Half His Age - Jennette McCurdy - E-Book

Half His Age E-Book

Jennette McCurdy

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Von der Autorin des New York Times Nr. 1-Bestsellers »I’m Glad My Mom Died« – laut, unverblümt und urkomisch!

Waldo ist gierig. Notgeil. Direkt. Naiv. Weise. Impulsiv. Einsam. Wütend. Stark. Verletzt. Clever. Sie will so unendlich viel, und das, was sie am meisten will, ist: Mr. Korgy, ihren Lehrer für kreatives Schreiben, mit Frau und Kind, mit der Hypothek und den Rechnungen, mit den toten Träumen, der verblassten Attraktivität und dem immer größer werdenden Bäuchlein. Sie weiß nicht, warum sie ihn will. Ist es seine Leidenschaft? Seine Lebenserfahrung? Die Tatsache, dass er Bücher und Filme und Dinge kennt, die sie nicht kennt? Oder ist es etwas noch Reineres, etwas, das in ihrer unwahrscheinlichen Verbindung liegt, in ihrer Seelenverwandtschaft, in dem ähnlichen Filter, durch den sie beide die Welt um sich herum betrachten? Oder vielleicht reicht schon die Tatsache, dass er sie sieht? Wo es doch sonst niemand tut?

Ein witziger, trauriger und fesselnder Roman über Sex, Konsum, Klassenunterschiede, Begehren, Einsamkeit, das Internet, Wut, Intimität, Macht und die (oft völlig fehlgeleiteten) Kraftakte, die wir auf uns nehmen, um das zu bekommen, was wir wollen.

»Ein explosives Debüt [...] einfühlsam und scharfsinnig, herzzerreißend und aufrichtig.« Publishers Weekly über »I'm Glad My Mom Died«

»Half His Ageist ein düsterer, oft urkomischer und unbequemer Triumph« The Guardian 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover for EPUB

Über das Buch

»›Männer sind so wahnsinnig beeindruckt von Zitaten‹, sagte Mom mir mal. ›Das ist ihre Love Language. Alles, was du tun musst, ist, ein paar Zeilen aus The Big Lebowski auswendig lernen, und schon bist du aus dem Schneider. Einmal habe ich ›Der Dude packt das schon‹ zu einem Typen gesagt, und er sah aus, als hätte ich ihm gerade einen geblasen.‹« 

Waldo ist siebzehn und wächst bei ihrer Mom in einer Zweizimmerwohnung in Anchorage, Alaska auf. Sie bezahlt die Rechnungen mit ihrem nervigen Job als BH-Verkäuferin bei Victoria's Secret, während ihre Mutter sich von einem Versager-Freund zum nächsten hangelt. Nur das Online-Shopping tröstet Waldo – bis der neue Creative-Writing-Lehrer Mr. Korgy auftaucht und sie eine noch größere Obsession entwickelt …

Jennette McCurdy erschafft mit Waldo eine Figur zwischen jugendlichem Zynismus und emotionaler Verletzlichkeit, zwischen sexueller Abgeklärtheit und einer überbordenden Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit. Ein wilder, unwiderstehlich feministischer und wahnsinnig lustiger Roman über die Schwierigkeit, im Zeitalter des Kapitalismus vom Mädchen zur Frau zu werden.

Über Jennette McCurdy

Jennette McCurdy ist die Autorin von »I’m Glad My Mom Died«, einem Nr. 1-Bestseller der New York Times, der sich über 90 Wochen auf der Liste hielt. Das Buch wurde in mehr als dreißig Ländern veröffentlicht und über vier Millionen Mal verkauft. McCurdy ist auch Schöpferin, Drehbuchautorin, leitende Produzentin und Showrunnerin einer Apple TV+-Serie, die lose auf dem Buch basiert, mit Jennifer Aniston in der Hauptrolle. »Half His Age« ist ihr Debütroman.

Olivia Kuderewski, 1989 geboren, hat vergleichende Literaturwissenschaft in Augsburg und Sevilla und literarisches Schreiben in Hildesheim studiert. Sie lebt in Berlin, hat die Romane »Lux« und »Haha Heartbreak« veröffentlicht und arbeitet als freie Autorin, Lektorin, Dozentin und Übersetzerin.

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlage.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Jennette McCurdy

Half His Age

Roman

Aus dem Amerikanischen von Olivia Kuderewski

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Danksagung

Zur Autorin

Impressum

1

Ich weiß schon, dass dieses genervte Ächzen nicht gut kommt, wenn man gerade von einem Typen geleckt wird, aber im Moment kann ich mich echt schwer zurückhalten.

»Du schmeckst so gut«, sagt er und leckt sich über die Lippen.

»Danke.«

Randy Juleps Finger verkrallen sich in meinen gespreizten Oberschenkeln, der Todesgriff wird immer fester. Seine Lecktechnik ist nicht gerade überwältigend: Andächtig geschlossene Lider, hin und wieder ein Mmmh und eine schleimige Zunge, die Loopings dreht wie eine Achterbahn auf dem Rummel. Mechanisch, leidenschaftslos.

»Weißt du was? Warum kommst du nicht einfach rauf zu mir?«

»Willst du etwa nicht, dass ich weitermache?«, fragt er und legt den Kopf schief.

»Nein, lass uns einfach … anfangen.«

»O–okay, wenn du willst.« Randy schafft es nicht, seine Begeisterung zu verbergen, und reißt ein Kondom aus seiner Hosentasche, dann fährt er mit seinen schwitzigen Händen durch sein dichtes Haar. Es ist dasselbe Haar, das ihn so geheimnisvoll gemacht hat, als wir uns auf dieser 4th-of-July-Party begegnet sind. Dasselbe Haar, das ihm in die müden Augen fiel, als wir Rotwein, Weißwein und blaue Jell‑O-Shots geext haben. Während wir Mais am Stiel mit zu viel Butter aßen, im Goose Lake schwammen und das illegale Feuerwerk im Himmel über uns explodierte. Das Haar, das ich so faszinierend fand. So verführerisch. Und das mir jetzt nur noch fettig vorkommt.

»Brauchst du Hilfe?«, frage ich, weil Randy die Verpackung nicht aufkriegt.

»Ähm, ja, könntest du mal?«

Er wirft mir das Kondom hin, ich reiße es auf und werfe es zurück. Dann zieht er seine Boxershorts runter und schmeißt sie in die Ecke.

