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Dieser Einblick in die faszinierende Welt der Samurai bietet Orientierung: Wie kann man sein Schicksal in schweren Zeiten selbst in die Hand nehmen? Wie seinen Mut vergrößern, selbstlos handeln, sein Leben mit Schönheit anfüllen – und wie seine Kinder erziehen? Vor allem sollte man den eigenen Tod nicht fürchten, sondern die Vergänglichkeit mit Gleichmut annehmen, um auf diese Weise das eigene Leben wiederzugewinnen.Der japanische Text von Jōchō Yamamoto (1659–1719) wurde von Max Seinsch erstmals ins Deutsche übersetzt. Farbige Holzschnitte illustrieren die Ausgabe, ein ausführliches Vorwort informiert über den geschichtlichen Hintergrund. Dieses E-Book ist die einzige deutschsprachige Ausgabe, die sorgfältig ediert, kommentiert und tatsächlich aus dem japanischen Original übersetzt wurde.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2020
Jōchō Yamamoto
Hagakure
Der Weg des Samurai
Zusammengestellt von Tsuramoto TashiroAus dem Japanischen übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Max SeinschMit 15 farbigen Holzschnitten von Utagawa Kuniyoshi
Reclam
2009, 2020 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Coverabbildung: Farbiger Holzschnitt Hamaji Shōgen Mitsukuni von Utagawa Kuniyoshi (1798–1861)
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961558-5
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011278-6
www.reclam.de
Spätestens seit James Clavells Roman Shōgun (1975) und dessen Verfilmung mit Richard Chamberlain ist das Bild des stoischen, todesmutigen Samurai, der für seinen Lehnsherrn und seine Ehre von einer Sekunde zur nächsten in Gewalt auszubrechen und rückhaltlos sein Leben aufzugeben vermag, fest in der westlichen Vorstellung verankert. Typische Klischees kommen zum Beispiel in einem Feuilletonartikel zum Tragen, dem zufolge Samurai nach einem strengen Ehrenkodex lebten, dem bushidō, dem »Weg des Kriegers«. Sieben anzustrebende Tugenden schrieb der Bushidō einem Samurai vor: »Entscheidungskraft, Mut, Nächstenliebe, Respekt, Aufrichtigkeit, Ehre und Treue«. Treue sei die wichtigste, denn verlor ein Samurai seinen Herrn – etwa durch dessen Tod –, wurde er zum Rōnin und musste dann eigentlich nach den Regeln des Bushidō den rituellen Suizid begehen.1
Aber auch in Japan selbst ist diese Idealvorstellung noch überaus lebendig. Am 28. Mai 2007 beging zum Beispiel der vormalige Landwirtschaftsminister Matsuoka Toshikatsu Selbstmord, nachdem er wegen des Verdachts der Veruntreuung öffentlicher Gelder in die Kritik geraten war. Ishihara Shintarō, der für seinen nationalistischen Einschlag berühmt-berüchtigte Gouverneur von Tōkyō, kommentierte Matsuokas Tat, er denke, auch Matsuoka sei ein Samurai gewesen, weil er durch seinen Tod Buße geleistet habe.
Sowohl im Westen als auch in Japan selbst beflügeln so die Samurai und ihr »Ehrenkodex« die Fantasie von Japanfreunden in einer Weise, die eine kritische Beurteilung des Phänomens erschwert. Zusammen mit dem häufig angeführten Zen-Buddhismus ist die angeblich jahrhundertealte japanische Kriegerethik, wohlbekannt unter der Bezeichnung bushidō, ein gutes Beispiel für gewisse Themen fernöstlicher Exotik, die allzu oft mit pseudo-esoterischen Methoden zur spirituellen Persönlichkeitsentwicklung in Verbindung gebracht werden, anstatt sie kritisch zu analysieren.
Obwohl sogar Basil Hall Chamberlain (1850–1935), ein namhafter Mitbegründer der Japanologie, die Signifikanz oder auch nur die Existenz des Wortes bushidō vor 1900 bestreitet,2 war der japanische »Weg des Kriegers« nach dem Zweiten Weltkrieg ein beliebtes Objekt westlicher Studien, um sowohl die rapide Modernisierung und Industrialisierung Japans nach der Meiji-Restauration (1867–68) als auch seine militärischen Triumphe über China 1895 und Russland 1905 oder auch den japanischen Militarismus vor und das japanische Wirtschaftswunder nach 1945 zu erklären.
Unter Wissenschaftlern, die sich mit der Wirtschaftsentwicklung Japans beschäftigten, ist es ein Allgemeinplatz, dass Japans Erfolge in diesem Bereich durch seine besonderen sozialen und kulturellen Wurzeln aus vorindustriellen Zeiten zu erklären seien. Die Samurai-Klasse und Bushidō wurden dabei als Instrumente in der Formierung einer modernen Industrie während der Meiji-Periode (1868–1912) und der Formulierung einer modernen japanischen Geschäftsethik verstanden, vergleichbar etwa mit der »protestantischen Ethik«, wie sie Max Weber als den »Geist des Kapitalismus« aufgezeigt hat (1904/05)3 – obwohl wirtschaftliche Aktivitäten seitens des japanischen Kriegeradels vor 1868 als etwas Schändliches und unter der Würde eines Samurai stehend bewertet wurden.
Neben solchen wirtschaftswissenschaftlichen Analysen wurde die Verbreitung von Bushidō-Werten unter der breiten Bevölkerung von 1868 bis 1945 auch für die Direktheit verantwortlich gemacht, mit der das japanische Militär die politische Macht in den 1930er Jahren ergreifen konnte. So wird argumentiert, dass die Meiji-Regierung nach 1868 für den schnellstmöglichen Aufbau einer »reichen Nation und einer starken Armee« (fukoku kyōhei) wissenschaftliche Methoden und Technologie aus dem Westen einführte, während sie zur selben Zeit die feudale Ideologie des Bushidō restaurierte und sie mit der »primitiven Stammesreligion der Kaiserverehrung« kombinierte, um auf diese Weise ihre relative Unterlegenheit an materiellen Kräften zu kompensieren. Diese Kombination konstituierte dann angeblich das militärische Ethos der kaiserlichen Armee, die dann selbst über das Erziehungssystem die allgemeine Bevölkerung indoktrinierte.4
Der Begriff bushidō wurde außerhalb Japans hauptsächlich durch Nitobe Inazōs Buch Bushidō: The Soul of Japan aus dem Jahre 1900 bekannt gemacht, ein bis heute gern gelesenes und oft zitiertes Standardwerk zur japanischen Kriegerethik. Ursprünglich auf Englisch geschrieben, sollte es der westlichen Welt die Grundlagen japanischer Moral und Ethik vorstellen, stellte aber gleichzeitig auch eine Verteidigung japanischer Kultur gegen Ansprüche der westlichen Zivilisation auf kulturelle Überlegenheit dar.5 Tatsächlich griff Nitobe in seinen Anstrengungen, die japanische Moralität zu verteidigen, allerdings wie viele andere Ideologen seiner Epoche auch einen angeblich traditionellen Begriff auf und füllte diesen mit modernen Ideen und Konzepten.6
Neben Nitobes Buch werden das Budō Shoshinshū von Daidōji Yūzan (1639–1730) und das Hagakure von Yamamoto Jōchō (1659–1719) oft im gleichen Atemzug erwähnt, obwohl sie zeitlich und auch inhaltlich gesehen kaum mit Nitobe in Verbindung gebracht werden können. Der Grund dafür, dass diese Bücher zum Fundament des westlichen Verständnisses über Bushidō werden konnten, mag wohl darin liegen, dass sie zu den wenigen Bushidō-Texten gehören, die in europäischen Sprachen erhältlich sind.
Das Hagakure nimmt eine ganz besondere Stellung im Bushidō-Diskurs ein, weil es sowohl in Japan als auch in westlichen Ländern als »eine der unmittelbarsten Reflektionen des Samurai-Selbstverständnisses«7 verklärt wird. Als beliebte Lektüre japanischer Offiziere vor und während des Zweiten Weltkrieges erhielt es in den 1970er Jahren im Westen weite Aufmerksamkeit durch das Hagakure Nyūmon, einen Kommentar des berühmt-berüchtigten Nachkriegsautors und Rechtsextremisten Mishima Yukio (1925–1970) aus dem Jahre 1967.
