Hafenkino - Klaus Storr - E-Book

Hafenkino E-Book

Klaus Storr

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Beschreibung

"Hafenkino" erzählt die Geschichte der Brüder Ulrich und Klaus Storr, von denen einer im fortgeschrittenen Alter und mit geringer Segelerfahrung Bootseigner wird. Gemeinsam zahlen die Spätberufenen Lehrgeld und sorgen nicht nur im Hafen für großes Kino. Sie "versegeln" sich vor Marstal, stranden beinah vor Bagenkop und treiben manövrierunfähig vor Cuxhaven auf der Elbe. Nur versenkt haben sie ihr Boot noch nicht. Humorvoll und schonungslos selbstkritisch wird von den navigatorischen Defiziten und sonstigen Unzulänglichkeiten berichtet, die glücklicherweise ohne schwerwiegende Folgen bleiben. "Hafenkino" skizziert den Weg der beiden Hamburger Jungs von den ersten Segelerfahrungen über den Erwerb der ORTOLAN bis zum vorerst letzten Törn im Mai 2016.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Klaus Storr, geboren 1967 in Hamburg, lebt mit seiner Familie auch heute noch in der Metropole an der Elbe. Seit 1987 ist er Bediensteter der Behörde für Inneres und arbeitet zurzeit im Lagezentrum der Polizei Hamburg. Die Prüfungen zum Sportboot-Führerschein Binnen und See bestand er 2015.

Für Peter

INHALT

VORSNACK

EINS

BEVOR ALLES BEGANN

ZWEI

EINE IDEE WIRD GEBOREN

DREI

ALSTERKINO

VIER

JUBILÄUM MIT FOLGEN

FÜNF

SIEBEN TAGE LEHRGELD

SECHS

WEGE ZUM ZIEL

SIEBEN

PLANÄNDERUNG

ACHT

BOOTSBESICHTIGUNGEN

NEUN

ENTSCHEIDUNG IM OSTEN

Exkurs

Privater Yachtbau in der DDR

ZEHN

ÜBERFÜHRUNG

ELF

GESELLENSTÜCK

ZWÖLF

DÄNISCHE SÜDSEE

DREIZEHN

HELGOLAND »DIE ZWEITE«

Exkurs

Geschichte Helgolands

ACHTERSNACK

DANKSAGUNG

SEEMANNSLATEIN

Vorsnack

Sonnabend, 3. Mai 2014. Es ist 23:30 Uhr und ich sitze zusammen mit meinem Bruder Ulli im Salon. Vor wenigen Minuten haben wir im Harburger Binnenhafen, dem Heimathafen der MOLI SAME II angelegt, Klarschiff gemacht und sind den Niedergang hinabgestiegen. Hinter uns liegt eine Segelreise nach Helgoland wie sie für viele Segler aus Hamburg und dem Rest der Welt längst Routine ist. Für uns war es jedoch der erste Segeltörn ohne erfahrenen Skipper.

Diesmal lassen wir uns mit dem Anlegebier Zeit. Der Hunger ist groß, der Tag war lang und das Bier muss warten, bis zwei Dosen Ravioli – »verfeinert« mit einer grünen Paprika und etwas Pfeffer – auf dem Salontisch serviert werden. Jetzt aber: Zur Feier des Tages stoßen wir an und nehmen den ersten genüsslichen Schluck aus der Pulle. Vergessen sind die Strapazen. Viele schöne Eindrücke der vergangenen Tage lassen wir noch einmal Revue passieren und sind klammheimlich ein wenig stolz, dass wir es geschafft haben: der erste eigenverantwortliche Törn ohne Absicherung, ohne einen »Salzrücken« wie Wolle, der im Notfall einschreitet, um das Schlimmste zu verhindern.

Mittlerweile können wir auch wieder herzhaft lachen. Lachen über all’ die Missgeschicke und Pannen, die uns auf dieser kurzen Reise widerfahren sind. Mut machend wirken da die Gespräche mit erfahrenen Seglern, die uns versichern, dass auch ihnen noch Missgeschicke unterlaufen. Für uns ist dieser Törn eine Art Gesellenstück. Nicht perfekt, ganz sicher nicht, aber eine Bestätigung, dass wir in der Lage sind, einen Törn in gezeitenabhängigen Gewässern zu planen und zu bewältigen.

Hätte uns jemand im Jahr 2007, als unsere gemeinsame Träumerei begann, gesagt, dass einer von uns bereits 2013 eine Segelyacht besitzen wird und wir 2014 allein nach Helgoland segeln werden – wir hätten ihn nicht nur ausgelacht, sondern ihm geraten – von was auch immer – weniger zu nehmen. Jetzt reiben wir uns die Augen und haben immer noch Mühe das Erreichte zu realisieren.

Gemeinsam gehen wir die Stationen der letzten Jahre durch: Sylt, Rügen, Greifswalder Bodden, Ruden, Finkenwerder, Wolgast, Heiligenhafen, Kiel, Nord-Ostsee-Kanal (NOK) sowie der einzigartige Tag während der Überführung des Bootes auf der Elbe. Alles Orte und Momente, die im engen Zusammenhang mit den Anfängen unseres Projekts »Eigenes Boot« stehen. Und wieder stellen wir fest, dass wir in diesen Tagen auf See unglaublich viele Erfahrungen sammeln durften, von denen wir noch heute profitieren. Denn jede praktische Erfahrung, jedes Missgeschick prägt sich schärfer ein als gelesene Seiten in einem Lehrbuch. Im Idealfall macht man jeden Fehler nur einmal. Nun – den Anspruch gab es natürlich. Ganz ehrlich: Es ist uns nicht immer gelungen. Selbst der erste – so folgenschwere – Fehler auf der Hamburger Außenalster (ein vergessener Achterknoten) sollte uns später noch einmal unterlaufen. Diesmal jedoch ohne Großeinsatz der Feuerwehr. Nicht jeder Fauxpas hatte so dramatische Folgen wie dieser eben beschriebene im Mai 2011. Und doch unterliefen uns noch während des Helgoland-Törns Aussetzer, die wir nicht für möglich gehalten hätten.

