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Lena ist neu in Hamburg. Sie stürzt sich ins schillernde Stadtleben und neben dem Job auch in diverse Männergeschichten. Doch auf der Suche nach der Liebe fällt es ihr anfangs schwer, auf ihre innere Stimme zu hören. Außerdem scheint sich niemand in ihrer Generation wirklich binden zu wollen. Vielleicht ist das anders mit dem zehn Jahre älteren Jan, der als Fotograf offenbar ein ziemlich aufregendes Leben führt. Aber immer wieder stellt Lenas Bauchgefühl sie vor die Frage: Möchte ich das wirklich? Oder wartet da nicht doch eine gemeinsame Zukunft mit Martin, der einfühlsam ist und es schafft, sie tief zu berühren? Um sich aber überhaupt einlassen zu können, muss Lena erst Vertrauen zu sich selbst fassen. Ihre Freundinnen und die >Herzöffner< beim Yoga helfen dabei. Doch als eine unerwartete Nachricht die bunten Lichter der Stadt einzutrüben droht, steht Lena neuen Herausforderungen gegenüber und muss sich zwingen, ihre Komfortzone zu verlassen...
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Dina Berkefeld wurde 1987 in Braunschweig geboren und lebt seit 2014 in Hamburg. Während der Corona-Pandemie erfüllte sie sich mit ›Halbschnitt‹ den lang ersehnten Wunsch, ihre Gedanken und Ideen in einem Roman zu verarbeiten.
Für Dich, eine Schatulle voller Gedanken und Liebe.
Zwei Zimmer plus Balkon
Willkommen in Hamburg
Luftpolsterfolie
Flucht durch die Hintertür
Mädelsabend
Kommando Konfetti
Der Entschluss
Kaffee Martini
Schwerelos
Bauchgefühl
Jobwechsel
Problem und Lösung
Techno im Kopf
Zwetschgenkuchen
Das letzte Puzzleteil
Teeküche I
Clubbesuch mit Folgen
Teeküche II
Ein Leuchten am Himmel
Grau und leer
Es kommt, wenn es kommt
Meist heiter
Neuanfang
Danksagung
Die letzte Umzugskiste ist gepackt – es ist geschafft. In der Küche schenke ich mir den Rest aus der Weinflasche vom gestrigen Abend ein. Ich nehme einen großen Schluck und verspüre Dankbarkeit für die letzten Jahre hier. Aber auch dafür, dass sich unverhofft der neue Job ergeben hat. Das Angebot kam genau zum richtigen Zeitpunkt und ich habe, ohne groß darüber nachzudenken, zugesagt.
Es war eine aufregende Zeit in Hannover, die ich nicht missen möchte. Hier habe ich angefangen zu studieren – und mein Studium abgeschlossen. Vor allem aber habe ich wunderbare Menschen kennengelernt. Ich lasse alles ein letztes Mal an mir vorbeiziehen und nehme dabei die vielen, ganz unterschiedlichen Facetten noch einmal wahr – gleichzeitig aber auch, dass es Zeit für eine Neuorientierung ist. Leicht fällt es mir allerdings nicht, meine Freunde hier zurückzulassen und in eine Stadt zu gehen, in der ich niemanden kenne.
Die Beziehung mit Jonas, den ich während des Studiums kennengelernt hatte, liegt bereits vier Jahre zurück. Gehalten hat sie drei. Es war eine bedeutsame Zeit für mich, die mit einem großen Knall endete. Beim Brötchenholen traf er zufällig seine erste Freundin aus der Schulzeit wieder. Er hat es danach noch eine Weile mit mir versucht, konnte sich aber nicht gegen die wiederaufkommenden Gefühle wehren und entschied sich letztlich für sie und gegen mich. Wochenlang habe ich nur geweint und mich elend, ungeliebt und leer gefühlt. Den Bäcker gleich um die Ecke habe ich nie wieder betreten – obwohl es dort die besten Croissants überhaupt gibt. Erst jetzt fühle ich mich bereit für Dating. Ich möchte mich neu verlieben. Von dem Umzug nach Hamburg erhoffe ich mir, künftig wieder eine tiefere Zufriedenheit verspüren zu können. Das bedeutet mir mehr als glücklich zu sein, denn die sich immer wieder entwindenden Momente des Glücks bieten auf Dauer keine Stabilität. Wenn ich aber ausgeglichen und mir genug bin, kann ich wahrhaft zufrieden und stets mein eigener Halt sein.
