich nun auch wieder nicht parat.«

»Woher weißt du überhaupt so viel von seinem erschwerten Sexleben?«

»Er hat es mir mal im besoffenen Kopf erzählt«, ich trinke mein Glas aus, herrliches Getränk, »jedenfalls lief die Sache später irgendwann auseinander.«

»So weit ging der platonische Idealismus des Mädchens dann doch nicht«, bemerkt Rick trocken.

»Wohl kaum.«

»Hat er mal über Abnehmen nachgedacht?«

»Schon. Aber er will so geliebt werden, wie er ist. Wie gesagt …«

»Er ist sensibel«, ergänzt Rick.

Er schaut sich überrascht das Haus von außen, das Anwesen und das ganze Drumherum an, anschließend pfeift er anerkennend zwischen den Zähnen hindurch. »Scharfer Laden, die Leute verstehen zu leben. Und du bist sicher, die kommen nicht heute oder morgen zurück?«

»Die Wahrscheinlichkeit besteht, aber sie ist verschwindend gering. Nein, die ganze Familie ist mit Sack und Pack auf Madeira.«

»Wie bist du eigentlich auf die abgedrehte Idee gekommen, hier eine Party zu schmeißen?«

»Die verdanke ich der Macht des Zufalls. An dem Tag, als die Besitzer abreisten, schlenderte ich hier vorbei. Ich sah, wie sie einen Van mit Koffern beluden. Eltern und zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, da kommt was zusammen. Sichtlich angespannt kramte die Frau mit fahrigen Bewegungen ständig in ihrer Handtasche herum, als suchte sie etwas. Genau in dem Moment, als ihr Mann sie von der Fahrerseite aus anbrüllte: ›Wenn du nicht bei drei im Wagen sitzt, fahre ich ohne dich los‹, fiel ihr ein Schlüssel herunter. Mich bemerkten sie in der allgemeinen Aufregung gar nicht. Nachdem das Auto hinter der Biegung der Straße verschwunden war, hob ich den Schlüssel auf, und siehe da, er passte in die Haustür.«

»Clever. Doch wie hast du herausbekommen, dass sie auf Madeira sind?«

»Durch kriminologische Kombinatorik. Ich kenne Susi vom örtlichen Reisebüro, sie wird übrigens auch gleich hier auflaufen. Bei ihr habe ich nachgefragt, ob besagte Familie bei ihr gebucht hätte. Volltreffer. So fügte sich eins zum anderen.«

»Du weißt schon, dass du einen kolossalen Knall hast?« Rick klopft mir auf die Schulter.

»Ja, das behauptet so gut wie jeder, mit dem ich zu tun habe.«

»Schau, der dicke Johannes klettert von Dach herunter.«

Ich blicke kurz nach oben. »Prima. So wie ich ihn kenne, wird er sich anschließend über den Wodka hermachen. Komm, wir gehen ins Haus, ich habe Durst.«

In der Küche, die mir so groß wie meine ganze Wohnung vorkommt, sitzt Johannes am Tisch. Wie ich vermutet habe, steht vor ihm eine Flasche Wodka, den er sich mit Orangensaft mischt. Inzwischen trägt er karierte Shorts und ein kariertes Kurzarmhemd, das über dem Bauchnabel offen steht. Vom Style her vielleicht nicht ganz die beste Wahl.

»Geile Vorstellung, die du abgeliefert hast«, sage ich zu ihm. Rick hält den Mund. Er greift sich aus dem Kühlschrank ein frisches Bier. Ich verschwinde in Richtung Keller.

Von Weinen verstehe ich eigentlich nichts, einfach so, ohne darüber nachzudenken, habe ich mir zum Start in die Sause diesen Weißen hier aufgezogen. Unten finde ich noch zwei Kisten davon, vorsichtshalber bringe ich sie vor den noch zu erwartenden Gästen in Sicherheit. Die gesamte Sammlung alkoholischer Getränke der Hausbesitzer dürfte locker für einen Monat Dauerparty reichen. Mit zwei Flaschen der köstlichen Brühe bewaffnet steige ich nach oben. Ich muss pinkeln.