Es bleibt die Erkenntnis, mit der Helgoland-Reise seglerisch ein gutes Stück weiter gekommen zu sein. Während wir also in der Vergangenheit schwelgen sage ich zu Ulli: »Weißt du was? Wir schreiben ein Buch. Wir haben so viel erlebt es haben schon ganz Andere Bücher geschrieben.«

Ulli stimmt mir zu und erinnert sich dabei an die Ehefrau eines Hamburger Radiomoderators, die ein Buch über ihre Schwangerschaft geschrieben hatte.

»Genau«, sage ich, »dann können wir das auch!« Sicher ein problematischer Vergleich – und doch – ein Segeltörn kann sehr ergreifend sein – vielleicht sogar so ergreifend wie die Geburt eines Kindes. Der Traum vom Segeln reifte bei uns allerdings länger als neun Monate. Bis es 2013 zum finalen Wurf kam, mussten wir verschiedene Stadien durchleben, die meinen Bruder darin bestärkten Bootseigner zu werden.

Mit diesem Buch möchten wir Späteinsteigern des Segelsports Mut machen, einen Schritt zu wagen, der groß und unüberschaubar erscheint. Es ist ein kniffliger Entscheidungsprozess Yachteigner zu werden. Mancher Segler rät dringend und mit guten Gründen davon ab. Aber das heißt nicht, den Traum vom Dickschiffsegeln begraben zu müssen. Chartern, Charter-Kauf oder Seglergemeinschaften sind Alternativen. Für den kleinen Geldbeutel gibt es darüber hinaus noch eine Hardcore-Variante: Das Wohnen auf einem Boot, wie es mein Bruder praktiziert.

Doch egal in welcher Form man dieses Hobby als Späteinsteiger verfolgt – die Bereitschaft aus Fehlern zu lernen, Rückschläge hinzunehmen und sich im Hafen zum »Honk« zu machen, sollte vorhanden sein. Ein guter Schuss Humor und Selbstironie erleichtern das. Und natürlich hilft auch ein Mitstreiter über so manches Tief hinweg. Voller Freude können wir hier aus eigener Erfahrung bestätigen, dass geteiltes Leid wirklich halbes Leid ist – jedenfalls meistens. Also: Keine Angst vor Hafenkino! Sollte es uns dann noch gelingen, erfahrene Segler zum Schmunzeln zu bringen, weil sie ähnliche Situationen erlebt haben oder sich an den beschriebenen Momenten erfreuen, dann ist uns dieses Buch gelungen und wir können Wilfried Erdmann1 mit den Worten zitieren:

»Wir haben nicht alles richtig gemacht, aber wenig falsch!«

1 Wilfried Erdmann: Erster deutscher Weltumsegler, Autor zahlreicher Segelbücher. Diese Worte verwendete W. Erdmann u.a. während eines Vortrags in der Laeiszhalle Hamburg.

EINS

BEVOR ALLES BEGANN

Mein Bruder ist sieben Jahre älter als ich und sammelte seine erste Erfahrungen mit Segelschiffen als Teenager. Das Wissen eignete er sich beim Basteln von Modellbausätze mehrerer historischer Rahsegler an. Dabei prägten sich die ersten Grundbegriffe der traditionellen Segelschifffahrt ein und Ulli lernte die Takelagen der alten Schiffe sehr genau kennen. Ich kann mich daran erinnern, dass er nicht nur Segelschiffe wie das legendäre Auswandererschiff »Mayflower«, die amerikanische Kriegsfregatte »Constitution« oder Admiral Lord Nelsons Flaggschiff bei Trafalgar, die »Victory« in kleinem Maßstab zum Leben erweckte – im letzten Fall sorgte er auch für ihren »Untergang«. Vorausgegangen waren Staubwischaktionen unserer Mutter, die wiederholt zur Entmastung der »Victory« geführt hatten. Als es erneut passiert war und Ulli davon erfuhr geriet er außer sich. Er muss sich noch in der Pubertät befunden haben – seine Emotionen hatte er jedenfalls noch nicht im Griff. Er flippte total aus und zerlegte die mühselig zusammengeklebte »Victory« wieder in ihre Einzelteile. Ich wurde Zeuge, wie er immer wieder den Rumpf in die Hände nahm, ihn zu Boden warf und darauf herumtrampelte. Dann nahm er die zerbrochenen Teile und wiederholte den Vorgang. Abschließend zerbröselte er die verbleibenden Kleinteile mit seinen Händen. Am Ende blieb kein Teil übrig, das größer als eine Briefmarke war.

Später kamen erste praktische Segelerfahrungen dazu. Den Impuls lieferte unser Vater, der sich ein robustes Schlauchboot zugelegt hatte. »Vaddern« hatte die Besegelung gleich mit erworben, sodass das Schlauchboot als Slup2 gesegelt werden konnte.

Die erste eigenständige Ausfahrt unternahm Ulli später während eines Ostseeurlaubs. Diese verlief jedoch mit zweifelhaftem Erfolg. Er driftete ab und strandete an einem benachbarten Strandabschnitt. Darüber hinaus rutschten die Segellatten aus den vorgesehenen Taschen. Das war es dann erstmal. Erst um die Jahrtausendwende herum, mittlerweile in den Vierzigern, nahm Ulli den Wassersport wieder auf und kaufte sich ein altes Faltboot mit Besegelung. Erste Ausflüge auf der Alster und dem Ratzeburger See verliefen vielversprechend, zeigten jedoch die Schwächen der Konstruktion auf. So war das Segeln vor dem Wind durchaus möglich, sobald Ulli jedoch mit halbem Wind oder am Wind segelte, führte dies unweigerlich zum Kentern. Davon ließ er sich jedoch nicht beeindrucken und baute sich einen Ausleger, der dem Boot Stabilität verleihen sollte. Mit Fahrrad und Anhänger ging es im Sommer 2003 zur Flensburger Förde, um die Wirkung der neuen Ausstattung zu testen. Seine damalige Partnerin besuchte ihn vor Ort und wurde Zeuge des ersten Tests. Dieser verlief, abgesehen von einer zu erwartenden Abdrift, sehr erfolgreich. Durch die Abdrift kam das Faltboot jedoch außer Sicht, was bei der Freundin zu einem erheblichen Unbehagen führte. Aus Unbehagen wurde große Sorge. Jedenfalls verständigte Betty am Nachmittag den Seenotrettungskreuzer, der den vermeintlichen Havaristen tatsächlich erreichte, als sich dieser bereits wieder im Bereich des heimatlichen Ufers befand. Der Wind hatte auf dem Rückweg ungünstig gestanden, sodass Ulli die Segel bergen, und seinen Weg paddelnd fortsetzen musste. Gegen 4 bis 5 Bft Wind und Wellen war dies mit erheblichem Kraftaufwand verbunden. Durch den kurzen Smalltalk mit der Besatzung des Seenotrettungskreuzers stellte sich das Faltboot erneut quer, sodass es mit großer Mühe wieder auf Kurs gebracht werden musste. Als er schließlich das Boot auf den Strand ziehen konnte, war er fix und fertig und seine Freundin schloss ihn erleichtert in ihre Arme.