Obwohl dem Hagakure normalerweise zentrale Bedeutung bei der Formulierung einer Samurai-Ethik in vormoderner Zeit eingeräumt wird, wird die tatsächliche Rolle und sein Wert als ein repräsentatives Beispiel für eine solche Ethik in der Regel stark überbewertet. Es enthält zum Beispiel im Gegensatz zu den Werken Daidōji Yūzans (1639–1730) und dessen Lehrers Yamaga Sokō (1622–1685) keine wohldurchdachte Philosophie, sondern zeigt im Gegenteil durchweg eine antiintellektuelle Einstellung. Seine Verbreitung blieb bis zur Meiji-Periode auf die südjapanische Nabeshima-Domäne beschränkt, wo es kompiliert und dann einzeln von Hand kopiert wurde. Eine gekürzte Fassung kam zum ersten Mal 1906 in den Druck, während die erste vollständige Druckversion erst 1916 erschien. Größere Bekanntheit erreichte das Hagakure aber erst, als es 1940 mit den revidierten und kommentierten Fassungen von Kurihara Kōya (Daten unbekannt) sowie Watsuji Tetsurō (1889–1960) und Furukawa Tetsushi (geb. 1912) allgemein erhältlich wurde. Es ist daher nicht übertrieben zu behaupten, dass das Hagakure im 20. Jahrhundert einen sehr viel größeren Einfluss auf das moderne Japan als im 18. und 19. Jahrhundert auf das feudale Japan ausüben konnte.
Was viele Leser und Kommentatoren daher in ihrer Begeisterung für das »vormoderne Heldentum« der japanischen Krieger zu vergessen scheinen, ist, dass ein solcher Text nicht leer im Raum steht, sondern auf gewissen historischen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen basiert. Zwar werden der Bushidō im Allgemeinen und das Hagakure im Besonderen gerne als universell gültige Philosophien mit Anwendungsmöglichkeiten im modernen Alltag sowie im Geschäftsleben verstanden, aber dabei wird allzu schnell übersehen, dass eine angemessene, ausgewogene Interpretation ohne genauere Kenntnis der historischen, gesellschaftlichen und ideengeschichtlichen Hintergründe des Zustandekommens eines solchen Werkes letzten Endes auf reine Spekulation hinauslaufen muss.
Obwohl es des Öfteren als die wichtigste Bushidō-Schrift überhaupt bezeichnet wird,8 stehen im Hagakure nicht etwa die militärischen Künste der Samurai im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie ein Samurai auf rechte Art und Weise seine Pflicht im Lehnsdienst (hōkō) erfüllen kann. Und auch das Ideal des »Sterbens« im wohl berühmtesten Satz des Hagakure: »Der Lebensweg eines Kriegers bedeutet, zu begreifen, dass man sterben wird und sterben muss«9, bedeute laut Inoue Toshiyuki nicht etwa, wirklich sein Leben zu verlieren, sondern sei ein Ausdruck für die absolute »Entschlossenheit« gegenüber allem, was man sich im Leben vornehme. Darum sei es auch ein Werk, das zu Problemen des menschlichen Lebens in der modernen Gesellschaft konkrete Lösungsvorschläge zu bieten habe.10
Vor allem aber auch wegen dieses berühmten Satzes und der Forderung des Autors nach selbstaufopferndem Dienst und unbedingtem Gehorsam dem Lehnsfürsten gegenüber fand das Hagakure vor dem und während des Zweiten Weltkriegs großen Anklang beim japanischen Militär und galt laut Mishima während des Kriegs praktisch als Pflichtlektüre.11 Darum wurde es auch im Zuge der Entmilitarisierung Japans nach dem Krieg durch die amerikanischen Besatzungstruppen als militaristisch-fanatische Propaganda auf den Index gesetzt, bis Watsuji Tetsurō, der einflussreiche Philosoph und Verfechter einer Einzigartigkeit der japanischen Identität, seine Vorkriegsstudien des Hagakure erneut aufnahm und so das Buch wieder als Forschungsgegenstand gesellschaftsfähig machte.
Von Ethikwissenschaftlern der Gegenwart wird das Hagakure oft dahingehend interpretiert, dass Samurai versucht hätten, durch die Übergabe ihres Lebens an die Pflicht bzw. den Lehnsherrn eine übergeordnete, transzendente Freiheit zu erlangen. Darüber hinaus wird versucht, das Hagakure als Aufruf zum »Dienst an der Öffentlichkeit« zu interpretieren, zu einem Dienst also, der den Frieden in der Gesellschaft zum Ziel habe. Einige zentrale Begriffe des Hagakure wie »Todeswahn« (shinigurui) werden dabei vernachlässigt, uminterpretiert oder völlig ignoriert, um das Werk mit gegenwärtigen Ethik- und Moralbegriffen sinnhaft verknüpfen zu können.12
Das Hagakure wurde ursprünglich von Yamamoto Jōchō13 (1659–1719) erzählt und dann von Tashiro Tsuramoto (1678–1748), beides ehemalige Samurai der Saga-Domäne in Südjapan, tagebuchartig notiert und als Manuskript zusammengefasst. Das ganze Werk besteht aus elf Bänden mit insgesamt 1340 mehr oder weniger zusammenhängenden Paragraphen. Band 1 enthält neben einer Einführung mit dem Titel »Plauderei in den Schatten des Abends«, in der Jōchōs Ethik zusammengefasst und seine vier zentralen Glaubensbekenntnisse vorgestellt werden, die Notizen zur richtigen Lebensweise eines wahren Kriegers, die sich in Band 2 fortsetzen. Die Bände 3, 4 und 5 enthalten Worte und Taten der ersten vier Fürsten des Nabeshima-Klans der Provinz Saga, während Band 6 sich mit alten Überlieferungen der Domäne befasst. Die Bände 7, 8 und 9 wiederum erzählen von Worten und Taten der Samurai von Saga, und die restlichen zwei Bände führen Erzählungen der Worte und Taten von Kriegern anderer Domänen und Geschichten auf, die in den anderen zehn Bänden keinen Platz mehr gefunden hatten.
Nur die ersten beiden Bände beruhen vollständig auf Erzählungen Yamamoto Jōchōs, während die Inhalte der restlichen neun Bände größtenteils von Tashiro Tsuramoto selbst zusammengestellt wurden, um den Lehrprinzipien der ersten beiden Bände Beispiele und erläuternde Hintergründe hinzuzufügen. Aus diesem Grund beschränkt sich die hier vorgelegte Übersetzung auf die ersten beiden Bände.
Aufgrund seines notizhaften, tagebuchartigen Charakters präsentiert das Hagakure gerade nicht ein zusammenhängendes, wohldurchdachtes Gedankengebäude, das universale Antworten auf die Fragen der menschlichen Existenz zu geben versucht. Vielmehr antwortet das Werk auf die spezifischen sozialen und regionalen Lebensumstände des Kriegeradels der Saga-Domäne. Die Adressaten der Autoren waren letztlich die Samurai ihres eigenen Klans und nicht die Kriegerklasse als Ganzes.
Fünf zentrale Ideen prägen das Hagakure:
Zu nennen sind zuerst die vier Gelübde oder Glaubensbekenntnisse, die den Schwerpunkt der Ethik des Hagakure auf Mut, Loyalität, Pietät und Barmherzigkeit legen. Furukawa Tetsushi zufolge lassen sich praktisch alle Paragraphen des gesamten Hagakure einer dieser vier Kategorien zuordnen, wobei letztlich die Loyalität den Bezugspunkt für alle anderen ethischen Prinzipien darstellt.14
»Der Lebensweg eines Kriegers, bzw. seine Lebensweise, bedeutet, zu begreifen, dass man sterben wird und sterben muss.« Dieser berühmteste Satz des Hagakure überhaupt postuliert zweitens die Notwendigkeit, sich als Krieger in jedem Augenblick seines Lebens auf den Tod gefasst zu machen, um sich einerseits mit absoluter Hingabe seiner Lehnspflicht widmen zu können und sich andererseits nicht als Feigling der sozialen Ächtung in einer Kriegergesellschaft auszusetzen. Diese Einstellung steht in enger Verbindung mit der Betonung von shinigurui, der äußersten Todesentschlossenheit oder besser des »Todeswahns«, in dem ein Krieger sich sowohl in einen Schwertkampf als auch in seinen Lehnsdienst werfen muss, bis er entweder alle Gegner und Probleme beseitigt hat oder selbst stirbt.
