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Alec und Tyler sind trotz vieler Gegensätze ein eingespieltes Team. Als Halbwesen ist es ihre Aufgabe, Dämonen zu bekämpfen und zu verhindern, dass diese Kreaturen Menschen ungewollt für ihre Zwecke missbrauchen. Doch der Widerstand wächst und Hinweise über einen Fürst der Dämonen, der sie vernichten will, verdichten sich. Mit dem plötzlichen Auftauchen der jungen Halbdämonin Anna wird die Freundschaft der beiden Kampfpartner zur Zerreißprobe.
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Seitenzahl: 479
Veröffentlichungsjahr: 2021
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HYBRID VERLAG
Ebookausgabe
05/2018
© by Lena Muskat
© by Hybrid Verlag, Homburg
Umschlaggestaltung: © 2018 by Creativ Work Design, Homburg
Lektorat: Sylvia Kaml
Autorenfoto: Thomas Heckmann
Coverbild ›Weltenwacht‹
© 2018 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Die Verschwörung des Raben‹
© 2018 by Creativ Work Design, Homburg
ISBN 978-3-946-82032-1
www.hybridverlag.de
Lena Muskat
Halbwesen
- Diener zweier Welten -
Urban Fantasy
Für all jene,
die immer an mich geglaubt haben.
Für meine Familie.
Und für mich.
PROLOG
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EPILOG
»Was tust du denn da? Du bringst sie um!«
Es war das Letzte, das er von seiner Mutter gehört hatte. Ihre panische Stimme schallte durch seine Gedanken und verdrängte die Erinnerung an den sanftmütigen Klang. Das warme Lächeln, mit dem sie ihn begrüßt hatte, war der Todesangst gewichen; das vertraute Gesicht entstellt. Die Bilder hinter seinen Lidern bescherten Alec Crae einen eisigen Schauer. Mit aller Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte, öffnete er die Augen. Minutenlang hockte er nun schon vor dem Schrank unter der Spüle. Erst jetzt fielen ihm die Gegenstände vor sich auf. Putzeimer. Spülmittel. Essigreiniger. Bleichmittel. Alec nahm die noch ungeöffnete Flasche Bleiche in die Hand und studierte die roten Warnsymbole auf der Rückseite. Ein großes X, ein sterbender Fisch im Flussbett und eine Flamme.
Endlich etwas, das brennt. Er stellte den Behälter neben sich ab.
Das reicht nicht, zischte eine Stimme in seinem Kopf. Mehr. Du brauchst mehr, wenn das gesamte Gebäude brennen soll.
Alec verließ den Schrank und ging weiter in Richtung Treppe. Irgendwo im Keller musste doch noch Benzin für den Generator sein. Seine Mutter hatte immer etwas gelagert für den nicht ganz unwahrscheinlichen Fall eines Stromausfalls.
Mutter.
Alec überkam eine Gänsehaut. Wenn sie wüsste, was er im Begriff war zu tun … Das Bild ihres entstellten Körpers blitzte erneut in seinen Kopf auf. Rasch schob er den Gedanken beiseite, schaltete das Licht auf der Kellertreppe an und folgte den quietschenden Holzstufen in die Tiefe. Es war wie der Abstieg in eine eisige Hölle. Etwas, dass er zweifelsohne verdient hätte.
Hier unten roch es nach Schimmel, Holz und verbrauchter Luft, dennoch atmete Alec mehrere Male tief ein. Alles war besser als der stechende Metallgeruch in seiner Nase. Ganz vertreiben konnte er diesen jedoch nicht. Dafür klebte zu viel frisches Blut an seinen Kleidern, Haaren und Händen.
Alec durchkämmte den Keller, schob sich vorbei an Kartons mit alten Spielsachen und mit Einmachgläsern vollgestopften Metallregalen, stets auf der Suche nach einem grünen Metallkanister. Aus irgendeinem Grund glaubte er, dass der Kanister grün sein musste. Ein Fetzen der Erinnerung, die er nicht näher ergründen wollte.
Jetzt mach schon! Die Sonne geht bald auf.
Schlagartig stieg Alec der typische Benzingeruch in die Nase. Etwa fünf Meter zu seiner Rechten stand die Ursache dafür. Es waren zwei Kanister. Prüfend hob er sie nacheinander hoch. Beide fühlten sich voll an und wirkten, als seien sie nie geöffnet worden. Wieso nahm Alec den Geruch dennoch so stark wahr? Das musste das Adrenalin sein. Es schärfte seine Sinne.
Alec schenkte diesem Verdacht keine weitere Beachtung und trug die Kanister die Treppe hoch. Schon halb unten löste der Geruch nach Blut den Brennstoff in seiner Nase ab. Oben angekommen würgte es ihn, doch er blieb nicht stehen, erlaubte sich keine Pause. Er wollte seinen Gedanken keine Möglichkeit geben, genauer über das Geschehene zu grübeln. Stattdessen kniff er die Augen zusammen und wartete, bis der Reiz abflaute. Zweimal tief durchatmen. Weiter. Er musste das Feuer gelegt haben, noch bevor der Morgen graute.
Schneller!
Alec folgte der seltsam zischenden Stimme in seinem Kopf. Er ließ einen der Kanister im Flur stehen, den zweiten nahm er mit in den ersten Stock. Dort, vom hintersten Zimmer angefangen, schüttete er das Benzin großflächig durch den Gang. Schüttete es gegen Türen, Wände, und eine große Pfütze in jeden Raum. Auch in sein eigenes Zimmer. Alles was er brauchte, hatte er bereits in einen Rucksack gestopft, der jetzt neben der Haustür auf ihn wartete. Klamotten, Ausweis, Geld. Das Portemonnaie in der Handtasche seiner Mutter ließ er unangetastet. Er konnte es einfach nicht anrühren.
Der Kanister war fast leer und Alec verteilte den Rest auf der Treppe. Dann nahm er den zweiten und schüttete auch dessen Inhalt in jeden Raum im Erdgeschoss. Als er in die langgezogene Diele kam, hielt er automatisch die Luft an. Der Gestank aller möglichen Körperflüssigkeiten war hier am stärksten. Kein Wunder.
Für einen kurzen Moment zögerte Alec. Die Frage, ob das, was er tat, richtig war, stellte sich nicht. Alles an dieser Situation war falsch. Kein Sohn sollte sein Elternhaus anzünden, erst recht nicht mit sechzehn. Nichts stimmte mehr. Die natürliche Ordnung war aufgehoben. Moral oder Ethik nur noch Wörter. Nichts weiter.
Nicht so zimperlich, Kleiner!
Alec tat den nächsten Schritt. Hier schmatzten seine Schuhe wieder. Der rutschige Untergrund hatte sich zu einem klebrigen Teppich verändert. Obwohl der Sechzehnjährige nicht nach unten blickte, sah er den rötlichen Boden. Auch das war falsch. Hier sollten weiße Marmorfliesen strahlen. Der Kanister wurde stetig leichter, als Alec einen Großteil über den ersten Körper leerte und schließlich auch über den kleineren zweiten. Die letzten Tropfen schüttete er von innen gegen die Eingangstür. Schließlich schulterte er den Rucksack und holte ein Feuerzeug aus der Kommode neben der Tür. Er schnippte den Deckel auf und entzündete eine Flamme. Und war plötzlich zu Eis erstarrt.
Was tue ich hier nur?
Genau das Richtige, antwortete ein Zischen in seinem Kopf. Du hast unsere Macht entgegengenommen und genutzt. Also beende dein Werk!
Alec schüttelte den Kopf. Ich kann doch nicht … Wie soll ich …
Tu es! Der spitze Schrei hallte durch seine Ohren. Bring es zu Ende!
Ein unsichtbares Gewicht senkte seinen Arm, als ob jemand eine Hantel darauf abgelegt hätte. Alec schloss die Augen. Wie war es nur dazu gekommen? Hier stand er nun, mit dem Feuerzeug in seinen zittrigen Händen. In dem Haus, in dem er aufgewachsen war. Zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter, die beide Kinder allein erzogen hatte. In dem Haus, das jetzt nach Benzin und Blut stank. Hier stand er neben zwei Leichen. Zwei Menschen, die durch seine Hand den Tod gefunden hatten. Zwei völlig unschuldige Menschen.
Wehr dich nicht! Lass uns deine Hand sein. Noch einmal.
Alec war müde. Er konnte den Widerstand nicht länger aufrechterhalten, öffnete die Tür und trat hinaus in die eisige Septembernacht. Dort ging er in die Hocke und hielt die Flamme an den dunklen Fleck zu seinen Füßen. Sofort entzündete sich das Benzin. Eine blaue Welle jagte über den Boden, raste in jeden Raum, die Wände und Stufen hoch und hüllte alles in ein grelles oranges Licht. Ein heißer Wind wehte ihm entgegen und drängte ihn rückwärts. Schlagartig waren die Stimmen verschwunden. Sein Kopf leer. Die Gedanken leise. Mit feuchten Augen klappte Alec das Feuerzeug zu. Dann schloss er die Eingangstür. Er wollte es nicht sehen.
Tränen liefen ihm über die Wangen, als er sich abwandte, losrannte und die brennenden Leichen seiner Mutter und seiner Schwester hinter sich ließ.
Zwei aufmerksame Augenpaare beobachteten ihn.