Im Übrigen eine folgenreiche Partnerschaft: So machte sie den Vorschlag, den Segel- bzw. den Sportbootführerschein zu machen, um sich später ein »richtiges« Segelboot zu kaufen. War der Kauf eines »richtigen« Bootes für meinen Bruder bisher noch keine Option gewesen – jetzt hatte er das erste Mal Blut geleckt. Er ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Betty seinem Leben damit eine ganz neue Richtung gegeben hatte.

Beide meldeten sich zur Ausbildung des Segelscheins und des Sportbootführerscheins an. Flankierend dazu buchten sie einen Urlaubs- und Ausbildungstörn auf einer Bavaria 36 vor Mallorca. Es sollte sich herausstellen, dass Betty nur bedingt seefest war. Darüber hinaus waren es aber auch unglückliche Umstände, die dazu beitrugen, dass Betty die Freude am Segeln verlor. So fiel beim Ausbildungstörn vor Mallorca der Motor aus. Es herrschte gerade Flaute, sodass keine Segel gesetzt werden konnten und die unangenehme Dünung eines zurückliegenden Sturms ließ das Boot auf einer fiesen Welle krängen, rollen und stampfen. Der Skipper konnte den Motor nicht reparieren und entschied sich, auf die abendlichen thermalen Winde zu warten. Während der folgenden Stunden tanzte das Boot unkontrolliert auf den Wellen. Es gab nur wenige Crewmitglieder an Bord, die nicht seekrank wurden. Einer davon war Ulli. Betty gehörte leider nicht dazu, ertrug diese Situation jedoch mit Würde. Sie versuchte sich so gut es ging auf die veränderten Bedingungen einzustellen, musste am Ende jedoch akzeptieren, dass der Magen kapitulierte. Während Betty sich mit der Situation frühzeitig arrangierte und sich auf das Schlimmste eingestellt hatte – Haare zurück, Eimer holen, kotzen, Haltung bewahren – bemühte sich ein anderer Mitsegler supercool zu wirken. Er saß scheinbar völlig entspannt im Cockpit. Während nahezu alle anderen Mitsegler mit ihrem Körper kämpften und früher oder später aufgaben, wirkte er wie ein alter Seebär, dem die See nichts anhaben konnte. Bis zu dem Moment, als er den Spitznamen »Krokodil« erhielt. Blitzartig sprang er auf, lag waagerecht in der Luft und entlud sich mit einem Strahl, der das gesamte Heck in Mitleidenschaft zog. Jedenfalls erholte sich der angehende Skipper von diesem Nachmittag nicht mehr. Er brach die Reise vorzeitig ab.

Aber nicht nur der Ausbildungstörn im Mittelmeer, auch einer der prüfungsvorbereitenden Segeltage auf der Alster verlief für meines Bruders Liebste suboptimal. An diesem Tag herrschte über der Hamburger Innenstadt außergewöhnliches Wetter. Kleine, pechschwarze Wolken und relative Windstille leiteten trockene Sturmböen ohne Gewitter oder Regen ein. Auf dem Wasser mussten die angehenden Prüflinge mit der Lage klarkommen. Mangelnde Erfahrung machte das Übungssegeln vor den Augen der Segellehrer zum gefühlten Abenteuer. Kontrolliertes Segeln war in dieser Stunde nur für die Talentiertesten möglich. Während der überkommende Baum meinen Bruder »knutschte«, wurde Betty von diesem Zeitpunkt an von ihrer Angst beherrscht. Der Segelsport war für sie keine Perspektive mehr. Ganz anders erging es meinem Bruder. Er hatte nun endgültig Blut geleckt und schmiedete bereits Pläne, von denen ich im Mai 2007 erfahren sollte.

Auch ich hatte als Kind und Jugendlicher Segelerlebnisse erfahren. Diese waren zwar eher oberflächlich, aber doch einprägsam gewesen. Ich erinnere mich, dass ich als neunjähriger »Stöpsel« bei unserem Vater mitsegeln durfte. Auch für mich war es das oben beschriebene Schlauchboot, das mir erste Segelerfahrungen bescherte. An Wochenenden suchten wir regelmäßig den im Osten Hamburgs gelegenen Öjendorfer See auf. Nach Aufbau des Bootes eroberten wir wie Freibeuter eine der beiden winzigen Inseln und ließen uns dort sonnenbadend nieder.

Gesegelt wurde später auch während der Sommerferien auf der Ostsee. Es war ein stürmischer Tag, an dem mich »Vaddern« auf einen Segeltörn mitnahm. Es herrschte auflandiger Wind und wir segelten hoch am Wind hinaus gegen die Gischt schäumende Welle. Während unser Vater sich des Lebens freute, kauerte ich zitternd am Bug unter der Persenning und bibberte dem Ende des Ausflugs entgegen. Aktives Mitsegeln war damals nicht erwünscht und gewollt und so waren diese ersten Erfahrungen eher negativ geprägt und trugen nicht dazu bei, das Interesse für dieses Hobby zu wecken.

