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Alex kämpft um seine Familie, Kampfarena ist seine neue Schule. Alex denkt, wenn er es hier schafft, werden seine Eltern aufhören, sich wegen seiner schlechten Noten gegenseitig fertigzumachen. Am Gymnasium aber ringt die akademische Mittelschicht um ihren Status, schickt ihre Kinder ins Rennen … »Hanne Christ liebte ihr Kind und Birgit liebte ihres. Alle liebten ihre Kinder und wollten sie vor dem Niedergang bewahren, vor einem Dasein als Klempner, als Krankenschwester oder kaufmännische Angestellte.« Ein Schulroman voller wunderbar böser Beobachtungen. Eine Geschichte über erschöpfte Schüler, verzweifelte Mütter und ratlose Lehrer.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2017
Susanne Giebeler
Copyright: © 2017: Susanne Giebeler
Lektorat: Friederike Schmitz, www.prolitera.de
Umschlag: Stephan Bundi, Boll
Satz: Erik Kinting, www.buchlektorat.net
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
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Der Löwe vor der Schule war verwundet.
Er brüllte seinen Schmerz nach Westen heraus. Seine verletzte linke Seite konnte man von der Straße aus nicht sehen.
Hinter den Dächern des Goethe-Gymnasiums ging die Sonne auf, klein und entkräftet machte sie an diesem Septembermorgen nur noch Dienst nach Vorschrift, denn es war ein kräftezehrender August für sie gewesen, ein ermüdender Kampf mit bombastischen Wolkenfeldern aus allen vier Himmelsrichtungen.
Entlang der Straße liefen Erwachsene zur Arbeit. Nicht mehr lange, und die Schüler würden folgen. Es war der erste Schultag nach den großen Ferien. Sträucher am Rand des Bürgersteigs verdeckten die Sturmschäden des Orkans, der zu Beginn der Ferien über das Ruhrgebiet gefegt war und die hundert Jahre alten Bäume im Park entwurzelt hatte. Die Stämme der mächtigen Buchen und Eichen lagen wie urzeitliche Giganten herum und die Spaziergänger bestaunten schon seit Wochen verstört die Wurzelkrater, standen beklommen an der Brache gegenüber der Schule und tauschten sich über die Macht der Naturgewalten und den Lauf der Dinge aus.
Es war frisch. Eva Jägersberg blieb stehen, um ihre Strickjacke zuzuknöpfen. Sie musste dazu ihre Aktentasche abstellen, denn die Jacke war neu und die Knopflöcher noch eng. Ein Vogel hüpfte mit einem herunterhängenden Flügel auf der Straße herum. Eva mochte keine Vögel. Vögel und Menschen passten nicht in ein und dasselbe Zeitalter. Spätestens als der Mensch begonnen hatte die Erde zu bevölkern, hätten die Vögel sich zurückziehen sollen. Aber sie waren geblieben und klagten unermüdlich und schrill Mensch und Zivilisation an. Sie dümpelten ölverklebt in schwarzen Gewässern herum, pressten Eier aus ihren Unterleibern und fielen aus den Nestern, um einem den Frühling zu vermiesen, nackt und krank. Säugetiere hatten feste Haut, Vogelhaut war weich und durchscheinend. Eva ekelte sich vor den bläulich schillernden Hähnchen in der Tiefkühltheke, sie ekelte sich vor den Kehlsäcken der Pelikane und vor den federlosen Küken in ihren kotverschmierten Nestern. Und sie hatte jetzt Mitleid mit dem piependen Vögelchen auf der Straße.
Sie machte einen Versuch, es zu retten, wurde beinahe von einem schwarzen Geländewagen erfasst und sprang zurück auf den Bürgersteig. Am Steuer des chromblitzenden Wagens saß eine Frau. Selbst aus der Entfernung konnte man das am Haar erkennen, das hell und satt über die Kopfstütze wallte. Der Vogel war tot.
Auch ein platt gefahrenes Rotkehlchen hatte Anrecht auf eine würdige letzte Ruhestätte. Eva wollte den Kadaver von der Fahrbahn schaffen und ihn unter den Sträuchern der Natur überlassen, fürchtete aber, der Vogel könnte vielleicht in ihren Händen anfangen zu zucken und das Hälschen recken. Sie ging weiter, schaute sich unauffällig um und strich im Vorbeigehen mit dem rechten Daumen über die Buchstaben der Bronzetafel am Sockel des Denkmals:
DER ÜBERZAHL ERLEGEN,
IM GEISTE UNBESIEGT
Sie tat das jeden Morgen.
Der Wagen, der das Rotkehlchen überfahren hatte, hielt vor dem Schulhoftor. Am linken Hinterrad klebten Federn. Ein Mädchen holte einen Korb mit Pflanzen aus dem Heck.
Eva beschleunigte ihren Schritt, um noch vor dem Mädchen durch das Schultor zu gehen. Sie erreichten das Tor gleichzeitig und schauten einander an.
„So früh, Leonie?“
„Der frühe Vogel fängt den Wurm.“
Eva legte die Hand auf die Klinke.
„Habt ihr ein neues Auto?“
„Meine Mutter muss gleich nach Düsseldorf. Irgendwas mit Elternpflegschaft.“
Das Mädchen tat einen Schritt vorwärts.