»Ist er das?« Die Stimme der einen Gestalt klang leicht außer Atem.
»Ja.« Die andere nickte. »Wir sind zu spät.«
»Aber er ist sicher einer von uns?«
Als keine Antwort kam, musterte der Fragensteller seinen Partner genauer. Das orange Licht flackerte über die großflächige Narbe und verzerrte die unebenen Züge zusätzlich. Seine Augen wurden schmal.
»Ja, kein Zweifel. Er ist ein Halbwesen.
»Wie lange willst du noch warten?«
Mit einem metallischen Klacken schnappte das Feuerzeug zu. Alec drehte es zweimal um die Längsachse, bevor er den Deckel wieder aufschnippte. Eine Flamme entzündete er nicht.
»Ich will sehen, ob er widerstehen kann«, antwortete Tyler und schaute zurück auf die Szene, die sich ihnen bot. Ihm entging nicht, wie Alec genervt die Augen verdrehte, bevor er ebenfalls nach unten sah.
Gemeinsam standen sie auf dem Flachdach des dreistöckigen Parkhauses in der Innenstadt. Die Dämmerung hatte eingesetzt. An den Häuserwänden reflektierte das Blaulicht der Polizeiwagen, die völlig chaotisch in der Straße parkten. Unzählige Schaulustige hatten sich eingefunden und wurden von Polizisten mühevoll auf Abstand gehalten. Ein weiteres Dutzend Polizeibeamter richteten ihre Waffen auf einen Mann, während einer von ihnen eindringlich auf ihn einredete. Der Bedrohte hatte eine verängstigte junge Frau in festem Griff, der er ein Messer an die Kehle hielt.
Dank ihrer geschärften Sinne war es für die beiden ein Leichtes, den Geiselnehmer genauer zu mustern. Seine Brust hob und senkte sich rasch vor Nervosität. Die Hand mit dem Messer zitterte heftig, dunkle Augenringe zeugten von Schlafmangel und in dem gehetzten Blick lagen Wut und Verzweiflung. Spontan schätzte Tyler ihn auf Mitte vierzig.
»Der Dämon kontrolliert ihn bereits«, sagte Alec ungeduldig. »Siehst du das nicht?«
»Ich bin nicht blind, Alec.« Tyler richtete sich seufzend auf und zog sein Schwert. Der Stahl reflektierte das abendliche Sonnenlicht und täuschte über die Stärke der Klinge hinweg. »Bist du bereit?«
Das Feuerzeug schnappte zu, während Alec auf den schmalen Rand des Gebäudes stieg. »Ich war nicht derjenige, der warten wollte.« Er griff nach hinten und zog zwei nachtblaue Dolche von seinem Rücken, der einzige Kontrast zu seiner schwarzen Kleidung. »Na los, ich hab Hunger.« Mit diesen Worten setzte er zum Sprung an und landete sicher auf einem Betonvorsprung in etwa vier Meter Tiefe. Leichtfüßig balancierte der junge Mann auf dem Geländer; dank der Macht, die ihm seine Dolche verliehen, unsichtbar für die Augen neugieriger Menschen.
Tyler tat es ihm gleich und ließ sich fallen. Für einen kurzen Moment verharrte er neben seinem gleichaltrigen Partner, bevor er einen weiteren Schritt nach vorne tat und sich auf der Straße wiederfand. Der Sprung hätte einen normalen Sterblichen schwer verletzt, vielleicht sogar getötet. Aber nicht ihn. Für ihn fühlte es sich an, als hätte er einige Stufen abwärts zu viel genommen.
Tyler richtete seinen Blick auf den Geiselnehmer, achtete aber nicht auf den Menschen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Schattenwesen in dessen Innern. Inzwischen konnte er die silbernen Flecken in den Augen des Mannes erkennen, welche die Anwesenheit des Dämons offenbarten. Isza, das Engelsschwert, vibrierte wie zur Bestätigung in seiner Hand. Es reagierte auf den Dämon, der den Mann zu seinen Taten verleitet hatte und sich nun an der menschlichen Seite labte.
»Hey«, zischte der schwarzhaarige Mann über ihm. »Heut noch?«
Tyler verkniff sich eine Bemerkung. Wie immer wirkte Alec ungeduldig, konnte es kaum erwarten einzugreifen, doch solange Tyler den Dämon nicht von der Seele des Menschen getrennt hatte, vermochte sein Partner nicht, ihn aufzunehmen. Nichtsdestotrotz hatte Alec recht. Sie mussten handeln.
Mit unmenschlicher Geschwindigkeit rannte Tyler los, direkt auf den Besessenen zu, als sich plötzlich ein pechschwarzer, massiver Arm aus dem Körper des Geiselnehmers löste. Eine verwesende Hand, bestückt mit sieben Krallen, hielt auf ihn zu. Tyler sprang zur Seite und duckte sich unter der Gliedmaße hinweg. Schon stand er vor dem Mann – und damit in Reichweite. Sofort trieb er die schimmernde Klinge, wie schon hunderte Male zuvor, durch den Körper, ohne dabei den eingenommenen Menschen zu verletzen. Tyler spürte, wie die Klinge schwerer wurde, als sie auf den Dämon im Innern traf. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei wurde er aus dem Mann gestoßen und landete hinter seinem Wirt auf dem Asphalt.
Schon wieder ein Zenta-Dämon?, schoss es Tyler durch den Kopf. Das ist bereits der fünfte in zwei Wochen.
Ein Zenta war ein hochgefährliches Wesen, das einen Sterblichen rasend schnell beeinflussen konnte. Aber auch für sie selbst barg der Dämon größere Gefahren. Er war ähnlich schnell wie sie und produzierte ein starkes Gift, das Lähmungserscheinungen hervorrief und ihre Fähigkeiten als Halbwesen beeinflussen konnte.
Schmatzend begann die Gestalt, sich zu winden und zu formen. Vier zusätzliche Gliedmaßen bildeten sich bereits aus. Tyler wartete nicht, bis die Transformation abgeschlossen war. Er wirbelte herum und schlug nach dem Arm des Zenta, der erneut nach ihm griff. Doch Isza verfehlte sein Ziel um Haaresbreite.
Alec, worauf wartest du?
Ein brennender Schmerz jagte durch seinen linken Arm. Ähnlich einem Funken, der eine Zündschnur entlang raste. Tyler entglitt ein Schrei. Reflexartig führte er einen Rückhandschlag durch. Diesmal traf er den Dämon. Fauchend fiel die Gestalt in sich zusammen, als das Engelsschwert den Zenta durchschlug. Die Gliedmaßen hatten sich zurückgezogen.
Im nächsten Moment stürzte Alec vom Himmel und krachte mit einem schmatzenden Geräusch in den Zenta. Dabei rammte er dem Dämon seine Dolche in den Leib. Dunkelgrünes, faul riechendes Blut spritzte aus den Eintrittswunden und besprenkelte den Betonboden. Der Dämon krümmte sich unter den Klingen, kreischte wie ein sterbendes Tier, ehe er pulsierend schrumpfte. Alecs Doppelklingen absorbierten die Energien des Zenta und damit auch ihn selbst. Die gurgelnden Schreie wurden leiser und verebbten schließlich. Seine Dolche hatten den Dämon vollständig aufgenommen.
Hinter den beiden Halbwesen regte sich der unverletzte Geiselnehmer. Kopfschüttelnd, als ob er in diesem Moment aus einem Traum erwacht wäre, ließ er sein Opfer los und ergab sich. Dennoch würde er sich seiner Taten vollauf bewusst sein. Während die Polizei dem Mann Handschellen anlegte, zogen sich Alec und Tyler zurück.
»Bist du verletzt?«, hörte Tyler seinen Partner neben sich fragen.
Wütend schaute er auf. »Du Idiot von einem Halbdämon!«, entgegnete er aufgebracht. »Wo warst du?«
»Ich war doch da.« Alec zuckte unbekümmert mit den Schultern.
Vorsichtig steckte Tyler Isza in die lederne Scheide auf dem Rücken. Sein Arm protestierte gegen die Bewegung und ließ ihn zusammenzucken. »Warum hast du nicht gleich eingegriffen, als ich ihn getrennt hatte?«
Statt zu antworten, steckte der Halbdämon seine Doppelklingen zurück. Tyler bemerkte genau, wie die silbergraue Farbe nur zögerlich aus der Iris seines Partners verschwand, sagte aber nichts.
»Du blutest«, stellte dieser trocken fest und ignorierte damit endgültig die Vorwürfe.
Bevor Tyler etwas entgegnen konnte, zerriss Alec den Hemdsärmel und musterte die Verletzung. Sieben parallel angeordnete Schnitte, die bis auf den Muskel reichten, prangten auf dem Oberarm des Halbwesens. Sein typisch glitzerndes Blut, das aussah, als sei es mit Diamantenstaub durchzogen, lief ihm in breiten Bahnen über den Arm und tropfte von seinen Fingerspitzen. Dennoch konnte Tyler bereits das einsetzende Kribbeln fühlen, hervorgerufen durch seine Selbstheilungskräfte.
»Das hab ich dir zu verdanken«, beschwerte er sich.
