Gypsy King - Devney Perry - E-Book

Gypsy King E-Book

Devney Perry

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Kingston Slater, genannt Dash, der ehemalige Präsident des aufgelösten Tin Gypsy Motorradclubs, ist voll und ganz in der Legalität angekommen. Zufrieden arbeitet er in seiner Werkstatt an Autos und Motorrädern. Bis die Vergangenheit des Clubs ihn und alle, die ihm nahestehen, einzuholen droht, und eine überaus sexy, aber viel zu neugierige Reporterin sein geordnetes Leben komplett durcheinanderwirbelt. Bryce Ryan ist neu in der Stadt und wittert eine Story. Sie möchte allen zeigen, dass sie nicht nur ein hübsches Gesicht ist, das im Fernsehen die Nachrichten vorlesen kann, sondern eine ernstzunehmende, investigative Journalistin. Davon überzeugt, dass der Tin Gypsy MC im Stillen weiterexistiert und viel zu verbergen hat, beginnt sie mit ihren Recherchen. Dabei wird sie von Dashs Anziehungskraft überrumpelt und die Grenzen zwischen Job und Gefühlen beginnen zu verschwimmen. Weder Bryce noch Dash wissen, wie ihnen geschieht, und bald schon stehen nicht nur ihre Herzen auf dem Spiel, sondern auch ihre Leben und das von anderen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 491

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



GYPSY KING

Tin Gypsys 1

Devney Perry

© 2021 Sieben Verlag, 64823 Groß-Umstadt© Übersetzung Corinna Bürkner© Covergestaltung Andrea Gunschera© Originalausgabe Devney Perry LLC 2019

ISBN-Taschenbuch: 9783864439834ISBN-eBook-mobi: 9783864439841ISBN-eBook-epub: 9783864439858

www.sieben-verlag.de

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Bonus-Epilog

Die Autorin

Kapitel 1

Bryce

„Guten Morgen.“ Ich prostete Art mit meinem Kaffee zu, während ich durch die gläserne Eingangstür ging. Er erwiderte die Geste mit seinem Kaffeebecher.

„Hi, Mädchen. Wie geht es dir heute?“

Bei der Clifton Forge Tribune war ich entweder Mädchen, Süße, oder manchmal auch Liebes, denn mit fünfunddreißig war ich dreizehn Jahre jünger als die meisten anderen Angestellten. Selbst als Mitinhaberin der Zeitung war ich immer das Kind vom Boss.

„Super.“ Ich bewegte die Schultern auf und ab und befand mich innerlich noch beim Mittanzen zur Musik im Auto auf dem Weg zur Arbeit. „Die Sonne scheint. Die Blumen blühen. Es wird ein wunderschöner Tag, das kann ich fühlen.“

„Ich hoffe, du hast recht. Im Moment fühle ich nur Sodbrennen.“ Art kicherte und sein hervorstehender Bauch wackelte. Sogar in Cargohosen und hellblauem Hemd erinnerte er mich an den Weihnachtsmann.

„Ist mein Vater da?“

Er nickte. „Ist schon um sechs Uhr aufgetaucht. Ich glaube, er versucht, eine der Druckmaschinen zu reparieren.“

„Verdammt. Ich sehe lieber mal nach, ob er das Ding nicht total auseinandergenommen und zerstört hat. Bis dann, Art.“

„Bis später, Bryce.“

Vorbei am Tresen und Art, ging ich durch die Innentür, die in die Redaktion führte. Der Duft von frischem Kaffee und Druckerschwärze empfing mich. Das Paradies. Schon als Fünfjährige hatte ich mich in diesen Geruch verliebt, wenn ich an einem Bring-Deine-Tochter-zu-Deiner-Arbeit-Tag meinen Vater begleitete. Bisher konnte noch nichts diesen Duft überbieten.

Vorbei an den Schreibtischen durchquerte ich die menschenleere Redaktion und ging zur Tür im hinteren Teil, die in die Druckerei führte.

„Dad?“ Meine Stimme hallte durch den Raum und von den Betonsteinwänden wider.

„Bin unter der Goss.“

Hoch über uns an der Decke waren die Abzugsrohre zu sehen. Der unverwechselbare, moschusartige Geruch einer Zeitung war hier, wo wir die riesigen Papierrollen und die Farbe lagerten, noch stärker. Ich genoss es, durch die Druckerei zu gehen, sog diese Mischung aus Papier, Lösungsmitteln und Maschinenöl ein. Meine Keilabsätze klackerten auf dem Betonboden. Als Kind galt meine erste Liebe keinem Jungen, sondern dem Gefühl von einer frisch gedruckten Zeitung in den Händen. Für meine Eltern war es ein Rätsel, warum ich nach dem College zum Fernsehen gegangen war und nicht zu einem Zeitungsverlag. Dafür gab es eine Menge Gründe, keiner davon spielte jetzt eine Rolle. Denn hier war ich, arbeitete bei der Zeitung meines Vaters und kehrte zurück zu meinen Wurzeln.

Die Goss-Druckermaschine war unsere größte und wichtigste. Sie stand entlang der hinteren Wand und erstreckte sich von der einen Seite des Gebäudes zur anderen. Dads Jeanshosenbeine und die braunen Arbeitsschuhe ragten unter dem ersten der drei Türme hervor.

„Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht damit?“, fragte ich.

Er kroch hervor und stand auf, wobei er sich die Hände an der Hose abklopfte. Dabei hinterließ er schwarze Flecken aus Schmiere und Farbe.

„Verfluchtes Teil. Da stimmt was nicht mit dem Papiereinzug. Bei jeder zehnten Rotation verrutscht es und versaut die komplette Seite, auf der sie gerade druckt. Da unten ist allerdings alles in Ordnung, also habe ich keinen Schimmer, was ich hier eigentlich zu reparieren versuche.“

„Tut mir leid, kann ich irgendwie helfen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wir müssen einen Mechaniker kommen lassen. Der Himmel weiß, wie lange das dauern wird und was es uns kostet. Im Moment können wir einfach nur mehr drucken, um den Schaden auszugleichen.“

„Wenigstens geht sie noch und wir müssen nicht die Handdruckmaschine benutzen.“ Ich warf einen mürrischen Blick auf die uralte Maschine in der Ecke. Ich hatte sie nur einmal benutzt, um zu lernen, wie sie funktioniert, und von der Kurbelei tat mir der Arm eine Woche weh.

„Du solltest im Budget lieber zügig eine neue Druckmaschine einplanen, oder Geld für eine ernsthafte Überholung von dieser hier.“

Ich tippte mir an den Kopf. „Schon notiert.“

Seit ich vor sechs Monaten nach Clifton Forge gezogen war, hatte Dad ständig über Budgets und Zukunftsplanung gesprochen. Im Augenblick waren wir beide gleichwertige Geschäftsführer, denn ich hatte die Hälfte des Geschäfts gekauft. Irgendwann würde ich den Rest der Tribune von meinen Eltern abkaufen. Dafür hatten wir aber noch keinen Termin ins Auge gefasst, was für mich völlig in Ordnung war. Ich war noch nicht bereit, alles zu übernehmen, und Dad noch nicht bereit, loszulassen. Ich war absolut glücklich und zufrieden damit, dass unter meinen Zeitungsberichten Bryce Ryan, Journalistin, stand. Dad durfte den Titel des Chefredakteurs gern noch ein paar Jahre behalten.

„Was hast du heute vor?“, fragte er.

„Oh, nicht viel.“ Wenn man von meinen Recherchen bezüglich des ehemaligen Rocker-Motorradclubs im Ort einmal absah.

Dads Blick verengte sich. „Was hast du vor?“

„Nichts.“ Ich hatte vergessen, wie leicht er mich beim Lügen erwischte. Ich hob eine Hand und versteckte die andere heimlich hinter dem Rücken, um meine Finger zu kreuzen. „Ich schwöre.“

Sein Mundwinkel hob sich. „Du kannst die meisten Leute verschaukeln, aber nicht mich. Ich kenne dieses Grinsen. Du bist dabei, etwas anzustellen, nicht wahr?“

„Das klingt kindlich und böse. Ich statte nur mal dem Polizeirevier einen Besuch ab und sage Chief Wagner guten Tag. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Danach lasse ich bei meinem Auto einen Ölwechsel machen.“

Dad verdrehte die Augen. „Also zunächst einmal, Marcus ist kein Idiot. Er wird dir diese Unschuldstour nicht abnehmen. Die Zeitung kann es sich nicht erlauben, sich mit dem Polizeichef anzulegen, also benimm dich. Er wird uns nie Entgegenkommen zeigen, wenn er sauer ist. Und zweitens, ich weiß genau, warum du dein Öl wechseln lässt. Glaub nicht, ich hätte nicht mitbekommen, dass du alte Artikel über die Tin Gypsys ausgegraben hast.“

„Ich, äh …“ Mist. Ich hatte Art gefragt, ob er mir einige aus dem Archiv holen könnte und ich vermutete, er hatte Dad davon erzählt. Und das, obwohl ich ihm Maloxan und Zimtschnecken als Schweigegeld mitgebracht hatte. Verräter.

