Halbleben - Axel Brandt - E-Book

Halbleben E-Book

Axel Brandt

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Beschreibung

Ein mysteriöser Toter auf einer Zugfahrt ins Jenseits. Eine Jura-Studentin, die sich um ein Praktikum am Jüngsten Gericht bewirbt. Ein skrupelloser Hühnerbaron, der sein dunkles Karma verflucht. Bloggende Drachen, hypnotische Parasiten, schwarze Magie im Wahlkampf, ja sogar die Korruption in der Totenwelt. Acht hintersinnige Geschichten, mitreißend und mit schwarzem Humor erzählt, entführen den Leser in eine Welt, in der die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits gefährlich durchlässig wird.

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EPUB
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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Axel Brandt

Halbleben

Phantastische Geschichten aus dieser und aus jener Welt

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

»Wenn‘s denn der Karriere dient ...«

Der Schrei

Volkes Stimme

Halbleben

Karma-Express

»Übrigens, ich heiße Ubbo«, sagte der Wurm

Wie der Drache zu seinem Personalausweis kam

Totensonntag

Bibliographische Angaben

Impressum neobooks

»Wenn‘s denn der Karriere dient ...«

»Wir stellen keine Praktikantinnen ein«, knurrte die Dämonin. »Und wenn doch, dann ganz bestimmt nicht dich!« Der dreieckige Ziegenkopf verschwand im Halbdunkel des Gerichtsflurs. Die schwere Eichentür krachte ins Schloss.

Carina starrte auf die Schalen der Balkenwaage, die ins Türholz eingeschnitzt waren. Ihre eingefallenen Wangen röteten sich. »Also wirklich!« Sie stampftemit dem Pumps auf den schwarzen Basalt, mit dem der Platz rings ums Jüngste Gericht gepflastert war. Dann hämmerte sie den totenschädel­förmigen Türklopfer mit aller Kraft gegen das Eichenholz.

Ein Geier flatterte vom Türsims auf und verschwand kreischend in den Schatten der gigantischen Marmorkuppel, die sich über dem Gerichtsgebäude erhob.

Die Hintertür öffnete sich erneut. Ein eisiger Luftzug strich um Carinas übernächtigtes Gesicht, wehte den Geruch von Moder und Aktenstaub in ihre Nase.

»Du bist wohl nicht die Hellste, was?« Die Polizeiteufelin baute ihren schwarzuniformierten Leib vor der Studentin auf, stemmte die Arme in die breiten Seiten. »Wir stel-len kei-ne Prak-ti-kan-tin-nen ein!«, wiederholte sie. »Hast du das jetzt kapiert?« Ihre dunklen Ziegenaugen funkelten, die polierten Hufeschimmerten im fahlen Jenseitslicht.

»So?« Carina zog ein Faltblatt aus der schmalen Aktentasche, in der sie ihre Bewerbungsunterlagen verstaut hatte. »Und was soll dann das hier?‚Du hast Prüfungen in den wichtigsten Bereichen der Rechtswissenschaft abgelegt und dabei stets überragende Ergebnisse erzielt? Du beherrschst mindestens zwei Fremd­sprachen, besitzt vertiefte Kenntnisse des römischen Rechts und fühlst dich für das Außergewöhnliche bereit? Dann komm zu uns und bewirb dich für ein Praktikum am Jüngsten Gericht. Wenn du uns überzeugst, bieten wir dir ...‘«

»Wo hast du das her?«

»Liegt stapelweise bei uns in der Juristischen Fakultät herum.«

»Das solltest du nicht einmal sehen können!« Die Höllenkreatur zerfetzte den Prospekt mit ihren scharfen Raubtierkrallen. »Den haben wir nur für eure Toten ausgelegt.«

»Tote? Was für Tote?«

»Na, für die, die den Prüfungsstress nicht aushalten und sich deshalb erhängen oder erschießen oder so. Die geistern nämlich noch ein paar Jahre lang durch eure Fakultät und stoßen Bücher aus den Regalen oder erschrecken eure Professoren auf dem Klo. Für die sind diese Faltblätter ausgelegt. Ihr anderen solltet die eigentlich gar nicht sehen. Es sei denn ...« Sie packte die Studentin unter dem Kinn.