In der Gästetoilette kann ich meinem Kopf im Spiegel nicht ausweichen. Kurze braune Haare stehen in alle Himmelsrichtungen ab. Viele halten mich für eine Art Punk und fragen mich, wie lange ich morgens für meine Frisur brauche, doch meine Federn sehen im Original so aus. Die Nase verläuft nach vorne hin zu einem Haken, der paradoxerweise im unteren Bereich in eine Knolle mündet. Der Mund sieht bis auf einen leichten Schiefstand links durchschnittlich aus. Das Grün meiner Augen fällt so blass aus, dass man eigentlich von einem Gelb sprechen müsste. Eine Ex von mir fand, sie sähen aus wie Sand. Nun ja, man kann nicht alles haben. Ich klopfe auf die rechte Seitentasche meiner ausgebeulten Cargohose. Das Tao-Te-King von Laotse wackelt darin. Ohne dieses Buch dabeizuhaben, gehe ich nirgendwo hin. Als Schreiner leiste ich gute Arbeit, darum sieht mein Chef mir einiges nach. Wie praktisch, heute ist mein erster Urlaubstag.

Freaky, so rufen mich die Insider, ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. Hin und wieder gestalte ich grafisch die Coverartworks der Alben von Metalbands aus dem sogenannten Underground, die, wahrscheinlich genau aus dem Grund, dort bis in alle Ewigkeit stecken bleiben. Manche aus meinem Bekanntenkreis halten mich deswegen irrtümlich für einen künstlerisch versponnenen Intellektuellen.

Ich verfrachte die Flaschen in den Kühlschrank. Die Küche schätze ich auf 60 000 Euro.

Alles nur Vollholz, Töpfe und Pfannen aus Kupfer, modernste Technik, Geräte, von denen ich nicht weiß, wofür man sie überhaupt benutzt, der Block mit dem Herd in der Mitte, darüber ein Abzug. Jedes Detail wurde bedacht. Der Tisch mit der Sitzgruppe kommt, was seine Ausmaße angeht, der Tafel aus einem Ritterfilm gleich.

Mit einem gefüllten Glas setze ich mich auf die Veranda. Hinter mir betätige ich einen Schalter, der die Markise ausfahren lässt. Auf der gewundenen Einfahrt zum Haus erblicke ich Susi. Nach der Brustverkleinerung wegen dauerhaften Rückenschmerzen, aus jeder Seite entfernte man ihr circa 700 Gramm, geht sie immer noch in leicht gebeugter Haltung. Sie erfüllt optisch sämtliche Klischees einer Blondine auf einem Pin-up-Foto. Wie bereits erwähnt, arbeitet sie mit halber Stelle in dem Reisebüro. In ihrer Freizeit zockt sie recht erfolgreich an der Börse, spätestens mit vierzig will sie sich zur Ruhe gesetzt haben. Von den Kerlen hat sie derzeit die Nase voll, die seien eh nur hinter ihrer nach wie vor erstaunlichen Oberweite her, hat sie mir erst kürzlich erzählt. Sie ist eine Seele von Mensch. Ich kann beide Standpunkte sehr gut nachvollziehen. Ich spiele oft mit dem Gedanken, es mit ihr zu versuchen, aber wir sind Freunde seit Kindertagen, und Liebe kann nun mal viel zwischen zwei Menschen zerstören, heißt es.

Susi zieht einen mit Baguettes, Käse und Salami überladenen Einkaufstrolley, ihr Beitrag zur Spontanparty des Jahres. Ich selbst habe mich den ganzen Spaß 500 Mücken kosten lassen.

Jeder persönlichen Einladung in meinem Freundeskreis folgte der Hinweis, Getränke oder Fressalien mitzubringen. Um mich nicht ständig mit den gleichen Abhängern, Susi ausgenommen, zu langweilen, warb ich sogar im Internet für diesen Abend.

