Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wie bekommt man mehr Leben in die Tage, wenn es nicht mehr Tage zum Leben gibt? Wie nutzt man seine Zeit am besten und mit wem? Frau Timo will 90 werden. Die Journalistin hat ihr Leben in zwei Halbzeiten geteilt. Sie ist 44, die erste Halbzeit neigt sich dem Ende. Sie will nichts verpassen. Während sie darüber nachdenkt, ob sie fristgerecht ablieben kann und ihren Körper beim Älterwerden beobachtet, entwickelt sich ihr Leben grundlegend anders als gedacht. Es füllt sich! Die Tage werden praller. Ihr Leben benimmt sich, als wäre es auf die Zielgerade eingebogen und will noch einmal alles geben. Am Ende hat sie eine Wahl, jedoch nicht die, mit der sie gerechnet hatte.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Frau Timo hat ihr Leben in zwei Halbzeiten geteilt. Sie ist 44, die erste Halbzeit neigt sich dem Ende zu und sie will nichts verpassen. Während die Journalistin darüber nachdenkt, wie sie mehr Leben in ihre Tage bekommt, ob sie fristgerecht ablieben und mit wem sie ihre Zeit am besten nutzen kann, entwickelt sich alles grundlegend anders als gedacht. Ihr Leben benimmt sich, als wäre es auf die Zielgerade eingebogen und will noch einmal alles geben. Am Ende hat sie eine Wahl, jedoch nicht die, mit der sie gerechnet hatte.
Für J. L.
Anja Nititzki, Jahrgang 73, lebt und arbeitet in Halle (Saale). Sie ist in Sangerhausen geboren und in der DDR aufgewachsen. Nach ihrem Studium in Halle (Saale) ging sie nach Hamburg und arbeitete als freie Journalistin für Fachzeitschriften und Agenturen. Seit ihrer Rückkehr in ihre Heimat produziert sie Fernsehreportagen, steht als Reporterin vor der Kamera und als Moderatorin auf der Bühne.
Der Graue Wolf war mir zugelaufen. Er wurde ausgesetzt, kurz vor Heiligabend. Plötzlich war er ohne festen Wohnsitz. Seine Verflossene hatte über Nacht ein neues Türschloss in sein Haus einbauen lassen. Warum? Weil er mich kennengelernt hatte! Wobei das nicht ganz korrekt ist, denn er und ich kannten uns bereits seit Jahren. Wir waren und sind Kollegen. Wir arbeiten bei der Zeitung. Ich schreibe die Artikel, er macht die Fotos dazu.
Nun stand er vor meiner Tür, ausgestattet mit zwei blauen Müllsäcken, die er bedeutungsschwer vor sich her trug. Seine Ex hatte ihm auf diese Weise so liebevoll wie deutlich „Lebe wohl“ gesagt, ihm seine Kleidung portioniert. Gelegentlich wurde die Empfangsdame an der Rezeption in der Redaktion Teil der Schlüpfer-Logistik zwischen ihr und ihm, weil seine Ex ihm dort die blauen Müllsäcke zu deponieren pflegte.
Ich nahm ihn bei mir auf und führte fortan ein sehr ruhiges Leben. Was für mich als Frühaufsteherin, Schnelldenkerin, Blitz-Entscheiderin und „Immer zu wenig Zeit-Haberin“ eigentlich jenseits meiner Vorstellungskraft lag.
Mit dem Grauen Wolf an meiner Seite verbrachte ich fünfzig Prozent meines Beziehungslebens damit zu warten.
„In Hektik passieren Fehler“ war einer seiner Leitsätze, gefolgt von „Eile macht den Weg nicht kürzer“. Ich liebte ihn für jeden dieser Sätze, er brachte Ruhe in meinen Alltag und ich genoss die Zweisamkeit, gewährte ihm und seinen blauen Schlüpfersäcken Asyl auf unbestimmte Zeit, schuf bald Platz in meinen Schränken und in meinem Bett. So schlich er sich peu à peu in mein Leben, langsam, beharrlich, unaufgeregt, leise.
Mein Kollege aus der Foto-Abteilung hatte mir schon immer gefallen. In der Redaktion wirkte er meist wie lebendiges Inventar. Man hörte ihn nie, er bewegte sich bedächtig. Ein grauhaariger Schleicher, der seine Telefonate im Flüsterton abhielt. Immer umwehte ihn der Ruch des Geheimnisvollen, vielleicht sogar des Verbotenen, Unbekannten, weil er so unglaublich leise war. Für mich machte ihn genau das interessant.
Für mich – die „Timoschenko“. Das ist mein Spitzname. Die Redaktion hat ihn mir für meine Timoschenko-Frisur verliehen, ein Kunstwerk, was für meinen Freund so beeindruckend war wie ein Weltwunder, das jeden Morgen aufs Neue entstand. Ich selbst hatte Jahre damit verbracht, mir mein Haar bis zum Hosenansatz wachsen zu lassen und Monate dafür, das Binden des Zopfkranzes zu üben. Die ukrainische Ex-Regierungschefin hatte dafür bestimmt eine Zofe.
