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Klaus Märkert

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Beschreibung

Hab Sonne ist der autobiografische 80er Jahre Szene Roman eines Independent-DJs im Ruhrgebiet. Im lakonischen Erzählsound geht es durch die 80er Jahre mit jeder Menge Schwarzem Humor und Dark Wave Sound. Unter anderem wird die Entstehungsgeschichte der legendären Dark Wave Diskothek ZWISCHENFALL dargestellt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ENCORE
Lieben DANK!

Dieser Roman beruht auf tatsächlichen Begebenheiten. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit real existierenden Dingen, also etwa Straßen, Städten und Gebäuden, sowie dort stattgefunden habenden oder noch nicht stattfindenden Geschehnissen rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

In diesem Roman kommen einige Personen vor. Diese Personen sind allerdings außerhalb des Romans nicht existent. Sollten sie doch existieren, so geschieht dies zufällig und ist vom Autor nicht beabsichtigt.

»Es ist nicht so, dass man allmählich, im Laufe eines langen, monotonen Arbeitslebens wahnsinnig wird, man ist es längst.

Ein gutes Stück Wahnsinn hockt auf Abruf in jedem von uns.

Im Fall des Falles kommt es hervor,

muntert uns auf diese abgedrehte Art und Weise auf

und bewahrt uns davor, durchzudrehen.«

Klaus Märkert ist Autor, DJ, Rechtswissenschaftler und ehemaliger Drogenberater, Streetworker, Musikredakteur, Schallplattenverkäufer und Taxifahrer. Er war Mitbegründer der legendären Dark-Wave-Disco »Zwischenfall«, hat mehrere Romane und Kurzgeschichtenbände verfasst und einen Haufen Fans gesammelt. Er ist der Erfinder des »Nachthumors«. Abgedreht, schräg und immer überraschend. Auf Lesebühnen, Messen und Großveranstaltungen macht er seit einigen Jahren deutschlandweit Furore mit seiner ganz speziellen Mischung aus Sprachwitz und Tiefsinn.

© Klaus Märkert

Neue Auflage 2025

- alle Rechte liegen beim Autor -

Adresse:

Klaus Märkert

Ennepestraße 27

44807 Bochum

URL: www.klausmaerkert.de

eMail: [email protected]

Lektorat: Peter Märkert

Foto: Claudia Both

Cover-Layout: Jen Maerkert

Herstellung:

Tolino-Media

Albrechtstraße 14

80636 München

ISBN: 978-3-8194-5497-4

Für Claudia

PROLOG

Ausgerechnet ein Typ in einem Supertramp-T-Shirt sprach mich im Frühjahr 1980 auf einer dieser Wochenendpartys an. Supertramp waren für mich lange schon zu einer Belanglos-Popband geworden. Vorbei die guten Zeiten von Crime of the Century. Ich wollte mich gerade abwenden, da erwähnte der Typ, dass er neuerdings auch ein großer Fan von The Cure wäre, und dass er erst heute Nachmittag erfahren hätte, dass es die neue Maxi A Forest schon geben würde, und zwar in einem Kölner Indie-Record-Shop.

Ich war überrascht. Die Bochumer Plattenhändler wussten bisher nicht einmal ein ungefähres Datum, wann A Forest erscheinen würde. Dabei hatte ich den Song schon gehört. Letzte Woche bei John Peel’s Radio-Show auf BFBS. Einfach groß. Absolut unvergleichlich mit allem Übrigen, was bis dahin an neuem Sound erschienen war. Es kam mir so vor, als hätten The Cure einen Blick in mein Innerstes getan und aus den gewonnenen Eindrücken einen Song gemacht, der all das wieder gab, was sie tief in mir an Gefühlen entdeckt hatten.

Gleich Montagmorgen fuhr ich nach Köln. Ich fuhr schnell. So schnell mein VW Käfer um zehn Uhr morgens überhaupt fahren konnte. Ich beugte mich sogar häufig im Sitz vor, damit es bergab wie bergauf schneller ging. Und dann fragte ich mich durchs Kölner Einbahnstraßensystem, bis ich vor dem Laden stand.

Das Cover der Cure-Maxi befand sich gut sichtbar hinter der Fensterscheibe des Ladens. Ein Waldausschnitt in Schwarz-Weiß. Im unteren Drittel prangte THE CURE in weißer Schrift mit heruntergerutschtem C. Im Vergleich deutlich kleiner der Schriftzug des Songtitels A Forest direkt unter dem Bandnamen. Das fiebrige Gefühl extremer Vorfreude stieg in mir hoch und höher. Ich betrat den Laden. Es war kurz nach elf Uhr am Morgen. Kein Kunde außer mir da.

Wie ich wenig später erfuhr, machte das Geschäft erst zwischen zehn und elf Uhr auf. Das sagte jedenfalls der Typ hinter der Theke. Ein Hippie mit Flickenjeans und Tintenfischfrisur. Oben presste ein breites Stirnband die Haare zusammen, und nach unten zur Schulter hin fielen rotbraune Lockenbündel wie Tentakel. Aber egal. Ich legte die abgezählten 12,95 DM auf die Theke und sprach den Namen der Platte aus.

»Haben wir nicht«, nuschelte der Tentakel-Mann hinter der Theke.

»Ist doch Quatsch«, sagte ich, »die steht sogar im Fenster, soll ich sie dir zeigen?«

»Ach, im Fenster«, sagte der Typ, »ja, da ist noch das Cover, aber die Platte haben wir nicht mehr, die kommt erst Ende der Woche wieder rein.«

»Ihr habt nur noch das Cover? Ohne Platte?«

»Natürlich haben wir auch die Platte zum Cover. Die liegt irgendwo hinten im Lager«, brachte der Typ mit der Tintenfischfrisur lustlos hervor, »aber nur diese eine.«

»Ich nehme sie«, sagte ich.

