HaarLos - Lara Marend - E-Book

HaarLos E-Book

Lara Marend

0,0

Beschreibung

Hannah (25) schneidet Haare und träumt dabei ein wenig vor sich hin. Benjamin (34) kommt einmal im Monat zu ihr in den Friseursalon, um sich eine ordentliche Frisur verpassen zu lassen. In den dabei stattfindenden Gesprächen kommen sich Friseurin und Kunde allmählich näher.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lara Marend

HaarLos

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10, 11

12

13

14

haarlos

Impressum neobooks

1

Das Jahr hat vierzehn Monate. Und es beginnt im September.

Sie kommt sich vor wie ein Goldfisch im Glas, der seine Nase ans Glas drückt und schaut.

Fest steht: Das Gewitter ist vorbei. Es knallte Sturm, Schauer und spitze Hagelkörner gegen die Scheibe, riss die brütende Hitze weg, die wochenlang den Asphalt zum Kochen und die Menschen zum Schwitzen gebracht hatte. Die Temperatur fiel schlagartig auf 15 Grad. Der abrupt beendete Sommer erscheint im Nachhinein wie brüllender Lärm.

Das Fenster des Friseursalons nimmt die ganze Schmalseite ein. Der begrenzte Ausschnitt der Welt, der vorhin noch in Wasserschlieren verschwamm, ist wieder klar. Der Regen hört allmählich auf, in der Luft hängen die Wolken satt und schwer und viel zu tief. Das Leben kehrt auf die Straße zurück, ohne sie, den Goldfisch im Glas, zu bemerken. Die Passanten haben sich nicht an die kühlere Witterung angepasst: Drei Jugendliche scheinen trotz kurzer Hosen und T-Shirts, deren Anblick ihr eine Gänsehaut über die Arme jagt, nicht zu frieren, zwei junge Mütter in Sommerkleidern schieben Kinderwagen ohne Regenschutz vor sich her, als hätten sie den Sommer in ihren Körpern gespeichert. Das Kleinkind an der Hand einer alten Frau platscht in Sandalen durch die Pfützen, im Stolpern gepackt von blau faltigen Fingern: Oma und Enkelkind. Nur der Bankangestellte im grauen Anzug, mager und gehetzt, ist angemessen gekleidet. Keiner sieht zu ihnen herein. Der Nachmittag geht zur Neige, mit ihm einer der heißesten Sommer, den sie je erlebt hat.

Sie wendet sich ab, holt den Besen von hinten und kehrt die Haare ihrer letzten Kundin, einer jungen Frau, die einen radikalen Schnitt verlangt hat, zusammen.

„Hannah?“

Sie sieht auf. Vera, ihre Chefin, deutet mit dem Kopf auf einen Mann. „Der Herr käme dran.“ Ihr Bick duldet kein Trödeln.

Der Neuankömmling steht an der Tür, mittelgroß, schlank und unschlüssig, in der Hand einen schwarzen Knirps. Auch seine Kleidung passt zu den ungewohnten Temperaturen: ein weißes Hemd mit langen Ärmeln, eine warme Strickjacke in Dunkelgrau, eine lange, dunkle Hose.

„Ja, ich komme sofort.“ Unter dem Stuhl liegt noch eine letzte Haarsträhne. Sie schiebt sie hastig auf die Kehrschaufel und kippt sie in den Müll. Leider fehlt ihr die Zeit innezuhalten, denn der Mann versenkt umständlich seinen Knirps im Schirmständer neben der Tür. Sie wartet, bis er sich zu ihr umdreht.

„Bitte sehr.“ Der Ablauf der nächsten Minuten ist in ihrem kurzen Berufsleben schon tausend Mal kopiert: sie komplimentiert den Kunden zu ihrem freien Stuhl, wartet, bis er sitzt, stellt sich hinter ihn und hebt ihre Hände in Höhe seines Kopfes, ohne ihn zu berühren. Die Frisur verlangt tatsächlich nach einem Schnitt (theoretisch kurze, dunkle Haare, die an der Stirn und den Ohren bereits Löckchen drehen), das Alter lässt sich ebenfalls schnell diagnostizieren (jenseits der Dreißig und damit uninteressant). Sie fixiert, ganz unaufgefordert und fachmännisch, besondere Eigenheiten innert weniger Sekunden (penibel bedächtig, siehe Schirmversorgung). Er hat ein etwas unregelmäßiges Gesicht: Das linke Auge liegt tiefer als das rechte, die Augenbraue ragt steiler auf als die andere. Auch die Nase macht eine leichte Krümmung nach links, die Lippen dagegen halten sich sehr gerade, was den Eindruck der Asymmetrie noch verstärkt. Den Rest des Gesichts könnte man vergessen, sowie man ihn sieht: die mittelhohe Stirn, die unscheinbaren Wangen, das Kinn, das weder spitz vor sticht noch fliehend zurückweicht.

Das Ungleichgewicht der Gesichtsproportionen regt sofort jede Phantasie an. Im Nu erfindet Hannah Charakter und Schicksal dazu: Ganz bestimmt lebt der Mann, der vor ihr sitzt, allein, weil seine Mutter ihm von klein auf eingebläut hat, hässlich zu sein (was nicht stimmt). Seine Tage gestalten sich eintönig und vorgegeben. Das macht ihn zum Einsiedler und Menschenfeind, dessen Aggressivität unvermutet hervorbricht wie ein Vulkan. Die Sprunghaftigkeit sieht man ihm natürlich nicht an, er wirkt wie ein transparenter Langweiler, der sich auch im Zorn nicht öffnet. Ferner ist er vermutlich ein verkanntes Genie, ein herausragender Mathematiker oder Physiker, der aufgrund seines Gesichts von allen unterschätzt wird...

Kunden unter Aufbietung ihres Einfallsreichtums mit allem auszustatten, was ihnen fehlt, macht ihr unglaublichen Spaß und lässt die Zeit im Salon im Nu verfliegen. Zugleich – Multitasking beherrscht sie als eine der wenigsten Frauen - stellt sie ihre Standardfrage: „Wie hättest du es gerne?“

„Einfach kurz. Machen Sie sich nur keine Umstände.“ Beim Öffnen des Mundes bemerkt sie seine unregelmäßig durcheinander tanzenden Zähne. Die oberen Schneidezähne stehen nicht „Habt Acht“ wie Zinnsoldaten. Der rechte diesmal (oha, wo bleibt die Symmetrie in der Asymmetrie?) wächst schief, schiebt seine schmale Kante vor, als wollte er sich vordrängen. Das Licht der Neonröhre an der Decke, verdoppelt im Spiegel, blitzt darauf. Sie sieht es, denkt zugleich aber darüber nach, dass er sie gesiezt hat. Im Salon ist es üblich, alle Leute zu duzen, auch unbekannte, denn wenn die dann öfter kommen, erspart man sich peinliche Umstellungen.

„Waschen auch?“, fragt sie etwas abgelenkt.