Ich setze das Glas erneut an, dann ist es leer. Auf einen Zettel schreibe ich einen letzten Gruß an Silvia, die die WG übernehmen wird: »Hab es gut hier in meiner Wohnung. Meine Zeit war meist heiter. Hannover ist so viel mehr als man zunächst sieht. Es sind die Details, die es so lebens- und liebenswert machen.« – Morgen früh kommen Maria und Paul. Gemeinsam werden wir meine Sachen und vor allem mich nach Hamburg bringen.
Die Junisonne strahlt mir ins Gesicht. Ich recke und strecke mich nach allen Seiten und bin froh, die nächste Nacht nicht mehr nur provisorisch auf einer Matratze ohne Lattenrost verbringen zu müssen – vorausgesetzt, wir schaffen es, heute noch das Bett aufzubauen.
Mein Rücken schmerzt. Ich schlurfe ins Bad. Am Spiegel klebt immer noch das Bild aus dem Fotoautomaten von Maria und mir – das war im letzten Sommer in Hamburg. Verrückt, denke ich, da ist es nur ein Tagesausflug mit Rückfahrticket gewesen. Jetzt aber steht ein Umzug dorthin an. Wir hatten sogar noch darüber gewitzelt, dass es mich irgendwann einmal in den Norden verschlagen würde. Exakt ein Jahr später ist es nun so weit. Wie wird es ohne die Koch- und Weinabende mit Maria wohl sein? Auch unsere gemeinsamen Runden um den Maschsee werden mir fehlen. Ich nehme das Foto ab und stecke es in meine Hosentasche. Als ich danach den Kaffee aufsetze, klingelt es bereits an der Tür. Draußen vor dem Haus steht Pauls VW-Bus.
»Und, bist du schon aufgeregt?«, japst Maria, als sie die vier Stockwerke, die hoch zu meiner Altbauwohnung führen, hinter sich hat. Dann umarmt sie mich.
Ich kichere. »Ehrlich gesagt habe ich ziemlich weiche Knie.«
»Ach, Lena, das wird schon«, begrüßt mich Paul per Handschlag. Wir schleppen eine Kiste nach der anderen hinunter in den Bulli. Paul stapelt gekonnt und entgegen meinen Befürchtungen passt alles hinein. Ein letztes Mal schließe ich die Wohnungstür hinter mir. Das war es. Mach’s gut, Hannover!
Bevor ich zu Maria und Paul in den Bulli steige, verspüre ich einen Kloß im Hals. Ich hole tief Luft, doch die Aufregung vor der anstehenden Veränderung ist größer als gedacht. Ich bin froh, dass Paul noch vor dem Anfahren die Musik aufdreht. Mit jedem Meter, den wir uns aus der Stadt hinausbewegen, wächst auch meine Zuversicht wieder.
Während der Fahrt singen wir lautstark bei den Rock-Oldies mit, die aus dem Radio schmettern. Währenddessen hänge ich noch meinen Gedanken nach. In den letzten Tagen und Wochen vor dem Umzug hatte es ziemlich viel zu organisieren gegeben, nebenher wollte ich aber auch meine Nachfolgerin möglichst gut ins Marketing einarbeiten. Jetzt fällt der Stress allmählich von mir ab und innerlich zerknülle ich einen Gedanken nach dem anderen, was befreiend ist. Sollte ich doch etwas vergessen haben, lässt es sich jetzt ohnehin nicht mehr ändern. Manchmal, denke ich, wäre ich gern etwas weniger gewissenhaft – andererseits ist genau das ja aber auch meine Stärke …
Als ich aus dem Fenster schaue, kommt mir die Straße bereits bekannt vor. Gleich sind wir da. Erneut spüre ich die Aufregung in mir aufsteigen. Vor dem Rotklinker ist zufällig ein Parkplatz frei, sodass Paul direkt davor halten kann. Zwei Zimmer und einen kleinen Balkon darf ich jetzt meine erste eigene Wohnung nennen. Bei der Suche hatte ich großes Glück. Die Eigentümerin stammt, genau wie ich, ursprünglich aus dem Lüneburger Umland und lebte ebenfalls einige Jahre in Hannover. So hatten wir sofort gemeinsamen Gesprächsstoff – was wohl letztlich dazu geführt hat, dass ich die Wohnung tatsächlich bekommen habe.
