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Fortsetzung der Romanreihe... Hallo, Fräulein! Nun - ihr Märchenprinz ist also eine dekadente Fälschung, das ist Fakt. Aber wie heißt es so schön: Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen! Amelie Parker ist davon überzeugt, Cupido hat den Kursus für treffsicheres Bogenschießen komplett geschwänzt. Wieder mal ist der verdammte Pfeil schnurstracks an ihr vorbeigeflitzt. Zum Glück biete ihr das Leben jedoch unverhoffte Möglichkeiten und somit wird es wieder turbulent in Salzburg. Und, was macht es da schon aus, einen weiteren Frosch zu küssen ;-)
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Es war einmal …
Trancezustand
Muttertag
Überlebensstrategien
Blind Date … ohne blind
Body Check
Fassadenabbau
Diplomauszeichnung
Verleumdungen
Megáli nisí – Die große Insel
Thera … Santorin
Tante verstorben – Ruine erworben!
Lebensträume … oder Lebensschäume!
Pläne soll man schmieden, solange das Eisen heiß ist!
Schicksalsträchtiger Freudentag
Großbaustelle
Variablen einer Theorie
Fehlinterpretationen
Ouvertüre …
Vorspiel … Nachspiel
Im Wandel der Zeit
Binsenwahrheiten
Vollmondnacht
Rosenkavalier
Epilog
… eine 29-jährige Prinzessin namens Amelie, die ihre Brötchen in der Coffee-Shop-Abteilung eines renommierten Salzburger Hotels verdiente. Sie teilte dabei kameradschaftlich ihr erhabenes Schloss mit ihrer Freundin Nike.
Nike unterhielt seit vielen Jahren eine durchaus funktionierende Wochenendbeziehung, während Amelie immer mehr zur überzeugten Single-Prinzessin mutierte. Amelie pflegte ihren geschätzten Freundeskreis, bestehend aus den beiden Burschen Raffael und Riccardo - die zugleich ihre Nachbarn waren -, Alex – die zugleich ihre Ex-Arbeitskollegin war -, Elvira – die Alex als Arbeitskollegin abgelöst hatte -, und Caro – die zugleich ihre beste Freundin war. Prinzessin Amelie galt am Arbeitsplatz als äußerst umsichtig und kam mit jedermann gut aus (diese Angabe konnten zumindest ihre unmittelbaren Arbeitskollegen bestätigen, für die oftmals nörgelnde Kundschaft galt dies nicht immer). Sie überlebte die stressige Weihnachtszeit tapfer und unverletzt, hätte zwischenzeitlich beinahe einen One-Night-Stand mit dem Personalchef des Hotels gehabt (aber nur, weil die meist sehr willensstarke Frau durch zuviel Alkohol von dem Ober-Macho gefügig gemacht und somit praktisch dazu genötigt worden wäre!1), lernte dann unverhofft einen überaus charmanten italienischen Prinzen namens Francesco kennen und verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Prinzessin Amelie verbrachte mit dem hochgradigen Charmeur und Kavalier zu Beginn des Jahres einen Skitag in Kitzbühel, und darauf folgte ein Wochenende im tief verschneiten und sehr romantischen Seefeld. Prinzessin Amelie wurde jedoch langsam etwas misstrauisch und wunderte sich, dass ihr angepeiltes Lustobjekt jede Gelegenheit zum ersten Beischlaf geschickt umging, bis sie den wahren Hintergrund für die noble Abstinenz des Prinzen erfuhr:
Ihre Hoheit litt an seh- und spürbarer Impotenz!
Besser gesagt: Die königliche Flagge wehte meist kläglich auf Halbmast!
Noch präziser ausgedrückt: Der kleine Prinz machte dem großen Prinz zu schaffen, in dem er sich partout weigerte, seine Pflichten zu erfüllen!
Mit dieser Prognose konnte die Prinzessin vorübergehend gut leben, da ihr Gentleman im Bett durchaus Fantasie bewies und sie auf fast nichts verzichten musste. Aber dann kam der Zeitpunkt, als Principe Francesco das Fass zum Überschwappen brachte, indem er mit einer selbsternannten „Ärztin mit heilenden und inspirierenden Hände“ heimliche Doktorspielchen veranstaltete! Und wie so oft im Leben, kam Prinzessin Amelie hierbei der Zufall zu Gute (unverhofft, kommt noch immer oft) und sie entdeckte schließlich die sittenwidrige Liebelei (oder wie auch immer man dieses intime Geplänkel nennen mochte) ihres Herzbuben.
Sie stürmte daraufhin erzürnt die Bastion, in der sich ihr Liebhaber herumtrieb, setzte ihm das Schwert an die Brust und …2 hörte sich vorerst seine klägliche Erklärung an.
Es war einmal eine unglückliche junge Prinzessin, die den Gang des Hotel Maindling entlang eilte. Sie ging so schnell wie sie ihre Beine tragen konnten, und glaubte, aus dem Schlund der Hölle fliehen zu müssen. Aber irgendwie schien der Flur mit diesem endlos flauschigen Teppichläufer nicht enden zu wollen. Dann begann sie, wie von Panik getrieben, zu laufen. Sie war für die ruhige und wohlige Atmosphäre, die sie knapp zuvor noch wahrgenommen hatte, unempfänglich. Der Hotelgang war ihr bei der ersten Begehung noch nicht dermaßen bedrückend vorgekommen. Mit einem Mal schien er aber im Sekundentakt schmäler und schmäler zu werden.
***
Ich konnte meine chaotischen Gedanken nicht ordnen und wusste momentan nur eines: Ich musste auf dem schnellsten Weg raus aus diesem Hotel, und zwar bevor meine Nerven mit mir durchgingen. Ich musste weg von Francesco und seinen eigenwilligen, grotesken Behandlungsmethoden.
Einige Zeit später war ich zu Hause angelangt, ohne zu wissen, wie ich den Weg bewältigt hatte. Mein Körper und mein Geist hatten mich wie in Trance hierher gebeamt. Mein Kopf war leer, leer, und nochmals leer! Genaugenommen wollte ich auch gar nicht denken. Die Erinnerungen an das gerade Erlebte waren einfach zu schmerzhaft, ja, das Szenarium erschien mir vielmehr geradezu unwirklich. Ein böser Traum musste es sein, nichts weiter! Es sollte mich nur endlich jemand wachrütteln. Ja, das wäre es: Einfach aus dem Albtraum aufwachen und an dem Punkt weitermachen, wo die Welt noch in Ordnung schien.