„Bitte.“

Sie holt ein frisches, hellgrünes Handtuch vom Stapel auf dem Tisch an der rückwärtigen Wand, entfaltet es und legt es ihm um die Schultern, sorgfältig darauf bedacht, seinen Hemdkragen zu schützen. Vielleicht sitzt ein verkappter Chemiker vor ihr, ein Alchemist, wie er im Mittelalter sein Unwesen trieb. Der Mann hat Schuppen, gut sichtbar auf dem schwarzen Jackenstoff, ausgestellt wie im Schaufenster. Sie beschließt, ein geeignetes Shampoo zu verwenden, nicht ohne sich seine vergeblichen Bemühungen vorzustellen, mittels giftiger, selbstgebrauter Substanzen seinem Übel zu Leibe zu rücken. Ganz genau sieht sie es vor sich: In einem dunklen Labor, dessen Dämpfe seine Gesichtshaut ausdehnen ließen, schüttelt er mit spitzen Fingern ein kleines Röhrchen...

Sie rollt ein Waschbecken heran, nimmt seinen Kopf vorsichtig zwischen die Hände und senkt ihn über das weiß glänzende Porzellan. Er schließt, sowie das warme Wasser über seine Haare rinnt, die Augen. Er hat kurze, dunkle Wimpern und ist ahnungslos über ihre Bemühungen, ihn in eine Schublade mit Frankenstein zu stopfen. In Gedanken wandert sie durch sein Labor, bis sie es auswendig kennt, mustert jedes Glaskölbchen und jedes aufgereihte braune Fläschchen, in dem sich das fahle Deckenlicht bricht, bis hin zum Glasballon mit grünlichem Inhalt auf einem hohen Regal. Man muss das verstehen: Die Handgriffe - das Einseifen, Massieren der Kopfhaut, das Ausspülen des Shampoos, das anschließende Abtrocknen - beherrscht sie im Schlaf, eine Unterhaltung mit dem Mann ist zu diesem Zeitpunkt nicht erforderlich, da einerseits das Rauschen des Wassers jedes Gespräch überlagert, andererseits die Massage eine entspannende Wirkung auf die Leute ausübt, die sofort zu faul werden, auch nur den Mund zu öffnen. Von Plaudern ganz zu schweigen. Die nächsten Minuten gehören also ihr. Apropos Wasser. Sie schweift ab zum vergangenen Wochenende. und leider beschäftigt sie die nahe Vergangenheit plötzlich mehr als das imaginäre Leben ihres Opfers. Diesen leidigen Sonntag nämlich vergisst sie so schnell nicht. Sie verbrachte ihn mit ein paar Freunden im Freibad. Klingt gut, war es aber nicht. Ihre Erinnerung fläzt auf der großen Liegewiese oberhalb des toten Rheinarmes und durchlebt eine sehr unangenehme Situation, die die ätzenden Flüssigkeiten in einem Labor bei weitem übertreffen: Ihre Freunde packten sie, Hannah Hennins, und warfen sie, ein willenloses Bündel Mensch, ins eiskalte Wasser. Sie begleitet die treulosen Seelen, die sich ihre „Freunde“ schimpfen, immer ins Freibad, aber das Schwimmen selbst gehört nicht zu ihren Leidenschaften. Viel lieber liegt sie in der Sonne, isst Eis und Pommes oder einen Hamburger und führt tiefschürfende Gespräche über die Vorteile, ein Model zu sein und die Nachteile, bei einer Gesangs-Castingshow mitzumachen. Auch an den Debatten, ob die Ehe mit einem Bauern ein lohnendes Lebensziel ist und ob der Typ in ihrer Nähe mit Frau, Tochter oder Geliebter zusammensitzt, beteiligt sie sich eifrig. Sie regen die Phantasie an und eröffnen unter anderem Möglichkeiten, berühmt zu werden, was sie sich für ihr eigenes Leben gut vorstellen kann. Leider besitzt sie – anders als vermutlich der Chemiker vor ihr – keine höhere Schulbildung. Sie ist nicht dumm, erlebte aber in ihrer Schulzeit aufgrund eines massiven, ihr sehr unangenehmen und daher totgeschwiegenen aber nicht tot zu kriegenden Problems nur Frust. Mit 15 beschloss sie, die Schule, diese Menschen quälende Anstalt, zu verlassen und eine Lehre im Friseurgewerbe zu beginnen. Seither verweigert sie sich offiziell allen hochgeistigen Themengebieten, wenn man so will, aus Trotz. Nur manchmal sieht sie heimlich Dokus über neue wissenschaftliche Erkenntnisse, liest (kurze!) Zeitungsausschnitte über die kleinsten aller bisher bekannten Teilchen oder leiht sich in der Bibliothek ein Buch über die Anwendung von Mathematik im Alltagsleben oder die Fauna der Tiefsee aus. In diesen Büchern betrachtet sie vor allem die Skizzen, Formeln und Bilder. Ihre Freunde dürfen das nicht wissen. Damit sie nichts von ihren hochintellektuellen Gehversuchen verrät, schaut sie regelmäßig die Sendungen, die „man“ gesehen haben muss, und genießt sie: die weinenden Schönen, die enttäuschten Frauen, die wütend und frustriert in Tränen aufgelöst den Bauernhof/die Paradiesinsel/den Laufsteg/das Brautmodengeschäft verlassen, die angehenden Sänger, die ohne Aufschub aus dem ersten Vorspiel geschickt werden. Diese allzu menschlichen Dramen sind ihr vertraut wie die Stars, die sie aus dem Fernsehen kennt. Nur das Schwimmen (um zum Thema zurückzukehren) überlässt sie ganz ihren Freunden. Sie empfindet Wasser, das sie nicht eigenhändig auf 35 Grad erwärmt hat, als zu kalt, ekelt sich vor Chlor und, in Naturbadeteichen, vor Algen und Schlamm und Lebewesen, die unter ihrem Bauch ihre Kreise ziehen.

Sie strampelte ordentlich und schlug um sich, als ihre Clique, zwei Burschen und zwei Mädchen, sie hochhoben, zu viert zum alten Rhein schleppten und mit Schwung in den Fluss beförderten. Sie schrie noch in der Luft, schloss ihren Mund nicht rechtzeitig und schluckte massenhaft Wasser. Nach einer ihr endlos erscheinenden Zeit tauchte sie prustend und stinksauer auf, schimpfend und Rachepläne schmiedend, ehe sie mit wenigen Tempi zur rettenden Ufermauer schwamm und patschnass aus dem Rhein kroch. Mit mordlüsterner Energie verfolgte sie die vier Übeltäter über die große Liegewiese, teilte Knuffe aus, so sie einen von ihnen erwischte, und wickelte sich endlich erschöpft in ihr Handtuch.

„Passt die Temperatur?“ Im letzten Moment, weil sie sozusagen das kalte Rheinwasser auf ihrer Haut prickeln spürt – ein Erlebnis, das sie niemandem zumuten will - fällt ihr ein, dem Kunden diese Frage zu stellen. Die Chefin legt großen Wert auf regelmäßiges Rückversichern. Der Chemiker nickt nur. Zweite Portion Shampoo und Massage, dann ist sie fertig mit Waschen. Am meisten ärgerte sie sich am Sonntag über Martin, den sie im Schwimmbad nur duldeten, weil ihre beste Freundin sich einbildet, in ihn verliebt zu sein. Hannah mag ihn nicht und betrachtet ihn auch nicht als Freund, sondern als Monster. Er ist undurchschaubar, ein tiefes (und trübes) Wasser sozusagen, bei dem man nie weiß, ob es einen trägt oder absaufen lässt. Er ähnelt im Aussehen übrigens dem Chemiker vor ihr mit seinem schwarzen Haar und blassen Gesicht, das die Vermutung nahelegt, er ernähre sich nur von Computerspielen. Wobei, Ernährung, diesem Martin traut sie auch Kannibalismus zu. Es gibt Gerede, demzufolge er die Frauen so oft wechselt, wie andere eine leere Tube Zahnpasta gegen eine volle eintauschen: alle paar Wochen. Sie hätte auch die Gerüchte geglaubt, denen zufolge er Frauen kocht, brät und mit einem Bier runterspült. Mit Friederike, ihrer Freundin, geht er bereits sagenhafte drei Monate, die Trennung muss also, sollte man meinen, unmittelbar bevorstehen. Sie erwartet sie schon sehnsüchtig. Also sie, nicht Friederike. Es ist anzunehmen, dass die Idee zum unerwünschten Tauchbad von diesem gemeinen Kerl stammte, zu dessen heimlichsten und monstereigensten Eigenschaften Bosheit zählt.