Carina rümpfte die Nase. »Du stinkst nach Ziegenstall!«

»Und du nach Menschenfrau.«

Die Dämonin musterte die verhärmte Studentin, die in nebelgrauem Blazer und Bügelfaltenhose vor ihr stand. »Du bist doch nicht etwa tot, oder?«

»Tot? Nicht dass ich wüsste.« Carina zog einen Tablettenstreifen aus der Blazertasche, schob sich eine leuchtend gelbe Kapsel zwischen die bleichen Lippen. »Ich hab‘ doch immer gewusst, dass es in der Bibliothek spukt«, murmelte sie. »Es hat mir nur nie jemand geglaubt.«

»Zeig mal her.« Die Teufelin warf einen Blick auf den Aluminiumstreifen. »Ist das etwa das Zeug, mit dem ihr euer Hirn für die Prüfungen aufpeppt und dann endlos ohne Schlaf auskommt?«

»Und ohne Essen.« Carina nickte. »Examelan forte. Willst du auch?«

Die Höllenkreatur schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr die Schirmmütze, die sie zwischen den krummen Hörnern trug, in die flache Stirn rutschte. »Davon kriegt man Wahnideen!«

»Nur wenn man sie regelmäßig nimmt.«

»Und warum wirfst du dir dieses Dreckszeug dann ein?«

»Du hast wohl nie studiert.«

»Ich?« Die Höllenkreatur lachte meckernd auf. »Weißt du, wo ich herkomme?«

»Solange du brav deine Einsen schreibst, ist ja alles okay. Aber wenn die Noten nicht mehr stimmen, ist dein Stipendium ganz schnell weg und dann ...«

Zwei stark geschminkte Frauen stöckelten an Carina vorbei. Ihre Körper waren halb durchsichtig, ihre blassroten Minikleider von einer feinen Schimmelschicht überzogen.

»Prostituierte? Hier?«

Die Frauen passierten den Gerichtsplatz, verschwanden in einer Bar in der Seitengasse.

»Hast du die auch gesehen?«

»Wen?«

Carina starrte auf den Tablettenstreifen in ihrer Hand und warf ihn auf das Basaltpflaster. »Meine Eltern finden sowieso, ich sollte lieber auf den Hof zurückkommen und die Schweinemast übernehmen.«

Sie seufzte, ließ ihren Blick über die gewaltige Kuppel des Gerichtsgebäudes schweifen.Unter dem fahlen Himmel kreiste ein Geierschwarm.

Etwas klatschte auf die schwarze Mütze der Teufelin.

»Himmlisches Mana ist das aber nicht.« Carina kicherte schadenfroh.

Die Dämonin reckte knurrend die Mittelkralle in die Höhe. »Die Federn einzeln ausrupfen sollte man diesem Geflügel!« Sie zog die Schirmmütze zwischen den Hörnern hervor, leckte den schwarzen Stoff sauber. »Was ich allerdings nicht so recht begreife: Warum willst du dein Praktikum unbedingt hier am Jüngsten Gericht machen? Für eine Sterbliche wie dich ist das doch eine ziemlich schräge Idee.«

»Soll ich nach dem Studium etwa als Wald- und Wiesenanwältin in irgendeinem Provinzloch versauern?«, rief Carina und öffnete den Verschluss ihrer Aktentasche. »Wenn du dich bei einer der internationalen Kanzleien bewerben willst, dann musst du etwas Besonderes vorweisen. Etwas, das dich aus der grauen Masse heraushebt. Über so einen öden Standard-Lebenslauf lachen die Personalchefs doch nur.« Sie klatschte der Polizeiteufelin die Mappe mit den Bewerbungsunterlagen vor die Brust. »Also, was ist jetzt? Lässt du mich rein? Oder muss ich mich erst bei deinen Vorgesetzten beschweren?«

»Beschweren?« Das graue Gesichtsfell der Dämonin verfärbte sich blassblau. »Das wird nicht nötig sein. Allerdings ... es gibt da womöglich noch ein kleines Problem.« Sie verschwand im Gerichtsflur, kehrtemit einer klobigen Schlachtpistole zurück. Der Lauf war von festgetrockneten Blutflecken gesprenkelt.