„Heidekraut. Winterhart. Von meiner Mutter für die Schule. Halten Sie mal.“
Leonie drückte Eva ihre Tasche in die Hand, ging über den leeren Schulhof, die Treppe zur Schultür hoch und stellte das Heidekraut auf den Mauervorsprung rechts neben der großen Tür aus dunklem Holz. Sie stand auf der Treppe und präsentierte die neue Dekoration mit großer Geste, als habe sie soeben ein Schiff getauft oder ein Denkmal enthüllt. Sie hatte noch volleres Haar als ihre Mutter, vielleicht war es nicht ganz so hell. Leonie lachte herüber zu Eva, die noch am Rand des Schulhofs stand. Eva dachte, wie leicht doch Leonies Tasche war und wie schwer die ihre.
Der Junge sah aus wie ein Mädchen und blutete.
Er stand an der Wand unter einem Plakat vom deutschfranzösischen Austauschdienst, das für eine Ausstellung warb:
ÉTÉ 1914. LES DERNIERS JOURS DE L’ANCIEN MONDE
Das Plakat zeigte eine Gruppe junger Männer, die Wandzeitungen mit Kriegspropaganda studierten. Einer der Männer auf dem Plakat las nicht, sondern schaute in die Kamera.
Das Blut lief dünn aus dem linken Nasenloch des Jungen, der aussah wie ein Mädchen. Es lief auf sein graues T-Shirt. Durch das Grau war das Blut auf dem T-Shirt nicht mehr leuchtend rot, sondern fast braun. Der Junge lächelte Alex an.
Es war laut. Schüler wie Lehrer, alle suchten sie irgendetwas, einen Raum, einen Plan, oder beides. Alex saß auf einem Stuhl im Flur und wartete darauf, dass Frau Jägersberg, von der er nicht wusste, wie sie aussah, ihn abholte. Der blutende Junge schien auch zu warten.
Es klingelte schrill und die Schülerscharen bewegten sich zur großen Treppe, die vom Foyer aus zu den Fluren führte.
Eine Frau bahnte sich ihren Weg in die entgegengesetzte Richtung, kam auf den Jungen mit dem Nasenbluten zu und reichte ihm ein Papiertaschentuch, aber er nahm es nicht an. Sie schloss die Tür mit dem roten Kreuz auf und schob den verletzten Jungen in das Zimmer. Alex erkannte eine schmale Liege. Die Tür schloss sich. Sie hatte eine Milchglasscheibe. Wenn er sich davorstellte, um zu lauschen, würde die Lehrerin ihn mit Sicherheit bemerken. Er schaute sich um. Die Tür neben dem Krankenzimmer war aus Sperrholz und stand einen Spalt weit offen. Er schaute vorsichtig hinein; es war eine Kammer, in der es kein Licht gab. Hinter einem Wagen mit Eimern und Lappen war genug Platz für ihn. Vorsichtig stieg er über die Kanister mit Desinfektionsmittel und hockte sich unter eine Schräge. In dieser Ecke war die Wand nicht verputzt, es roch modrig, und als er das Gesicht an die Ziegelsteine drückte, bröckelten einige Mörtelklumpen herab. Dumpf hörte er durch die dünne Wand die aufgeregte Stimme der Lehrerin. Sie behauptete, der Junge habe sich absichtlich einen Stift in die Nase gestoßen, um vom Unterricht befreit zu werden. Der Junge widersprach. Durch ein Abflussrohr an der Decke rollte ein Tosen, und als sich das Grollen legte, war Alex schlecht.
Er wusste von Soldaten, die sich selbst ins Knie schossen, um nicht weiterkämpfen zu müssen.
Alex hatte es in einem Buch gelesen. Es lag in der Rumpelkammer, in die er abends oft gekrochen war, um seine Eltern zu belauschen, wenn sie sich stritten. Sie stritten sich, wenn sie dachten, dass er schon schlief.
Das Buch hieß „Weltenbrand“, und während seine Eltern ihre Anschuldigungen mal nacheinander, mal gleichzeitig abfeuerten, hatte Alex die schwarz-weißen Fotografien des Buches genauestens studiert. Männer in verdreckten Uniformen lagen dicht beieinander im grauen Schlamm der Schützengräben, tot oder halb tot, mit schrecklichen Verletzungen. Ein kleines Foto auf der Seite 84 zeigte einen jungen Soldaten, der sich selbst einen „Heimatschuss“ zugefügt hatte, in der Hoffnung, man werde ihn wegen seines zertrümmerten Knies in ein Lazarett legen oder nach Hause schicken. Da man ihm aber auf die Schliche gekommen war, hatte ihn ein Militärgericht zum Tode verurteilt. Der verzweifelte Gesichtsausdruck des Soldaten war Alex unerträglich und trotzdem hatte er dieses Bild besonders gern.
Auf manchen Fotos im „Weltenbrand“ bildeten die Verletzten eine Art Knäuel, das man nur schwer entwirren konnte. Ein Bild hieß „Verletzte Soldaten der Schlacht an der Somme. 24. bis 26. November 1916“. Erst auf den zweiten Blick hatte Alex gesehen, dass es für die drei Köpfe der Soldaten insgesamt nur vier Beine und fünf Arme gab. Die fehlenden Gliedmaßen fanden sich einige Seiten weiter zwischen dem entlaubten Gehölz des Schlachtfeldes. Alex hatte darüber nachgedacht, ob es sich bei den abgetrennten Gliedern um Leichenteile handelte. Schließlich waren die Soldaten, zu denen diese Arme und Beine gehört hatten, noch nicht tot. Er hatte sich vorgenommen, Dr. Peterschmidt beim nächsten Arztbesuch danach zu fragen.