Ich schließe meine Augen und bewege meine Hände langsam nach unten, stelle mir dabei vor, ich wäre woanders. Irgendwo mit jemandem, der mir nah ist, jemand, der mich versteht und den ich auch verstehe. Es ist wirklich schade. Kurz hatte ich geglaubt, Randy könnte dieser jemand für mich sein. Er ist schweigsam und launisch, und deswegen dachte ich, dass er wohl so faszinierende Gedanken haben muss, dass er sie quasi nicht laut aussprechen kann, ohne sie zu ruinieren.

»Deine Titten sind voll schön«, sagt er.

»Danke.«

»Voll schön«, sagt er noch mal und drückt und quetscht mit seinen Fingern daran herum wie ein Kind an einem Klumpen Knete. »Dein ganzer Körper ist …«

»Danke«, sage ich noch mal, zögerlich. Vielleicht ist er ja wirklich schön, mein Körper. Aber ich kann das gar nicht richtig beurteilen, denn seit zwei Jahren, seit ich diese neue Version von meinem Körper habe, bin ich viel mehr damit beschäftigt, irgendwie mit ihm klarzukommen, als ihn wertzuschätzen. Ihn zu rasieren, abzuschaben, einzuschnüren, einzuseifen oder grobe Wattebäusche reinzustopfen. Ich muss ständig irgendwas machen, damit mein Körper nicht macht, was er will. Auslaufen oder platzen oder bluten, zu viele Haare an den falschen Stellen produzieren und zu wenige an den richtigen.

Ich habe mich noch nicht an diesen neuen Körper gewöhnt, mit den neuen Rundungen und Dehnungsstreifen und dieser Silhouette, die ich nicht wiedererkenne. Es ist so, als hätte in meinen schmaleren, flachbrüstigeren Körper nicht mehr alles reingepasst, also hat er sich ausgedehnt, um mehr Platz zu schaffen. Mein Körper ist meinem Verstand plötzlich voraus, und der muss jetzt aufholen. Muss verstehen, dass das hier kein Airbnb ist. Sondern Zuhause. Auch wenn es sich noch nicht so anfühlt.

»Bereit?« Randy kneift die Augen so merkwürdig intensiv zusammen. Ich will ihm am liebsten sagen, dass das hier nicht die Jungfernfahrt der Apollo 13 ist. Dass wir nur ein paar Kinder sind, die gleich auf einem schmalen Doppelbett ficken.

»Ja«, hauche ich in so einer Sexstimme, die ich glaube, jetzt benutzen zu müssen.

Und dann stößt Randy stakkatoartig in mich rein. Stoß, Stoß, Stoß. So wie alle anderen auch. Oder zumindest die letzten drei Jungs, die ich gefickt habe, all diese Jungs mit ihren Ständern und weißen Mitessern und ihrer Art, meinen Körper anzufassen, als würden sie nach Autoschlüsseln suchen. Keine Leidenschaft, keine Verbindung. Nur Schweiß und Gebumse und Genitalien. Körperteile, die in Körperteile gesteckt werden.

Es ist ja nicht so, als würden sie sich keine Mühe geben. Das tun sie. Ich auch. Aber egal, wie viel Spucke oder Sperma, wie viel vorher rumgemacht wird, ob Blowjob oder Lecken, Petting oder Edging – irgendwie ist der Sex immer schlecht. Fühlt sich plump an und oberflächlich. Unbeholfen, wie eine Show. Und soll einen ganz offensichtlich daran erinnern, dass Genitalien wie unförmige Puzzleteile sind, die nicht zusammenpassen.

Hinterher schnallen sie ihre Gürtel wieder zu, und ich hake meinen BH zusammen und muss in der peinlichen Stille mit diesem inneren Jucken klarkommen, das ich immer kriege, wenn ich mich mit Lust zufriedengegeben habe, obwohl ich eine echte Verbindung wollte. Dieses Jucken, an dem ich mit Worten kratzen könnte, die ich laut aussprechen müsste, aber stattdessen ziehen wir los und holen uns ein Eis.

Vielleicht liegt’s an mir. Vielleicht bin ich das Problem. Als ich sieben war, hat meine Mutter mal zu mir gesagt, ich sei einfach schwer zu lieben. Den Satz habe ich nie vergessen. Auch wenn sie zwanzig Minuten später geschworen hat, dass sie es nicht so meinte, und zwei Tage später leugnete, es überhaupt jemals gesagt zu haben.

»Hast dich verhört«, erklärte Mom, nachdem ich es angesprochen hatte, auf unserem wöchentlichen Trip in den Schnäppchenladen, um hochverarbeitete Lebensmittel zu kaufen (Jumbo-Tüten Cheetos und SunChips, ein Glas Skippy-Erdnussbutter und ein paar Packungen Hamburger-Helper-Fertignudeln, die normalerweise abliefen, bevor sie zum Einsatz kamen), außerdem noch das Nötigste (Zahnpasta, Toilettenpapier und Mülltüten, die so dünn waren, dass sie immer rissen, wenn man sie ganz voll machte) und meistens noch irgendein neues Produkt, dem Mom nicht widerstehen konnte (eine Creme für rissige Fersen oder irgendwas mit dem Wort »entgiftend« drauf).

»Weiß nicht, das klingt eigentlich nicht nach was, bei dem man sich so schnell verhören kann«, sagte ich.

Sie steckte sich einen Big-Red-Kaugummi in den Mund und biss darauf herum.

»Tja, nur weil’s was is, wo man sich nicht so schnell verhört, heißt das ja nich, dass du dich nicht verhört hast.«

»Okay. Sorry.«

»Schon gut. Aber nur, dass du’s weißt: Ich hab das nie gesagt. Vielleicht hab ich gesagt, dass du anstrengend bist. Weil du’s wirklich bist. Du brauchst viel, und du bist manchmal viel. Ich bin jetz einfach nur ehrlich, nicht gemein. Aber ich würd niemals sagen, dass du schwer zu lieben bist.«

Problem gelöst, dachte ich mir. Ich bin nicht schwer zu lieben, ich brauche nur viel und bin zu viel. Und dann griff ich nach einem Ausmalbuch, das ich unbedingt wollte, aber überlegte es mir doch anders und stellte es wieder zurück ins Regal. Vielleicht war ich ja so anstrengend, weil ich Dinge wollte. Wenn ich einfach weniger wollen könnte, wäre ich vielleicht richtig, so als Person. Genau so, wie ich sein sollte. Eine Nicht‑zu-viel-Person. Eine einfach zu liebende Person.