»Die sieht ja aus wie die auf unserem Hof.«

»Ich weiß.«

Die Blicke der beiden Frauen trafen sich.

»Muss das wirklichsein?«

»Wenn du hier bei uns ein Praktikum machen willst ...«

Eine eisige Windbö fegte um die himmelhohe Kuppel, fing sich heulend in den gewaltigen Fensterhöhlen.

Carina schauderte, schob die dunkelbraunen Locken beiseite. Sie setzte sich den zylinderförmigen Laufan die Schläfe.

»Wenn‘s denn der Karriere dient ...«

Sie drückte ab.

Der Schrei

Ja, dachte Pohlmeier und versuchte erfolglos, das Wimmern des Alarms zu ignorieren. Seit dieser vermaledeite, schwarze Hahn auf seiner Geflügelfarm aufgetaucht war, war dort wirklich so ziemlich alles schiefgegangen. Am Montag vor Ostern hatte das Elend begonnen.

Er hatte gerade den Mist in der Mast­halle zusammengeschoben, als das unheimliche Biest zwischen den Gebläseschlangen unter der Decke erschienen war, einfach so, mitten aus dem Nichts. Dann war es auf den riesigen Kothaufen in der Mitte der Halle herab geflattert, hatte den Hühnermäster aus Augen gemustert, die wie eine Schmiedeesse glühten, und ihn derart grimmig angekräht, dass es fast wie das Knurren eines Wolfes klang. Pohlmeier hatten sich vor Schreck richtig die Nackenhaare aufgestellt.

Der Alarm an seinem Patientenmonitor wimmerte weiter. Eine gelbe Warnlampe flackerte auf. Danuta, diepolnische Nachtschwester mit den eisgrauen Augen und der walkürenhaften Figur, stolperte gähnend herein, klatschte einen dicken Fragebogen auf das Fußende seines High-Tech-Bettes und strich über das blinkende Sensorfeld des Überwachungsmonitors. Der Alarm erstarb. Sie setzte sich an Pohlmeiers Seite, nahm den knisternden Mundschutz ab und zog eine Ausgabe von »Mein Traumhaus« aus ihrem blauen Schwesternkasack. Ein goldener Reif schimmerte an ihrem Hals. Sie gähnte erneut.

Pohlmeier versuchte, es ihr nachzutun. Sein septischer Körper ignorierte den Impuls. Was angesichts des künstlichen Komas, in das man ihn nach seiner Einlieferung ins St. Angelus versetzt hatte, allerdings auch nicht weiter verwunderlich war. Nur seltsam, dachte der Hühnerbaron, dass er seitdem weitaus klarer zu denken vermochte als je zuvor in seinem Leben. Ja, er konnte inzwischen sogar durch seine geschlossenen Lider hindurchsehen, als bestünden diese aus Fensterglas. Und sich dabei auch noch selbst betrachten, wenn er wollte: Seinen massigen Ringerleib, mit dem er bis vor kurzem an Alte-Herren-Wettkämpfen teilgenommen hatte, den kahlrasierten Schädel mit den EEG-Elektroden dran oder die knotige, von roten Äderchen durchzogene Nase. Von dem hässlichen Beatmungstubus zwischen seinen bleichen Lippen und den grässlichen, weißen Schläuchen in der Brust, die ihn mit der Herzmaschine verbanden, ganz zu schweigen.

Was soll’s, dachte Pohlmeier gelassen, dann halluzinierte er eben. Das sollte bei so einer schweren Blutvergiftung und dem hohen Fieber, das sie bei ihm ausgelöst hatte, ja nichts Ungewöhnliches sein.

