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Als Dagmar Bocks Mann 2009 als deutscher Botschafter nach Kairo berufen wird, freut sich das Ehepaar auf einen spannenden Neuanfang. Die ersten Monate nutzen beide, um sich an das neue politische, soziale und sprachliche Umfeld Ägyptens zu gewöhnen. Wie erklärt man eigentlich einem Friseur auf Arabisch, dass man einen flexiblen Pony möchte? Derart alltägliche Herausforderungen werden jedoch schlagartig nichtig, als der Arabische Frühling das Land erfasst … und auf einmal ist alles anders.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Originalausgabe Oktober 2015 Verlag Buch&media
© 2015 by Dagmar Bock © 2015 Buch&media GmbH, München Lektorat: Silke Pachal, Berlin Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Bilds von © Paul Rommer, Getty Images ISBN 978-3-95780-046-6 ISBN ePub 978-3-95780-047-3 ISBN PDF 978-3-95780-048-0 Printed in Germany
2009
Arabisch lernen
Wie es losging
Empfang an der ungarischen Botschaft
Begrüßung
Security
Beim Friseur
Die Ärztin
Paparazzi
Einstein
Ein Merkel-Fan
Einladung
Augenbrauen
Internet
Mikrokosmos
Awad
Hani
Hala
Farag
Ahmed
Mohammed
Weihnachtsvorbereitungen
2010 Kochen
Ostern
Khamasin
Das Insektenbild
Der Nadi
Yoga im Nadi
Mosesberg
Tische rücken
Siwa
Tische rücken – Klappe: die zweite
Ein ganz normaler Samstag
Straßenbild
Kochkurs
Das Dorf Kairo
Katzen
Die Hochzeit
Sar
Mehr Musik
Chihuahua
Pause
Augen und Doktoren
Schweben
Catwalk
Der 3. Oktober
Ein Rückblick
Weihnachtsfeier 2010
24. Dezember 2010
2011
26. Januar
Freitag, 28. Januar
Samstag, 29. Januar
Sonntag, 30. Januar
Montag, 31. Januar
Dienstag, 1. Februar
Mittwoch, 2. Februar
Donnerstag, 3. Februar
Sonntag, 6. Februar
Donnerstag, 10. Februar
Montag, 14. Februar
Warme Decken für die Nacht
Übung in Demokratieförderung
Informationssplitter
»Tanzend Kochen«
29. April
Leichtblütig
Geburtstag
Dezember 2011 Maracuya
Das Spiel
2012 Dahabeya
Ägypten, ein Jahr danach
Facial Harmony
Klub 3
Wüste
Die Berlin
Taxi
Ein Schlüssel zum Nil
El-Alamein
Gesundheit
Un- / Willkommen
Pizza und TV-Nachrichten
Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)
Geschichten und Gerüchte
Blutdruck
Schizophrenie
2013 Michael wird 60
7. Januar
8. Januar
9. Januar
10. Januar
11. Januar
12. Januar
13. Januar
Rotary Tanzgala
Ausgerastet
Der Anschlag
Brodeln – Teil 1
Der Affe
Brodeln – Teil 2 26. Juli
Brodeln – Teil 3 30. Juni
1. Juli
Brodeln – Teil 4 2. Juli
Der Morgen danach 4. Juli
5. Juli
8. Juli
9. Juli
24. Juli
28. Juli
Noch eine Pause
Marsa Alam
Ein neues Kairo-Jahr
Nationalfeiertag
Im Auge des Vulkans
Metamorphose im Mikrokosmos
Déjà-vu: Adventszeit am Nil
Besuch
Eine lange Autofahrt
2014 Zeitlos
Ohnmacht
Sprache
2014
Ein wenig Aktivismus
Organisieren
Was ist Geduld?
Der Anruf
Rituale
Umzugsmarathon
Zu guter Letzt
Als wir erfuhren, dass wir im Oktober 2009 nach Kairo versetzt würden, waren mein Mann und ich begeistert, schließlich lag zu der Zeit der Arabische Frühling noch in ferner Zukunft.