„Halte dich fern von diesen Leuten, Bryce.“

„Aber da steckt eine Story drin. Erzähl mir nicht, dass du es nicht auch so siehst. Das könnte ganz groß für uns werden.“

„Groß?“ Er schüttelte den Kopf. „Wenn du Großes willst, dann solltest du nach Seattle zurückgehen. Ich dachte, du bist bei uns, um zur Ruhe zu kommen. Das Leben zu genießen. Waren das nicht deine eigenen Worte?“

„Ja. Aber ich komme ja auch zur Ruhe.“ Ich war nicht mehr morgens um drei wach, um pünktlich für die Morgensendung im Studio zu sein. Ich richtete meine Haarschnitte nicht mehr danach, einen Produzenten zu beschwichtigen oder achtete auf meine Ernährung. Ich berichtete nicht mehr die Storys anderer Leute. Stattdessen schrieb ich an meiner eigenen. Es war wundervoll, aber nach zwei Monaten Kleinstadtleben in Montana wurde ich langsam verrückt. Das Krankenhaus anzurufen, um nach neuen Geburten zu fragen und den Bestatter, um Sterbeanzeigen zu drucken, forderte meinen Geist nicht ausreichend. Und die Clifton Forge Garage schrie geradezu nach einer Story. Vor ungefähr einem Jahr hatte sich der Tin Gypsy Motorradclub aufgelöst. Sie waren einer der bekanntesten und lukrativsten Rockerclubs in Montana gewesen und hatten sich ohne Erklärung aufgelöst. Die ehemaligen Mitglieder behaupteten, sie würden sich auf die ortsansässige Werkstatt konzentrieren. In bestimmten reichen Kreisen war ihr Geschäft sehr angesehen, wenn es um Restaurationen von Oldtimern, Motorrädern und Sonderanfertigungen aller Art ging. Aber Männer wie sie, Männer wie Kingston Dash Slater, mit seinem bemerkenswert guten Aussehen, seiner anmaßenden Arroganz und diesem teuflischen Lächeln, blühten auf, wenn sie Macht hatten. Sie sehnten sich nach Gefahr und einem Leben dicht am Abgrund ohne Tabus. Als Rockerclub verfügten die Gypsys ohne Ende über Geld und Einfluss.

Warum hatten sie das aufgegeben?

Niemand wusste es. Und wenn, dann sprachen sie nicht darüber.

„Kommt es dir nicht komisch vor, dass es seit einem Jahr keine Neuigkeiten über sie gegeben hat? Und keine Erklärung, warum sie ihren Club dichtgemacht haben? Sie haben sich praktisch über Nacht von anrüchigen Bandenmitgliedern in aufrechte Bürger verwandelt. Das kauf ich denen nicht ab. Es ist zu still und heimlich. Zu sauber.“

„Weil sie eben sauber sind“, sagte Dad.

„Klar. Super sauber.“

„Du klingst, als ob wir alle ihnen dabei helfen würden, etwas zu verheimlichen.“ Er runzelte die Stirn. „Komm schon. Glaubst du etwa, ich würde dir nicht sagen, wenn ich eine Story vermuten würde? Hältst du so wenig von mir als Journalist?“

„Das habe ich nicht gesagt. Natürlich würdest du mir sagen, wenn es etwas zu berichten gäbe.“

Aber würde er der Sache nachgehen? Ich zweifelte nicht an den investigativen Fähigkeiten meines Vaters. Zu seinen besten Zeiten war er ein gefeierter Journalist. Aber seit er mit meiner Mutter nach Clifton Forge gezogen war und vor vielen Jahren die Tribune gekauft hatte, hatte er sich gemäßigt. Er war nicht mehr so verbissen, wie er einmal war. Er war nicht mehr so begierig.

Und ich? Ich war am Verhungern.

„Wenn es keine Story gibt, gibt es eben keine“, sagte ich. „Ich kann nicht mehr verlieren als meine Zeit, oder?“

„Als Vater und Geschäftspartner möchte ich betonen, dass mir das nicht gefällt. Das mögen keine Verbrecher mehr sein, aber mit diesen Kerlen ist nicht zu Spaßen. Ich will nicht, dass du sie verärgerst.“

„Verstanden. Ich werde meine Fragen stellen und mich fernhalten.“ Oder so ähnlich.

„Bryce“, sagte er warnend.

Mit erhobenen Händen täuschte ich Unschuld vor. „Was?“

„Sei. Vorsichtig.“

„Ich bin immer vorsichtig.“ Okay, manchmal. Dads Definition von Vorsicht war manchmal ein bisschen anders als meine. Ich ging auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann eilte ich aus dem Raum, bevor er mir eine Aufgabe gab, die mich den ganzen Tag an den Schreibtisch fesseln würde.

Das Polizeirevier befand sich am anderen Ende der Stadt, am Ufer des Missouris in einer belebten Straße mit Restaurants und Geschäften. Der Fluss wurde vom Schmelzwasser aus den Bergen gespeist, floss schnell und führte viel Wasser in seinem Bett. Die Junisonne reflektierte mit goldenen Sprenkeln auf der unruhigen Wasseroberfläche. Die Montanaluft war klar, frisch, und gleich nach meinem geliebten Zeitungsduft mein liebster Geruch. Es war ein weiterer Duft meiner Kindheit, den ich in Seattle vermisst hatte.

Ich parkte mein Auto und ging ins Revier. Dort hielt ich ein Schwätzchen mit der Beamtin am Empfang. Ich dankte meinem Glück, als sie mich einfach durchwinkte. Die ersten paar Mal, als ich hier war, um den Chief zu besuchen, musste ich alles Mögliche durchlaufen. Fingerabdrücke, Prüfung meines Strafregisters und fotografiert werden. Vielleicht entsprach das dem vorgeschriebenen Protokoll. Oder sie mochten keine Journalisten.

An diesem Morgen war es still auf dem Revier. Ein paar Beamte saßen an ihren Tischen, den Kopf über Tastaturen und Kugelschreibern gebeugt, während sie den Papierkram erledigten. Ihre Kollegen schoben draußen auf den Straßen Dienst. Das Büro des Chiefs lag im hinteren Teil des Gebäudes. Das Fenster hinter seinem Schreibtisch erlaubte einen wunderschönen Blick auf den Fluss.

„Klopf, klopf.“ Ich klopfte an die offene Tür und betrat den Raum. „Guten Morgen, Chief.“

„Guten Morgen, Bryce.“ Er legte das Dokument, das er gerade las, auf den Tisch.

„Wissen Sie, ich kann nie genau sagen, ob das ein glückliches oder ein genervtes Lächeln ist, wenn ich Sie besuche.“

„Das kommt darauf an.“ Sein Blick fiel auf meine Tasche und seine buschigen, grauen Augenbrauen zogen sich zusammen.

Ich griff in meine Tasche und zog eine Packung Lakritzstangen heraus. „Wie habe ich abgeschnitten?“

Er zuckte mit den Schultern, behielt die roten Twizzlers im Auge, als ich sie auf den Tisch legte und mich auf einen der Besucherstühle setzte. Während meiner vorherigen Besuche hatte ich ihm Twix, Snickers und M&Ms mitgebracht. Seine Reaktion darauf war eher mau gewesen. Heute hatte ich etwas gewagt und an der Tanke etwas anderes mitgenommen.

„Das sieht mir nach einem glücklichen Lächeln aus, aber wegen des Schnurrbarts ist es schwer zu erkennen.“

Er lachte leise und riss die Packung auf, wobei ich innerlich jubelte. „Ich wusste doch, dass Sie es irgendwann herausfinden würden.“

„Sie hätten es mir auch einfach sagen können.“

„Wo bleibt da der Spaß?“ Chief Wagner steckte sich eine Lakritzstange in den Mund und biss ein großes Stück ab.

„Werden Sie mich für alle Informationen so hart arbeiten lassen?“

„Nein. Wir verfassen wöchentliche Pressemitteilungen. Die müssen Sie nur herunterladen. Ganz einfach.“

„Ah, ja. Die wöchentlichen Pressemitteilungen. So fesselnd die auch sind, ich meinte Informationen, die irgendwie ein bisschen präziser sind.“

Er legte das Kinn auf seine gefalteten Hände. „Ich habe gar nichts für Sie. Genau wie vor zwei Wochen. Oder in der Woche zuvor. Oder der Woche davor.“

„Gar nichts? Nicht einmal ein kleines Fitzelchen, dass bei der Pressemitteilung vielleicht vergessen wurde?“

„Nichts. Clifton Forge ist ein ziemlich langweiliger Ort dieser Tage. Tut mir leid.“

Ich runzelte die Stirn. „Nein, das tut es Ihnen nicht.“

Er lachte und nahm sich ein weiteres Stück Lakritz. „Da haben Sie recht. Es tut mir nicht leid. Ich bin viel zu beschäftigt damit, die Ruhe und den Frieden zu genießen.“

Chief Wagner war überglücklich, dass seine Pressemitteilungen nur vereinzelte Notrufe beinhalteten. Ein paar Betrunkene an den Wochenenden, und hin und wieder einen Ladendiebstahl von einem Teenager. Über die Jahre hatte diese kleine Stadt mehr als genug Morde und Chaos miterlebt. Dank der Tin Gypsys. Der Motorradclub war wahrscheinlich für die schlohweißen Haare auf Marcus’ Kopf verantwortlich. Und doch hatten die Mitglieder der Tin Gypsy, soweit ich es aus dem Nachrichtenarchiv ziehen konnte, wenige bis gar keine Strafen im Gefängnis abgesessen. Entweder hatte der Chief vor ihren kriminellen Aktivitäten die Augen verschlossen, oder die Gypsys waren verdammt gut darin, ihre Spuren zu verwischen.