»Die verkaufen wir nicht«, sagte der Typ und fügte erklärend hinzu, dass er weder Bock hätte, die Platte im Lager zu suchen, noch das Schaufenster umzudekorieren.

Ich bot ihm zwanzig Mark für die Platte.

Er schüttelte den Kopf.

Ich erhöhte auf fünfundzwanzig und versprach notfalls auf das Cover zu verzichten.

Er schüttelte wieder. Tentakel-Horror pur in Köln am Montagmorgen gegen elf Uhr fünfzehn.

Um mich abzulenken, schaute ich in die Regale. Stöberte in den übrigen Platten. Hob mal diese aus dem Ständer und mal jene. Nichts interessierte mich von all dem wirklich. Einzig und allein: The Cure – A Forest.

Das Mädchen kam herein. Sie trug eine blaue Haarsträhne zwischen all ihrem Blondie-Blond-Look. Sah verdammt gut aus. Lenkte mich aber nicht wirklich ab.

»Dreißig«, sagte ich zu dem Verkäufer, »dreißig Mark für A Forest«.

Ich hielt ihm drei Zehnmarkscheine hin, die ich zu einem Minifächer ausgebreitet hatte.

»Hey Mann, du kapierst es nicht. Ich verkauf die Platte nicht. Die ist Deko. Punkt.«

Und in die Stille hinein, die sich nach seiner deutlichen Ansage im Laden breitmachte, sagte das Mädchen, das kaum älter als achtzehn sein mochte, sie wüsste, wo ich die Platte noch heute kaufen könnte.

»Ich verrate es dir«, sagte sie, »wenn du versprichst, mich dorthin mitzunehmen.«

Ich versprach es.

Wir verließen den Tentakelmann.

Knapp vier Stunden später hielt ich tatsächlich die 12-Inch A Forest von The Cure in den Händen, bei Boudisc in Amsterdam.

Blondie mit der blauen Strähne sah ich nicht wieder. Sie verschwand in irgendeinem dieser Coffeeshops wie beinahe alle Blondies mit blauen Haarsträhnen im Frühjahr 1980 in Amsterdam …

EINS

Day begins collapsing without warning. Die erste Zeile des Songs Doubts even here von New Order ertönt aus den Boxen, da ist es auf meiner Uhr schon zwölf Uhr Mittag.

Ich rauche. Menthol. Vor dem Frühstück rauche ich nur Menthol Zigaretten. Das ist wie Zähneputzen vor dem Zähneputzen. Das Aufstehen dauert fünf, sechs Züge. Aus dem Bett in die Küche, dreizehn Schritte und weitere drei Züge.

Der Kaffeemaschine lasse ich so lange Zeit, bis ich im Bad fertig bin. Meine zweite Zigarette liegt auf dem WC-Spülkasten. Für alle Fälle, falls ich während der Morgentoilette Lust habe zu rauchen.

Später trinke ich Kaffee, ein paar Tassen Kaffee mit viel Milch und noch mehr Zucker. Wenn ich zum Frühstück etwas esse, dann ein Marmeladenbrot. Ich mag alle Sorten bis auf Erdbeere, Orange, Grapefruit, Aprikose, Kirsch, Pflaumenmus, Stachelbeere, Zitrone und Erdnussbutter.

Heute nehme ich kein Brot mit Marmelade. Mir ist ausschließlich nach Kaffee trinken und rauchen.

Und Musik hören.

Der Tonarm des Plattenspielers senkt sich in Richtung B-Seite der Pornography-LP von The Cure.

The Figurehead, der erste Track, beginnt, und ich sehe aus dem Fenster. Autos fahren von A nach B, Menschen schlenkern ihre Einkaufstaschen, es passiert eigentlich nichts von dem, was die Musik verspricht. Womöglich ist das der Grund, warum die meisten Leute auf Langweilerbands wie Simply Red, UB 40 oder Wham stehen. Deren Sound passt einfach besser zu dem, was sich tagsüber vor den Häusern abspielt.

Gegen vierzehn Uhr kommt Frank, mein DJ-Kollege aus dem Zwischenfall. Wir fahren nach Dortmund. Schallplatten einkaufen bei Last Chance und Saturn.

Ich rauche jetzt abwechselnd Normal und Menthol Zigaretten. Der Plattenkauf zieht sich verdammt lang hin.

Etwas essen wäre gut. Am nächsten Imbissstand bestelle ich zwei Fischfrikadellen. Als sie vor mir in der Schale liegen, fällt mir auf, dass die Panade ziemlich blass aussieht. Hinter der Ladentheke machen die Sachen immer einen weit frischeren Eindruck. Wie kriegen die Dekorateure das nur hin? Besteht der Unterbau der Theke aus Spezialglas? Liegt es am Lichtdesign? Zauberei?

Besser du lässt es bleiben, sage ich mir und esse die Dinger. Der verdammte Hunger. Immer kommt er unpassend und gewaltig. Ein quengelndes Kind am Süßwarenstand vor der Supermarktkasse:

Ich will jetzt sofort!

Der Rückweg. Sodbrennen und zähfließender Verkehr die gesamten zwanzig Kilometer Fahrstrecke der B1 und NS7.

Zu Hause höre ich mir die neuen Schallplatten noch einmal an, sorgfältiger, als es im Plattenladen möglich war.