Diesmal warf Alec ihm einen herablassenden Blick zu. »Was regst du dich so auf? Du bist ein Halbengel. Du heilst schneller als sonst jemand.«
»Das war ein Zenta-Dämon, du Trottel. An seinen Klauen haftet Gift.«
Alec schaute amüsiert. »Soll ich dich jetzt tragen?«
»Halt einfach deine Klappe.«
»Wenn du fertig bist, mich zu beleidigen, können wir dann los?«
Genervt wandte sich der Halbengel ab. Sein Körper heilte bereits. Die Schmerzen musste er dennoch ertragen. Auch das Gift war nicht zu unterschätzen, allerdings wusste er genau wie Alec, dass er nur rechtzeitig das Gegenmittel einnehmen bräuchte. Rechtzeitig – das waren vier Stunden und die Akademie lag nur wenige Blocks entfernt. Schweigend verließen sie den Schauplatz und machten sich auf den Weg.
Inzwischen konnten sie von den Menschen wieder gesehen werden. Tylers zerrissenes Hemd war in Blut getränkt. Nicht gerade unauffällig. Obwohl Alec selbst im Frühling nur ein T-Shirt darunter trug, gab er ihm seine schwarze Lederjacke, um die Verletzung zu verbergen. Interessierte Blicke dürften ihnen dennoch sicher sein, da Alecs nackte Arme von unzähligen Tattoos bedeckt waren. Keltische Schutzrunen, Tribals jeglicher Art und andere Symbole bedeckten die Haut und schlangen sich wie Ranken um seine Arme.
Um ungewollte Begegnungen so gering wie möglich zu halten, mieden sie Hauptstraßen und nutzten stattdessen die nicht so stark frequentierten Gassen.
»Dir ist klar, dass du mir ein neues Hemd schuldig bist«, bemerkte Tyler nach einer Weile.
»Warte mal.« Alec hielt ihn am Arm fest.
Tyler hatte erwartet, sein Partner würde protestieren, doch der achtete nicht auf ihn. Verwirrt folgte er dem Blick.
Sie standen vor einem Schnellimbiss. Das Geschäft war winzig, das einzige Fenster beklebt mit unzähligen Angebotsplakaten, die Speisen deutlich schmackhafter darstellten, als sie tatsächlich waren. Die einst weiße Holztür starrte vor Dreck und Tyler wusste, dass es drinnen nicht viel besser aussah. Und dennoch war dies Alecs Lieblingsladen. Für seinen Geschmack war der Halbdämon viel zu oft hier. Warum genau, konnte Tyler nicht im Geringsten nachvollziehen. Das Essen, in erster Linie asiatischer Herkunft, triefte vor Fett, war teilweise lauwarm, überkocht oder zu scharf.
Alec fragte seinen Partner nicht, ob der auch etwas wollte. Er kannte die Antwort bereits. Wortlos ließ er ihn stehen und verschwand in dem heruntergekommenen Laden.
Seufzend lehnte sich Tyler gegen einen der Betonpfeiler, strich die verschwitzten, braunen Haare aus dem Gesicht und wartete. Vorsichtig fasste er unter die Jacke. Dabei ertastete er sieben erhabene Linien und getrocknetes Blut, das sich wie Schuppen von seiner Haut löste. Jetzt, da die Wunde verheilt war, blieb das Gift in seinem Körper eingeschlossen und beeinträchtigte die Nerven. Eine leichte Taubheit breitete sich von den Fingerspitzen bis in die Schulter aus. Er hatte das Gefühl, einen viel zu großen Handschuh zu tragen.
Vielleicht sollten wir das Gegengift in Zukunft mit uns führen, wenn momentan so viele Zentas im Umlauf sind.
Missmutig ließ Tyler die Hand sinken. Es war nicht das erste Mal, dass ein Dämon ihn vergiftete. Tatsächlich war es in sechs Jahren das dritte Mal. Dennoch ärgerte er sich über seine eigene Unachtsamkeit. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch über Alec, der den Angriff hätte verhindern können.
Seine Gedanken wanderten zurück zu dem Geiselnehmer. Der Mann würde mindestens zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt werden. Eine Bewährungsstrafe war nahezu ausgeschlossen. Tyler wusste nicht, wie viel Mitleid er für den Mann aufbringen wollte. Dämonen suchen ihre Wirte nicht ohne Grund aus. Er musste schon vorher kriminelle Gedanken gehabt haben. Der Zenta hatte sich an seiner negativen Seite bereichert und ihn zu der Tat verleitet. Immerhin gab es eine positive Nachricht: Sie hatten den Dämon von ihm trennen können, bevor er noch größeren Schaden anrichten konnte.
Der unangenehme Geruch von altem Fett lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf die verdreckte Tür. Der schwarzhaarige Halbdämon trat mit zwei Essstäbchen in der einen Hand und einer gefalteten Box aus Pappe in der anderen heraus. Tyler lehnte sich vor und linste in die Schachtel. Gebackenes Hühnchen, verkochtes Gemüse, gebratene Nudeln. Der Anblick reichte, um ein Gefühl der Übelkeit in ihm auszulösen, vom Geruch ganz zu schweigen. Angewidert verzog er das Gesicht, während Alec in seinem Essen stocherte.
»Ich verstehe nicht, wie du so etwas essen kannst.« Er ging weiter. »Und das ständig.«
»Nicht ständig«, warf Alec zwischen zwei Bissen ein. »Dann, wenn ich Hunger hab.«
»Gott, davon wird einem ja übel.«
»Ty, halt den Mund«, entgegnete Alec scharf. »Du verdirbst mir den Appetit.«
Seinem besten Freund zuliebe verkniff er sich jeden weiteren Kommentar. Stattdessen kämpfte er gegen die Übelkeit an, war bemüht, den ekelerregenden Geruch aus seiner Nase zu verbannen und seine Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Vergeblich.
Zwei Straßen weiter musste der Halbengel dem Gefühl nachgeben. An einen Laternenmast abgestützt würgte er den gesamten Mageninhalt nach oben. Wellen aus Schmerz durchliefen ihn und ließen seine Muskeln zittern. Als es vorüber war, fühlte er sich ausgelaugt und elend.
»Also ich muss schon sagen«, bemerkte Alec hinter ihm. »Du schaffst es wirklich, deiner Meinung Nachdruck zu verleihen.«
Mit butterweichen Knien richtete sich Tyler auf. Er atmete stoßweise und wischte mit dem Handrücken über den Mund. »Alec?«
Sein Partner brummte. Die Zustimmung, dass er ihn gehört hatte.
»Wie viel Zeit ist seit der Trennung des Dämons vergangen?« Er hätte sich die Frage selbst beantwortet, würde er noch über ein Zeitgefühl verfügen.
»Warum fragst du?« Alec stellte die Pappbox auf einen Mülleimer, anstatt sie reinzuwerfen.
Der Halbengel bemerkte, wie er von der Seite gemustert wurde.
»Du siehst schlecht aus.«
Er fühlte sich auch nicht gut. Schweiß stand ihm auf der Stirn, ihm war eiskalt, sein Arm gefühllos.
»Glaubst du, es hat was –« Plötzlicher Schwindel packte Tyler und ließ ihn verstummen. Die Welt drehte sich um ihn wie ein Karussell. Er stolperte und fiel nach vorne, als er ruckartig zurückgezogen wurde. Eine Hand packte ihn unterm Arm und hielt ihn aufrecht.
»Was ist mit dir?«, fragte Alec und klang ungewöhnlich nervös. Erst jetzt fiel Tyler auf, dass sein Partner sich nicht über ihn lustig gemacht hatte. Kein abfälliger Spruch, kein Sarkasmus – kein gutes Zeichen. »Ty?«
»Mir ist schwindelig«, erklärte er kurzatmig. »Mein Arm … ist taub.« Das Zittern in der Stimme war unüberhörbar. Sein Herz raste wie der Flügelschlag eines Kolibris. Kalter Schweiß trat aus jeder Pore seines Gesichtes. Alec musste ihn stützen, damit er das Gleichgewicht nicht verlor.
Tyler fasste sich an den Kopf. »Was ist das nur?«
»Das muss das Gift sein«, antwortete sein Freund zögerlich. »Das ist ungewöhnlich. Es ist nicht mal eine Stunde vergangen. Wir müssten noch ewig Zeit haben.«
Obwohl sich Tyler so krank fühlte, wie noch selten zuvor, nahm er die Sorge aus der Stimme seines Partners deutlich wahr. Es machte alles nur schlimmer. Wenn der sich ernsthaft sorgte, dann musste es schlecht um ihn stehen. Alec war nicht der Typ, der Gefühle zeigte.
»Beeilen wir uns.« Alec setzte sich in Bewegung und zog ihn mit.
Der Halbengel war nicht mehr in der Lage den Weg selbst zu bestimmen. Jeder seiner Muskeln krampfte schmerzhaft. Allmählich verschwamm der Boden unter seinen schwerer werdenden Füßen. Der Asphalt vereinte sich mit dem Einheitsgrau der Häuserfassaden und wurde zu einem einzigen schmutzigen Teppich. Alles um ihn herum verdunkelte sich. »Alec … ich … ich kann nicht –«
»Wir sind fast da«, hörte er ihn sagen.
Doch Tyler bekam nichts mehr mit. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich einzig und allein auf seine Atmung, seinen nächsten Schritt und darauf, sich an Alec festzuklammern.