In ihrer Glanzzeit wurden die Tin Gypsys von Draven Slater angeführt. Ich hatte ihn im Ort gesehen, er trug die gleiche gnadenlose Selbstgefälligkeit zur Schau, die er seinem Sohn vererbt hatte. Dash. Und keiner von beiden kam mir wie ein Narr vor.

Meine Theorie war, dass Chief Marcus Wagner ein verdammt guter Polizist war. Aber Draven, Dash und ihre Gypsys waren ihm immer einen Schritt voraus. Wenn ich eine Story wollte, musste ich in Bestform sein. Draven hatte sich aus der Werkstatt herausgehalten, also hieß das, dass ich es mit Dash zu tun bekommen würde. Ich hatte den Mann schon gesehen und beobachtet. Stets fuhr Dash sein schwarzes Motorrad die Hauptstraße entlang, als würde Clifton Forge ihm gehören, grinste dabei dieses strahlend weiße Lächeln, das einen erblinden ließ. Er war der Inbegriff des Badboys. Sein sexy Grinsen, sein kantiges Kinn und der Bartschatten ließen alle Frauen dahinschmelzen. Nur mich nicht. Die anderen Frauen konnten meinetwegen gern ihren Spaß mit seinem atemberaubenden Körper haben. Was ich von Dash wollte, waren seine Geheimnisse. Und dazu brauchte ich die Hilfe des Chiefs.

Während meiner Besuche hier hatte ich kein einziges Mal die Gypsys erwähnt. Ich war nur hergekommen, um den Chief zu besuchen und eine Beziehung zu knüpfen. Wenn ich aber mit meinen Ermittlungen beginnen wollte, war es an der Zeit, loszulegen.

„Wissen Sie, wieso die Tin Gypsys so plötzlich dicht gemacht haben?“

Mitten im Kauen hielt er inne und verengte die Augen. „Nein.“

Falsch angegangen. Er würde gar nichts mehr sagen.

Ich hob die Hände. „Okay. Ich war nur neugierig.“

„Warum?“

„Ganz ehrlich? Mein Bauch sagt mir, dass da eine Story lauert.“

Der Chief schluckte und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte. „Hören Sie, Bryce. Ich mag Sie. Ich mag Ihren Vater. Es ist schön, dass endlich anständige Journalisten diese Zeitung führen. Aber Sie sind neu hier. Also lassen Sie mich Ihnen eine Geschichtsstunde erteilen.“

Ich rutschte nach vorn auf die Stuhlkante. „Okay.“

„In unserer kleinen Stadt gab es mehr Unruhe in den letzten paarundzwanzig Jahren, als die meisten Orte in hundert Jahren sehen. Die Gypsys haben hier eine Menge Scheiße reingetragen. Sie wissen das und versuchen, es wiedergutzumachen. Seit über einem Jahr waren sie nichts weiter als gesetzestreue Bürger. Sie folgen akribisch dem Gesetz und die Stadt verändert sich. Ich habe Einwohner, die sich nachts wieder sicher auf den Straßen fühlen. Sie schließen ihre Autos nicht mehr ab, wenn sie schnell in den Supermarkt springen. Es ist eine gute Stadt geworden.“

„Ich werde diese Fortschritte nicht aufhalten.“

„Gut. Dann lassen Sie die Gypsys in Frieden. Ich habe mich schon zig Mal mit denen angelegt. Wenn ich etwas fand, wofür ich sie bestrafen konnte, habe ich es getan. Und ich bin wachsam. Sowie sie irgendwas Illegales tun, bin ich der Erste, der sie dafür zur Rechenschaft zieht. Glauben Sie mir das.“

Der Chief klang nicht so, als wäre er ein Freund des ehemaligen Clubs. Gut zu wissen. Aber wenn er dachte, dass seine Warnung mir Angst einjagte, dann hatte er sich getäuscht. Jetzt war ich noch neugieriger als vorher, warum die Gypsys die Clubtüren geschlossen hatten. Wenn sie denn überhaupt zu waren. Vielleicht war das alles nur ein Täuschungsmanöver.

„Äh, Chief?“ Ein uniformierter Officer schob seinen Kopf durch den Türspalt. „Wir haben ein Problem, bei dem wir Sie brauchen.“

Chief Wagner nahm sich eine weitere Lakritzstange und stand auf. „Danke für die Süßigkeit.“

„Sehr gern.“ Ich erhob mich ebenfalls. „Starbursts oder Skittles beim nächsten Mal?“

„Wenn Sie mich weiter mit Lakritz beschenken, werden wir uns gut verstehen.“ Er begleitete mich zur Tür. „Passen Sie auf sich auf. Und denken Sie an meine Worte. Manche Dinge und manche Menschen sollte man lieber in Ruhe lassen.“

„Verstanden.“ Es war wahrscheinlich besser, nicht zu erwähnen, dass mein nächster Stopp ein Ölwechsel in Dash Slaters Werkstatt war. Ich verabschiedete mich von ihm und den anderen Beamten und lief den Flur entlang. Nach zu viel Kaffeegenuss rief mich das Zeichen des Damenklos herbei. Ich ging auf die Toilette, wusch mir danach die Hände und sah meinem ersten Zusammentreffen mit den Tin Gypsys erwartungsvoll entgegen. Aber als ich dabei war, die Tür zu öffnen, hörte ich ein Wort aus dem Gespräch zweier Männer heraus, die draußen auf dem Flur standen.

Mord.

Ich erstarrte und blieb, wo ich war, horchte durch den Türspalt. Die Männer waren ganz in der Nähe und sie sprachen leise.

„Riley war als Erster am Tatort. Er hat gesagt, er hat noch nie so viel Blut gesehen. Der Chief ist gerade bei ihm und macht die Einsatznachbesprechung. Bis dahin müssen wir alle bereit sein, auszuschwärmen.“

„Glaubst du, er war es?“

„Draven? Klar. Vielleicht haben wir endlich einmal etwas in der Hand, um den aalglatten Bastard festzunageln.“

Oh. Mein. Gott.

Wenn mich meine Ohren nicht täuschten, hatte ich gerade zwei Cops dabei belauscht, wie sie über einen Mord und Draven Slater als Hauptverdächtigen sprachen. Ich musste hier heraus. Sofort.

Ich lehnte die Tür sachte wieder an und ging drei Schritte rückwärts. Dann hustete ich laut und ließ meine Absätze laut auf dem Fliesenboden klackern. Heftig riss ich die Tür auf und tat so, als wäre ich überrascht von den beiden Männern, die genau davor standen.

„Grundgütiger.“ Ich legte mir die Hand aufs Herz. „Bin ich erschrocken. Ich wusste nicht, dass jemand hier draußen steht.“

Sie sahen sich kurz an und traten beiseite.

„Entschuldigen Sie, Ma’am.“

„Kein Problem.“ Ich lächelte und trat an ihnen vorbei, wobei ich mein Bestes tat, die Dringlichkeit aus meinen Schritten herauszuhalten. Ich strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr und verbarg mit dieser Bewegung meinen Blick über die Schulter auf den Raum hinter mir. Drei Polizisten standen an einem der hinteren Schreibtische. Keinem war aufgefallen, dass ich zum Ausgang ging. Zwei davon unterhielten sich aufgeregt. Ihre Münder bewegten sich schnell, während sie sich beim Reden beinahe überschlugen. Dabei gestikulierten sie wild. Der Dritte stand mit vor der Brust verschränkten Armen da, sein Gesicht war blass und er verlagerte sein Gewicht ständig von einem Fuß auf den anderen.

Mein Herz raste, als ich den Ausgang fand und nach draußen ging. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich eilte zu meinem Auto.

„Verdammt.“ Mit ungeschickten Fingern drückte ich den Startknopf und legte den Rückwärtsgang ein. „Ich wusste es!“

Meine Hände zitterten, als ich die Straße entlangfuhr, wobei ich immer wieder in den Rückspiegel blickte, um zu schauen, ob mir die Polizei folgte.

„Nachdenken, Bryce. Was genau hast du vor?“ Ich hatte keine Ahnung, wo der Mord passiert war, also konnte ich nicht am Tatort aufkreuzen. Ich könnte warten und den Cops folgen, aber sie würden mich abschirmen, bevor ich auch nur etwas sehen könnte. Was blieb mir noch?

Augenzeuge von Draven Slaters Verhaftung zu sein. Bingo.

Es war ein Wagnis, zur Werkstatt zu fahren. Verflucht, Draven war vielleicht gar nicht dort. Aber wenn ich schon zockte, dann war das meine beste Chance. Über den Mord selbst könnte ich noch aus der Pressemitteilung erfahren. Ja, wenn ich weiter Glück hatte, hätte ich einen Logenplatz, wenn Draven abgeführt wird. Hoffentlich war Dash ebenfalls anwesend. Vielleicht würde er so überrascht sein, dass ich während eines Moments der Schwäche einen kleinen Einblick in ihn bekommen könnte. Ich würde etwas erfahren, was mir helfen würde, die Geheimnisse zu lüften, die hinter diesem geradezu lächerlich schönen Gesicht verborgen lagen.

Ich lächelte.

Zeit für einen Ölwechsel.