Diesen Ansatz habe ich in meine drei bisherigen Beziehungen mitgenommen, wenn man sie denn überhaupt so nennen kann, wahrscheinlich eher nicht. Ich habe versucht, nicht viel zu verlangen und noch weniger zu erwarten. Habe versucht, ihnen das Gefühl zu geben, sie wären lustig, obwohl sie alle dieselben Witze gerissen haben, sie wären schlau, obwohl sie alle dieselbe Meinung hatten, sie hätten recht, auch wenn man das mit einer sehr kurzen Google-Suche hätte widerlegen können. Ich habe versucht, auf Knopfdruck zu lachen, auf Knopfdruck zu lächeln und auf Knopfdruck Komplimente zu machen. Meine Persönlichkeit ist verwässert, ist zu einer zweidimensionalen Pappaufsteller-Version meiner selbst verkommen, und ich dachte eigentlich, das wäre okay, solange mein Körper in 4D und mit allem Drum und Dran verfügbar wäre, bereit zum Anfassen, Grapschen, Lecken und Saugen. Aber je mehr Mühe ich mir gebe, desto mehr merke ich, dass es nicht klappt. Ein Körper kann sich nicht auf Knopfdruck mit einem anderen verbinden, von einem Funken entfacht werden, der nicht da ist, oder eine nicht vorhandene Chemie erzeugen. Vielleicht kriegt man ein bisschen billigen Nervenkitzel, aber irgendwann sagt der Körper: Reicht jetzt.

So wie meiner gerade.

»Ich komme!«, schreit Randy in mein Ohr.

Und das tut er tatsächlich. Wenigstens hält er sein Wort und tut, was er sagt. Verlässlichkeit weiß ich sehr zu schätzen, in jeglicher Form.

Er zieht ihn raus und keucht. Ich schaue rüber zu seinem Nachttisch – zu diesem Teller mit den Pizzarändern, der schon meine letzten paar Besuche überlebt hat, zu seinem eselsohrigen Exemplar von Die subtile Kunst des Daraufscheißens, das mit dem Cover nach oben liegt, als wäre er stolz drauf, es zu lesen. Ich scanne die schwebenden Regalbretter an seiner Wand, die mit Fußballpokalen vollgestellt sind, und die drei Filmposter daneben: Scarface, Goodfellas, Pulp Fiction. Die heilige Dreifaltigkeit. Warum fahren alle Jungs auf dieselben drei Filme ab? Immer diese drei.

»Hast du eigentlich je das Gefühl, dass dein Verstand und dein Körper verschiedene Sachen wollen?«, frage ich ihn.

»Ähm …«, sagt Randy und schaut mich perplex an. »Nein. Nicht wirklich. Du?«

»Ich? Nee … nicht wirklich«, sage ich. Es ist wirklich beunruhigend, wie oft sich Zustimmung und Kapitulation decken.

Randy rollt das Kondom ab und schießt es in den Müll, wie mit einer Gummi-Schleuder, er kneift sogar ein Auge beim Zielen zu. Wenigstens trifft er. Wenn man seine Nachkommenschaft in den Mülleimer schießt, sollte man auch treffen. Er schnappt sich eine dreckige Socke vom Teppich und wischt sich damit ab.

»Hey, Randy«, höre ich mich selbst sagen, als ich mich in meine Jeans zwänge, und meine Stimme klingt dabei irgendwie flach und weit entfernt.

»Mhm?«, fragt er und wischt sich weiter die Wichse mit der Socke ab.

»Ich glaube, wir sollten …« Ich mache eine Pause, um die richtigen Worte zu finden.

»Das hier beenden?«, fragt er lässig und schmeißt die Socke in die Dreckwäsche. »Ehrlich gesagt, hab ich grad dasselbe gedacht …«

»Super.«

»Super. Ich bin echt froh, dass wir so reif damit umgehen«, sagt er und zwinkert mir zu. Dann lässt er sich aufs Bett fallen, schlägt ein Bein übers andere, entsperrt sein Telefon und lacht über irgendein Video, das ihm ein Freund geschickt hat.

»Wir sehn uns«, sage ich über meine Schulter hinweg, als ich rausgehe.

»Jep«, sagt er ohne aufzuschauen.

Und das war’s. Unverbindlicher kann man nicht Schluss machen. Keine einzige Träne wurde vergossen. Kein Warum, kein Ich-kann-mich-Ändern. Einfach eine saubere, simple Trennung. Und wieder ein billiger Nervenkitzel, der zerknüllt und in den Müll geschmissen wurde. Oder eher geschossen.

2

Als ich nach Hause komme, ziehe ich meine Schuhe aus und gehe pinkeln, schmeiße das benutzte Toilettenpapier in den Mülleimer, weil wir noch nie nicht Verstopfungsgefahr hatten. Ich wasche mir die Hände mit Moms Lieblingsseife, Zitronenverbene von Bath & Body Works, Fünferpack für 27 Dollar. Dann spüle ich ab, werfe kurz eine Wäsche an, schiebe eine Stouffer’s Tiefkühllasagne in den Ofen und suche die Kücheninsel nach Moms letztem Klebezettel ab:

Waldo – ich bleib über Nacht bei Tony. Lasagne ist im Eisfach. Hab nen tollen ersten Tag morgen. Abschlussjahr, Süße! Bin voll stolz! Bussi, Ma

Ich verstehe nicht, warum sie sich immer noch die Mühe mit den Klebezetteln macht, wenn sie mir auch einfach eine Nachricht schicken könnte – wahrscheinlich denkt sie, dass das irgendwie persönlicher ist. Aber ich verstehe auch nicht, warum ich sie alle aufhebe. Wahrscheinlich denke ich dasselbe.

Ich gehe mit der Lasagne und dem Klebezettel in mein Zimmer, stecke den Zettel in die Schmuckschachtel, die schon davon überquillt, und verbrenne mir die Zunge an der Lasagne. Dann schaue ich ein Zehn-Schritte-Locken-Tutorial auf Youtube, das so kompliziert aussieht, dass ich überlege, meine Haare einfach wieder jeden Tag mit Föhn und Glätteisen zu malträtieren und erst irgendwann später an meiner Selbstakzeptanz zu arbeiten. Ich switche zum Video eines Mädchens auf einer Secondhand-Shoppingtour, sie ist so alt wie ich, dann zu John F. Kennedy und wie ihm auf der Rückbank dieses Cabrios das Hirn weggepustet wird, dann zum Siebenhundert-Euro-Haul einer Beauty-Influencerin, Sephora-Produkte. Ich klicke auf die Links in der Videobeschreibung, die zu den Produkten führen, während sie erzählt, dass sie dringend ihre Sephora-App löschen muss, damit sie nicht ständig neue Farbtöne von Make‑up-Produkten bestellt, die sie noch nicht einmal ausprobiert hat.