Und eines Morgens, als sich dank der Schlüpfer-Logistik herumgesprochen hatte, dass die Timoschenko und der Graue Wolf ein Paar waren, fand ich ein „Rotkäppchen und der Wolf“-Plakat an der Wand rechts neben meinem Schreibtisch angepinnt. Dazu ein paar Flaschen Rotkäppchen-Sekt und meine feierlaunigen Kollegen, die mit den Gläsern klirrten.
Unser grauer Redaktions-Wolf bekam nach dem Umbau im Großraumbüro ein neues Revier zugewiesen. Zusammen mit den anderen beiden Bilderfängern bezog er seinen Arbeitsplatz am Ende des schlauchförmigen Büros. In einem Anflug von Zuneigung heftete ich ein Plakat über seinen Schreibtisch. Die Naturschutzbehörde rief dazu auf, den Wolf zu schützen. „Rettet Isegrim“, prangte in roten Lettern unter dem Porträt eines grauen Wolfes. Das hatte zur Folge, dass die Fotografen-Lounge in „Wolfsschanze“ umgetauft wurde. Über die alte Diskussion, ob man über derlei verbale Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg Witze machen durfte oder nicht, waren die Journalisten in unserer Redaktion längst erhaben. Alle konnten darüber schmunzeln, nur einer nicht: Napoleon, unser Chef.
Der kleine Diktator residierte am gegenüberliegenden Ende des Großraumschlauches in seinem Aquarium. So nannten wir sein Büro – ein Glaskasten, in dem sich der kleine Mann nicht vor uns neugierigen Spähern verbergen konnte, nur vor unseren Lauschangriffen. Das Aquarium war schalldicht, aber nicht blickdicht. Nicht einmal ohne Aufsicht in der Nase bohren, konnte er, kein versonnenes Ohrenschmalzschürfen blieb ungeahndet, kein vergeistigtes Haaresortieren blieb ungesehen, kein Zurechtrütteln seines verklemmten Gemächts unbeobachtet, kein gieriges Verschlingen von Keksresten unbemerkt. Eigentlich hatte er es schwer, unser kleiner Diktator. Aus humanitären Gründen hätte man ihm Jalousien vor die Glaswände seines Aquariums hängen können, auch für uns Außenstehende wäre das ein Gnadenakt der Menschlichkeit gewesen. Doch Mitleid hatte sich unser Chef bislang noch nicht verdient!
Im Verlauf seiner journalistischen Karriere durfte jeder von uns Mitarbeitern Napoleons Chef-Aquarium nur in den seltensten Fällen betreten. Eigentlich nur einmal zum Einstellungsgespräch oder zur Verabschiedung. Der Chef war in seinen Entscheidungen unberechenbar, willkürlich, eben ein zu klein gewachsener Mann! Unvorstellbar, dass es Menschen geben konnte, die ihn mochten. Aber es musste sie geben. Unsere Büroputzfrau war die Einzige, die in sein Aquarium hinein durfte, wenn er nicht darin saß. Sie hatte eines Tages herausgeplaudert, dass er einen besonders hübschen Bildschirmschoner hatte. Das schöne Wort „Schubberbär“ zog auf dem Monitor Kreise und veränderte in regelmäßigen Abständen seine Farbe. Dass er ihn sich selbst geschrieben hatte, schien mir unwahrscheinlich und die Putzfrau war es sicher auch nicht.
Eines Morgens bat er mich per E-Mail in sein Büro. Kommunikation war nicht seine Stärke, denn er hätte mich auch direkt einladen können, als er mir auf Brusthöhe im Fahrstuhl gegenüberstand und es verkniffen vermied, zu mir aufzuschauen. Ich war keine besonders große Frau, Napoleon jedoch ein besonders kleinwüchsiger Mann. Vermutlich fühlte er sich besser, mir von seinem Bürosessel aus eine Audienz aufzuzwingen, als meine Brust zu besprechen. Mir sackte sofort das Herz in die Magengrube, ich bekam trockene Lippen und schiere Angst machte sich breit, Aufruhr in der Kehlkopfgegend!
Ich hob mich schwerfällig von meinem Bürostuhl, mit dem sicheren Wissen, dass es das letzte Mal war, dass ich ihn als Inventar der Redaktion allein an meinem Schreibtisch zurückließ. Meine Kollegen wussten Bescheid, ich hatte Napoleons Einladung gleich per E-Mail an alle weitergeleitet. Ihre Blicke sprachen Bände: Angst, der Nächste zu sein, Mitleid, Unverständnis. Selbst aus der Wolfsschanze vom anderen Ende des Büroschlauches vernahm ich ein gespanntes Knistern. In den Augen meines Grauen Wolfes sah ich Rebellion. Er würde mich rächen oder Napoleon den Krieg erklären, wenn der mir den Kampf ansagte. Ich lief mit klopfendem Herzen den Bürogang entlang, der mir heute besonders endlos erschien, schritt wie Jeanne d’Arc zum Scheiterhaufen, wie Marie Stuart zu ihrem Henker.
