Halleluja Sakra - Detlef Tanneberger - E-Book

Halleluja Sakra E-Book

Detlef Tanneberger

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Beschreibung

Im Jahre 1127 gründete der Slawenmissionar Vicelin, das Kloster der Augustiner-Chorherren in Neumünster. 1154 verstarb Vicelin in Neumünster und fand seine Ruhe in seinem Kloster. Das Kloster verlegte seinen Standort auf eine Insel im Bordesholmer See. 1332, nach der Heiligsprechung, wurden seine Gebeine nach Bordesholm überführt. Seine Grabstätte ist heute nicht mehr nachweisbar. Der Sage nach. So steht es geschrieben: Im Jahre 1332 verlegte das Kloster Neumünster seinen Sitz nach Bordesholm. Als kostbarstes Kleinod, galt es die Gebeine des Stifters, des heiligen Vicelin, in das Kloster zu verlegen. Als die Mönche mit ihrer Reliquie durch Mühbrook zogen, versank der Wagen im unwegsamen Gelände. Eine unbekannte Stimme ermahnte die Mönche, worauf diese das Gelübde ablegten, vor dem Kloster ein Armenhaus zu errichten. Daraufhin setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Oder war alles ganz anders?

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Band 23

Überarbeitete AuflageMühbrook 2015

Ein besonderer Dank gilt Herrn Jürgen Baasch für seine Tätigkeiten als Lektor und Korrektor

Herausgegeben zur777-Jahrfeier von Mühbrook

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Vorwort

In jedem Haushalt gibt es eine kleine, bisweilen auch größere Sammlung unterschiedlichster Festschriften, Chroniken und Jahrbücher aller nur erdenklichen Institutionen und Körperschaften. Der Stapel mit diesen oft schon recht alten Schriften liegt zumeist recht wackelig aufgestapelt in einem versteckten Regal oder in einer Ecke des Bücherbordes. Immer wieder, so alle paar Jahre, nimmt man sich vor, sich von diesen Schriften zu trennen. Zumindest von einigen der alten Hefte und Schriften. Es muss aufgeräumt werden! Bei diesem Vorhaben nimmt man nun nicht den besagten Stapel und übergibt ihn komplett der blauen Tonne. Nein, man nimmt sich Zeit, schaut sich die Schriften nochmals an und beginnt darin zu blättern. Achtung! Das Vorhaben gerät in Gefahr! Auf einmal erwacht das Interesse an den Bildern, Sätzen und Kapiteln. Sieh mal einer an, wer hätte das gedacht. Acht Jahre liegt das Jubiläum des Angelvereines schon zurück und die Freiwillige Feuerwehr feiert im nächsten Jahr schon ihr einhundertfünfundzwanzigstes Jubiläum. Die Sichtung und Lektüre führt im Endeffekt dazu, dass man alle diese Schriften nicht der Vernichtung für würdig erklärt. Das Einzige, was bei einer solchen Aktion herauskommt ist: Der Stapel bleibt und kommt zurück in das Regal.

So erging es mir dann auch vor einigen Tagen. Dabei kam mir auch die Chronik zum 750jährigen Bestehen der Gemeinde Mühbrook in die Finger. „Auch schon wieder 23 Jahre her“, dachte ich bei mir und begann zu blättern. Wieder einmal wurde mir bewusst, in welcher geschichtsträchtigen Gemeinde ich wohnen darf. So konnte ich lesen. Eine alte Sage erzählt, dass so um das Jahr 1332 die Gebeine des heiligen Vicelin von Neumünster nach Bordesholm überführt werden sollten. In Mühbrook kam es jedoch zu einem Vorfall. Ein Gelöbnis wurde von frommen Mönchen des nahen Klosters abgelegt. Die Gebeine des Apostels sind seit dem jedoch verschollen. Mysteriös, mysteriös. Gibt es da etwa dunkle Flecken in der Vergangenheit des Ortes? Wohl nicht möglich! Das kann man doch so nicht hinnehmen. Hat das noch keiner aufgearbeitet? Hat es sich wirklich so zugetragen vor langer Zeit? Oder war alles ganz anders.

I

Die Tage am Ende des Jahres waren schon wieder einmal merklich kurz geworden und sie werden bis zur Sonnenwende noch kürzer werden, ganz klar. So wie jedes Jahr seit ewigen Zeiten, das wusste ich.

Aber so richtig konnte ich mich mit diesem Naturereignis nicht anfreunden und im Grunde auch nicht abfinden. Jedoch eines wusste ich genau, ändern konnte ich es nicht und ein anderer auch nicht.

Nicht einmal Hedda!

Es ging schon auf die Mittagsstunde zu. Ich hatte die Kontrolle der Fischreusen und des großen Stellnetzes abgeschlossen. Leider lagen heute nur ein paar kleine Fische in dem Weidenkorb, allerdings für den eigenen Bedarf reichte der Fang allemal und einige Fische konnten sicher auch noch gegen andere wichtige Dinge des Lebens eingetauscht, oder an Alte und Arme verschenkt werden.

So wenig Ausbeute, obwohl das Wetter noch immer sehr mild war, überaus ungewohnt warm sogar für den November, den Nebelmonat, wobei der Winter in kürze ins Haus stand. Andere Dinge als nur der Fang von Fischen standen demnächst an. Das Netz musste unbedingt ausgebessert werden und ein neues noch größeres, sollte geknüpft werden. Die Reusen mussten auch dringend erneuert werden. Ganz wichtig war die Aufstockung des Korbbestandes für den Krebsfang. Die rote Krabbeltierspezialität hatte sich zu einer exzellenten Handelsware und Einnahmequelle entwickelt, für die es mittlerweile nicht nur Waren im Tausch gab, sondern sogar kleine Silberstücke, ganz besonders in der letzten Zeit, seit die Großbaustelle auf der Insel am nahen Holm betrieben wurde.