Die höchste Liebe, so der dritte Punkt, ist die geheimgehaltene Liebe. Von diesem Ideal der wohlgemerkt homosexuellen Liebe, die ihre Gefühle bis in den Tod hinein nicht offenbart, wird gleichzeitig die ideale Beziehung eines Vasallen zu seinem Lehnsherrn abgeleitet, den es wie einen Liebhaber heimlich zu verehren und zu beschützen gilt. Daher wird der ideale Lehnsdienst, wie er im Hagakure beschrieben wird, auch als »Lehnsdienst aus dem Schatten« oder »aus dem Dunklen heraus« bezeichnet.15
Zu nennen ist viertens die Betonung der menschlichen Barmherzigkeit und Anteilnahme sowie der fürstlichen Gnade. Es folgen laut Hagakure aus der Barmherzigkeit sowohl Menschlichkeit als auch Weisheit und Heldenmut. Dabei geht die Ergebenheit eines Vasallen idealerweise so weit, dass er sogar die Konfiszierung seines Lehens oder ein Todesurteil als fürstliche Gnade zu empfinden hat.
Prägend ist fünftens die rechte Vorgehensweise bei Ermahnungen und guten Ratschlägen sowohl dem Fürsten als auch anderen Vasallen gegenüber. Gerade der Notwendigkeit solcher Ermahnungen wird im Hagakure zentrale Bedeutung für die Erfüllung der Loyalität beigemessen.
Drei Theorien versuchen die Namensgebung des Werkes zu erklären – wörtlich übersetzt bedeutet hagakure »im Laub verborgen«.
Zum einen heißt es, das Buch sei wegen Jōchōs Betonung des versteckten Lehnsdienstes aus dem Schatten, d. h. aus dem Hintergrund heraus, so genannt worden.
Entsprechend der zweiten Theorie bezieht sich der Titel auf ein Gedicht aus der einflussreichen waka-Sammlung Sankashū des Mönch-Poeten Saigyō (1118–1190), in dem es heißt:
Im Laub verborgen hängt eine einzelne Blüte
Und weigert sich zu verblühen,
Sie gibt mir das Gefühl,
Eine heimliche Liebe anzutreffen.16
Mit dem Titel solle darum an die erste Begegnung Tashiro Tsuramotos mit Yamamoto Jōchō erinnert werden, der als Samurai im Ruhestand Laienmönch geworden war und in einer im Wald verborgenen Einsiedelei sein Dasein fristete.
Eine dritte Theorie lautet, dass man in der Gegend von Jōchōs Einsiedelei eine Art von getrockneten Kakifrüchten namens hagakushi produziert habe, von der der Name übernommen wurde, um an das zurückgezogene Leben Jōchōs zu erinnern.17
Kamura Takashi unterstreicht vor allem die zweite Sichtweise: zum einen deshalb, weil Jōchō als Poesiebeauftragter Fürst Mitsushiges durchaus als Literat anzusehen sei, als auch deshalb, weil er über seine Freundschaft mit dem Mönch-Poeten Senzan, der auch Konsaigyō – »der heutige Saigyō« – genannt wurde, in der dichterischen Tradition des ursprünglichen Saigyōs stehe. In erster Linie aber beschreibe der Inhalt des Gedichts äußerst passend die Umstände des ersten Treffens der beiden Autoren Yamamoto Jōchō und Tashiro Tsuramoto.18
Während der historischen Periode der »kriegführenden Fürstentümer« (sengoku jidai) von 1467 bis 1568 begannen lokal verwurzelte Kriegsherren in den Provinzen, als daimyō (Feudalfürsten) um die Kontrolle von Ländereien und Ressourcen zu streiten. Diese Periode konstanter Kriege und Kämpfe war gekennzeichnet durch die Übernahme der Macht durch Untergebene bzw. durch Vasallen. Dieses Phänomen wird als gekokujō – »Unten überwindet Oben« – bezeichnet. Auf diese Weise gelang es vielen provinziellen Anführern von Kriegerbanden, die Kontrolle der shogunalen Provinzgouverneure abzuschütteln, sich eine eigene starke militärische Machtbasis auf dem Land zu schaffen und von dort aus mit ihren Nachbarn um die Vorherrschaft zu ringen. Kleinere Territorien wurden zu größeren Domänen zusammengefasst, in denen die daimyō durch Landvermessungen, direkte Kontrolle der Agrarproduktion und eigene Klan-Gesetze versuchten, die Unabhängigkeit ihrer Vasallen und des einfachen Volkes immer mehr einzuschränken.19
In dieser Zeit war die Loyalität der bushi, der Krieger, ihren Lehnsherren gegenüber bedingt und abhängig von bestimmten Konstellationen: Politische und militärische Macht war privat organisiert, und Feudalherren waren von ihren Vasallen abhängig. Für die Verleihung von Lehen schuldeten die Vasallen ihrem Lehnsherrn Loyalität und Lehnsdienst in Form von militärischer Unterstützung. Diese Beziehung war bilateral, d. h., beide Seiten waren voneinander abhängig. Loyalität war also »der ideale Ausdruck der Beziehung eines Vasallen zu seinem Lehnsherrn«. War es notwendig, so »musste der Vasall bereit sein, für seinen Herrn zu sterben«. Aber weil »der Lehnsherr abhängig von seinen Vasallen war, war ihre Loyalität funktional«.20 Das bedeutete, dass Vasallen so lange loyal blieben, wie ihre Loyalität ihren eigenen Interessen diente. Aber sobald sie durch Verrat mehr gewinnen konnten als durch Lehnstreue (indem sie z. B. die Macht ihres Lehnsherrn selbst übernahmen), entschieden sich viele Vasallen, ihren eigenen Interessen den Vorrang zu geben. Auf diese Weise kam es zu dem »Paradox, dass ein Zeitalter, in dem Loyalität den höchsten Wert darstellte, auch ein Zeitalter war, in dem Verrat ganz normal war.«21
Ein typisches Beispiel für den gekokujō-Aspekt der Sengoku-Periode lässt sich in Nordwest-Kyūshū finden, wo die traditions- und einflussreiche Shōni-Familie erst große Teile ihrer Territorien an die Familie der Ōuchi verlor, bevor die Ōuchi wiederum von ihren eigenen Vasallen, dem Ryūzōji-Klan, zwischen 1553 und 1559 völlig vernichtet wurden. Auf diese Weise konnten sich die Ryūzōji unter ihrem Anführer Ryūzōji Takanobu (1529–1584) das Hizen-no-kuni, das die heutige Präfektur Nagasaki und Teile der Präfektur Saga umfasste, zu eigen machen und sich so zu einem der mächtigsten daimyō-Häuser Südjapans aufwerfen.
Ryūzōji Takanobu wiederum fiel 1584 in der Schlacht von Okitanawate gegen die vereinten Armeen der Shimazu und Arima: Damit hielt sein wichtigster Gefolgsmann Nabeshima Naoshige (1538–1618) als Regent und Ratgeber des Ryūzōji-Nachfolgers Masaie die Macht über das Herrschaftsgebiet der Ryūzōji in der Hand. Nabeshima Naoshige sollte sich in der Folge als wahrer Anführer Sagas erweisen und seinen eigenen Sohn Nabeshima Katsushige (1580–1657) als Nachfolger und neuen daimyō durchsetzen: Auf diese Weise würde der Nabeshima-Klan die Herrschaft über die Saga-Domäne übernehmen.
Bevor es jedoch so weit kommen sollte, führten erstmals 1543 nach Japan eingeführte Musketen zu einer Revolutionierung der Kriegführung, die es einzelnen daimyō ermöglichte, ihren Machtbereich erheblich zu erweitern und die Vorherrschaft im Reich anzustreben. Zur politischen Legitimation einer solchen Vorherrschaft war allerdings die Kontrolle über Kyōto und den Kaiserhof unerlässlich, dessen mythologisch begründete Oberhoheit über den japanischen Archipel nie angefochten wurde. Der erste Sengoku-Feldherr, dem es gelang, seine Gegner entweder zu unterwerfen oder lange genug unter Kontrolle zu halten, um die Hauptstadt zu erobern, war Oda Nobunaga (1534–1582) aus der Provinz Owari in der heutigen Präfektur Aichi. Dieser marschierte 1568 in Kyōto ein, setzte Ashikaga Yoshiaki als Marionetten-Shōgun ein und kehrte damit die feudale Desintegration des vorigen Jahrhunderts um. Auf diese Weise läutete er die Azuchi-Momoyama-Periode (1568–1603) der Reichseinigung ein, die nach seinem Tod 1582 von seinem wichtigsten Heerführer Toyotomi Hideyoshi (1536–1598) fortgesetzt und 1590 vollendet wurde. Ihre unerbittlichen Kriege gegen andere daimyō, die großen religiösen Sekten und die militärischen Klöster, die sich ihnen widersetzten, veränderten die politische Landkarte grundsätzlich.