Nun, seit geraumer Zeit war meine kleine heile Welt sowieso ein wenig aus der Norm geraten. Die überraschenden Schwangerschaften von Nike und Alex machten dabei den Anfang der Serie, und mein Gehirn bemühte sich sehr, diese unwiderruflichen Tatsachen langsam zu akzeptieren.
In den letzten Monaten war einfach zu viel Neues über mich hereingebrochen, dabei war mein Leben jahrelang relativ unkompliziert verlaufen. Meine WG mit Nike funktionierte bislang äußerst gut, meine Nachbarschaft mit den beiden Jungs war vorbildlich und mein Freundeskreis galt als erlaucht. Mein Job – nun ja, der war nicht immer so schlimm, wie es manchmal den Anschein erweckte, zumindest nicht, wenn man in einer erfüllten Partnerschaft lebte und sich stets einzureden versuchte, dass sich gewisse Kundschaften gegenüber allen und jeden (und nicht nur meiner Wenigkeit gegenüber) unmöglich verhielten.
Mein klingelndes Handy machte sich an dieser Stelle unwillkürlich bemerkbar und riss mich flugs aus meinen Tagträumen! Francesco sollte sich ja bloß hüten und es auf gar keinen Fall wagen, auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, mich jetzt anzurufen! Diesbezüglich hatte ich mich doch wohl deutlich ausgedrückt! Ein giftiger Blick auf das Display … oh, es war Caro. Hoffentlich fiel sie von meinem Blick getroffen nicht tot um. Ich hatte sie in der Hitze der Offenbarungen vollkommen vergessen. Dies sollte mir eigentlich nicht passieren, denn gute Freunde wie sie fand man nicht so leicht.
Nachdem ich Caro Bericht erstattet und sie mir zugesagt hatte, sofort bei mir vorbeizukommen, wanderte ich in die Küche, um eine Flasche Prosecco zu köpfen3.
Caro traf eine Viertelstunde später ein und fand mich bereits bei meinem zweiten Glas Sprudelwasser vor. Ich saß wie angewurzelt auf der Couch und plapperte für sie nochmals emotionslos mein erlebtes Schauspiel herunter. Sie hörte mir aufmerksam zu und unterbrach mich nicht. Nachdem ich ihr alle Einzelheiten geschildert hatte, erwartete ich von ihr ein unvoreingenommenes Statement.
»Und, was soll ich jetzt bloß machen, Caro?«, wollte ich von meiner Ratgeberin wissen. »Er hat gesagt, dass er mich liebt!«, warf ich noch hoffnungsvoll ein, da ich zugeben musste, in Francesco schon meinen Traummann erkannt zu haben. »Meinst du, es ist Zeitverschwendung?«
»Ganz ehrlich, Amelie? Ja, wenn du mich so fragst, schon! Es kommt darauf an, wie du Treue definierst. Ich glaube allerdings, deinen Standpunkt zu kennen, es sei denn, er hätte sich drastisch verändert.«
Bums, das hatte gesessen. Die vermeintliche Wahrheit genau platziert!
»Ach Caro, du hast ja vermutlich recht!«, bemerkte ich resignierend an. »Wo soll man hier auch den Riegel zwischen gerade noch legitim und komplett tabu vorschieben!«, sagte ich. »Auf der einen Seite wollen wir Frauen einen Mann, der nicht immer nur an das eine denkt, und auf der anderen Seite wollen wir, falls er es nicht tut, doch wieder, dass er es tut. Das ist ein absoluter Widerspruch in sich, oder?«
»Nun ja, natürlich unterhalten wir uns auch gerne. Aber das eine muss doch nicht immer zwangsweise zu dem anderen führen und umgekehrt!«, gab Caro bedenkenlos zu. »Obwohl nach einer gepflegten Konversation ein bisschen Sex auch nicht schlecht ist!«, hakte sie gleich nach. »Und, du hast ihm gesagt, dass du dich meldest?«
»Ja, aber ich lasse ihn richtig schmoren. Zumindest ein paar Tage, Wochen oder Monate. Nun, vielleicht sogar Jahre, Jahrzehnte - das hat er redlich verdient.«
»Hör mal zu, Amelie! Ich weiß, was du für Francesco empfindest und ich bedaure es sehr, dass er dir das angetan hat, wirklich«, sagte Caro und machte dabei einen besorgten Gesichtsausdruck. »Daher wird dir die bevorstehende Aussprache, egal zu welchem Zeitpunkt sie dir ins Haus steht, extrem schwer fallen. Ich will damit nur eines sagen: Wenn du mich brauchst, dann lass es mich wissen, ja?«
»Danke, Caro. Ich weiß, auf dich ist immer Verlass!«
Nachdem Nike und Alex das Wochenende in einer Therme verweilten und der Abend rasend schnell vergangen war, schlug Caro kurzerhand vor, in Nikes Schlafgemach zu nächtigen. Aber da ich noch in Ruhe nachgrübeln wollte, und ich am darauffolgenden Tag, dem Ostersonntag, um acht Uhr aufstehen musste, um in die geliebte Arbeit zu hetzen, redete ich meiner herzensguten Freundin diesen Vorschlag wieder aus. So würde wenigstens sie ausschlafen können.
Wenig später lag ich aufgewühlt und ein bisschen betrunken in meinem Bett. Francescos Schnappschuss (jener, wo er so unglaublich charmant in die Linse des beneidenswerten Fotografen lächelte) war schnurstracks in meiner S.B.-Schublade4 verschwunden. So sehr ich mich auch abzulenken versuchte, es wollte mir partout nicht gelingen. Immer wieder ließ ich den unerfreulichen Abend Revue passieren. Meine Nase fing plötzlich wieder an zu schniefen und meine Augen tränten. Dieser elende Scheißkerl! Von wegen Liebe, der wusste ja gar nicht, wovon er sprach! Und dann diese aufgebrezelte Ziege, die sich ihren Doktortitel bestimmt irgendwo billig angeschafft5 hatte. Tja, Frau Doktor! „Nicht jeder, der Doktorspiele beherrscht, sollte sich Doktor nennen dürfen!“
An Schlaf war in der Nacht bedauerlicherweise nicht zu denken. Umso schwerer fiel dann auch das Aufstehen, nachdem der Wecker herrisch geklingelt hatte.