Um zwanzig Uhr ruft Lisa an. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen zum Frühstück.

Ich nehme ein Bad und rauche zwei zu eins: auf eine Normale folgen zwei Menthol Zigaretten.

Auch noch, als ich im Logo hinterm DJ-Pult stehe …

Die Zeit von zehn bis elf Uhr ist geschenkt. Kein Mensch lässt sich vor elf im Logo blicken. Es hat wohl damit zu tun, dass keiner der Erste sein will. Und wer später, also um kurz nach elf, feststellen muss, dass er der Erste ist, der kommt beim nächsten Mal garantiert erst um halb zwölf. Dafür kommt dann jemand anders um kurz nach elf. Es kommt immer jemand um kurz nach elf. Ich weiß nicht warum, aber so ist das nun einmal.

Die folgenden zwei Stunden läuft auch alles wie immer. Nicht ganz. Gegen eins baut sich dieser merkwürdige Typ vor mir auf. Es gibt das Phänomen, dass jemand aussieht wie sein Hund …. Der Typ, der um ein Uhr nachts vor mir steht, fragt nach Bob Marley und trägt Dreadlocks.

»Heute Nacht läuft kein Reggae.« Ich sage ihm das ohne jede Betonung, in etwa so, wie die Bahnhofsauskunft sagen würde: »Dieser Zug fährt nicht über Köln.«

»Bei Bob Marley würden aber mehr Leute tanzen! Was läuft hier eigentlich für komische Musik?«

Ich ziehe das Plattencover aus dem Regal und halte es dem Reggaefan vors Gesicht.

»Neon Judgement? Nie gehört. Das ist auf jeden Fall keine richtige Diskothekenmusik. Das hat kaum Rhythmus, und es tanzen auch nur fünf Leute. Komm, leg was von Bob Marley auf. Ich wette mit Dir, dann ist die Tanzfläche doppelt so voll.«

Ich sehe ihn an, registriere, dass er sich wie eine Wand vor mir aufgebaut hat, eine Bob Marley-Reggae-Wand mit dem Kinn dreieckig voran und dem neunmalklugen Blick dicht dahinter. Ich bin überzeugt, so leicht werde ich den nicht los.

»Bob Marley ist doch schon tot«, sage ich.

Der Reggaetyp verliert sein Grinsen.

»Na und?«

»Ich spiele grundsätzlich nichts von Toten.«

Er fährt das Kinn zurück und macht auch einen Schritt zurück. Verschwindet aber nicht. Wartet vielmehr, überlegt wohl, was er noch sagen könnte, kommt schließlich erneut einen Schritt auf mich zu und fängt an, die Hände vor dem Körper hin und herzubewegen wie eines von diesen Rapper Kids. Es folgt die Drohung, sich beim Geschäftsführer zu beschweren und nie wieder zu kommen.

Die Reaktion des Marley Fans erinnert mich an den Brillen-Grufti. Vor ein paar Monaten baute sich während meiner DJ-Schicht im Zwischenfall ein Sauerländer Brillen-Grufti mit durchweg schwarzen Klamotten, spitzen Schuhen, Kette mit umgedrehtem Kreuz als Anhänger, perfektem Tellerhaarschnitt, dazu aber einer stinknormal braun eingefassten Kassengestellbrille vor mir auf:

»Wenn du jetzt nicht endlich Push von den Invisible Limits auflegst, dann fahren wir alle woanders hin.«

Er deutet und winkt zugleich in Richtung einer Gruppe Schwarzgekleideter, von denen zwei Typen tatsächlich zurückwinken.

»Wir sind mit zehn Leuten hier!«, brüllte er gegen den Sound von Skinny Puppy an.

Das ereignete sich an einem Samstagabend, das Zwischenfall hatte etwa eine knappe Stunde geöffnet, und es waren insgesamt um die dreißig Leute im Laden. Da fiel es schon auf, als die zehn Sauerländer wenig später einer nach dem anderen mit bösem Blick und Scheibenwischer-Gestik in meine Richtung die Treppe zum Ausgang nahmen.

Du hättest die Invisible Limits doch auflegen können, es gibt weit Schlimmeres, dachte ich wenig später, aber ich wusste auch, wer einmal droht, droht wieder.

Der Bob-Marley-Fan steht nur ein paar Schritte von mir entfernt am Rande der Tanzfläche und redet wild gestikulierend auf seine Freundin ein. Wahrscheinlich erklärt er ihr, warum die Stimmung hier gar keine ist und wie sich das schlagartig ändern würde, wenn er der DJ wäre und die Leute mit dem Buffalo Soldier zur Tanzfläche treiben würde.

Ich habe mit einem Mal Durst auf Cola. Das ist ungewöhnlich. Sonst trinke ich nur Kaffee, Bananensaft, Tomatensaft, Kakao, Baileys oder Pernod. In dieser Reihenfolge. Keine Ahnung, was mich dazu bringt, Durst auf dieses Glas Cola zu haben. Wirklich nicht. Und das Komische ist, noch während ich an der Theke stehe, und darauf warte, meine Bestellung abgeben zu können, zweifle ich für einen Augenblick, ob ich wirklich Cola nehmen soll. Ich könnte jetzt sagen, das Nachfolgende hatte mit diesem Glas Cola zu tun. Vielleicht ist da sogar was dran, wer kann das schon zweifelsfrei beurteilen?