Später, im Jugendalter kamen weitere Segelerfahrungen hinzu. In guter Erinnerung ist mir der Segeltörn auf einem schwedischen See geblieben. Zusammen mit der Familie meines besten Freundes verreiste ich nach Skandinavien. Man hatte ein Haus am See bezogen. Das Boot, ein faltbares Banana-Boot mit Mast und Segel, hatte auf dem Dach des Pkw noch Platz gefunden. An einem Nachmittag entschloss ich mich allein unter Segeln den See zu erkunden. Der Wind war mäßig und stand günstig, sodass ich im gleichbleibenden Abstand zum Ufer segeln konnte. Das Wetter wurde jedoch zunehmend schlechter. Der sonst friedliche See verwandelte sich unerwartet in ein ungestümes Binnenmeer mit Wellen und Schaumkronen. Unglücklicherweise kam der Wind nun aus Richtung unserer Ferienhäuser, sodass mir der Rückweg mit Besegelung schier unmöglich erschien. Kurzerhand holte ich das Segel ein und griff zu den Riemen. Doch nun musste ich feststellen, dass auch dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Der Gegenwind und die damit verbundene Welle sorgten dafür, dass ich mir einen Wolf ruderte, ein Vorankommen jedoch nicht wahrnehmbar war. In diesem Moment kam ich an einem beeindruckenden Landsitz vorbei, zu dem auch eine winzige, geschützte Anlegestelle gehörte. Kurz nach dem Anlegen erschien der schwedische Eigentümer und bot mir seine Hilfe an. In gebrochenem Schulenglisch erklärte ich dem Schweden mein Problem, worauf er mich zu heißem Kakao und Keksen einlud. Nach leichter Stärkung und holpriger Kommunikation setzte ich meinen Weg fort, bedankte mich höflich und »krönte« meine unvollkommene Konversation mit den Worten: »I pulling home!«

2 Takelung mit Mast, Groß- und Vorsegel

ZWEI

EINE IDEE WIRD GEBOREN

»Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen, wird der Erfolg all unsere Erwartungen übertreffen«

Henry David Thoreau (Schriftsteller, 1817 – 1862)

Der Anfang der gemeinsamen Träumerei von einem eigenen Boot lag im Jahr 2007 und steht im engen Zusammenhang mit dem Geschenk, das wir unserem Vater zum 75. Geburtstag machten. Es war ein Gutschein über einen Tagesausflug nach Sylt. »Longo«, ein Kollege von mir, dessen Spitzname seiner Körpergröße geschuldet ist, besitzt den Pilotenschein und hatte sich bereit erklärt, den Transfer mit einer vereinseigenen Cessna durchzuführen. Den Gutschein löste »Vaddern« im Mai 2007 ein und so flogen wir zusammen mit Longo nach Sylt. Es war für alle der erste Flug mit einem Sportflugzeug und somit war eine Anspannung deutlich spürbar. Als ich Platz nahm fühlte ich mich in der winzigen »Flugschüssel« wie in einer Sardinenbüchse. Kurz darauf waren wir der Technik, dem Piloten und den Naturgewalten ausgeliefert. Beruhigt war ich erst, als mir Longo erklärte, dass die Maschine bei Ausfall des Motors in der Lage sei, mehrere Kilometer im Segelflug zurückzulegen. Da wir die kritische Phase des Starts, bei der die Segelflugeigenschaft nahezu gegen Null gehen, bereits hinter uns gelassen hatten, konnte ich den Flug bis zur Landung doch noch genießen. Zum damaligen Zeitpunkt machte ich mir noch keine Gedanken darüber, welche Situation ich vorziehen würde: den Ausfall des Motors einer Cessna oder das Segeln bei Sturm auf einem Ozean. Zwar werde ich mich mit der Fliegerei nicht mehr beschäftigen, denke jedoch, dass man beide Situation bewältigen kann, wenn man eine gute Ausbildung genossen hat, über ausreichende Erfahrung verfügt und sein Fortbewegungsmittel beherrscht.

Longo flog uns jedenfalls souverän und sicher in die Einflugschneise von Westerland und gab dem Fluglotsen keinen Grund zum Meckern. Als er butterweich landete war ich aber doch erleichtert. Den Applaus im Stile eines Charterreisenden konnte ich mir jedoch verkneifen.

In Westerland nahmen wir den Bus nach Wenningstedt und gönnten uns dort ein Mittagessen mit Meerblick. Anschließend wanderten wir am Strand zurück nach Westerland. Vor dem Rückflug suchten wir noch ein Café auf. Dort kam es dann zu dem richtungweisenden Gespräch, das unsere Zukunftspläne auf eine gemeinsame Bahn lenkte. Zunächst berichtete mein Bruder von seinen bisherigen Segelerfahrungen und seinem Plan, sich später eine eigene Segelyacht anzuschaffen. Als »Vaddern« die Finanzierung in Frage stellte, schoss es mir spontan durch den Kopf. Warum sollte Ulli alleine träumen und planen? Vor dem Hintergrund, dass ich nach meiner Pensionierung nicht die Hecke meines Grundstücks anstarren wollte und ich ein Hobby für den dritten Lebensabschnitt noch nicht gefunden hatte, teilte ich den beiden meine Gedanken mit. Während Ulli begeistert war, guckte unser Vater doch etwas sparsam. Er glaubte wohl nicht an die Verwirklichung dieser Träumerei.

DREI

ALSTERKINO

Hafenkino ist jedem Segler geläufig. Es ist ein Sammelbegriff für alles, was im Zusammenhang mit Hafenmanövern schiefgehen kann. Im Laufe der Zeit sorgten wir jedoch nicht nur in der Marina für komische Momente. Auch an anderen Orten gelang es uns mit Slapstick-Einlagen für Unterhaltung zu sorgen. Dieses Kapitel handelt von einer ganz speziellen Vorführung, die es nur in Hamburg geben kann: dem »Alsterkino«.