Den schwarzen Hahn in seiner Masthalle dagegen, den hatte er sich ganz und gar nicht eingebildet. Dessen wölfisches Gekrähe hatten schließlich auch seine Junghennen gehört.Und sich dann sofort auf den Betonfußboden geworfen und keine Feder mehr gerührt. Sie hatten nicht mehr gepickt, nicht mehr gegackert, in ihrer stinkenden Hühnerkacke gescharrt oder was ein heranwachsendes Masthuhn sonst so den ganzen Tag lang tat.

30000 Junghennen gemeinsam im Hungerstreik! Als wären sie bei diesem indischen Guru, diesem Mahavishnu Gandhi oder wie der hieß in die Lehre gegangen! Normal war das nicht.

Der Alarm wimmerte von Neuem. Diesmal ein schrilles Piepsen in Triolen. Eine rotgelbe Warnlampe flackerte nervös. Die Zacken auf dem EEG tanzten unruhig hin und her. Wieder strich die Nachtschwesterüber das blinkende Sensorfeld, brachte die Warntöne zum Verstummen. Dann nahm sie den dicken Fragebogen vom Bett und begann, ihn zu bearbeiten.

Seltsam, dachte Pohlmeier. Sollte diese Frau in Blau nicht mehr für seinen komatösen Körper tun als bloß den Alarm abzu­stel­len? Er lauschte dem Pochen in seinen Schläfen, dem Summen und Glucksen der Vital­apparate, dem fernen Brummen des nächtlichen Straßenverkehrs. Nun, wenigstens gab es hier in seinem Intensivzimmer weder dämonische Hähne noch aufsässige Masthennen.

Dabei war es den Biestern doch eigentlich ziemlich gut gegangen auf seinem Hof, dachte er.Sicher, als Masthuhn lebst du bloß so an die sechs Wochen. Aber in denen hast du es immer schön kuschelig warm, massenhaft Gesellschaft und darfst in dich hineinstopfen, so viel du willst. Mancher Penner unter seiner zugigen Brücke würde morden dafür!

Zwei volle Tage lang hatte Pohlmeier ihren Hungerstreik ertragen – zwei Tage, in denen der unheimlicheHahn ihn wie ein Schatten verfolgte und selbst noch in seinen Träumen erschien. Bis es dem Hühnerbaron gereicht hatte. Bis er die dämlichen Biester in seiner vollautomatischen Schlachtanlage notschlachtete, obwohl die noch fast zwei Wochen von ihrem Endgewicht entfernt waren. Etliche tausend Euro Verlust hatte ihm das eingebracht! Aber kaufmännisches Denken war diesem egoistischen Geflügel ja offenbar völlig fremd.

Ja, der Höllenhahn schien Pohlmeier die teure Notschlachtung sogar ziemlich übel genommen zu haben.Denn als der sich mit einer halben Flasche Genever und seiner blondgelockten Sekretärin über den Verlust hinwegtrösten wollte, kam das Biest gackernd durch die Bürowand geflattert und krähte den Geflügelmäster wieder dermaßen wölfisch an, dass dem alle Lust verging. Während seine tumbe Tippse den Hahn weder hören konnte noch sah. Obwohl – das tat ja eigentlich auch sonst niemand auf seinem Hof.

Doch als Pohlmeier dem Höllenvieh eins aufs Gefieder brennen wollte, da war die Schrotladung einfach durch das Biest hindurchgegangen. Da hatte er bloß den Jagdkalender dahinter ruiniert. Und die Stimmung, die natürlich auch. Weil es ja doch ziemlich ernüchternd wirkt, wenn du mitten im Vorspiel eine Schrotflinte abschießt.