Es ist kurz nach halb zwei Uhr nachts, ich habe gerade abgemischt. Die Boxen entlassen die ersten Klänge von Quite Unusual der belgischen Band Front 242, und ich registriere so nebenbei, dass die Tanzfläche gut gefüllt ist, dann wird mir schlecht. Von jetzt auf gleich, quasi in einer Sekunde. Und etwas stimmt nicht mit meiner Brust. Da ist mit einem Mal ein merkwürdiges, stark schmerzendes Druckgefühl. Es kommt mir so vor, als hätte ein Elefant einen seiner Gehapparate auf meiner Brust abgestellt. Und nicht nur das. Dieser Elefant hält gleichzeitig seine restlichen drei Beine in die Luft und jongliert dazu mit dem Rüssel einen Ball. Sprechen geht gerade noch. Ich bitte Jörg, den Lichtjockey, zu übernehmen, und mache mich auf den Weg. Wohin eigentlich?!

Erst einmal an den Leuten vorbei, den Gang runter, zur Toilette. Eine Art Hindernislauf, obwohl man die Art, wie ich mich vorwärts schiebe, wirklich nicht laufen nennen kann. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber wenig später befinde ich mich auf der Toilette vor dem Waschbecken. Gut, dass es hier keinen Spiegel gibt. So wie ich mich fühle, habe ich sicher gar kein Gesicht mehr.

Ich lasse kaltes Wasser über Hände und Arme laufen. Es hilft nicht. Ich schwitze, obwohl ich sonst nie schwitze. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal derart geschwitzt habe, dass sich Schweißperlen auf meiner Stirn gebildet haben. Das passiert mir nicht einmal, wenn ich schnell laufe. Fischvergiftung, kommt mir in den Sinn, es muss eine Fischvergiftung sein, was sonst? Eine Fischfrikadellenvergiftung.

Das Wasser ändert noch immer nichts an meinem Zustand. Ich habe das Gefühl, ich könnte kalt duschen, und es würde mir trotzdem nicht besser gehen.

Obwohl mir so ist, wie mir ist, bekomme ich noch mit, dass Jörg nach Front 242 ein absolut unpassendes Gitarrenstück auflegt. Er steht wohl auf diesen Indie-Belanglos-Sound und nutzt die Gunst der Stunde. Die meisten Lichtjockeys sind DJs in der Warteschleife. »Also DJ, hab‹ stets ein Auge auf deinen Lichtjockey, besonders auf den Schallplatten Sammelnden!«, denke ich so vor mich hin, obwohl es in diesem Augenblick nicht wirklich wichtig ist. Wenn dir die Sache mit dem Elefantenfuß passiert, ist so etwas egal.

Ich höre Schritte.

Jetzt bloß keine Fragen beantworten müssen. Die Leute fragen den DJ liebend gern beim Pinkeln nach irgendwelchen Bands. Oder sie wünschen sich was.

»Hey, du bist doch der DJ. Du kannst gleich mal was von Bauhaus oder den Virgin Prunes auflegen.«

Sie schütteln die letzten Tropfen Urin ins Becken und fragen zugleich: »Kann das sein, dass ich heute noch gar nichts von Sisters of Mercy gehört habe?«

Ich schließe mich auf einer der Toiletten ein. Dabei habe ich Glück, dass die Toilette frei ist, die sich abschließen lässt. Wenn man ungestört scheißen will, muss man hier im Logo bei den übrigen Toiletten die Tür von innen zuhalten. Andererseits, wer kommt schon nachts in der Disco auf die Idee, scheißen zu gehen?

Während ich das Wort Idee vor mich hindenke, ist da parallel der Gedanke, der Elefant könnte auf die Idee kommen, einen zweiten Fuß auf meiner Brust abzustellen. Kein Mensch wird mich rechtzeitig finden, wenn ich hier auf dem Klo das Bewusstsein verliere ….

Also raus hier!

Vor dem Toilettenraum treffe ich Volker aus Wuppertal, dessen Vater bei der Kripo arbeitet. Er hat das mit seinem Vater nur einmal kurz erwähnt, ich könnte nicht einmal mehr sagen in welchem Zusammenhang, aber die Sache blieb haften. Volker steht auf den Sound von Dead Can Dance, während sein Vater Verbrecher jagt.

»Was ist los? Du siehst echt krank aus«, sagt er.

»Ich fühl‹ mich auch so.«

Volker begleitet mich die Treppe rauf nach draußen, an die frische Luft.

Wenig später steht auch Frank draußen und Achim, der Geschäftsführer des Logos.

»Was ist passiert?«, Frank sieht mich an.

»Ich weiß nicht, mir ist total schlecht. Liegt bestimmt an den Fischfrikadellen von heute Nachmittag.«

»Ich kann sowieso nicht verstehen, dass du dieses Zeug tatsächlich gegessen hast.«

»Geht’s jetzt besser an der frischen Luft?«, fragt Achim.

Ich ziehe die Schultern hoch.

»Das Beste wird sein, wir fahren mal kurz ins Krankenhaus.«

Krankenhaus klingt für mich nach: Aufpassen - Feindliches Gebiet - Besser nicht!

»Nur zur Sicherheit, wenn’s weiter nichts ist, kommst du sofort wieder mit zurück«, sagt Achim.

Ich fühle mich viel zu schwach zur Gegenwehr.

Ein Taxi bringt uns ins nächste Krankenhaus.