Michael hatte sich sehnlichst einen interessanten Botschafterposten gewünscht, und Kairo schien diesem Wunsch zu entsprechen. Selber war ich in heller Aufregung: Nicht wegen des Umzugs an sich, denn nach sieben Umzügen ist einer mehr kein besonderer Stressfaktor. Es war meine neue und erstmalige Funktion als Ehefrau eines Botschaftsleiters, die mir ein Kribbeln in der Herzgegend verursachte. Mein Kopfkino tobte: Was wird von mir erwartet? Bin ich den Anforderungen gewachsen? Oh je! Unbedingt muss ich mich um eine neue Garderobe kümmern, denn ich kann doch nicht im Berliner »Prenzlauer-Berg-Look« in Kairo herumlaufen. Muss ich mich ab sofort als feine Dame verkleiden? »Nylonstrümpfe sind ein Muss bei jeder Veranstaltung, bei jeder Temperatur«, erfuhr ich von einer Kollegin. Aber es gäbe ja die hauchdünnen, die man nicht sieht. – Wenn man sie nicht sieht, brauche ich sie vielleicht doch nicht immmer? – Vielmehr als Nylons und High Heels trieb mich aber die Befürchtung um, dass ich in meiner zukünftigen Funktion nicht mehr ich selbst sein dürfte: Nicht mehr laut lachen; Leute, die ich mag, nicht sofort umarmen; aufpassen, was ich wie sage. So stellte ich es mir vor. Also versuchte ich, mich zu entspannen und alles ganz locker auf mich zukommen zu lassen. Im KaDeWe verbrachte ich einen ganzen Tag mit Shoppen und kam vollbepackt und glücklich wieder heraus. Nun hatte ich einen Wohlfühlstil gefunden und empfand mich in puncto Garderobe für die neue Aufgabe gut gerüstet.
Als Teil der Vorbereitung auf seinen neuen Posten erhielt Michael während der folgenden drei Monate täglich vier Stunden Arabischunterricht, und zwar Hocharabisch. Sein Lehrer sagte: »Um es richtig zu lernen, muss es weh tun …« Er lernte die Struktur der Sprache, warum man was wie sagt und bekam so ein richtiges Fundament.
Das klassische Hocharabisch hat etwas Mathematisches, Logisches, und das tut meinem Mann gut. Meinerseits war ich froh, bei uns um die Ecke in Berlin Nabils Laden zu finden: Er verkauft arabische Literatur und gab mir einmal pro Woche Ägyptischunterricht. Ich nehme Sprachen eher intuitiv auf, kann mich relativ bald mithilfe von viel Mimik unterhalten und habe dafür wenig Ahnung von Grammatik. »Hocharabisch zu lernen und dann nach Kairo zu gehen ist fast so wie Latein zu lernen, weil man nach Rom kommt«, nimmt sich Michael selbst auf den Arm. Die Menschen schauen einen an, als würde man Shakespeare deklamieren. Nach der ersten Schockstarre wird man verstanden und bekommt sogar eine Antwort, die wiederum man aber leider selbst nicht versteht. Wir ahnten bereits, dass es abenteuerlich werden würde.
In unserer ersten Begeisterung schwärmten wir davon, bald vor unseren Töchtern eine Geheimsprache zu haben. Nach wenigen Unterrichtsstunden nahmen wir uns vor, die beiden mit einem kleinen Dialog auf Arabisch zu beeindrucken. Aber dieses Experiment scheiterte kläglich. Hocharabisch und das ägyptische Arabisch sind so unterschiedlich, dass wir uns auf keinen einzigen Satz einigen konnten. So diskutierten wir, und es wollte keiner von uns nachgeben.
In einer meiner ersten Unterrichtsstunden, als es noch um das Alphabet ging, lernte ich das Wort für Bär: »Dubb«. Zu Hause sagte ich zu Michael liebevoll und voller Stolz: »Dubbi«, mein Bär. Er bat daraufhin beim nächsten Unterricht seinen Professor, ihm Tiere beizubringen. Der allerdings meinte: »Also, bei mir lernen Sie erst einmal die ortsüblichen Tiere, wie zum Beispiel Esel oder Kamel.«
Das Umzugsunternehmen kam und packte eine Woche lang. Wir nahmen uns in Berlin für die letzte Zeit eine möblierte Wohnung. Einige Tage später saßen wir in einer Egyptair-Maschine nach Kairo.