Im nächsten Moment wurde er einige Stufen hinaufgezogen. Die Stufen zur Akademie, so glaubte er. Wärme. Vertrauter Geruch nach geöltem Holz und Kerzenwachs. Es musste die Akademie sein. Hier waren sie sicher.
Mit diesem Gedanken löste der vergiftete Halbengel seinen Griff, unfähig sich noch länger festzuhalten, und sank kraftlos zu Boden.
Alec brüllte etwas, erhielt aber keine Antwort.
Tyler spürte die Kälte des Marmors, die durch die Jacke drang, Eintritt in seinen Körper verlangte und ihn auch bekam. Seine Muskeln zitterten unkontrolliert und sandten tausend Schmerzimpulse durch den Leib. Jemand rief seinen Namen. Mehr als einmal. Aber Tyler konnte nicht antworten. Er gab sich der Dunkelheit hin, die ihn umfing und seine Qualen mit sich nahm.
Entkräftet atmete der Halbengel durch, bevor er die Augen öffnete. Ein Blick auf die kahlen Wände und die vielen Betten genügte ihm, um zu wissen, dass er im Krankenzimmer der Akademie lag.
Der Raum wurde von einer einzelnen Nachttischlampe in ein blasses Licht getaucht. Außerdem roch es unverkennbar nach Desinfektionsmittel.
Tyler senkte den Blick. Auf seinem nackten Oberkörper klebten Elektroden, über die er an einen Überwachungsmonitor angeschlossen war. Um den rechten Oberarm schlang sich eine Blutdruckmanschette, ein weicher Clip war an einem Finger angebracht. Jemand überwachte seinen Kreislauf.
Langsam drehte er den Kopf. Sieben parallel angeordnete Narben prangten auf seinem linken Arm. In der Ellenbeuge entdeckte er den Einstich einer Nadel. Offenbar hatte man ihm irgendetwas verabreicht. Als er den Kopf auf die andere Seite drehte, hoffte er insgeheim, Alec in einem Stuhl sitzend vorzufinden, doch er wurde enttäuscht. Tyler war allein. Die einzige Gesellschaft leistete ihm sein Engelsschwert, das neben dem Bett an der Wand lehnte.
Ein sanftes Quietschen ließ ihn zur Tür schauen. »Alec?«
Das Klacken von Highheels drang an seine Ohren. Sofort wusste er, wer gerade das Zimmer betrat. Wie immer trug sie eine Röhrenjeans, darüber ein modisches Oberteil, das Tyler einfach als neongelbes Flatterhemd bezeichnet hätte. Ihre dunkelbraunen Haare waren kunstvoll zu einem Zopf geflochten und über die Schulter nach vorne gelegt.
»Ich glaube kaum, dass Alec überhaupt in der Lage wäre, in hochhackigen Schuhen zu gehen«, spottete sie und kam am Ende des Bettes zum Stehen. »Aber eine amüsante Vorstellung.«
Tyler lächelte schwach. »Sophia.«
»Wie geht’s dir?«, fragte sie ohne Umschweife und trat an seine Seite. Doch statt ihm Beachtung zu schenken, war sie voll und ganz auf den Monitor hinter ihm konzentriert und ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Du warst stundenlang außer Gefecht. Deine Werte sind gut, deine Herzfrequenz hat sich endlich normalisiert, du bist fieberfrei …«
»Sophia«, unterbrach Tyler sie, doch die dritte Leiterin der Akademie redete weiter, als habe sie ihn nicht gehört.
»Mit den Narben wirst du leben müssen. Sie sollten dich aber nicht beeinträchtigen.«
»Sophia.« Mühsam stützte sich Tyler auf die Ellbogen. Als sie seinen ernsten Gesichtsausdruck bemerkte, verstummte sie. »Wo ist Alec?«
Sophia, die als Halbengel für Tyler wie eine ältere Schwester war, schaute ihn mit einer Mischung aus Unverständnis und Mitgefühl an. Er wusste, warum. Es fiel ihr schwer, wie vielen anderen auch, Sympathie für den tätowierten Halbdämon zu empfinden. Und der machte es ihnen auch nicht gerade leicht. Kaum jemand konnte mit Alecs schwierigen Launen umgehen oder seine Entscheidungen nachvollziehen. Er hatte eine Mauer um sich errichtet und gestattete nur selten einen Blick auf seine wahre Persönlichkeit.
Anstatt zu antworten, lief Sophia hinüber zum Fenster. Kraftvoller als nötig riss sie die Vorhänge auseinander. Es war Nacht. Eine geschlossene Wolkendecke reflektierte die Lichter der Stadt und ließ sie in verschiedensten Rot- und Gelbtönen schimmern. Leichter Regen hatte sich wie frischer Morgentau auf der Scheibe abgesetzt. Auf dem Dach gegenüber zeigte die Neontafel einer Bank die Uhrzeit. 23:57 Uhr.
Sophia seufzte und drehte sich wieder zu ihm um. »Du solltest am besten wissen, wo er um diese Uhrzeit steckt.«
Enttäuscht schloss Tyler die Augen und ließ sich zurück in die Kissen sinken.
Ja, er wusste genau, wo Alec war.
Missmutig betrachtete Alec seinen Drink. Der Jameson war nicht das Problem. Tatsächlich bevorzugte er den leicht erdigen Geschmack des Whiskeys, auch weil er nicht so stark brannte. Es waren die Umstände, die auf seine Stimmung drückten und ihm Sorgen bereiteten.
Seit über vierundzwanzig Stunden lag Tyler schon ohne Bewusstsein in der Akademie. Alec hatte seinen Partner noch nie in einem derart schlechten Zustand erlebt. Die Erinnerung bescherte ihm jetzt noch eisige Schauer.
Der Halbengel war im Eingangsbereich zusammengebrochen, seine Gliedmaßen hatten begonnen unkontrolliert zu zucken, und blutiger Schaum hatte sich in seinem Mundwinkel gesammelt und seine Atmung behindert. Erst nachdem Sophia ihm verschiedene Medikamente über einen Venenzugang spritzte, ließ das Zucken nach. Anschließend schlossen sie ihn an einen Überwachungsmonitor an, den die Akademieleiterin kritisch im Auge behielt. Sie benötigte über eine halbe Stunde, um das Gift zu analysieren und ein Antidot zu finden. Daraufhin besserten sich Tylers Werte innerhalb kürzester Zeit und Sophia vermutete, dass er im Laufe des Tages aufwachen würde. Als der Halbdämon das Warten nicht länger aushielt und die Akademie am Abend fluchtartig verließ, lag sein Partner noch immer bewusstlos im Bett.
Inzwischen saß Alec seit Stunden an der Bar seiner Stammkneipe und lauschte den Dämonen. Seit ihn vor acht Jahren einer von ihnen berührt hatte, hörte er ihre Stimmen. Damit war er selbst unter den Halbwesen etwas Besonderes, denn er war der einzig bekannte Halbdämon, der Kontakt in ihre Welt hatte. Bis heute wusste niemand warum, wann oder wie genau die Verbindung zu Stande kam. Durch dieses unfreiwillige Bündnis war Alec in der Lage, ihre Pläne zu vereiteln oder zumindest den Schaden zu begrenzen. Doch es war ein Fluch. Und was er mit anhören musste, brachte ihn oft an seine psychischen Grenzen.
Dämonen verschiedenster Sphären berichteten einander, welchen Menschen sie zu welcher Tat getrieben hatten, wie viel Energie sie aus dem Sterblichen leiten konnten, bevor sie überwältigt wurden, was aktuell die effektivste Methode war, sich in den Geist eines Menschen einzuschleichen, und wie lang dieser widerstehen konnte, bevor er sich seinen abartigen Fantasien hingab.
Alec konnte nur dankbar dafür sein, dass er seine Dämonen nicht sehen, sondern nur hören konnte. Doch die schreiende Frau, die vergewaltigt wurde, das weinende Kind, das von seinen Eltern misshandelt wurde, erzeugten genügend Bilder.
Der Halbdämon rieb sich die Schläfen. Er brauchte eine Pause. Bis jetzt vermochte er keinen Anhaltspunkt für einen erneuten Übergriff herauszuhören und die mörderischen Dämonenstimmen hatten seine Stimmung auf einen neuen Tiefpunkt sinken lassen. Er schloss die Lider. Es half ihm sich zu konzentrieren, die Dämonen vor seinem geistigen Auge zu sehen, wie er sie bekämpfte und in die hinterste Ecke seines Verstandes drängte, bis sie verstummten.
Sekunden später wurden die Stimmen von den Geräuschen der Bar abgelöst. Gelächter, das Klingen von Gläsern und Flaschen, das Gerede unzähliger Gäste vermischt mit Hintergrundmusik aus einer versteckten Stereoanlage.
Alecs Blick fiel auf das Glas in seinen Händen. Es war leer. Schon wieder. Gereizt schnippte er nach dem Barkeeper und bedeutete ihm: Das Gleiche nochmal. Ungeduldig holte er sein Feuerzeug hervor, während er auf seinen Drink wartete. Deckel aufschnippen. Zuschnippen. Durch die Finger rollen. Auf. Zu. Es war ein Ritual, das ihn beruhigte und für Ablenkung sorgte.