Kapitel 2

Bryce

Mein Herz schlug heftig, als die Clifton Forge Werkstatt in Sicht kam. Meine Finger zitterten. Dieser Kick, dieses einzigartige Hochgefühl, das sich nur auf der Pirsch nach einer Story einstellte. Das war der Grund, warum ich Journalistin geworden war. Nicht, um vor einer Kamera zu sitzen und die Storys anderer Leute vorzulesen. Bedauern war die Triebfeder hinter dieser Tin Gypsy Story. Reue war der Grund, warum das hier so unheimlich wichtig war. Ich hatte mich damals für eine TV-Karriere entschieden, die vielversprechend gewesen war. Ich hatte eine andere Richtung eingeschlagen, mich von dem Zeitungsjob, den ich immer im Sinn hatte, entfernt. Von dem Job, von dem jeder erwartet hatte, dass ich ihn machen würde. Doch nach dem College wollte ich nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten. Zumindest nicht sofort. Als junge Frau Anfang zwanzig, wollte ich meinen eigenen Weg gehen. Also zog ich von Montana nach Seattle und machte Fernsehen.

In dieser Zeit traf ich Entscheidungen. Keine davon erschien mir seinerzeit falsch. Bis zu dem Tag, zehn Jahre später, an dem ich in meinem Appartement in Seattle aufwachte und mir klar wurde, dass sich die Ansammlung von guten Entscheidungen zu einem schlechten Leben aufgehäuft hatte. Mein Beruf füllte mich nicht aus. Die meisten Nächte verbrachte ich allein. Wenn ich in den Spiegel blickte, sah ich eine Frau Anfang dreißig, die nicht glücklich war. Mein Leben gehörte dem Sender. Alles, was ich machte, tat ich auf Geheiß des Senders. Weil meine Arbeitszeiten so unüblich waren, versuchte ich erst gar nicht, mit jemandem auszugehen. Welcher Mann wollte schon um vier Uhr nachmittags zu Abend essen und um sieben im Bett sein? Als ich noch in meinen Zwanzigern war, war das kein großes Problem. Ich war immer davon ausgegangen, dass ich irgendwann den Richtigen treffen würde. Die Dinge würden sich schon ergeben, wenn es an der Zeit war. Ich würde heiraten. Eine Familie gründen.

Okay, das hatte sich nicht ergeben. Und wäre ich in Seattle geblieben, hätte es das nie.

Clifton Forge war mein Neuanfang. Ich hatte meine Vorstellungen von der Zukunft genau analysiert. Die Chance, einen Mann kennenzulernen, und während mein Körper noch dazu in der Lage war, Kinder zu bekommen, wurde immer kleiner. Wenn es mir also bestimmt war, als alte Jungfer zu enden, dann wollte ich wenigstens einen Job haben, der mir Spaß machte, verdammt noch mal. Meine Karriere in Seattle war letztlich mies gewesen. Die Bosse des Senders hatten mir ein Versprechen nach dem anderen gegeben, dass ich irgendwann mehr Freiheiten hätte. Sie sicherten mir zu, dass ich die Möglichkeit bekommen würde, meine eigenen Reportagen zu machen, statt Kollegen zu interviewen und vom Sender freigegebene Karten vorzulesen. Entweder hatten sie gelogen, oder waren der Meinung, ich hätte kein Talent.

Wie dem auch sei, ich zog wieder nach Hause und fühlte mich wie eine Versagerin. War ich eine? Vielleicht. Wenn ich nicht mehr vor der Kamera saß, wenn die Leute mich wegen meines Verstandes und nicht aufgrund meines Gesichtes achteten, würde ich vielleicht irgendwann auffallen. Ich würde mir beweisen, dass ich gut genug war.

Ich hatte mein Leben dem investigativen Journalismus verschrieben. Um versteckte Wahrheiten zu finden und vergrabene Lügen ans Licht zu bringen. Es war mehr als ein Job, es war eine Leidenschaft. Sollte unter der Oberfläche dieses idyllischen kleinen Städtchens eine epische Story liegen, war ich diejenige die sie erzählen wollte. Eine Morduntersuchung, die Draven Slater involvierte? Da war ich sofort dabei.

Im Schritttempo näherte ich mich der Kreuzung, von der man direkt auf die Werkstatt blicken konnte. Im Rückspiegel hielt ich weiter nach der Polizei Ausschau. Wenn der Chief hier entlang kommen würde, um Draven festzunehmen, hatte ich nicht viel Vorsprung. Wenn ich überhaupt in die richtige Richtung fuhr. Es bestand die Möglichkeit, dass Draven gar nicht in der Werkstatt war, sondern zu Hause, und die Cops dorthin unterwegs waren. Ich blieb aber hier. Ob ich Draven nun aufspüren würde oder nicht, ich fuhr zur Werkstatt. Heute war der Tag, an dem ich Dash Slater treffen würde. Heute konnte ich meinen Kontrahenten abschätzen.

Mit dem Knie lenkend, zog ich mir den Pullover aus. Zum Glück trug ich das schwarze Tanktop mit dem weiten Ausschnitt darunter. Und es war frei von Deoflecken. Mit einer Hand am Lenkrad schnappte ich mir die kleine Dose Haarspray aus der Handtasche, besprühte mein Haar damit und wuschelte es auf. Dann trug ich noch wenige Sekunden bevor ich auf den Parkplatz fuhr eine weitere Schicht dunkelroten Lippenstift auf.

Die Werkstatt selbst war wirklich groß. Ich war schon öfter daran vorbeigefahren, hatte aber nie angehalten. Jetzt, als ich vor den vier offenen Werkstatttoren stand, die vor meinem Audi emporragten, war sie noch beeindruckender.

Am Ende des asphaltierten Parkplatzes stand halb von Bäumen verdeckt ein Gebäude. Die Fenster waren dunkel und um die Griffe am Eingang hing eine dicke Kette. Das Vorhängeschloss glänzte im Sonnenlicht. Das musste der ehemalige Hauptsitz der Tin Gypsys gewesen sein. Ein Clubhaus, so nannten diese Gangs das, richtig? Dort parkten weder Autos noch Motorräder. Die Wiese drum herum stand kniehoch. Auf den ersten Blick sah das Gebäude verschlossen aus. Verlassen. Aber wie viele der Männer hatten einen Schlüssel zu dem Vorhängeschloss? Wie viele Männer gingen nach Sonnenuntergang dort hinein? Wie viele betraten das Gebäude durch eine Hintertür? Ich weigerte mich, das Gebäude einfach so hinzunehmen. Zugegeben, von außen sah es so aus, als hätte man es aufgegeben. Florierte jedoch alles hinter den verschlossenen Türen weiter?

Im Rückspiegel sah ich eine Reihe von Motorrädern, die am Rande des Grundstücks entlang eines Maschendrahtzauns parkten. Daneben standen Autos, teilweise mit Planen verdeckt, die darauf warteten, repariert oder restauriert zu werden. Alle vier Werkstatttore standen offen und die Arbeitsstationen waren mit Fahrzeugen belegt. Drei Pick-up-Trucks und ein roter Oldtimer. Die Stahlverkleidung des Werkstattgebäudes glänzte in der Morgensonne. Das Büro lag der Straße am nächsten, das Schild über der Tür war nicht wirklich ein Schild. Die großen Worte Clifton Forge Garage waren in Airbrush-Technik sauber und ordentlich in Rot, Schwarz und Grün auf das Stahlgebäude gesprüht worden. Hinter den Fahrzeugen in der Werkstatt war alles blitzblank. Das grelle Licht beleuchtete einen makellosen Betonfußboden. Die roten Werkzeugschränke an den Wänden waren sauber und neu. Alles schrie geradezu nach Geld. Mehr Geld, als eine Kleinstadtwerkstatt mit Öl- und Reifenwechseln einnehmen konnte.

Ein letztes Mal überprüfte ich Haare und Lippenstift im Rückspiegel, und stieg aus. In dem Moment, in dem sich die Autotür hinter mir schloss, tauchten zwei Mechaniker unter der Motorhaube eines Pick-ups hervor.

„Morgen“, grüßte einer von ihnen, bevor er mich wohlwollend genauer betrachtete. Ein Lächeln formte sich auf seinen Lippen. Ihm gefiel, was er sah.

Der erste Punkt ging ans Tanktop.

„Guten Morgen“, grüßte ich zurück, als beide Männer auf mich zukamen. Sie trugen Overalls und Boots mit dicken Sohlen. Der Schmalere der beiden hatte kurz geschnittenes Haar, das den Blick auf ein schwarzes Tattoo freigab, welches an seinem Hals entlang im Kragen des Overalls verschwand. Der breitere Mann hatte sein dunkles, längeres Haar im Nacken zusammengebunden und das Oberteil des Overalls um seine Taille an den Ärmeln verknotet. Über der Brust spannte sich ein weißes Tanktop. Die kräftigen Arme waren bis auf eine Menge bunter Tattoos nackt. Vielleicht war das der Grund, warum die Werkstatt so viel Kohle machte. Für einen Ölwechsel von diesen Mechanikern würden alleinstehende Frauen aus dem ganzen Bundesstaat anreisen. Allerdings war keiner dieser beiden gut aussehenden Männer der, den ich suchte. Wo war Draven? Ich hoffte, er befand sich im Büro, um einen Kaffee zu trinken.

„Was können wir für Sie tun, Ma’am?“, fragte der Kurzhaarige, wobei er sich die schwarzen Finger an einem roten Tusch abwischte.