»Hi, Freaky! Ganz schön anstrengend, der Weg hierhin, die leichte Steigung, und das bei den Temperaturen«, begrüßt sie mich und wischt sich den Schweiß von der Stirn, »ging es bei dem Schuppen nicht auch eine Nummer kleiner?«

»Klar, aber die bescheideneren Locations waren für heute leider schon ausgebucht. Komm, ich helfe dir beim Ausladen!« Im Nu bin ich auf den Beinen.

Sie staunt nicht schlecht, als sie die Küche betritt. »Voll krass. Die Besitzer scheinen im Geld zu schwimmen.« Kurz sagt sie den beiden anderen Hallo, denen sofort die Augen übergehen.

»Sage ich doch, die Reichen sind schon okay, irgendwie wäre meine Bude für dieses Event ein wenig zu eng gewesen. Einen Rundgang durch den Palast musst du dir einfach gönnen. Magst du einen Wein?«, gebe ich gedehnt zurück.

»Später vielleicht. Für den Durst wäre jetzt ein Bier nicht schlecht.« Eilfertig springt Johannes auf, dabei bleibt er mit seinem Bauch unter der Tischplatte hängen, für einen kurzen Moment hebt der Tisch ab. Rick schafft es gerade noch so, die Flaschen aufzufangen. Kein guter Einstieg für den Adonis in Shorts.

Mit dem Bier in der Hand startet Susi ihre Erkundungstour. Kaum ist sie auf der Treppe nach oben, stecken die Kerle die Köpfe zusammen. »Mann, was für Titten, richtig fleischige Dinger«, Johannes sieht aus wie jemand, der gleich in Ohnmacht fällt. Rick kratzt sich nervös am Hals.

»Was meint ihr, was für ein Gefühl das sein muss, die in den Händen zu halten? Da könnte ich doch gleich …« Das Klingen an der Tür unterbricht seine lüsternen Vorstellungen.

›Wer statt des Zimmermanns die Axt führen wollte, kommt selten davon, ohne dass er sich die Hand verletzt‹, sagt Laotse. Wir Männer sind von unserer Natur her primitiver als Frauen, was Erotik und Sex anbetrifft, eher Grobmotoriker, vermute ich. Können wir nichts dafür, oder sind wir einfach nur zu dämlich, um etwas dazuzulernen? Wieder so eine Frage, auf deren Antwort ich wohl noch warten muss.

Ich öffne die Tür. Dort treffe ich auf einen mir bis dato gänzlich unbekannten Typen, in bayrisch aussehenden Klamotten, jedenfalls trägt er eine kurze Lederhose nebst einem karierten Hemd. Auf den ersten Blick wirkt er verweichlicht.

»Ich suche einen gewissen Freaky«, spricht er mich mit einem leichten Lispeln an. Er müsste in meinem Alter sein.

»Steht vor dir!« Jetzt erst fällt mir die braun gefleckte Ziege neben ihm auf, die er wie einen Hund an der Leine führt.

»Ich bin wegen deiner Einladung aus dem Netz hier. Ich heiße Tobi.« Er weist auf die Ziege. »Das ist Hildegard, eine reinrassige deutsche Herdbuchziege, sie ist hundert Prozent stubenrein.«

»Stubenrein?« Mir schießen sofort die Bilder aus Woody Allens Film ›Was ich schon immer über Sex wissen wollte‹ durch den Kopf.

»Ja. Stubenrein!«

Ich trete zur Seite. »Dann kommt mal rein. Herzlich willkommen.«

Aus seinem Rucksack kramt er drei Flaschen Enzian heraus. »Die sind von meinem Vater, selber gebrannt.«

»Klingt gut, stell sie irgendwo in der Küche ab!«

»Weißt du, nicht alle Bayern sind wie die CSU. Ich bin sogar aus der Kirche ausgetreten.«

»Schon gut, kein Problem.«

Ich nehme mir vor, die Gäste nicht miteinander bekannt zu machen. Sie sollen sehen, wie sie klarkommen. Im Flur stoße ich auf Susi, die mit ihrer Besichtigung fertig ist.

»Geile Behausung, hier könnte ich so einziehen«, sie nickt in Richtung Tobi und Hildegard, »was ist das denn für ein Vogel?«

»Keine Ahnung. Er scheint aber in Ordnung zu sein. Ich war mein Lebtag noch auf keiner Party mit einer Ziege.«

»Ich auch nicht.« Susi lacht.