»Nervös?«
Alec schaute auf. Mit abschätzendem Blick stellte der Barkeeper ein gefülltes Whiskey-Glas vor ihn auf den Tresen. Er konnte nur wenig älter sein als er selbst, vielleicht Ende zwanzig. Das strohblonde Haar fiel ihm locker in die Stirn. Seine grünen Augen fixierten das Halbwesen vor sich durch feine Brillengläser, so intensiv, als könne er die Dämonen in Alec erkennen.
»Wen interessiert das?« Alec bemühte sich nicht sonderlich, seine Abneigung zu verbergen.
Der Blick des Barkeepers blieb noch einen Moment an ihm haften, bevor er ihn wieder seinen düsteren Gedanken überließ. Alec steckte sein Feuerzeug zurück und nahm einen Schluck Whiskey. Als er das Glas abstellte, bemerkte er die zittrige Hand und die aufkommende Müdigkeit. Den Stimmen zuzuhören war anstrengend und nagte an seinen Kräften. Weder Mike noch Ben zwangen ihn, die Dämonen zu belauschen, geistig in ihre Welt einzutauchen, um so etwa ihren nächsten Angriff vorhersagen zu können. Nein, niemand würde so etwas verlangen. Der junge Halbdämon forderte es von sich selbst. Er wurde von dem Gefühl beherrscht, Wiedergutmachung leisten zu müssen. Schließlich war er für Tylers Verletzung verantwortlich. Hätte er sich nicht von den Stimmen in seinem Kopf ablenken lassen, läge sein Partner jetzt nicht bewusstlos in der Akademie. Ihm war klar, dass er sich damit selbst unter Druck setzte, aber Alec wollte es nicht anders. Er konnte nicht anders. Auch wenn das Qualen und Schmerzen bedeutete. Aber ähnlich wie der Schmerz einer Schnittwunde in gewisser Weise angenehm war, so waren auch die Dämonen bis zu einem gewissen Grad angenehm. Und alles, was darüber hinausging, verdiente er.
Alec bemerkte nicht, wie seine Finger über das Armband strichen, das wie eine Manschette um sein Handgelenk lag. Sanft, beinahe zärtlich berührte er das geschmeidige Leder. Bruchstücke einer Erinnerung drängten in den Vordergrund.
Kälte. Eine schleichende Müdigkeit. Pulsierende, rote Fontänen. Der stechende Geruch nach Eisen. Und Blut. Viel zu viel Blut.
Ein Knall aus berstendem Holz und brechendem Glas durchdrang Alecs Gedanken. Etwas brannte an seiner rechten Hand. Verwundert schaute er nach unten. Der Whiskey war verschüttet, das Glas unter seiner Faust zerschlagen. Feine Splitter steckten in seine Haut, während sich der schwarz lackierte Holztresen gefährlich durchbog.
»Hey!«
Alec wandte den Kopf. Die Getränke der anderen Gäste an der Bar waren verschüttet, Gläser zerbrochen, Flaschen umgeworfen. Jedes Geräusch, von der Musik abgesehen, war verstummt. Ihm gehörte die ungeteilte Aufmerksamkeit.
»Was ist dein Problem?«
Jemand riss ihn vom Hocker und drehte ihn grob zu sich herum. Ein Mann mit buschigen Augenbrauen und Vollbart, blickte wütend auf ihn herab. Obwohl tiefe Falten sein Gesicht und graue Strähnen das Haar durchzogen, war er muskelbepackt und von kräftiger Statur. Auf dem fleckigen Holzfällerhemd entdeckte Alec das Logo einer ihm bekannten Baufirma: Zwei Baumstämme mit einer Motorsäge. Der Mann verströmte einen ekelerregenden Geruch nach Erde und Bier, der Alec angewidert zurückweichen ließ.
Immer noch mit der Frage im Hinterkopf, was eigentlich passiert war, widmete er sich wieder dem Tresen. Kein Mensch hatte die Kraft, eine zehn Zentimeter dicke Holzplatte mit einem einzigen Faustschlag dermaßen beschädigen zu können. Oder eine Druckwelle zu erzeugen, die stark genug war, dass Gläser zerbrachen und Drinks verschüttet wurden.
Alec beschlich eine Ahnung. Nur seine Dämonenseite war in der Lage, solch eine Kraft freizusetzen.
»Was ist jetzt?«, fragte der Arbeiter in die Stille hinein. Unter dem Logo entdeckte Alec einen Namen. Rick.
Mit den Muskelpaketen war Rick garantiert kein schwacher Mann und wäre Alec ein normaler Mensch, wäre er gnadenlos unterlegen. Doch er hatte sich für das Leben als Halbwesen entschieden, was ihn an gewisse Gesetze band. Weil er diese nicht brechen wollte – in erster Linie Tyler zuliebe – würde der durchtrainierte Halbdämon nicht derjenige sein, der die Hand zum ersten Schlag erhob. Er würde aber auch nicht zurückziehen.
»Du wirst das bezahlen«, sagte Rick entschieden.
»Tatsächlich?«, entgegnete Alec angriffslustig. »Vielleicht solltet ihr einfach schneller trinken und weniger reden.«
Eine pulsierende Ader trat an der Schläfe des Mannes hervor. »Und vielleicht brauchst du eine Tracht Prügel!« Mit hochrotem Kopf verkürzte er den Abstand, die Hand zur Faust geballt.
Alec grinste hämisch. Er verlagerte sein Gewicht bereits auf das hintere Bein, um dem kommenden Schlag auszuweichen, als sich plötzlich ein Baseballschläger zwischen die beiden Kampfhähne schob.
»Aufhören!«
Enttäuscht und verärgert über die verpasste Gelegenheit wandte Alec den Kopf. Der Barkeeper warf ihm einen strengen Blick zu. Er wirkte gelassen, als ob er diese Situation jeden Tag erlebte. Der Schläger, mit dem er ihm den Spaß verdorben hatte, ruhte in seiner Hand.
»In meiner Bar wird nicht geprügelt«, erklärte er nüchtern. »Erst recht nicht, wenn der Kampf so unausgeglichen ist.«
Hämisches Gelächter erfüllte den Raum. Offenbar waren die anderen Gäste ebenfalls der Meinung, dass Alec keine Chance hatte. Seine menschliche Seite riet ihm, sie in diesem Glauben zu lassen. Seine dämonische wollte allen das Gegenteil beweisen.
»Und was die Getränke angeht«, fuhr der blonde Barkeeper fort. »Die Runde geht aufs Haus.«
Die Männer hinter Rick brummten zufrieden, nickten einander zu und verließen allmählich den Schutz der Gruppe. Auch Rick trat zurück, nicht ohne Alec einen verhassten Blick zu zuwerfen.
Der fuhr zu dem Barkeeper herum. »Ich brauche keine Almosen«, knurrte er.
Der Baseballschläger lag inzwischen auf der Schulter des Mannes. »Das sind keine Almosen. Glaub nicht, dass du deinen Whiskey umsonst bekommst.« Das Gelächter der Männer übertönte die Musik. »Und für die Reparatur des Tresens wirst du ebenfalls aufkommen.«
In den feinen Gesichtszügen des Barbesitzers erkannte Alec sowohl Frust, als auch Ärger; was ihn aber am meisten verwunderte: Verständnis. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte der Halbdämon zu sehen, wie der Blonde ein Kopfschütteln andeutete. Alec blinzelte und musste gestehen, dass er sich das eingebildet hatte. Langsam flaute der Adrenalinschub in seinen Adern ab, die Anspannung löste sich aus den Schultern des jungen Mannes, sein Herzschlag nahm eine normale Geschwindigkeit an.
Mit wütendem Schnauben knallte er zwei Hunderter auf den beschädigten Tresen. »Das sollte reichen.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, durchquerte er den Raum und verließ die Bar, wohl wissend, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren.
Alec bog in die nächste Seitenstraße ein und lehnte sich an eine Häuserwand. Ihm war schwindelig. Und das nicht nur, weil er zu viel Alkohol getrunken hatte. Der intensive Kontakt zu den Dämonen forderte seinen Tribut. Schlafmangel und die Sorge um Tyler schwächten ihn zusätzlich.
Müde legte der junge Mann den Kopf in den Nacken und blickte in einen sternenreichen Himmel. Eine kühle Brise wehte ihm schwarze Strähnen ins Gesicht, wo sie an seiner schwitzigen Stirn kleben blieben. Er hob den Arm, um sie zurückzustreichen, und hielt inne. Die Außenkante seiner Hand war gespickt mit Glassplittern, wie junge Grashalme, die aus der Erde sprossen. Einzelne Blutstropfen quollen an den Rändern hervor. Der Whiskey, der an den Splittern haftete, brannte wie Säure, als er einen nach dem anderen herauszog und zu Boden fallen ließ.
Ähnlich wie Tylers Wunden, heilten auch seine Verletzungen schneller als die der Menschen. Allerdings galt das nicht für Schäden, die man sich selbst zufügte. Die Schnitte würden daher erst in einigen Tagen nicht mehr zu sehen sein.
Der Halbdämon kramte nach seinem Handy. Er wollte auf die Uhr schauen, doch als er das Display aktivierte, entdeckte er zwei Hinweise darauf. Der erste bezog sich auf drei verpasste Anrufe. Als Alec die Nummer überprüfte, rollte er mit den Augen. Mike hatte versucht, ihn zu erreichen. Dass Alec vierundzwanzig war und seit fünf Jahren ohne Mentor arbeiten konnte, interessierte den zweiten Akademieleiter nicht. Er nahm seine Aufgabe weiterhin sehr ernst. Zu ernst, wenn es nach Alecs Geschmack ging.