Im Mai 2008 verabrede ich mich mit Ulli an der Hamburger Außenalster zum Segeln. Zu diesem Zeitpunkt ist Ulli bereits Mitglied des Fördervereins der Wasserschutzpolizeischule (FVWSP), was ihn dazu berechtigt, zwei vereinseigene Conger-Jollen zu nutzen. Es ist wahrscheinlich die günstigste Methode auf der Außenalster regelmäßig zu segeln. Der Jahresbeitrag liegt derzeit bei 40 €.

Bereits auf der Fahrt zur Alster stelle ich fest, dass es ein miserabler Maitag ist. Die Wolken hängen dunkel und tief über der Hamburger Innenstadt und die Äste der Bäume bewegen sich verdächtig stark. Als ich Ulli am Anleger treffe, ist die Wetterlage unverändert. Es sind nur wenige Segelboote auf der Alster unterwegs, sodass meine Vorfreude getrübt ist und ich davon ausgehe, dass wir an diesem Tag wohl einen Rückzieher machen müssen. Die Alster zeigt sich von ihrer wilden Seite und hat eine erkennbare Welle, die vereinzelt mit Schaumkronen überzogen ist. Der Wind weht mit 5 in Böen mit 6 Bft. Ein Wetter, bei dem eine Conger-Jolle an ihre Grenzen kommt. Trotzdem lasse ich mich durch die Zuversicht meines Bruders anstecken und erkläre mich mit einem Versuch einverstanden. Zur unserer Ehrenrettung muss ich hinzufügen, dass unser Anleger windgeschützt in einer kleinen Bucht liegt und uns die Wetterlage dort etwas freundlicher erschien.

Auch dieser Umstand führt zu der absurden Diskussion, ob wir die Rettungswesten anlegen oder nicht. Immerhin entscheiden wir uns in diesem Fall richtig. Wir legen die Westen an.

Zügig setzen wir die Segel und legen ab. Dass die Geschwindigkeit dieser Vorbereitungshandlungen später zu einem Problem führen wird, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Tatsächlich segeln wir zunächst gemächlich aus der Bucht, sodass wir anfangs noch völlig entspannt sind. Doch kurz nachdem wir die schützende Landabdeckung verlassen haben, erfasst uns die volle Kraft des Windes. Die erste Böe kracht lautstark in die Segel und das Boot krängt beängstigend. Als Vorschoter kapituliere ich recht schnell und fiere die Vorschot, um dem Vorsegel den Druck zu nehmen. Ich habe großen Respekt vor dieser neuen Situation und keine Lust an diesem ungemütlichen und kalten Tag baden zu gehen. Auf der anderen Seite bin ich grundsätzlich der Auffassung, dass Kentern zum Segelsport dazu gehört und mit einer Jolle kein großes Problem darstellt: Boot aufrichten, sich schütteln und weitersegeln – so sah ich das. Als Besatzung eines Funkstreifenwagens des zuständigen Polizeikommissariats 17 hatte ich in der Vergangenheit wiederholt Einsätze an der Außenalster wahrgenommen:

»Achtung Peter 17/1, fahren Sie zur Außenalster, dort ist ein Sportboot gekentert, Sonderrechte sind zugelassen!«,

war dann auf Funk zu hören. Für mich nicht immer nachvollziehbar, weil Kentern ein fester Bestandteil des Sportsegelns ist. Da musste man im Hochsommer doch nicht gleich die Pferde scheu machen und die Rettungsdienste verständigen. Eigentlich konnten es doch nur süddeutsche Touristen und »Landratten« sein, die in solchen Situationen den Notruf wählen. Jedenfalls war unser Einsatz stets überflüssig. Meistens hatten die Segler ihr Boot wieder aufgerichtet bevor wir den Einsatzort erreichten. Während ich also an der Vorschot kauere und eine dunkle Vorahnung von mir Besitz ergreift, sitzt der Erstgeborene zunächst souverän an der Pinne.

Um das Boot vor dem Kentern zu bewahren, gibt es bei starken Böen zwei Verhaltensmuster. Der Steuermann kann die Großschot fieren, um das Großsegel zu öffnen und dem Segel den Druck zu nehmen. Dies kann im Notfall auch schlagartig passieren, indem er die Schot einfach loslässt. Die zweite, sportlichere Maßnahme besteht darin, das Boot verstärkt in den Wind zu drehen. Weil der Wind bei Böen raumer einfällt, das Boot also seitlicher trifft, kann der Kurs für den Zeitraum der Böe nach Luv korrigiert werden. Nach der Kurskorrektur trifft der Wind wieder mehr von vorn in die Segel, sodass der Druck des Windes auf das Segel entscheidend verringert wird – soweit die Theorie.

Für das zuletzt geschilderte Manöver benötigt man Erfahrung und Gefühl. Beides kann Ulli noch nicht vorweisen. Als mein »Herr Bruder« die Schräglage zum wiederholten Male ausreizt, ist das Vertrauen aufgebraucht. Plötzlich krängt das Boot bedenklich. Ich denke noch: »Will der Dödel nicht endlich das Segel öffnen?« Da ist es auch schon geschehen.

Die Jolle erreicht den Neigungspunkt, an dem die aufrichtenden Kräfte schlagartig abnehmen und das Boot keine Korrektur mehr annimmt – wir gehen unfreiwillig baden.

»Super!«, grolle ich. »Hat es uns nun doch erwischt.«

Wir zappeln wie begossene Pudel mitten in der Außenalster und versuchen das Boot wieder aufzurichten. Zu allem Unglück verabschieden sich auch noch meine Flipflops und tanzen auf den Wellen in Richtung Hotel Atlantik. In diesem Moment wird mir klar, dass festes Schuhwerk auch für Segler seine Berechtigung hat.

Als ich die Kälte des Wassers spüre wird mir wieder bewusst, dass wir einen ausgesprochen kalten Frühlingstag gewählt haben. Keine Sonne, tief dunkle Wolken, starker Wind und eine Außentemperatur von gerade mal 12°C. Jetzt aber auch noch das Wasser, das gefühlt »einen Zentimeter« kalt ist.

Auf was haben wir uns da bloß eingelassen? Ich besinne mich kurz und es fällt mir wieder ein: Kentern gehört zum Segelsport, wie die Uniform zum Schutzpolizisten.