1 Es war einmal: Eine pädagogisch wertvolle Märchenstunde für alle Altersklassen ab 18 Jahren.
2 Nein, nein, nein … Sie rammte ihm die Spitze des Schwertes nicht in seine Brust (obwohl er es durchaus verdient hätte!). Prinzessin Amelie konnte nicht einmal verbal zum Gegenschlag ausholen, geschweige denn ein Blutbad anrichten. Sie stand nach der Attacke einfach vor dem Bettgestell, bereitete ihrem Prinzen eine Dusche mit Rosenblätter und …
3 Muss an dieser Stelle gestehen, dass mich dieses Wortspiel auf einen äußerst begehrenswerten Gedanken brachte! Würde man das als ein klein wenig bösartig bezeichnen oder war das die klassische Reaktion auf dieses, dieses … ach, ich finde ja noch immer keine Worte für dieses unbeschreibliche Techtelmechtel von Francesco! Ich stehe offensichtlich noch immer unter Schock und kann deshalb für etwaige unflätige Ausdrücke von keinem Gericht der Welt zur Verantwortung gezogen werden – ja, ich meine dich, Texas!
4 Ironischerweise darf er sich jetzt meine Guti-Lade von innen ansehen!
5 Ist „angeschafft“ schon wieder ein verdecktes Wortspiel meiner schmutzigen Gedanken, die eigentlich nur um Hilfe rufen? … Bestimmt!
Warum nur, warum – muss alles vergehen?
Warum nur, warum - bleibt gar nichts bestehen!
Ich gehe von Dir … schau’ mich nicht um.
Ein Traum entflieht … die Stunden sind um.
Bitte gib mir die Antwort,
warum nur, warum?
(Udo Jürgens)
Ich bin in melancholischer Hochstimmung. Dieses Jahr verläuft bislang wirklich nicht nach Wunsch. Dabei hatte es vor wenigen Monaten äußerst vielversprechend begonnen - sogar die Prognosen meines Jahreshoroskops schienen sich vorübergehend an meine Zukunftshoffnungen gekoppelt zu haben, und dann, vor ein paar Wochen, dieses entsetzliche Eklat mit Francesco!
In meinem kleinen, feinen, geordneten Kosmos scheint eine Filmrolle abzulaufen, und zwar mit rekordverdächtiger Lichtgeschwindigkeit!
Glücklicherweise war zum Zeitpunkt meiner Ernüchterungsphase das Arbeitsleben ziemlich chaotisch, sodass ich wenigstens ein paar Stunden des Tages im Tumult von Bestellungen, sinnlosen Diskussionen um irgendwelche getätigten und eben nicht getätigten, sondern offenbar her-beifantasierten Tischreservierungen, Überbuchungen der Tische, Entschuldigungen für nicht in meinem Wirkungsbereich fallende Probleme und ein paar diskussionswürdigen und weniger akzeptablen Reklamationen, unterging. Das Wetter hatte eine rasante Richtungsänderung vollzogen und die Sonne strahlte mir und meiner geschundenen Seele schon frühmorgens neckisch entgegen. Dabei hätte ich, zu meiner Gefühlskonstruktion passend, einen wochenlangen Monsunregen bevorzugt. Aber auch in diesem Punkt stand ich scheinbar auf Kriegsfuß mit den Göttern.
Der einzige Lichtpunkt in meinem monotonen Leben war (wenn mir das jemand vor zwei Monaten gesagt hätte, wäre ich hoffnungslos in meinem eigenen Gelächter erstickt) der Selbstverteidigungskurs für Frauen bei meinem „Freund“ (nun ja, ich sollte hier nicht übertreiben, aber immerhin streiten wir jetzt nicht mehr so hinlänglich miteinander - wir haben uns aus dem pubertären Frühstadium verabschiedet und tragen unsere hitzigen Diskussionen nur mehr über der fiktiven Gürtellinie aus), „Helfer“ und „Sklaventreiber“ Kommandante Markus Handler. Am Donnerstagabend kann ich mir sicher sein, dass ich todmüde ins Bett falle und keinen einzigen Gedanken mehr an diesen heuchlerischen „Francescanischen Trugprinzen“ vergeude. Kommandante Handlers Verhalten (ausschließlich mir gegenüber, das ist mir schon bei unserer ersten offiziellen Begegnung im Polizeirevier aufgefallen, und er macht keinerlei Hehl daraus) ist trotzdem noch immer überaus kühl und distanziert6, obwohl ich ihm mindestens einmal pro Woche erkläre7, dass die Entführungsgeschichte mit Garfield wirklich nicht von mir beabsichtigt war. Und so haben wir beide nach dem bisherigen fünfwöchigen Training schon unser eigenes rituelles Prozedere entwickelt: Zuerst werde ich von Kommandante Handler ausgiebig gequält und gefoltert, und danach – wenn ich kaum mehr die wenigen Stufen bis zum Torbogen des Polizeireviers erklimmen kann – pirscht er mitsamt seines Fahrzeugs an meinen geschundenen Körper heran und fragt beinahe unschuldig, ob er denn meine müden Knochen mitnehmen dürfe. Natürlich fragt er mich das nicht aus Höflichkeit (ich glaube, die Vokabeln Charme, Taktgefühl und Kinderstube kommen im Wortschatz dieses Sadisten überhaupt nicht vor!), sondern nur, weil mein trautes Heim auf seinem Weg liegt und ich immerzu, kurz bevor ich aus seinem fahrbaren Untersatz heraus krieche, brav und artig „Vielen Dank fürs nach Hause bringen“ in mich hineinmurmle. Aber unser werter Kommandante hat - dem ungeachtet - ein Gedächtnis wie ein Rhinozeros.
Ich glaube mich erinnern zu können, dass ich ihn gleich nach unserer ersten sehr unerquicklichen Begegnung in Seefeld genau als dieses bezeichnet habe – nun gut, daran kann man sehen, wie unglaublich feinfühlend ich bin und wie viel Menschenkenntnis ich besitze!
Ich behaupte nach wie vor, dass unser gutes Handerle zu viele weibliche Hormone produziert und/oder in sich trägt, denn dieses Verhalten wird von der wahrhaft anbetungswürdigen Mannsriege immer als rein feminin eingeordnet (letzteres entspricht natürlich überhaupt nicht der Wahrheit und trifft auch keineswegs zu!).