Mit von der Partie am Sonntag waren auch Andrea, ihre zweitbeste Freundin, und deren Freund Jakob. Beide mag sie richtig gern und sie verhalten sich normalerweise auch nett, was man gar nicht glauben will, wenn man bedenkt, wie eifrig sie im Schwimmbad ihr armes Opfer an Armen und Beinen zum Alten Rhein gezerrt haben. Angestachelt von einem Teufel. Obwohl sie seit Sonntag mit allen ihren Freunden (Martin natürlich ausgenommen) telefoniert hat, verzeiht sie ihnen immer noch nicht restlos. Sie ist der Meinung, man kann sogar Satan widerstehen, wenn man sie, Hannah, wirklich liebt.

Sie sollte sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Ablenkung gehört zum Leben wie die Luft zum Atmen, aber ganz sollte sie ihren Broterwerb nicht aus den Augen verlieren. Kurze Männerhaare benötigen keine stundenlange Wäsche, und sind, wenn man sie kurz mit dem Handtuch antippt, genau richtig feucht für den Schnitt.

Sie rollt das Waschbecken zur Seite, breitet über den schmalen Körper auf ihrem Stuhl einen dünnen Plastikumhang, schließt ihn am Hals, und nimmt Kamm und Schere zur Hand. Eigentlich hätte sie jetzt gerne die Geschichte um den Chemiker etwas ausgeschmückt, sich zum Beispiel den entstellenden Unfall vorgestellt, der ihn in seinem Labor ereilte, aber wieder weiß sie die Chefin im Nacken, die nicht nur altmodisch, sondern auch pingelig, ja richtig streng sein kann. Daher kommt ihr, gerade noch rechtzeitig, die wichtigste aller Fragen über die Lippen: „Was darf ich dir zu trinken bringen? Einen Kaffee oder ein Glas Wasser? Orangensaft hätten wir auch…“

„Nein, danke.“ Nein? Klar, vermutlich bevorzugt er Salizylsäure mit Ascorbinäuregeschmack. „Wie gesagt, machen Sie sich keine Umstände.“

Sie. Er hat sie wieder gesiezt. Nun, das kann sie auch: „Zeitschriften liegen hier, wenn Sie eine ansehen möchten…“

„Ach, da steht doch nur Blödsinn drin.“

Sie stutzt. Zeitschriften schaut sie immer gerne an. Die Schlagzeilen über Prominente sind unterhaltsam, die Bilder der Königsfamilien mit den kleinen Thronfolgern ausgesprochen nett … und vor allem muss man, wenn man die Hefte durchblättert, nicht allzu viel lesen, was ihr sehr entgegen kommt. Die Bildunterschriften enthalten wenig Text, die Horoskope ebenfalls. Noch während sie daher (sehr ungern!) den Smalltalk beginnt, den die Chefin grundsätzlich erwartet, bleibt in ihrem Bauch ein schales Gefühl zurück wie ein übler Geschmack. Laut fragt sie: „Dann haben Sie schon Feierabend?“ und beginnt beherzt mit der Schere an den Ohren zu schneiden.

Er schüttelt den Kopf. Ihr entfährt ein hastiges „Bitte ruhig halten“. Sie kann mit dem Handrücken, die Schere schleunigst außer Reichweite gebracht, seine Bewegung gerade noch stoppen, aber vor ihrem geistigen Auge sprenkelt sein Blut malerisch den Spiegel.

„Verzeihung. Ich mache nicht Feierabend, ich bin auf dem Weg zur Arbeit.“

„Oh. Und was, wenn ich fragen darf, arbeiten Sie?“ Solche Erkundigungen darf man einholen, das erlaubt die Chefin. Allerdings sieht sie es nicht gerne, wenn man mit zu vielen solcher Fragen zu tief schürft. Obwohl sie selbst sich nicht zurückhält und ihre Opfer ausquetscht wie reife Zitronen. Im Spiegel sieht Hannah sie einer bejahrten Dame die Locken färben.

Neben der Chefin ist da Lea. Sie versucht gerade einem Kind einen Kurzhaarschnitt zu verpassen. Das Kind zappelt unruhig und die Mutter prüft, quasi in Körperkontakt mit der Schere, jeden Handgriff der Friseurin, kein leichtes Unterfangen. Zum Salon gehört noch Analena, beide Male mit nur einem „n“ geschrieben, wie sie nicht müde wird zu betonen, Lehrling im ersten Jahr. Ihre Aufgabe besteht vorerst darin aufzuräumen, die Zeitschriften ordentlich auf dem Glastisch neben den zwei Stühlen zu ordnen und Kämme, Bürsten, Klammern und Haarfärbemittel neu und umzusortieren. Sie ist erst am Beginn ihrer Ausbildung.

„In einer Bar.“

Sie ist enttäuscht. Kein Chemiker? Wie ein simpler Barkeeper sieht er nicht aus! Trotzdem heißt es, höflich bleiben: „Ah, und welche?“

„Die Rosen-Bar.“

„Oh“. Das erklärt, warum sie den Mann nicht kennt. Sie meidet die Rosenbar. Ihre Freunde verdienen nicht die Welt. Wenn sie am Abend ausgehen, dann so, dass ihnen auch danach noch Geld auf dem Konto bleibt. Denn die Rosenbar in der Innenstadt zählt alles andere als zu den billigen Bars. Die ist für Hannah eine Stufe – oder fünf? – zu teuer. Sie hätte schwören können, dass die Kellner im schwarzen Sakko oder gar mit Gilet und Krawatte herumlaufen, auch wenn dieses besondere Exemplar hier überhaupt nicht schick aussieht. Vielleicht verwahrt er Sakko und Fliege an seinem Arbeitsplatz, in einem Hinterzimmer für Angestellte, in dem er sich jederzeit umziehen kann. - So, die Haare am rechten Ohr sind geschnitten, folgen noch die am linken. Aber gerade, als sie die Schere dort ansetzt (das Gehirn ist schon ein wunderliches Wunderding!), fällt ihr seine abfällige Bemerkung über die Zeitschriften wieder ein. Sie mag Leute nicht, die Gesellschaftsblätter überheblich als Nonsens abtun und sich wahrscheinlich gut dabei fühlen. Ohne nachzudenken wechselt sie das Thema: „Sie lesen also wirklich nie solche Zeitschriften?“

„Nein. Sie schon? Was steht denn drin, außer den ständig wechselnden eingebildeten Wehwehchen der Reichen und Schönen? Interessieren Sie sich dafür?“