Wir gehen eine Treppe rauf und einen Gang entlang, der nicht enden will. Dann sind wir in der Notaufnahme. Achim setzt sich mit ausgestreckten Beinen auf den Fußboden, weil er wohl Lust darauf hat, und ich liege halbschräg über drei Sitze verteilt. Ich bilde mir ein, so ließen sich die Schmerzen einigermaßen aushalten. Das stimmt auch, aber irgendwie auch wieder nicht. Obwohl die Schmerzen eine Menge meiner Gedanken für sich in Anspruch nehmen, bleibt noch Raum für die Feststellung, dass es bestimmt komisch aussieht, wie wir hier herumhängen. Vielleicht werden wir schon allein deshalb gar nicht behandelt, denke ich, oder zumindest nicht richtig, auch weil wir so ganz anders aussehen als die Patienten, die sich sonst in solch einem Krankenhaus aufhalten.

Es dauert ewig, bis jemand kommt. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, als würde es ewig dauern. Schließlich sehe ich eine Ärztin, die sich auf uns zubewegt. Ein südländischer Typ Frau, mit blauschwarzen langen Haaren und dunklem Teint. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie auf Holzketten und Naturfeeling steht. Sie mustert mich. Ihr Blick spricht Bände: Typischer Fall von Wochenende die falschen Drogen Kranker. Trotzdem lässt sie ein EKG schreiben, nimmt mir Blut ab und redet von einem CK-Wert. Dann verschwindet sie für ein paar Minuten, ehe sie zurückkommt und sagt: »Sie werden eine Weile hierbleiben müssen. Sie haben einen Herzinfarkt, einen Vorderwandinfarkt.«

Bis zu diesem Zeitpunkt hätte es alles sein können, diese Fischvergiftung, was weiß ich, jedenfalls keine Krankheit von derartigem Ausmaß. Die Diagnose Herzinfarkt macht mir schlagartig klar, dass es sich bei der Krankheit nicht um etwas Vorübergehendes handelt. Treffer würde man beim Schiffeversenken sagen, einen Dreier oder Vierer in der Mitte getroffen.

Man veranstaltet mit mir all die Dinge, bei denen ich in entsprechenden Filmsequenzen immer weggesehen habe. Man sticht mir Nadeln in den Arm, an denen dünne Plastikschläuche hängen, die in Behälter mit flüssiger Medizin führen. Die Nadeln in den Arm geschoben zu kriegen ist nicht so schrecklich, wie ich es mir als Fernsehzuschauer vorgestellt habe. Für den Moment, den es dauert, hat es mich sogar von den Schmerzen abgelenkt.

Verschiedene Flüssigkeiten tröpfeln aus dünnen Plastikschläuchen in mich hinein. Keine Ahnung, um was es sich dabei handelt.

Ich werde an einen Überwachungsmonitor angeschlossen. Puls, Blutdruck und was sonst noch messbar ist, wird von nun an überwacht. Soweit ich das erkennen kann, liege ich in einem größeren Raum, der mit spanischen Wänden und Vorhängen unterteilt ist. Um mich herum mechanisches Piepsen und Summen und der Gruselsound von Maschinen mit Atemgeräuschen.

Ich bin todmüde, doch die Schmerzen hindern mich, einzuschlafen. Ich denke an Lisa, die in Herne in einem Café jobbt. Wir sind für sechs Uhr morgens in meiner Wohnung zum Frühstück verabredet. Ich habe Frank gebeten, ihr Bescheid zu geben, dass ich im Krankenhaus bin.

An der Wand hängt eine Uhr, die Ähnlichkeit hat mit der Uhr vom Aktuellen Sportstudio im ZDF. Es ist kurz vor halb vier. Wenn alles gut geht, könnte sie um kurz nach sechs da sein, also noch über zwei Stunden, bis sie kommt.

Ich liege ruhig da, ohne Panik, obwohl mir die Situation schon klar ist. Ich weiß, dass ich jeden Augenblick sterben könnte. Aber ich habe keine Angst vorm Sterben. Vielleicht liegt es daran, dass mein Onkel auch nicht gestorben ist. Er war Mitte vierzig, als er einen Herzinfarkt bekam. Auch in der Herzvorderwand. Zusätzlich wirkt das ganze Drumherum des Krankenhauses beruhigend auf mich ein. Das Summen der Apparaturen, die jederzeit ein Auge auf mich haben. Ich vermute außerdem, dass sie mir irgendein Beruhigungsmittel verabreicht haben. Ich kann mir sowieso nicht vorstellen, dass mein Leben jeden Moment vorbei sein könnte. Das wäre kein bisschen logisch. Ich zähle nicht zu der Sorte Managertypen, bei denen der Körper allen Grund hat, dermaßen vorzeitig die rote Karte zu zeigen. Okay, okay, da sind die dreißig bis vierzig Zigaretten pro Tag, die zwanzig Tassen Kaffee, das Nachtleben, aber das zählt nicht wirklich. Nicht in meinem Alter.

Die Sportstudiouhr zeigt fünf Uhr.

Alle paar Minuten kommt eine Schwester und schaut nach, ob ich noch lebe. Sie sagt nichts, und ich frage nichts. Obwohl ich schon Fragen habe. Zum Beispiel, was jetzt weiter mit mir geschehen wird. Ich hatte noch nie einen Herzinfarkt, und der Infarkt meines Onkels liegt Jahre zurück. Ich weiß nur noch, dass er später nicht mehr geraucht hat. Keine Ahnung, wie es mit mir im Krankenhaus weitergehen wird. In bin totaler Newcomer, dazu dieses Halbnichtwissen. Fachbegriffe kommen mir in den Sinn Bypassoperation etwa oder noch eine Nummer gruseliger: Herztransplantation.