Pohlmeier argwöhnte sogar, dass der HöllenhahnSchuld an dem Chaos war, das am Abend nach der Notschlachtung in seiner Schlachtanlage ausbrach. Die Linie zum Einhängen des Geflügels, die Schlacht-, die Rupf- und die Zerlegelinie, seine nagelneue Füße-Verarbeitung, ja, eigentlich alles spielte plötzlich verrückt, sprang von selber an, stellte sich wieder aus und häckselte und rupfte, wie es wollte.

Was Pohlmeiers rumänischem Techniker dann ja leider ziemlich übel bekam. Der verschwand nämlich bei einem nächtlichen Reparaturversuch spurlos und tauchte erst an Karfreitag wieder auf, in der Kühlkammer der Vechtaer Klosterküche, die Einzelteile sorgfältig in geschäumte, weiße Kunststoffschalen verpackt und mit transparenter Stretchfolie überzogen. Nur ein paar Schenkelstücke von ihm, die fehlten. Doch was mit denen passiert war, das wollte der verstörte Küchenmönch den Untersuchungsbeamten partout nicht verraten.

Und als wäre das alles nicht Strafe genug gewesen, war am Ostersamstag auch noch dieser kleinkarierte Inspektor vom Veterinäramt erschienen und hatte seinen Hof dicht gemacht! Einfach so, wegen »massiver Verstöße gegen die Hygienevorschriften«. Was Pohlmeier nun wirklich absolut lächerlich fand, angesichts der Unmengen von Desinfektionsmitteln, die er immer und überall versprühte. Und seine Masthennen, die hatte er schließlich auch mehrmals die Wochemit Antibiotika imprägniert. So einen Overkill, den hielt doch der zäheste Keim nicht aus. Ob der nun auf den Mist­haufen in der Masthalle wohnte oder an den Messern der Schlacht­anlage, wo Pohlmeier sich tags drauf diesen Ratschergeholt hatte, der ihm so übel das Blut vergiftete.

Trotzdem sollte er sich diese fiesenStaphylodingensin seinem Blut sogar selbst herangezüchtet haben. Hatte jedenfalls der oberschlaue Chefarztgnom behauptet, als der ihn ins künstliche Koma versetzte. Weil man die moderne Bazille mit Antibiotika nämlich nur noch fittermachte statt tot. Wurde bestimmt von der Ökomafia bezahlt, der Kerl.

Der Alarm an Pohlmeiers Patientenmonitor erwachte zum dritten Mal, wimmerte jetzt in hypernervösen Fünferbieps. Eine tiefrote Warnlampe flackerte am Rahmen des Geräts. Ein Hauch von Unruhe kroch in seine tiefensedierte Gefühlswelt. Weshalb stellte diese Schwester Danuta wieder nur den Warnton ab, statt endlich einen Arzt zu holen? Wo doch der EEG-Monitor neben seinem Bett inzwischen eine komplett flache Linie zeigte, was sicher nicht einmal für einen Komapatienten ein gutes Zeichen war.

Die Nachtschwester schob den fertig ausgefüllten Fragebogen unter Pohlmeiers Wade, warf einen kritischen Blick auf seinen Monitor. »Na, das war’s dann woll«, knarzte sie in ihrem harten, polnischen Akzent, öffnete sich das hochgebundene Haar und schlug ein Kreuz über Pohlmeiers Brust. »Hättest dich ruhig bisschen merr beeilen können mit Hirntod, Dickerchen!« Sie tätschelte seine gefühllose Seite und gab etwas in ihren kleinen schwarzen Pager ein.

Hirntot, dachte Pohlmeier, im Ernst? Wegen so einem lächerlichen Kratzer in der Hand? Nie im Leben! Er konnte doch schließlich noch denken und hören und sehen! Die schrankwandartigen Echt­holz-Verkleidungen für die medizinischen Apparate zum Beispiel, die er dem St. Angelus letztes Jahr gestiftet hatte, die konnte er ganz genau erkennen. Genauso wie die Regale voller heilungsförderndem Nippes, den lebensbejahenden Sonnenaufgang in Öl an der Seitenwand oder die edle, lederbezogene Besuchersitzgruppe vor dem deckenhohen Butzenfenster, die ihn allein schon ein kleines Vermögen gekostet hatte. Er konnte sogar noch das Buchenholz des Untergestells riechen. Und da sollte er hirntot sein?