Es war an diesem Arbeitstag so wie immer abgelaufen. Auf der Hinfahrt zur Kontrolle der ausgelegten Köder und Fanggeräte galten meine Gedanken natürlich immer der Beute, dem Fang. Wie viel Stück Großfisch wird in dem Netz sein? Sind vor allem auch wertvolle fette Aale dabei? Werden die Körbe gefüllt die Heimreise antreten, oder ist heute sogar endlich der Fisch des Lebens dabei? Eventuell gar eine ganz neue Spezies, die bisher hier noch nicht das Wasser verlassen hat.

Bei der Arbeit selbst war dann kaum Zeit um nachzudenken. Das Boot musste in Richtung gehalten, Reusen und Netze entleert und gereinigt werden. Nebenbei musste ständig auf Wind und Wetter geachtet werden. Die Stunden vergingen oft blitzartig, wie der Flug eines schnellen Greifvogels.

Auf der Rückfahrt hingegen waren die Gedanken ganz andere, egal ob die Körbe gefüllt waren oder auch nicht. Ein schöner Beruf war es, hier Fischer auf dem großen See zu sein. Den Gedanken hin und wieder ihren freien Lauf lassen zu können und zu dem auch sehr eng mit der Natur verbunden zu sein. Was für ein Glück für einen Mann in diesen modernen Zeiten.

Auf der heutigen Rückreise, bei der ich die Ruder nur leicht durch das ruhige Wasser ziehen musste, da so gut wie kein Wind wehte, kam ich gut voran in Richtung Muthenbroke. Das war schon sehr ungewöhnlich für die späte Zeit im Jahre. Sturm und Hagel hatte ich um diese Zeit schon miterleben müssen.

Schön war es jetzt, seinen Gedanken nachgehen zu können. Um allerdings einen Jahresrückblick zu halten, war es denn wohl doch noch etwas zu früh. Einiges könnte sich durchaus noch ereignen. Ich ertappte mich wieder einmal dabei, über meinen innigen großen Wunsch erneut nachzudenken - nämlich ein richtiges Abenteuer zu erleben, wie so viele andere es oft schon erlebt hatten und viel und immer wieder darüber berichteten -. Es konnte doch nicht etwa schon wieder alles gewesen sein in diesem Jahr, in diesem Leben. Wo blieb die große Herausforderung für mich.

Zugegeben, es war ein gutes Jahr gewesen. Viele Fische konnten gefangen und gegen wichtige Waren wie Getreide und Wolle, eingetauscht werden, nicht zu vergessen die Jagd auf die Enten und auch Gänse, die in diesem Jahr bis zum heutigen Tage noch nicht in ihre Winterquartiere abgezogen waren, wo auch immer diese sich befanden. Eine Menge dieser Federtiere konnte von mir zur Strecke gebracht werden, obwohl das Gefieder offensichtlich immer schlauer wurde. Zum Erlegen mit dem Bogen oder Speer war eine morgendliche oder abendliche Pirsch angesagt. Das gab nicht nur gutes fettes Fleisch, sondern neuerdings auch ein paar Silberlinge. Und nicht zu vergessen, fast das Wichtigste, anstatt des Strohsackes und einer wollenen Decke, ein in Leinen gefülltes wärmendes Federbett - herrlich -, wenn im Winter der Wind durch die Ritzen von Fernster und Türen die trockenen Schneeflocken in die Schlafkammer wehte. Die Zeit, an denen sich durch die Atemluft Raureif auf der Zudecke bildete, war die Zeit, wo man eine gute wärmende Zudecke zu schätzen wusste.

Ein Schlafzimmergenuss mittlerweile, in meinem Alter. Die Zeiten ändern sich in vielerlei Hinsicht. Das musste ich bei solchen Wertschätzungen immer öfter erkennen. Nun ja, über kurz oder lang wird die Zeit kommen, da man nicht mehr mit dem Boot auf das Wasser hinausfahren kann. Starke Stürme und die erste Eisbildung auf dem Wasser mit einer dünnen Eisdecke zwingt dann dazu, das Boot aus dem Wasser zu ziehen und es auf Land zu legen. War später die Eisdecke wiederum dick und stark genug geworden, um einen Mann zu tragen, konnte ich durch ein ins Eis geschlagenes Loch wieder kleine und auch mitunter große Fische fangen. Die Hauptarbeit bestand dann aber im Schnitt des Reets, das immer dringender zum Eindecken der Neubauten in der Gegend gebraucht wurde.

Immer das gleiche Fazit bei meinen Gedanken über meine Arbeit und mein Leben. Was hatte ich nur für ein großes Glück, als freier Mann in diesem Land zu dieser Zeit leben zu dürfen. Was sollte es noch jemals besseres auf dieser Welt geben, als frei zu sein und arbeiten zu können.