„S sss ch Timo!“ Der vollständige Satz: „Setzen Sie sich, Timoschenko“, war Napoleon wohl zu persönlich und zu verschwenderisch. In der Redaktion musste gespart werden, auch an Worten. Meine Position sollte sich schlagartig verbessern, denn sobald ich saß, hatte Napoleon die Chance, mir auf Augenhöhe zu begegnen.
Ich ließ meinen Blick nicht von dem Kleinen, positionierte mich aufrecht ihm gegenüber, nahm die Schultern zurück, drückte meine Brust heraus, das Kinn leicht angehoben, die Augen starr auf mein Gegenüber geheftet. Ich wollte in Würde geköpft werden. Ich sinnierte krampfhaft, welchen Fehler ich begangen hatte, welcher Fauxpas mir diesen Gang zum Schafott beschert hatte.
„Timo, Sie sind vorlaut, sarkastisch und bisweilen zynisch. Sie machen mir hier zu viel Stimmung. Das gefällt mir nicht, aber dadurch sind Sie eine für die ganz harten Nüsse und für die abwegigsten Geschichten. Können Sie sich vorstellen für unser Blatt jeden Montag eine „Tatort-Kolumne“ zu schreiben? Das Volk guckt jeden Sonntag um 20.15 Uhr geschlossen den Tatort in der ARD. Am nächsten Tag ist Volkes Stimme auf sämtlichen Plattformen zu lesen, nur nicht in unserer Zeitung. Ändern Sie das! Versuchen Sie aus Blut und Sperma irgendwas Nettes, Aufrichtiges zu machen. Ich will beim Lesen schmunzeln können – mindestens!“ Der Chef hatte nicht zum Köpfen ausgeholt, sondern zu meinem Ritterschlag und zum Übertragen einer schweren Bürde auf meine Schultern: Was Nettes machen – aus Blut und Sperma!
„Meine Elfe, ich bin stolz auf dich!“ Bei uns zu Hause gab es keine Timo und auch keinen Grauen Wolf. Die beiden gab es nur in der Redaktion. Mein Freund nannte mich gern „Elfe“ oder gar „Elflein“, stets verziert mit einem süffisanten Grinsen. Denn ich war wirklich keine Elfe. Ich schwebte nicht im leichten Seidenfähnchen auf zartem Fuß durch unsere Wohnung. Ich war auch keine Frau mit Kleidergröße Zero und ich pflegte keine Essstörung, die mich durchsichtig oder zart wie eine Elfe erscheinen ließ. Ich war eine ganz normal gebaute Frau, vielleicht hier und da zu viele Muskeln. An den richtigen Stellen war ich wirklich Frau, entgegen dem allgemeinen Schönheitstrend. Kurzum: „Elflein“ spottete jeder Beschreibung, aber es war lieb gemeint und ich musste jedes Mal lachen, wenn meinem Freund dieses leichte Wort nur sehr schwer über die Lippen kroch, weil sie sich schon beim ersten Buchstaben zu einem Grinsen verzerrten.
Im Gegenzug nannte ich ihn „Spiderman“ oder „Mr. Slowly“, weil er der bedächtigste und langsamste Mann war, den ich je in mein Herz geschlossen hatte und der sich frei in meiner Wohnung bewegen durfte.
Ich war stolz auf den Auftrag von Napoleon, aber vor allem beunruhigt.
Eine Kolumne war keine Filmkritik, ich musste mir mehr einfallen lassen und vor allem Tatort-Expertin werden. Doch zunächst wurde unser Zuhause zum Tatort, meiner Meinung nach zum Tatort für Tierquälerei.
Spiderman und ich teilten uns die Wohnung mit Bärbel und Tarzan, unseren Katzen, meinen Katzen. Es tat mir in der Seele weh, wenn mein Freund die Katzen mit geübtem Griff im Nacken packte, sie in die Luft hob und mir auf mein erschrockenes Gesicht hin erklärte, das man Katzen genauso anfassen müsse und nicht anders. Aber was er heute tat, war unverzeihlich. Er schnappte sich Tarzan, legte ihn auf den Bauch und aufs Parkett. Anschließend fasste er ihn hinter den Ohren und begann ihn im Kreis herumzuwirbeln. Es sah aus wie die Todespirouette bei der Eistanz-WM. Tarzan streckte alle Fünfe von sich und drehte übers Parkett bis Spiderman ihn bremste, lachte und mich darüber aufklärte, dass diese Übung „Cosmos-Cat“ hieße. Der Kater sprang auf, schwankte und hatte für einen kurzen Moment die Orientierung verloren. Ich wurde wütend. „Spider, lass sofort Tarzan in Ruhe, der Kater war eher da als du!“ Der Satz war nicht klug, aber es brach mir das Herz, mit anzusehen, wie das arme Tier pirouettiert wurde. Es war ein Satz, den mir mein Freund auf ewig vorhalten würde, denn er besagte, dass Tarzan ein älteres Hausrecht hatte als er und er stellte ihn mit dem Tier auf eine Stufe. Mich machte der Satz nachdenklich, denn er kam mir keineswegs als Witz über die Lippen. Er war das Resultat jahrelangen Zusammenlebens mit meinem Freund. Ich erwog gelegentlich, ihn eigentlich nicht zu brauchen. Er war mein Wegbegleiter, mein Vertrauter, mein Kamerad. Aber war er auch der Mann, den ich wollte und brauchte? Wäre das Leben ohne ihn womöglich leichter?