Der zweite Hinweis bezog sich auf eine Kurzmitteilung. Auch die war von seinem einstigen Mentor.
Wo zum Henker steckst du? Ruf mich an!
Alec zog die Augenbrauen zusammen. Mike sollte ihn besser kennen und wissen, dass er nicht zurückrufen würde. Er wollte die Nachricht bereits löschen, als er nach unten scrollte und begriff, dass sie noch nicht zu Ende war.
Tyler ist wach.
Dank dieser drei Worte fiel ihm eine tonnenschwere Last von der Seele. Ein Lächeln stahl sich in seine Züge. Tylers Körper hatte mit dem Heilungsprozess begonnen. Er würde leben und Alec nicht für seinen Tod verantwortlich sein. Nicht für diesen. Nicht schon wieder.
»Na, sie mal an«, hallte eine ihm bekannte Stimme durch die Gasse. »Weit bist du ja nicht gekommen.«
Alec schloss die Augen und schob den Unterkiefer vor.
Der legt es echt drauf an, dachte er genervt.
Als er aufschaute, stand ihm Rick gegenüber. Zwei Freunde leisteten ihm Gesellschaft und spielten bedrohlich mit den Muskeln. »Zeit für deine Abreibung.«
»Du glaubst, du bist mutig«, bemerkte der Halbdämon und steckte sein Handy zurück. »Dabei bist du einfach nur dumm.«
Rick entblößte eine Reihe gelber Zähne. »Dein vorlautes Mundwerk geht mir auf den Zeiger.« Provokant rollte er die Hemdsärmel nach oben. Seine zwei Kumpanen taten es ihm gleich.
»Ich warne dich nur einmal«, begann Alec und stieß sich von der Wand ab. »Du wirst den Kampf verlieren. Das wäre ziemlich peinlich, meinst du nicht auch?« Er verlieh seiner Stimme einen drohenden Unterton. »Also dreh dich um, nimm deine Möchtegern-Bodyguards mit und sauf weiter.«
Kaum hatte er den Satz beendet, holte Rick zum Schlag aus. Unbeeindruckt duckte sich Alec an dem nach Bier stinkenden Mann vorbei und trat ihm in die Kniekehlen. Der Holzfäller stolperte gegen die Wand. Ein neues Paar Hände griff nach dem Halbwesen. Alec packte die Arme seines Angreifers, zog ihn ruckartig heran und rammte ihm das Knie in den Leib. Keuchend ging auch der Zweite zu Boden.
Noch bevor der Halbdämon sich dem Dritten widmen konnte, wurde er von einer heftigen Schwindelattacke heimgesucht. Übelkeit keimte in ihm auf und er schmeckte den Whiskey im Hals.
Das war wohl ein Glas zu viel, schoss es Alec durch den Kopf.
Im nächsten Moment wurde er nach hinten gerissen und krachte hart auf den Beton. Eine erdrückende Last erschwerte ihm das Atmen. Alec riss die Augen auf, erhaschte nur einen kurzen Blick auf Rick, der quer über seiner Brust saß, bevor sein Kopf zur Seite gerissen wurde. Dunkle Flecken tanzten vor seinen Augen, Metallgeschmack mischte sich in seinem Mund. Sein Schädel dröhnte. Er hatte Rick unterschätzt.
Genau in dem Moment hörte er sie. Die Dämonen meldeten sich in seinem Kopf, erkannten seine Schwäche und boten ihre Kräfte an, wie Huren ihre Körper.
Alec nahm das Geschenk dankend entgegen.
Augenblicklich heizte sein Blut hoch. Schweiß drang aus jeder Pore des Körpers. Die Kraft der Dämonen verstärkte seine Sinne um ein Vielfaches, jagte wie ein Blitz durch ihn hindurch und aktivierte auch die letzte Muskelzelle.
Ricks nächster Hieb traf Alecs Handfläche. Im Bruchteil einer Sekunde schloss der Halbdämon die Finger und katapultierte den Holzarbeiter mit einem Schlag gegen das Kinn von seiner Brust. Sofort war Alec wieder auf den Beinen. Er packte den Zweiten am Kragen und schleuderte ihn wie einen Tennisball gegen die Hauswand. Regungslos blieb er dort liegen. Ein blutiges Rinnsal lief vom Haaransatz über das blasse Gesicht.
Rennende Schritte lenkten seine Aufmerksamkeit auf den Dritten. Der Feigling hatte die Flucht ergriffen. Alec hetzte hinterher und hatte ihn noch vor dem Ende der Straße eingeholt. Erfüllt von der Macht der Dämonen riss er den Muskelprotz zurück. Der flehentliche Blick in den Augen des Arbeiters entlockte ihm kein Mitleid. Dämonen kannten keine Gnade.
Ein gezielter Tritt auf den Oberschenkel reichte aus, um den Mann kampfunfähig zu machen. Er schrie vor Schmerz und japste nach Luft, bevor der Halbdämon ihn mit einem Schlag gegen den Kopf ausknockte.
»Du«, krächzte eine Stimme hinter ihm. Obwohl Rick und Alec fast dreißig Meter trennten, vernahm er jedes Wort so deutlich, als stünde er neben ihm.
Ein unnatürliches Knurren drang aus der Kehle des jungen Mannes. Er fühlte die dämonische Hitze, die wie flüssiges Metall in seinen Adern glühte. Von blanker Wut gelenkt hielt er auf Rick zu.
Er packte den Holzfäller am Kragen, riss ihn vom Boden - und hielt inne. Alec wurde schlagartig bewusst, was er im Begriff war zu tun und was er bereits getan hatte.
Die Stimmen der Dämonen erfüllten seinen Kopf wie eine hartnäckige Migräne, forderten ihn auf, diesen Gefühlen nachzugeben und den Mann zu erschlagen.
Nein, das werde ich nicht!
Es kostete ihn all seine Willenskraft, die Rufe zu unterdrücken und ihren Einfluss auf seinen Körper und Geist zu unterbinden. Schmerz kroch durch seinen Kopf, als er sich auf Tyler konzentrierte, die Akademie und seine Bewohner vor dem inneren Auge aufblitzen ließ und mit Hilfe seiner Gefühle für sie, die Dämonen in eine Ecke seines Verstandes verbannte.
Rick rutschte aus seinem Griff und fiel zurück zu Boden. Alec keuchte und taumelte gegen die Wand. Es dauerte einen Moment, bis er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Dumpfe Schmerzen in Kopf, Kiefer und Rücken machten es nicht leichter.
Scheißeverdammt, dachte er und knirschte mit den Zähnen. Wenn Tyler oder Mike das wüssten …
Alec ärgerte sich über seine Schwäche, über die Leichtsinnigkeit, mit der er den Dämonen die Kontrolle überlassen hatte, ohne an die Konsequenzen zu denken. Er durfte sich den Stimmen nicht hingeben. Erst recht nicht seine übernatürliche Stärke gegen die Menschen richten.
Ein quälendes Husten lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf Rick. Blut tropfte aus dessen Mund, das Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse verzerrt. Er lag auf der Seite und schaute ungläubig zu ihm hoch. »Wie kannst du …«
»Ich hatte dich gewarnt«, unterbrach Alec ihn, den Ärger noch in seiner Stimme.
Rick holte rasselnd Luft. »Was … was bist du?«
Der Halbdämon schaute ihn herablassend an. »Jünger und stärker.«
Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte sich Alec ab und trat leicht schwankend aus der Seitenstraße.
Tyler spürte die Wärme der Sonne auf der Haut. Hinter seinen Lidern färbte sich die Dunkelheit orange und blendete ihn, sodass er den Kopf vom Fenster abwandte, bevor er die Augen öffnete. Die Elektroden und Kabel waren verschwunden. Der zuvor piepsende Monitor über ihm schwieg. Nacheinander bewegte er Arme und Beine, atmete soweit es seine Lunge zuließ ein und ballte die Hände zu Fäusten. Erfreut stellte er fest, dass die erwarteten Schmerzen ausblieben. Tyler fühlte sich so erholt wie lange nicht mehr.
Unter dem Quietschen der Sprungfedern setzte er sich an die Bettkante und betrachtete seinen nackten Oberkörper. Erhabene Narben unterschiedlichster Größen und Formen schlängelten durch eine muskulöse Landschaft. Jahrelanges Training hatte seinen Körper definiert, ihn aber nicht vor weiterem Schaden bewahren können.
Tyler wandte den Blick ab, bevor die Erinnerung an die vielen Fehltritte klarere Bilder formen konnten. Auf der Kommode neben dem Bett lagen frische Kleider. Seine Schuhe standen darunter und an der Wand gegenüber lehnte Isza.
Der Halbengel sehnte sich nach einer Dusche. Kurzerhand schnappte er sich die Klamotten und verschwand im Bad, wo er die Anstrengungen der letzten Tage vom Körper wusch. Nach knapp zehn Minuten stieg er aus der Kabine. Der Raum war wie in einer Sauna mit Dampf erfüllt. Nachdem er die kurzen walnussbraunen Haare trocken gerubbelt hatte, rasierte er sich, putzte die Zähne und zog das saubere T-Shirt über, das Sophia ihm bereitgelegt hatte.