Tja, Frauen sind von der Venus und Männer eben vom Mars. Ab und an treffen wir einander in den endlosen Weiten des Firmaments und erleben dann einen oftmals heftigen Planetenzusammenstoß, bis sich die Wege (zumeist ist einer der beiden Himmelskörper in Folge dessen etwas desolat und desorientiert) wieder unweigerlich trennen. Aber kann die Erklärung wirklich so simpel sein? Immerhin streifen auf dem Erdball vereinzelte Ehepaare umher, die sich wirklich ergänzen, die sich sprichwörtlich gesucht und gefunden haben, die auch nach vielen Jahren noch liebevoll und höflich miteinander umzugehen wissen, die allzeit mit herzlichen Geschenken und romantischen Gesten ihren Alltag beiseiteschieben, und die ihre Liebe und die Aufmerksamkeit ihres Partners immer wieder neu entfachen und sich auch bezüglich ihrer Treue und Hingabe gewiss sein können. Ist alles im Leben ein Glücksspiel, eine Glücksspirale? Hängt alles vom ewigen Schicksal ab oder kann man diesem vielleicht doch ein Schnippchen schlagen und etwas nachhelfen?
6 Er hat bislang nur eine einzige Kurseinheit verpasst (von fünf!), und das, obwohl er anscheinend durchschnittlich immer nur an zwei bis drei Stunden des achtwöchigen Kurses teilnimmt – das behaupten zumindest seine mittlerweile etwas misstrauisch gewordenen Kollegen hinter vorgehaltener Hand!
7 … und zwar kurz bevor er mich hinterlistig angrinst und mich schelmisch nach meinem Wohlbefinden nach seinem eigens für mich ausgearbeiteten Trainingsprogramm der vergangenen Woche befragt … zumeist habe ich mir zwar einen saftigen Muskelkater eingehandelt, aber ich würde das - ihm gegenüber – niemals zugeben, denn eingeheimster Muskelkater verschwindet ohnehin drei, vier Tage später (schlimmstenfalls ist er bis zum nächsten Kursus passé)!
Die Vergangenheit und die Erinnerung
haben eine unendliche Kraft,
und wenn auch schmerzliche Sehnsucht daraus quillt,
sich ihnen hinzugeben,
so liegt darin doch ein unaussprechlich süßer Genuss.
(Wilhelm von Humboldt)
Der Muttertag könnte schöner nicht sein – zumindest wetterbedingt! Der Himmel ist kitschig azurblau eingefärbt und die vereinzelten Flugzeuge durchziehen willkürlich das Firmament und drücken diesem für wenige Minuten ihren Stempel auf. Elvira, Sandra, Iris und meine Wenigkeit teilen uns die Terrassenlandschaft des Coffee-Shops gerecht. Die Hektik nimmt am sonst noch einigermaßen friedlichen Vormittag eine erschreckende Dimension an: Viele aufgeregte, schlipstragende Männer schießen verzagt in der Gegend umher und an ihren Rockzipfeln hängen zumeist herausgeputzte Kinder. Ein paar Daddys waren offensichtlich etwas unvernünftig und sind mit ihren Youngstars zum nahegelegenen Stadtspielplatz marschiert. Ein möglicherweise schwerer Fehler, denn durch die verunstalteten Kleidchen und schmutzbesudelten Patschhändchen könnte nun die geheuchelte Familienidylle gehörig ins Wanken geraten!
Ich habe, nachträglich betrachtet, an diesem sonnigen Muttertag wieder jede Menge gelernt! Zum einen sollte ich das nächste Mal, wenn es heißt, dass eine neu gestaltete Eiskarte die Runde macht, ruhig einen Blick in ihr Innerstes werfen. Eine Happy Family (herausgeputzter Papa, freudestrahlende Mama, umsichtige Omama und zwei wohlerzogene Kinder) platzte in meine Station hinein, und nachdem die Essenszeremonie ihrem Ende entgegeneilte, durften sich die beiden artigen Kinder noch jeweils einen Eisbecher aus unserem reichhaltigen Sortiment aussuchen. Die Kleinen blätterten die jungfräulichen Karten vor und zurück, und Papa zählte ihnen geduldig alle Eisvarianten, auf denen die dicken Wurstfingerchen innehielten, auf.
»Haben Sie sich schon entschieden oder soll ich etwas später wiederkommen?«, fragte ich, nachdem ich beobachten konnte, dass die kurzen Beinchen der Kinder schon nervös unter der Tischdecke herumzappelten.
»Oh, wir sind so weit!«, gab Papa zurück. »Also, Dominik, du willst dieses hier, nicht wahr?«, fragte er den kleinen Jungen und dieser lugte mit riesigen Augen auf das appetitanregende Bild und nickte erwartungsvoll. »Und für dich soll es der Schubkarren sein, ja?« Auch an dieser Stelle setzte eine heftig fordernde Bestätigung ein. »Wir nehmen einmal die Heiße Liebe, aber bitte mit Zitroneneis anstatt Vanille und einmal den Schubkarren voll Eis.«
»Na, da muss ich aber erst mal sehen, ob unser Hausmeister seine Scheibtruhe herausrückt!«, warf ich belustigt ein. Dieser Ulk schien wirklich amüsant zu sein, denn die Erwachsenen schmunzelten mich verschwörerisch an, obwohl ich nicht genau wusste, warum! Ich gab mich aber nicht geschlagen und wollte ihnen dann doch die ernst gemeinte Bestellung abringen. »Also eine Heiße Liebe für den jungen Gentleman und für die Lady … ?«
»Ich mag bitte den Schubkarren!«, antwortete mir die Kleine prompt.
»Sie hören es, der Schubkarren scheint hoch im Kurs zu liegen!«, pflichtete Omama ihrer Enkelin bei.
»Na, dann will ich mal sehen, was sich machen lässt, aber bitte erhoffen Sie sich keinerlei Wunder!«, entgegnete ich und war dabei schon von dieser etwas merkwürdigen Tischgesellschaft abgebogen. Der Gast ist schließlich König – aber wo zum Teufel sollte ich jetzt einen Schubkarren herzaubern? Ich hätte nachsehen können, ob der Bautrupp, der sich noch vor wenigen Tagen an der Fassade des Hotels zu schaffen gemacht hatte, zufällig ein zerbeultes Exemplar vergessen hatte, oder aber ich hätte Elvira davon erzählen können und sie hätte mir dann bestimmt mit Rat zur Seite gestanden … oh, Shit …
»Wo steht denn der verflixte Eisbecher? Oh… peinlich!«, entfuhr es mir, als ich einen Blick in die Eiskarte riskierte. Ich hatte mich scheinbar zum Gespött der Leute gemacht, aber denen war das zum Glück nicht aufgefallen. Aber… das alleine wäre ja nicht so ärgerlich gewesen, richtig in die Nessel hatte ich mich erst mit dem Zitroneneis gesetzt. (Obwohl … es war ausnahmsweise wirklich nicht meine Schuld. Ich hatte in der Patisserie ausdrücklich auf Zitroneneis bestanden, aber nachdem mit dem kleinen Dominik irgendetwas nicht zu stimmen schien und mich der aufgeregte Papi zu sich zitierte, um mein Fachwissen hinsichtlich des Eises zu überprüfen, und der eisschlemmende Erdenbürger nun Fragliches daher plapperte und etwas müde wirkte und seine Mattigkeit durch anhaltendes Gähnen untermauerte, nahm ich den Becher an mich und bugsierte die kläglichen Reste des Eises in die Küche.)