Uns beiden - jetzt nur noch Brigitta und mir, seit die Söhne beide das Haus verlassen hatten - ging es sehr gut und mit den Jahren immer besser. Ernte, Jagd und Fischfang lieferten mehr, als wir verbrauchen konnten. Handel, Tausch und neuerdings auch der Verkauf ließen uns in bescheidenem Wohlstand leben. Nicht allen ging es so wie uns. Not und Hunger waren immer noch nicht aus unserer Gegend verbannt. Der neue Glaube wird Abhilfe schaffen, so wurde es uns gepredigt. Ein alter mündlicher Vertrag, vor langer Zeit zwischen dem Grafen und meinem Vatersvater abgeschlossen, erlaubte mir und meiner Familie das Leben als freie Menschen. Der Vertrag überließ uns ein kleines Grundstück am Ende des Sees und die Rechte, den großen See zu bewirtschaften und das Ganze auch noch zu recht günstigen Bedingungen. Der Pachtzins war klar geregelt und bestand in den Abgaben von Reet, Herrenfisch, sonstigen Fischen, sowie Enten, Gänsen und auch den Eiern der Möwen. Demnächst neu zu verhandeln galt die Abgabe auch von Silber und Geld. Das wird nicht einfach werden für uns kleinen Leute. Wo sollte das Geld herkommen?

Schauen wir mal, hatte Hedda nur zu diesem Thema gesagt. Manche Dinge erledigen sich mitunter ganz von selbst und auf gediegene Weise.

Bei den Vertragsverhandlungen um die Rechte am See, so sprach meine Mutter oft, habe Hedda gewaltig ihre Finger mit im Spiel gehabt.

Ja, immer wieder unsere Nachbarin Hedda! Über diese Frau wird zukünftig noch nachzudenken sein. Das wurde mir immer klarer, klarer denn je.

Noch ein paar wenige ruhige Ruderschläge und ich konnte Richtung auf die Muthenbroker Bucht aufnehmen. Die Hütten und Häuser und unser alter Anlegesteg waren nicht mehr weit entfernt. Bei der letzten Biegung Richtung Haus und Grundstück sah ich mich wie immer noch einmal um, um die Fahrtrichtung weiter bestimmen und halten zu können.

Nanu, was war das? Ich musste mich erneut umwenden. Stand da nicht jemand auf dem alten hölzernen Steg vor dem Haus.

War das etwa Brigitta? Ich musste beide Augen stark zusammenkneifen. Das Sehen in die Ferne und in die Nähe fiel mir nicht mehr ganz so leicht wie in jungen Jahren. Aber ganz klar - sie war es! Das dunkle Kleid und die langen, grauen Haare, die im Wind wehten - es war Brigitta und sie winkte mir sogar heftig zu. Das konnte ich mittlerweile erkennen. Sieh an - komisch - seit mehreren Jahren war es so nicht mehr vorgekommen. Sicher, seinerzeit, als wir noch beide jung waren, hatte Brigitta häufig auf dem Steg auf meine Rückkehr gewartet. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Aus häufig war in vielen Dingen eher selten geworden.

Was hatte das nun heute zu bedeuten? Es beunruhigte mich, sehr sogar. Ein Gefühl der Anspannung, dessen Begleiterscheinungen ich fast schon vergessen hatte. Was mochte da Besonderes vorgefallen sein? Aber sogleich konnte ich mich selbst beruhigen. Was sollte wohl aufregendes passiert sein bei uns oder gar in Muthenbroke? Hier passiert doch nie etwas Aufregendes.

Dennoch ließ ich die beiden Ruder schneller und auch kräftiger durch das Wasser gleiten Die Situation spannte mich doch mehr an, als ich es mir selbst zugestehen mochte und wollte. Ich war mitten auf der kleinen Bucht am Ende des Gewässers auf Rufweite herangekommen.

„Sören, Sören!“, hörte ich Brigitta rufen. „Komm schnell, ich habe dir etwas zu erzählen, eine Neuigkeit, eine Überraschung, eine große Überraschung! Deine Freude wird groß sein.“

Eine große Überraschung - was konnte das nur sein? War ein Riesenfisch an Land gesprungen? War Brigitta etwa schwanger? Bahnte sich ein lukratives Geschäft an mit dem neuen Kloster?

Ich zog die Ruder automatisch noch schneller durch das Wasser. Wenige gut geübte Handgriffe genügten und das Boot war am Steg fest verzurrt. Handgriffe die ich im Schlaf beherrschte, hundertfach, nein tausendfach geübt und durchgeführt.

Ich blieb im Boot sitzen und sah zu Brigitta hinauf.

„Erzähle, erzähle Brigitta! Was ist geschehen? Was hast du für eine Überraschung?“

„Höre gut zu, Sören! Hedda war heute am frühen Morgen bei mir.“

Das konnte nun aber wahrlich keine Überraschung sein. Hedda kam fast jeden Morgen und häufig auch noch einmal am Abend. Wahrscheinlich steckte hinter der großen Überraschung irgend ein unwichtiger Weiberkram. „Hedda hat berichtet, sie hatte gestern am späten Abend eine Zusammenkunft mit dem Propst vom Kloster gehabt.“ Aha, sieh an! Wahrscheinlich wieder die ganze Nacht hindurch in ihrem Hause, so wie ich es schon mehrfach in der letzten Zeit beobachten konnte. „Der Propst war zu einer Besprechung da gewesen“.

Wenn du wüsstest, meine liebe Brigitta, wenn du wüsstest - Besprechung -, na ja mir soll es recht sein.