Ich setzte mir selbst eine Galgenfrist. Ich war jetzt 44, das Ende meiner ersten Halbzeit stand bevor. Ich rechnete, falls mich weder ein Krankenhauskeim noch ein Unfall dahinrafften, damit, dass ich 90 Jahre alt werden würde. Ich nahm mir vor, bis zum Winter darüber nachzudenken, ob ich meine zweite Lebenshälfte zusammen mit Spiderman verbringen wollte. Ich musste mich entscheiden, bevor es für mich zu spät wurde. Ich wälzte Gedankensteine, denn mich quälte das Gefühl, dass die Zeit schneller läuft. Mit 44 lag mein Leben nicht mehr so unendlich lang vor mir. Es war bereits ein Ende abzusehen, das nicht Horizont hieß, denn das Meer der Tage hörte dahinter einfach auf. Die Jahre und Tage erschienen mir kostbarer, als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Ganz klares Prinzip von Angebot und Nachfrage. Das Angebot stagnierte nicht nur, es verringerte sich sogar unaufhaltsam. Meine Nachfrage aber blieb gleich groß. Jeder Tag erschien mir damit wertvoller, kostbarer und durfte nicht ohne ein besonderes Ereignis vergehen.
Ich schrieb das Wort „Entscheidungsfrist“ in meine Wortsammlung. Ich hatte mir angewöhnt, an besonderen Tagen ein „Wort des Tages“ zu notieren. Der Tag musste dafür besonders schön oder besonders schlimm gewesen sein. Die Art der Besonderheit war unbestimmt. Das Wort musste mein Tagesgefühl widerspiegeln und es musste so treffend gewählt sein, dass ich jederzeit die Situation, die zu seiner Wahl geführt hatte, abrufen konnte, ein Schlagwort – bestehend aus möglichst nur einem Wort. In den letzten Jahren hatte ich bereits zwei Notizheftchen mit dem „Wort des Tages“ gefüllt. Heute kam eines hinzu, das mir Bauchschmerzen bereitete. Es lag mir lang und sperrig im Magen, machte Druck. „Entscheidungsfrist“. Die Ecken der Buchstaben piksten gegen die Magenwände. Die beiden i-Punkte fraßen sich ins weiche Fleisch, das „ts“ und das „st“ steckten wie Zahnstocher darin. Die ganze Wortschlange krümmte sich, wühlte. Das Wort war nicht geschmeidig, es hatte Stacheln, Widerhaken.
Wie immer, wenn ich am Montagmorgen die Redaktion betrat, morgens hieß in der Berufsgruppe der Zeitungsredakteure gegen zehn Uhr, galt mein erster Blick unserer Freak-Show-Tafel. An dem Schwarzen Brett durfte jeder von uns Absonderliches anpinnen. Es häuften sich peinliche Tippfehler, sinnlose Sätze, Fauxpas, Fotos aus der Wolfsschanze, die einem vor Lachen die Tränen in die Augen trieben. Montags war die Tafel besonders interessant, weil es bereits die ersten Reaktionen auf unsere Fake-Anzeige vom Samstag gab. Die Fake-Anzeige war zu unser aller Erheiterung erfunden worden. Jede Woche durfte ein Kollege auf unserer Kontaktanzeigenseite die letzten verfügbaren Zeilen nutzen, um eine irrsinnige, aberwitzige Anzeige zu schalten, auf Kosten des Hauses und ohne Napoleons Segen versteht sich. Die Annonce musste so absurd sein, dass die Leserschaft sie einfach nicht ernst nehmen konnte. Natürlich tat sie es trotzdem und beschenkte uns unfreiwillig mit den witzigsten Reaktionen. Freilich pinnten wir die Antworten darauf unter anderen Namen an die Freak-Show-Tafel, schließlich wollten wir niemanden vorführen. So viel Menschenwürde musste sein. Es hätte ja sein können, dass des einen oder anderen Partner oder Freunde und Bekannte auf den Blödsinn antworteten. Die aktuelle Fake-Anzeige musste von einem Kollegen aus der Wolfsschanze stammen. „Junger Fotograf sucht Fotomodelle mit extrem asymmetrischen Brüsten (von Natur aus), selbst betroffen.“