Ich bestelle dieselben Farbtöne des Rouge-Cremestifts wie sie, mit Ausnahme von Venezianischer Rose, weil der ausverkauft ist und sowieso viel zu krass auf meiner blassen Haut aussehen würde. Natürlich weiß ich, dass man mit einem Rouge sein Leben nicht umkrempeln kann, aber trotzdem ist es schön, in den drei Tagen Lieferzeit daran zu glauben. Es ist schön, daran zu glauben, dass nur ein Rouge-Stift den Unterschied ausmacht zwischen Margot Robbie und mir. Es ist schön, an Versprechen zu glauben, auch wenn es bloß leere sind, die in niedlichen Schriftarten auf die Rückseiten von Kartonschächtelchen gedruckt sind. Ganz besonders an die. Irgendwie hat es was, dass sie so selbstsicher in diesen hübschen kleinen Buchstaben dastehen – dadurch fühlen sie sich glaubhafter an als Versprechen aus Menschenmündern.

Ich fülle das Bestell- und Bezahlungsformular aus, und mein Herz fängt an zu rasen, als ich zum großen, roten, drohenden BESTELLEN-Button runterscrolle. Als ich draufklicke, strömt eine Mischung aus Reue und Aufregung durch meinen Körper. Und das ist so eine starke Kombination, dass sie keinen Raum lässt für irgendwelche anderen Gefühle, die sich darunter anstauen.

Mit den Geschmacksknospen, die den ersten Bissen Lasagne überlebt haben, kille ich den Rest meines Essens, dann wasche ich mir das Gesicht, putze meine Zähne und drücke an meinen Pickeln herum, obwohl ich weiß, dass ich das lassen sollte. Als ich im Bett liege, kann ich nicht schlafen, also scrolle ich weiter.

Am Ende des Abends habe ich trotz der moralischen Verwerflichkeit von Fast-Fashion einen Warenkorb auf Shein vollgemacht, weil man eben nur dort eine Hose für zwölf Dollar bekommt. Die Warnung vor krebserregenden Stoffen poppt bei allen Artikeln auf, was ich sehr zu schätzen weiß, weil es mir hilft, auszusortieren. Samthose? Ist den Krebs nicht wert. Crop Top? Schon.

3

»Ich bin ein Versager«, ist das Erste, was er zu uns sagt. »Ein absoluter Versager.«

Natürlich ist das ein bisschen dramatisch, aber es reißt mich auch aus dem Scrollen raus, was ich über keinen anderen meiner Lehrer sagen kann – alle versuchen zwanghaft, eine Verbindung zu uns herzustellen, sich anzubiedern mit diesen »Ihr versteht schon«-Witzen über Direktor Sanders. Ihre Angst, bald überflüssig zu sein, steckt in allem, was sie sagen, als ob die Anerkennung ein paar hormongesteuerter Gen-Z‑Teenies der Beweis dafür wäre, dass sie noch zählen. Immer noch am Ball sind. Immer noch vollwertige menschliche Wesen.

»Das hier war alles andere als mein Traum«, sagt Mr. Korgy, während er zwischen den Tischreihen auf und ab geht und seine Halbschuhe dabei leise, rhythmische Geräusche auf dem Boden machen. »Ich wollte Schriftsteller werden. Romanautor. Aber ich konnte mit dem Mangel an Sicherheit, den das bedeutet hätte, nicht umgehen. Das schwankende, magere Einkommen. Die permanente Zurückweisung. Wie die Freunde meiner Eltern mich gemustert haben. Wie läuft’s mit dem Roman, Meister? Die Ungewissheit. Ich habe mich für ein Leben entschieden, in dem ich mir das Essen vom Thai an der Ecke leisten kann, statt mich mit Fertig-Ramen durchzuschlagen. Ich bin mit Freunden ins Stadion gegangen, statt meine Kurzgeschichten bei Wettbewerben einzureichen. Ich habe lieber meine Lieblingsserie geschaut, statt Entwürfe fertig zu schreiben. Und ich habe auf Bequemlichkeit gesetzt statt auf mich selbst.«

Ganz plötzlich finde ich Mr. Korgy anziehend. Erschreckend plötzlich. Es ist so deutlich spürbar, dass es mich ganz verwirrt. Er ist nicht offensichtlich unattraktiv, und sicher war er früher mal eine richtige Nummer. Früher. Aber sein gutes Aussehen ist verblasst. Verwelkt. Verkümmert, durch den rapiden, unübersehbaren Verfall im mittleren Alter. Und jetzt sind nur noch seine tiefgründigen Augen und das charmante Lächeln übrig, die letzten Überreste eines tollen Gesichts.

Die Typen, mit denen ich was hatte, sehen alle gut aus. Es sind jetzt keine Quarterbacks mit gemeißelten Gesichtszügen und frisch antrainierten Sixpacks, aber die Sorte Jungs, bei denen schon ein paar Höschen feucht werden, weil sie irgendwas Spezielles an sich haben – einen Schmollmund oder gebräunte Haut oder Wuschelhaare. Aber das, was ich gerade für Mr. Korgy empfinde, ist viel intensiver als alles, was ich je für diese Jungs gefühlt habe.

Also sind Attraktivität und Anziehung wohl verschiedene Dinge. Vielleicht habe ich in der Vergangenheit eher so etwas wie … Anerkennung gefühlt, für einen guten Körperbau oder ein Gesicht, eine Frisur. Für Attraktivität. Aber vielleicht ist das hier Anziehung. Etwas Animalischeres, das auch weniger Sinn macht.

»Wieso erzähle ich euch das alles?«, fragt Mr. Korgy und nähert sich seinem Pult. »Weil ich nicht will, dass ihr in meinem Unterricht angeberisch oder cool schreibt. Ich will, dass ihr ehrlich seid. Und wenn ich euch darum bitte, ehrlich zu sein, dann ist es wohl nur fair, wenn ich es auch bin.«

Er zupft seine Hosenbeine hoch und lehnt sich an die Kante des Pults.