Dort angekommen, wurden wir von einem Fahrer der Botschaft abgeholt und direkt ins Marriott-Hotel gebracht, unserem Zuhause für die nächsten Wochen. Von dort sind die Botschaft und die Residenz in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Beide Gebäude sind von einer Mauer umgeben. Zur Residenz gehört ein herrlicher Garten mit altem Baumbestand. Eine wahre Oase. Der Bau selbst wirkt im Stil wie eine Turnhalle oder Sparkasse: flach mit großen Fensterflächen und bläulich grünen Metallbalken. Wie wohl in den meisten Residenzen, ist unten der offizielle Bereich: der Eingangsbereich, ein großer Salon mit Konzertflügel, der sogenannte Damensalon, das kleine Frühstückszimmer, ein großes Esszimmer und eine voll ausgestattete Restaurantküche. Die privaten Räume sind im Obergeschoss. Gleich am Nachmittag seines ersten Arbeitstages lud Michael das Botschaftspersonal zu uns in den Garten, um uns allen vorzustellen. Dr. Badr übersetzte Satz für Satz. Michael erzählte von uns, dass wir gerade aus Berlin kommen, zwei erwachsene Töchter haben, die in Holland studieren und »Wie lange sind wir verheiratet? 27 Jahre?«, doch ich verbesserte: »25«, und knurrte hinterher: »Es kommt dir nur so lang vor!« Der Übersetzer hatte das gehört und gleich auf Arabisch weitergegeben. Es wurde gelacht und ich merkte, dass ich ja anscheinend doch ich selbst sein durfte. Über diese frühe Erkenntnis war ich unendlich froh.
Unser Container mit allem Umzugsgut stand noch in Alexandria und wartete auf die Zollabfertigung. Vorausschauend hatten wir für Partys und Empfänge Kleidung im Gepäck mitgebracht, denn gleich in unserer ersten Woche wurden wir zum ungarischen Nationalfeiertag eingeladen. Es war eine großartige Gelegenheit, um viele Kollegen aus anderen Botschaften kennenzulernen. Der serbische Botschafter lief mit Michael von einem zum anderen und stellte ihn vor. Es war für mich nicht ganz einfach, schnell genug hinterherzukommen. Ich schüttelte unzählige Hände und stellte mich vor: »Guten Abend. Schön, Sie kennenzulernen. Ich bin Dagmar Bock, die Frau des neuen deutschen Botschafters.« Zehnmal. Zwanzigmal. Etwa beim fünfunddreißigstenmal hörte ich mich sagen: »Guten Abend. Ich bin Dagmar Bock, die neue Frau des deutschen Botschafters.«
Noch war das Umzugsgut nicht da, und ich nahm mir vor, die nähere Umgebung kennenzulernen. Als ich gerade am Eingang der Kanzlei vorbeiging, öffnete sich die Tür und einer der Reiniger trat auf die Straße. Ganz stolz, dass ich ihn wiedererkannt hatte, begrüßte ich ihn: »Sabah al-kher!« Doch im Moment, als ich den Gruß aussprach, wollte sich eine Fliege auf mein Gesicht setzen. Um sie zu verscheuchen, machte ich mit der Hand eine kreisende Bewegung vor meiner Nase. Der Reiniger antwortete höflich: »Sabah an-Noor«, und machte zu meiner Verblüffung die gleiche, kreisende Bewegung vor seiner Nase … Ägypter sind anscheinend sehr anpassungsfähig.
Bodyguards gibt es nicht, und der Dienstwagen ist auch nicht sonderlich gesichert. Das braucht man hier nicht, und selten habe ich mich in einem Land so sicher gefühlt. Allerdings möchten die Ägypter, dass sich Ausländer geschützt fühlen und haben an touristischen Orten ein großes Polizeiaufgebot. Bei den ausländischen Besuchern hat dies aber den gegenteiligen Effekt. Jeder denkt: Oh, oh, was werden hier für Unruhen erwartet …
Aber Botschaft und Residenz sind rund um die Uhr geschützt. Vor der Tür stehen meistens drei Personen: ein ägyptischer und ein deutscher Sicherheitsbeamter sowie jemand vom ägyptischen Geheimdienst. Wenn Besucher zu uns wollen, müssen wir sie vorher anmelden; sie müssen sich ausweisen können und gehen durch eine Sicherheitsschleuse. Außerdem wird jede Abfahrt und jede Ankunft per Walkie-Talkie irgendwohin gemeldet.
Wenn ich – egal woher – zu Fuß nach Hause zurückkomme, springt einer der Sicherheitsbeamten auf, öffnet mir die Tür und klingelt im Haus. Dabei wette ich, dass er einen Code durchklingelt: »Achtung, Achtung, sie kommt! Tut beschäftigt.« Prompt kommt dann auch schon jemand vom Hauspersonal mit großem Lächeln an die Haustür, und tatsächlich hat jeder einen Lappen, Staubsauger oder Holzlöffel in der Hand.