Ich besorge mir aus der Küche noch ein Glas Wein und ihr ein Bier. Gemeinsam begeben wir uns auf die Veranda. Die Haustür kann getrost offen bleiben. Allmählich füllt sich die Bude. Die Gestalten sickern ein wie Eiterbakterien in einen gesunden Organismus. Die meisten Gäste stammen, wie nicht anders zu erwarten, aus meinem eigenen Umfeld, doch ich bin erstaunt, wie viele Fremde meinem Ruf gefolgt sind. Drei Fußballfans im aktuellen Trikot der deutschen Nationalmannschaft mit den vier Sternen bauen sich vor mir auf. Zwischen ihnen steht ein Kasten Bier, auf dem zwei Flaschen Korn liegen.

»Bist du hier der Hausherr?«, spricht mich ein Lockenkopf mit rosigem Gesicht an.

»Wie man’s nimmt«, weiche ich aus, »aber ich veranstalte diesen Abend.«

»Das hier ist Max, das Manuel«, er zeigt auf seine untersetzten Kumpels, die noch kein Wort von sich gegeben haben, »ich bin Horst. Können wir uns im Wohnzimmer die Fußballübertragung ansehen?«

»Warum nicht? Tut euch keinen Zwang an. Ihr könnt Freaky zu mir sagen. Werdet ihr mit dem Fernseher zurechtkommen?«

»Klar, wir sind doch schlaue Burschen«, gibt Horst sich selbstbewusst, »nett von dir, Freaky. Später mischen wir uns dann unters Volk.«

Max bückt sich, um den Kasten hochzuheben, dabei rutscht seine Jogginghose herunter und legt den oberen Teil seiner wulstigen, behaarten Kimme frei. Appetitlich ist anders. Zum Glück inspiziert Susi gerade den Garten.

Die Jungs verziehen sich zusätzlich mit noch ein paar Tüten Chips ausgerüstet ins Wohnzimmer. Mit Rücksicht auf die restlichen Gäste schließen sie die Tür. Schießt die Mannschaft, für die sie sind, ein Tor, höre ich sie vor Begeisterung laut grölen.

Gelingt ihrer Elf etwas nicht, kassiert sie ein Gegentor oder der Schiedsrichter leistet sich eine Fehlentscheidung, ertönen jaulende Schmerzlaute der bangen Verzweiflung, bis hin zu vulgären Beschimpfungen, mit denen sie wahrhaftig nicht geizen. Für die drei vor der Glotze herrscht allem Anschein nach Klarheit im Leben. Frei von Zweifeln wissen sie, wo sie hingehören, auf komplizierte Fragen finden sie einfache Antworten, alle Dinge ihres Seins befinden sich am rechten Fleck. Beneidenswerte Kerle. Trotzdem möchte ich nicht mit ihnen tauschen. Ich selber bin noch keine dreißig und entwickele über das Leben samt den Menschen so meine eigenen, zugegebenermaßen eigentümlichen Ansichten. Mich reizt stets, was man nicht soll, das sogenannte Normale ist nichts für mich, das kann jeder. Ich stehe in Brot und Arbeit, zahle Steuern, gehe zu den Wahlen und fahre Auto, das schon. So gesehen bin ich ein richtiger Spießer. Was soll’s, mit dem eleganten Weißwein bin ich für heute König.