»Großartig!«, freut sich Maria, als sie den ersten Blick in die Zimmer werfen kann. Wir umarmen uns und ich bin erleichtert, dass es ihr auch auf Anhieb so gut gefällt wie mir bei der Besichtigung vor ein paar Wochen. Ziemlich schnell haben wir den Bulli leergeräumt und meine wenigen Möbel aufgebaut. Erschöpft lassen wir uns anschließend auf das Bett fallen. Stühle und einen Tisch habe ich noch nicht. Ich bestelle kurzerhand – im allseitigen Einvernehmen – beim nächstbesten Lieferdienst Pizza und Wein. Wenig später sitze ich Maria und Paul auf einer Umzugskiste gegenüber und starre mit der Pizza in der Hand vom Balkon aus in die Weite – sofern man hiervon beim Blick auf die nächste Häuserzeile sprechen kann.
»Geht es dir gut, Lena?«, flüstert Maria kaum hörbar.
»Ich war nur kurz in Gedanken. Heute Morgen waren wir noch in Hannover und jetzt sitzen wir hier an diesem Sommerabend in einer anderen Stadt auf dem Balkon meiner eigenen Wohnung. Das muss ich kurz sacken lassen. Außerdem bin ich gespannt, wie der erste Arbeitstag übermorgen wird.« Ebenfalls kaum hörbar füge ich hinzu, dass es mir gut geht.
Paul ist müde und lässt Maria und mir noch etwas gemeinsame Zeit draußen. Wir quatschen über alte Zeiten, alte Lieben und das Studium. Am ersten Uni-Tag hatten wir uns damals kennengelernt und sind seitdem unzertrennlich – oder waren es bisher jedenfalls. Von jetzt an leben wir in unterschiedlichen Städten und werden uns künftig weniger sehen. Maria drückt meine Hand. »Versprich mir, dass wir uns nicht verlieren!« Dabei pustet sie sich ihren braunen Pony aus dem Gesicht. Es ist unübersehbar, dass ihr eine Träne über die Wange rollt. Ich verspreche es ihr und wir umarmen uns. Es wird kalt auf dem Balkon. Daran kann auch der sommerliche Geruch nichts ändern. Wir gehen hinein. Zufrieden falle ich kurze Zeit später in einen tiefen Schlaf.
Am nächsten Tag fahren Maria und Paul nach dem Frühstück zurück nach Hannover. Ich atme tief durch, als die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss fällt. Jetzt bin ich allein. Ich schaue noch einmal durch alle Räume und bin zufrieden mit dem Ergebnis des gestrigen Tages. Nach einem weiteren Kaffee mit Hafermilch ziehe ich ein luftiges Sommerkleid an – ich möchte den Stadtteil erkunden.
Es gibt viele kleine Cafés. Die Menschen wirken entspannt und ausgelassen. Ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, schlendere ich umher. Ich halte an, um mir ein Eis zu kaufen. Es schmilzt und tropft auf meine Finger, doch das stört mich in diesem Moment nicht. Ich spüre den Sommer und den Vibe der Stadt.
Abends installiere ich eine Dating-App auf meinem Handy. Für mein Profil suche ich Bilder aus dem letzten Urlaub auf Bali heraus. Dabei erinnere ich mich wieder daran, dass ich erst ziemliche Angst vor der Reise hatte – was sich im Nachhinein aber als völlig unbegründet herausstellte. Es war das erste Mal, dass ich allein auf mich gestellt zurechtkommen musste. Bali hat mir insofern gezeigt, dass der Schritt heraus aus der eigenen Komfortzone eine Überwindung ist – die aber auch neue Perspektiven eröffnen kann. Ich bin noch heute dankbar für die vielen netten Menschen, die ich dort kennenlernen durfte, und für die Yogastunden, durch die ich nicht nur meine Praxis vertiefen konnte, sondern auch meine Intuition. Von heute aus betrachtet hat diese Erfahrung mir sogar Mut gemacht, auch jetzt einen großen Schritt allein zu gehen.