Bisher liege ich nur herum und niemand hat eine Andeutung gemacht, dass in absehbarer Zeit etwas Derartiges auf mich zukommen wird. Ich liege hier im Krankenhaus. Mit einem frischen Herzinfarkt, das fordert doch heraus. Da mussten sie doch irgendetwas unternehmen, schon damit die Schmerzen endlich aufhörten? Oder geschieht das irgendwann von selbst? Obwohl das in meiner momentanen Situation keine Rolle spielt, fällt mir auf, dass ich seit drei Stunden nicht geraucht habe. Es liegt eine Ewigkeit zurück, dass ich im Wachzustand so lange ohne Zigarettenkonsum ausgehalten habe. Das geschah bei dieser Verabredung mit Peter, dem Fotografen und Zeitweise-DJ im Appel. Ich besuchte Peter in seiner Wohnung, und was soll ich sagen, er verbot mir das Rauchen. Damit hatte ich nicht gerechnet. So ein Rauchverbot kannte ich nur von biestigen Omas, die Angst hatten, dass der Gilb ihre Gardinen befallen würde. Peter lieferte zahlreiche Begründungen für seine Einstellung und darüber hinaus noch kluge Ratschläge, wie gut es seinen Besuchern bekäme, mal ein paar Stunden nicht zu rauchen. Das würden jedenfalls alle nachher sagen. Und auch, dass sie es gar nicht besonders vermisst hätten.

Ich riss mich zusammen und blieb fast zwei Stunden. Aber es verging nicht eine Minute, bei der ich nicht ans Rauchen dachte.

Ich fand Peter weiter ganz okay, weil er wie ich auf die Musik von New Order,John Foxx und The Cure stand, aber besucht habe ich ihn nie wieder.

Hier auf der Intensivstation bekomme ich eine Vorstellung davon, was Peter gemeint hat. Jetzt vermisse ich das Rauchen auch nicht. Mir ist schlecht. Eine Übelkeit, die sich nicht steigert. Das hat den Vorteil, dass ich nicht kotzen muss. Kotzen zu müssen ist das Allerletzte. Besonders wenn die Brocken den falschen Weg nehmen und durch die Nase kommen. Aber hätte ich die Wahl, ich würde schon lieber die Nacht durchkotzen mit allem, was dazugehört, als das hier durchzumachen.

Ich fühle mich wie noch nicht ganz vom LSD-Trip herunter. Verdrehte Optik. Fischaugenoval und weiter hinten unscharf. Habe ich geschlafen? Vor mir stehen zwei Ärzte in weißen Kitteln, die ihre Namen sagen, besorgte Gesichter machen und Fragen stellen: »Wann ging es los? Wie war der Schmerz? Was war in den Tagen und Wochen davor? Rauchen Sie? Nehmen sie Drogen? Vielleicht Kokain? Sind in Ihrer Familie Infarkte in jungen Jahren bekannt?«

Ich gebe knappe Antworten.

Sie nicken dazu. Zum Schluss sagt der Kleinere, der sich, obwohl sie nebeneinanderstehen, gleichzeitig näher am Bett befindet, man würde jetzt versuchen, den Verschluss mit einer Lysetherapie zu lösen. Ich müsste allerdings mein Einverständnis geben.

»Es besteht ein Schlaganfall- und darüber hinaus ein neuerliches Infarktrisiko!«

Diesen Satz raunen sie im Duett und dabei beugen sie ihre Oberkörper leicht vor. Sie haben große Köpfe. Und große Brillen. Alles um mich herum scheint mir unwirklich, als beträfe es mich selbst gar nicht. Darum bin ich auch - ohne zu zögern - mit allem einverstanden.

Sie nicken wieder und ich bekomme irgendetwas gespritzt. Es tut sich erst einmal nichts, ich habe eher das Gefühl, die Schmerzen hätten noch zugenommen. Dabei erinnere ich mich schwach, dass die Ärzte etwas von einem verzögerten Wirkungseintritt gesagt haben.

Ein paar Minuten später kommt Lisa.

Du darfst auf keinen Fall weinen, sage ich mir, dann weint Lisa auch und du musst garantiert noch mehr weinen und sie auch und wo soll das enden? Also weinen wir beide nur wenig. Aber sie hält meine Hand und mir ist in diesem Augenblick kein bisschen kitschig zumute. Ich fühle mich nicht mehr so allein mit dem Vorderwandinfarkt, der Intensivstation, mit den Geräuschen, die jedes Mal, wenn sie schrill und fordernd werden: »Achtung Lebensgefahr!«, rufen.

Ich bekomme gar nicht richtig mit, worüber wir reden, aber es ist auch nicht wichtig. Lisa darf kaum eine halbe Stunde bleiben. Wenig später wird mir von jetzt auf gleich richtig übel. Ich kotze in eine Art Plastikschale und in noch zwei weitere. Dann ist es vorbei. Und zwar alles. Die Übelkeit, die Sache mit dem Elefantenfuß, die Schmerzen, einfach alles.

Ich fühle mich zwar schlapp, aber es geht mir gut. Glaube ich jedenfalls.

Einer der Ärzte erklärt mir, dass der Verschluss beseitigt ist. Ich bin den Infarkt los. Zunächst einmal.

Ich schlafe viel.

Sogar am frühen Abend.

Sogar am Samstagabend.

Und ich weiß, dass alle anderen ausgehen.

Samstagabend krank im Bett zu liegen ist die Höchststrafe. Mir ist das egal. Im Augenblick jedenfalls.