Wie Nobunaga vor ihm sah sich Hideyoshi genötigt, bestehende Fürstenhäuser in ihren Lehen und Privilegien zu bestätigen, oder verteilte, wo immer es möglich war, Ländereien und Fürstentümer um, mit dem Ziel, alteingesessenen daimyō ihre angestammte Machtbasis zu entreißen. So wurde zum Beispiel einer seiner wichtigsten Feldherren, Tokugawa Ieyasu (1542–1616), mit dem Kantō, dem Gebiet des heutigen Großraums Tōkyō, belohnt, der damit aber gezwungen war, seine alteingesessenen Territorien um Nagoya herum zu verlassen und sein Hauptquartier in Edo aufzuschlagen.
Wichtiges Prinzip der Regierung Hideyoshis war die strikte Trennung des Kriegeradels als Stand von der übrigen Bevölkerung, und das hatte Folgen. Krieger, die ihrem Lehnsherrn folgten, um eine neue Domäne in Besitz zu nehmen, verloren ihre alte Landbasis und waren in der Burgstadt ihres Fürsten ansässig, während Krieger, die in ihren ursprünglichen Provinzen verblieben, ihren Status als bushi verloren und künftig zum Bauernstand gezählt wurden.22 Das Gesetz zur sozialen Standeskontrolle von 1591 verbot Kriegern fortan, Landwirtschaft zu betreiben oder etwa bei einem anderen daimyō Anstellung zu finden, nachdem sie ihren Lehnsherrn verlassen hatten. Bauern hatten in ihren Dörfern zu verbleiben und durften nicht in die Städte ziehen, während es Handwerkern und Handelsleuten verboten war, in Dörfern zu wohnen. Damit wurde eine Vier-Stände-Gesellschaft aus Kriegern, Bauern, Handwerkern und Händlern durchgesetzt. Eine zentrale Rolle spielte bei der Durchsetzung und Aufrechterhaltung der Privilegien des Kriegeradels die landesweite Entwaffnung der Landbevölkerung.
Als Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts die Feudalstruktur durch die Neu- und Umverteilung von Lehen auf diese Weise umorganisiert wurde, verlor ein Großteil des Kriegeradels die Verbindung zu seinem angestammten Grundbesitz. Waren zuvor bushi in der Lage gewesen, durch ihre Bindung an Grund und Boden ein gewisses Maß an Unabhängigkeit zu behalten, wurden Krieger ab dieser Periode vollständig von ihrer Beziehung zu ihrem Lehnsherrn und den von ihm verliehenen Stipendien abhängig. Die Position der daimyō dagegen wurde durch die Strukturen von Hideyoshis Regierung garantiert und gesichert. In letzter Konsequenz bedeutete dies, dass die Loyalität der japanischen Krieger notwendigerweise bedingungslos werden musste, da ihre Beziehung zu ihrem daimyō unilateral wurde.23
Die politischen Strukturen sowie die wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen von Hideyoshis Herrschaft reichten aber noch nicht aus, tatsächlich als zentrale Autorität über das ganze Land zu regieren. Darum genossen viele daimyō und ihre Domänen durchaus große Autonomie bzw. Selbständigkeit in der Verwaltung ihrer Ländereien und Steuereinkommen. Um einerseits seine Kontrolle über die Feudalfürsten zu festigen und andererseits ihre Machtbestrebungen nach außen zu richten, führte Hideyoshi deshalb 1592 und 1597 zwei Invasionen Koreas durch, die beide mit ungewöhnlicher Härte vorangetrieben wurden, aber letztlich fehlschlugen. Hideyoshi wurde in beiden Feldzügen von Nabeshima Naoshige unterstützt, weil dieser ihn 1590 als Vormund des neuen Saga-daimyō Ryūzōji Takafusa anerkannt und damit als tatsächlichen Herrscher Sagas bestätigt hatte.
Als Hideyoshi 1598 verstarb, hinterließ er als Nachfolger seinen minderjährigen Sohn Hideyori (1593–1615). Für diesen übernahm ein Regentenrat unter der Führung Tokugawa Ieyasus die Regierung. Aber schon bald führten innenpolitische Streitereien zu einer Spaltung zwischen jenen daimyō, die Hideyori unterstützten, und denen, die sich Ieyasu verpflichteten. Im Jahr 1600 bestätigte die Schlacht von Sekigahara die Oberhoheit Ieyasus als mächtigsten Landesfürsten Japans. 1603 konnte er sich zum Shōgun ernennen lassen. Er richtete daraufhin in Edo sein Militärregime, das Tokugawa-bakufu, ein und eröffnete damit die Edo-Periode (1603–1868), die dem Land für gut 250 Jahre relative Stabilität und Frieden bringen sollte.
Indem Ieyasu zahlreiche daimyō ihres Besitzes enthob sowie Lehen reduzierte und umverteilte, verstand er es, ein gut austariertes Kräftegleichgewicht zwischen den Tokugawa und ihren Zweigfamilien, den sie unterstützenden Klans (fudai daimyō) und jenen Fürstentümern zu errichten, die sich erst nach der Schlacht von Sekigahara gezwungen sahen, sich den Tokugawa zu unterwerfen (tozama daimyō). Konfiszierte Ländereien gingen auf diese Weise in die Hände verwandter Häuser, verdienter Vasallen oder der Tokugawa selbst über. Bereits durch diese Maßnahme war eine politische Vormachtstellung aufgrund von Landbesitz und damit von Steuereinkommen garantiert. Hideyoshis Erbe Hideyori wurde zu einem daimyō unter vielen mit Sitz in der Burg von Ōsaka, einem Ort, an dem sich in der Folge die Gegner des Tokugawa-Regimes sammelten. Aber in zwei Belagerungen 1614 und 1615 wurde die Burg von Ōsaka zerstört, Hideyori getötet und damit der letzte nennenswerte Widerstand gegen das Edo-bakufu beseitigt.
Bei der Schlacht von Sekigahara standen die Nabeshima stellvertretend für ihren daimyō Ryūzōji Takafusa und die Saga-Domäne eigentlich auf der Seite der Toyotomi, befanden sich aber auf Befehl des Toyotomi-Feldherrn Ishida Mitsunaris (1560–1600) nicht vor Ort. Nachdem das Ergebnis der Schlacht bekannt geworden war, wechselten sie opportunistisch sofort die Seiten, ordneten sich Tokugawa Ieyasu unter und verfolgten auf seinen Befehl Teile der unterlegenen Armee, der sie dann eine heftige und für beide Seiten verlustreiche Schlacht lieferten. Nach dem Sieg konnte Nabeshima Katsushige Ieyasu 600 feindliche Köpfe überreichen und erhielt dafür seine offizielle Anerkennung als Repräsentant Sagas und die Garantie für den Erhalt der Ryūzōji-Domäne. Das hatte gleichzeitig zur Folge, dass die Ryūzōji zusammen mit den Nabeshima, wenn auch als tozama-Fürsten, auf ihrem angestammten Besitz verbleiben konnten, ohne versetzt zu werden und umsiedeln zu müssen.
Darüber hinaus konnten sich die Nabeshima noch enger an die Tokugawa binden: Als 1603 Katsushiges Gemahlin starb, gab ihm Ieyasu seine Adoptivtochter zur Frau. Diese Vermählung bedeutete natürlich für Vasallen eines außenstehenden Hauses eine hohe Anerkennung und einen großen Statusgewinn. Als dann 1607 sowohl der Ryūzōji-daimyō Takafusa als auch sein Vater Masaie unter nicht ganz aufgeklärten Umständen verstarben, ging damit die Ryūzōji-Hauptlinie zu Ende. Die Ryūzōji-Seitenlinien schlugen daher Katsushige mit seinen Verwandtschaftsbeziehungen zur shogunalen Familie als Nachfolger für den Fürstentitel vor. Damit erhielt der Nabeshima-Klan endgültig den Fürstentitel mitsamt der Domäne von Saga.