»Also, das ist sie. Meine Wahrheit. Die Wahrheit darüber, wie ich da gelandet bin, wo ich heute stehe: ein vierzigjähriger Mann, der in der Abschlussklasse der East High School in Anchorage, Alaska, kreatives Schreiben lehrt. Die wahre Geschichte darüber, warum ich ein Versager bin.«

Meine Vagina pocht. Es liegt nicht daran, dass er ein Versager ist. Ich glaube nicht, dass irgendeine Vagina darauf reagieren würde. Es liegt daran, dass er sich selbst so nennt. Dass er ehrlich von seiner Reue, seinem Status und seinen Unzulänglichkeiten sprechen kann. Sie nicht versteckt wie alle anderen, die einem vorgaukeln, dass ihr Vollzeitjob und ihr Urlaub einmal im Jahr – irgendwo, wo es eben gerade Rabatt auf Kayak.com gab – sie erfüllen. Die stolz darauf sind, ihre Steuern pünktlich zu zahlen und immer einen Bogen Briefmarken in dieser »Für alle Fälle«-Schublade zu haben, neben der Neosporin-Wundsalbe und dem Extra-Ladekabel. Nein, hier steht jemand, der der enttäuschenden Wahrheit, wie sein Leben verlaufen ist, direkt ins Auge gesehen hat und der bereit ist, das offen und verletzlich zuzugeben.

Ich mustere Mr. Korgys dünner werdendes Haar und die Poren auf seiner Nase. Die geplatzten Blutgefäße, die um seine Nasenlöcher herum aufblühen, die weiche Kontur seines Kiefers und die Falten um seine Augen. Seine sogenannten unattraktiven Eigenheiten, die mich aber so anziehen. Und es ist die reine Folter. Es ist berauschend. Unvermeidlich. Diese Art von Anziehung ist es. Die Art, bei der man sich völlig sicher ist, dass es dazu kommen wird, nur weiß man noch nicht, wie.

4

Sie wackelt mit ihren Brüsten vor meiner Nase herum und dreht sich in der pink gestreiften Umkleide um sich selbst. »O mein Gott, der passt so viel besser! Schau dir meine Titten an!«, sagt sie.

Nach einem ganzen Tag voll gereizter Kundinnen, die nur nach ausverkauften Artikeln fragen und sich eine halbe Flasche Passionsfrucht-Eau de Toilette rüberkippen, habe ich das wirklich gebraucht. Weil es mich daran erinnert, warum es sich lohnt, bei Victoria’s Secret zu arbeiten: Man hilft Frauen, sich wohler mit sich selbst zu fühlen. Es braucht nicht viel, manchmal nur einen BH, der gut sitzt. Quetsch deine Titten hoch, und der Selbstwert steigt gleich mit.

Die meisten Geschäfte in der Shoppingmall haben in den letzten Jahren dichtgemacht – Dick’s Sportartikel, Barnes & Noble, Claire’s – weil niemand mehr draußen spielt, liest oder seinem Kind die Ohrlöcher von einer Sechzehnjährigen stechen lässt. Es sind so viele Läden weg, dass es sich langsam nach Postapokalypse anfühlt, wenn nicht gerade Black Friday oder der Tag nach Weihnachten ist. Ein leerer Laden neben dem anderen – rausgerissene Teppiche, runtergelassene Sicherheitstore, und die 75-%-Alles muss raus-Schilder hängen immer noch schief in den Schaufenstern. Die letzten Überlebenden sind die, die sich darauf spezialisiert haben, Frauen Selbstwertgefühl zu verkaufen – in einem Tiegel (Lush), einer Flasche (Bath & Body Works), als Puder (Sephora), Handtasche (Michael Kors) oder BH (Victoria’s Secret). Und eine Fressmeile gibt es auch noch.

»Diese Schlampen bei Macy’s haben mir eingeredet, ich wäre eine 36C … pff«, sagt die Frau. »Gott, ich bin 58 und habe zum ersten Mal einen BH gefunden, der mir richtig passt. Kann ich dich empfehlen, bei deinem Chef oder so?«

»Ähm, wenn Sie was kaufen, dann steht da eine Website am Ende des Kassenzettels. Da können Sie draufgehen und so ein Formular ausfüllen. Oder auch nicht. Kein Stress.«

»Kein Stress? Ich bitte dich, Süße. Verkauf dich nicht unter Wert mit diesem ›Kein Stress‹. Verstehst du? Ich mag es nicht, wenn Frauen sich selbst klein machen, das nervt mich total.«

»Oh. Entschuldigung.«

»Jetzt entschuldige dich doch nicht auch noch, das macht es nur schlimmer. Da machst du dich ja noch kleiner«, sagt sie. »Lass mich dich mal was fragen: Weißt du, was du wert bist?«

Die Frage erwischt mich kalt, vor allem, weil sie von einer Frau kommt, die mit abgebrochenen Haarspitzen und oben ohne vor mir steht und offensichtlich keine Grenzen kennt. Außerdem weiß ich die Antwort nicht. Und die Frage leuchtet mir auch nicht wirklich ein. Was soll das heißen? Woher weiß man, was man wert ist? Was macht den Wert denn aus? Ich bin siebzehn und habe schlechte Noten. Ich wohne in einer 80‑Quadratmeter-Wohnung mit meiner alleinerziehenden Mutter. Die meisten Dinge, die ich esse, stammen aus dem 7‑Eleven. Und ich weiß, dass die Leute sagen, der Wert eines Menschen ist angeboren, dass das etwas ist, was man von vornherein hat und das in der menschlichen Natur liegt, aber ich bin mir da nicht so sicher. Die Leute messen dem Menschsein zu viel Bedeutung bei. Wir sind einfach Menschen. Wir sind einfach widerwärtige, unbedeutende Menschenwesen, die scheißen, furzen und ficken. Die zu viele Milchprodukte konsumieren, in ihren iPhones nach einem Sinn suchen und mindestens eine undiagnostizierte psychische Erkrankung mit sich herumschleppen. Menschen, die möglicherweise nicht besonders viel wert sind. Aber ich habe das Gefühl, es wäre jetzt zu viel, ihr all das zu sagen, also nicke ich bloß und sage: »Ja, denk schon.«

5

Ich ziehe meine Schuhe aus, gehe pinkeln, wasche meine Hände, sauge Staub, schiebe ein paar Totino’s Pizzabrötchen in die Mikrowelle und suche die Kücheninsel ab.