Ich habe eine kindliche Freude daran, mich heimlich anzuschleichen. Dann gehe ich im Schatten der Bäume unaufällig hinter den Autos durch und stehe plötzlich vor der Tür. Aber sie kennen das jetzt schon. Neulich wurde ich vom Beamten, der die Visastelle bewacht, gesehen und sofort gab er hektisch Bescheid. Vor ein paar Tagen kam ich einmal ungesehen aus dem Haus, weil alle gerade mit einem suspekten Wagen beschäftigt waren. Als ich zurückkam, wurde ich gefragt, ob ich auswärts übernachtet hätte. Der Diensthabende war sehr betreten, weil er mich beim Hinausgehen nicht bemerkt hatte.
Inzwischen sollte ich die Security-Leute beim Namen kennen. Einige von ihnen lernen Deutsch und sind ganz stolz darauf: »Guten Morgen, Frau Botschaft, wie geht es Ihnen?« Auf einer Liste sah ich, dass einer namens Mohammed Geburtstag hatte. Ich fragte nach. Es gab beim Sicherheitspersonal drei, die Mohammed hießen, aber das Geburtstagskind hatte gerade keinen Dienst. Am Tag darauf stellte mir der eine Mohammed den Geburtstag-Mohammed vor. Ich drehte mich um, um ihm nachträglich zu gratulieren und reichte ihm die Hand. Er bedankte sich strahlend, zog mich an sich und küsste mich links und rechts auf die Wangen. Ein absoluter Tabubruch! Ich war völlig überrumpelt und kann nur hoffen, dass das nicht die Runde macht und jeder ein Geburtstagsküsschen will.
Noch in Berlin, wollte eine Freundin einmal einen Friseurtermin. Doch der nächstmögliche war erst in drei Wochen zu haben. Sie sagte mir dann: »Ich brauche doch keine Gehirnoperation, ich möchte nur, dass er mir die Haarspitzen schneidet.«
Mit dieser Geschichte in lebhafter Erinnerung ging ich hier in Kairo zum ersten Mal zum Friseur. Mein Arabisch war so schlecht wie sein Englisch. Einen Termin hatte ich nicht. Ich wollte vorsichtig sein und ließ mir einfach nur die Haare waschen und föhnen. Er warf von Weitem einen kritischen Blick auf meine Hände und fragte in einem Ton, der eigentlich keine Widerrede duldete: »Manicure? « »Ja, ok.« 25 Minuten später war ich mit gepflegten Händen und schönen Haaren wieder draußen. Alles für umgerechnet zwölf Euro.
Das gefiel mir so gut, dass ich eine Woche später wieder zu »Figaro« ging. Er sagte gleich an der Tür: »Today cut, front only.« Wieder war ich 25 Minuten später mit leicht gestufter Gesichtsumrahmung draußen. Doch, doch, gar nicht schlecht.
Erneut etwa zehn Tage später lautete sein Spruch: »Today color.« In Deutschland hatte ich schon alles an möglichst naturbelassener Tönung ausprobiert: Henna, Walnuss usw. Nun beschloss ich, ihm einfach zu vertrauen. Ohne viel Aufhebens wurde der Ansatz gefärbt und … Ja. Schön!
Neulich dann empfing mich »Figaro« bereits an der Tür mit einer Zeitschrift in der Hand. Das Modell auf dem Titelblatt hatte eine Löwenmähne und er sagte: »Today you change style.« Diesmal dauerte es etwas länger, aber ich ging mit ebenso einer Löwenmähne nach Hause!
Inzwischen könnte ich mehr auf Arabisch sagen, aber ich glaube, ich will gar nicht.
Gestern hatte ich einen Termin bei einer Ärztin, die in Deutschland studiert hatte. Es gab nicht so viel Stau wie erwartet, und ich war ein bisschen vor meinem 20-Uhr-Termin (!) vor Ort. Rasch stieg ich aus und der Fahrer verschwand, um zu parken. Der Eingangsbereich vor dem Hochhaus sollte wohl neu gefliest werden, und ich stand etwas ratlos vor dem mit flüssigem Zement bedeckten Areal. Ein Arbeiter kam zu Hilfe. Ich folgte ihm in eine dunkle Seitenstraße. Das hätte ich wohl in keinem anderen Land so gemacht, aber hier ist das möglich. Nach weiterem Abbiegen kamen wir durch den Hintereingang in das Hochhaus. Der Arbeiter stieg mit in den alten Lift, der zur 7. Etage fuhr. Er hielt mir die Tür zu einer Wohnung auf und verabschiedete sich dann.