Die Abende in der Rumpelkammer der alten Wohnung waren eine Tortur gewesen. Trotzdem war er, wenn die Eltern ihn schlafend glaubten, jeden Abend dort hineingekrochen, hatte den „Weltenbrand“ auf seine Knie gelegt und die Kriegsbilder angesehen. Die Verstümmelten wurden zu Vertrauten, er nahm Anteil an ihren Schicksalen, als wäre er ihr Kamerad. Es war, als könne er durch das Betrachten der Fotos am Krieg teilnehmen, und es war, als könne er dadurch einen Beitrag leisten zum verzweifelten Kampf der Eltern um ihre Ehe, umso mehr, als er der Grund für ihre Auseinandersetzungen war.
Immer wenn Alex die Seite mit dem toten Mann erreicht hatte, der in der rechten Hand seine abgetrennte linke Hand hielt, musste er sich übergeben. Er brach dann in einen Putzeimer aus emailliertem Blech, der bei den anderen alten Dingen in der Kammer stand. Die Dinge waren nicht alt genug, als dass man sie auf dem Antiquitätenmarkt gewinnbringend hätte verkaufen können, und zu alt, als dass sie in einen modernen Haushalt gepasst hätten. Sie schienen trotzdem von Wert zu sein, denn weder sein Vater noch seine Mutter trennten sich davon. Wenn Alex sich fertig übergeben hatte, schlich er aus der Rumpelkammer, leerte den Eimer im Bad, stellte ihn geräuschlos zurück und legte sich frierend und zitternd ins Bett. Er genoss die Erschöpfung seines Köpers und schlief erleichtert ein. Er war tapfer gewesen.
„So nicht“, hörte er die Lehrerin sagen und Alex beeilte sich, aus der Putzkammer zu kommen. Er schaffte es gerade noch, sich wieder auf den Stuhl gegenüber dem Plakat des französischen Austauschdienstes zu setzen. Das Bild darauf war auch im „Weltenbrand“ abgebildet, auf Seite zwei.
Die Lehrerin schob den blutverschmierten Jungen aus dem Krankenzimmer und Alex kam es hoch. Ein Teil der Salve traf die Schuhe der Lehrerin und er sah wie durch einen Schleier die Lehrerin in die Hocke gehen und an ihren Schuhen reiben und dachte, dass jemand ihr helfen müsse.
Er fühlte sich nicht erleichtert wie sonst, wenn er sich übergeben hatte, es war ihm, als habe er mit dem Mageninhalt die Hoffnung ausgespuckt, die er in den Neubeginn an dieser Schule gesetzt hatte.
Zu dem Schulwechsel war es gekommen, nachdem die Wortgefechte der Eltern in einer Trennung geendet hatten. Alex’ Mutter, Sabine Haase, wechselte Wohnung und Arbeitsstelle. Sie wollte einen totalen Neubeginn und ließ alles zurück, was nun keine Bedeutung mehr für sie hatte: ihre Edelstahltöpfe mit Kupfersandwichboden und ihr echtseidenes Hochzeitskleid. Die CD-Sammlung mit den Hits ihrer Jugend 1988–1994, Alex und den Gin nahm sie mit.
Sabines neue Stelle als Krankenschwester war in einer Privatklinik für psychosomatische Erkrankungen. Insgeheim hoffte Sabine, die auf Seelenleid spezialisierte Umgebung könne auch ihrem Schmerz über die zerstörte Familie Linderung verschaffen. Sie würde dann nicht mehr auf den Alkohol angewiesen sein, denn, so viel war klar, der Gin unterspülte das Fundament ihres Berufs. Er ertränkte ihre Kraft, riss ihr Mitgefühl mit sich.
Auch Alex versuchte, dem Neuanfang in der anderen Stadt etwas Gutes abzugewinnen. Immer hatten sich die Konflikte zwischen Vater und Mutter an seinen Noten entzündet. Gefangen in einem Netz aus Schuldgefühlen und Erwartungsdruck, war er an der alten Schule irgendwann verstummt und den Versagern zugeordnet worden. All die Jahre hatte er gehofft, jemand würde das Netz zerreißen, seinen Lähmungszustand beenden. Aber niemand kam, niemand sagte „Steh auf und geh“. Er war ein schlechter Schüler gewesen. Aber das sollte sich nun ändern.
Nach dem Umzug in die neue Stadt musste er sich hier zwischen drei Gymnasien entscheiden. Er hatte nicht lang überlegt. Die Schule, vor der imposant und schon von Weitem sichtbar ein riesiger steinerner Löwe vor Stärke strotzend sein Maul aufriss – diese Schule musste es sein. Der Löwe würde sein Schutzpatron werden, würde mit seinen Reißzähnen die Fesseln zerschneiden, und er würde aufstehen und selbst stark und stolz wie ein Löwe sein.