Schatz – bin bei Tony und dann Abendschicht. Hab dir nen Brownie mitgebracht. Vermiss dich, Süße. Bussi, Ma

Die Pizzabrötchen explodieren, aber ich esse die Krusten trotzdem, dann wische ich den Käsebelag von den Innenwänden der Mikrowelle und gehe mit dem Brownie und dem Klebezettel in mein Zimmer. Ich stopfe den Zettel in die Schmuckschachtel und den Brownie in meinen Mund, ziehe mir eine Jogginghose an und ein Nirvana‑T-Shirt, obwohl ich keinen einzigen ihrer Songs kenne.

Im Bett verwandele ich mich dann in diesen vom Internet befeuerten Dämonen, der mich von zehn bis zwei Uhr nachts beherrscht, während das blaue Bildschirmlicht in meine Poren sickert und diese fragwürdige Laptop-Hitze auf mein Gesicht und in meinen Schoß abstrahlt, mir wahrscheinlich die Eierstöcke ausbrennt.

Ich schaue mir Vlogs von stinkreichen Teenagern mit peinlichen Frisuren an, die irgendwelchen Fremden Ferraris schenken, gesponsert von ihren Youtube-Tantiemen, dann switche ich zu mehreren 9/11‑Videos, in denen Leute aus den brennenden Türmen in den Tod springen. Ich schaue einer Mitte Dreißigjährigen zu, wie sie ihre Sockenschublade aufräumt. Ich schaue mir alte olympische Turnübungen an und Jubilee-Lineup-Videos, in denen Leute ihren Gaydar testen oder raten, wer eine Schönheits‑OP hinter sich hat. Ich schaue mir Otter an, die miteinander kuscheln, und eine Mutter, die zum Mord an ihrem Kind verhört wird – sie gesteht, ihr Kleinkind im Planschbecken im Hinterhof ertränkt zu haben.

Dann fange ich an zu shoppen. Ich öffne einen Tab nach dem anderen. Gierig, brutal. Shein, Forever 21, Princess Polly, Amazon, Target, Etsy, H&M, Zara, YesStyle, Boohoo. Ich lade einen Warenkorb nach dem anderen voll. Tanktops und Hosen, Trägerhemdchen und Strickjacken, Stiefel und Armbänder und billige Jeans, die sicher nach Formaldehyd stinken. Ich klicke mich fieberhaft von Tab zu Tab und checke dann meine Bank-of-America-App. Es sind noch 197 Dollar übrig und ich werde nicht vor Freitag bezahlt. Ich habe kaum noch Benzin im Tank und muss Tampons bei Walgreens kaufen, außerdem noch die Lebensmittel, die Mom auf jeden Fall vergessen wird. Forever 21 hat gerade 70-%-Sale auf alles, also gehe ich da hin. Mit einem einzigen Klick verheize ich hundert Dollar und fühle mich sofort schuldig, ich weiß auch in derselben Sekunde, welche Artikel ein Fehlkauf waren. Wo zum Teufel soll ich einen Kimono tragen, ein Hosenrock steht mir eigentlich auch nicht, und warum ist diese Einsicht mir komplett vorenthalten, bis ich auf diesen BESTELLEN-Button geklickt habe? Vielleicht muss man sich erst auf etwas einlassen, um zu lernen, dass man sich von vornherein nicht darauf hätte einlassen sollen.

Während ich auf die Bestellbestätigung warte, lade ich meine Mails immer wieder neu, fast aggressiv, aber dann werden meine Lider schwer und ich schlafe ein, mit dem Laptop als Heizkissen auf mir.

6

In Mr. Korgys zweiter Stunde geht es darum, wie große Dichter dem Allgemeinen im Konkreten nachspüren. Speicheltropfen fliegen, und er gestikuliert wild, aber obwohl er so leidenschaftlich ist, interessiert es keine Sau. Die anderen füßeln, checken ihre gemachten Nägel, zeichnen irgendwas in ihre Notizbücher. Sie hören und sehen ihn überhaupt nicht, aber ich schon. Ich sehe die Traurigkeit in seinen Augen. Und die tiefe Sehnsucht, dass seine Worte bei ihnen ankommen, der Wunsch, sich zu verbinden. Vielleicht besteht Leidenschaft ja daraus – Traurigkeit und dem Wunsch nach Verbindung.

Ich habe mir die ganze Stunde über Sachen mit ihm ausgemalt. Sachen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie will. Perverse Sachen.

Ich habe mir vorgestellt, wie ich seinen Geruch in einen Parfümflakon fülle und mich damit einsprühe, damit ich ihn immer riechen kann – Kiefern und Moschus und ein Hauch Schweiß.

Ich stelle mir vor, wie ich sein Hemd hochschiebe und seine Wampe berühre. Mir anschaue, wie sie wabbelt. Die gekräuselten Haare auf seinem Bauch untersuche und sie glatt lecke.

Ich stelle mir vor, dass ich unter sein Pult krieche und seinen Gürtel aufmache, das verräterische Geräusch, wenn er auf dem Boden aufkommt, dann greife ich in seine Boxershorts und nehme seine verschrumpelten Eier in die Hand. Kitzle sie. Spiele mit ihnen, bis sie wieder gespannt und voller Hoffnung sind.

Ich habe mich bisher nie nach den ekligen Seiten von irgendwem gesehnt. Nur nach den guten. Den geschmeidigen, sauberen, zugeknöpften, gestriegelten und zugeschnallten Seiten. Aber von ihm will ich alles, auch das Eklige. Vor allem das Eklige.

»Ich möchte, dass ihr als erste Aufgabe ein Gedicht schreibt«, sagt Mr. Korgy und lehnt am Rand des Pultes. »Ein kurzes, einfaches Gedicht. Jede Zeile muss mit den Worten ›Ich bin aus …‹ beginnen, der Rest ist euch überlassen.«

Der Gong ertönt.

»Bis Donnerstag«, sagt er und streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Da leuchtet sein silberner Ehering im grellen Neonlicht der Deckenlampe auf und sticht mir ins Auge.

7

»Ich kann nicht glauben, dass du mir nichts gesagt hast!«, ruft Frannie, während wir über den Rasen zum Schulparkplatz gehen.

»Na ja, es war keine große Sache. Wir waren ja nicht mal richtig zusammen.«

»Trotzdem! Eine Trennung ist immer eine große Sache, egal, ob von deinem Seelenverwandten oder von Randy Julep«, sagt sie, bleibt stehen und packt meinen Arm, damit ich auch stehen bleibe. Ihre Rehaugen sind noch größer als sonst, und sie klingt jetzt sehr ernst. »Waldo, du bist meine beste Freundin …«

In mir zieht sich alles zusammen bei diesen drei Worten, die sie so geschickt als Waffe einsetzt. Es klingt wie eine Drohung, wie die gruselige Puppe im Horrorfilm, die am Ende mit diesen grünen Raubtieraugen auf einen zuwankt. MEINE. BESTE. FREUNDIN.