„Bei dieser Besprechung ging es um den Neubau des Klosters. Was Hedda damit zu tun hat, kann ich mir nicht erklären. Aber du weißt ja, wo hat sie nicht ihre Finger überall drin. Die Finanzierung sei ein Problem, berichtete Hedda. Die Kapelle in Brügge und die große Kirche in Bosau verschlingen sehr viel Geld - ein Vermögen. Die Chorherren aus Wippenthrorp sollen zur Kasse gebeten werden und das in Gottes Namen natürlich. Wie sollte es auch anders möglich sein, schnell an gutes Geld zu kommen.“

„Brigitta, reiß dich bitte zusammen, ich rudere mir hier fast die Lunge aus dem Hals und du erzählst mir hier Neuigkeiten, die du mir auch beim morgigen Mittagessen hättest erzählen können. Ich hatte schon befürchtet, es sei etwas Schlimmes passiert.“

„Es ist ja auch heute etwas vorgefallen, aber nichts Schlimmes. Entschuldige Sören! Das wirklich Wichtige kommt jetzt. Die große Überraschung ist die, dass der Propst eine Nachricht überbracht hat, eine Nachricht von deinem Bruder. Dein Bruder befindet sich zur Zeit in Segeberg. Der Propst hat vor zwei Tagen Kontakt mit ihm gehabt. Dein Bruder Matern hat ihn gebeten, eine Nachricht nach Muthenbroke zu überbringen. Matern habe noch einiges in Segeberg zu erledigen aber in sieben Tagen werde er in Muthenbroke eintreffen. Er werde über das große Moor anreisen. Das sei nunmehr der kürzeste Weg nach Hause.“

Das war nun aber wirklich eine Riesenüberraschung! Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, nicht einmal gewagt zu hoffen hatte ich diese Kunde. Wie lange hatte ich meinen Bruder nicht mehr gesehen, fast ein ganzes Jahr nicht! Ich lehnte mich auf der Ruderbank zurück und wäre um ein Haar ins Wasser gestürzt.

„Donnerwetter, das ist wirklich eine gute Nachricht Brigit ta. Sieben Tage hat er gesagt, sieben Tage gesagt vor zwei Tagen, das bedeutet er kommt schon in fünf Tagen. Brigitta ich muss wieder raus auf den See und ein paar gute Fische fangen. Das im Korb reicht nicht für uns alle. Matern wird einen großen Hunger mitbringen von seiner langen Reise.“

„Na, nun warte doch erst einmal etwas ab und beruhige dich. Es ist noch genügend Zeit für alles.“

„Brigitta, was hat Hedda gesagt? Wann kommt Matern morgens oder abends? Ist er gesund? Hat er viel zu erzählen?“

Das wird wieder einmal eine spannende Zeit, dieser Winter. Schön. Ich dachte gerade heute über die kommenden dunklen tristen Monate nach, an denen es doch oft sehr langweilig zuging. Wie lange kann er bleiben?

„Sören, nun beruhige dich bitte erst einmal. Komm ins Haus, wärme dich auf und trinke einen heißen Tee von der Wasserminze und stelle deine Füße vor das Feuer. Es bleibt noch reichlich Zeit für die wenigen Vorbereitungen.“

Über das Moor will er kommen? Merkwürdig. So viel ich wusste, lag sein letztes Einsatzgebiet im Norden, im Bereich der Grenze zu dem schlimmen Dänemark. Merkwürdig, merkwürdig. was hat er in Segeberg zu schaffen? Eins ist gewiss, Matern wird sehr viel zu erzählen haben aus der großen Welt, mit Kampf, Krieg und allem was dazu gehört. „Brigitta, ich freue mich, ich freue mich unbändig. Ich fühle mich um Jahrzehnte jünger.“

„Na, das warten wir denn nun doch erst einmal ab“, antwortete Brigitte darauf nur. Die nächsten Tage vergingen nur schleppend. Wann kommt Matern endlich. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen.

II

Den ganzen Sommer über hatten alle Bewohner der kleinen Ansiedlung an der Nordspitze des recht großen Sees auf die wohltuende Wärme gewartet, stattdessen regnete es fast täglich und ein kühler feuchter Westwind wehte bei Tag und Nacht.

Nun aber im Spätherbst hatte ich das Empfinden, dass es wiederum noch viel zu warm war für die fortgeschrittene Zeit im Jahr. Heute wolle Matern eintreffen und ausgerechnet an diesem wichtigen Tag fiel die Dunkelheit besonders schnell über den grauen Tag her. Im Haus war es schon finster und hier draußen reichte die Sicht kaum noch bis an das Ufer des nahen Gewässers. Und das alles, obwohl sich bisher noch nicht einmal der erste leichte Morgenreif über das nahe Moor niedergelegt hatte und die bereits seit langem bunt gefärbten Blätter an den Bäumen nicht zu Boden fallen wollten.

Oder lag dieses Empfinden für Wetter und Umwelt nur an meinem doch schon recht fortgeschrittenem Alter, das mir fast zwanghaft immer bei meinen häufiger werdenden Rückblicken auf mein bisheriges Leben das Zeitgeschehen um mich herum nicht mehr richtig deuten und zuordnen ließ. Eigentlich aus meiner Sicht fast unmöglich. Der Jüngste war ich zugegebener Maßen zwar nicht mehr -aber alt, so richtig alt wie die Alten doch wohl noch lange nicht. Und bei meiner lieben Brigitta sah es da nicht anders aus. Bisher brauchten wir unsere beiden Söhne noch nicht in ihre Pflicht nehmen, ihre Eltern zu ernähren oder gar zu pflegen, wie es seit alters her gute Sitte und auch Verpflichtung ist.