Der Löwe war bald mehr als ein Talisman, der Löwe wurde ein Freund, zu dem es ihn zog, noch bevor das Schuljahr begonnen hatte. Jeden Tag in den Ferien ging er zum Löwen, setzte sich in der drückenden Augusthitze auf die Stufen zu Füßen des Sockels und malte sich aus, wie anders und gut bald alles werden würde.
Vor vier Jahren, als Zehnjähriger, hatte er Harry Potter gelesen und sich wie Millionen anderer Kinder eingebildet, er selbst sei Harry. Er hatte sich in der schönen Welt der Zauberschule von Hogwarts zu Hause gefühlt, sich vorgestellt, die Rumpelkammer sei der Schrank der Dursleys.
Der bevorstehende Schulwechsel verleitete ihn jetzt zu weiteren Projektionen. Die neue Schule lag auf einer Anhöhe wie Hogwarts. Über den Dächern hatte er eine Kuppel gesehen, die zu einer Sternwarte zu gehören schien, ähnlich dem Astronomieturm der Zauberschule. War der Löwe nicht auch das Wappentier von Gryffindor? Auf der Schule mit dem Löwen würde er zeigen, was in ihm steckte. Er würde tapfer sein, mutig und klug, kein Zauberer vielleicht, aber ein guter Schüler, ein kluger Kopf, und einer, der sich für Gerechtigkeit einsetzte. Ein Held. Seine Eltern würden stolz auf ihn sein und der Streit hätte ein Ende.
Sabine Haase holte Erkundigungen über die Schule mit dem Löwen ein. Man riet ihr ab vom Goethe-Gymnasium, das in der teuersten Wohngegend der ansonsten runtergekommenen Ruhrgebietsstadt lag. Andere Schulen seien einfacher. Aber Alex war der Magie des Löwen ganz und gar erlegen und flehte seine Mutter unter Tränen an.
Sie bat sich Bedenkzeit aus und befragte den Gin. Der Gin riet Sabine, Alex die Erlaubnis zum Besuch der Schule mit dem Löwen zu geben.
Eva Jägersberg rieb mit einem Tempotuch über ihre Schuhe. Die Zellstofffasern blieben am schwarzen Veloursleder hängen. Was für ein Start ins neue Schuljahr – erst der sterbende Vogel auf der Straße, dann der verrückte Richard, der mit einem Bleistift in seiner Nase herumstocherte, und jetzt dieser Junge, der auf ihre Wildlederschuhe gekotzt hatte. Man konnte die Cornflakes noch erkennen.
Sie schloss einen Moment die Augen und lenkte die Konzentration auf etwas Angenehmes, ganz wie man es ihr am Fortbildungstag zur Lehrergesundheit geraten hatte. Eva Jägersberg dachte an Joe. In der ersten großen Pause würde sie Frau Heinevetter kontaktieren, um Joe zu buchen. Für zwei Stunden.
Alex ging neben Richard, zwei Meter hinter Frau Jägersberg. Seine alte Schule war ein nichtssagender, maroder Betonbau aus den 1970er-Jahren gewesen, mit flachen Decken, vielen Fenstern und orangefarbenen Klassenzimmertüren, auf denen man mit Edding prima Penisse zeichnen konnte. Alex hielt Ausschau nach Peniszeichnungen, konnte aber keine entdecken. Die Türen waren aus dunklem Holz, manche hatten Schnitzereien an den Rahmen.
Sie gingen durchs Foyer. Die Schritte hallten laut. Frau Jägersberg zeigte auf ein Bild, das in einem Messingrahmen über einer Sitzgarnitur aus brüchigem Leder hing.
„Unser Namensgeber“, sagte sie und öffnete eine Doppeltür aus Glas, die zu einem Gang führte, dessen Wände zur Hälfte mit türkisfarbenen Kacheln gefliest waren. Die Kacheln erinnerten Alex an den Kaminofen der Ferienwohnung in Bayern, wo er im vorletzten Jahr mit seinen Eltern gewesen war. Von irgendwoher war Musik zu hören. Frau Jägersberg drehte sich kurz um: „Unsere Streicherklasse.“
Sie bog nach links in einen weiteren türkisfarbenen Flur. Die Kacheln seien in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts angebracht worden, erklärte sie und Alex musste an die Frau denken, die ihn und seine Eltern durch Schloss Neuschwanstein geführt hatte.
„Damals ganz modern. Reformpädagogik.“
Alex dachte, dass sein Leben nun auch eine Reform erleben würde, und sein Optimismus kehrte zurück. Er strich mit der Hand die Keramik entlang. Glatt und kühl fühlte sie sich an. Auf seiner Haut klebte noch Erbrochenes und er hätte sich gern die Hände gewaschen. Ein Plakat über den Kacheln forderte dazu auf, Spielzeug für die „Tafel“ zu spenden. Frau Jägersberg fragte Alex, ob er nicht vielleicht bei dieser Sammlung mitmachen wolle, und er nickte. An der alten Schule hatte es einige Kinder gegeben, die zum Mittagessen zur „Tafel“ gingen und er stellte sich vor, wie diese Kinder bald mit seinem alten Spielzeug spielen würden.
Sie gingen noch eine Treppe hinauf.