»… und beste Freundinnen erzählen sich einfach alleees.«

Und ich finde es schrecklich, wie sie manche Wörter in die Länge zieht. »Alles« wird zu »alleees«, »ich glaube« zu »ich glahaub«, »vielleicht« zu »viellahaicht«. Früher fand ich das niedlich. Jetzt finde ich es einfach nur nervig. Mit einem kurzen i.

Als wir uns kennenlernten, waren wir schnell unzertrennlich, und in der Mittelstufe bin ich nach der Schule jeden Tag mit zu Frannie nach Hause gegangen. Ich fand es immer toll, wie groß und sauber und sicher sich ihr Haus angefühlt hat, mit den gewölbten Decken und der modernen Alarmanlage, und wie sich die Geräte in die Schrankfronten einfügten. Wir haben den Bastelkram von Frannies Mom durchstöbert, Perlenketten und so kleine Schalen aus Eisstielen gemacht, T‑Shirts gebatikt und Freundschaftskarten gemalt. Wir haben eine Rutschbahn auf dem Rasen aufgebaut und hatten blaue Flecken an unseren Bäuchen, so oft sind wir gerutscht. Einmal haben wir ein Zelt im Hinterhof aufgeschlagen und drei Nächte darin geschlafen. Und im Sommer haben wir selbst gemachte Limonade an ihrer Straßenecke verkauft, im Winter heißen Kakao, für einen Dollar pro Tasse. Alles war gut.

Bis zu diesem einen Mal, als ich bei Frannie übernachtet habe, am Anfang der neunten Klasse. Mom war mit ihrem damaligen Freund auf einem Last-Minute-Trip in Vegas, also verbrachte ich die ganze Woche bei Frannie, und zu dem Zeitpunkt war ich schon an die religiösen Aktivitäten gewöhnt. Es machte mir nicht wirklich was aus. Klar habe ich Nackenschmerzen gekriegt, weil ich drei Mal am Tag beim Gebet mit der ganzen Familie den Kopf so tief neigen musste, und ich kannte auch keine der Anspielungen, wenn wir am Familienabend Buch-Mormon-Scharade gespielt haben, aber das war alles nicht schlimm.

Dieses eine Mal bin ich aber mit ihnen in die Kirche gegangen. Sie haben mir eins von Frannies puffärmeligen Pastellkleidern geliehen, das das ganze Abendmahl hindurch fürchterlich gekratzt hat, und danach bin ich mit ihr in den Bibelunterricht gegangen. Es ging darum, wie man sich mit den Asozialen anfreundet, wie großzügig das ist. Was Wohltätigkeit bedeutet und wie man sich damit Gottes Gunst erwirbt. Ich guckte zwischendrin zu Frannie rüber und sah, wie ihre Augen aufleuchteten, weil sie sich in den Worten so sehr wiedererkannte. Sie saß ganz vorn am Rand ihres Stuhls und fiel fast runter vor lauter reinem, eifrigem Wohltätertum. Da habe ich kapiert, dass ich die Asoziale war, mit der sie sich angefreundet hatte. Ein Loch auf Gottes Stempelkarte, eine Instandsetzung vor dem Herrn. Ich war ihr Wohltätigkeitsprojekt.

Ich wollte ihr ins Gesicht schreien, dass sie auch keine Freunde hatte, dass sie ihr Essen in der Schulcafeteria auch allein essen müsste, wenn sie mich nicht hätte. Aber dann war der Bibelunterricht zu Ende, und ich sah Frannie mit ihren Klassenkameraden im Halbkreis stehen, wie sie sich gegenseitig markierte Bibelstellen zeigten. Mit ihren Freunden. Anscheinend hatte sie doch welche.

»Also, wenn du dich ausheulen oder einfach reden willst, weißt du ja, dass ich für dich da bin«, sagt Frannie.

»Na klar, danke.«

»Gerne.«

Frannie lässt meinen Arm wieder los, und wir gehen weiter zu unseren Autos. Sie wühlt in ihrem Rucksack nach ihren Schlüsseln, und die Düfte ihres Feigen-Lippenbalsams und ihres Geranien-Aesop-Duschgels, das so nach Regenwald riecht, wehen kurz zu mir rüber. Ich habe schon immer gemocht, wie sie riecht.

»Also, ich muss da lang …« Frannie bewegt sich auf ihr Auto zu, ein glänzender MINI Cooper in Vanille, den ihre Eltern ihr zum Sechzehnten geschenkt haben.

»Ich da lang«, sage ich und zeige in Richtung meines Autos, ein ramponierter 2001er Toyota Camry, der mich 800 Dollar und ein paar Stunden gratis Babysitten gekostet hat.

»Dann bis später«, sagt sie und wendet sich ab. »Und hey, ernsthaft, wenn du mich brauchst, bin ich da. Ruf mich an, dann können wir noch weiter drüber reden.«

»Mach ich«, sage ich, auch wenn das nicht stimmt.

Und dann gehen wir in entgegengesetzte Richtungen zu unseren Autos.

8

»Ich bin von Carlos und Sierra«, sagt Vanessa zu Beginn, und ihre Stimme zittert dabei ganz affektiert. »Ich bin aus der Liebe. Ich bin aus der Sonne und dem Mond im Zeichen des Zwillings. Ich bin aus Handständen und Limonadenständen und stehe für mich selbst ein. Ich bin aus Himmel und Hölle und aus Zahnspangen. Ich bin aus dem Seilspringen auf frisch gemähtem Rasen und aus zwei Kugeln Rocky-Road-Eis. Ich bin aus Hoffnungen und Träumen.«

Ich schaue zu Mr. Korgy, um zu prüfen, ob er dasselbe denkt wie ich. Ob sich zwischen uns vielleicht ein Moment der Solidarität einstellt. Ein Moment, der uns näher zusammenbringt und im selben Urteil vereint. Ja, könnten unsere Augen zueinander sagen, das klang wie ein Ausschnitt aus dem American-Girl-Magazin.

Aber er verzieht keine Miene. Vanessa guckt sich erwartungsvoll um. Irgendwer hustet.