In der App wische ich mehr nach links als nach rechts. Ein paar Treffer ergeben sich dennoch. Ich verabrede mich für Mittwochabend mit Tim an der Bahnstation Sankt Pauli. Mein erstes Online-Date.
Am Morgen darauf betrete ich das gläserne Bürogebäude, das auf einmal auch von innen sehr steril wirkt. Der Blumenstrauß am Empfang strahlt mehr Tristesse als Lebendigkeit aus. Als ich vor ein paar Wochen zum Vorstellungsgespräch hier war, hatte ich einen ganz anderen Eindruck gehabt. Alles hatte so gestrahlt und irgendwie edel gewirkt. Habe ich mich blenden lassen? Oder bin ich gerade einfach überfordert von den vielen Eindrücken, die auf mich einprasseln?
Mein neuer Chef holt mich am Empfang ab. Sein aufrechter Gang und die Art, wie er sich bewegt, hatten mir schon bei unserem ersten Kennenlernen imponiert. Jedoch erinnert mich der Geruch seines Rasierwassers an das meines Vaters. Auch dieser Gedanke kommt mir erst jetzt in den Sinn. Ich hatte die ganze Zeit gerätselt, was an ihm mir so merkwürdig bekannt vorgekommen war, konnte es aber nicht benennen. Plötzlich wird mir klar, dass diese blumige und dennoch schwere Note eine der wenigen Kindheitserinnerungen ist, die ich an meinen Vater habe. Allerdings bleibt mir keine Zeit, den Gedanken weiter zu vertiefen. Ich folge dem aufrechten Gang und dem Rasierwassergeruch durch die weitläufigen Flure bis zum Großraumbüro meines Teams.
»Herzlich willkommen, Lena!«, begrüßen mich die neuen Kolleginnen und Kollegen. Die Namen kann ich mir nicht alle auf Anhieb merken. Ich stelle mich vor und fühle mich dabei, wie meistens in solchen Situationen, etwas überfordert und unsicher. Aber ich weiß auch, dass ich in der Regel nach und nach lockerer werde, wenn ich mich gut aufgehoben fühle. Und tatsächlich ist die Atmosphäre hier recht entspannt, alles fühlt sich nach einem Miteinander auf Augenhöhe an. Hier wird es sich sicher gut arbeiten lassen.
In der Mittagspause gehe ich mit in die Kantine.
»Was hat dich nach Hamburg getrieben – die Liebe?«, fragt eine der neuen Kolleginnen aus der Runde.
»Ganz und gar nicht. Ich brauchte einfach einen Wechsel. Neue Stadt, neues Glück«, antworte ich verlegen.
Ina grinst mich an. Wahrscheinlich hat sie bemerkt, dass mich die Frage nach der Liebe etwas überrumpelt hat – durch ihren markanten Kurzhaarschnitt ist ihr Name in der Vorstellungsrunde direkt bei mir hängengeblieben.
Die Informationsflut am Nachmittag überschwemmt mich. Immerhin bin ich jetzt Teil eines großen globalen Konzerns rund um unzählige Pflegeprodukte aller Art. Ich versuche mir dennoch so viel wie möglich zu merken. Ob ich hier den für mich zuletzt immer wichtiger gewordenen Aspekt der Nachhaltigkeit tatsächlich mit dem Beruf vereinen kann? Das wird sich erst noch zeigen müssen. Möglicherweise steht ja am Ende doch nur die Massentauglichkeit im Fokus – und nicht die vielversprechenden Nachhaltigkeitsstrategien, mit denen das Unternehmen für sich wirbt. Ich beschließe, den heutigen Input aber zunächst einmal wirken zu lassen.