„Kunst-LK“, sagte Frau Jägersberg. Poppige Goethe-Porträts hingen an der Wand. Ein Lernplakat auf Höhe des Treppenabsatzes erläuterte die „Goethe’sche Farbenlehre“, Ausgangspunkt der Verfremdungen. Manche Schüler hatten auch den Löwen als Motiv gewählt. Alex missfielen die pinkfarbenen oder leuchtend grünen Ausführungen des Tiers. Auch Richard schien etwas gegen die bunten Löwen zu haben, denn im Vorübergehen zog er an einem der Bilder, sodass es nun schief an der Wand hing.
Frau Jägersberg war bereits oben vor einem Schaukasten stehen geblieben und winkte Alex heran. Im Kasten lagen Abbildungen des antiken Griechenland und einige Papiere, auf denen etwas in Buchstaben geschrieben stand, die Alex nicht entziffern konnte. Frau Jägersberg fragte, ob Alex Interesse an alten Sprachen habe, die Altgriechisch-AG brauche Verstärkung. Er schüttelte den Kopf.
Wieder gingen sie durch eine Doppeltür. Am Ende des Flures erwartete die Klasse Frau Jägersberg. Auf einer Fensterbank saß ein großes Mädchen. Die anderen fummelten an ihrem Haar herum, bis sie auf Richard zeigte und einen gellenden Schrei ausstieß. Die anderen fielen in das „Iiih“ ein und Frau Jägersberg presste den rechten Zeigefinger auf den Mund, die Mädchen aber iihten weiter. Es war schwer zu sagen, ob sie kreischten oder lachten, wie Hyänen hörte es sich an. Frau Jägersberg schloss eilig den Klassenraum auf.
Drinnen war das Kreischen der Hyänenmädchen nicht halb so schrill wie im Kachelflur. Richard wurde daher schnell uninteressant und Alex geriet in den Fokus. Er blieb an der Tür stehen. Er traute sich nicht zu fragen, wo er sich hinsetzen sollte.
Frau Jägersberg suchte etwas und war dazu in ihre Taschen und Beutel gekrochen.
Von vorn aus, im Stehen, hatte er einen guten Überblick über die Klasse. Es gab vier Jungen, mit ihm fünf. Richard, neben dem ein kleinerer Junge mit Kappe saß, dann ein großer, gemütlich aussehender und noch einer mit Brille. Dieser Junge mit Brille saß allein. Neben dem Gemütlichen war auch noch ein Stuhl frei, aber wenig Platz, weil dieser Junge so fett war. Wahrscheinlich würde er sich neben den Jungen mit der Brille setzen müssen, überlegte Alex. Der Junge schaute angestrengt nach unten und sprach mit sich selbst.
Frau Jägersberg hatte offenbar gefunden, wonach sie gesucht hatte, denn sie tauchte wieder auf. Ihr Bauch wackelte unter den Holzknöpfen ihrer Strickjacke.
„Gott sei Dank … Klassenliste. 8 c.
Bessemer, Charlotte
Braumeister, Caroline
Buchbinder, Cornelia
Bürgelmann, Leonie
Gabler, Helene
Christ, Luise
Dinnendahl, Sven
Eisenreich, Paul
Eichholz, Johanna
Fuhrmann, Alexandra
Frost, Leonie
Haase, Alexander …“
Eva Jägersberg forderte Alex auf, sich vorzustellen. Er versteckte die schmutzigen Hände hinter seinem Rücken.
„Alexander Haase – das bin ich. Alex. Aus Dortmund. Wir sind umgezogen und ich bin jetzt hier an der Schule.“
Er hatte sich bemüht, laut und deutlich zu sprechen, und jetzt war es für einige Sekunden unangenehm still im Raum. Dann meldete sich das große Mädchen.
„Wie lange wirst du hierbleiben?“
„Bis zum Abitur.“
„Wir haben ‚Alex‘ schon mal. Wegen Alexandra. Du bist dann jetzt der Ali. Warum hast du Kotze an deinen Fingern, Ali?“
„So nicht, Leonie … So nicht …“, sagte Frau Jägersberg. Das Mädchen wedelte mit dem Collegeblock vor ihrer breiten Nase herum. Alles an ihr war groß, nur der Kopf saß seltsam klein auf einem kräftigen Hals. Im Gesicht war dann wieder alles groß: Augen, Nase, Lippen, Zähne. Auch die Ohren waren groß. Die Frisur des Mädchens, ein Zopf, der kronenartig um den Kopf gelegt war, erinnerte Alex an die Haartracht der Frau auf dem Gemälde „Mutter und Kind“ in der Rumpelkammer. Bei der gemalten Mutter waren allerdings alle Haare hochgesteckt, bei Leonie wallte ein Teil des Haares über den Rücken.
„Alex, wasch dir die Hände, bitte“, sagte Frau Jägersberg. Er ging zum Waschbecken. Hinter sich hörte er es kichern. Die Seife entglitt ihm und er bückte sich, um sie einzufangen. Ihm wurde schwindlig. Frau Jägersberg schien sich Sorgen um ihn zu machen, denn sie half ihm hoch, lächelte ihn mütterlich an und schob ihn zu dem Platz neben dem Jungen mit Brille.