„Bei meinem Auto ist ein Ölwechsel schon überfällig.“ Ich sah sie mit einem übertriebenen Stirnrunzeln an. „Ich bin echt schlecht darin, Autokram auf die Prioritätenliste zu setzen. Ich schätze, es besteht kaum eine Chance, dass Sie mich heute Vormittag noch reinquetschen können, oder?“

Die Männer sahen sich an und nickten, aber bevor sie antworten konnten, hörte ich hinter ihnen eine dunkle Stimme.

„Morgen.“

Die Mechaniker traten zur Seite und brachten Dash Slater höchstpersönlich zum Vorschein, der auf mich zukam. Seine Schritte waren zielstrebig. Geradezu eindrucksvoll. Ich hatte erwartet, ihn anzutreffen, sogar darauf gehofft, aber ich war weder mental noch körperlich darauf eingestellt. Unsere Blicke trafen sich und mein Herz schlug lauter, stahl mir den Atem. Mein Kopf war plötzlich leer, nicht in der Lage, sich auf irgendetwas zu konzentrieren, außer darauf, wie sich diese dunkle Jeans um seine langen Beine und diese breiten, muskulösen Oberschenkel schmiegte. Noch nie hatte ich einen Mann gesehen, der sich bewegte, wie Dash. Mit Selbstbewusstsein und Charisma in jedem Schritt. Seine haselnussbraunen Augen, in denen strahlendes Grün, Gold und Braun funkelte, drohten, mich in ihren Bann zu ziehen. Mein Körper war ein Verräter. Das Beben in meiner Mitte brachte meine Vernunft aus dem Konzept. Ich war wegen einer Story hier. Um die Geheimnisse dieses Mannes nach und nach zu lüften, und sie in Schlagzeilen zu verwandeln. Diese blanke animalische Reaktion war idiotisch.

Aber, verflucht noch mal, er war heiß. Dashs schwarzes T-Shirt zog sich flach über die Brustmuskeln und eng um den Bizeps. Die Haut auf seinem Armen war glatt und gebräunt, bis auf einige Tattoos, die sich drum herum schlängelten.

Siedend heiß. Sengend. Ein anderes Wort mit S schwappte durch meinen Verstand, aber als er in unsere Mitte trat, verlor ich mein hoch entwickeltes Vokabular.

Ernsthaft … Wahnsinn.

Ich hatte immer den gepflegten Look bevorzugt. Dreitagebärte waren nicht so meins. Er war nicht so meins. Ich mochte blaue Augen, keine braunen. Ich mochte kurzes Haar, und Dash Slaters brauner Wuschelkopf hätte schon vor langer Zeit einen Haarschnitt vertragen. Diese Reaktion auf ihn war rein biochemisch. Vielleicht, weil ich nicht mehr mit einem Mann zusammen war, seit … ich hatte aufgehört zu zählen, als die Monate zweistellig wurden.

„Wie können wir Ihnen behilflich sein, Miss?“, fragte Dash und kam breitbeinig zwischen den beiden anderen Männern zum Stehen.

„Mein Auto.“ Ich zeigte in die Richtung meines Audis. „Es braucht einen Ölwechsel.“

Die Sonne musste der Erde ein Stück näher gekommen sein, denn es war mächtig heiß geworden. Schweiß hatte sich auf meinem Dekolleté gebildet, als sein Blick kurz zu meinen Brüsten schweifte. Er hatte sie nicht mehr als für eine Sekunde angesehen, doch er hatte sie bemerkt.

Zweiter Punkt für das Tanktop.

Dash sah zu dem Langhaarigen und deutete mit einer kurzen Bewegung des Kinns Richtung Werkstatt. Der Mann nickte, brummte den Kurzhaarigen an und sie gingen ohne ein weiteres Wort wieder an ihre Arbeit. Kommunizierte man hier auf diese Weise? Mit Kinnheben und Anbrummen? Das würde ein Interview erschweren. Und verkürzen.

Dash sah über die Schulter, stellte fest, dass wir unter uns waren, und schenkte mir sein berühmtes sexy Grinsen, das ich schon von der Ferne kannte. So direkt war es schwindelerregend.

„Wir kümmern uns um den Ölwechsel. Machen auch eine Inspektion. Aufs Haus.“

„Das wäre toll.“ Ich versuchte, meine Stimme ruhig und freundlich zu halten. „Aber ich werde es bezahlen. Danke.“

„Sehr gern.“ Dash kam einen Schritt näher und seine über einsneunzig nahmen mir die Sonne. Mein natürlicher Instinkt war, zurückzuweichen, Abstand zwischen uns zu bringen, aber ich bewegte mich keinen Millimeter. Vielleicht wollte er einfach nur näherkommen. Aber ich hatte schon vor Jahren gelernt, dass arrogante Männer oft die Stärke ihrer Präsenz bei einer Frau austesteten. Sie machten kleine Gesten, um zu sehen, wie weit sie sie bedrängen konnten. Insbesondere, wenn die Frau eine Reporterin war. Sie berührten eine Haarsträhne, um zu sehen, ob ich zurückzuckte. Sie bauten sich vor mir auf, um zu sehen, ob ich mich vor ihnen duckte. Und sie kamen mir zu nah, um zu sehen, ob ich zurückwich.

Entweder wusste Dash genau, wer ich war, und wollte herausfinden, ob ich den Schwanz einziehen und weglaufen würde, oder er war so eingebildet, dass er dachte, ein Lächeln und ein Ölwechsel würden mich auf die Knie sinken und seinen Gürtel öffnen lassen, um mich für den Service aufs Haus zu bedanken.

„Neu hier?“, fragte er.

„Ja.“

Er machte einen summenden Laut. „Ich bin überrascht, dass ich Sie hier noch nicht gesehen habe.“

„Ich gehe nicht viel aus.“ Die Luft um uns wurde dicker, als hätte sich eine Mauer um unsere persönliche Blase hochgezogen und der Frühlingswind kam nicht durch sie hindurch.

„Das ist schade. Wenn Sie einmal Lust haben, auszugehen, kommen Sie ins The Betsy. Ich gebe Ihnen gern ein Bier aus.“

„Vielleicht.“ Vielleicht auch nicht. The Betsy war Clifton Forges berüchtigtste Bar und absolut nichts für mich.

„Ihr steht hier wohl sehr auf Motorräder.“ Ich drehte mich um und zeigte auf die Bikes.

„Das kann man so sagen. Die meisten von uns hier fahren Motorrad.“

„Ich habe noch nie auf einem gesessen.“

„Wirklich?“ Er grinste. „Es ist unvergleichlich. Vielleicht sollte ich Sie erst mal auf einen Ritt darauf einladen, bevor ich Ihnen ein Bier ausgebe.“

Mein Atem kam ins Stocken, wie er das Wort Ritt betonte. Ich sah ihm direkt in die Augen und zwischen uns wurde es heiß. Hatten wir beide die gleiche Art von Ritt auf seinem Motorrad vor Augen? Denn, trotz meiner größten Bemühungen, es abzublocken, konnte ich nur noch daran denken wie ich breitbeinig auf seinem Schoß saß. Dem hungrigen Ausdruck in seinem Blick nach zu urteilen, dachte er an etwas ganz Ähnliches.

„Welches ist Ihr Motorrad?“, fragte ich und schob die Gedanken an Sex beiseite.

Er hob den Arm, wobei sein Handgelenk über meinen Ellbogen streifte. Eine Bewegung, die zufällig aussah, aber definitiv mit Absicht ausgeführt wurde. „Das Schwarze in der Mitte.“

„Dash“, las ich den Namen, der mit Flammen verziert auf der Seitenverkleidung prangte. „Ist das Ihr Name?“

„Ja.“ Er hielt mir die Hand entgegen. „Dash Slater.“

Ich schob meine Hand in seine und weigerte mich, mein Herz einen Extrahopser machen zu lassen, bei der Art, wie seine langen Finger meine umfassten. „Dash. Das ist ein interessanter Name.“

„Ein Spitzname.“

„Und wie lautet Ihr richtiger Name?“

Er lächelte und ließ meine Hand los. „Das ist ein Geheimnis, das ich nur mit einer Frau teile, wenn sie mich ihr ein Bier ausgeben lässt.“

„Schade. Ich trinke nur Bier mit einem Mann, wenn ich seinen richtigen Namen kenne.“

Dash lachte leise. „Kingston.“

„Kingston Slater. Aber Ihr Spitzname ist Dash. Hat Sie jemals jemand King genannt?“

„Niemand, der es überlebt hätte“, sagte er neckend.

„Gut zu wissen.“ Ich lachte, wobei ich vorsichtig mein Handy aus der Tasche holte, falls sich die Gelegenheit für ein Foto ergab. „Es ist heiß hier draußen. Gibt es hier ein Wartezimmer, wo man sich abkühlen und hinsetzen kann?“

Vielleicht ein Zimmer, in dem sich der bald verhaftete Daddy aufhielt? Falls die Polizei jemals auftauchen würde. Was dauerte da so lange?

„Kommen Sie.“ Er nickte in Richtung Tür. „Sie können in meinem Büro warten.“

Wir gingen kaum drei Schritte, als ein Polizeiauto mit flackerndem Blaulicht, aber ohne Sirene, auf den Parkplatz gerast kam. Endlich. Ich widerstand dem Drang, jubelnd die Arme in die Luft zu werfen.

Dash hielt inne und den Arm vor mich, damit ich von dem Auto nicht überfahren wurde. Es war eine beschützende Geste und sicher nicht, was ich von einem Ex-Kriminellen erwartet hatte. Sollte er mich nicht eher als Schutzschild benutzen, als andersherum?