»Die Kundschaft lässt fragen, ob mit dem Zitroneneis etwas nicht stimmt«, wollte ich ungeduldig wissen und schob den beinahe leeren Becher jenem Lehrling hin, der ihn zubereitet hatte.
»Was soll nicht stimmen?«
Ach, welch Glück! Chanette war zur rechten Zeit aufgetaucht und nahm den Becher eilends entgegen, um daran zu schnuppern. »Wo hast du dieses Eis her?«, wollte sie ungeduldig von ihrem Untergebenen wissen.
Nun, es hatte sich schließlich herausgestellt, dass das Zitroneneis getarnt war und sich schlussendlich als reines Wodka-Eis deklarierte. Dominik war nach beinahe zwei Kugeln Eis sturzbesoffen (Glück im Unglück war, dass der Schubkarren mit Vanille-, Schoko- und Erdbeereis aufgefüllt war, also bestand wenigstens für die Kleine keine potenzielle Beschwipsungsgefahr). Die heißen Himbeeren und das Schlagobers hatten anscheinend den Wodka-Geschmack weitgehend neutralisiert, deswegen hatte der kleine Knirps den Unterschied nicht schon früher bemerkt!
Schlussendlich wurde die aufgebrachte Familie mit einer beglaubigten Entschuldigung und einer kostenlosen „Torte to go“ beschwichtigt. Frau Rottmayer versicherte dem geschockten Papa mehrmals, dass die als Zeichen der Aussöhnung präsentierte Schokomousse-Torte zweifellos keinerlei Alkohol beinhaltete.
Am Abend schlüpfe ich fix und foxi unter die Dusche und gönne mir danach ein Gläschen Welschriesling. Den angebrochenen Abend beschließe ich alleine. Nike kommt erst morgen vom Besuch bei ihren Eltern zurück, und so kann ich mich ganz entspannt dem Radioprogramm widmen und ein bisschen in einem Buch blättern. Es ist keine halbe Stunde vergangen, als es an der Tür läutet. Da ich hinter dem energischen „Schell the Bell“ entweder Riccardo oder Raffael vermute8, mache ich mir nicht die Mühe, mein Äußeres nochmals im Flurspiegel zu überprüfen. Hätte ich es getan, dann hätte ich festgestellt, dass meine luftgetrockneten Haare in alle erdenklichen Richtungen von meiner Denkerstirn zu fliehen und Albert Einsteins Frisur zu imitieren versuchten!
»Ja! Ich komm’ ja schon!«, brülle ich Richtung Türe, als das Pochen immer fordernder wird.9 »Ich hab’ euch gestern schon erklärt, dass ich keine Tiefkühlpizza zu Hause habe!«, plaudere ich weiter und reiße schließlich die Türe auf10, um danach wie ein Vollidiot (in einer alten ausgeleierten Leggings, einem viel zu großen und gänzlich verwaschenen T-Shirt und fransigen Socken) vor dem adrett gestylten Francesco zu stehen!11
Immer wieder habe ich mir in den letzten Wochen vorgestellt, dass wir uns einmal irgendwo wiedertreffen, zufällig oder absichtlich. Ich habe mir alle erdenklichen Gegenden und Orte vor Augen geführt. Ich sah in diesen Tagträumen immer ungemein gut aus, trat hohen Hauptes an ihn heran, verströmte dabei irrsinniges Selbstbewusstsein, Sexappeal und Intelligenz, und war sehr gut gekleidet! So ein Mist! Ich sehe nicht nur dämlich und zerlumpt aus, sondern bringe auch kein einziges Wort über meine Lippen. Ich wirkte auf ihn wahrscheinlich wie ein armes, vereinsamtes Würstchen, dem der Liebhaber abhandengekommen war, und das sich nun dermaßen hängen ließ, dass es irgendwann zwangsweise auf der Straße landete. Dazu würde es als Sozialfall gelten, und am Rande hatte es noch ein gewaltiges Alkohol- und/oder Drogenproblem und … weiß der Kuckuck was mit ihm noch geschehen würde! Ich hatte ohnedies keine Lust, derlei düstere Prognosen am eigenen Leibe zu erfüllen.
»Du hast noch nicht angerufen und da dachte ich mir, ich komme einfach mal persönlich bei dir vorbei«, startet er das Gespräch. »Ich habe Licht gesehen, die Haustüre war offen und, nun ja, jetzt stehe ich hier … darf ich eventuell eintreten oder ist der Augenblick ungünstig?«, fragt er unverblümt.
»Ach … also, ich bin überhaupt nicht auf Besuch eingestellt und irgendwie trifft es mich jetzt komplett unvorbereitet!«, stottere ich, währenddessen meine Beine nervös herumschlottern und versuchen, sich selbstständig zu machen, indem sie ihr baldiges Versagen ankündigen!
»Wir sollten dennoch reden. Meinst du nicht, dass es allmählich Zeit wird?«
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich bei dir melde!«, entgegne ich stur und starre verlegen zu Boden.
»Ich bin sicherlich ein geduldiger Mensch und ich habe dir jetzt einige Wochen Zeit gelassen, aber … «
»Komm rein!«, befehle ich ihm, da diese Unterhaltung wirklich nicht im Treppenhaus weitergeführt werden sollte und die Zeit ohnehin reif für dieses Gespräch war. Ich habe es schon viel zu lange aufgeschoben und immer wieder verdrängt, aber nun gilt es, Nägel mit Köpfen zu machen. Verdammt, wieso sieht dieser elende Mistkerl auch in diesem erbärmlichen Zustand so unglaublich gut aus! Und er riecht noch dazu sooo enorm lecker! Es ist zwar nicht sehr stilvoll (und zeugt wahrscheinlich von immenser Unreife), aber in diesem Fall wäre für meine Wenigkeit eine Aussprache per Telefon sinnvoller und nicht so brandgefährlich (für mein verwirrtes Seelenleben, meinen Rückhalt und meinen absolut unwiderruflichen und steinharten Willen) gewesen. Zum Glück habe ich noch nicht allzu viel Alkohol getrunken, denn dieser löst nicht nur die Zunge, er fördert auch das Zwischenmenschliche und bewirkt manchmal ein Verlangen, das es ohne ihn nicht gegeben hätte!