„Setz dich neben Sven.“
Sven starrte weiter auf den Tisch, als Alex sich neben ihn ans Fenster setzte. Das große Mädchen saß vor ihm. Sie hatte den Kopf ein wenig nach hinten gebeugt und ihre Mähne ergoss sich auf seinen Tisch. Sie meldete sich mit langem Arm und ihr Zeigefinger schien beinahe die Decke zu berühren.
„Ich müsste mal das Fenster aufmachen.“
Frau Jägersberg hatte nichts dagegen.
„Kaufmann, Emilia
Kundig, Magdalena
Marquart, Richard
Müller, Iphigenie
Rath, Maria
Reichert, Diane …“
„Du bist im Weg“, sagte Leonie und Alex duckte sich, damit sie das Fenster öffnen konnte. Der Fensterflügel schwebte haarscharf über seinem Kopf hinweg und er spürte die kühle Luft über den verschwitzten Nacken streichen. Er schaute hoch und sah Leonies tellergroße Hände am Fenstergriff. Für einen kurzen Moment hatte er Angst, sie könne ihn damit packen und aus dem Fenster werfen, aber sie schaute ihn nicht einmal an, setzte sich wieder auf ihren Platz und warf ihr Haar nach hinten. Es berührte seine Unterarme.
„Richter, Viktoria
Schreiber, Isabel
Tüchting, Deborah
Tuchschneider, Anna
Westermeyer, Patrizia
Wollschläger, Ben
Zataani, Sharzad. “
„Wie?“
„Hä?“
„Was? Zirkus Sarrasani?“
„Gibt’s noch Karten?“
Alex verstand nicht, warum alle lachten.
„Sharzad wird voraussichtlich in vierzehn Tagen zu uns kommen. Die Familie muss erst umziehen. Aus Düsseldorf.“
„Hauptsache, sie stinkt nicht“, sagte Leonie und alle iihten wieder. Er bekam für den Rest der Stunde nichts mehr mit von dem, was die Lehrerin sagte. Er saß über seinen Block gebeugt und umklammerte mit beiden Händen die Tischkante. Dies war nicht Hogwarts, aber es schien auch hier eine dunkle Macht zu geben. Wenn Leonie Bürgelmann so eine Art Voldemort und die Hyänenmädchen ihre Todesser waren, dann gab es an dieser Schule noch einen weiteren Feind, eine schwer zu fassende Kraft, die sich irgendwo in den Fluren hinter den Reformkacheln verbarg. Bei Harry Potter war der Feind klar umrissen. Alex schaute aus dem Fenster. Der Löwe sah auch von hinten kraftvoll aus.
Eva Jägersberg hatte den Deckel der Toilette heruntergeklappt und sich darauf gesetzt. Sie kramte nach ihrem Telefon, aber es war nicht in der Ledertasche, sondern wohl in dem Nylonbeutel mit den Nachprüfungen, den sie in ihrem Fach abgelegt hatte. Sie überlegte, ob sie noch einmal zurück ins Lehrerzimmer gehen sollte, aber das war gefährlich, gerade am ersten Tag. Schon vor dem Lehrerzimmer lauerten Schüler, die verspätet Bücher abgeben wollten oder andere komplizierte Anliegen hatten. Drinnen die überflüssigen Urlaubserlebnisse der Kollegen.
Sie hatte es sich abgewöhnt, ins Lehrerzimmer zu gehen. Ihr Pausenbrot aß sie jetzt in einer der drei Kabinen der Lehrertoilette. Sie hatte sich einen kleinen Spiegel zugelegt, den man gut am Mantelhaken aufhängen konnte, um zu kontrollieren, ob sich Brotreste zwischen den Zähnen festgesetzt hatten. In ihrer Tasche hatte Eva ein Etui mit Bürste und Deostift, und immer wenn sie ihr Haar in der Klokabine in Ordnung brachte, freute sie sich über ihre kleine Fluchtburg, in der sie seit der Fortbildung zur Lehrergesundheit im Mai auch einige Atemund Yogaübungen praktizierte. Noch vor dem Klingeln machte sie sich dann auf den Weg zur nächsten Stunde. Nur so konnte man Begegnungen mit den Kollegen umgehen, von denen die meisten erst nach dem Klingeln in den Unterricht gingen.
Eva dachte des Öfteren darüber nach, ob dieses Versteckspiel nicht vielleicht ihrer Beförderung im Wege stand, ob ihre Unsichtbarkeit als Untätigkeit ausgelegt und ihr Image dadurch beschädigt würde. Der Direktor hatte sie mehr als einmal vor anderen als eine „erste Kraft“ bezeichnet. Ihr Leben lang war sie eine „erste Kraft“ gewesen und hatte nun beste Aussichten auf den Schulleiterposten, der in fünf Jahren vakant wurde. Bis dahin galt es den guten Ruf zu verteidigen, vielleicht auch um den Preis ihres kleinen Refugiums.
Sie senkte den Blick und drängelte sich an den Lehrerzimmerbelagerern vorbei. Im Allerheiligsten war die Hölle los. Die Kollegen schwirrten wie Wespen um den Zwetschgenkuchen herum, den ein neuer Kollege spendiert hatte. Sie huschte zu ihrem Schrank, fischte unbemerkt das Telefon aus dem Beutel und trat den Rückzug an.
In der Damentoilette wusch sich jetzt die Sekretärin umständlich die Hände.