Die beiden Polizisten stiegen eilig aus. „Wir suchen Draven Slater.“

Dash stellte sich aufrechter hin und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was wollen Sie von ihm?“

Die Cops antworteten nicht, sondern marschierten auf das Büro zu und verschwanden durch die Tür. Ein weiteres Polizeiauto fuhr auf den Parkplatz. In diesem saß der Chief. Marcus stieg auf der Beifahrerseite aus und kam auf mich und Dash zu. Er hob seine Sonnenbrille an.

„Bryce, was machen Sie denn hier?“

„Ölwechsel.“

„Ich dachte, ich hätte Ihnen gesagt, sich fernzuhalten.“

„Mein Auto ist nagelneu, Chief.“ Ich grinste. „Ich will, dass es eine Weile hält und man sagte mir, gute Pflege sei das A und O.“

Der Chief verengte die Augen. Die Spitzen seines Schnurrbartes zogen sich nach unten. So sah also sein verärgertes Gesicht aus. Ich würde es nie mehr mit einem Lächeln verwechseln.

„Was ist los, Marcus?“, fragte Dash und sah zwischen uns hin und her.

„Wir verhaften deinen Vater.“

„Warum?“

„Das kann ich dir nicht sagen.“

Dash murmelte etwas und sagte dann: „Was kannst du mir denn sagen?“

„Solange sie hier dabei steht?“ Marcus zeigte mit dem Daumen auf mich. „Im Moment nicht viel. Ich hoffe, du hast ihr nichts gesagt, was du nicht morgen in der Sonntagsausgabe der Tribune lesen willst.“

„Was?“ Dashs Kinnlade fiel herunter.

„Sie ist die neue Reporterin in der Stadt.“

Dash sah mich an. „Sie sind das? Ich dachte, die haben einen Mann eingestellt.“

„Das passiert öfter. Es liegt an meinem Vornamen. Das gibt oft Verwechslungen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Bryce Ryan, Clifton Forge Tribune.“

Dashs Nasenflügel bebten. Meine Einladung auf ein Bier im The Betsy wurde soeben zurückgezogen.

Die Bürotür flog auf und die beiden Polizisten führten Draven Slater in Handschellen heraus. Ich unterdrückte ein Lächeln und dankte im Stillen den Journalisten-Engeln, die mich heute gesegnet hatten.

„Ruf den Anwalt an“, befahl Draven Dash.

Seine kantige Kinnpartie war noch wütender verkrampft als die seines Sohnes. Dash nickte nur, während Draven ins Polizeiauto verfrachtet wurde. Eine Frau mit einem weißblonden Kurzhaarschnitt folgte den Männern aus dem Büro und eilte an Dashs Seite. Die beiden Mechaniker aus der Werkstatt kamen ebenfalls in unsere Richtung gelaufen. Ich beeilte mich mit dem Handy ein Bild zu schießen, bevor das Polizeiauto davonfuhr. Wir hatten keinen Vollzeitfotografen bei der Zeitung angestellt. Nicht, dass wir wirklich einen bräuchten, wenn Smartphones doch so praktisch und immer zur Hand waren. In dem Augenblick, als das Auto mit Draven nicht mehr zu sehen war, wirbelte Dash herum zum Chief.

„Was zum Teufel geht hier vor?“

„Dash, ich möchte, dass du aufs Revier kommst und ein paar Fragen beantwortest.“

„Nein. Nicht bevor du mir den Grund nennst.“

Der Chief schüttelte den Kopf. „Auf dem Revier.“

Die Pause, die entstand, war so geladen wie die Anspannung zwischen den beiden Männern. Ich hätte nicht gedacht, dass Dash nachgab, aber am Ende nickte er.

„Auf dem Revier“, wiederholte Marcus und bedachte mich mit einem weiteren finsteren Blick, bevor er zu seinem Wagen ging.

„Was soll das alles bedeuten?“, fragte die Frau aus dem Büro und berührte Dashs Arm. „Wieso wurde er verhaftet?“

„Keine Ahnung.“ Dash starrte auf die Rücklichter des sich entfernenden Polizeiautos des Chiefs und wandte dann seine Aufmerksamkeit mir zu. „Was zur Hölle willst du hier?“

„Ihr Vater ist ein Verdächtiger in einer Morduntersuchung. Können Sie etwas dazu sagen?“

„Mord?“ Der Frau klappte der Mund auf.

Der kräftigere der Mechaniker fluchte. „Fuck.“

Dash aber wurde hart bei meiner Frage, sein Gesichtsausdruck wurde zu Stein. „Verschwinde von meinem Grund und Boden.“

„Sie haben also nichts dazu zu sagen, dass Ihr Vater vielleicht ein Mörder ist?“ Vielleicht war großzügig formuliert. „Oder haben sie das schon gewusst?“

„Fick dich, Lady“, fauchte die Frau, während sich Dashs Fäuste ballten.

Sein Ausdruck blieb ernst, aber hinter seinem eisigen Blick sah man, wie sein Verstand arbeitete.

„Ich werte das als kein Kommentar.“ Ich zwinkerte ihm zu und ging zu meinem Auto, wobei ich die verärgerten Blicke in meinem Nacken ignorierte.

„Bryce!“

Dashs Stimme donnerte über den Parkplatz und ich hielt sofort inne. Ich sah über die Schulter, schenkte ihm nur mein Ohr.

„Ich gebe dir einen Kommentar.“ Seine Stimme war hart, unerbittlich und es lief mir kalt den Rücken hinunter. „Eine Warnung. Halte dich da raus.“

Bastard. Er machte mir jedenfalls keine Angst. Das war meine Story. Ich würde sie erzählen, ob es ihm gefiel oder nicht. Ich drehte mich zu ihm um und sah ihm direkt in die Augen.

„Bis bald, King.“

Kapitel 3

Dash

Was zum Teufel war gerade passiert?

Der weiße Audi rauschte vom Parkplatz. Ich schüttelte den Kopf und ließ die letzten fünf Minuten Revue passieren. Nach einer heißen Tasse Kaffee mit Dad im Büro war ich in die Werkstatt gekommen und wollte an dem roten 68er Mustang GT weitermachen, den ich gerade restaurierte. Mein Morgen schien sich echt prima zu entwickeln, als eine heiße, langbeinige Brünette mit einer geilen Figur für einen Ölwechsel auftauchte. Es wurde sogar noch besser, als sie zurückflirtete, mir dieses umwerfende Lächeln schenkte. Und dann der Hauptgewinn, als sich herausstellte, dass sie auch noch schlagfertig war. Das Feuer zwischen uns loderte praktisch schon auf.

Ich hätte es ahnen müssen. Frauen, die zu gut sind, um wahr zu sein, bedeuteten immer Schwierigkeiten. Diese hier wollte mich für eine Story ködern. Und verflucht, ich war drauf angesprungen. War ihr total auf den Leim gegangen.

Woher zur Hölle hatte sie gewusst, dass Dad wegen Mordes verhaftet werden würde, bevor die Cops aufgetaucht waren? Oder eher, warum zur Hölle hatte ich es nicht gewusst?

Weil ich nichts mehr mitbekam.

Vor nicht allzu langer Zeit, wäre ich der Erste gewesen, der gewusst hätte, wenn die Cops anrückten und etwas von meiner Familie wollten. Klar, das Leben auf der richtigen Seite des Gesetzes hatte seine Vorteile. Hauptsächlich war es angenehm, ohne diese nagende, ewige Furcht zu leben, eines Tages aufzuwachen und entweder umgebracht oder für den Rest des Lebens verhaftet zu werden. Ich war zufrieden. Faul. Unwissend. Ich war unachtsam geworden.

Und jetzt war Dad dabei, ins Gefängnis zu kommen. Fuck.

„Dash.“ Presley boxte mir gegen den Arm, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich schüttelte mich und sah auf sie hinab, musste blinzeln, weil mich ihr weißblondes Haar im Sonnenlicht blendete. „Was?“

„Was?“, äffte sie mich nach. „Was willst du jetzt wegen deinem Vater unternehmen? Hast du davon gewusst?“

„Klar doch. Ich habe ihn in Ruhe seinen Morgenkaffee trinken lassen, mit dir herumgealbert, und wusste dabei die ganze Zeit, dass er verhaftet werden würde“, blaffte ich. „Nein. Ich wusste nichts davon.“

Presley runzelte die Stirn, sagte aber nichts mehr.

„Sie hat von Mord gesprochen.“ Emmett schob sich eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. „Hab ich das richtig gehört?“

Ja. „Sie sagte Mord.“

Mord. Gesprochen mit dieser sinnlichen Stimme, von der ich erst dachte, sie wäre so samtig, als ich sie das erste Mal hörte. Dad wurde verhaftet und ich wurde von einer gottverdammten neugierigen Journalistin an der Nase herumgeführt. Ich verzog die Lippen. Normalerweise ging ich der Presse genauso aus dem Weg wie der Polizei und Anwälten. Bis wir diesen Mist hier geregelt hatten, musste ich mich mit allen dreien herumschlagen.