ZWEI

Tagebuchschreiben war sentimentaler Kram. Ich hatte einen Terminkalender. Für jeden Tag standen maximal vier Zeilen zur Verfügung. Das reichte. Ich trug ohnehin nur ein, wo ich den Abend verbracht hatte. Je nachdem wie der Abend verlief, gab es zur Orientierung im Nachhinein ein Plus- oder Minuszeichen.

Der Eintrag für Samstag, den 6. Oktober 1979 lautete: Jara.

Das Jara war Ende der Siebziger Jahre die Diskothek Nummer eins in der Gegend, sowohl was den Sound als auch die Gestaltung des Ladens anging, vor allem aber, soweit es die Gäste betraf. Das schrägste Volk aus dem gesamten Ruhrgebiet traf sich in diesem Dortmunder Club. Und so war es nichts Besonderes, wenn in meinem Terminkalender am Samstagabend der Eintrag lautete: »Jara«.

Ungewöhnlich war, dass sich hinter der Notiz vom sechsten Oktober weder ein Plus- noch ein Minuszeichen befand. Entgegen meinen Gewohnheiten hatte ich den Namen des Clubs mit einem schwarzen Filzstift eingeklammert, und das kam so: Gegen zweiundzwanzig Uhr brach ich von zu Hause auf Richtung Bochum Innenstadt. Ich fuhr einen NSU-Prinz. Das war nicht gerade mein Wunschauto. Nie im Leben wäre ich losmarschiert und hätte mir freiwillig solch ein albernes Auto gekauft. Es ergab sich zufällig. Mein Ford 12 M mit Lenkradschaltung hatte sich eine schwarze Wolke ausstoßend für immer in Richtung Autofriedhof verabschiedet, und den NSU-Prinz gab’s für gerade einmal zweihundert Mark von einem Bekannten.

Der Prinz für zweihundert Mark rollte also an diesem Samstagabend mit mir Richtung Innenstadt. Ich war nicht allein. Neben mir saß D. Eine Freundin. Nichts von Bedeutung. Ein Naturkind. Ein Hippiemädchen. Gut zum Quatschen. Sie nannte sich D., einfach nur D., mit der Begründung, ihr eigentlicher Name sei dermaßen belanglos, dass sie ihn nicht mehr hören könne und schon gar nicht aus meinem Mund.

D. hatte unangenehme Angewohnheiten. Sie wollte selbst mit Knoblauchfahne knutschen und ihre Hände waren ständig wie aus dem Eisfach, sodass mir am ganzen Körper kalt wurde, wenn sie nur meine Hand hielt. Sie machte sich nichts aus Make-up oder Parfüm und Nagellack trug sie nur auf die Nagelfläche des kleinen Fingers auf. Ein Hippiemädchen eben, mit Jeansklamotten und einem zwei Nummern zu groß geratenem Pullover. Ein Hippiemädchen, das sich die Haare nirgendwo wegrasierte, nicht einmal unter den Armen oder an den Beinen und ständig diskutieren wollte oder kuscheln oder beides auf einmal. Auf der Habenseite ließ sich verbuchen, wie alle Hippiemädchen hatte sie ungeheuer viel Verständnis für alles und jeden, und sie hatte mich angesprochen. Ich meine, ich brauchte nicht die Bohne aktiv zu werden. Ich stand eines Abends am Tresen vom Club am Hellweg, einer alternativen Szenekneipe in der Bochumer Innenstadt, als sie mich ansah und die Worte aussprach: »Du siehst aber traurig aus.« Während sie das sagte mit hundert Prozent Kuschelstimme, gerade so, als wäre ich eine Art Teddybär, blickte sie mich lieb und mitleidig zugleich an, sodass ich schon befürchtete, sie würde mir gleich im Anschluss den Rücken tätscheln oder über den Arm reiben.

Es war nicht das erste Mal, dass ich auf so eine Art angequatscht wurde. Anfangs ärgerte mich die Tour. Ich nahm es für ernst.

Großartig wollte ich herumstehen, nicht traurig! Später kam ich drauf, dass es nur eine Masche war, um ins Gespräch zu kommen.

»Findest Du?«, antwortete ich an unserem Kennenlernabend im Club Am Hellweg, schon war ich mit D. zusammen.

Ich parkte den Wagen am Nordring, wir stiegen aus. D. umrundete den NSU-Prinz und kam auf mich zu. Ich vergrub meine Hände in den Jackentaschen. Wir überquerten die Straße und gingen ins Spektrum. Das Spektrum war der einzige Laden in Bochum, in dem zeitgemäßer Sound lief. Der Nachteil: Es handelte sich um eine Kneipe. Also maximal für eine Stunde Aufenthalt geeignet. Dann wurde es langweilig. Immer dieselben Gäste. Stammkneipenatmosphäre. Ich verstehe die Leute nicht, die darauf abfahren, wenn ihnen schon an der Eingangstür das Thekenpersonal zuwinkt, und das Getränk vor ihnen steht, bevor sie es bestellt haben. Dieses unsägliche Zweite-Heimat-Ding. Mir ist ein Auswärtsspiel lieber. Gerade Samstagnacht. Das Fremde. Unbehelligt herumstehen können und beobachten. Das funktionierte nicht in einer Kneipe.

Trotzdem spazierten D. und ich an diesem Samstag um halb elf ins Spektrum, um Armin und Sonja zu treffen. Ein ungewöhnlicher Wochenendverlauf. Geplant war, zu viert nach Dortmund ins Jara zu fahren. Solche Unternehmungen hatten bei mir gewöhnlich den Stellenwert von Verwandtenbesuchen, und doch hatte ich mich, als D. es Mitte der Woche vorschlug, darauf eingelassen. Schuld war die Lethargie, die mich bisweilen überfiel und tagelang nicht mehr von mir abließ.