»Du wohnst doch auch in Ottensen, oder?«, spricht mich Ina plötzlich von der Seite an. »Dann können wir uns doch gleich zusammen auf den Weg machen und dabei in Ruhe ein bisschen quatschen, wenn du Lust hast.«
Ich bin von den vielen Eindrücken geschafft. Trotzdem lasse ich mich gern zu einem Feierabendbier vor einem Kiosk überreden. Von hier aus habe ich es anschließend auch nicht mehr weit bis nach Hause.
»Cheers.«
»Prost.«
»Wie lange bist du denn schon in Hamburg – und was hat dich hierher verschlagen?«, frage ich Ina.
»Ich bin zum Studieren hergekommen und dann einfach geblieben. In der Bar hier gegenüber habe ich meinen Freund kennengelernt. Das ist jetzt gut zehn Jahre her. Krass, wie schnell die Zeit vergeht!«
Aus einem Feierabendbier werden zwei, das Gespräch tut unfassbar gut. Besser hätte der erste Tag kaum ablaufen können. Dadurch, dass wir beide Yoga machen, besteht sofort eine Verbindung zwischen uns. Schon jetzt habe ich das Gefühl, dass Ina eine Freundin werden könnte.
»Hast du Lust, demnächst mal mit zum Yoga zu kommen? Ich gehe jeden Samstag in ein Studio in der Neustadt.«
»Klar, da bin ich dabei! Ich hatte sowieso vor, mich danach umzuschauen«, antworte ich.
Beschwipst gehe ich die wenigen Meter durch den späten Abend heim. Es duftet nach Großstadt und hoffentlich nicht enden wollenden Sommerabenden. Ich fühle mich frei. Dabei hat der Weg voran kein klares Ziel, sondern er ist offen für einen Neuanfang.
Mit dem Fahrrad über die Reeperbahn zu fahren macht keinen Spaß. Fast überall liegt Glas. Ein ständiges Hakenschlagen, um einerseits keinen Platten zu bekommen und andererseits dem Verkehr auszuweichen. Ich bin dennoch pünktlich an der verabredeten Bahnstation; meine Reifen sind heilgeblieben. Ich weiß nicht so recht, wo ich hinschauen soll – auf den Fotos wirkte Tim zwar sympathisch, aber auch nicht so, dass er direkt aus der Masse, die sich hier tummelt, herausstechen würde. Immer wieder gehen Männer vorbei, die mein Date sein könnten. Doch keiner bleibt stehen. Ich schaue nervös auf die Uhr. Fünf nach sieben. Wenn er nicht gleich da ist, mache ich wieder los; ein Fischbrötchen am Hafen wäre jetzt auch eine gute Alternative.
»Hey … Lena?«, höre ich es plötzlich neben mir. Tim sieht anders aus als ich ihn mir vorgestellt hatte. Als erstes fällt mir sein schwarzes T-Shirt mit Aufdruck ins Auge – irgendeine Band, die ich nicht kenne, vom Schriftzug her sieht es nach Heavy Metal aus. Dazu trägt er Boots, in denen ihm bei rund sechsundzwanzig Grad ziemlich warm sein muss und die seine Beine sehr kurz wirken lassen. Maria behauptet immer, alle Männer, die mir gefallen, sähen sich ähnlich: groß, braunhaarig und mit einer kleinen Nase. Bisher habe ich das immer abgetan – obwohl da wahrscheinlich etwas dran ist.
Ich sehe neben Tim vermutlich aus wie ein Knallbonbon mit meinem Lippenstift und dem Jumpsuit (ich liebe Jumpsuits einfach, weil so immer sichergestellt ist, dass Ober- und Unterteil zusammenpassen).
»Hi, du bist Tim, stimmts?«
Er macht einen freundlichen Schritt auf mich zu. »Ich hab dich direkt an deinem Outfit erkannt. Den Einteiler trägst du doch auch auf einem deiner Profilbilder.«
»Stimmt«, nicke ich in die Umarmung hinein. Er riecht nach Tabak und Gras. – Während des Studiums hatte ich einmal Gras probiert, aber das ist nichts für mich gewesen. Rauchen hingegen verabscheue ich total. Manchmal wird mir beim Geruch einer Zigarette fast übel.
Stille.