Gleich im Anschluss an die Zerstörung der Burg von Ōsaka 1615 wurde vom Shogunat das Buke Shohatto als allgemeingültiges Gesetzeswerk des Kriegeradels verkündet. Damit versuchte das Shogunat die Feudalfürsten zu reglementieren sowie ihre militärischen Fähigkeiten einzuschränken und zu kontrollieren. So mussten daimyō fortan jedes zweite Jahr auf Respektsbesuch in Edo verbringen (sankin kōtai), während ihre Ehefrauen und Kinder als Geiseln ständig in Edo wohnten. Das bedeutete nicht nur erhebliche Ausgaben für die einzelnen Domänen, sondern hatte unter anderem auch zur Folge, dass spätere daimyō, die in Edo geboren und aufgewachsen waren, die Fürstentümer, die sie regieren sollten, gar nicht kannten. Gleichzeitig wurden besonders den außenstehenden tozama-Häusern zusätzliche Ausgaben dadurch auferlegt, dass man sie zu Aufgaben im öffentlichen Dienst wie zum Beispiel zu öffentlichen Bauvorhaben verpflichtete. Kurz nachdem so die Bedingungen für die politische, wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung der Tokugawa sowie für Ruhe und Ordnung im Land sichergestellt waren, verstarb Ieyasu im Jahr 1616.
1637 brach mit der Rebellion von Shimabara südlich der Saga-Domäne der letzte große militärische Konflikt der Edo-Periode aus. Im Widerstand gegen erdrückende Steuern und das seit 1612 strikt durchgesetzte Verbot des Christentums erhoben sich Bauern und herrenlose bushi auf der Halbinsel Shimabara in einem verzweifelten Aufstand gegen das bakufu, nur um 1638 von den vereinigten Armeeverbänden aus diversen Domänen vernichtend geschlagen zu werden. Der Nabeshima-Klan stellte dabei mit 35 000 Mann unter ihrem Fürsten Katsushige das größte Kontingent an Kriegern, darunter auch den damals 49-jährigen Yamamoto Jin’emon Shigezumi, Yamamoto Jōchōs Vater, der sich bei der Schlacht hochverdient machte, sich aber schwere Verletzungen einhandelte. Aufgrund der Verdienste der Saga-Domäne bei der Niederschlagung dieser Rebellion wurde sie 1642 zusammen mit der Fukuoka-Domäne mit der militärischen Überwachung von Nagasaki beauftragt. Dort war der gesamte Überseehandel konzentriert und unter die monopolistische Verwaltung des bakufu gestellt worden. Im Gegenzug wurde für den Fürsten von Saga die Anwesenheitspflicht in Edo jedes zweite Jahr erheblich verkürzt, weshalb er auch der »Hundert-Tage-daimyō« genannt wurde.
Mit der Rebellion von Shimabara endete die letzte Gelegenheit für japanische Krieger, ihren Heldenmut auf dem Schlachtfeld zu beweisen. Als eine Folge des über 250 Jahre anhaltenden Friedens der Edo-Periode verlor die Kriegerklasse ihren wichtigsten Zweck, nämlich ihre Daseinsberechtigung als Krieger. Gleichzeitig boten auch die Verwaltungsapparate der verschiedenen Domänen nur begrenzte Möglichkeiten für umfangreiche und sinnvolle Beschäftigung. Bushi entwickelten sich daher zu einer meist unproduktiven sozialen Klasse, größtenteils ohne geregelte Beschäftigung, der es außerdem verboten war, sich in Berufen außerhalb ihres sozialen Standes zu betätigen. Hohe Preise in den Städten und der steigende Lebensstandard, also steigende Ausgaben bei gleich bleibenden Einkommen, führten langsam aber sicher zur Verarmung vieler Mitglieder des Kriegeradels.24
So war zum Beispiel die Genroku-Periode (1688–1704), die auf die Verfassung des Hagakure erheblichen Einfluss haben sollte, dadurch gekennzeichnet, dass es kaum noch bushi mit eigener Kriegserfahrung gab. Der »Weg des Kriegers« hatte sich in dieser Zeit bereits mehr und mehr von einer alltäglichen Realität zu einem symbolischen Ideal gewandelt. Die Wirtschaftskraft der japanischen Stadtbürger erstarkte immer mehr und zog mit der politischen Macht des Kriegeradels gleich. Die Ökonomie entwickelte sich weg von einer Reiswirtschaft immer mehr zu einer Geldwirtschaft hin, die sich auch auf dem Land durchsetzte und ein allgemeines Wirtschaftswachstum ermöglichte. Dieses Wachstum spiegelte sich auch in dem bunten und fröhlichen Kulturleben dieser Periode wider, ging aber an einem Großteil des Kriegeradels vorbei, denn die Stipendien der Samurai wurden weiterhin nach dem festgelegten Reisstandard berechnet.
Regelmäßige Reformen der Administration und des Finanzhaushaltes vieler Domänen erwiesen sich am Ende als fruchtlos, weil das konstante Bestehen auf Fleiß und Sparsamkeit einerseits und die Betonung von Samurai-Idealen und -Pflichten andererseits allein nicht in der Lage waren, die hausgemachten Probleme des Systems selbst zu lösen, sondern diese eher noch intensivierten. Die Diskrepanz zwischen den sozialen Ansprüchen der bushi und ihrem finanziellen Status, zwischen ihren hohen moralisch-ethischen Idealen in Bezug auf ihre Mission in der Gesellschaft und der ziellosen Gleichförmigkeit in der Lebensführung der meisten Krieger führte zu einem weitverbreiteten Verlust von Arbeitsmoral und zur Aufgabe von Idealen jenseits der Aufrechterhaltung von Status und Einkommen, denn »es war die Aufrechterhaltung der Samurai-Vorherrschaft, von der das ganze System abhing.«25
Die strikte Trennung des Kriegeradels von der übrigen Bevölkerung, seine Privilegierung sowie sein alleiniger Anspruch auf politische Macht und militärische Gewalt erzeugten während der Pax Tokugawa soziale und ethische Probleme und somit das Bedürfnis nach philosophischer Legitimierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dabei zeigten sich der Neo-Konfuzianismus der Chu-Hsi-Schule (shushigaku), die Wang-Yang-Ming-Schule (yōmeigaku) oder auch Strömungen des klassischen Konfuzianismus besonders hilfreich, eine intellektuelle Begründung für die statusorientierten sozialen Strukturen der Edo-Zeit zu liefern und der Rolle des Kriegers in Friedenszeiten Bedeutung zu verleihen. Der Konfuzianismus spielte eine bedeutende Rolle für die Verbreitung solch zentraler Konzepte wie Loyalität (chū) und kindliche Pietät (kō) als ideologischer Basis auch der Samuraierziehung und ihrer politischen Philosophie, die damit sowohl der Kriegerherrschaft über die Gesellschaft als auch den Forderungen der daimyō an die absolute, bedingungslose Loyalität ihrer Vasallen Legitimität verlieh.
Darüber hinaus produzierten Gelehrte innerhalb und außerhalb der öffentlichen Verwaltung zahlreiche Vorschläge für die Lösung der besorgniserregenden Lebensumstände der bushi, die sowohl Ideen für eine Reform der Kriegerklasse selbst als auch Neuformulierungen dessen enthielten, was es bedeutete, ein wahrer bushi zu sein. Viele Erforscher der japanischen Kriegerethik übersehen heutzutage aber oft, dass diese Neuformulierungen nicht als konkrete Beschreibungen der bushi-Realität damals verstanden werden können, sondern als idealisierte Konstrukte darüber interpretiert werden müssen, wie der Meinung solcher Gelehrten nach ein wahrer Krieger beschaffen sein sollte: »Der ›Boom‹ einer Literatur, die den Samurai einen neokonfuzianisch geprägten Verhaltens- und Moralkodex aufzuerlegen oder nahezubringen suchte, spiegelt gleichsam nicht die Wirklichkeit dieser Vorgaben, sondern vielmehr deren Mangel.«26
Der erste Gelehrte, der einen systematischen Versuch machte, eine neue Philosophie für Krieger in Friedenszeiten zu formulieren, war der einflussreiche Militärstratege und konfuzianische Philosoph Yamaga Sokō (1622–1685), der heute als Vater der Bushidō-Ethik betrachtet wird, obwohl er selbst diesen Begriff nie benutzte. Unter dem Namen shidō, einem Begriff aus dem Konfuzianismus, der mit »Weg des konfuzianischen Edelmanns« übersetzt werden sollte, konstruierte Yamaga tatsächlich eine Philosophie, die daraufhin konzipiert war, den japanischen bushi eine neue Identität zu verleihen. An die Stellen, wo frühere Bezeichnungen wie kyūba-no michi (»Weg des Bogens und Pferdes«) oder mononofu-no michi (»Weg der Recken«) nur eine rein militärische Bedeutung hatten, führte Yamaga, wie auch sein Zeitgenosse Kumazawa Banzan (1619–1691), die konfuzianische Vorstellung vom »Weg« als »Ethos« als eine neue Dimension in die Kriegerexistenz ein. Er rechtfertigte den unproduktiven, quasi parasitären Lebensstil der bushi, indem er ihnen eine neue soziale Funktion zusprach, nämlich die, ein ideales Beispiel an Moral und Tugend für die anderen Klassen zu verkörpern.27 Indem er die soziale Rolle der Samurai hauptsächlich in moralistischen Begriffen definierte, versuchte Yamaga also, die japanischen bushi mit dem konfuzianischen Edelmann (shi) von überlegenem moralischen Niveau zu identifizieren. Dabei kam der konfuzianischen Moral und Gelehrsamkeit eine zentrale Bedeutung zu. Das hatte unter anderem zur Folge, dass Begriffe, die normalerweise als »Weg des Kriegers« übersetzt werden, eine zweite Bedeutung erhielten.