»Auch ein Glas Wein?« Ich bin schließlich eine galante Gastgeberin (aber er bekommt nur eines ab. Nicht, dass er am Ende noch denkt, ich wolle ihn betrunken und somit willenlos machen und ich selbst trinke nichts mehr – siehe vorherigen Gedankengang!).
»Ja, bitte!«, entgegnet er dankbar und nimmt einstweilen auf der Wohnzimmercouch Platz, während ich leicht irritiert in die Küche schlurfe. Nachdem ich ihm ein Glas Wein und mir ein zusätzliches Glas Wasser besorgt habe, und alles auf dem Tisch positioniert ist, werfe ich meine cholerischen Glieder in das Fauteuil, welches dem Sofa gegenübersteht. So ist es gut. Der Tisch bildet nun eine Pufferzone! Gut, gut! Die ersten Minuten verlaufen äußerst zäh und reserviert. Wir beäugen uns gegenseitig, lauschen der Musik aus dem Radio und warten vorerst ab. Ein Knistern ist zu spüren, aber niemand will den ersten Schritt machen, als hätten wir zu viel Angst vor dem Endergebnis. Mein Pulsschlag nimmt kontinuierlich zu. Ein beklemmendes Gefühl stellt sich ein, so als ob etliche Ping-Pong-Bälle versuchen würden, aus der Beengtheit meiner Halsschlagader zu fliehen! Verdammt, mir scheint, dieser Oberlump hat noch nie besser ausgesehen als gerade in diesem Augenblick! Verdammt, verdammt! Mein Wille ist stark, meine Nerven liegen blank! Ich wünschte nun, dass Caro anstatt meiner hier wäre, und mit Francesco sachbezogen und realistisch sprechen würde, aber da musste ich wohl oder übel alleine durch.
»Was denkst du jetzt, Amelie?«, will Francesco schließlich von mir wissen und durchdringt damit das friedvolle Schweigen. »Ich möchte endlich Klarheit haben, egal wie diese aussieht, aber so geht das nicht weiter. Ich bin sehr traurig darüber, dass ich so … so wenig Vertrauen hatte, das bedaure ich sehr, glaubst du mir das? Und jetzt habe ich uns in diese merkwürdige Situation hineinmanövriert.«
»Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden«, würge ich leise hervor und riskiere dabei einen Blick in diese wunderbaren braunen Augen. … Oh, jetzt nur nicht schwach werden, Amelie! Konzentriere dich einfach auf einen unbedeutenden Punkt in der Nähe seines Antlitzes und kommuniziere geradewegs nur mit dieser auserkorenen Stelle! Je schneller du diese unangenehme Situation hinter dich bringen kannst, desto besser! Das CD-Regal direkt hinter Francesco scheint mir ideal für mein Vorhaben!
»Das finde ich nur fair.«
»Ich habe in der letzten Zeit viel über uns beide nachgedacht.« Das war nicht gelogen, ja vielleicht sogar untertrieben.
»Ich weiß, dass an deinem Entschluss, wie immer er aussehen mag, nicht mehr zu rütteln ist. Aber ich möchte dir nochmals versichern, dass mir die Geschichte im Hotel Maindling unendlich leid tut und dass ich dich damit bestimmt nicht kränken wollte. Im Nachhinein betrachtet würde ich vieles anders handhaben, doch was geschehen ist, kann ich leider, so sehr ich mich auch darum bemühen würde, nicht mehr rückgängig machen. Meine Gefühle für dich sind aufrichtig und ich liebe dich nach wie vor, aber ich habe mir alles selbst zuzuschreiben und ich respektiere deine Entscheidung in jedem Fall, egal wie sie aussehen mag.«
»Ach, Francesco!«, seufze ich schwerfällig. »Ich habe mich noch nie in meinem Leben in der Gegenwart eines Mannes so wohl und geborgen gefühlt. Aber ich fürchte, ich kann mit dem, was geschehen ist, nicht umgehen, und ich werde es wahrscheinlich nie vergessen und dir nie verzeihen. Ich glaube an die partnerschaftliche Treue und an die wahre Liebe, und deswegen sollten du und ich in aller Freundschaft auseinander gehen. Dieses Gespräch fällt mir extrem schwer, da ich bei dir das Gefühl hatte, den Mann meines Lebens kennengelernt zu haben, aber es hat nicht sollen sein. Es tut mir leid! Ich liebe dich, Francesco, aber ich liebe mich mehr! Bitte geh jetzt, ich möchte alleine sein!« (Diesen Text habe ich vorausschauend schon vor Wochen einstudiert. Zum Glück. Er besagt alles und ist kurz, bündig und ehrlich!)
»Ich wusste deine Antwort an der Türe schon, aber ich habe gehofft, dass du mir noch eine Chance gibst!«
»Ich halte nichts von aufgewärmten Beziehungen. Ich fürchte - nur der Objektivität wegen -, dass wenn ich mit dir einen nochmaligen Versuch wagen würde, es für mich ein Balanceakt in schwindelerregenden Höhen wäre. Ich würde dir wahrscheinlich nie mehr vollkommen vertrauen, und ich würde mich immerzu, wenn ich dich aus irgendeinem zumeist völlig belanglosen Grund nicht erreichen könnte, fragen, mit wem du gerade zusammen bist und was du so treibst, und ich würde dabei vermutlich komplett wahnsinnig werden und das möchte ich dir und mir ersparen. Ich möchte einen Partner an meiner Seite, dem ich bedenkenlos vertrauen kann. Ich weiß, das wird in der heutigen Zeit nicht mehr als sehr erstrebenswert angesehen, aber diesbezüglich kannst du mich ruhig als altmodisch bezeichnen, das stört mich nicht. Ich möchte einen zuverlässigen Partner und einen, dem Treue genauso wichtig ist wie mir. Ich will - genau betrachtet - so vieles mehr, als du mir gegeben hast.«
»Nun, das waren klare Worte, Amelie. Ich danke dir für die Aufrichtigkeit«, bemerkt er verdutzt und fixiert dabei sein Weinglas, um wenige Augenblicke später schelmisch hineinzugrinsen.
»Was amüsiert dich denn nun so?«, frage ich einigermaßen verdattert.