Nun ja, die Reaktionen waren in diesem Falle verhalten, denn wer konnte sich schon vorstellen, dass der Fotograf selbst vom Schrägwuchs betroffen war. Spätestens an dieser Stelle wäre ich als Anzeigenleserin darauf gestoßen, dass der Brustknipser nicht ganz echt sein konnte. ‚Danke liebe Leserinnen, dieser Fake war unter eurem Niveau und auch irgendwie etwas geschmacklos‘, dachte ich und steuerte weiter in Richtung Schreibtisch, sammelte unterwegs ein paar Glückwünsche und Schulterklopfer für meine neue Aufgabe ein. Nur mein neues Schreibtischgegenüber äußerte sich nicht, wie auch, er hatte heute seinen ersten Tag und konnte nicht wissen, worum es ging. Mir gegenüber saß ab heute Paul. Paul, 26, einen Meter neunzig groß, dunkelblond, schlank, lässig gekleidet, frisch von der Uni. Der Chef hatte ihn angekündigt und dabei besonders hervorgehoben, dass Klein-Paul gerade sein Journalismusstudium mit Bravour absolviert hatte. Ein Seitenhieb für die meisten von uns, denn in der Redaktion arbeitete kaum jemand, der sein Handwerk wirklich gelernt oder studiert hatte. Zwei Drittel von uns waren Seiteneinsteiger, das heißt Lehrer, Studienabbrecher, Mathematiker, Juristen, Weinwissenschaftler, sogar einen Agraringenieur hatten wir unter uns. Das sollte sich nicht negativ auf unsere Zeitung auswirken, denn damit gab es für jedes Fachgebiet einen Spezialisten. Mein Fachgebiet hieß „ZBV“ – zur besonderen Verwendung. Nun sollte ich dem mit meiner Tatort-Kolumne alle Ehre machen. Zum Glück war erst Montag. Ich hatte Zeit und die Nase voll.
Denn meinen Schreibtisch umgab eine Wolke aus Herrenparfum. Ich konnte es förmlich schmecken, seifig auf meiner Zunge. Es hatte einen zimtigen Abgang und schien sich mit seinen umherwabernden Duftpartikeln an jedem Atom in der Luft, die mich umgab, angedockt zu haben. Die chloroformierte Luft begann zu schwingen, denn er erhob sich von seinem Bürostuhl, kam zu mir herüber und stellte sich vor. „Angenehm, Paul Kohl, ich bin der Neue.“ Aha, alte Schule, dachte ich mir, der Junge hat noch Manieren. Er reichte mir seine riesige Hand. Es war keineswegs selbstverständlich, dass sich neue Mitarbeiter persönlich bei uns älteren Kollegen vorstellten. Das führte dazu, dass wir uns ihre Namen nicht merkten, auch weil sie ohnehin nur auf der Durchreise unsere Redaktion passierten. Wir nannten unser Büro daher „Durchlauferhitzer“. Die Neuen scheiterten an uns, an ihren Aufgaben oder an Napoleons Schlachtplänen, der heute in seinem Aquarium saß und ein Gesicht machte, als hätte er gerade seinen Russland-Feldzug verloren. Er hatte wohl ein unangenehmes Wochenende.
„Ich heiße Lena Aust. Alle nennen mich Timoschenko, das darfst du auch.“ Ich kam gar nicht auf die Idee, den Youngster zu siezen. Er nahm es mir nicht übel, schaute mir freundlich in die Augen und verzog sich wieder auf seinen Stuhl. „Hey, Youngman, wie heißt dein Parfüm?“, warf unsere Putzperle im Vorbeiflug auf unseren Doppelschreibtisch. „Schmeckt nicht!“, schob sie noch hinterher. Paul grinste, wühlte in seiner Tasche und stellte einen Flacon auf den Tisch. Interessiert machte unsere Reinigungsfachkraft kehrt und richtete ihre kurzsichtigen Augen auf die Flasche mit der bräunlichen Flüssigkeit. „Allure Sport“, entzifferte sie, „Das wird wohl unser neuer Raumduft.“ Sie grinste und verzog sich. Paul fühlte sich nicht angegriffen, nein, er legte sogar noch nach, indem er neu auflegte. Wäre mir das Atmen möglich gewesen, hätte ich darüber gelacht. Ich würde ihm irgendwann nahe legen müssen, einen Artikel über Homöopathie zu schreiben, in der Hoffnung, dass er diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstand und in Zukunft davon absah, seine Duftmarke in so unhomöopathischen Dosen zu setzen.