In der Wohnung begrüßte mich ein älterer Herr, der von einem Plüschsofa aufstand. Als ich nach Dra Amina fragte, zeigte er auf eine offene Tür. Dra Amina telefonierte. Sie winkte mich heftig gestikulierend in den Raum, zeigte auf einen Stuhl und sprach in perfektem Deutsch weiter: »Nein Ilse, hör zu: Du gehst jetzt einfach zu deinem Steuerberater. Ja, ruf ihn sofort an. Nein, ich kann jetzt nicht nach Deutschland kommen. Das ist sicher nur ein Ausschlag. Du brauchst nur eine Salbe. Nein. Nein. Ich brauche doch ein Visum. Das dauert acht Wochen! Außerdem ist es mir zu kalt. Ich komme inshallah im Mai. Ja, deinem Hund wird es auch bald besser gehen. Ich habe jetzt eine Patientin. Ich rufe dich später noch einmal an.« Und dann zu mir: »Guten Tag, entschuldigen Sie, das ist meine beste Freundin. Wir waren seit dem zwölften Lebensjahr zusammen hier an der deutschen Schule. Sie lebt jetzt in Hamburg.« Sie fragte mich, ob ich an der deutschen Schule arbeite. Als ich ihr sagte, dass ich die Frau des neuen deutschen Botschafters bin, sprang sie auf vor Freude: »Endlich! Endlich!!! Ich freue mich ja sooooo, dass Sie hier sind! Ich muss das gleich meinen Freundinnen erzählen!«
Ich wurde gut beraten. Für die Untersuchung gingen wir durch das Wohnzimmer mit dem Plüschsofa in einen anderen Raum. Sie empfahl einen Bluttest. Ihr Mann (der ältere Herr auf dem Plüschsofa) habe ein Labor in der Wohnung und sei auf genau diese Art von Bluttests spezialisiert. Da willigte ich ein, gleich Blut abnehmen zu lassen und mir so ein weiteres Mal den langen Weg zu ersparen. Sie nahm selbst die Probe und rannte damit zu ihrem Mann. Dann wühlte sie hektisch in einer Schublade und rief aufgeregt nach einem Pflaster.
Ich bezahlte für die Untersuchung umgerechnet 30 Euro. Dann wollte ich auch direkt die Laborrechnung begleichen. Aminas Mann wollte mir die Laborrechnung erlassen, denn auch er sei ja so froh, dass ich da war. Nach langem Hin und Her durfte ich doch bezahlen. Noch einmal 30 Euro. Amina sagte ihrem Mann: »Sie ist versichert, schenke ihr lieber Blumen oder etwas anderes!«
Wir werden uns sehen. Wir werden telefonieren. Vielleicht kann ich mal mit ihr nach Luxor mitfahren, wenn sie in den Armenvierteln pro Tag 60 Patienten untersucht. Wir werden telefonieren. Sie umarmte mich. Wir sehen uns. Inshallah. Wir werden telefonieren. Ich muss das gleich meinen Freundinnen erzählen. Die werden sich freuen!
Ein Helfer aus dem Labor fuhr mit mir im alten Lift hinunter. Der Arbeiter hatte inzwischen einen Weg aus Pressplatten auf den Zementsee gelegt. Wie eine Prinzessin balancierte ich darüber auf die Straße.
Mit zu den attraktivsten Erlebnissen gehört ein Besuch der Kairoer Oper. Nicht nur, weil das Programm abwechslungsreich ist, sondern weil das Opernhaus nur etwa acht Fahrminuten von uns entfernt liegt. Außerdem bekommen wir häufig Karten geschenkt, weil die Botschaft die Oper kulturell stark unterstützt.
Neulich fragte mich Michael, ob ich Interesse an spiritueller ägyptischer Musik habe … Wir bekamen zwei Karten. Nebenbei erwähnte er, dass die Botschaft das Konzert sponsert, schenkte dem aber keine große Bedeutung.
(Vorher wollte ich mir unbedingt die Haare waschen und die Hände pflegen lassen. Für beides lohnt es sich wirklich, kurz zu »Figaro« zu gehen. 30 Minuten später kam ich aufgehübscht wieder nach Hause.)