Wir tranken Kaffee im Spektrum und rauchten zu viert einen Joint. Dann ging sie los, diese Zwei-Paare-am-Samstagabend-unterwegs-zur-Disco-Geschichte, wo tatsächlich häufig die Typen vorn und die Frauen hinten im Auto saßen. So waren wir nicht. D. hockte neben mir auf dem Beifahrersitz und die Rückbank teilten sich Armin und Sonja. Klar weiß ich heute, dass man nicht bekifft Auto fährt, aber damals wusste das noch keiner, jedenfalls nicht so genau. Kiffen war Anfang der Achtziger überhaupt verboten, darum verbot man es beim Autofahren nicht noch einmal extra. Ich kapierte die Gesetzgebung - soweit es das Kiffen betraf - ohnehin nicht und glaubte tatsächlich, die Gras- und Haschischkonsumenten würden mit Knast bestraft, weil Bierbrauer und Schnapshersteller die Politik und Gesetzgebung geschmiert hatten.

Kaum hatte ich den Wagen angelassen, setzte Armin einen frisch gebauten Joint in Brand. Wir hatten nicht einmal die Ampel Nordring – Castroper Straße passiert, da hatte der Grasgehalt im NSU eine Konzentration erreicht, dass ich angeturnt wurde, obwohl ich nur ganz normal atmete.

Ich bog links in die Castroper Straße und fuhr weiter Richtung VFL-Bochum-Stadion, Richtung Autobahnauffahrt.

Komisch, dachte ich, die Straße liegt heute ziemlich dunkel da. Ich schob es auf die Tageszeit. Extrem dunkle Nacht eben. Kein Mond, keine Sterne.

Dann sagte Sonja: »Ich glaub, du fährst ohne Licht!«

Ich setzte den Blinker und hielt am Straßenrand. Es stimmte. Die komplette Beleuchtung war einfach ausgefallen. Also wenden und zurück Richtung City.

Kaum hatte ich gewendet, überholte uns ein Polizeiwagen.

Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, wo der so schnell hergekommen war. Von einer Sekunde zur anderen war der Wagen im Rückspiegel aufgetaucht, gerade so, als wäre er direkt aus dem Himmel auf die Castroper Straße gefallen. Kaum eine Sekunde später setzte das Fahrzeug auch schon zum Überholmanöver an, und der Beifahrerpolizist hielt winkend die rotweiße Haltekelle aus dem Fenster.

Armins Reaktionsvermögen hatte sich verabschiedet. Der Joint glimmte sogar noch, als ich den Polizeibeamten wenig später die Papiere durchs geöffnete Fenster schob. Man forderte mich auf, auszusteigen. Ich dachte an Handschellen, die Beine auseinander und die Hände auf den Rücken. Nichts dergleichen geschah.

Die beiden Beamten schienen etwas mit der Nase zu haben, sie verloren kein Wort über den Joint. Sie hatten mich angehalten, weil ich ohne Licht fuhr. Ich musste die Papiere zeigen, weil man das ja immer muss, sobald sie einen anhalten. Obwohl mir in der Situation weiß Gott wie elend zumute war, dachte ich so nebenbei, dass in diesem Fall, die Papiere zu zeigen, wirklich sinnlos war, hatten Papiere allgemein null Einfluss auf die KFZ-Technik und das Beleuchtungsproblem eines NSU-Prinzen.

Es war wie Gedankenübertragung. Der Polizist warf nur einen flüchtigen Blick auf Führerschein und Fahrzeugschein: »Öffnen Sie doch mal die Motorhaube und sehen nach, vielleicht ist ja nur ein Kabel locker«, sagte er, behielt die Papiere aber in der Hand.

Ich nickte zustimmend, als wollte ich sagen: »Gute Idee das mit dem Nachsehen«, dachte aber, auch das noch, ein Polizeimann mit Faible für Autobasteleien.

Dann öffnete ich die Haube.

Der Motorraum starrte mich blöd an.

Als schwarzes Loch mit Teilen drin.

Ich suchte gar nicht erst nach einem Scheinwerferkabel, hatte genug damit zu tun, mit mir Einigkeit zu erzielen, wie lange man in solch einem Fall nachsah, ohne aufzufallen. Dabei war ich schon überfordert, abzuschätzen, wie viel Zeit vergangen war, seit ich in den Motorraum starrte. Ohne zu wissen warum, sagte ich irgendwann: »Ich kann nichts entdecken.«

Ich hoffte, die Polizisten würden sich damit zufriedengeben. Mir war auf einmal eiskalt. Gleichzeitig dachte ich: Jetzt reiß dich bloß zusammen. Du kannst doch hier nicht herumzittern. Es liegt noch nicht einmal Schnee.

»Wenn sie nichts finden, dann machen Sie die Haube wieder zu«, sagte der jüngere Beamte und reichte mir die Fahrzeugpapiere.

Volle Konzentration jetzt. Die Papiere an der richtigen Stelle entgegennehmen und in die Tasche stecken. Gut.

Noch einmal kurz in Richtung Polizei lächeln und dann die Haube schließen.

Es ... es ging nicht, es war zum Verrücktwerden, die verdammte Haube ließ sich nicht schließen. Ich legte all meine Kraft in die rechte Hand und knallte die Haube nach unten. Zweimal, dreimal. Irgendetwas war im Weg.

Jetzt haben sie dich, dachte ich.

---ENDE DER LESEPROBE---