Aber dieses Thema und auch alles bisher gemeinsam Erlebte würde sicher, wie fast immer, für reichlich Gesprächsstoff mit meinem Bruder zu sorgen, der heute zu Besuch kommt. Außerdem galt es auch wie jedesmal, neue Pläne für die Zukunft zu schmieden und kleine und auch größere gemeinsame Abenteuer vorzubereiten, oder zumindest so zu tun, wie Brigitta oft spitz dazu zu bemerken pflegte.

Ich freute mich auf den Besuch schon seit Tagen und Brigitta ebenfalls. Sie meinte immer, der Besuch von Matern wirke auf mich wie ein Jungbrunnen aber mache mich hin und wieder auch ein wenig mehr als übermütig. Für dein Alter zu sagen, konnte sie sich dann gerade immer noch verkneifen.

Na ja sie musste es ja wissen nach so vielen gemeinsamen Jahren. Allerdings ein gemeinsames letztes großes Erlebnis würde uns beiden Brüdern schon recht gut gefallen und auch gut zu Gesicht stehen als alte Muthenbroker. Etwas, was den ganzen Ort aufhorchen ließ, zumindest aber unsere alte Nachbarin Hedda.

Würde mein Bruder den für ihn doch recht weiten und auch sehr gefährlichen Weg an das Ende des Sees noch vor Einbruch der Dunkelheit zurücklegen können? War ihm etwas dazwischen gekommen oder hatten wir beide, Brigitta und ich, wieder einmal wie beim letzten Zusammentreffen vor langer Zeit zur Feier des großen Sommerfestes um einen Stein vertan. Bei uns im Hause wohl sicher nicht mehr möglich, seit dem Brigitta das Ordnen der Steine und das Berechnen der Tage übernommen hatte. Die Steine waren zwar unterschiedlich groß und hatten verschiedene Färbungen und Formen aber eines hatten sie alle gemeinsam. Alle hatten sie ein durchgehendes Loch und konnten so auf dünne Holzstäbe geschoben werden. Das war für die Zeitberechnungen überaus wichtig. Jeden Morgen nahm Brigitta einen Stein vom linken Holzstab und steckte ihn auf den rechten Stab. Sie tat es mittlerweile in den letzten zwei Jahren immer dann, wenn man die helle Leuteglocke von der Baustelle am Holm dreimal leise schlagen hörte und so war es auch die Zeit für sie und mich, das Nachtlager zu verlassen.

Befanden sich alle Steine auf dem rechten Stab, ging es in gleicher Art und Weise den Weg zurück. Sehr viele Steine waren es nicht in unserem Hause aber ich hatte die Anzahl unserer Steine mit der Anzahl der Steine meines Bruders Matern mehrfach und ganz genau abgeglichen. Es waren gleich viele Steine hier wie auch bei Matern und er war ebenfalls sehr genau und gewissenhaft bei dem Umsetzen seiner Steine. Das wusste ich. Der Tag heute musste der Richtige sein, ich war mir ganz sicher.

Hedda hatte uns das Berechnen der Tage mittels der Steine beigebracht - wer auch sonst -. Matern hatte mehr als nur einmal in den letzten Jahren gesagt. Das Leben beginnt und endet mit Hedda und dazwischen geht es auch nicht ohne diese Frau.

Ich konnte ihm da nur Recht geben. Es war Hedda, die den Frauen bei der Geburt ihrer Kinder half die Neugeboren untersuchte und dann den Vätern überreichte. Das geschah bevor sie einen Namen erhielten und getauft wurden oder auch hin und wieder nicht.

Die Verstorbenen wurden ebenfalls von Hedda untersucht und danach nach alter Sitte für die reinigende Lohe vorbereitet oder neuerdings von ihr auch für die Grablegung freigegeben.

Einfach oder gar leicht war die Entscheidung für die Angehörigen um das jeweilige Vorgehen nicht und wurde auch immer schwieriger, lebten doch alle mithin in modernen christlichen Zeiten und schon lange nicht mehr zu ewig lang vergangenen Tagen von Poppo dem Trinkfesten. Dazu kam in der neuen Zeit die Nähe des Klosters. Da konnte man sicher nicht mehr machen was man konnte und wollte, die Mönche würden ein Auge auf alte und neue Gesetzte und Bräuche haben.

Wenn alles an seinem Platz ist - und es wird bald alles an seinem Platze sein in sehr naher Zeit -, erklärte Hedda in der letzten Zeit immer häufiger, wird es für einige einer Erlösung gleich kommen und die übrigen werden weiter ihr Leben führen müssen, ob sie wollen oder nicht.

Einfach nicht zu verstehen dieses ewige Gefasel von der Alten, pflegte Matern zu stöhnen. Auch mir fiel es mitunter schwer, ihr bei ihren Aussagen zu folgen. Verstehen konnte ich sie überhaupt nicht.

Hedda und immer wieder Hedda! Keiner konnte scheinbar ganz auf sie verzichten. Wenn auch nur äußerst geheim und meist nur zu nächtlicher Stunde, so hatte ich es mittlerweile häufiger beobachten können, wenn ich des nachts oder in den frühen Morgenstunden meine Reusen und Angelschnüre kontrollierte - stattete der Propst des nahen zukünftigen Klosters der Chorherren aus Wippenthorp, Hedda recht häufige und lange Besuche ab. Diese Beobachtungen hatte ich bisher nicht einmal Brigitta mitgeteilt. Ich wollte erst einmal mit meinem Bruder darüber reden. Endlich mal eine gewaltige Neuigkeit, ein echter Skandal in Muthenbroke! Kaum konnte ich die nächtlichen Beobachtungen noch für mich behalten.

Wo blieb denn nur mein Bruder?