Wir fuhren mit dem offiziellen Botschaftswagen vor. An der Oper angekommen, erlebten wir einen unerwarteten Empfang. Die Türen des Autos wurden aufgerissen, schnellen Schrittes wurden wir durch den VIP-Eingang gezogen, auf die besten Plätze gesetzt und von etwa sechs Paparazzi mit Blitzlichtern verfolgt (Danke, Figaro). Michael wurde gefragt, ob er denn eine Rede halten würde. Er antwortete völlig souverän: »Das überlassen wir ganz den Ägyptern.« Zack, saß der Opernhausdirektor neben Michael. Noch mehr Blitzlichter. Die Musik war himmlisch. Ein Sufi-Sänger trug Lieder vor, ein Chor sang und eine Band mit zwei deutschen Top-Musikern verjazzte alles sanft. Pause. Der Operndirektor zog Michael und der wiederum mich aus dem Sessel, und wir galoppierten durch einen Gang zum VIP-Raum. Blitzlichter. Dort bekamen wir Guaven- und Mangosaft, Tee, Kaffee und Wasser. Michael wurde interviewt. Erneutes Blitzlichtgewitter. Die Pause war vorbei. Wir preschten auf unsere Plätze zurück und die zweite Programmhälfte war ebenso himmlisch. Ende. Applaus. Erneut riss der Operndirektor Michael aus dem Sessel und er mich. Diesmal rasten wir die Treppe hinunter. Gerade noch rechtzeitig merkte ich, dass beide Richtung Bühne jagten. Ich machte eine Vollbremsung, lehnte mich »elegant« an eine Säule und blätterte »lässig« im Programm. Michael und der Opernhausdirektor standen auf der Bühne, verbeugten sich und wurden wie Boxkämpfer bejubelt. Nochmaliges Blitzlichtgewitter. Anschließend ging es schleunigst zurück zum wartenden Wagen. Uff!
Gestern waren wir eingeladen: Die deutsch-ägyptische Gesellschaft gibt sich die Ehre, den neuen Botschafter und seine Frau …
Michael kommt etwas früher aus dem Büro und bereitet seine Rede vor. Ich probiere verschiedene Klamotten durch. Schließlich entscheide ich mich für einen schönen, schwungvollen, schwarzen Rock, einen schwarzen Wickelblazer und eine knallrote Rüschenbluse. Um den Effekt Schwarz-Rot-Gold zu vermeiden, wähle ich Silberschmuck dazu aus. Im Auto fällt mir auf, dass das nun eher die ägyptischen Farben sind: Rot-Weiß-Schwarz. Ja, nun. Eine innere Stimme sagt mir: »Du wirst eine Rede halten.« Ich höre gerne auf meine innere Stimme, konnte aber in dem Moment nichts mit der Information anfangen. Im Four-Seasons-Hotel gelangen wir zum Salon. Im Vorraum steht ein Fernsehteam. Sofort wird Michael um ein Interview gebeten. Ich kann nicht hören, worum es geht, merke, dass er auf Englisch befragt wird und nach wenigen Sätzen immer ins Arabische übersetzt wird. Das Interview ist vorbei, und Michael wird auf seinen Platz im Salon begleitet. In dem Moment werde ich vom TV-Team gesichtet und um ein Interview gebeten. Vor der Kamera werde ich nach ein paar netten Floskeln gefragt, womit ich mich in Ägypten beschäftigen werde. Ja, da ich mich nicht vorbereiten konnte, sprach ich ganz freimütig und erzählte, dass ich natürlich meine Aufgaben als Frau des Botschafters wahrnehmen werde, aber dass ich auch mit einer Entspannungstherapie arbeite und darin in Ägypten Kurse geben werde.
Unser Umzugsgut ist da, und alles hat seinen Platz gefunden. Die Bilder hängen.
Ägypter können alles reparieren: Unser CD-Spieler funktionierte nicht mehr und jemand empfahl uns einen Laden auf Zamalek.
Ein winziger Laden, aus dem der Besitzer ein paar Möbel auf die Straße räumt, wenn man zu dritt hinein möchte. Er repariert und erfindet. Eigentlich mehr wie Daniel Düsentrieb, aber er sieht aus wie Einstein. Die Wände sind voll: An einer hängt ein großer antiker Spiegel. Mitten im Spiegel wurde ein kleines Waschbecken angebracht. Er führt ein paar seiner Erfindungen vor. Wenn sein uraltes Telefon klingelt, drückt er auf einen Knopf. Eine Antenne fährt aus, an ihrer Spitze ist der Telefonhörer festgebunden. So kann Einstein telefonieren und die Hände für seine Arbeit freihalten. Eine andere Erfindung ist ein Gerät, mit dem ferngesteuert Insektenspray versprüht werden kann, ohne das Gift einzuatmen.