Ulli klettert nun auf die Kante der Jolle und ich auf das Schwert, um die Jolle mit unserem Körpergewicht wieder aufzurichten. Zunächst geschieht jedoch nichts. Der Mast kommt einfach nicht aus dem Wasser. Wir können noch so wippen und das Gewicht verlagern – es bleibt dabei. Andere Segler nähern sich und bieten ihre Hilfe an. Einer gibt dann den entscheidenden Hinweis:

»Die Alster ist hier nicht sehr tief. Euer Mast steckt im Schlick. Ihr müsst die Kraft des Windes nutzen und den Mast in den Wind drehen. Wenn der Wind unter dem Großsegel greift, wird sich das Boot auch wieder aufrichten.«

Nach einem: »Dankeschön!«, folgen wir den Anweisungen. Es dauert noch einige Minuten bis wir das Boot gedreht haben, dann spüren wir den Wind unter dem Segel. Kurz darauf steht das Boot wieder aufrecht. Wir klettern ins Boot und beurteilen die Lage. In der Jolle steht das Alsterwasser knöcheltief und meine Flipflops sind nicht mehr zu sehen. Viel schlimmer ist aber, dass die Großschot aus der Talje gerauscht ist. Die Talje ist eine Art Flaschenzug, den man benötigt, um das Großsegel auch bei starkem Wind zu bedienen. Bei dem vorherrschenden Wind reicht die eigene Körperkraft nämlich nicht mehr aus.

Alle Bemühungen, die Schot wieder durch die Talje zu ziehen, scheitern. Welle, Wind und störrisch flatterndes Großsegel machen jeden Versuch zunichte.

Ulli versucht nun ohne Umlenkung den Anleger zu erreichen. Wir nehmen wieder leichte Fahrt auf, müssen nun aber feststellen, dass wir durch das Wasser im Boot zu schwer sind und die Manövrierfähigkeit deshalb erheblich eingeschränkt ist. Die Lage ist verzwickt und noch bevor wir unsere Situation richtig eingeschätzt haben, kentern wir erneut.

Diesmal gelingt es uns, das Boot zügig aufzurichten, was unsere Gesamtlage aber nicht verbessert. Wir versuchen wieder Fahrt aufzunehmen, doch die nächste Böe erwischt uns und zwingt uns noch einmal ins kalte Wasser.

In diesem Moment nähert sich ein Motorboot der DLRG. Ein Mädchen und zwei junge Männer sind offensichtlich in ihrem Element und fragen uns freudestrahlend, ob sie uns retten dürfen. Während ich noch mit meinem Stolz kämpfe, tut Ulli das einzig Vernünftige. Er erklärt sich mit der Bergung einverstanden. Ich bin dankbar für diese beherzte Entscheidung, denn ich spüre, wie die Kälte langsam jeden einzelnen Teil des Körpers erreicht. Ich bin nur noch ein zitterndes Bündel Elend und sehr erleichtert, als ich an Bord des DLRG-Bootes sitze. Offensichtlich kann ich meinen Zustand nicht verbergen. Unaufgefordert reicht man mir eine Wärmedecke, die jedoch nicht viel Wirkung zeigt. Ich bin bereits unterkühlt.

Das Rettungsboot nimmt wieder Fahrt auf. Die Besatzung hat bereits den nächsten »Schiffbrüchigen« entdeckt. Es handelt sich diesmal um den Segler eines Lasers3, der offensichtlich Probleme hat, wieder auf seine »Nussschale« zu gelangen. Dieser lehnt die Hilfe jedoch ab und so werden wir von den freundlichen Helfern zurück zu unserem Anleger gebracht und dort abgesetzt. Es ist nicht zu übersehen, dass die drei Lebensretter an diesem Tag großen Spaß haben. Endlich haben sie mal »volle Auftragsbücher« und werden ihrer Bestimmung gerecht.

Aber was ist mit unserem Boot? Während wir uns am Anleger abtrocknen, schauen wir gebannt in Richtung des gegenüberliegenden Alsterufers. Dort treibt unsere Jolle herrenlos vor sich hin. Kurze Zeit später bemerken wir einen Zug der Feuerwehr, der an dem gegenüberliegenden Ufer mit Blaulicht und Sirene vorfährt. Ich werde nachdenklich und sage zu Ulli: »Ich würde mich nicht wundern, wenn wir der Grund für diesen Feuerwehreinsatz sind.«

Tatsächlich können wir wenig später erkennen, dass sich die Feuerwehr am anderen Ufer um unsere Jolle kümmert. Etwas später rennen zwei Feuerwehrleute auf unseren Anleger, an dem auch das Motorboot der Feuerwehr liegt, machen es los und fahren mit Highspeed in Richtung gegenüberliegendes Ufer. Mittlerweile bin ich mir sicher: Wir haben diesen »Großeinsatz« ausgelöst.

Als dann auch noch ein Polizeibeamter an unserem Anleger eintrifft, oute ich mich als Verursacher dieser Lage. Der Kollege teilt mir daraufhin mit, dass besorgte Bürger die Rettungskräfte verständigt haben, da sie ein herrenloses Boot auf der Alster treiben sahen. Man habe zu diesem Zeitpunkt nicht ausschließen können, dass die Besatzung des Bootes zu Schaden gekommen sei.

In diesem Fall absolut nachvollziehbar. Ein Schaden war ja auch entstanden: Ich hatte meine Flipflops verloren. Allein deshalb war der Einsatz natürlich auch in dieser Größenordnung absolut verhältnismäßig.

Abschließend nimmt der Beamte noch unsere Personalien auf und fertigt später einen sogenannten Meldebucheintrag, der den Sachverhalt in komprimierter Form darstellt.

Etwas später bemerken wir auch wieder das Motorboot der Feuerwehr, das sich unserem Anleger nähert. Im Schlepptau erkennen wir unsere Jolle. Bereits aus größerer Entfernung erkennen wir, dass der Mast flach auf dem Aufbau des Bootes liegt. Ein Segler, der mit uns ins Gespräch gekommen ist, bemerkt vielsagend: »Oha, da haben die Grobmotoriker von der Feuerwehr den Mast abgesägt. Das sieht nicht gut aus.«

Ein Schreck durchfährt uns. Mast zersägt? An unserem Vereinsboot? Wie sollen wir das unserem Vorsitzenden erklären?