„Naja.“ Klar! „Der kleine Prinz Louis ist doch so putzig...“

„Alle Kinder sind putzig, wenn sie klein sind.“

„Ach. Was glauben Sie denn, was mich daran interessiert?“

„Das frage ich mich ja, ich weiß es nicht. Vielleicht das Geld?“ Frechheit! Das Möchtegerngenie, der inexistente Chemiker, scheint überhaupt nicht zu merken, dass er sie gerade beleidigt. Im Gegenteil gefällt er sich offenbar in seiner Rolle als vermeintlicher Menschenkenner. Das erste Mal, seit er hier hockt, lächelt er, der blöde Kerl. Seine Lippen spannen sich unschön über den schiefen Zahn. Wenn er grinst, steht sein Mund schief, schief wie das ganze Gesicht, das schlagartig nicht mehr einer Maske ähnelt, sondern dem Mienenspiel eines quicklebendigen (Chemikers?) Komikers, dem … gerade ein Experiment gelang. Vermutlich weiß er nicht, wie unästhetisch sein Lächeln aussieht. Er mustert sie so konzentriert, als könne er in ihrem Gesicht lesen. Hoffentlich erkennt er, dass sie keinen Wert auf Geld legt. Oder zumindest fast keinen. Natürlich verbohrt er sich in seiner falschen Meinung, denn er fragt rundheraus: „Was würden Sie sich denn kaufen wollen, wenn Sie ganz viel Geld hätten?“

Zu Kunden muss man lieb sein und ihnen freundlich antworten, vielleicht sogar hin und wieder ehrlich: „Ein Klavier. Und Sie?“ Er steht bestimmt auch auf Moneten, das muss er nicht nur ihr anhängen.

„Ein Klavier!“ Er sieht überrascht aus. Wahrscheinlich hat er eher mit einem Schloss gerechnet. Sein Wunsch? Weinkeller vermutlich. „Ich? Ich würde mir eine Bar kaufen und mein eigener Herr sein.“ Nah dran! Warum dann nicht gleich das südfranzösische Weingut? Wahrscheinlich sauft er gern. Von wegen Barkeeper.

„Soooo viel Geld meinten Sie“. Sie tut überrascht und wundert sich, wie ernst er selbst die Frage nimmt. Nun denn, sie stellt sich jetzt eine wirklich hohe Summe vor und platzt heraus: „Dann wäre ein Bauernhof auch nicht schlecht. Mit drei Hektar Land rundherum und Schafen oder Ziegen – man müsste in dem Fall auch gar keinen Bauern heiraten, um einen Bauernhof zu bekommen“.

Bei ihren Worten entgleisen seine Gesichtszüge, das sieht richtig lustig aus. Entgeistert fragt er: „Sie würden einen Bauern heiraten, nur um Land zu besitzen?“

Sie bläst die Backen auf und denkt eingehend über die Frage nach. Vorsichtig meint sie: „Das wäre dem Bauern gegenüber nicht fair, oder?“ Sie geniert sich jetzt ein bisschen. Da haben wohl ihre Freunde im Hintergrund Pate gestanden und ihre Gedankengänge beeinflusst. Sie muss darauf achten, künftig nicht so unbedarft zu plaudern wie mit ihren Freunden, so ganz ohne vorher zu überlegen. Er hält sie ohnehin für geldgierig. Sie beginnt sich zu ärgern, denn normalerweise geraten ihre Kundengespräche nicht aus der Bahn. Man spricht über das Wetter, über die Leiden der Arbeit, das teure Wohnen, die (un)freundliche Bedienung in Restaurants oder die neuen Waren in Geschäften ... über banale und sehr allgemeine Dinge eben. Aber bei dem Dracula da sieht sie sich binnen Minuten damit konfrontiert, auf Geld aus zu sein und dafür alles in Kauf zu nehmen! Nur weil sie zugibt, Zeitschriften durchzublättern. Hallo?

„Hm“, kommt seine Antwort, „das hängt natürlich auch vom Bauern ab: manche haben es vielleicht verdient, dass man sie maximal wegen ihres Besitzes heiratet.“

Sie grinst, die Idee gefällt ihr: „Einer, der eine Frau nur heiraten will, weil sie schön ist.“

„Zum Beispiel. Aber da Sie ähnlich … vordergründig denken...“ Tue ich nicht, das sieht nur so aus! „... wie weit würden Sie denn gehen, was würden Sie so akzeptieren, wenn Sie einen Bauern nur wegen seiner … Äcker ehelichen wollten?“ (Er drückt sich sehr gewählt aus) „Wäre es egal, wenn er trinkt, oder eigentlich auf Männer steht oder…“ Die Frage scheint ihm Spaß zu machen.

„Puh“. Wie soll sie ihm verklickern, dass er eine falsche Vorstellung von ihr hätschelt? Sie hat sich binnen Sekunden von seinem Image als Chemikergenie verabschiedet und erwartet auch von ihm die Flexibilität und Fähigkeit, Wahnideen abzustoßen! Innerlich schüttelt sie sich. Sie muss nachdenken, wie sie ihm den Kopf zurechtrücken kann. Zeit, die Haarlänge an den Ohren zu vergleichen. Ja, die passt, auf beiden Seiten gleich viel weggeschnitten. Jetzt der Nacken. Sie versucht, den Mann mit möglichst sanftem Fingerdruck dazu zu bewegen, den Kopf zu senken, aber er wartet auf ihre Antwort und sieht sie neugierig im Spiegel an.

„Wenn Sie bitte den Kopf etwas senken würden…Danke.“ Weil er ihrer Aufforderung umgehend nachkommt, kann sie ihre Arbeit fortsetzen und überlegt wie aus heiterem Himmel, was ihr an einem Mann – diesem zum Beispiel! - nicht gefällt. Natürlich läuft das Gespräch damit genauso weiter, wie es begonnen hat: sehr speziell. „Also, wenn er viel Knoblauch isst“ aussieht, wie ein verschrobener Vampir, „säuft, einen Bierbauch hat oder einen Vollbart,“ in einem heimlichen Labor experimentiert, „Kinder laut findet, Zeitschriften albern oder jeden Samstag sein Auto poliert“ und seine spitzen Eckzähne „und …“

„Moment“, wirft ihr Opfer dazwischen, klemmt sich in ihren Wortschwall, wie ein Rinderzüchter zwischen seine Tiere (oder ein Chemiker zwischen seine Glaskolben), „...ich sehe schon, Sie bleiben Ihr Leben lang ledig. Ihre Ansprüche sind ja sagenhaft!“ (Wenn er wüsste, wie sagenhaft!) „Viel zu hoch. Und jetzt verstehe ich auch, wieso Geld eine so große Anziehungskraft auf Sie ausübt. Sie müssen ja allein zurechtkommen, Sie werden nämlich sicher nie einen Mann, einen …“

Ihr bleibt die Luft weg. Zuerst unterstellt er ihr Geldgier, jetzt auch noch Männerlosigkeit und zu hohe Ansprüche! Obwohl er ihre geheimen No-gos gar nicht kennt! „Überlegt habe ich schon“, unterbricht sie ihn streng, „bei einer solchen Show mitzumachen.“ Soll er von ihr denken, was er will. Sie beginnt betont sachlich die Deckhaare, ordentlich mit dem Kamm hochgehalten, in einem leichten Bogen zu kürzen und unterbreitet ihm mit der Wollust einer Skandalnudel ihre geheimsten Gedanken. Er braucht ja nicht zu ahnen, wie sehr das, was sie sagt, der Wahrheit entspricht. „Ich meine, dahinzuwandern und sagen zu können: alles meins, das hat schon was. Wälder, Felder, die Häuser der Neubausiedlung... “