»Da bist du ja. Ein schöner Gastgeber bist du. Schau, sechs Flaschen Schampus!« Nestor hebt eine Kühltasche mit einem Spiderman-Aufdruck hoch. Er ist um die fünf Jahre älter als ich. Er arbeitet als Investmentbanker, ganz ohne Publikumsverkehr. Unter der Glatze folgt ein blasses Gesicht, das in einem teigigen Doppelkinn endet. In seiner Freizeit steckt er, so wie heute auch, in einem eng anliegenden Spiderman-Kostüm, die Farben Blau und Rot wechseln sich selbstverständlich ab, die schwarze Spinne auf seiner Brust zieht sich zu einer eingedrückten Ellipse auseinander. Er wohnt bei seiner Mutter. Kurz nach dem Tod seines Vaters gab er die eigene Bleibe auf und zog wieder bei Mami ein, wie er sie nennt. Wie jeder sehen kann, bekocht sie ihn gut. Bis auf den Einkauf muss er zu Hause keinen Finger krumm machen. An seinem Gürtel baumelt ein weißes Nylonnetz. Ich habe doch hoffentlich nicht nur vorwiegend Männer mit Übergewicht eingeladen, überlege ich kurz.

»Nestor, schön, dich zu sehen«, ich zeige auf das Netz, »heute wieder die Welt retten?«

»Klar, allzeit bereit. Gäbe es mehr Menschen wie Spiderman, wäre unsere Erde ein besserer Ort. Er ist so selbstlos, einfach der Größte.«

»Was macht die Arbeit?«

»Immer dieselbe langweilige Kacke, aber sie wirft gut was ab.«

»Und nach Feierabend rettest du junge Frauen, überwältigst Bankräuber und Schlägertypen.«

Er grinst verlegen. »Schön wäre es, doch im Moment fehlt es mir an der optimalen Form, ich bin gezwungen, es ruhiger angehen zu lassen. Momentan genügt es mir, alte Herrschaften über den Zebrastreifen zu bringen oder ihnen am Fahrkartenautomaten zu helfen.«

»’ne Frau in Aussicht?«, ich knipse mit dem Auge.

»Wo denkst du hin? Dafür habe ich nun wirklich keine Zeit. Nach meinem Job als Superheld ist es für mich das Größte, an den Abenden mit Mami auf der Couch zu sitzen und gemeinsam mit ihr meine Comic-Sammlung durchzusehen.«

»Und was ist, wenn du dich mal sexuell entrümpeln musst?«, necke ich ihn, wohl wissend, seine Antwort bereits hundertmal gehört zu haben.

»Freaky, darum geht es im Leben doch nicht. Ich sublimiere wie die katholischen Priester meine sexuellen Energien, um heldenhafte Taten begehen zu können. Es kommt immer nur auf die richtige Einstellung zum Wohle der Menschen an.«

»Dann verstaue deinen Schampus mal im Kühlschrank, bevor er warm wird.«

»Heute werde ich dem Weltschmerz nachgeben und mir einen antrinken. Das Wissen um meine Einsamkeit als Superheld lastet schwer auf mir. Damit hat mein großes Vorbild auch häufig zu kämpfen.«

»Dann bist du hier unter so vielen Leuten aber so was von falsch.«

»Ich will dir nicht zu nahe treten, Freaky, doch das verstehen so durchschnittliche Leute wie du nicht. Sich in einem Pulk von Menschen einsam zu fühlen, war von jeher eine leidvolle Begabung der wirklich großen Geister.«

»Dann viel Spaß dabei. Wir sehen uns, Nestor.« Ich lache ihm hinterher. Ich mag ihn.

»Heißt der wirklich Nestor?« Susi zupft mich am Ärmel, sie ist lautlos hinter mich getreten.

»Ja. Er hat allerdings nichts dagegen, wenn du ihn Spiderman rufst.«

Sie schaut ihm nach, wie er im Haus verschwindet. »So weit käme es noch. Wie der schon geht, wie eine Ente mit Dünnschiss. Woher kennst du ihn eigentlich?«

»Vor vielen Jahren sind wir mal auf unseren Fahrrädern ineinander gerast und mit den Köpfen gegeneinander geknallt.«

»Das erklärt so manches!« Susi versteht es, die Dinge präzise beim Namen zu nennen.

Ich beschließe vorsichtshalber, den Kühlschrank im Keller mit meinem Wein zu bestücken. Auf dem Weg dorthin finde ich Spacey, einen Raver, der dank größerer Mengen Ecstasy, die er sich eifrig durch seine Hirnwindungen geschoben hat, in den Neunzigern stecken geblieben ist. Bei ihm weiß man nie, ob er akut drauf- oder erst gar nicht heruntergekommen ist.