»Wollen wir hier runter in Richtung Park und unterwegs ein Bier holen?«, schlägt Tim vor. Ich nicke wieder. Wenn ich weiter so gesprächig bin, ist der Redeanteil für den Abend klar verteilt …
Wir schlendern die Straße entlang und kommen, wenn auch schleppend, ins Gespräch. Tim wohnt zusammen mit seinem Bruder in einer WG in Wilhelmsburg. Beide studieren Politik und spielen in einer Band, die, wie er sagt, ordentlich Rabatz macht. Er möchte wissen, ob ich auch ein Instrument spiele.
»Nicht wirklich. Früher in der Grundschule Blockflöte, und dann Weihnachten in der Kirche. Aber der Vorhang der großen Bühnen ist für mich nie aufgegangen. Ein Glück für das Publikum!«, witzele ich.
»Jetzt klingst du aber bescheiden. Wer weiß, vielleicht wär ja was draus geworden«, nimmt er den Gedanken auf.
Ich winke lachend ab.
»Sport ist eher meins. Ich mache viel Yoga.«
»Da bin ich dann raus. Ab und an ’ne Runde kicken ist okay, aber sonst bin ich eher im Trinksport unterwegs«, grinst er.
Trinksport – klingt nach Teenagerzeit, schießt es mir durch den Kopf. Wir reden übers Reisen. Abgesehen vom Auslandssemester in Barcelona war ich bisher meist in Asien unterwegs. Vor der Trennung meiner Eltern – ich war damals vier – ging es oft auch nach Österreich. Tim hat es bisher mehr durch Osteuropa gezogen. Trotzdem haben wir jetzt ein Gesprächsthema. Am Kiosk holen wir zwei Biere und lassen uns im Park auf der Ummauerung mit Blick Richtung Hafen nieder. Die Fähre fährt, voll beladen mit Elbstrandbesuchern, an uns vorbei. Es folgen Containerschiffe mit Waren aus der ganzen Welt. Neben den Hafengeräuschen schallt aus mehreren Boxen Musik verschiedenster Stilrichtungen. Um uns herum riecht es nach Cannabis, Bier und auch ein bisschen nach Urin. Für mich aber riecht es vor allem nach Freiheit, denke ich beim Blick auf die Elbe.
»Nicht so schnell, da komm ich nicht ganz mit«, unterbricht Tim mich nach einer Weile mit einem Stupser gegen meine Schulter. Offenbar rede ich zu schnell – wie so oft, wenn ich im Fluss bin. Gerade erzähle ich über meine Kindheit in der Nähe von Lüneburg und dass ich das Toben auf dem Heuboden manchmal vermisse. Kurz denke ich dabei auch an meinen Vater, der nach der Trennung wieder nach Lüneburg gezogen war. Meine Mutter hingegen hatte Gefallen am Landleben gefunden. Die Gedanken verfliegen schnell wieder.
»Was hat dich in deiner Kindheit im Sommer glücklich gemacht?«, frage ich Tim unvermittelt.
»Weiß nicht … Eis essen oder so«, bringt er knapp hervor.
»Hast du noch mehr Geschwister als deinen Bruder?«, versuche ich einen Themenwechsel.
»Nee. Du?«
»Ja«, antworte ich, »eine drei Jahre jüngere Schwester, Julia. Sie ist ein echter Freigeist. Sie reist noch lieber als ich und träumt davon, irgendwann als Surflehrerin – am liebsten in Biarritz – zu arbeiten.«
»Versteht ihr euch gut?«, hakt Tim dann doch noch nach.
Ich erkläre ihm, dass wir eine ganz gute, wenn auch nicht zu innige Beziehung haben. Danach schaut er mich lange an, sagt aber nichts. Schließlich rückt er näher an mich heran. Ich denke darüber nach, was ich tun soll, falls er mich küssen will. Mir ist nicht danach, er ist nicht mein Typ. Dennoch genieße ich den Augenblick und die Atmosphäre sehr. Tim spielt dabei zwar eher eine Nebenrolle, aber wenn ich mir vorstelle, ich säße jetzt allein hier, dann wäre es nur halb so schön. Tims Anwesenheit verleiht diesem Moment etwas Besonderes – auch wenn ich ihm gegenüber nicht mehr als Sympathie für ein Feierabendgespräch empfinde.