»Wenigstens hast du mich nicht wegen meiner Schwachstelle verlassen, sondern nur, weil ich etwas dagegen unternommen habe. Das ist doch originell, oder? Ich war so derart auf mein Problem fixiert, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass du eigentlich ständig darauf eingegangen bist, und nun verliere ich die einzige Frau seit langem, mit der ich offen darüber sprechen konnte und mit der ich meine Impotenz zu kurieren hoffte. Tja, c’est la vie!« Er leert daraufhin sein Glas in einem Zug, stellt es ab und erhebt sich, um in Richtung Tür zu marschieren. Ich blicke ihm schweren Herzens hinterher und bevor er auf den Flur tritt, dreht er sich nochmals zu mir um. »Ich weiß, es ist noch zu früh, aber können wir eventuell gelegentlich telefonieren, oder wäre dir das sehr unangenehm?«
»Nein, das können wir machen! Das wäre in Ordnung für mich!«
»Ich danke dir! Man hört sich also vielleicht irgendwann?«
»Ja!«
Nachdem die Tür geräuschlos in die Angel gefallen ist, kippe ich mein Glas Wein ebenso hastig hinunter wie es Francesco getan hatte. Noch nie in meinem Leben ist mir ein Gespräch so unendlich schwer gefallen. Tief in meinem Innersten liebe ich diesen Menschen abgöttisch, und es schmerzt mich sehr, ihn gehen zu lassen, aber es war bestimmt die richtige Entscheidung. „Nein, danke“ zu sagen, wenn man „Ja, bitte, ich will mehr!“ meint, ist denkbar schwierig. Ich will diesen Mann noch immer. Am liebsten wäre ich ihm bei seinem überraschenden Besuch schon an der Tür um den Hals gefallen. Ich wollte ihn küssen, ihn umarmen und ihn nie wieder los-lassen, ich wollte ihn … nein, Schluss damit! Selbstgeißelung ist nicht gut für Körper und Seele. Ich habe Nägel mit Köpfen gemacht und mich durch diese Unterhaltung weitgehend von dem ganzen chaotischen Gefühlsballast befreit (aber wieso fühle ich mich gerade eben so hundeelend, wenn ich doch singend und tanzend durch die Gassen ziehen und meine neu erlangte Freiheit ausgiebig feiern sollte?).
8 Konnte theoretisch nur einer meiner Nachbarn sein, da die untere Eingangstüre immerzu verschlossen ist. Ein weiteres Indiz für die Richtigkeit meiner Vermutung ist, das nun verhaltene Klopfzeichen an der Wohnungstüre.
9 Hier ein grundsätzlicher Tipp für alle Frauen, die in der Stadt ihr Dasein fristen: Bevor FRAU die Türe öffnet, sollte sie immer fragen (aus sicherheitstechnischen Gründen, da die meisten Frauen keinen Selbstverteidigungskurs absolviert haben – was ich jedoch nur einer jeden raten kann!), wer denn Einlass begehrt!
10 Ich habe doch schon erwähnt, dass ich
a) nicht durch den Türspion gesehen habe
b) nicht nachgefragt habe, wer vor der Türe steht und dass ich
c) den Spiegel nicht gewürdigt habe … oder?
11 … aber ansonsten sieht er ziemlich jämmerlich aus. Am liebsten würde ich ihm vertraut auf die Schultern klopfen, ihn tröstlich in den Arm nehmen und ihm versichern, dass es schon wieder werden würde!
Von Freundschaft zur Liebe – ein Schritt,
von Liebe zur Freundschaft – ein Ozean!
(Salomon Baer-Oberdorf)
Am darauffolgenden Mittwoch, unserem offiziellen Sex and the City- und Weiberabend, zeichnete sich im Leben unserer lieben Alex eine aufregende Wende ab. Stefan hatte still und heimlich, gleich nachdem ihn Alex mit der ungeplanten Schwangerschaft konfrontiert hatte, die Scheidung von seiner nur-noch-am-Papier-Ehefrau eingereicht. Alex hatte von seinem Vorhaben absolut keine Ahnung, denn sie behauptete stets, dass sie Stefan ohnehin nicht heiraten wollte. Aber vielleicht hatte sie nun situationsbezogen eine andere Auffassung zu diesem Thema.
Stefans Scheidung ging durch den Umstand, dass beide Ehepartner schon seit Jahren einen getrennten Hausstand unterhielten, ratzfatz und unbürokratisch vonstatten. Mit den Scheidungspapieren in Händen überraschte er Alex am Nachmittag mit ihrer absoluten Lieblingstorte, der sie noch nie hatte widerstehen können. Als sie die überzuckerte Delikatesse in der Mitte jedoch anzuschneiden versuchte, blockierte das Messer unerwartet. Stefan hatte nämlich in die Torte einen Ring einbacken lassen, aber Alex war so begierig auf die Süßigkeit (der allgegenwärtige Heißhunger – ein unleidliches Nebenprodukt der Schwangerschaft, gleich der morgendlichen Übelkeit), dass ihr dies anfänglich gar nicht aufgefallen war. Stefan musste sie quasi mit der Kuchengabel auf den Ring aufmerksam machen. Sie hatte überhaupt nicht mit einem derartigen Geschenk gerechnet, geschweige denn mit einem Verlobungsring, welcher genau betrachtet ja als Eheversprechen auf ein Jahr angesehen werden konnte. Nachdem Stefan den Ring weitgehend gereinigt und vor ihr Aufstellung bezogen hatte, fragte er sie die Frage aller Fragen: „Könntest du, liebe Alex, vielleicht in Erwägung ziehen, mit einem geschiedenen Mann, derwelterfahren, ausgeglichen und tolerant ist, zusammenzuziehen? Aufrichtigkeitshalber will ich hier noch anmerken, dass seine Freundin in anderen Umständen ist, aber das sollte dich nicht abschrecken!“
Fakt ist nun, dass Stefan und Alex auf der Suche nach einer neuen gemeinsamen Bleibe sind! Tja, Diamonds are a Girl's Best Friend! Nebenbei bemerkt: Der „Wohnungsvereinigungs-Ring“ (so nennt ihn Alex - sie behauptet, diese Wortwahl würde eher zu ihr passen und sie nicht derart beunruhigen wie das Wort Verlobungsring!) sieht beinahe so gut aus wie jener, den mir Riccardo damals zugedacht hatte!
Nun habe ich in meinem Freundeskreis gleich zwei Pärchen, die eine neue Bleibe suchen, denn Elvira und Klaus haben ebenfalls beschlossen, die zukünftigen Freuden und Leiden zusammen zu durchleben.