Im Krankenzimmer nahm er Isza von der Wand und machte sich mit dem Engelsschwert in der Hand auf den Weg zum Essensraum. Die langen Flure waren gespickt mit Türen, hinter denen sich die Zimmer der einzelnen Bewohner befanden. Ein durchgehend kirschroter Läufer bedeckte die Granitplatten wie der rote Teppich bei Filmpremieren. Kunstvoll geschmiedete Wandlampen überbrückten die Zwischenräume zum nächsten Fenster. Verschiedene Pflanzen standen in Terracottakübeln neben den hohen Scheiben, liebevoll gepflegt von Sophia und den Kindern der Akademie. Wenn die Zitronenbäume drinnen überwinterten und im Frühjahr die ersten Blüten trieben, wurden die Gänge von einem herrlichen Duft erfüllt. All das zu sehen und zu riechen war so vertraut und verlieh ihm das Gefühl, zu Hause zu sein.
Vor der letzten Türe auf der rechten Seite blieb Tyler stehen. Automatisch griff er in seine Hosentasche, nur um im selben Moment festzustellen, dass darin gähnende Leere herrschte.
Verdammt. Wo ist mein Schlüssel?
Mürrisch drückte er die Klinke nach unten, als hoffte er, die Tür würde auf wundersame Weise aufschwingen. Doch das tat sie nicht. Tyler seufzte leise. Eigentlich hatte er Isza in seinem Zimmer zurücklassen und nicht zum Essen mitnehmen wollen. Dank Alec herrschte dort seit Jahren Waffenverbot. Doch ihm blieb nichts anderes übrig und er hoffte auf eine Ausnahmeregelung.
Dem Gang schloss sich eine ausladende steinerne Treppe an, die sowohl ins Obergeschoss, wo es in erster Linie Schul- und Trainingsräume gab, als auch ins Erdgeschoss führte. Dort befanden sich die Küche, zwei Gemeinschaftsräume, die Bibliothek und ein Essensraum.
Kaum hatte er die letzte Stufe genommen, roch er den Rinderbraten. Wie auf Kommando gab sein Magen ein Knurren von sich. Kein Wunder. Schließlich hatte er seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen und sich davor übergeben müssen. In freudiger Erwartung auf eine anständige Mahlzeit folgte er dem Geruch und trat schließlich durch die offene Tür des Speisesaals.
Der nach Süden ausgerichtete Raum wurde mit Sonnenlicht geflutet. An den Wänden boten rustikale Eichenholzschränke Platz für das gesamte Geschirr der Akademie. Das Zentrum bildete ein massiver Tisch aus Nussbaum, an dem zwölf Personen Platz fanden. Es erinnerte Tyler oft an die Tafel eines Königs aus dem Mittelalter. Lediglich der limetten-grüne Tischläufer und das Blumengesteck aus Lilien passten nicht ins Bild.
Am linken Ende des Tisches saß Ben, erster Leiter der Akademie und sein einstiger Mentor, der ihn ausgebildet und auf den ersten Einsätzen mit Alec begleitet hatte. Gedankenverloren blätterte er in der Tageszeitung, die braunen Haare fielen ihm locker ins Gesicht. Sorgenfalten verliehen ihm mit seinen vierunddreißig Jahren ein deutlich älteres Aussehen.
Zwei Plätze weiter rechts stocherte Sebastian in seinem Kartoffelpüree. Das Erbsen-Karotten-Gemüse hatte er feinsäuberlich in zwei Haufen getrennt. Von dem Fleisch war nichts mehr übrig. Typisch Bastian.
»Würdest du endlich einen Schritt weitergehen?«, drängte Sophia hinter ihm. »Die Teller sind heiß.«
Verwundert schauten Ben und Sebastian auf. Tyler folgte Sophias Anweisung und trat in den Raum. Eilig lief sie an ihm vorbei und platzierte einen Teller vor Ben, den zweiten an ihren leeren Platz.
»Hey hey, du bist wach«, begrüßte ihn Sebastian grinsend. Sein Shirt war mit getrockneten Schweißflecken gespickt; die sonst zu Stacheln nach oben gegelten Haare hatten einen Teil ihrer Standkraft eingebüßt und hingen jetzt schlaff in jede Richtung. Offenbar war er direkt vom Kampftraining hergekommen. »Ich dachte schon, diesmal hätt’s dich erwischt.«
»Sebastian, so etwas sagt man nicht!«, rief Sophia empört. »Und iss gefälligst nicht nur Fleisch, sondern auch das Gemüse. Es ist nicht vergiftet.«
Angewidert studierte der Halbengel sein Gemüse. Er murmelte etwas, das wie Ich bin alt genug, um selbst zu entscheiden klang, verkniff sich aber einen lauter ausgesprochenen Kommentar.
»Wie fühlst du dich?«, fragte Ben interessiert und faltete die Zeitung. Tyler bemerkte das edle Hemd, als er um den Tisch herum ging und sich auf seinen Platz neben Sebastian setzte. Der schicke Aufzug konnte nur bedeuten, dass er von einem Treffen der Supervisors kam.
»Hungrig«, erklärte er schließlich und lehnte Isza gegen die Tischkante. »Und müde. Aber ansonsten gut.« Sehnsüchtig betrachtete er Bens Teller. Zwar sah der Braten zum Anbeißen aus, doch im Moment wären ihm Pancakes lieber. »Sophia, ist vom Frühstück noch etwas übrig?«
»Frühstück?« Sophia lachte. »Was glaubst du denn? Es ist fast zwei.«
Der ältere Halbengel schob ihm seinen Teller zu. »Iss das. Es ist zwar kein Frühstück, dafür aber köstlich.«
Dankbar begann Tyler zu essen. Ben hatte Recht. Es war zum Reinlegen. Sophia setzte sich auf ihren Platz gegenüber Sebastian, auf dessen Teller inzwischen nur noch die Erbsen vergeblich darauf warteten, verspeist zu werden. Sobald der Akademieleiter mit einem weiteren Teller zurückkam, begann auch er endlich zu essen.
»Sophia hat mir zwar berichtet, dass du vergiftet wurdest«, meinte Ben nach einer Weile. »Aber mich würde interessieren, wie es überhaupt dazu gekommen ist.«
Tyler schaute verwundert auf. »Hat Alec das nicht erzählt?«
Die Stimmung wurde schlagartig ernst. Sowohl Ben als auch Sebastian warfen der brünetten Frau einen Blick zu. Die zeigte plötzlich außergewöhnliches Interesse an der Wasserkaraffe. Tyler beschlich eine Ahnung. Er presste die Kiefer aufeinander und schnaubte verärgert. »Was hat er getan?«
Ben legte die Fingerspitzen aneinander. »Er hat Sophia angegriffen, als sie versucht hat, das Gift in deinem Körper zu neutralisieren und für Alecs Geschmack zu langsam arbeitete.«
Tylers Besteck fiel klappernd auf seinen Teller. »Er hat was?« Entsetzt wandte er sich an Sophia, die seinem Blick auswich. »Was hat er dir angetan?«
»Nichts«, beruhigte der Akademieleiter ihn. »Mike hat ihn rausgeworfen, bevor er irgendetwas Dummes anstellen konnte.«
»Hör zu.« Sophia sprang auf und holte vier Gläser aus dem Eichenschrank. »Alec zeigt wie immer keine Gefühle, aber das, was da aus ihm herausgebrochen ist, war seine Sorge um dich, Tyler.« Sie stellte die Gläser auf den Tisch und schenkte jedem aus der Karaffe ein, obwohl niemand darum gebeten hatte. Dabei mied sie jeglichen Blickkontakt. Die Situation war ihr sichtlich unangenehm. »Es ist schon in Ordnung.«
»Nein, das ist es nicht«, sagte der junge Halbengel entschieden und ignorierte das Glas Wasser. Wut keimte in ihm auf. »Alec kann sich nicht alles erlauben. Was glaubt der, wer er ist?«
Ben blieb gelassen. »Keine Sorge. Er ist genug bestraft.«
»Was meinst du? Wo steckt der Idiot überhaupt?«
»Der Idiot, wie du deinen Partner nennst, ist heute bei Dämmerungsanbruch heimgekommen. Betrunken und offensichtlich in eine handfeste Auseinandersetzung geraten«, erklärte sein einstiger Mentor.
»Das bezeichnest du als Strafe?« Tyler schnaubte. »Das war doch das reinste Vergnügen für ihn.«
»Seine Strafe sind die Vorwürfe, die er sich deinetwegen macht.«
Schweigen erfüllte den Raum. Selbst Sebastian hatte aufgehört, mit seinen Erbsen zu spielen.
Tyler schüttelte den Kopf. Alec musste sich keine Vorwürfe machen. Er hatte nichts falsch gemacht. Wenn überhaupt, war er selbst an seiner Misere schuld, schließlich hatte er den Dämon verfehlt und sich ablenken lassen. Er hatte Alec lediglich im Affekt beschuldigt.