„Sitz doch da jetzt nicht so untätig herum, mein Sören!“, ließ mich Brigittas vertraute Stimme aus meinen Gedanken aufschrecken. „Mach doch ein großes Feuer an der Brennstelle am See, damit Matern den Weg leichter findet und nicht im Moor versinkt und qualvoll umkommt“.

Recht hatte sie meine Gute, wie fast immer. Weshalb war ich nicht selbst schon lange darauf gekommen, ein weit sichtbares Signal zu geben. Schon oft hatte mir selbst das Feuer den Weg nach Hause aufgezeigt wenn ich vom Fischfang schnell heim musste, weil mitunter auch etwas Schlimmes passiert war und ich gebraucht wurde.

Bei diesen Gedanken durchzuckte mich wieder einmal ein lange weggelegter aber nie vergessener Schicksalsschlag. Das Feuer hatte mich heimgerufen damals, als es um Leben und Tod ging. Brigitta sah mir heute noch sofort solche nachdenklichen Momente an und legte mir dann ihre kräftige Hand auf meine Schulter. Bei allem Glück, das wir beide bisher in unserem Leben erfahren hatten und das sich auch für alle in unserem Umfeld bemerkbar machte, war der Tod unseres ersten Kindes, eines Mädchens, unvergessen - für uns alle zusammen hier immer noch der schlimmste Schicksalsschlag in unserem Leben. Auch wenn seit dem schlimmen Ereignis schon ein paar Jahrzehnte vergangen waren.

Es war das erste und bisher auch das einzige Mal, dass ich Hedda etwas antun hätte können, obwohl - das wusste ich sehr bald - sie nichts anderes hätte tun können um den Verlauf der Dinge, wie sie seinerzeit viele Familien im Dorf getroffen hatten, zu ändern oder sogar zu verhüten. Scheinbar hatte auch Hedda ihre Grenzen

Verflucht noch mal, jedesmal die gleichen Fragen und immer keine Antworten! Sollte ich tatsächlich irgendwann einmal den Mut aufbringen und nach der Wahrheit fragen, die Hedda sicher wusste und auch erklären könnte. Aber gerade davor hatte ich sehr große Angst, auch weil Matern mich eindringlich mehrfach davor gewarnt hatte. Komm Hedda nicht zu nahe, sie ist eine sehr machtvolle Frau voller Geheimnisse. Wir müssen das Thema wieder aufgreifen, auch wenn sich Matern regelrecht davor sträubte. Man könnte meinen er fürchte sich mit der Zeit vor seinen vielen selbst getroffenen Aussagen, die er schon mehrfach lauthals von sich gegeben hatte.

Die schlimme Krankheit damals vor vielen Jahren hatte sämtliche Kinder und auch einige Erwachsene nahe dem Seeufers beinahe gleichzeitig befallen - die gleichen Symptome, der gleiche Verlauf. Die Erkrankten begannen zu glühen, ihre Körper waren kalt und heiß zugleich und konnten das Essen nicht mehr bei sich behalten. Der Rachen wurde tiefrot wie eine reife Walderdbeere und war stark geschwollen. Später war der ganze Körper mit dunklen Flecken übersät. Grauenhaft!

Viele Kinder starben. Allein in unserer Siedlung am Seeufer waren es drei. Unsere Ulrike war leider auch dabei gewesen.

Hedda ging damals mehrfach bei Tag und Nacht von Haus zu Haus und tat was sie nur tun konnte. Hatten die Eltern oder Großeltern kein Silber und konnten Hedda für ihre Leistungen nicht bezahlen, half sie sogar kostenlos. Man kann es heute nicht mehr glauben - Hedda und eine Leistung ohne Bezahlung! Ich meine genau zu wissen, dass es seit jenen schweren Tagen auch nicht wieder vorgekommen ist.

In unser Haus und zu unserer kleinen Ulrike kam Hedda sogar häufiger - oftmals auch noch in der tiefen Nacht -obwohl wir damals noch überhaupt kein Silber hatten oder gar über ein anderes Zahlungsmittel verfügten. Das war schon gewaltig! Sie aber sagte gelassen, das wird Sören alles wieder gut und glatt machen, wenn alles an den Platz gebracht worden ist wohin es hingehört. Und das wird in naher Zukunft sein. Das sehe ich klar und deutlich. Ich weiß es. Außerdem hat Ulrike ein Erbe anzutreten. Einfach nicht zu begreifen, was Hedda damit sagen wollte. Mir war völlig klar, irgendwann werde ich sie danach fragen - oder auch nicht.

Ich habe Heddas seltsame Redensart, die ich bis heute überhaupt nicht begriffen habe, in den folgenden Jahren allerdings noch häufiger hören müssen, habe aber bis jetzt nicht gewagt den Sinn dieser Aussagen zu hinterfragen.

Die Antwort von ihr würde sicher mehr als nur einige Stückchen Silber kosten.

Ich versprach ihr damals in großer Dankbarkeit, zu den großen Festtagen, die Hedda allerdings selbst nicht alle mit beging und feierte außer dem großen Fest der Sommersonnenwende im Junimond und dem noch größeren Fest zu Ehren des verdorbenen Brotes im späten Sommer - ihr jeweils einen großen Hecht zu schenken, wenn sie nur meine Ulrike heilte. Brigitta versprach sogar, ihr eine große wärmende wollene Decke für die kalten Wintermonate zu weben, obwohl wir damals nicht einmal über ein Schaf verfügten, das uns die nötige Wolle hätte liefern können, von einem Webstuhl und Spinnrad ganz zu schweigen.