Wir bleiben noch einen Moment sitzen. Wieder wird es still. Es ist aber nicht unangenehm, da so viele Geräusche um uns herumschwirren und ich mich in dem Ausblick auf den Hafen verlieren kann.
»Willst du auch ’ne Kippe?«
»Nein, danke.«
»Rauchst nicht als Sportlerin, was?«
»Nee, rauchen mochte ich noch nie.«
Er dreht sich so hin, dass ich keinen Rauch abbekomme. Wieder lausche ich den Hafenklängen. Lange möchte ich nicht mehr bleiben, es wird allmählich frisch. Ich habe keine Jacke dabei und auf meinem Arm sind Ansätze einer Gänsehaut zu erkennen.
»Willst du meinen Pulli haben?«, fragt Tim.
Ich überlege kurz und wäge ab: Eigentlich finde ich es süß, will aber vermeiden, dass dadurch vielleicht eine falsche Erwartung entsteht und sich eine Nähe ergibt, die ich lieber nicht möchte. Ich bin wohl schon zu lange raus aus dem Dating Game und muss mich erst wieder darin üben, wie ich Signale so setze, dass sie für beide Seiten möglichst unmissverständlich sind, gestehe ich mir ein.
»Wollen wir noch weitergehen, bevor wir uns wieder an der Bahnstation verabschieden?«, schlägt Tim vor. »Ich kann dir ein paar Kneipen und so zeigen. Außerdem wollte ich noch kurz bei Hilde und Werner vorbeischauen, wenn ich schon hier drüben auf der anderen Elbseite bin. Die beiden haben so ’ne kleine Rockkneipe, echt toller Laden. War ’ne Zeit oft da. Ein bisschen verraucht drinnen mit gelber Tapete und so, aber nette Stimmung. Gute Leute.«
Ich bin einverstanden. Bewegung wird wohl ganz gut sein, vielleicht wird mir dann auch wieder etwas wärmer. Außerdem habe ich nichts gegen ein paar Einblicke in das Kneipenleben einzuwenden. In Hannover fand ich die leicht schummrigen Schuppen immer am charakterstärksten. Vielleicht nicht jedermanns Sache, aber an solchen Orten kann man wunderbar die Zeit vergessen, wie ich finde.
Wir schlendern umher. Mein Orientierungssinn lässt nach. Bunte Leuchtreklamen blitzen immer wieder auf und der Kiez zeigt sich in all seinen Farben. Auf dem Weg hierher hatte ich das alles gar nicht so wahrgenommen, denn da war es noch taghell gewesen. Jetzt setzt die Dämmerung ein und alles erwacht.
»Willst du noch ein Bier?«
»Danke, lieber eine Limo.«
Tim kommt mit den Getränken vom Kiosk schräg gegenüber zurück. Ein wenig erinnert mich die Kioskkultur hier an Hannover, wo ich unzählige Abende vor solchen kleinen Buden verbracht habe.
»Habt ihr Kleingeld?«, fragt ein Punk, der etwas abseits von seiner Gruppe steht, und hält uns dabei einen Becher hin. Ich krame in meiner Geldbörse und werde fündig.
»Danke, schöne Dame«, krächzt er und entfernt sich wieder von uns.
»Deine gute Tat für heute?«, meint Tim.
Ich lächle etwas unbeholfen und nicke. Kurz darauf erreichen wir die Rockkneipe.
»Ey, Werner!«, ruft Tim lautstark einem dickbäuchigen Mann zu, der vor dem Eingang steht. Sie begrüßen sich mit der Faust. Werners T-Shirt passt kaum über den Bierbauch, bei seiner leicht abgewetzten Jogginghose ist ein Hosenbein hochgekrempelt. Auf den Armen zeugen Tattoos von vergangenen Zeiten. Er streckt mir ebenfalls die Faust zum Gruß entgegen und ich mache es ihm nach. Ungewohnte Begrüßung für mich.
»Hilde, komm mal raus, Tim ist hier!«, brüllt Werner in den kleinen Laden hinein.