Als das Boot jedoch näher kommt, stellen wir fest, dass der Mast nicht zersägt, sondern nur fachmännisch gelegt worden ist. Uns fällt natürlich ein Stein vom Herzen und wir nehmen die Erkenntnis mit, dass auch unter Seglern der ein oder andere »Schlauschnacker« zu finden ist.

Am Rumpf sind leichte Beschädigungen entstanden, die sich auf mehrere hundert Euro belaufen. Der Vorfall ist uns natürlich sehr unangenehm, doch nach der »Selbstanzeige« gegenüber dem Vereinsvorsitz bleibt er für uns folgenlos.

Aber wie konnte es zu diesem Desaster kommen? Ein wesentlicher Grund war natürlich der Umstand, dass wir die Bedingungen an diesem Tag unterschätzt und unser Können total überschätzt hatten. Es wäre sicher ratsam gewesen, an diesem Tag im »Hafen« zu bleiben. Allerdings waren die Wetterbedingungen nicht der eigentliche Grund für unser Scheitern. Mit den notwendigen Segelkenntnissen und ein wenig Geschick, hätte man auch bei diesen Bedingungen bestehen können. Der eigentliche Grund für unser Versagen lag in einer winzigen Nachlässigkeit. Wir hatten beim Aufriggen einen Knoten vergessen. Den einfachen Achterknoten am Ende der Großschot, der diese vor dem Ausrauschen bewahren sollte. Hätten wir diesen Knoten verwendet, wäre das Großsegel nicht aus der Talje gerauscht und weiterhin bedienbar gewesen. Wir hätten Fahrt aufnehmen können und die Jolle hätte sich durch die am Heck befindliche Öffnung im Boden durch den entstehenden Sog selbst gelenzt. Ob uns das allerdings genauso gelungen wäre bleibt fraglich. Eine weiser Spruch wurde an diese Tag jedoch erneut bestätigt: »Kleine Ursachen haben manchmal große Wirkungen.«

Wir zogen aus dem Vorfall unsere Lehren und erkannten die Bedeutung einer guten Vorbereitung und einer zu prüfenden Checkliste vor dem Ablegen. Eine Erkenntnis, die uns jedoch nicht davor bewahrte auch bei späteren Törns kleine, aber bedeutende Nachlässigkeiten zu begehen.

Für mich war die beeindruckendste Erfahrung jedoch das schnelle Auskühlen meines Körpers und die Feststellung, dass Wasser auch im Wonnemonat Mai höllisch kalt sein kann.

Die Laune ließen wir uns von diesem Rückschlag jedoch nicht vermiesen. Das Anlegebier wurde in das Lokal »Klopstock« verholt und schmeckte uns ausgesprochen gut. Das Erlebte wurde noch mal nachbereitet und mündete in dem Versprechen, nie wieder einen Achterknoten zu vergessen.

3 Technisch einfach gehaltene, aber nicht anspruchslose Einhandjolle.

VIER

JUBILÄUM MIT FOLGEN

»Auf die Beschaffenheit des Tages Selbst einzuwirken, das ist die höchste aller Künste«

H.D. Thoreau

Im September 2010 feierte mein Bruder seinen 50. Geburtstag. Sein größter Wunsch war der Segeltörn auf einer Charter-Yacht. Wie Ulli in Erfahrung gebracht hatte, kostete ein Törn mit einer 32-Fuß-Yacht je nach Jahreszeit zwischen 900 und 1400 €. Ob die Geburtstagsgäste spendabel waren, kann ich nicht sagen. Nach der Feier war Ulli jedoch weiterhin wild entschlossen diesen Chartertörn durchzuführen.

Eine 32-Fuß-Yacht bietet in der Regel ausreichend Raum für vier Crewmitglieder. Somit stellte sich die Frage, wer unsere Crew vervollständigen soll. Das Anforderungsprofil für die Mitsegler war unterschiedlich. Während einer ein erfahrener Skipper sein und Ulli ein kostenloses Skipper-Training zukommen lassen sollte, reichte für den anderen die Lust am Segeln. Ferner sollten beide teamfähig und in der Lage sein, es sieben Tage mit uns auszuhalten. Letzteres war natürlich eine echt harte Nuss.

Mein Bruder und ich sind sehr unterschiedlich. Während Ulli nach der Schule Deutsch, Philosophie und Geschichte studierte und aktuell in der Redaktion eines Anzeigenblattverlags in Lohn und Brot steht, war ich den sicheren Weg gegangen und hatte 1987 die Ausbildung bei der Hamburger Polizei begonnen. Während mein Bruder durchaus als diskutierfreudiger Mensch beschrieben werden kann, der die Themen gerne mal in ihre Einzelheiten zerlegt, bin ich eher ein Mann der Tat – was, wie noch zu lesen sein wird, nicht immer von Vorteil sein muss. Lange und detailverliebte Diskussionen waren jedenfalls nicht mein Ding.

Da Ulli sehr belesen ist und sich wortgewandt ausdrückt, würde ich ihn – auch wenn er es gar nicht gerne hört – als intellektuellen Teil unserer »Bruderschaft« bezeichnen. Doch weder die abweichenden Lebensjahre noch die genannten Unterschiede führten zu Spannungen. Wir hatten uns immer gut verstanden und daran konnte auch Ullis tendenziell politisch linke Haltung nichts ändern. Das gemeinsame Hobby sorgte nun sogar für eine unerwartet enge Beziehung.

Wer sollte aber nun mit uns segeln? Nach einigen Gedankenspielen, brachte ich Wolfgang als Skipper ins Spiel. »Wolle« ist ein Kollege, den ich in gemeinsamen Jahren am Polizeikommissariat 38 in Hamburg-Rahlstedt kennen und schätzen gelernt habe. Zwar arbeiteten wir nicht mehr an einer Dienststelle, der Kontakt war jedoch nie abgerissen, da eine Doppelkopfrunde, bestehend aus Kollegen dieser Zeit, konsequent am Leben erhalten wurde. So trafen wir uns in unregelmäßigen Abständen zum Kartenspielen und tauschten die ein oder andere dienstliche und private Information aus. Meistens verliefen die Abende nach folgendem Muster: Ich brachte den Spieleinsatz mit und Wolle ging damit nach Hause.