Während das Selbstverständnis der bushi, nämlich in erster Linie ein Kriegeradel zu sein, durch ständige Betonung der Notwendigkeit von militärischer Bereitschaft seitens der Obrigkeit unterstützt wurde, rationalisierte Yamagas Philosophie die Umwandlung der Kriegerklasse zu einer gebildeten Klasse von Beamten und Bürokraten. Diese Entwicklung wurde fortgesetzt in den Schriften von Schülern Yamagas wie Daidōji Yūzan (1639–1731), der, wie sein Lehrer, die Bedeutung von Gelehrsamkeit und rationalem Denken betonte.28 Im Hagakure sollte demgegenüber diese Art der konfuzianischen Argumentation vom »wahren Weg« als einem »Weg der menschlichen Moral« kritisiert werden, weil der Konfuzianismus einem Krieger, der als Mensch natürlicherweise dem Leben verhaftet sei, nur zu einer intellektuellen Ausrede verhelfe, in extremen Situationen am Leben bleiben zu können und diese Einstellung dann auch noch zu legitimieren. Im Hagakure sollten im Gegenteil Reinheit und Unverfälschtheit betont werden, die nur im Tod und im Abwerfen des »Ich« und der Bindung an das Leben zu finden seien.29
Zeitgenössische Beobachter wie Daidōji oder auch der berühmte Schriftsteller aus der Edo-Zeit Ihara Saikaku erkannten, dass der »ideale Krieger« die Ausnahme ist.30 Aber gerade weil die realen Lebensumstände der bushi der unteren Ränge und des einfachen Volks kaum zu unterscheiden waren, hing die Identität der Krieger von dem Anspruch darauf ab, dass ein essentieller Unterschied zwischen den Ständen besteht. Die Kluft zwischen dem sozialen Status und der aktuellen wirtschaftlichen Situation sowie der politischen Machtlosigkeit der meisten Krieger machte die ideologische Instrumentalisierung solcher Unterschiede, real oder fiktiv, umso notwendiger. Von bushi wurde erwartet, dass sie sich in einer Art und Weise verhielten, die sich fundamental von den angeblich niedrigen Verhaltensweisen des gemeinen Pöbels unterschied. Diese Art der Arroganz gegenüber Nicht-Samurai war genauso ein Teil des Selbstverständnisses japanischer Krieger wie Bekundungen von Bereitschaft zum militärischen Einsatz von bushi, die in ihrem Leben nie an einer Schlacht oder einem Kampf teilgenommen hatten. Aus den gleichen Gründen wurden Krieger auch für verhältnismäßig geringe Vergehen in der Regel strenger bestraft als das einfache Volk.31
Ein weiteres Bild der eher grauen Samurai-Realität zeichnet Fukuzawa Yukichi (1835–1901), dessen Beschreibung der Lebensbedingungen von bushi in seiner eigenen Domäne eine tiefe Kluft in der Samuraiklasse selbst aufzeigt. Das, was als der ideale Bushidō betrachtet wurde, d. h. ein »selbstperfektionierendes« Gelehrtenleben mit einer Betonung auf Etikette und erblichem Status, wurde und konnte in der Realität nur von den wenigen Angehörigen der höheren Ränge praktiziert werden, weil nur sie über die entsprechenden finanziellen Mittel und Freizeit verfügten. Samurai der mittleren und niederen Ränge, die die Mehrheit dieser Klasse darstellten, hatten weder die Ressourcen noch die Zeit, sich mit Fragen einer hehren Kriegerethik zu beschäftigen, sondern waren gezwungen, durch Nebenarbeiten ein produktives Leben zu führen, obwohl dies weder legal noch mit dem Kriegerideal vereinbar war.32 Daher erscheint es in diesem Zusammenhang signifikant, dass jene bushi, die eine instrumentale Rolle in der Meiji-Restauration 1867–68, der japanischen Modernisierung und letztendlich der Auflösung der Kriegerklasse spielen sollten, sich hauptsächlich aus den unteren Rängen der Samurai rekrutierten. Das Bushidō-Ideal erzeugte so eine Atmosphäre von selbstgewissem Klassenbewusstsein und Arroganz nicht nur zwischen der Krieger- und den anderen sozialen Klassen, sondern auch in der bushi-Klasse selbst. Vor diesen historischen Hintergründen gilt es nun das Milieu zu betrachten, in dem das Hagakure entstand.
Die Saga-Domäne, auch Hizen-Domäne genannt, gehörte zu den tozama oder außenstehenden Fürstentümern, weil sie sich erst nach der Schlacht von Sekigahara im Jahre 1600 den Tokugawa unterworfen hatte. Gleichzeitig nahm sie, wie oben beschrieben, aufgrund der Verwandtschaftsbeziehungen der Nabeshima zur shogunalen Familie und ihres Wachauftrages in Nagasaki, wo der gesamte japanische Außenhandel abgewickelt wurde, eine besondere Stellung ein. Durch Einflüsse zum Beispiel aus Holland, die Saga über Nagasaki erfuhr, sollte die Domäne im 19. Jahrhundert neben Satsuma, Chōshū und Tosa deutlich zur Meiji-Restauration und der Modernisierung Japans beitragen. Dass Saga sich Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts derart behaupten konnte, ist größtenteils den militärischen Fähigkeiten und dem politischen Geschick von Nabeshima Naoshige (1538–1618) und seinem Nachfolger und erstem Nabeshima-daimyō Nabeshima Katsushige (1580–1657) zu verdanken.
Nachdem Ryūzōji Takanobu, der sengoku daimyō von Saga, 1584 gefallen war, musste die Domäne zwar erhebliche Landverluste verkraften, konnte aber letztendlich unter der Führung Naoshiges überleben und ihren Bestand beim Tokugawa-bakufu durchsetzen. Weil das Fürstenhaus von Saga nicht in eine andere Domäne versetzt wurde, konnte es seine angestammten Territorien behalten und festigen. Aus diesem Grund behielt das Haus die alten Feudalstrukturen seiner Vasallengruppierung auch größtenteils bei, und dies bedeutete, dass viele Vasallen ihre eigenen Ländereien als Lehen verwalteten und Abgaben bezahlten, ihre militärischen Pflichten ableisteten und ihre eigenen Gefolgsleute unterhielten. Das hatte eine große Belastung der Klan-Finanzen und eine verhältnismäßig geringe Zentralisierung der Domäne zur Folge, die während der Edo-Zeit erst allmählich zentraler organisiert wurde.
Nachdem Nabeshima Katsushige 1607 den Fürstentitel von Saga übernommen hatte, wurden von 1606 bis 1611 umfassende Landvermessungen durchgeführt, um die Jahresproduktivität der Agrarflächen zu berechnen. Die Vermessungen ergaben 357 036koku, nach denen sich nicht nur die Steuereinnahmen berechneten, sondern auch der Status des daimyō gegenüber anderen Fürsten ermessen wurde. Darüber hinaus konfiszierte Katsushige zur Festigung der Klanfinanzen die Lehen und Einkommen aller Krieger unter 50koku, enthob sie ihrer Ämter und bezahlte ihnen als Ausgleich ein Gehalt aus den Vorratsspeichern der Domäne. Trotzdem hatten diese niederen bushi der unteren Ränge weiterhin die Pflicht, zu Kriegszeiten mit Speer und Rüstung Militärdienst zu leisten. 1611 setzte Katsushige zusätzlich durch, dass alle Vasallen 30 Prozent ihrer angestammten Lehen, d. h. ihrer angestammten Ländereien, an die Domäne abgeben mussten. Mit diesen zusätzlichen Einkünften wurden für den Erhalt des Klans vier Zweigfamilien des Nabeshima-Hauses eingerichtet und mit Ländereien ausgestattet, nämlich die Häuser der Kashima, Ogi, Hasunoike und Shiraishi. Außerdem wurden den Familien von Vasallen Kinder des Nabeshima-Hauses zur Adoption gegeben bzw. wurde ihnen das Recht verliehen, ihrem Familiennamen den Namen Nabeshima anzuhängen. Auf diese Weise errichteten die Nabeshima eine breite Basis für den Erhalt und erreichten einen starken Zusammenschluss ihrer Domäne.