„Ruf Jim an“, befahl ich Emmett. „Erzähl ihm, was passiert ist.“

Er nickte und ging mit dem Handy am Ohr zur Werkstatt, um unseren Anwalt zu informieren. Emmett war mein Vizepräsident gewesen, und auch wenn der Club Tin Gypsy nicht mehr existierte, war Emmett immer noch an meiner Seite. War es immer gewesen. Wir waren gemeinsam im Club aufgewachsen. Als Kinder hatten wir auf Familienfeiern zusammen gespielt. Er war drei Jahre jünger als ich, aber wir waren die ganze Schulzeit über Freunde gewesen. Danach Brüder im Club, genau wie unsere Väter. Zusammen hatten wir unzählige Gesetze gebrochen. Wir hatten Dinge getan, die nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen würden. Gerade letzte Woche hatten wir im The Betsy darüber gesprochen, wie ruhig unser Leben geworden war. Wir hätten wohl lieber mal auf Holz klopfen sollen.

„Zurück an die Arbeit, Isaiah“, sagte ich. „Tu so, als ob es ein Tag wie jeder andere wäre. Wenn jemand auftaucht und Fragen über Dad stellt, stell dich dumm.“

Er nickte. „Verstanden. Noch was?“

„Du wirst wahrscheinlich unsere Arbeiten übernehmen müssen, ist das okay?“

„Geht in Ordnung.“

Isaiah drehte sich um und ging mit einem Schraubenschlüssel in der Hand zurück in die Werkstatt. Wir hatten ihn erst vor ein paar Wochen eingestellt, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass er mit der zusätzlichen Arbeit gut zurechtkommen würde. Isaiah war ein ruhiger Typ und freundlich. Nicht gesellig. Nach der Arbeit trank er kein Bier mit uns oder redete dummes Zeug mit mir und den Jungs aus der Werkstatt. Gegen welche inneren Dämonen er auch kämpfte, er behielt es für sich.

Ich hatte Dads Stelle als Geschäftsführer der Werkstatt übernommen, als er vor ein paar Jahren in den Ruhestand gegangen war. Da ich aber alles hasste, was mit Personalsachen und Buchhaltung zu tun hatte, und Dad es hasste, den ganzen Tag allein daheim herumzusitzen, kam er oft her, um mir zur Hand zu gehen. Als ich ihn bat, einen weiteren Mechaniker für mich einzustellen, war es Isaiah. Ich hatte Isaiah gar nicht erst zu einem Einstellungsgespräch gebeten, denn wenn Draven Slater jemanden empfahl, dann vertraute man seinem Instinkt.

„Was soll ich unternehmen?“, fragte Presley.

„Wo zum Geier ist Leo?“

„Soll ich raten?“ Sie verdrehte die Augen. „Im Bett.“

„Ruf ihn an und wecke seinen faulen Arsch auf. Wenn es sein muss, geh zu ihm nach Hause. Wenn ich vom Revier zurückkomme, erwarte ich, dass er arbeitet. Danach unterhalten wir uns.“

Sie nickte und ging ins Büro.

„Presley“, rief ich ihr hinterher. „Hör dich bitte um. Finde heraus, ob irgendwer in der Stadt irgendwas gehört hat. Diskret.“

„Okay.“ Mit einem weiteren Nicken eilte sie ins Büro und ich ging zu meinem Motorrad.

Auf dem Weg zum Polizeirevier fuhr ein weißes Auto an mir vorbei und ich dachte sofort an Bryce. Emmett hatte mir von dem neuen Reporter in der Stadt erzählt, aber bei dem Namen Bryce Ryan hatte ich keine Frau erwartet. Ganz bestimmt keine mit üppigen roten Lippen und dichtem schokoladenbraunem Haar. Jeder außer Emmett hätte jetzt eine gebrochene Nase dafür, dass er mich hatte denken lassen, der Reporter wäre ein Mann. Obwohl, gemessen an der Überraschung in Emmetts Gesicht, hatte auch er nicht an eine weibliche Reporterin gedacht. Geschah mir ganz recht, da ich immer das Weite suchte, wenn Presley Kleinstadttratsch im Büro verbreiten wollte. Dass ich total ahnungslos war, war meine eigene Schuld. Ganz zu schweigen von Bryce, nun, sie war echt gut. Sie hatte mich genau wie den Narren behandelt, zu dem ich geworden war. Verflucht, ich hatte ihr sogar meinen richtigen Vornamen gesagt, dabei war sie gerade mal fünf Minuten da gewesen. Nicht einmal Isaiah kannte meinen Namen und wir arbeiteten jeden Tag Seite an Seite. Ein strahlendes Lächeln, ein Funkeln aus diesen hübschen braunen Augen und ich plapperte los. Verhielt mich wie ein sabbernder Teenie, der verzweifelt an ihre Wäsche wollte, statt wie ein fünfunddreißigjähriger Mann, der genug Frauen auf Abruf hatte, wenn er einen versenken wollte.

Verfickte Reporter. Seit Jahren hatte ich mir keine Gedanken mehr um die Presse oder Journalisten gemacht. Aber Bryce änderte die Sache. Die Vorbesitzer der Zeitung waren zu dumm, um zu nerven. Der neue Besitzer war vor vielen Jahren nach Clifton Forge gezogen, aber Lane Ryan hatte alles, was berichtenswert war, nicht mitbekommen. Er war hier hergezogen, als die Tin Gypsys schon nicht mehr mit Drogen handelten. Als unser Underground-Fight-Ring mehr oder weniger ein Boxclub geworden war. Als alle Leichen schon lange abgekühlt waren. Lane ließ uns in Ruhe. Und wenn er das Auto seiner Frau zur Inspektion brachte, stellte er keine Fragen über den Club. Er war zufrieden damit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber Bryce war hungrig. Allein ihr Blick, als sie beim Gehen diese spitze Bemerkung hatte fallen lassen. Glühend. Sie würde alles auf eine Karte setzen und nicht nachgeben. Sie würde mir schon an einem normalen Tag auf die Nerven gehen. Aber wenn Dad wirklich Verdächtiger in einem Mordfall war, machte es die Sache nicht besser.

Wer war das Opfer? Wie konnte es sein, dass noch niemand von einem Mord in der Stadt gehört hatte? Meine alten Verbindungen mal außen vor gelassen, ein Mord war eine Riesensache in so einem kleinen Städtchen, und sollte sich schon wenige Minuten nachdem die Leiche gefunden wurde, wie ein Buschfeuer ausgebreitet haben. Es sei denn … hatte Marcus vielleicht eine alte Leiche entdeckt? Hatten uns die Sünden der Vergangenheit eingeholt?

Als Club hatten wir Mord in Kauf genommen, denn die Männer, die wir erledigten, hätten uns dasselbe angetan. Oder unseren Familien. Wir hatten die Welt von bösen Individuen befreit, auch wenn wir auf unsere Art ebenfalls der Teufel in Gestalt waren. Wir waren schuldig. Daran gab es keinen Zweifel. Das bedeutete aber nicht, dass wir den Rest unseres Lebens in einem Staatsgefängnis verbringen wollten.

Ich raste schneller die Straßen von Clifton Forge entlang, scherte mich nicht um Verkehrsregeln. Als ich auf dem Revier ankam, wartete der Chief am Empfang bereits auf mich.

„Dash.“ Er zeigte mir an, ihm in sein Büro zu folgen. Er schloss die Tür hinter uns, setzte sich an seinen Schreibtisch und nahm sich eine Stange Lakritz aus einer Packung auf dem Tisch.

„Wo ist mein Vater?“

„Setz dich“, sagte er kauend.

Ich verschränkte die Arme. „Danke, ich stehe lieber. Schieß los.“

„Ich kann dir nicht viel sagen. Wir untersuchen ein Verbrechen und …“

„Du meinst einen Mord.“

Er hörte auf zu kauen. „Wo hast du das gehört?“

Marcus’ Überraschung war aufrichtig. Ich vermutete, er hatte seinen Leuten gesagt, sie sollten den Mund halten. Nur Bryce war auch ihm einen Schritt voraus gewesen.

„Deine neue Freundin, die Reporterin, hat mich gefragt, ob ich mich dazu äußern wolle, dass mein Vater wegen Mordes verhaftet wurde. Was, verflucht noch mal, geht hier vor?“

Eine Ader auf Marcus’ Stirn pochte, als er schluckte, um gleich noch einmal zuzubeißen. „Weißt du zufällig, wo dein Vater zwischen fünf Uhr nachmittags und sechs Uhr morgens gewesen ist?“

„Vielleicht.“ Ich rührte keinen Muskel, aber ein Hauch von Erleichterung beruhigte mein schnell schlagendes Herz. Marcus fragte nach letzter Nacht. Fuck sei Dank. Die Vergangenheit blieb im Verborgenen. Und da Dad letzte Nacht niemanden umgebracht hatte, musste es sich um einen Irrtum handeln.

„Nun? Wo war er?“

„Mir scheint, dass du das schon weißt, warum fragst du mich also?“

„Dein Vater verweigert jegliche Aussage, bevor sein Anwalt anwesend ist.“

„Gut.“

„Es würde uns helfen, wenn ihr beide kooperiert.“

Wir kooperierten mit niemandem. Mit den Cops schon mal gar nicht. Wenn ich meinen Mund aufmachte und das Falsche sagte, würde mich Marcus als Komplizen abstempeln und mich in die Zelle neben Dads sperren. Ein Slater hinter Gittern war genug für heute. Ich schwieg weiter und Marcus blickte finster.

„Wenn du nicht redest, sage ich auch nichts.“

„Okay.“ Ich öffnete die Tür und warf sie so heftig hinter mir zu, dass ein Bild an der Wand wackelte.