Ich öffnete das Fenster ein wenig und konzentrierte mich auf meine neue Aufgabe, die Tatort-Kolumne. Mein erstes Problem war der Redaktionsschluss. Der Sonntags-Tatort lief immer bis um 21.45 Uhr. Zwei Stunden und fünfzehn Minuten später musste der Text fertig sein. Wenn mir sofort etwas einfiele, dann wäre das machbar, aber bei den ersten Folgen wollte Napoleon persönlich über mich richten und die Kolumne begutachten und der Chef verweigerte Nachtschichten. Ich musste also erst einmal einen Weg finden, die Kolumne vor der Ausstrahlung des Films zu schreiben. „Kalt schreiben“, nannten wird das. Ich musste mir die Pressetexte und Inhaltsangaben für den Film vorab schicken lassen, mir den Film in Gedanken zusammenreimen und dann aus dem Blut und dem Sperma, was ich noch nicht einmal gesehen hatte, etwas Nettes machen. Verdammt, vielleicht sollte ich erst einmal anders beginnen.
„Youngman? Darf ich das auch sagen?“ – „Klar, Frau Timoschenko, gerne“, antwortete Paul belustigt. „Was würdest du über einen Tatort schreiben, ohne ihn gesehen zu haben?“ – „Ich würde Zeugen befragen, die am Tatort waren“, reagierte er prompt. Okay, ich hätte ihm mehr Input geben sollen, aber so abwegig war seine Idee gar nicht. Ich machte mich zunächst auf die Suche nach Tatort-Guckern. Wer waren diese Menschen, die jeden Sonntag mit Chips und Bier oder mit gerösteten Erdnüssen und Rotwein auf dem Sofa lümmelten und nach Sex and Crime auf der Mattscheibe gierten? Wer erlag dem Zauber des Verbrechens, wer mochte Gewalt nach 20.15 Uhr, wer fieberte mit den Ermittlern auf der Jagd nach Vergewaltigern, Mördern und Kinderschändern? Für mich gab es nur eine Möglichkeit das herauszufinden, ich musste Feldstudien betreiben. Das hieß: Am Sonntagabend eine von den Tatort-Kult-Kneipen aufsuchen und Menschen beim „Rudel-Gucken“ beobachten. Ganz sicher fiele mir dann etwas „Nettes“ ein, was ich dann über diese Menschen texten konnte. Aber die Idee musste ich mir für später aufheben, jetzt musste ich mit meiner Arbeit zunächst den Arbeitszeiten von Napoleon gerecht werden. Ich tippte „Tatort-Nörgler“ in die Suchfunktion unserer Suchmaschine ein und erntete 12.657 Hinweise und im selben Moment einen Anruf auf meinem Privathandy. Ich erkannte sofort, wer der Anrufer war. Spiderman warf auf meinem Display seine klebrigen Spinnweben aus.
„Ich bin in der Notaufnahme im St. Georg“, flüsterte mein Freund. Ich war schockiert, mein Herz sackte auf einen Schlag einen halben Meter nach unten. Was hatte er sich an seinem freien Tag angetan? Ich schwieg, wartete auf weitere Informationen von ihm, immerhin konnte er selbst sprechen. Das beruhigte mich. Dennoch überlegte ich, ob ich sofort losfahren sollte, um ihn abzuholen. „Ich bin beim Joggen gestürzt“, sagte er langsam. „Was heißt das? Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!“, ich wurde ungeduldig. „Ich bin an der Costa Cospuda über einen Rasenkantenstein gestolpert.“ Okay, wie immer war der Graue Wolf um den Cospudener See getrabt. Ich tippte auf einen Bänderriss, einen verstauchten Knöchel oder auf einen kleinen Splitterbruch im Fußgelenk. Ich hatte Zeit darüber nachzudenken, weil mein Freund am anderen Ende der Telefonleitung eine Schweigeminute für sich eingelegt hatte. „Jetzt sag endlich, was du hast, soll ich dich abholen?“ Mir riss der Geduldsfaden. „Ich habe mir am Rasenkantenstein den linken Ringfinger ausgekugelt.“ Ich dachte er scherzte, „Der Finger stand waagerecht in die falsche Richtung ab, mir wurde nicht vom Schmerz schlecht, sondern von dem Anblick. Zwei Frauen kamen vorbei. Sie waren mit ihrem Hund unterwegs. Sie hatten ein Handy dabei und holten einen Krankenwagen für mich. Die Ärztin in der Notaufnahme hat quasi im Vorbeigehen meinen Finger wieder eingerenkt. Danach wurde mir übel.“ Ich musste grinsen. Zum einen war ich glücklich darüber, dass er sich nichts Schlimmeres zugezogen hatte, zum anderen war ich ob der Absurdität des Vorfalls amüsiert. Wie konnte sich mein Freund beim Joggen ausgerechnet den Finger auskugeln? Alles war bei einem Laufunfall möglich, aber nicht das! Ich griente in mich hinein. „Nimm dir am besten ein Taxi und lass dich nach Hause fahren, Spiderchen. Deinen Krankenschein nehme ich morgen mit zu Napoleon. Und lass Bärbel und Tarzan in Ruhe!“ Das konnte ich mir nicht verkneifen.