»Danke«, sagt er höflich. »Wir haben noch Zeit für ein weiteres.«

Er sieht gut aus. Heute ist er glatt rasiert, und seine lila Strickjacke hat einen kräftigeren Ton als die schlammfarbenen, die er die letzten zwei Tage getragen hat. Sicher ein Statement, die Art Kleidungsstück, die er nur rausholt, wenn er besonders gut drauf ist, weil er das New-York-Times-Kreuzworträtsel gelöst hat oder seinem Wunschgewicht diese Woche ein, zwei Pfund nähergekommen ist. Was auch immer der Grund ist, ich freue mich für ihn.

Ich hoffe, ich sehe auch gut aus. Für ihn. Ich bin heute eine Dreiviertelstunde früher als sonst aufgestanden, mit dem mutigen Vorsatz, mir Beachwaves zu machen. Ich habe währenddessen drei Tutorials geschaut und als ich die letzte Strähne endlich fertig hatte, war ich total durchgeschwitzt und mein Arm tat weh, aber ich habe durchgehalten. Sogar diese eine hartnäckige, krause Stelle an meinem Hinterkopf war danach geschmeidig und glänzte, und niemand hätte je erraten, was ich für Gene habe. So mag ich es am liebsten.

Mit dem Make‑up habe ich mir auch viel Zeit gelassen. Ich habe den Eyeliner präzise und symmetrisch hinbekommen, habe meine Pickel sorgfältig mit Concealer abgedeckt und ihn diesmal mit einem Pinsel ausgestrichen, statt ihn wie sonst mit den Fingern zu verschmieren, während ich auf dem Klo sitze und pinkle, mit der einen Hand den Concealer vertupfe und mit der anderen Toilettenpapier zusammenknülle zum Abwischen. Sogar den »guten« Mascara habe ich benutzt (den gratis Benefit Fan Fest in Reisegröße von einer Sephora-Werbeaktion) statt der verkrusteten Wimperntusche aus der Drogerie, die schon seit einem halben Jahr abgelaufen ist.

Ich habe meinen Schrank aufgeschoben und mich durch die vollgestopften Kleiderstangen gewühlt, um daraus irgendwie das Outfit zusammenzubasteln, das Mr. Korgy am wahrscheinlichsten gefallen würde. Als ich die Hälfte meines Schranks auf dem Bett verteilt hatte, war ich den Tränen nahe. Ich war ratlos, denn einerseits wusste ich, dass mein Körper das wettmacht, was meinem langweiligen Gesicht fehlt – also warum sollte ich das nicht zu meinem Vorteil nutzen? Andererseits dachte ich: Mr. Korgy ist ja ein erwachsener Mann. Ein reifer Mann. Und erwachsene, reife Männer kriegen beim Anblick von zwei wackelnden Titten keinen Steifen wie Schüler in ihrem letzten Highschool-Jahr. Sie haben einen raffinierteren Frauengeschmack. Sie wollen eine kultivierte Frau. Eine, die ein Buch lesen und eine Ballett-Vorstellung aussitzen kann. Eine Frau, die ihren Körper genug wertschätzt, um ihn nicht ständig zur Schau zu stellen. Eine Frau, die sich selbst respektiert.

Erst wollte ich was Akademisches tragen, ein Hemd, darüber einen Karo-Pullover, Hosen, Oxford-Schuhe und »Spaßsocken«. Aber das hat sich zu altbacken angefühlt, also habe ich die Hose gegen einen Faltenrock und Strumpfhosen eingetauscht, ein bisschen besser, aber ich sah immer noch aus wie ein Mädchen, das nur darauf wartet, einem aufgeregt zu erzählen, dass ihr Traumurlaub der Auenland-Drehort auf Neuseeland ist. Also habe ich mir die Strumpfhose wieder runtergerissen, aber den Rock und das Hemd anbehalten, um immer noch akademisch auszusehen, habe dann aber ein Korsett übers Hemd gezogen, um meine Figur zu betonen, und ein Paar Overknee-Stiefel, um das Ganze ein bisschen aufzugeilen – denn egal, wie sehr ein erwachsener Mann sich eine Frau wünscht, die lesen kann, will er ja trotzdem auch eine, die seinen Schwanz lutschen kann.

»Waldo«, sagt Mr. Korgy. »Warum teilst du deins nicht mit der Klasse?«

Ich nicke. Heiße Nervosität flutet meinen Körper. Meine Finger krallen sich an meinem Zettel fest wie Kinderhände an der Wand einer Eislaufbahn. »Ich bin aus einem Trailerpark, aus der weißen Unterschicht. Ich bin von einer Mutter, die gleichzeitig abwesend und bedürftig ist. Ich bin von einem gesichtslosen Vater. Ich bin aus ausgedrückten Zigaretten und überfälligen Entschuldigungen. Ich bin aus hauchdünnen jugendlichen Versprechen. Aus einem Hinterzimmer auf einer Hausparty. Aus ein bisschen zu viel Hennessy. Aus Mindestlohn und Mindesteinsatz, aus einem bedauernswerten Fehler. Ich bin aus einer einzigen angetrunkenen geilen Nacht.«

Mr. Korgy zögert einen Moment und nickt dann.

»Gut«, sagt er. Sein Gesicht ist aus Stein, und er sagt es ganz normal, aber seine Augen verraten mehr. Dass er beeindruckt ist. Dass er mich mag, mich sieht.

Nach dem Unterricht renne ich den Gang runter und schlängele mich durch die Menge. Ich stoße die Tür zur Toilette auf und verkrieche mich in einer Kabine. Mit dem Ellbogen schließe ich die Tür ab und rufe mit der einen Hand Mr. Korgys Instagram auf, die andere rutscht unter meinen Rock und unter das Gummiband meines Strings.

Sein Profilfoto ist ein enger Ausschnitt auf sein Gesicht, vom Hals aufwärts, und der obere Teil seines Kopfes ist abgeschnitten. Er trägt ein braunes Cordhemd – vermutlich hat er das Times-Kreuzworträtsel an diesem Tag nicht gelöst – und lächelt breit. Seine blauen Augen sind immer noch umwerfend, sogar auf diesem Foto, das so groß ist wie mein Daumennagel. Ich klicke sein Profil an und bade in meiner übertriebenen Erregung. Die zu groß ist für so ein kleines Foto. Für eine Person, die ich gar nicht kenne. Für meinen Lehrer.

Aber was schadet so ein kleiner Crush schon? Wenn es sich so gut anfühlt? Ich fasse mich mit meiner rechten Hand an, während meine linke scrollt, immer weiter runter, runter, runter, durch seine Fotos. Ich tippe auf eines, auf dem Mr. Korgy als Woody aus Toy Story