Er weiß es natürlich besser und zeigt sich von ihrem Grundbesitz, den sie allerdings nur im Geiste besitzt, unbeeindruckt: „Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie am Land so toll finden. Diese tödliche Stille, keine Unterhaltung, keine lebendigen Menschen rundum, die mit Taten und Einfällen Leben in den Alltag bringen, wie nur Menschen das können mit ihrer Vielseitigkeit und ihren Überraschungen. Stattdessen Tiere, die man nicht versteht, mit denen man sich nicht unterhalten kann. Das muss doch unglaublich langweilig sein.“

„Hm.“ Ganz unrecht hat er wohl nicht. „Vielleicht hielte ich es auch nicht aus, nur über Wald und Wiesen zu stapfen und Schafe zu streicheln.“

„Oder sie zum Schlachthof zu fahren, von etwas müssten Sie ja leben!“

„Stimmt, stimmt.“ Das ist nicht von der Hand zu weisen, doch so leicht will sie ihn nicht davonkommen lassen: „Aber geben Sie zu, privat lieben Sie die Ruhe, Sie wohnen außerhalb, irgendwo im Grünen…“

„Entenbachgasse.“ Seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Die liegt wirklich mitten in der Altstadt.

„Oh, naja, dann wäre das Land mit Bäuerin wahrscheinlich nichts für Sie…“ Aber ein bisschen Aufmüpfigkeit darf sein: „Sie müssten sich an eine Frau heranmachen, die ein Café besitzt oder ein großes Haus mitten in Feldkirch, in dem man unten im Keller eine Bar einrichten könnte…“

„Das habe ich schon“, lacht er, “eine Frau mit einem Café“.

Verstohlen schielt sie auf seine Hände. Kein Ehering, aber das besagt gar nichts. Viele Leute heiraten nicht, sondern ziehen Lebensgemeinschaften der Ehe vor. Oder verlieren demonstrativ den Ring. Beim Schifahren, in Menschenansammlungen und neben offenen Kanaldeckeln. „Dann haben Sie ja das gemacht, was Sie mir vorgeworfen haben: sich eine Frau gesucht, die einen ansehnlichen Besitz hat. Das erklärt auch, warum Sie keine Zeitschriften lesen. Für kleine Prinzen interessieren Sie sich nicht und für die Welt des Geldes müssen Sie sich nicht interessieren, weil Sie … alles haben, was Sie gern hätten.“

Der Blick, den er ihr über den Spiegel zuwirft, ist begriffsstutzig. Sie grinst. Es sieht so aus, als weigerte er sich, sie zu verstehen, aber endlich ziehen sich auch seine Mundwinkel nach oben: „Eins zu Null für Sie. Zuvor müsste ich allerdings einen Mord begehen.“

Sie stutzt, das Thema ist ernst, doch er scheint zu spaßen. Ein Mord! „Mit Messer oder Gift? Woran haben Sie gedacht? Ich staune, dass Sie so offen sind. Das gibt mir die Möglichkeit, Sie irgendwann ans Gesetz auszuliefern und mich Ihnen gegenüber schon jetzt als der bessere Mensch zu fühlen. Sie haben mir vorgeworfen, eine Ehe für einen Bauernhof eingehen zu wollen, Sie dagegen würden sogar morden!“

„Zwischen einer Zweckehe und einem Mord besteht kein großer Unterschied.“

„Aber hallo?“ Vergnügt legt sie Schere und Kamm zur Seite und greift nach dem Rasierer, um die Nackenhaare zu kürzen: sein Haaransatz reicht ein Stück weit den Hals hinunter, man sollte zumindest eine Weile lang kein Gestrüpp dort wachsen sehen. Zeitgleich legt Analena die sauberen Handtücher übereinander, das Kind, dem Lea die Haare geschnitten hat, darf sich im Spiegel bewundern, die Chefin greift nach dem langen Schwenkarm einer der beiden flachen, violett getönten Trockenhauben, zieht sie von der Decke und über den Kopf der betagten Dame.

Der Rasierapparat in ihrer Hand surrt, das eintönige Geräusch macht ihn offensichtlich denkfaul. Lange braucht sie für das Rasieren nicht, schon legt sie das Gerät zur Seite, streicht mit der flachen Hand über die Haarspitzen an seinem Scheitel, verwirft die Idee, den Föhn zu zücken - in Räumen hält sich die dampfige Sommerhitze länger als im Freien - und entfernt stattdessen mit einer weichen Bürste die Haare von Hemdkragen und Stoff der Strickjacke. Zuletzt holt sie die hinter den kleinen Ohren versteckten hervor.

Die runzlige Frau unter der Trockenhaube räuspert sich laut und ausgiebig. Vermutlich ist sie von altem italienischem Adel, schon seit Jahrzehnten verwitwet und derzeit in einen Vor-Erbstreit mit ihrem einzigen Neffen verwickelt.

Vorsichtig öffnet Hannah den Klettstreifen des Umhangs am Hals und nimmt ihn weg, darauf bedacht, die abgeschnittene Haarpracht nicht über die Hose des Erbschleichers zu streuen.

„Sie ist übrigens meine Schwester“, lässt er sich ziemlich unvermittelt vernehmen.

Der Neffe der alten Dame ist hartnäckig, sie sitzen bereits vor dem Anwalt, sie kann seinem Gedankengang nicht folgen. „Wer?“ fragt sie verwirrt.

„Die Frau mit dem Café. Die kann ich nicht heiraten. Das Café gehört meiner Schwester.“

„Ach so.“ Schnell entsinnt sie sich ihrer guten Manieren. „Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht ernsthaft unterstellen …“

„Wer weiß, vielleicht haben Sie trotzdem Recht, was meine unlauteren Motive anbelangt. Es gibt ja noch andere Frauen mit Bars oder Cafés.“

Sie lacht. Der Chemiker als Schürzenjäger? „Sie sind auf der Suche.“

„Das war mir nicht bewusst, aber möglicherweise ist es genau so. Jagen wir nicht alle unseren Träumen nach?“

„Natürlich. Aber der eine jagt verbissener, der andere gelassener.“ Sie fischt den kleinen, runden Spiegel vom Haken an der Wand, hält ihn nahe an seinen Hinterkopf und fragt, ob der Schnitt so passt.

„Wunderbar.“ Träge steht er auf. „Was bin ich schuldig?“

Sie verstaut den Spiegel und schielt zur Chefin hinüber, denn manchmal übernimmt die das Kassieren noch. Vera merkt auf, nickt ihr kurz zu, was besagt `Mach du nur´, um im nächsten Moment Analena zu erklären, was beim Haare waschen außerdem zu beachten sei. Also gibt sie dem Kunden selbst die zu zahlende Summe bekannt, nimmt das Geld entgegen, das er wie alle Männer in der hinteren Gesäßtasche verwahrt, und zahlt ihm das Restgeld aus. Er drückt ihr fünf Euro Trinkgeld in die Hand, fischt seinen Knirps aus dem Schirmständer, verabschiedet sich und zieht noch im Gehen das stumm vibrierende Handy aus der Hosentasche.