1642 wurden allerdings die Oberhäupter der Kashima-, Hasunoike- und Ogi-Nebenlinien aufgrund der Höhe ihrer Einkommen selbst zu daimyō mit ihren eigenen Domänen erklärt, die sich als Zweigdomänen von Saga abspalteten und so praktisch wieder eine Zerstückelung der Klan-Finanzen nach sich zogen. Die militärische Bewachung Nagasakis im Zweijahresrhythmus ab 1642 bedeutete zusammen mit allen anderen obligatorischen Ausgaben, wie z. B. die Pflichtaufenthalte in Edo, die Klan-Villen und Haushalte in Edo und Kyōto, die Klan-Vertretung in Ōsaka usw., eine zusätzliche Belastung des Finanzhaushalts. Deshalb verfügte der daimyō von Saga selbst nur über ein reales jährliches Steuereinkommen von rund 60 000koku. Auch darum entwickelte es sich in Saga fast schon zu einer Tradition, Ländereien der Zweigfamilien in »Leihe« zu nehmen, um sie dann bis zum Ende der Edo-Zeit nicht wieder zurückzugeben.331652 fasste Katsushige dann die Klan-Gesetze unter dem Namen Tori-no-ko Gochō zusammen, das praktisch eine Verfassung der Saga-Domäne darstellte, auf der die Regierungs- und Verwaltungsstrukturen fußten.
Mit Fürst Mitsushige (1632–1700), dem Enkel Katsushiges und damit Tokugawa Ieyasus Urenkel, übernahm dann 1657 der erste Saga-daimyō den Klan-Vorstand, der weder Kriegserfahrung hatte noch in Saga selbst geboren und aufgewachsen war. Aufgrund seiner Erziehung in Edo, dem damaligen politischen und kulturellen Zentrum Japans, zeichnete sich Mitsushiges Führungsstil hauptsächlich durch zivilrechtliche und zivilisatorische Maßnahmen aus. Am berühmtesten jedoch ist er für sein Verbot des junshi, d. h. das Verbot, einem Lehnsherrn durch Selbstmord in den Tod zu folgen. Als Fürst Katsushige 1657 gestorben war, hatten 28 Männer seines direkten Gefolges junshi oder auch oibara, wie es in Saga genannt wurde, begangen. Weil das einen erheblichen Verlust an Erfahrung und Talent für die neue Administration bedeutete, stand Mitsushige dieser im 17. Jahrhundert besonders um sich greifenden (Un-)Sitte äußerst kritisch gegenüber. Im 10. Monat des Jahres 1662 erließ er daher für die Saga-Domäne ein allgemeines Verbot, das Oibara Hatto. Diesem Beispiel folgte bereits ein Jahr später erst eine Seitenlinie der Tokugawa, das Kishū-Tokugawa-Haus, das dann das bakufu veranlasste, dem Buke Shohatto ein allgemeines junshi-Verbot für ganz Japan hinzuzufügen. Weil ein diesem Verbot trotzender junshi-Tod Konsequenzen sowohl für die engere Familie als auch für den Klan des Selbstmörders hatte, wie z. B. eine erhebliche Verringerung des Lehens einer Domäne, unterblieb er in der Folgezeit fast völlig.34
Darüber hinaus legte Mitsushige einen weiteren Schwerpunkt auf die Umstrukturierung der feudalen Rangordnung. So ließ er 1659, im gleichen Jahr, in dem Yamamoto Jōchō geboren wurde, den Rang der chakuza als Rang unter dem der Klan-Ältesten (karō) einrichten, um die Basis derjenigen Vasallen, die hohe Regierungsämter übernehmen konnten, zu erweitern. Weiterhin wurden 1683 die drei Zweigdomänen Kashima, Hasunoike und Ogi wiederum unter die Schirmherrschaft der Hauptdomäne gestellt und ihre Fürsten unter dem neuen Rang gosanke – »die drei ehrenwerten Häuser« – wieder der Saga-Hierarchie einverleibt. Im gleichen Jahr regelte er auch die Erbfolgerechte für bushi des Klans neu und ermöglichte dadurch auch Minderjährigen die Nachfolge und Übernahme der Lehen ihrer Väter. Schließlich ließ er 1691 zur Förderung der Gelehrsamkeit auf dem Gelände der Burg von Saga eine große konfuzianische Gebetshalle errichten, bevor er 1695 in den Ruhestand trat und den Fürstentitel an seinen Sohn Tsunashige (1652–1707) abgab. Nachdem dieser 1699 die vier verbleibenden Ryūzōji-Seitenlinien zu shinrui dōkaku, d. h. als gleichrangig mit den Seitenlinien der Nabeshima, erklärt hatte, ergab sich damit die folgende Hierarchie des Saga-Klans:
gosanke, die »drei ehrenwerten Häuser«, d. h. die Kashima-, Hasunoike- und Ogi-daimyō,
shinrui, die »Verwandten«, d. h. die übrigen Seitenlinien der Nabeshima-Familie,
shinrui dōkaku, die »den Verwandten Gleichrangigen«, d. h. die vier Ryūzōji-Seitenlinien der Taku-, Takeo-, Isahaya- und Suko-Häuser,
karō, die »Klan-Ältesten«, die höchste Posten in der Klan-Regierung und -Verwaltung innehatten,
chakuza, die »Sitzenden«, d. h. höhere Vasallen mit einem festen Sitz in der Regierung und Verwaltung, die auch die Aufgaben eines karō übernehmen konnten,
dokurei, die »einzeln Grüßenden«, d. h. die etwas höherstehenden Samurai mit dem Recht, dem Fürsten ohne Begleitung ihre Aufwartung machen zu dürfen,
samurai, die »Dienenden«, d. h. die normalen Lehnsmänner,
teakiyari, die »Speerträger«,
kachi, die »Läufer« und
ashigaru, die »Leichtfüßigen«.
Die unteren drei Ränge hatten unter Katsushige ihre Lehen verloren und entsprachen dem, was man in westlichen Armeen »leichte Infanterie« nennen würde. Dabei konnten die teakiyari auch die Führung über die unteren beiden Ränge und andere öffentliche Aufgaben übernehmen. Mitglieder der unteren drei Ränge waren gōshi, d. h. Provinzkrieger, die also auf dem Land und nicht in der Stadt lebten, Landwirtschaft betrieben, Militärdienst leisten mussten und gegenüber den heimin, den Mitgliedern des normalen Volks, gewisse Privilegien genossen. Sie bildeten also eine Zwischenschicht zwischen dem Kriegeradel und der übrigen Bevölkerung. Damit übten sie einerseits eine soziale Kontrolle über die Landbevölkerung aus – in Saga kam es deshalb vergleichsweise selten zu Bauernaufständen. Andererseits wirkte diese Aufteilung wieder der politischen Zentralisierung entgegen und zog z. B. durch Steuerbefreiungen Finanzverluste für die Domäne nach sich. Das Hagakure muss in nicht unerheblichem Maße also auch als Reaktion bzw. Kritik an diesen Maßnahmen zivil- und verwaltungsrechtlicher Politik und der Umstrukturierung der Feudalstrukturen Sagas bewertet werden. Besonders in der Einführung, aber auch in späteren Passagen werden diese »Neuregelungen«, die von althergebrachter Tradition abweichen, kritisch erwähnt, um so zu einer Rückkehr zu den »glorreichen« Ursprüngen des Kriegertums und des Klans aufzurufen.35
Gleichzeitig jedoch hält sich das Hagakure in anderen Bereichen mit offenerer Kritik extrem zurück. So tat sich Fürst Mitsushige neben seinen Regierungsmaßnahmen auch als Förderer der Künste hervor und leistete sich privat einen umfangreichen Harem mit drei offiziellen Ehefrauen und 13 Konkubinen, mit denen er 41 eigene Kinder hatte und acht Adoptivkinder annahm. Er führte also einen ausgesprochen luxuriösen und nach damaligen Ansichten schamlosen Lebenswandel, der ihm durchaus den Ruf eines »unmoralischen« Herrschers hätte einbringen können. Die nötigen Unterhaltsausgaben, die Vetternwirtschaft und die Postenschieberei, die sich aus den komplizierten Familienbeziehungen des Harems ergaben, bedeuteten eine verhängnisvolle Belastung für die Klan-Kassen. Schulden in Ōsaka und Kyōto häuften sich derartig an, dass Saga bald die anfallenden Zinsen nicht mehr bezahlen konnte und keine neuen Darlehen mehr erhielt. Das führte wiederum in Edo zu einem ausgesprochenen Verfall von Sagas Ruf und 1689 in der Domäne selbst zu einer Wirtschaftskrise mit weitreichenden Konsequenzen für die bushi der niederen Ränge und die einfache Bevölkerung. Erst als der Klan-Älteste Nakano Shōgen Masakane, ein Onkel Yamamotos, für diese Krise die Verantwortung übernahm und seppuku beging – bei dem ihm Jōchō übrigens als Sekundant (kaishaku) assistierte –, konnte die Krise fürs Erste beigelegt werden. Obschon der wirklich Verantwortliche, Fürst Mitsushige, letztlich ungeschoren davonkam, finden sich im Hagakure dazu keine weiteren Details, weil das eine direkte Kritik am Lehnsfürsten bedeutet hätte, für den Shōgen praktisch als Sündenbock herhielt.