»Zurück zur Ausgangsfrage«, unterbrach Ben seine Gedanken. »Wie genau ist es dazu gekommen?«
Tyler erzählte ihm von der Begegnung mit dem Zenta-Dämon. Von der Trennung, seiner Ungeschicktheit und den Folgen des Giftes. »Ich hab keine Ahnung, wie ich hier hergekommen bin, aber ich vermute, das habe ich Alec zu verdanken.« Ben und Sophia nickten zustimmend. »Aber eines verstehe ich nicht«, fuhr Tyler fort und legte das Besteck nebeneinander auf den leeren Teller. »Das Gift eines Zenta ist doch erst nach vier Stunden tödlich. Warum waren die Auswirkungen schon nach einer halben Stunde dermaßen ausgeprägt?«
Sophia richtete sich kerzengerade auf. »Das Toxin war genetisch verändert«, erklärte sie, erfreut, das Thema Alec fürs erste ruhen lassen zu können. »Ich habe mehrere Blutproben genommen und versucht, das Gift zu isolieren, das eigentlich ein Virus war. Ungewöhnlich aggressiv. Es hat nicht nur deine menschlichen Zellen, sondern auch die deiner Engelsseite angegriffen.«
»Aber wie kann das sein?«, fragte jetzt Sebastian, der das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte.
Sophia schürzte die Lippen. »Das habe ich doch vor zwei Sekunden erklärt.«
»Das meine ich nicht.«
»Sebastian hat recht«, meinte Tyler, der denselben Gedanken hatte. »Ein Zenta-Dämon ist zwar gefährlich, kann aber kaum bis drei zählen. Sie sind nicht intelligent genug, ihr eigenes Gift weiterzuentwickeln.«
Ben schob den leeren Teller beiseite. »Das haben wir uns auch schon gefragt. Der Zenta scheint benutzt worden zu sein. Irgendjemand spinnt im Hintergrund die Fäden. Wer genau, wissen wir nicht.«
»Warte, ich hab die Idee«, rief der jüngste Halbengel am Tisch und lehnte sich nach vorne. Das einfallende Licht ließ seine braunen Augen bernsteinfarben leuchten. »Alec kann doch die Dämonen hören –«
»Nein.« Ben sah ihn warnend an. »Schlag das nicht einmal vor.«
»Aber –«
»Lass gut sein, Bastian.« Tyler wusste sehr wohl, was der junge Halbengel hatte sagen wollen und war bemüht, Verständnis in den Blick zu legen. Mit neunzehn Jahren dachte Sebastian noch zu selten an die Konsequenzen seiner Worte. Er konnte nicht ahnen, wie qualvoll es für Alec war, die Dämonen hören zu müssen. Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. Niemand, weder Tyler noch Ben, würden jemals von Alec verlangen, sich auf diese Stimmen zu konzentrieren.
»’Tschuldigung«, murmelte Sebastian mürrisch und stand auf. Mit einem nachdenklichen und zugleich beleidigten Ausdruck schritt er in Richtung Tür. »Ich geh wieder trainieren.«
Ben hob die Hand. »Bastian, du musst nicht …«
Tyler hörte ein metallenes Poltern, dicht gefolgt von einem fluchenden Sebastian, und drehte sich auf seinem Stuhl um. Der junge Halbengel lag der Länge nach hinter ihm auf dem Steinboden, Isza zwischen seinen Beinen.
»Alles okay?«, fragte Ben und schaute um den Tisch herum.
»Dieses bescheuerte Schwert«, pöbelte Sebastian los, trat nach der Engelsklinge und rappelte sich auf. »Kannst du es nicht woanders hinstellen?«
Tyler zuckte nur mit den Schultern. »Dir ist ja nichts passiert«, entgegnete er und bückte sich nach Isza, um es wieder an den Tisch zu lehnen.
»Wieso hast du es überhaupt hier?« Sophia zog die Augenbrauen kraus. »Ich will keine Waffen im Esszimmer. Das weißt du.«
»Ich hätte es nicht bei mir, wenn ich wüsste, wo mein Schlüssel ist«, wehrte sich der Halbengel.
»Den hat Alec.«
Tyler starrte sie mit offenem Mund an. Fragend schaute er zu Ben, der zuckte lediglich mit den Schultern und las seine Zeitung weiter. Den Blick auf Sebastian sparte er sich, dem es nicht gelang, ein Kichern zu unterdrücken. Stattdessen wandte er sich wieder an Sophia. »Alec hat meinen Schlüssel?«
»Oh, sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, Tyler«, verteidigte sie sich. »Er ist dein Partner. Du solltest ihm etwas mehr Vertrauen entgegenbringen.«
»Das tue ich. In jedem Kampf vertraue ich ihm mein Leben an!« Er rang nach Worten, die seine Stimmung richtig widerspiegelten. »Aber Alec ist nicht sonderlich zurückhaltend. Er ist wie ein Kind, dem man gesagt hat, es darf dieses Zimmer nicht betreten, obwohl er gleichzeitig den Schlüssel dafür in Händen hält. Sprich ein Verbot aus und du kannst drauf wetten, Alec wird es brechen.« Tyler war vergeblich bemüht, sachlich zu bleiben. »Wir reden hier von Alec. Er würde ohne Zögern –«
»Dein Zimmer durchsuchen?«
Alle Köpfe wandten sich in Richtung Tür. Eine angespannte Stille legte sich über den Raum. Der Halbdämon lehnte barfuß im Rahmen und blickte mit müden Augen in die Runde. Tyler runzelte die Stirn. Das Gesicht seines Partners ähnelte einem Aquarell. Halbverheilte Platzwunden zierten Lippe und Braue. Das linke Auge war mit einem Mix aus Violett und Gelb unterlaufen. Feine Schnitte umrahmten seine rechte Hand. Die Knöchel beider Hände verkrustet. Er war unverkennbar in eine Prügelei geraten. Über einer schwarzen Cargohose trug er ein asphaltgraues T-Shirt, sodass seine mit Tattoos übersäten Arme für alle zu sehen waren. Die ineinander verschlungenen Linien, Symbole und keltischen Schutzzeichen bedeckten nahezu jeden Quadratzentimeter seiner Haut und endeten unter breiten Lederarmbändern.
Immerhin ist er frisch geduscht, dachte Tyler mit einem Blick auf seine nassen Haare, die wie Schuhcreme glänzten.
Mit langen Schritten kam Alec auf ihn zu. »Glaub mir, es gibt Reizvolleres, als dein Zimmer zu durchsuchen.«
»Guten Morgen, Alec«, warf der Akademieleiter ein, um die Stimmung zu lösen, doch der ignorierte ihn.
Sebastian, der wohl vergessen hatte, dass er noch vor wenigen Sekunden trotzig gehen wollte, kehrte zu seinem Stuhl zurück.
Alecs Hand glitt in eine seiner vielen Taschen, als er vor seinem Partner zum Stehen kam. »Damit du’s weißt.« Ein alter Messingschlüssel baumelte von seinem Finger herab. »Ich hab dein Zimmer nie betreten.«
Tylers Arm zuckte nach vorne. Der Schlüssel landete gerade noch rechtzeitig in seiner Hand, bevor er zu Boden fallen konnte.
»Danke.« Die zwei eingespielten Halbwesen sahen einander tief in die Augen. Der Halbdämon sprach es nicht aus, würde es vermutlich auch nie tun, aber ihm war die Erleichterung darüber anzusehen, Tyler hier sitzen zu sehen. Und der wusste genau, dass er Alec sein Leben zu verdanken hatte. Der Dank galt viel mehr als nur dem zurückgegebenen Schlüssel.
»Willst du was essen?«, fragte Sophia an Alec gewandt.
Mit reichlich Desinteresse überflog dieser die leeren Teller. »Ich verzichte.«
»Wie du willst.« Sophia erhob sich von ihrem Stuhl und seufzte. »Ich muss mich noch auf den Unterricht vorbereiten. Wir sehen uns später.« Sie hob die Hand zum Abschied und marschierte, mit ihrem Teller in der Hand, aus dem Raum.
»Also, worüber habt ihr geredet, bevor Tyler mich mit einem frechen Kleinkind verglichen hat?« Alec griff nach einem der Wassergläser, nahm einen großen Schluck und setzte sich neben ihn. Tyler glaubte, den süßlichen Alkohol riechen zu können, der noch in seinem Atem hing. Doch es konnte auch Einbildung sein. Macht der Gewohnheit vielleicht.
Geduldig klärte Ben ihn auf. »Die Häufung der Übergriffe ist auffallend«, fuhr er fort. »Noch vor Kurzem waren es ein, vielleicht zwei Besetzungen in der Woche. Heute haben wir nahezu jeden Tag eine.«
»Ist doch egal. Dann werden wir eben mehr Dämonen in den Arsch treten.« Gelangweilt holte der Halbdämon sein Feuerzeug heraus und spielte damit herum, als wäre es ein Bleistift, den er zwischen den Fingern wirbelte. »Wen interessiert das schon?«
Tyler war keineswegs von Alecs derber Reaktion überrascht. Sein Partner genoss jeden Kampf wie ein Süchtiger seinen Stoff. Es war seine Droge. Sein Spiel. Je gefährlicher, desto besser. Wenn er dabei sein Leben verlieren würde, wäre das auch kein Problem für ihn. Es war ihm nichts wert.
»Du weißt schon, was für einen Müll du da redest?«, fragte Tyler genervt.
»Was meinst du?«
»Du hörst dir nicht zu, wenn du sprichst, oder?«