Jetzt war ich wach und in der richtigen Stimmung, um etwas Nettes über „Tatort Nörgler“ aufzusetzen. Die Informationen, die ich über die Nörgler fand, verwunderten mich. Jeder zweite Tatort-Zuschauer ärgerte sich darüber, dass die Fälle sich ähnelten, ein Drittel klagte über sich wiederholende unrealistische Handlungen. Die Hälfte der weiblichen Zuschauer ärgerte sich über zu viel Gewalt am Sonntagabend. Was hatten diese Damen erwartet? Mit einem Brötchen-Diebstahl konnte man sie schließlich auch nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Zu guter Letzt musste ich erfahren, dass dreißig Prozent der Gucker fanden, dass zu viele Ermittler im Einsatz waren. Ich fragte mich, warum die Zuschauer, wenn sie doch so viel zu nörgeln hatten, überhaupt jeden Sonntag die Fernbedienung drückten und die Große Eins anschalteten. Das war mein Aufhänger für meine erste Tatort-Kolumne. Warum gucken Menschen den Tatort, wenn er ihnen doch gar nicht gefiel? Daraus ließ sich etwas Brauchbares stricken. Ich machte mich an die Arbeit.
Das Stadtviertel, in dem wir in Leipzig wohnten, nannten wir unsere „CvD-Wohngegend“. Das hieß, dass es sich nur Menschen mit der Gehaltsgruppe eines CvDs leisten konnten, in der schönen Bebelstraße zu wohnen. CvD hieß „Chef vom Dienst“ und war der Redakteur, der jedem Artikel, bevor er gedruckt wurde, seinen Segen gab. Der Chef vom Dienst hatte also die Verantwortung für alles, was am Ende beim Leser landete. Diese Verantwortung hatte ihren Preis. Unser Palazzo Prozzo, wie wir unsere Altbauwohnung im ersten Obergeschoss nannten, war wunderschön und mit einem Balkon zur Straße hin ausgestattet. Die Wohnung konnten wir uns leisten, obwohl weder Spiderman noch ich den verantwortungsvollen CvD-Posten innehatten. In unserem Fall war das anders. Unser Wohlstand kam durch das Sammeln von Dienstjahren zustande. Mein Freund gehörte mit zwanzig Jahren als Fotograf bei unserer Zeitung zur Gruppe der aussterbenden Gattung der Festangestellten. Die Entwicklung in der Zeitungsbranche führte dazu, dass es kaum noch Festangestellte bei uns gab, außer Napoleon und unsere beiden Fossilien, wie wir die letzten Mitarbeiter mit festem Arbeitsvertrag nannten. Kurzum, wir konnten deshalb in Würde wohnen. Ich schaute liebevoll von Weitem auf unsere Etage und stellte fest, dass heute irgendetwas anders war. Ich konnte es nicht einordnen, irgendwie wirkte das Wohnzimmer von außen betrachtet heller als gewohnt. Als ich eintrat, strahlte es mich förmlich an. Die Sonne war aufgegangen. Der gesamte knapp zwanzig Quadratmeter große Raum war knallgelb, ausgelegt mit einer Stoffplane. Wirre Schnüre lagen herum und unter der Plane bewegte sich etwas. Für Tarzan und Bärbel war der Körperabdruck eindeutig zu groß. Es konnte also nur Spiderman sein, der mit seinem ausgekugelten Finger unter seinem Fallschirm herumkrabbelte. Ganz entgegen seiner beschaulichen Natur pflegte mein Freund ein gefährliches, schnelles Hobby. Er war Fallschirmspringer. Auf diese Weise konnte er schneller sein als jeder andere Mensch mit einem gewöhnlichen Hobby, der sonst so gemütliche Spider rauschte regelmäßig mit sechs Metern pro Sekunde Fallgeschwindigkeit vom Himmel. „Was machst du da?“, fragte ich gegen die gelbe Plane. „Ich will meinen Schirm neu packen, frisch zusammenlegen, damit er beim nächsten Sprung aufgeht, ich meine, richtig aufgeht“, tönte es unter der Plane hervor. Ich wurde wütend! Normalerweise tut man so etwas draußen auf der grünen Wiese, direkt nach der geglückten Landung. Doch bei seinem letzten Training war Spiderman nass geworden, es hatte geregnet, er konnte seinen Schirm nicht zusammenpacken. Nun sollte er auf unserem Eichenparkett trocknen. Grashalme, Erdreste und Spinnen hatte er auf diese Weise ins Wohnzimmer geschleppt. „Mach sofort, das Wohnzimmer frei. Kannst du nicht gelegentlich nachdenken, bevor du die Wohnung versaust?“, spießerte ich. Spiderman robbte unter der Plane umher, kam direkt vor meinen Füßen zum Vorschein, kniete vor mir und sagte mit erhobenem verbundenem Ringfinger: „Ich bin ein Mann, also denke ich grundsätzlich wenig, und weil ich dein Mann bin, denke ich besonders wenig, weil du immer so schön für mich mitdenkst.“ Ich starrte erst ihn an, dann auf die weit geöffnete Balkontür: „Wo sind Bärbel und Tarzan?“
Der Balkon war verwaist. Ich schäumte vor Wut. Ich brauchte keinen, der sich auf mich als Mit- und Vordenkerin verließ. „Die Katzen sind im Bad“, stöhnte mein Freund und verdrehte dabei die Augen. Er hatte sie weggesperrt. Bärbel und Tarzan hätten Spaß daran gehabt, ihn beim Entknoten der meterlangen Fangleinen des Fallschirms zu unterstützen. Die beiden hockten zwischen dem Katzenklo und einem riesengroßen Blumenstrauß wie Katzenstatuen aus Porzellan. Der Strauß steckte in einer Bodenvase, eine Überraschung für mich! Spiderman hatte also doch mitgedacht, vielmehr daran gedacht, mich durch den Blumenstrauß milde zu stimmen, mir das Leben mit Spinnen und Grashalmen im Wohnzimmer zu erleichtern. Was er nicht bedacht hatte, war, dass ich Chrysanthemen hasste. Friedhofsblumen konnten in meinen Augen nur das allerletzte Geschenk sein.