Natürlich, wie sollte es auch anders gewesen sein, war Ulrike für alle in der Familie und auch eigenartiger Weise für Hedda schon etwas ganz Wichtiges und ganz Besonderes damals.

Matern sah damals wie auch noch heute die Dinge um Hedda herum in fast allen Belangen sehr schlicht und einfach. „Nun beginnt sie langsam zu spinnen, die“, - und dann begann er zu flüstern und eine Hand vor seinen Mund zu halten, - „die Hexe.“

Die besondere Zuneigung von Hedda für unsere Ulrike war schon sehr auffällig gewesen. Sogar mehrmals hatte sie laut und deutlich gesagt, wenn alles an seinem Platz ist wo es sein soll und sein wird, wird Ulrike diejenige sein, die alle Geheimnisse kennen wird und in meinem Haus wohnen wird.

Matern deutete diese Aussagen für sich wie immer sehr schlicht: „Das ist so, weil Hedda eine alte Jungfer ist und außerdem auch noch eine Hexe, die ihr Handwerk versteht und es gut auszunutzen und zu verbergen weiß.“

Schlicht und schlimm, das war natürlich wieder einmal von Matern recht einfach und vor allem auch sehr übertrieben ausgedrückt. Aber wenn man ein wenig darüber nachdachte, war sie mitunter schon recht rätselhaft und geheimnisvoll, unsere Hedda.

-

Nun gut, es half nichts. Brigitta hatte natürlich Recht. Sehr leicht konnte man von den schmalen kaum eingelaufenen Pfaden im großen Moor - gerade in der Dunkelheit - abkommen und in der schwarzen Masse versinken, zumal es in diesem Jahr noch sehr milde war und man auf keinen festgefrorenen Boden hoffen konnte. Matern musste ein klares und ihm gut bekanntes Zeichen gesetzt werden, das ihm vertraut war und ihm den rechten Weg wies.

Die mit großen, grauen, runden Steinen eingefasste alte Feuerstelle am Ufer des Sees, diente nur selten als weit sichtbares Signalfeuer, ließ aber alle Dorfbewohner zu jeder Tages- und Nachtzeit aufschrecken und sich sofort am festgelegten Sammelplatz treffen, wenn zusätzlich zum Feuer das Horn geblasen wurde. Hedda hatte es so vorgeschlagen und die großen Herren des Dorfes waren ihr, wie sehr häufig in der Vergangenheit, bei ihren Entscheidungen gefolgt, obwohl Hedda eine Frau ist! Keiner darf das je erfahren.

Brigitta und ich hatten für unsere Ansiedlung und die nahe Umgebung am See als Erbe vom Vater die Aufgabe übernommen, Notsignale auszusenden. Zwei solcher Stellen gab es in Muthenbroke - eine am Seeufer und eine bei der noch kleineren Ansiedlung im Moor.

Das Signalfeuer wurde mit Holz und nicht mit Torf befeuert. Für das Feuer mussten ständig trockene Tannenzweige in unserem Haus gelagert werden. Diese brannten rasant mit heller Flamme ab und von den Nadeln an den Zweigen stiegen weit sichtbar dunkle Funkenwolken in den Himmel auf. Das Entzünden des Feuers war in den Wintermo naten sehr einfach. Man brauchte nur ein glühendes Stück Torf aus dem Haus holen und es mit den Zweigen überdecken. In den Sommermonaten machte es wesentlich mehr Mühe, wenn kein Feuer auf der Kochstelle brannte und bedurfte viel Erfahrung und noch mehr Ausdauer, da nicht ständig Glut im Hause vorhanden war.

Geschafft! Das Feuer brannte und prasselte schnell mit hohen Flammen. Es wurde auch allerhöchste Zeit. Die Sicht reichte gerade noch fünf Schritte weit.

Ich hatte kaum - und wenn überhaupt, dann auch nur sehr schlecht - geschlafen, nachdem ich noch mehrmals reichlich Zweigwerk nachgelegt und auch oft die Glut umgerührt hatte damit die Funken kräftig stoben. Ich war somit erst spät zur Ruhe gekommen. Brigitta hatte mich vom Seeufer abgeholt und mühevoll davon überzeugt, ins Bett zu gehen und doch lieber am kommenden Morgen weiter gut sichtbare Signale zu senden.

Am frühen Morgen, es war noch stockfinster, erwachte ich - wenn ich überhaupt richtig geruht hatte - mit der unerträglichen Unruhe vom Vortage in mir. Ich verließ sofort das warme Strohlager, sogar ohne wie gewohnt nach meiner Brigitta zu greifen.

Ich musste meinem lieben Bruder Matern entgegengehen -um jeden Preis. Vielleicht war ihm doch etwas zugestoßen und er brauchte meine schnelle Hilfe.

Brigitta hatte natürlich meine nächtliche Unruhe und die Vorbereitungen für meinen Marsch gen Osten, der bald aufgehenden Sonne entgegen, sehr wohl mitbekommen. Sie bestand darauf, dass ich vor meinem Aufbruch eine Schale mit frisch aufgegossenen Blättern der Wasserminze austrank, die meine liebe Brigitta immer mit reichlich gutem Bienenhonig kräftig süßte. Dazu gab es wie jeden Morgen Hafergrütze in Ziegenmilch gekocht - heute von Brigitta frisch zubereitet und nicht nur aufgewärmt.

Es ging los.