Unser CD-Spieler war nicht mehr zu reparieren. Wir bekamen einen viel wertvolleren aus zweiter Hand und vom zweiten Mann der japanischen Botschaft. Einstein wollte um 15 Uhr zu uns kommen, um das neue Gerät persönlich zu installieren. Frisch gebadet, rasiert, im schwarzen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte erschien er kurz nach 17 Uhr. An der Tür zog er die Schuhe aus und klappte den Teppich um. Drei Helfer guckten ihm bei der Arbeit zu. Wir genießen die gute Klangqualität. Heute versagte eine andere kleine Musikanlage. Ich brachte sie zu Einstein. Er hörte nicht auf, sich zu verbeugen, vermisste wohl seinen schwarzen Anzug und versprach mir, ein Insektenspraygerät zu bauen. Hoffentlich repariert er zuerst die Musikanlage.
Im Arabischen werden kurze Vokale nicht geschrieben. So wie wir aus »Hbf« sofort Hauptbahnhof lesen, geht es im Arabischen generell. Wir werden also Bck geschrieben, und ob dazwischen ein kurzes a, i, o oder u fehlt, ist kaum herauszuhören. Neulich schrieb ein Ägypter Michael eine Mail, in der er seine Begeisterung über Frau Merkel äußerte. Arabisch Mrkl. Lustigerweise setzte er in der Mail irgendwelche Vokale ein, und es wurde Mrs. Miracle draus.
Die Ehefrau des britischen Botschafters ist sehr aktiv. Außerdem beneide ich sie, weil sie eine Sekretärin hat, die alles übernimmt, was die Residenz des Botschafters betrifft. In der britischen Residenz finden die regelmäßigen Treffen zur Organisation und Aufarbeitung des EU-Basarkomitees statt. Normalerweise steige ich beim Gartentor aus dem Auto, laufe durch einen Sicherheitsbogen, und dann sind es noch circa 50 Meter bis zum Hauseingang. An einem Montag wurde zum ersten Mal auch meine Handtasche untersucht. Der ägyptische Sicherheitsbeamte sagte: »Oh, zwei Bomben«, und freute sich über seinen Witz. Ich sagte: »Was? Zwei Bomben? Da muss ich wohl eine verloren haben!« Wir lachten beide. Jede Arbeit läuft besser, wenn eine gewisse Heiterkeit zugelassen wird.
Am Donnerstag darauf wurde ich wieder in die britische Botschaft eingeladen. Diesmal zu einem Lunch. Niemand stand am Gartentor und ich ging selbstständig durch den Sicherheitsbogen. Als ich schon fast an der Haustür war, tauchte derselbe Witzbold vom Montag auf und rief hinter mir her: »Hungry?« Ich rief zurück: »Yes, very hungry!« Da meinte er: »German? Italy? Spain? Hungary?«
Ich mag meine Augenbrauen, doch von Zeit zu Zeit müssen sie etwas in Form gebracht werden. Nur leicht, wie ich finde. Doch da gehen wohl die Meinungen auseinander …
Beim Friseur bringen die Manikürdamen die Augenbrauen in Form. Sie haben eine bestimmte Methode, die Härchen zwischen zwei Fäden wegzuzwirbeln, die genial aussieht. Mit beiden Händen und den Zähnen halten sie die Fäden und es geht ruck, zuck! Das wollte ich auch mal ausprobieren. Mann, tat das weh! Mir liefen die Tränen und ich suchte nach passenden Worten: »Bitte, nur ein bisschen.« Mit einem »Ja, ja« wurden sie ignoriert. Dann nahm die Dame auch noch eine Schere und schnitt blitzschnell die etwas längeren Haare an der Nasenwurzel einfach ab. Ich war entsetzt und verärgert. Bei meinem nächsten Arabisch-Unterricht lernte ich zu sagen: »Das tut weh«, und »Ich mag keine dünnen Augenbrauen«. Zur Betonung lernte ich auch noch: »Ich mag meine Augenbrauen. « Trotzdem ließ ich ein paar Wochen verstreichen, bevor ich mich wieder einer Augenbrauenpflege unterzog. Zur Sicherheit ging ich zu einem anderen Friseur. Ich verbot der Manikürdame die Verwendung von irgendwelchen Fäden, also »nuuuur« Pinzette und sagte dazu meine Sprüchlein auf. »Ja, ja«, war die Antwort und sie zupfte zuerst nur brav auf der Nasenwurzel, noch ein bisschen auf der Unterseite und stürzte sich dann plötzlich auf die Oberseite meiner Brauen. Da rief ich »Stopp!« und sagte laut wieder meine Sprüche auf. »Ja, ja«, sagte sie, und dann holte sie auch noch blitzschnell eine Schere aus der Kitteltasche und schnipp, waren die etwas längeren Haare an der Nasenwurzel weg.