Im Salon verharrt sie einen Moment lang reglos und starrt auf den Schein in ihrer Hand. Fünf Euro sind viel. Offensichtlich glaubt er, sie mit Geld beeindrucken zu können, was ja ganz seiner Meinung über ihre Prioritäten entspricht. Ihr Sparschwein zeigt sich beim Versuch, den Schein in den schmalen Schlitz zu stopfen, trotzdem beeindruckt. Es haust neben zwei anderen (die Chefin mästet ihres nur heimlich), gleich neben dem Terminkalender und beguckt seine Besitzerin aufmerksam. Und ein bisschen satt. Sie sah sich im Salon um und überlegt, was als nächstes zu tun sei.

Inzwischen ist er, den Anruf nach einem kurzen Blick weg drückend, in die kühle Luft hinausgetreten und um die nächste Hausecke verschwunden. Hannah kann ihn nicht mehr sehen. Sie sieht auch nicht, wie er in der Marktgasse auf eine schlanke, junge Frau mit langen brünetten Locken und einer Jacke aus einem dicken, teuren und orangeroten Wollstoff zueilt. Sie hat unter den Lauben auf ihn gewartet. Er umarmt sie und drückt ihr demonstrativ einen Kuss auf den Mund. Schon löst sie sich aus der Umarmung und betrachtet ihn auf Armeslänge. „Gut schaust du aus.“ Anerkennend streifen ihre Finger durch seine kurzen Haare. „Endlich wieder einmal ein richtig schöner Schnitt. Die Friseurin, die das gemacht hat, musst du dir warmhalten, die kann was!“

Er nimmt sich fest vor, den Rat seiner Freundin zu ignorieren, denn Leute, die ihn zum übermäßigen Plaudern anregen, machen ihn misstrauisch. Er fühlt sich dann wie Achilles, dessen harmlose Ferse ihn töten könnte. Sein verwundbarer Punkt ist ein guter Ruf, um den er fürchtet. Er besitzt nicht allzu viel davon und ruiniert ihn gerade sukzessive selber. Das Gespräch mit einer Friseurin, dieses marginale Ereignis, wächst sich vielleicht nicht zu einem großen Problem aus, aber wer von etwas nicht mehr viel hat, will das Wenige behalten und sorgt allen Eventualitäten vor.

Keine fünf Wochen später allerdings tut er gut daran, sein Aussehen zu pflegen, denn es gilt, seine Freundin (und nicht nur sie!) zu besänftigen, was bedeutet: Er muss diese bestimmte Friseurin wieder aufsuchen. Im Salon wird er auf sie zeigen müssen, vorausgesetzt, sie ist da, denn seine Fähigkeiten im Beschreiben Fremder halten sich auf niedrigem Niveau und drohen nicht selten, in die komplette Sprachlosigkeit abzustürzen. Er nimmt – das muss er sich eingestehen – Personen, die nicht in sein Beuteschema fallen, also Frauen, die nicht auffallend gutaussehend sind, so wenig wahr, dass er bei seinem ohnehin schlechten Gedächtnis für Gesichter nie weiß, wie sie aussehen. Gerne hätte er sich diese Pantomime erspart, aber neben der guten Frisur bietet das Arrangement noch den winzigen Vorteil, leicht erreichbar zu sein: Der Salon liegt nicht weit von seiner Wohn- und Arbeitsstelle entfernt.

Hannah überlegt tagelang, wie der Mann hieß, der es nicht der Mühe wert fand, den wahren Charakter eines Menschen herausfinden zu wollen, sondern mit Vorurteilen und Unterstellungen nur so um sich warf. Herr Weiß-schon-alles? Wahrscheinlich kennt nicht einmal die Chefin ihn, weil er erst seit Kurzem in dieser Entenbachgasse ohne Bach und Enten lebt und sich die Haare normalerweise von seinem Cousin schneiden lässt, der besser rechnen kann als er. Und da nur der Cousin einen schönen Verschnitt zuwege bringt, wird der Chemiker kein zweites Mal hier auftauchen. Sie verwünscht den Cousin.

2

Ende September zückt der Herbst eine Palette und beginnt seine Farbenpracht zu entfalten. Er fängt ganz unscheinbar an, malt dort ein paar Blättchen bunt, da ein paar, aber schlussendlich verkürzt und überstürzt er den Vorgang und befiehlt allen Laubbäumen, die noch von sattgrünem Gras umgeben sind, zu Füßen ihrer Stämme bunte Kreise zu kleckern, mit dem Zirkel gezogene symmetrische Flächen in Gelb, Rot, Rostbraun und Ocker. Über all das bunte Farbenspiel spannt er einen blauen Himmel, zumindest jedes Mal, wenn er dem Nebel gebietet sich zu erheben und seine milchweißen Schwaden in die Sonne zu entlassen. Und dann. Nachdem er ein ganzes geordnetes, ruhiges Szenario entworfen hat, schickt derselbe Herr (Hannah denkt sich den Herbst als ältlichen, boshaften Kerl) an einem Tag Anfang Oktober den ultimativen Föhnsturm, der alle mühsam sortierten Farben um und um wirbelt, mit wühlenden Händen genüsslich durch die noch hängenden Blätter fährt, sie in brausendem Schwall zu Boden regnen und in ziehenden Wirbeln davonziehen lässt, um sie lieblos mit gefalteten, zerknitterten Flugblättern zu mischen und in Hausecken und gekippten Kellerfenstern verrotten zu lassen. Sogar die Flugblätter, die die Menschen sorgfältig in Müllkübeln entsorgten, fischt der Sturm wütend heraus und deponiert sie an Straßenlaternen und in Dachrinnen. Es herrscht nämlich nicht nur Wahlkampf, sondern auch Windkampf, und die vielen Luftballons, die roten, gelben, blauen, grünen und rosaroten, machen sich so malerisch in Bäumen und Wäscheleinen. Nur schwarze gibt es keine, obwohl es eine schwarze Partei gibt.

Nicht nur der Sturm legt Tempo vor, auch die Menschen auf der Straße, als könne der Föhn sie antreiben wie welkes Laub. Die mittägliche Tageszeit und der soeben zu Ende gehende Wochenmarkt schwemmen besonders viele Leute unter den blauen Himmel, inklusive der Schulkinder, die den Sturm jedem Lehrer vorziehen und johlen.