Die Tür zu seinem Intensivwohnzimmer öffnete sich. Ein zwergenwüchsiger Mann in bodenlangem, weißem Kittel wackelte herein. Prof. Avenarius, der Chefarzt.

»Exitus?« Avenarius betrachtete die flachen Linien auf dem EEG. Seine missgestalteten Gesichtszüge zeigten einen Ausdruck kaum verhohlener Gier. »Na, jedenfalls verfüttert der Kerl jetzt keine Antibiotika mehr.« Er zwickte der Nachtschwester ins gewaltige Gesäß. Sie quietschte ver­gnügt.

Der Zwerg stellte sich auf die Zehenspitzen, prüfte den Sitz des Beatmungsschlauchs in Pohlmeiers Mund, zog vorsichtig an den Blutumleitungen auf seiner Brust. Dann brummte er zufrieden, öffnete die hölzerne Schranktür, hinter der sich die Herz-Lungen-Maschine verbarg, und drehte einen Knopf am Bedienpanel. Das Summen und Glucksen der Vital­apparaturen verstärkte sich.

Die Nachtschwester pflückte den verwachsenen Mann vom Boden, presste ihn an ihre ausladende Brust. »Dann bekomme ich jetzt nideliches Penthouse in Altstadt, Knubbel?«

Avenarius nickte schnaufend.

»Oh grubásek!« Die Nachtschwester quietschte laut auf, drückte dem Zwerg einen feurigen Kuss auf die Lippen.

Ein fernes Krähen mischte sich in das Geturtel des ungleichen Paares. War das etwa ...?

Pohlmeier seufzte stumm. Es war! Der schwarze Höllenhahn, den er seit seiner Einlieferung ins St. Angelus nicht mehr gesehen hatte, flatterte gackernd aus dem Sonnenaufgang in Öl. Das turtelnde Mediziner-Paar blickte nicht einmal auf.

Das Mistvieh landete auf Pohlmeiers Schienbein, zupfte an dem Fragebogen unter seiner Wade, starrte den Hühnerbaron ausorangerot glühenden Augen durchdringend an. Irgendwie schadenfroh, dachte der. Oder vorwurfsvoll. Die Mimik eines Hähnchens zu deuten, fiel ihm auch nach 30 Jahren der Geflügelmast noch schwer.

Der Kokon aus gefühlloser Behaglichkeit, der Pohlmeier umschlossen hielt, zerriss.Unbehagen stieg in ihm auf. Wieso wurde das großformatige Gemälde, durch das der Höllenhahn gerade hereingeflattert war, plötzlich durchscheinend, als bestünde es aus leuchtendem Rauch? Er konnte durch die Leinwand hindurch sogar eine weitläufige, von Tümpeln und kargem Strauchwerk durchsetzte Moorlandschaft sehen, über der ein fahler Lichtschein lag. Das Zimmer nebenan war das wohl kaum. Oder der nächtliche Bürgerpark, an dessen Grenze das St. Angelus errichtet war. Zumal am Rande des Moores, ungefähr dort, wo sich das Foyer des Krankenhauses befinden sollte, ein menschenleerer Wellblechbahnhof vor sich hin rostete, wie man ihn heutzutage höchstens noch im afrikanischen Hinterland sah.

Der Hahn krähte erneut. Eine kräftige Frauengestalt sprang aus dem altersschwachen Schienenbus, der mit qualmendem Dieselmotor vor dem heruntergekommenen Stationsgebäude stand, wanderte auf dem von Unkraut und Moos überwucherten Bahnsteig hin und her.

Sie trug ... war das etwa ...? Pohlmeier sah noch einmal hin. Das konnte doch nicht wahr sein, dachte er gequält. War dieser schwarze Hahn nicht schon Fluch genug? Musste er jetzt auch noch Frauen mit dreieckigen Ziegenköpfen und krummen Hörnern durch seine Privatwelt spazieren sehen?