Ich verließ das Gebäude. Viel hatte ich nicht erfahren, aber für den Moment mehr als genug. Ich setzte mich aufs Motorrad und die Sonnenbrille auf, dann holte ich mein Handy heraus und rief meinen älteren Bruder an.

„Dash“, antwortete Nick mit einem Lächeln in der Stimme. Ein Lächeln, das während der letzten sieben Jahre permanent in seiner Stimme mitschwang, seit er sich wieder mit seiner Frau vertragen hatte. „Was gibt’s?“

„Wir müssen reden. Bist zu beschäftigt?“

„Moment.“ Seine Stimme klang gedämpft, als er laut rief: „Weiter weg. Noch weiter. Und ein letztes Mal.“ Man hörte es kurz Rauschen und Nick lachte, als er wieder ans Telefon kam. „Dieses Kind. Er könnte den ganzen Tag Werfen und Fangen spielen, wenn ich mitmachen würde. Und er wird echt gut. Ich meine, er ist erst sechs, aber wirklich talentiert.“

„Ein zukünftiger Wide Receiver.“ Ich lächelte breit. Mein Neffe Draven war die absolute Kopie seines Vaters. Und Nicks ständiger Begleiter. „Arbeitest du heute?“

„Ja. Draven kommt mit in die Werkstatt. Emmy lässt Nora Ohrringe stechen.“

„Oh … ist sie dafür nicht noch etwas klein?“ Nora war gerade vier geworden.

„Frag nicht“, sagte Nick leise. „Aber ich will mich derzeit nicht mit Emmy streiten.“

„Warum nicht? Bist du sauer auf sie?“

„Nein, sie ist …“ Er stieß den Atem aus. „Wir wollten noch warten, bevor wir es allen sagen, aber Emmy war schwanger. Sie hatte letzte Woche eine Fehlgeburt.“

„Mensch, Bruder.“ Ich griff mir an die Brust. „Das tut mir leid.“

„Ja, mir auch. Emmy geht es nicht so gut. Also wenn sie Nora Ohrlöcher stechen lassen und einen Mutter-Tochter-Nachmittag in Bozeman haben will, dann habe ich überhaupt gar nichts dagegen einzuwenden.“

„Kann ich irgendwie helfen?“

„Nein, wir schaffen das schon. Was ist los?“

Ich drückte mir mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Das Letzte, wonach mir der Sinn stand, war Nick noch mehr zu belasten. Aber er musste Bescheid wissen. „Ich hab ein paar schlechte Neuigkeiten. Ich wünschte, es könnte warten.“

„Leg los.“

„Letzte Nacht ist jemand ermordet worden. Entweder war es Dad, oder er weiß, wer es war, oder jemand versucht, ihm einen Mord anzuhängen. Er wurde vor etwa dreißig Minuten verhaftet.“

„Fuck. Was weißt du noch darüber?“

„Nichts. Die Polizei verrät nichts.“ Ich würde nicht zugeben, dass die Hälfte von dem, was ich wusste von einer verschlagenen aber sexy Journalistin stammte. „Dad beruft sich auf seinen Anwalt. Sowie Jim eintrifft, wissen wir mehr.“

„Lass mich Emmy anrufen. Wir kommen so schnell wir können.“

„Nein, tut das nicht. Du kannst hier nichts ausrichten. Ich wollte dir nur Bescheid gesagt haben.“

„Dash. Wir reden hier über Mord.“

„Genau. Du, Emmeline und die Kinder habt nichts in der Nähe von diesem Scheiß zu suchen.“ Er musste in Prescott bleiben, mit seinem Sohn den Football zu werfen, seine Tochter zu küssen und seine Frau zu trösten.

„Na gut.“ Nick atmete laut aus. „Aber wenn du mich brauchst, bin ich da.“

„Ich weiß. Ich halte dich auf dem Laufenden.“

„Immer ist irgendwas“, brummte er.

„Eine ganze Weile herrschte Ruhe.“

„Stimmt. Glaubst du, dass er es war?“

Ich betrachtete die graue Außenwandverkleidung des Polizeireviers, stellte mir Dad innerhalb dieser Wände auf einem unbequemen Stuhl in einem Verhörraum vor. Die Hände in Handschellen, auf einem billigen Tisch ruhend.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht. Wenn er es war, dann gab es einen Grund. Wenn es keinen gab, dann ist Clifton Forge absolut kein Ort, an den du deine Kinder bringen willst.“ Denn wenn man hinter Dad her war, dann war man hinter uns allen her. „Pass auf dich auf“, sagte ich.

„Du auch.“

Ich legte auf und startete mein Motorrad. Das Gefühl der Maschine, die Vibrationen und der Klang beruhigten mich auf der Fahrt durch die Stadt. Schon viele Stunden hatte ich auf dieser Sitzbank verbracht, war hunderte von Meilen gefahren und hatte über Club-Strategien nachgedacht. Nur das letzte Jahr über nicht. Es hatte keinen Club-Kram mehr gegeben. Es waren keine Streitigkeiten zu schlichten gewesen. Meine Zeit am Lenker war reiner Genuss der weiten Straßen gewesen. Eine Zeit, um über die Werkstatt nachzudenken, wie man mehr Kunden für Spezialanfertigungen gewinnen konnte und wie man Geld für schlechte Tage am besten weglegte. Wenn es um Themen wie Verhaftungen wegen Mordes ging, war mein Verstand lahm und eingerostet. Es überraschte mich, wie schnell ich die althergebrachten Dinge vergessen hatte. Obwohl wir schon jahrelang mehr und mehr zurückgefahren hatten, hatten sich die Tin Gypsys erst vor einem Jahr aufgelöst. Die letzte Verhaftung, mit der ich mich hatte herumschlagen müssen, war schon vier Jahre her. Und selbst damals handelte es sich nur um eine Prügelei von Betrunkenen in einer Bar.

Ich fuhr auf den Hof der Werkstatt und schob die Maschine auf ihren Platz. Als ich ins Büro ging, fiel mein Blick auf das Clubhaus. Ich sollte dort mal mähen. Im Gebäude selbst war es zweifellos muffig und staubig. Das letzte Mal war ich im Winter drin gewesen, als ein Waschbär sich reingeschlichen und die Bewegungsmelder ausgelöst hatte. An Tagen wie diesem, an dem ich Informationen und Antworten brauchte, würde ich alles geben, um einfach ins Clubhaus gehen und alle rund um den Tisch zusammentrommeln zu können, um der Sache auf den Grund zu gehen. Stattdessen musste ich mich mit dem Büro der Werkstatt zufriedengeben und mit den wenigen Menschen, die noch immer genauso treu und loyal waren wie damals, als wir noch zum gleichen Club gehörten.

Presley hing am Telefon, als ich die Tür öffnete. Sie hob einen Finger, bedeutete mir, still zu sein. „Okay, danke. Ruf mich bitte zurück, wenn du mehr erfährst.“

Ich ging zu den Stühlen, die an der Wand unter dem Fenster standen. Presleys Schreibtisch war der einzige im Wartebereich, und auch wenn Dad und ich unsere eigenen Büros im hinteren Bereich des Gebäudes hatten, versammelten wir uns normalerweise um ihren Schreibtisch herum. Offiziell war sie unsere Büroleiterin, aber sie machte so viel mehr, als wir in ihre ursprüngliche Jobbeschreibung geschrieben hatten. Sie kümmerte sich um die Rechnungen, und darum, dass die Kunden zufrieden waren. Sie legte uns Papierkram zur Unterschrift vor. Sie zahlte die Gehälter aus und zwang uns alle, einmal im Jahr über unseren Pensionsplan zu sprechen. Sie war das Herz dieses Ladens, gab den Rhythmus vor und wir folgten ihr.

„Was hast du herausgefunden?“, fragte ich.

„Ich habe beim Friseur angerufen.“ Sie wurde blass. „Stacy hat gesagt, sie hat heute früh auf dem Weg zur Arbeit ein paar Cops beim Motel gesehen. Man erzählt, dass man dort eine Frau tot aufgefunden hätte, aber sie weiß nicht, ob das stimmt.“

Gottverflucht. Es stimmte wahrscheinlich. „Noch was?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist alles.“

Ich musste mit Dad sprechen, aber so wie Marcus sich verhielt, würde das nicht klappen. Fürs Erste musste ich mit Informationen über den Anwalt vorlieb nehmen.

Emmett und Leo betraten das Büro.

„Habe gehört, dass ich heute Früh einiges verpasst habe“, witzelte Leo.

Ich war nicht in der Stimmung und warf ihm einen finsteren Blick zu, der sofort das Grinsen von seinem Gesicht wischte. „Wo zum Teufel warst du?“

„Hab verpennt.“

„Passiert in letzter Zeit andauernd.“

Er fuhr sich durch das ungekämmte blonde Haar, die Strähnen noch nass von der Dusche. „Kriege ich meine Arbeit etwa nicht auf die Reihe?“

Ich antwortete nicht. Leo war der Künstler unter uns. Er erledigte alle Lackierarbeiten und machte die Designs, während Emmett, Isaiah und ich es vorzogen, zu Schrauben und Montieren. Er erledigte immer seine Arbeit, aber in letzter Zeit trank er viel mehr als sonst. Morgens tauchte er immer später auf. Und im Bett schien er jede Nacht eine andere Frau zu haben. Er verhielt sich immer noch wie der Club-Playboy.