Ehe ich mich versehen kann, steckt mein Kopf zwischen den Brüsten einer Frau, die ein schwarzes Netzhemd trägt. Sonst nichts. Zumindest oben herum nicht. Dazu wohl einen Rock oder Shorts. Ich sehe es nicht richtig zwischen ihren großen, weichen Brüsten.
»Wer bist du denn? Tims Freundin?«, fragt sie neugierig.
»Ich bin Lena. Sind meine ersten Tage hier in Hamburg.«
»Dann lass dich willkommen heißen!«, kreischt sie auf. Und wieder steckt mein Kopf zwischen ihren Brüsten – diese einzigartige Begrüßung werde ich so schnell wohl nicht vergessen. Als sich die nächstbeste Gelegenheit ergibt, verabschiede ich mich von der illustren Runde. Es ist schon spät und ich möchte heim. Tim erklärt mir noch den Weg zurück zu meinem Fahrrad und bietet an, dass er mich auch bringen könnte. Ich lehne dankend ab und versichere ihm, dass ich die paar Meter auch alleine schaffen werde – ich möchte unbedingt vermeiden, dass es zu der Frage kommt, ob wir uns noch einmal treffen wollen.
Beim Radeln wird mir wieder warm. Ich hatte keinerlei Erwartungen an den Abend. Trotzdem erhoffe ich mir noch mehr solcher Erlebnisse – vielleicht nicht genau so, aber irgendwie besonders und unerwartet. Darauf kommt es doch schlussendlich an. Mit Tim schreibe ich in den Tagen darauf noch einmal kurz – was aber nichts daran ändert, dass wir uns nicht wiedersehen werden. Es hat nicht gepasst zwischen uns. Für diesen einen Abend ist es dennoch genau richtig gewesen und gut so wie es war.
Nach einem kurzen, heftigen Guss zeichnet sich am Himmel ein Regenbogen ab. Ich schaue durch die Fensterscheibe zu, wie die Farben nach und nach intensiver werden und dann wieder verblassen. Es ist jetzt eine Woche im neuen Job vergangen. Ich bin zwar noch nicht wirklich angekommen, fühle mich aber im Team inzwischen ganz gut aufgehoben. Die andauernden lauen Abende habe ich bisher meist auf dem Balkon verbracht und dabei ausgiebige Telefonate mit meinen Freundinnen aus Hannover geführt. Besonders Maria fehlt mir. Aber auch Anna und Simone.
Anna ist während der Studienzeit zu einer guten Freundin geworden, obwohl sie bereits nach dem ersten Semester das Studienfach gewechselt hatte. Simone hingegen habe ich über Anna bei einem unserer regelmäßigen Kneipenabende kennengelernt. Wir waren uns schnell so nah, wie es mit anderen Menschen nach jahrelanger Bekanntschaft nicht gelingt. Meist brauchen wir auch nicht viele Worte, um uns gegenseitig zu verstehen. Bald wollen Anna und Simone mich übers Wochenende besuchen kommen – ich bin jetzt schon voller Vorfreude darauf.
In der Dating-App schreibe ich aktuell mit Jan. Er ist zehn Jahre älter als ich, was mich aber absolut nicht stört. Normalerweise habe ich eher mit Männern in meinem Alter zu tun. Doch kürzlich habe ich den Altersradius (vielleicht weil ich das Spiel durchgespielt hatte) aus reinem Interesse erweitert. Während ich sein Profil immer wieder durchsehe, steigt die Abenteuer- und Lebenslust in mir auf. Seine Fotos zeigen ihn mal mit Thermoskanne und Rucksack in den Bergen, mal mit Surfbrett unterm Arm am Sandstrand. Neben der ganzen Action zeigt ein weiteres Foto, bei Sonnenuntergang mit einem Glas Wein in der Hand, dass er aber anscheinend auch eine andere, eine ruhige Seite hat. Auf den ersten Blick wirken die Bilder sogar fast etwas zu perfekt. Trotz aller möglichen Klischees, die sich mit seinem Profil verknüpfen lassen, fühle ich mich zu ihm hingezogen. Ich möchte Jan unbedingt kennenlernen.