Die Vision verblasste. Der Hühnerbaron kehrte ins Hier und Jetzt des Krankenzimmers zurück. Eine bleiche Mondsichel leuchtete durchs Panoramafenster. In der Ferne heulte eine Sirene.

Der Chefarztgnom hockte auf dem Schoß der Nachtschwester, ließ seine krummen Beinchen von der weichen Lederpolsterung der Besuchercouch baumeln. Er telephonierte mit Sven-Uwe, Pohlmeiers Sohn. Das enthusiastische »Gottseidank!«, mit dem das undankbare Gör die Nachricht vom Hinscheiden seines Vaters kommentierte, konnte der Hühnerbaron selbst durch das Summen und Glucksen der Apparate hören.

»Hat Jakub den Hirntod denn schon unterschrieben?«, fragte der Chef­arzt, als er das Gespräch beendet hatte, und blätterte durch den Fragebogen auf seinem Schoß.

Die Nachtschwester nickte, reichte ihm einen Stift. »Fehlt nur noch Unterschrift von dir, grubásek.«

»Sehr schön!« Der kleine Mann in Weiß setzte seinen Namen auf die letzte Seite des Dokuments und tauchte dann mit dem Kindskopf unter den Kasack der Nachtschwester. Die riesige Polin ließ es kichernd geschehen.

Ein Hauch von Ziegenstall umwehte Pohlmeiers Nase. »Können die nicht wenigstens einmal in ihrem Ameisenleben pünktlich sein?«, krächzteein grober Kehlkopf neben ihm. »Ich habe schließlich nicht ewig Zeit!« Die Polizeiteufelin, die eben noch über den Moorbahnhof gewandert war, stand an seiner Seite. Der schwarze Hahn auf Pohlmeiers Schienbein gackerte erfreut, flatterte auf ihren ausgestreckten Arm.

Der Chefarztgnom und seine überdimensionierte Geliebte turtelten ungerührt weiter. Sie schienen auch den neuen Gast nicht zu sehen.

»Und?«, fragte Pohlmeier und blickte die Polizeiteufelin durch seine geschlossenen Lider miss­trauisch an. »Ich bin doch noch gar nicht richtig tot, oder? Ich meine, bei all diesen Maschinen und so ...«

»Nein?« Die Kreatur kratzte mit dem Huf über das Parkettimitat. »Dass du in deinem Zustand mit mir sprichst, sollte dir aber schon zu denken geben, meinst du nicht?«

»So?« Pohlmeier starrte auf die beiden weißen Schläuche in seiner Brust. Sie zuckten leicht im Takt der pumpenden Herzmaschine. »Aber wenn ich wirklich endgültig tot wäre, dann würden die mich doch nicht so verkabeln und verschlauchen, oder? Ich meine, wenn du erst mal richtig tot bist, dann brauchst du das doch alles nicht mehr.«

»Ach, weißt du«, die Polizeiteufelin kraulte den Hahn auf ihrem Arm mit ihrer Raubtierklaue, bis der wie eine zufriedene Mastpute gluckste, »solange du an diesen Lebensmaschinen hängst, kannst du weiter schwitzen, frieren, scheißen, einen Steifen kriegen und was weiß ich nicht alles tun. Doch ob dich das lebendig macht ...« Sie zog eine wie ein kleiner Totenkopf geformte Taschenuhr aus ihrer Uniformjacke und knurrte unwillig. »Ich glaube, ich muss mich demnächst mal bei Gericht beschweren.«

Der schwarze Hahn flatterte auf Pohlmeiers Brust, pickte an einer Elektrode. Der Alarm quäkte erneut. Die Krankenschwester schob Avenarius’ Kopf aus ihrem Kaftan, klebte das Silberplättchen wieder fest.Pohlmeier versuchte, dem Höllenhahn den Stinkefinger zu zeigen. Statt seines rechten Arms