„WiewarderUrlaubwirhabeneinenneuenPlan“, sagte Frau Cszipanski
„Ich auch?“
„Sie kriegen noch den Deutsch-LK von Herrn Wüst.“
Herr Wüst sei nicht zum Dienst erschienen. Er sei auch nicht erreichbar, und bis er wieder auftauche, solle Eva ihn vertreten. Sei ja nicht das erste Mal, dass Herr Wüst in den Sommerferien schlimm erkranke. Vor drei Jahren hatte er auf Ibiza am Ende der großen Ferien einen Hörsturz gehabt. Immer dieser Wüst. Die Sekretärin cremte ihre Hände ein, dass es nur so schnalzte.
„Darüber möchte ich erst mal mit dem Chef reden“, sagte Eva.
„Dann aber fix. Am besten, Sie kommen gleich mit.“
„Nein, ich muss erst für kleine Mädchen.“
„Ich warte auf Sie.“
„Im Lehrerzimmer gibt’s Pflaumenkuchen.“
In der Zeit, als Frau Cszipanski noch in der freien Wirtschaft tätig war, hatte sie gelernt Prioritäten zu setzen und flexibel zu agieren. Ein gutes Betriebsklima hatte hohen Stellenwert für sie. Also trocknete sie sich schnell die Hände ab und ließ Eva allein zurück.
Eva verschwand in der Klokabine. Nicht noch einen Kurs, dachte sie, nicht noch einen. Eine Träne tropfte auf das Telefondisplay – Hartmut und sie vor den Zitronenbäumen Siziliens … Eine schöne Reise war es gewesen. Auf der Heimfahrt hatte es Hartmut dann erwischt. Es war nur ein ganz leichter Schlaganfall gewesen, aber nach einem Jahr traf es ihn noch einmal und seitdem war nicht mehr viel los mit ihm.
Sie putzte sich die Nase mit Klopapier. Es roch muffig.
„Escort-Service GET LUCKY. Hallo“, meldete sich das Band. Frau Heinevetter war nicht im Büro.
„Hier spricht Eva Jägersberg. Ich möchte fragen, ob es möglich ist, heute Abend Joe zu treffen. Wir hatten bisher noch keinen Kontakt. Bitte rufen Sie mich unter meiner Mobilnummer zurück.“
Ihr kam der Gedanke, dass Frau Heinevetter vielleicht zu faul war, ihre Nummer nachzuschlagen, und es besser gewesen wäre, diese auch noch aufs Band zu sprechen. Vielleicht gab es für Joe ja mehrere Interessentinnen für heute Abend, die auf den AB gesprochen hatten und einige von ihnen hatten bestimmt ihre Nummern genannt, sodass Frau Heinevetter diesen Anruferinnen den Vorzug geben würde. Eva wählte noch einmal, aber das Band des Anrufbeantworters war voll. Wahrscheinlich voll mit Buchungen für Joe. Eva trat gegen die Kabinenwand.
„Und los!“, rief der junge Sportlehrer, dessen Namen Alex sich nicht gemerkt hatte und der sehr bunt gekleidet war.
Alex hatte geglaubt, am ersten Schultag nach den Ferien früh nach Hause zu dürfen. An der alten Schule war das immer so gewesen, aber an der Schule mit dem Löwen begann der Unterricht schon am ersten Tag nach Plan. Natürlich hatte keiner Sportsachen dabei, woher auch sollte man den neuen Plan kennen. Aber der Sportlehrer sagte: „Klamotten? Kein Problem, Mannschaftsspiele auf dem Hof – immer ein Spaß.“
Alex schaute zum Löwen hinüber. Grau und groß und dunkel lag er auf seinem Sockel und brüllte in die Luft. Alex schätzte, dass er circa vier Meter lang war; der Unterbau aus großen Steinblöcken, auf dem er lag, mochte ungefähr drei Meter hoch sein. Von hinten war der Löwe mit Farbbeuteln beworfen worden, doch der Regen hatte die weiße und rote Farbe beinah ganz abgespült. Helle Spuren liefen von den Stellen, wo die Farbbeutel aufgeprallt waren, über den Sockel bis zur Erde hinunter. An einer der breiten Seiten des Sockels war eine Bronzetafel befestigt und Alex nahm sich vor, nach der Schule zu lesen, was darauf stand.
Der Schulhof war asphaltiert, man musste höllisch aufpassen, dass man sich nicht langlegte. Der Lehrer hatte Basketball und Völkerball zur Auswahl gestellt. Die Mädchen hatten geschlossen für Völkerball gestimmt und sich dann endlos darüber gestritten, wer bei Leonie Bürgelmann in der Mannschaft sein durfte. Alex war in der gegnerischen.
Der Lehrer pfiff in seine Trillerpfeife und schmiss den Ball in die Mitte. Der gemütliche Junge, Ben Wollschläger, fing ihn und stand nun unschlüssig neben Alex. In der anderen Mannschaft waren ausschließlich Mädchen. Ben schien sich nicht zu trauen, auf Mädchen zu zielen, holte mehrmals aus und hob den Ball schließlich vorsichtig fünf Meter in die Luft. Der Ball landete sanft vor einem dünnen Mädchen, das keine Freude an dem Spiel zu haben schien. Mürrisch dribbelte Luise an der Mittellinie entlang, ohne aufzusehen.
Leonie riss der Geduldsfaden.