Von da an nur noch: Brille, Vergrößerungsspiegel, selbst machen.
Es ist schwierig, in unserer Wohnung eine verlässliche Internetverbindung zu installieren. Viele Experten haben sich schon den Kopf zerbrochen. Ich persönlich delegiere das gerne an sie, denn ich möchte einfach, dass es klappt.
Der aktuelle Experte installierte ein Modem unter der abgehängten Decke. Wir gewöhnten uns schnell daran, dass also im Flur aus der Decke eine kurze Antenne ragt. Manchmal zeigen wir darauf und sagen zum Spaß: »Psst, wir werden abgehört.«
Eine Zeit lang klappte es ganz gut mit dieser Notüberbrückung. In den letzten Tagen aber hatte ich kein Internet und so kam gestern der Experte vorbei. Zuerst wollte er meinen PC neu formatieren. Mein Antivirusprogramm sei so schlecht, das könne nur ein Virus sein.
Dann bequemte er sich doch, eine Leiter zu holen und das eine Deckensegment abzumachen. Das Modem war von Ratten völlig verunstaltet worden, die Kabel waren abgenagt. Ich bin in den Tropen in Venezuela aufgewachsen und manches gewöhnt. Schlangen, Spinnen, Kakerlaken und Skorpione beeindrucken mich kaum. Aber Ratten sind mir ein Graus!
Der Hausmeister und die Verwaltungschefin der Botschaft kamen herüber, dazu ein weiterer IT-Experte und mein eigenes Personal. Gemeinsam installierten sie vier Rattenfallen. Bei Einbruch der Dämmerung waren vier sehr wohlgenährte Ratten gefangen. Jedes Mal fuhr ich zusammen, wenn ich die Falle zuspringen hörte. Widerlich. Abends toastete ich mir ein Brot. Als es aus dem Toaster sprang, fuhr ich abermals erschrocken zusammen. Fortsetzung folgt, fürchte ich!
So nenne ich meine kleine Welt in der grünen Villa auf der Nilinsel Zamalek. Das Team besteht aus fünf Mitgliedern: dem Koch, einem Hilfskoch, einer Putzfrau für den privaten Teil der Residenz, einer Art Butler und dem Fahrer.
Am ersten Tag hielt ich eine kleine Rede. Ich ließ Satz für Satz übersetzen, damit keine Verdrehungen oder Abkürzungen zustandekamen.
Sinngemäß sagte ich: »Mein größtes Anliegen ist, dass sich jeder, der durch diese Tür kommt, glücklich fühlt. Dafür ist es sehr wichtig, dass es euch gut geht. Jedem Einzelnen. Wenn der Koch sauer ist, kocht er eine saure Suppe, und die Gäste werden auch sauer. Ich werde euch jeden Tag fragen, wie es euch geht. Das ist mehr als eine Begrüßung. Ich möchte dann auch wirklich erfahren, wie es euch geht.« Daran habe ich mich auch gehalten. Ich gebe jedem die Hand, frage, wie es ihm oder ihr geht und spüre nach.
Awad ist der Älteste in meiner Truppe. Er ist der Bruder des Kochs und seine rechte Hand. Er schnippelt, wäscht Obst und Gemüse und reinigt alles, was sein Bruder benutzt. Vorher und nachher. Außerdem macht er die kleinen alltäglichen Einkäufe. Er ist der Einzige, der mit mir nur Arabisch spricht. Langsam, aber fließend. Ich verstehe nicht immer jedes Wort, aber immer den Inhalt. Er ist schon um 6.30 Uhr da und bereitet das Frühstück zu. Es ist ihm wichtig, dass wir zufrieden sind. Meistens sind wir das auch. Nur manchmal schneidet er Obst auf dem Zwiebelbrett und möchte, wenn ich es ihm sage, vor Betroffenheit im Erdboden verschwinden.
Neulich war sein letzter Arbeitstag. Offiziell. Wir ließen ein Mittagessen vorbereiten und im Garten für unser Personal, also für »die Familie«, decken. Die beiden Gärtner waren auch mit von der Partie. Michael hielt eine Minirede auf Arabisch. Alle verstanden ihn und Awad weinte. Er konnte kaum essen. Zum Glück lagen die Boccia- Kugeln im Gras und Michael lud drei der Herren auf ein Match ein. Die anderen schauten zu und freuten sich.
Wenn große Einladungen anstehen, kommt Awad und hilft aus.
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