Auch wegen seiner Vorliebe für die Poesie kann man Mitsushige kaum als idealen Fürsten, der seinen Aufgaben als Landesherrscher gerecht wurde, bezeichnen. Entgegen dem Verbot seines Großvaters Katsushige, sich mit Poesie zu beschäftigen, nahm Mitsushige diese Liebhaberei nach dessen Tod wieder auf und ließ in Kyōto eigens das Amt des gokashokata einrichten, der für die Anschaffung von Gedichtsammlungen zuständig war. Als Inhaber dieser Funktion sollte Yamamoto Jōchō den größten Erfolg seiner Karriere feiern dürfen. Hierin liegt aber auch der Grund, warum Jōchō die Poesieliebe seines Lehnsherrn schlecht direkt kritisieren konnte.
Um das Verhältnis zwischen Mitsushige und seinem Sohn und Nachfolger Tsunashige war es aufgrund dieser Eskapaden nicht zum Besten bestellt, sicherlich auch wegen der vielen Probleme, die Mitsushige in Form von Schulden, Finanzproblemen und Kindern hinterließ. Solche Probleme ignorierte Jōchō im Hagakure allerdings und beschrieb ausschließlich die aufrichtigen und redlichen Seiten seiner Domäne und seines Fürsten. Auf diese Weise war, so Matsuda Osamu, eigentlich schon garantiert, dass das Hagakure später, trotz seiner Kritik an offizieller Klan-Politik, inoffiziell als »Chronik« des Nabeshima-Hauses übernommen werden würde.36
Yamamoto Jin’emon Tsunetomo (oder Gyokuzan Jōchō, wie er, nachdem er im Jahr 1700 Laienmönch wurde, sich nannte), wurde am 11. des 6. Monats 1659 in Katatae Yokokōji, nahe der Burg von Saga, geboren. Das bedeutet, dass Jōchō 27 Jahre jünger als Fürst Mitsushige und sieben Jahre jünger als dessen Nachfolger Tsunashige war. Er war das jüngste Kind von Yamamoto Jin’emon Shigezumi, der bei Jōchōs Geburt bereits 70 Jahre alt war, und Enkel von Nakano Jin’emon Kiyoaki. Beide hatten sich sowohl auf dem Schlachtfeld als auch in der Wirtschaftspolitik der Saga-Domäne verdient gemacht. Da Shigezumi als Kiyoakis dritter Sohn nicht erbberechtigt war, ging er als Adoptivsohn in die nahestehende Yamamoto-Familie, um dort den Familienvorstand zu übernehmen. Laut Matsuda Osamu hatte Jōchō diesen beiden Männern gegenüber einen Minderwertigkeitskomplex, weil er während seiner gesamten Laufbahn zwar immer in nächster Nähe zum Fürsten diente, aber deren Leistungen bei weitem nicht gleichkommen konnte.37
Aufgrund seines hohen Alters bei der Geburt seines jüngsten Kindes sowie wegen dessen kränklichen Gesundheitszustandes wollte Jōchōs Vater ihn eigentlich einem Salzverkäufer zur Adoption geben. Davon hielt ihn allerdings Taku Zusho Shigetomi aus einer der Seitenlinien des Hauses Ryūzōji ab, der nicht nur Shigezumis militärischer Vorgesetzter war, sondern auch Jōchōs Pate wurde und ihm den Kindernamen Matsukame gab.38
1667 erhielt Jōchō in seinem neunten Lebensjahr unter dem Namen Fukei als osoba kozō, d. h. als Laufbursche, seine erste Dienststelle an der Seite Fürst Mitsushiges, den er noch im selben Jahr bei dessen Respektsbesuch nach Edo begleitete. Dort diente er auch Mitsushiges sieben Jahre älterem Stammhalter Saemon, dem späteren Fürsten Tsunashige, als Spielgefährte.
Nach dem Tod seines Vaters am 13. Tag des 10. Monats 1669 wurde Jōchō von seinem 20 Jahre älteren Neffen Yamamoto Gorōzaemon Tsuneharu im Militärhandwerk ausgebildet und trainiert. Mit 12 Jahren erhielt Jōchō von Mitsushige den Befehl, als Vorstufe zur Volljährigkeit seine Stirnhaare wachsen zu lassen. Daraufhin trat er 1672 unter dem Namen Ichijūrō als kogoshō, als Juniorpage, wieder in Dienst. Nach seiner genpuku-Zeremonie zur Volljährigkeit 1678 wurde er unter dem Namen Gon’nojō Assistent bzw. Juniorsekretär des oshomotsu-Beamten, des Dokumentenverwalters und Sekretärs des Fürsten. In dieser Funktion beschäftigte er sich mit dem Kopieren wichtiger Dokumente und dem Schreiben von Poesie. Im gleichen Jahr wurde auch Tashiro Tsuramoto geboren, der später die Erzählungen Jōchōs notieren und im Hagakure zusammenfassen sollte.
Jōchō verlor aber bald darauf Posten und Gehalt, weil er dem Nachfolger des Fürsten als Poesiepartner gedient, womöglich sogar Unterricht erteilt und damit die Missgunst Mitsushiges geweckt hatte. Diese Episode mutet etwas merkwürdig an, zumal das Schreiben von Gedichten zu Jōchōs Aufgaben gehörte. Aus diesem Grund könnte es sich bei seiner Kündigung möglicherweise auch um ein kleines Eifersuchtsdrama seitens Fürst Mitsushiges gehandelt haben, der es nicht guthieß, dass sein eigener Poesiepartner fremdging.
In der folgenden Zeit als rōnin, also als Krieger ohne Anstellung, studierte Jōchō Buddhismus unter Abt Tannen Ryōjū (gest. 1680), einem Priester der Sōtō-Schule des Zen-Buddhismus, der auch seinem Vater nahegestanden hatte. Im 4. Monat 1679 wurde Jōchō von seinem Lehrer als Mönch initiiert und im 12. Monat, wie sein Vater vor ihm, lebend einer Bestattungszeremonie unterzogen (ako nenju), um ihn so von seiner Verwachsenheit mit dem Leben zu befreien.39 Dabei erhielt er den buddhistischen Totennamen Gyokuzan Jōchō, den er auch nach 1700 als Laienmönch benutzen sollte.
Als elfter Abt des Nabeshima-Familientempels Kōdenji hatte Tannen einerseits strikt die Einhaltung der Mönchsregel durchgesetzt, andererseits sich durch seine Betonung der menschlichen Barmherzigkeit und Anteilnahme einen Namen gemacht. Unter den vier Gelübden in der Einleitung des Hagakure, die zu den zentralen Werten des Werkes gezählt werden, wird das vierte Gelübde, »ein Herz von großer Barmherzigkeit und Anteilnahme zu fassen und zum Wohle der Menschen zu wirken«, auf Abt Tannens Einfluss zurückgeführt.40
Parallel zu seinen buddhistischen Studien erhielt Jōchō unter dem konfuzianischen Gelehrten Ishida Ittei (1629–1693) eine eigene Ausbildung. Dieser hatte als einziger Gelehrter Sagas intensiv Shintō, Konfuzianismus und Buddhismus studiert und seit seinem 17. Lebensjahr als einziger offizieller Gelehrter der Saga-Domäne in der direkten Umgebung Fürst Katsushiges gedient. Nach dessen letztem Willen wurde Ittei auch Berater des drei Jahre jüngeren Fürsten Mitsushige. 1662