Hannah schnippelt an den Haaren eines Jugendlichen herum, der, so glaubt sie zu erraten, von seiner Tante zum Friseur geschickt wurde mit dem strengen Auftrag, sich seine allenfalls um fünf gewagte Zentimeter zu lange „wilde Mähne“ entfernen zu lassen. Der aus Paris gebürtige Jugendliche musste in das randösterreichische Exil gehen, weil seine kleine Schwester ihm alle Untaten vorwarf, die sie selbst beging, und die Mutter nur ihr glaubte. Daher die Tante, die ihn, den Heimatlosen, bei sich beherbergt. Gott sei Dank. Hannah bemüht sich aus Mitgefühl, den heimatlosen Jungen besonders hübsch zu machen, damit die Tante ihn auch weiterhin behält und nicht weitervermittelt oder gar zu seiner bösen Schwester zurückschickt. Die am Panoramafenster vorbei stürmenden Beine nimmt sie nur als flüchtige Bewegung wahr. Da der Jugendliche, verständlicherweise immer noch geschockt vom ungerechten Lauf seines jungen Lebens, kein Wort von sich gibt, hängt sie ungestört ihren Gedanken nach. Die kreisen bald um Friederike, die am Abend zuvor an ihrer Tür gestrandet ist, um sich zu unterhalten, zwei Frauen unter sich. Das große Problem, mit dem sie sich befassten, hieß Martin Monster, das seine Aktualität nicht, wie erwartet, eingebüßt hat, obwohl er sich inzwischen schlecht benimmt. Hannah versuchte wiederholt, ihrer Freundin klarzumachen, dass nicht alle Jungs auf dieser Welt Blut trinken, aber sie stieß auf taube Ohren. Dabei kann ein Blinder sehen, wie ein Opfer von Monster aussieht: Friederike erschien wiederholt mit rotgeränderten Augen, weint manchmal verärgert am Telefon und futtert frustriert Chips in sich hinein, sooft sie in Hannahs kleiner Wohnung auf dem Sofa lümmelt. Abwechselnd mit Pfirsichen aus der Dose, was in Hannah den schrecklichen Verdacht erregte, Monster habe sich fortgepflanzt. Stockend und wütend erzählte die angehende Mutter (?), sie habe am Samstagabend am vereinbarten Treffpunkt auf Monster gewartet. Bis zu seiner leidigen WhatsApp-Nachricht, eine halbe Stunde zu spät: Er fühle sich nicht gut. Hannah vermutet, dass er da bereits einer anderen an der Kehle hing, verschonte die Schwangere (?) aber mit ihrem Verdacht. Manche Bilder muss man für sich behalten. Hingegen brennend interessiert sie die Frage, was irgendjemand an Monster findet. Ihr persönlich wird von den Beinen herauf kalt, sobald sie nur an ihn denkt! Als würde ein Eishauch mit klammen Fingern ihre Waden empor kriechen. Sie hakte wiederholt nach, was genau Friederike an ihm fasziniere: Sag schon, was! Gutes Aussehen? Sie unterstrich die Frage mit sarkastischem Lachen. Besondere Freundlichkeit, wenn, ja, wenn er einmal nett war? Gehörte sie zu den Frauen, die sich beißen lassen, damit man ihnen zwischendurch die Hand küsst? Das will sie nicht glauben.

„Sexappeal?“, versuchte es die Betrogene in fragendem Tonfall. Hannah riss überrascht die Augen auf. Der? „Ich möchte die Haare von ihr geschnitten haben.“ Na gut, er brachte ihr nach dem letzten Streit Blumen und ließ die Nierenpastete der anderen in seinem Kühlschrank. - „Dann müssen Sie warten, sie ist noch beschäftigt.“ Friederike steht auf Männer, die mit (harmlosen) Geschenken kommen (Hätte er doch besser das andere mitgebracht!) – „Das passt schon.“ Er merkt, wenn er zu weit geht, das ist ja schon viel wert, behauptete sie. Und er ist süß wie ein kleiner Junge. Manchmal. Phhh, Hannah schnaubte verächtlich. Kleine Jungen oder Männer, die sich wie solche benehmen, kämen ihr nie ins Haus. Sie würde sogar Fledermäuse vorziehen. Die großen. Diese Bluthunde. Die Chefin berührt sie am Arm: „Hannah, der Herr hier möchte von dir geschnitten werden, er wartet. Vielleicht siehst du zu, dass du dich ein bisschen beeilst.“ Diese Ausdrucksweise: er möchte geschnitten werden! Wo denn? Am Arm? Oder meint sie gar: „beschnitten.“? In ihre Sprachspiele vertieft sieht Hannah auf. Welcher Herr überhaupt? Ah, der mit dem schiefen Gesicht? Ist der nicht Chemiker? Oder halt, Barkeeper. Egal, beide mischen Tränke. Und Achtung, siezen!

„In Ordnung“, sagt sie und nimmt den Rasierapparat zur Hand. Der arme Scheinwaise präsentiert sich inzwischen ganz ordentlich. Sie weiß, wie gut sie schneidet, dass ihr Schnitt dem Wunsch vieler Kunden entspricht, die mit ihr zufrieden sind, unter ihnen besonders die Männer, denn das einzige Manko, das Hannahs Frisuren anhaftet, ist der Umstand, dass sie manchmal - nicht oft, aber manchmal und nur, wenn ein Mensch ihre Phantasie zu stark anregt - ein bisschen zu viel wegschnippelt, zumindest ein bisschen zu viel in den Augen einzelner Frauen, die dann eigentlich doch nicht sooo kurze Haare gewünscht hätten. - Obwohl sie ihnen genau so kurz gut stehen. Findet jedenfalls sie. Bei Männern passiert ihr das Eckchen zu viel insofern nicht, als Männer kürzeste Haare bevorzugen. Damit kommt sie klar.

Endlich entlässt sie den schlaksigen Jungen mit den überlangen Armen aus ihren Fängen (doch auch ein Opfer seines Aussehens?), kassiert die Summe für einen Jugendschnitt und öffnet dem dünnen Kerlchen zuvorkommend die Türe. Das nächste Projekt wartet, der Tränkebrauer. Wieder stellt sie die Standardfragen, muss sich einmal schnell korrigieren und auf das „Sie“ umschwenken. Die Frage nach der Zeitschrift lässt sie weg und überlegt stattdessen, ob der Salon für Männer seines Kalibers ein Wissenschaftsmagazin („Unsterblichkeit aus dem Reagenzglas“, „Gerade Gesichtszüge im Labor selber herstellen“) anschaffen sollte. Angeregt von solchen Ideen verfällt sie schon beim Waschen ins Plaudern, denn ihr ist die letzte Unterhaltung (und ihre Assoziationen damit) noch in guter Erinnerung. Sie lässt das Wasser in einem angenehm temperierten Strahl auf seine Scheitelhaare fließen und erzählt in die nassen Strähnen hinein: „Ich weiß nicht, wie es Ihnen erging, aber ich war mit meiner Suche nicht sehr erfolgreich. Die Bauern in Vorarlberg sind entweder bereits vergeben, zu alt oder weiblich. Sie würden gar nicht glauben, wie viele Bäuerinnen hierzulande den Hof führen! Die sind leider nichts für mich. Für Sie übrigens auch nicht, obwohl Bäuerinnen endlos viel Platz für eine Bar hätten. Aber was nützt Ihnen eine Bar, die am Ende der Welt steht und nur von Kühen und Schweinen besucht wird? Und Gockeln.“

Er hat sich eigentlich vorgenommen, diesmal so schweigsam wie möglich zu sein. Aber er erkennt sofort zweierlei: zum einen plaudert diese junge Frau hier sehr offen ihre Gedanken und Wünsche aus, zum anderen scheint sie nicht ganz ernst zu meinen, was sie sagt, und vermutlich auch nicht ernst zu nehmen, was sie hört. Falls doch, kann er damit leben, denn sie präsentiert so viele peinliche Ansichten und so viel blühende Phantasie, dass er mit den eigenen Bekenntnissen höchstens Gleichstand erreicht. Falls sie hinterher über ihn tratscht, gelänge ihm das genauso gut über sie. Außerdem könnte es sehr fad werden, länger als 15 Minuten ohne jede Unterhaltung stillzusitzen. Das gibt den Ausschlag. Also entgegnet er dem Berg, der über ihm aufragt: „Ich war auch nicht erfolgreich. Welche junge Frau führt schon allein eine Bar. Die, die das machen, sind 60 plus.“

„Und in dem Alter längst verheiratet oder verbandelt“, bestätigt sie.