Wie auch immer, sein Bewegungsdrang ist ungebrochen. Bei seinem Job in einem Logistikunternehmen, den er grundsätzlich nur nachts ausübt, kommt ihm diese Wesensart sehr zugute. Spacey tanzt in dem für ihn typischen Stil die Treppenstufen auf und ab. Seine Augen glänzen unter einem magischen Schleier. Einfach nur zu chillen vermag er nicht, er kann nur zusammenbrechen, schon mehrfach habe ich ihn aus einem Krankenhaus abholen müssen.

»Freaky, danke für die Einladung. Eine fette Bude hast du aufgetan. Wo kann ich hier ein bisschen tanzen? Ich habe erstklassigen Rave eines vergessenen Jahrhunderts dabei. Ein merkwürdig arrangiertes Publikum flippt hier herum, ist das Absicht?«

»Ja und nein, ich experimentiere halt gern. Komm, wir gehen nach oben, vielleicht finden wir ja noch ein Zimmer mit einer Stereoanlage. Ins Wohnzimmer kannst du nicht, da hocken Fußballfans.«

»Sag ich doch, seltsame Typen schwirren hier herum. Aber glaub mir, Ecstasy macht so was von tolerant. Mehr noch, es breitet die pure Liebe in dir aus wie einen warmen Strom von Glück, den es sofort zu teilen gilt – und diese Begeisterung übersetzt die Seele in einen nicht enden wollenden Tanz der Derwische, wenn du so willst. Wie gefällt dir mein pinkfarbener Steilhaarschnitt, gegen den die Frisurenvielfalt der Loveparade nahezu eintönig ausgesehen hat?«

»Passt gut zu dir. Die Haare stehen glatte dreißig Zentimeter hoch. Hat nicht jeder. Woher stammt die Schnittverletzung an deinem linken Ohr?«

»Ich mache mir die Haare stets selber. Die Idee dazu ereilte mich nach einem Rave, der über zwei Tage ging. Leider litt ich bei der Ausführung im Morgengrauen unter erheblichen Sehstörungen. Dabei …«

»Verstehe!« Spacey macht gerade einen Redeflash durch, die Angelegenheit muss verkürzt werden. Entschlossen schiebe ich ihn die Treppe hoch. Das obere Stockwerk ist im Stil einer Galerie angelegt, damit endet auch meine Sachkenntnis. Auf gut Glück klappern wir die Türen ab. In der Mitte des Ganges entdecken wir eine Art Atelier mit einer Staffelei, darin stinkt es nach Ölfarben und Verdünnung. Das angefangene Gemälde zeigt ein Stillleben mit irdenen Vasen und Krügen.

»Wetten, wenn es fertig ist, soll das Bild ›Geile Vasen‹ heißen?«, ist mein Raver-Kumpel überzeugt. Anschließend stolpert er förmlich über die teuer aussehende Stereoanlage. Hier sind wir richtig. Sofort macht er sich an dem CD-Player zu schaffen, aus dem er eine Scheibe herauspult.

»Schau an, Reggae, gar nicht mal schlecht für so einfältige Hausbesitzer. Die machen in ihrer Freizeit bestimmt einen auf Kultur und tagsüber zocken sie in ihrer Firma eiskalt die Beschäftigten ab.« Sein mitgebrachter Silberling verschwindet in dem Schacht.

»Übertreib es nicht mit der Lautstärke, vor allen Dingen nicht mit den Bässen, die Hooligans lauern unter dir!«, ermahne ich ihn.

»Kein Problem. Du hast einfach keine Ahnung. Die Liebe, die meine Musik verströmt, wird die Decken nach unten durchdringen und auch die Fußballjungs ereilen«, gibt er sich zuversichtlich.

»Hoffentlich sehen die Typen in ihren Trikots das ähnlich. Wir sehen uns.« Ich mache die Tür hinter mir zu und überlasse Spacey den Beats. Schon auf den ersten Stufen nach unten vibriert der italienische Marmor unter meinen Sohlen. Das kann ja heiter werden.