Sein ausgekugelter Finger hatte Spiderman eine ganze Woche Krankschreibung eingebracht. Ich trabte jeden Morgen in die Redaktion – er blieb allein zu Haus. Da er sich seit Jahren weigerte mitzudenken, weil ich das ja für ihn tat, stand er nun als Hausmann vor einer besonderen Herausforderung. Er musste meinen Job machen. Mein Freund war 49 Jahre alt. Er hatte noch nie allein gelebt. Folglich fielen ihm selbstständiges Handeln, eigenmächtiges Entscheiden und bereits erwähntes Mitdenken schwer. Ich will das an dieser Stelle gar nicht anprangern, es gehören meistens zwei dazu, die so viel Unselbstständigkeit befördern. Einer, der sich doof stellt und eine, die das zulässt und ihm jede Aufgabe bereitwillig abnimmt, um Schlimmeres zu verhindern.
Um optimale Erfolge bei seiner neuen Aufgabe zu erzielen, hatte ich in unserer Küche eine kleine Schiefertafel angebracht. Darauf schrieb ich mit weißer Kreide, was zu tun wäre. Wäsche Waschen und Einkaufen stand heute für Spiderman auf der „To-Do-Tafel“, zwei Aufgaben zu viel, wie sich herausstellen sollte. Der erste Anruf von ihm ereilte mich um kurz nach zehn. Ich hatte es mir gerade an meinen Schreibtisch gemütlich gemacht. Mein Freund war bereits im Supermarkt angekommen. Auf seinem Einkaufszettel war der Einkauf für die ganze Woche verzeichnet. Standards: Milch, Kaffee, Käse, Schinken, Obst, Gemüse, nichts, was man nicht im Regal mit detektivischem Spürsinn hätte entdecken können. Für Spiderman aber war das eine Tagesaufgabe. „Welche Sorte Schinken soll ich nehmen?“, fragte es aus dem Telefonhörer. „Hier sind mindestens dreißig verschiedene. Und nun?“ Ich war noch entspannt, sagte ihm freundlich, dass er einfach kaufen solle, was ihm gefalle, was für seine Begriffe schön aussah oder schmecken könnte. Ich hatte sieben Minuten bis zum nächsten Anruf: „Elfie? Ich finde deinen Ziegenjoghurt nicht.“ Okay, Ziegenjoghurt zu finden war eine Aufgabe mit besonderem Anspruch. Paul am Schreibtisch gegenüber grinste auf seinen Monitor. „Du gehst ins Kühlregal, neben dem normalen Joghurt stehen ganz oben rechts Ziege und Schaf. Links neben Soja. Und wenn du nicht weiter weißt, fragst du einfach eine Verkäuferin.“ – „Das habe ich bereits getan, als ich die Avocados suchte. Die Verkäuferin starrte irritiert in meinen Korb und meinte, ich hätte schon zwei davon eingepackt.“ Peng. Ich legte auf. Paul sah mir mit einem breiten Grinsen ins Gesicht. Keine zehn Minuten später sah ich schon wieder, wie Spiderman seine Klebfäden auf meinem Handydisplay auswarf. Mein Geduldsfaden riss. Ich wartete gar nicht ab, was mein Freund mich zu fragen gedachte, zischte ihn giftig an: „Du bist fast 50, also bitte, kauf alleine ein!“ – „Timo, soll ich Ihnen einen Kaffe machen?“, fragte Paul. „Bring mir einen Grünen Tee mit, und was Süßes. Ich bin unterzuckert, und ich bin böse.“ Paul sprang auf und machte sich auf den Weg in die Büroküche. ‚Danke Herr, für diesen aufmerksamen jungen Mann!‘