Ihm kommt ein anderer Gedanke: „Normalerweise bin ich in Gesprächen nicht so schnell beim Geld, wie das mit Ihnen der Fall war, aber Sie sagten, Sie würden sich ein Klavier kaufen. Warum ein Klavier, warum nicht ein Auto? Alle jungen Leute wünschen sich doch ein Auto.“

„Jung, haben Sie mich jung genannt? Ooooh!“ Sie wird oft für unter 20 gehalten, obwohl sie mitten in den 20ern steckt.

„Alt sind Sie auch nicht!“

„Ein Klavier“, sie übergeht seinen Einwurf, „stinkt nicht, belastet die Umwelt nicht und klingt wunderbar.“

„Dann können Sie also Klavier spielen.“

Dieser Feststellung muss sie widersprechen: „Ich kann weder Klavier spielen noch Noten lesen. Ich würde es lernen.“

„Und warum gerade Klavier, warum nicht – was weiß ich – Schlagzeug oder Klarinette oder Geige?“

„Sie scheinen kein Musikkenner zu sein.“ Sie seift ihm den Kopf gründlich ein. „Sicher klingt ein Schlagzeug in einer Band herrlich, aber haben Sie dieses Instrument schon einmal allein gehört, pur? Es dröhnt wie Musik aus der Unterwelt, falls Sie dort einmal gewesen sind. Wobei, Schlagzeug ginge ja noch, aber Klarinette? Geige?!“ Sie wird immer lauter, spukt die letzten Worte förmlich schreiend aus, die Chefin sieht schon neugierig zu ihr her. „Und Orpheus soll Laute gespielt haben. Deshalb hat man ihm seine Frau nicht zurückgegeben, nicht weil er sich umgedreht hat, das hat er nur behauptet, um die Schmach zu überspielen. Das spärliche Gezupfe! Und eine Geige -eine Geige winselt wie ein Hund, das müssen Sie doch zugeben!“

„Allerdings“, bestätigt er. „Ich musste sie selber für drei Jahre lernen, bevor ich meinen Eltern klar machen konnte, dass ich kein musikalisches Talent habe.“

„Sie mussten Geige lernen?!“ Entsetzt hält sie in ihrer Arbeit inne.

Er beißt sich auf die Lippen und sieht plötzlich sehr ... desillusioniert aus. „Das Schlagzeug habe ich geliebt, Unterwelt hin oder her. Ein Musiker hätte aus mir werden können, wenn meine Eltern das Schlagzeug erlaubt hätten.“ Stattdessen quälten sie ihn mit Geige. Die sei leise, argumentierten sie, in einem Orchester gut zu gebrauchen… Damals hörten seine Erziehungsberechtigten viel klassische Musik.

„Also ich“, stellt Hannah klar, „würde meinen Sohn nie zwingen, Geige zu lernen.“

„Haben Sie denn einen Sohn?“ Da sie weiterhin mit kräftig weichen, kreisenden Fingern das Shampoo in seine Kopfhaut einmassiert, hält er die Augen geschlossen und hat Mühe, sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Er hört sie prustend lachen, ehe sie schließlich herauswürgt: „Ich und ein Kind? Das arme Kind!“

„Warum wäre es denn arm, wenn Sie es nicht zum Geige-Lernen zwingen würden?“

Da ihr die Unterhaltung Spaß zu machen beginnt, dehnt sie die Kopfhautmassage in die Länge, ein von ihr gern angewandtes Mittel, um in Ruhe träumen oder – wie hier – plaudern zu können. Während der Massage fällt Trödeln am wenigsten auf. Schnell antwortet sie: „Es gibt viele Wege, Kinder zu quälen. Ich würde das nicht absichtlich tun, aber ich schätze, das Essen käme nie pünktlich auf den Tisch, die Unordnung nähme überhand, die Wäsche vor der Waschmaschine wüchse auf Himalajahöhe an, während die Mutter, also ich, sich mit ihren Freunden trifft oder Klavier spielt oder das Handy anstarrt oder „Bauer sucht Frau“ schaut oder phantastische Reisen nach Nirgendwo unternimmt und ... alles tut, nur nicht das, was sie tun sollte. Nein, mir ein Baby in die Hand zu drücken wäre Selbstmord. Vom Kind aus betrachtet!“

Er lässt ihre Worte an sich vorbei plätschern, ehe er gesteht: „Bei mir wäre es wohl nicht anders.“

„Aber Sie schauen doch gar nicht `Bauer sucht Frau´ oder blättern stundenlang in Zeitschriften, Sie sind über Klatsch und Tratsch erhaben!“

„Wie haben Sie gesagt? Es gibt viele Möglichkeiten, ein Kind zu quälen.“ Inzwischen entschließt Hannah sich doch, die Massage zu beenden, ihr tun bereits die Fingerkuppen weh. Das ermöglicht ihm, aus seiner Trägheit herauszufinden und ernsthaft nachzugrübeln, wieso ein Kind bei ihm nicht das Paradies auf Erden vorfände: „Mein Sohn müsste schon mit fünf Jahren im Trachtenjanker oder einem Anzug herumrennen, mit sechs Geige lernen, denn das gehört sich so, und er käme mit spätestens 12 in ein Internat, denn bis dahin ist er ein Flegel ohne jede Erziehung gewor...“

„Und dasselbe gilt für die Tochter?“, unterbricht sie ihn. Das lauwarme Wasser rauscht leise.

„Tochter? Ist nicht geplant.“

Ihr stockt der Atem, endlose fünf Sekunden lang, ehe das Luftholen überstürzt hinterhereilt: „Sechs Töchter sollen Sie zur Strafe bekommen, und keinen Sohn“, ruft sie empört. „Und flennen sollen Sie, wenn die sechs eine nach der anderen erwachsen werden und das Haus verlassen und ihr Glück woanders suchen!“ Sie ärgert sich maßlos. Wie kann ein Mann nur Söhne akzeptieren? Kurz erwägt sie, das kalte Wasser etwas stärker aufzudrehen als das warme. Eine kalte Dusche scheint ihr für ihn jetzt angebracht. Das Problem ist die Chefin, denn wenn der Kerl auf ihrem Stuhl erschrocken aufschreit, wird sie, Hannah, ab sofort die Arbeiten übernehmen müssen, die Analena derzeit erledigt. Obwohl sich Analena langsam aus dem Dauerzustand des Aufräumens herausarbeitet und gelegentlich Haare waschen darf. (Sie macht das gerade und wringt einem Kind - Zwergenschule, Schneewittchenklasse - die Locken aus). Für Hannah wird es Zeit, das Spülen zu beenden. Der Herr hier verdient gründliches Vorgehen nicht. Wenn Schaum im Haar bleibt, hat er es sich selber zuzuschreiben. Keine Töchter vorgesehen, also wirklich!

„Sie urteilen streng.“, behauptet er. „Verstehen Sie denn nicht, dass ein Mann Jungen um sich braucht?“

„Aber doch nicht unbedingt eigene! Dann soll der Mann eben Fußballtrainer werden oder Pfadfinderführer…“ Erschrocken hält sie inne. Und fragt: „Wie haben Sie das überhaupt gemeint, er braucht Jungs um sich? Denn wenn ich da an diverse Skandale denke, wo Mann auch Jungen um sich brauchte – hallo?“