Wolle ist im Vorstand des MYTILUS e.V. tätig. Einem Verein, der den Traditionssegler MYTILUS in Schuss hält und Törns mit Pfadfindergruppen veranstaltet. Wolle ist aber nicht nur im Vorstand aktiv; er ist Bootsmann und mittlerweile auch Skipper der MYTILUS und trägt damit große Verantwortung für die mitreisenden Jugendgruppen. Darüber hinaus ist er ein echter Entertainer der zupfenden Zunft und begeistert bei geeigneten Anlässen mit der Konzertgitarre und seiner orkanerprobten Seemannsstimme. Kurzum – Wolle passte perfekt in das Anforderungsprofil.

Da Ulli auch für das vierte Crewmitglied keinen heißen Kandidaten vorweisen konnte, schlug ich Markus vor. Markus ist ebenfalls ein Kollege, den ich am PK 17 kennen gelernt hatte und der für jedes Abenteuer zu haben ist. So hatte er in mehreren Sabbatjahren verschiedene Teile der Welt bereist. Markus ist ein feiner Kerl, der meiner Einschätzung nach in jedes Team passt. Zwischen uns hatte die Chemie immer gestimmt, weshalb ich ihn auch uneingeschränkt empfehlen konnte. Ulli war einverstanden und froh darüber, dass die Crew nun vollzählig war. Sie setzte sich aus drei »Bullen« und einem intellektuellen Linken zusammen – was für eine Combo!

Wir verabredeten ein Vorbereitungstreffen, das im Frühjahr 2011 stattfand. Als zentralen Ort einigten wir uns auf die »Ständige Vertretung«, ein Lokal in der Hamburger Innenstadt. Es stand bereits fest, dass Wolle für Ulli ein Skipper-Training während der Reise durchführen soll. Es war für beide somit von besonderer Bedeutung, die Intensität dieses Trainings abzustimmen. Da Ulli keine nennenswerte Erfahrung als Skipper hatte, lief es auf eine umfangreiche Druckbetankung hinaus. Ferner diskutierten wir intensiv, ob wir ein realitätsnahes Mann-über-Bord-Manöver (MOB-Manöver) trainieren werden. Ich hatte meinen Trockenanzug gedanklich bereits übergezogen und sah mich als Versuchskaninchen in der Ostsee treiben, doch Wolle überzeugte uns davon, dass dieses Vorhaben nicht zu verantworten sei. Er hatte Recht – und er erklärte uns, dass wir einen echten Notfall auslösen konnten. Das MOB-Manöver blieb somit im Programm, sollte jedoch als Boje-über-Bord-Manöver (BOB-Manöver) durchgeführt werden.

Während Ulli gegenüber Wolle seine Erwartungen an die Wochentour formulierte, sinnierten Markus und ich über die kulinarischen Möglichkeiten an Bord. Schnell war das ein oder andere Gericht benannt und auf einem Zettel notiert. Im Detail sollte die Speisekarte für den Wochentörn jedoch erst später zusammengestellt werden.

Zum Zeitpunkt des Vorbereitungstreffens hatte Ulli sich bereits für die Yachtcharter GmbH GOOR in Lauterbach auf Rügen entschieden. Dies bedeutete für uns die Möglichkeit, das Segelrevier im Bereich des Greifswalder Boddens und der Insel Rügen zu erkunden. Da ich Rügen bereits während eines Campingurlaubs kennen und lieben gelernt hatte, steigerte sich die Vorfreude auf den Törn zusätzlich.

Vom 7.–14. Mai 2011 buchte Ulli eine Bavaria 32 und ich wäre am liebsten am nächsten Tag in See gestochen.

FÜNF

SIEBEN TAGE LEHRGELD

»Die Natur passt sich ebenso gut unseren Schwächen als auch unseren Stärken an«

H.D. Thoreau

Es ist der 7. Mai 2011, ein Sonnabend. Es ist endlich so weit. Ulli, Wolle, Markus und ich erreichen pünktlich den Treffpunkt im Hamburger Hauptbahnhof, um die Anreise mit der Deutschen Bundesbahn anzutreten. Wolle begrüßt uns mit einem lässigen: »Na ihr Leichtmatrosen, alles klar?«, was gleich für ausgelassene Stimmung sorgt. Die Fahrt nach Lauterbach auf Rügen dauert etwa vier Stunden. Wir haben uns längere Zeit nicht gesehen, was zur Folge hat, dass wir Neuigkeiten und dienstliche Anekdoten austauschen. So vergeht die Zeit wie im Flug. Gegen 10 Uhr erreichen wir den Bahnhof von Lauterbach. Dieser ist gleichzeitig Endstation und liegt direkt neben der Marina, sodass wir mit unseren Seesäcken nur noch wenige Minuten gehen müssen. Ulli kümmert sich um die Anmeldeformalitäten und kurze Zeit später hat er den Schlüssel für unsere Bavaria 32 in Empfang genommen.

Wenige Minuten später erreichen wir die CHIVA. Mit ihren knapp zehn Metern wirkt sie durchaus seetüchtig und vertrauenerweckend. Wolle sieht es jedoch aus der Sicht eines Traditionsseglers und bezeichnet die CHIVA nur abfällig als »Lenorflasche«. Die Bavaria 32 ist zwar eine moderne Segelyacht, deren Rumpf aus glasfaserverstärkten Kunststoff (GFK) hergestellt ist, der Begriff »Lenorflasche« zeugt jedoch von Respektlosigkeit und dürfte der CHIVA nicht gefallen haben. Vielleicht zeigt sie sich später deshalb so störrisch und bringt Wolle phasenweise an den Rand der Verzweiflung.

Wir inspizieren das Boot, teilen die Kojen auf und verstauen den Inhalt unserer Seesäcke auf die dafür vorgesehenen