Brigitta hielt mir den neuen schweren Umhang und den schon recht ausgeblichenen Hut mit der breiten Krempe entgegen. In meinen Rucksack hatte sie einen Laib von dem süßen Herbstbrot und einen großen tönernen Krug mit frischem Bier verstaut. Einige Salzfische fehlten auch nicht, Matern aß diese Muthenbroker Spezialität zu gern, erst recht, wenn ich den Salzfisch und Brigitta das Bier zubereitet hatte. Immer wenn Matern uns besuchte, achtete Brigitta streng darauf, dass Fisch und Bier aufgetischt werden konnten.

„Schmeckt nach zu Hause“, pflegte Matern, sich den Bauch reibend, immer zu sagen und lehnte sich dabei gern weit auf der Bank am Esstisch zurück.

Ich war selbst überrascht. Auf einmal fühlte ich mich richtig super gut. Es wird alles gut, es wird ein schöner und erfolgreicher Tag.

Ich wusste es - ich wusste es!

Es konnte nicht anders sein und es wird auch nicht anders sein.

Hedda hatte natürlich wieder einmal die Unruhe in ihrer Nachbarschaft mitbekommen. Das war auch nicht sonderlich schwer, stand ihr Haus doch auf Rufweite von dem unsrigen entfernt. Allerdings war ihres nicht nur größer, sondern um einiges komfortabler ausgestattet als unsere kleine Fischerkate.

Im Winter, wenn kein Laub und keine Blüten mehr an Büschen und Bäumen im Wind flatterten, konnten wir durch die nackten Zweige und Äste ihr Haus gut erkennen und während der dunklen Jahreszeit auch das Licht, das durch die Fenster fiel, sehen. Das Licht leuchtete immer sehr lange bei Hedda. Was mochte sie wohl machen und tun bis in die tiefe Nacht so ganz alleine.

Na ja - so ganz alleine -, in letzter Zeit wohl nicht immer.

Wie lange wird das sehr auffällige nächtliche Treiben wohl noch geheim bleiben bei uns hier im Dorf. In Muthenbroke bleibt doch nichts lange geheim. Ich fragte mich, wann wohl die Gerüchteküche zu brodeln beginne.

Nun gut, warten wir erst einmal die weitere Entwicklung ab. Im Augenblick gab es viel Wichtigeres zu tun, als über solche intimen Dinge nachzudenken.

Ich muss Matern entgegen gehen und ihn hoffentlich wohlbehalten auffinden. Die Entscheidung für diese Aktion stand wahrscheinlich in meinem Innersten am gestrigen Abend schon fest. Das wurde im Moment des frühen Aufbruches mir selbst erst richtig bewusst.

Wie sollte es auch anders kommen an diesem grauen Morgen als von Hedda beobachtet aus Richtung See zum Moor zu wandern. Ich hätte es wissen müssen.

Hedda stand in der Tür zu ihrem Haus. „Guten Morgen Sören, so früh schon unterwegs. Ich habe deinen Feuerspektakel am gestrigen Abend sehr wohl mitbekommen.“ Was bekam diese Frau eigentlich nicht mit, dachte ich mir und sah sie an. „Du wartest sicher auf deinen Bruder“.

Was gab es darauf zu antworten - nichts.

„Er wird schon kommen, glaube es mir - glaube es mir. Er wird im Laufe des Tages hier bei uns eintreffen. Ich habe es gesehen. Aber wenn du meinst es absolut nicht mehr aushalten zu können mit eurem Wiedersehen, gehe ihm ruhig entgegen. Er wird sich bestimmt riesig darüber freuen und es wird euch Beiden nach so langer Zeit gut tun. Und noch etwas habe ich gesehen. Du wirst sehr erstaunt sein. Es wird eine große Freude für uns alle sein.“

Schon wieder einmal hatte ich keinen Mumm in den Knochen. Hier hätte es die passende Gelegenheit sein können, Hedda zu fragen. „Na Nu, du auch schon so früh auf den Beinen, oder bist du etwa noch gar nicht im Bett gewesen und ist dein Besuch wieder einmal gerade erst gegangen?“

Aber wie immer, leider, kam da von mir wieder einmal nichts, gar nichts. Hedda lächelte.

„Aber demnächst geht es dir an den Kragen, Hedda, das verspreche ich dir“, dachte ich bei mir und marschierte los.

-

Schon sehr bald, noch bevor ich den breiten Pfad der in das Moorgebiet führte, erreicht hatte, sah ich in Richtung des langsam heller werdenden Morgenhimmels zwei dunkle Gestalten auf meinem Wege auf mich zukommen.

Es hatte mittlerweile ein ekelig schauriger Dauerregen eingesetzt, der die Sicht in die Ferne äußerst schwierig machte. Aber es war zu erkennen, dass die beiden Fremden schwer bepackt waren und zudem noch einen großen Handwagen hinter sich her zogen.

Wer konnte das sein? Diebe? Halunken? Flüchtige? War ich etwa in Gefahr?

Händler, Wunderheiler oder Kaufleute zu dieser späten Jahreszeit? Das wäre schon mehr als ungewöhnlich. Die Gaukler, Musikanten und Kunstvortragenden scheuten die winterliche nördliche Feuchte und Kälte, konnten es somit nicht sein.

Die Händler kamen erst regelmäßig im zeitigen Frühjahr und danach noch einmal in den lange hellen Sommermonaten, um ihre unterschiedlichen Waren anzubieten.

Alle Bewohner in der Gegend in und um Muthenbroke warteten aus unterschiedlichsten Gründen auf die Handelsleute, die Frauen immer ganz besonders und sehr ungeduldig.