„Schieß!“, brüllte sie, „schieß doch, Luise!“
Das dünne Mädchen gehorchte und bugsierte den Ball, höher noch als Ben ihn geworfen hatte, in die linke Seite des Feldes, dorthin, wo keiner stand. Alle hatten sich rechts zusammengerottet und folgten mit zusammengekniffenen Augen der Fluglinie, hoch in der blauen Luft. Als der Ball seinen Zenit erreicht hatte, löste sich Richard plötzlich aus dem Pulk und stellte sich so hin, dass der hinabtrudelnde Ball müde auf seiner Stirn auftickte.
„Ich bin getroffen!“, rief er dem Sportlehrer aufgeregt zu und hielt sich schmerzverzerrt den Kopf. Der Sportlehrer hatte nicht zugeschaut. Er saß auf den Fahrradständern am Rande des Schulhofs und war in seine neuen Listen vertieft.
„Dann raus.“
Richard grinste und trottete zur Außenlinie, um von dort aus Sven Dinnendahl beim Beschuss der Mädchenmannschaft zu helfen. Alex hätte gern mit Richard getauscht.
Alex gehörte zu den letzten drei Spielern auf dem Spielfeld.
„Riecht ihr das auch?“, hörte er Leonie. Sie kniff ihre Wulstlippen zusammen und schleuderte den Ball mit Wucht gegen ihn. Aber er fing ihn und umklammerte ihn vor seiner Brust, als sei es der „Goldene Schnatz“.
Er hatte in Dortmund einige Jahre am Torwarttraining der Borussenjugend teilgenommen, bis der Trainer bei ihm eine wachsende Angst vor dem Ball beobachtet hatte. Dies sei keine gute Voraussetzung für eine Torwartkarriere, hatte der Trainer gesagt und Alex war froh gewesen, dem Dauerbeschuss im Kasten für immer zu entrinnen. Sein Vater war enttäuscht. Seine Mutter hatte gesagt, die ganze Sache hätte trotzdem etwas Gutes gehabt. Was genau, das hatte sie nicht sagen können.
Als Alex jetzt den von Leonie Bürgelmann abgefeuerten Ball umklammerte, erinnerte er sich an die Worte seiner Mutter und dachte, dass die Schinderei im Borussentor wahrscheinlich allein den Zweck gehabt hatte, in diesem Moment Leonie abzuwehren. Sie hatte ihn umhauen wollen, aber er hatte gehalten. Unter den Augen des Löwen.
Sein Handgelenk brannte, die Innenseite war feuerrot und heiß. Alex drehte den Ball in seiner Hand. Ein guter Abschuss war Konzentrationssache, egal ob mit Fuß oder Hand.
„Achtung, Stinkbombe!“, rief Leonie. Es gab ein knallendes Geräusch, Leonie taumelte, verdrehte die Augen nach oben und schlug auf den Asphalt auf.
„Herr Schmidt! Herr Schmidt! Herr Schmidt!“
Herr Schmidt legte die Listen beiseite. Ausgerechnet die Bürgelmann, dachte er, das sah nach Ärger und Arbeit aus. Die Bürgelmanns würden anrücken und ihn für die Verletzung ihrer Tochter verantwortlich machen.
Leonie war bei Bewusstsein. Herr Schmidt beugte sich über sie.
„Alles in Ordnung? Hol mal einer den Verbandskasten.“
„Geht schon“, fauchte Leonie und stand langsam auf.
Herr Schmidt wollte, dass sie sich in den Schatten auf die Stufen vor der Eingangstür setzte, aber sie weigerte sich und forderte, man müsse ihr eine Chance auf Revanche geben, sie diesen „Ali-Stinker“ abschießen lassen. Herr Schmidt und Leonie diskutierten.
Alex schaute auf sein Handgelenk. Es war immer noch rot. Vorsichtig strich er mit der anderen Hand darüber. Er hatte sein Handgelenk noch nie so genau betrachtet. Schmal war es und unter der roten Haut sah er blaue Adern pulsieren. Er fühlte eine komische Zärtlichkeit für den neu entdeckten Körperteil und strich noch einmal darüber. Er streichelte sein heißes Handgelenk und war ganz bei sich.
Man hatte Sabine Haase schon nach zwei Stunden nach Hause geschickt. In der MensSana-Klinik handhabte man erste Tage lässiger als am Goethe-Gymnasium. Eine Kollegin hatte Sabine durch die Klinik geführt und ihr alles gezeigt: das Schwesternzimmer, den Zimmertrakt für die Patienten, die Therapieräume, das Schwimmbad, den Speisesaal, die Ärzte. Um zehn Uhr hatte Sabine alles gesehen und war heim in die neue Wohnung gefahren. Dort hatte sie ein gutbürgerliches Mittagessen für Alex zubereitet. Nur selten fand sie Zeit und Kraft dazu, aber heute passte es. Und so stand sie erwartungsfroh vor dem Tisch mit dampfenden Kartoffeln und Braten und strahlte ihren Sohn an. Heute war sie ganz Mutter.
Sie war betrunken.
„Na, was sagst du?“
Mit einer ausladenden Geste präsentierte sie das Festtagsmenü, tänzelte zum Kühlschrank und zauberte eine Maxiflasche Cola heraus.
„Zur Feier des Tages.“