Nike ist – den Umständen entsprechend - gut drauf, aber im Gegensatz zu mir hat sie ihre Aussprache noch vor sich. Sie weiß, dass daran kein Weg vorbei führt, aber sie fühlte sich bislang noch nicht in der Lage für ein Treffen, geschweige denn für ein klärendes Gespräch mit Bernie, ihrem vermaledeiten, untreuen Ex-Lover. Dadurch hatte er das Nachsehen, aber wen kümmerte dies schon! Nike und ich hatten indessen einen Wohnungsplan ausgearbeitet, wobei auf den Neuankömmling bestmöglich Rücksicht genommen wurde. Im Wintergarten stand schon eine hypomoderne, blitzblaue Wippe (Nike hatte sie im Ausverkauf erspäht und konnte nicht umhin, sie zu erstehen!) und eine knallige Wickelauflage (ebenso bei der Räumung gekrallt, wobei sie diese kampflustig einer Hochschwangeren eiskalt vor der Nase weggeschnappt hat!). Der Sprössling würde demnach – egal welchen Geschlechtes – so und so ein wahrer Sonnenschein werden!
Caro unterhielt seit neuestem eine rein platonische Beziehung mit Roland, einem der Trainer des Selbstverteidigungskurses. Sie zieht solche Härtefälle wohl immer an! Ihr Nachbar und ehemaliger Bettkamerad Kurt (und man erinnere sich, auch ihn hatte sie als ihre platonische Liebe bezeichnet) war schlussendlich das junge Häschen doch noch losgeworden. Es schien jedoch eine schwierigere Trennung gewesen zu sein, denn es machte den Anschein, als hätte Kurt sein geschädigtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht ausgebaut. Ich glaube nicht, dass er so schnell wieder neue Brücken bauen wird!
Caro pirschte sich nun an Roland heran. An unseren Kursabenden suchte sie im Turnsaal immer die Nähe zu ihm und wenn man ihn beobachten konnte, dann versuchte er ständig Caro zu mustern, aber das machte er natürlich weitgehend unauffällig. Die Spiele sind demnach wieder eröffnet! Er will - er will nicht? Er hat Probleme - er hat keine Probleme? Er ist verliebt, verlobt, verheiratet – er ist nichts von all dem? Er ist impotent – er ist nicht impotent (diese Frage habe ich erstmalig aufgenommen, denn meine neue Lebenserfahrung hat sich prägend in mein Unterbewusstsein eingeschlichen!)?
»Wir könnten doch morgen nach dem Training gemeinsam auf einen Drink gehen?«, schlug mir Caro dann kurzerhand vor.
»Wir trinken doch ohnehin immer etwas im Clubraum«, konterte ich. »Außerdem schafft mich mein Handerle12 jedes Mal. Ich bin morgen bestimmt wieder wie gerädert, falls ich sein Trainingsprogramm überhaupt durchhalte! Vielleicht holt er jetzt, in der Schlussphase unseres Kurses, noch mal richtig zum Gegenschlag aus! Ihr beide könnt doch auch ohne mich ausgehen!«, sagte ich und blickte Richtung Elvira.
»Ich glaube, Caro hat das anders gemeint!«, entgegnete diese.
»Ach, wie hast du es denn gemeint?«
Ich war dann doch einigermaßen interessiert an diesem Gespräch.
»Ich dachte da eher an dich, Roland und dein Handerle. Nur wir vier, sozusagen!«
»Sag mal, bist du jetzt völlig übergeschnappt! Ich bin heilfroh, wenn ich meinem Peiniger nicht zufällig irgendwo außerhalb des Polizeireviers über den Weg laufe und ich die zweistündige Trainingseinheit mit ihm irgendwie überlebe, und dann soll ich mich privat mit diesem … diesem … Sklaventreiber treffen! Das kannst du getrost vergessen!«
»Aber er ist doch nett!«
Caro gab nicht auf. Ärgerlich!
»Ja, er ist nett. Er ist nett zu dir, er ist nett zu Elvira, er ist nett zu allen anderen Kursteilnehmerinnen, er ist nett zu seinen Kollegen, ja, er ist sogar nett zu seinem Hund, aber er ist definitiv nicht nett zu mir!«
»Ihr hattet lediglich Anfangsschwierigkeiten! Aber er mag dich, tief in seinem Inneren!«
»So tief will ich gar nicht graben!«, erklärte ich ihr geduldig. »Hör mal, du bist meine Freundin und ich weiß, dass du eigentlich nur mit Roland ausgehen willst. Also frag ihn doch einfach, ihr braucht dafür bestimmt keine Aufseher, die sich vermutlich neben euch verbal oder sogar körperlich zerfetzen! Nein, Moment einmal, körperlich kann eigentlich nicht sein, diese Aussage muss ich revidieren, da mich mein Handerle bestimmt wieder an die Grenzen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit bringt.«
»Du siehst das völlig falsch!«
Sie gab und gab wirklich nicht auf.
»Noch was anderes! Vielleicht ist unser Handerle bereits in festen Händen13 und kann dadurch gar nicht mit uns ausgehen!«
»Ich will in der Roland-Angelegenheit möglichst bald weiter kommen, und wenn ich alleine mit ihm ausgehe, dann können wir nicht so leger miteinander plaudern. Aber wenn uns ein paar gute Freunde begleiten würden, dann sähe ich hier gute Chancen!«
»Ist platonisch doch nicht dein Ding, was?«, fragte ich amüsiert.
»Lass den Unsinn und das Gespött! Platonisch ist nett, solange man nicht mehr will!«, entgegnete Caro angriffslustig. »Und ich will eindeutig mehr! Außerdem finde ich, dass unser Vorspiel schon lange genug dauert! Es wird Zeit, die nächste Stufe zu erklimmen!«
»Da fällt mir noch was ein: Weißt du eigentlich, ob die beiden überhaupt miteinander befreundet sind? Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei nur um zwei Arbeitskollegen, deren Wege sich nach Dienstschluss unweigerlich trennen.«14
»Guter Einwand, aber wenn ich herausfinde, dass sich die beiden auch privat vertragen, dann würdest du wohl mitkommen, oder?«
»Wenn Handerle erfährt, dass ich seine Begleitung darstelle, dann ist deine ganze Zeit und Mühe, die du auf ein solches Treffen verwendest, ohnehin vergeblich!«15
»Deine Antwort lautet also: Ja!«
»Nur wenn ich noch krabbeln kann, ansonsten nicht!«16
»Das klingt fair! Außerdem tu’ ich dir damit ohnedies einen Gefallen!«
»Na, da bin ich jetzt aber gespannt!«, entfuhr es mir. »Wie sieht dieser Gefallen denn bitte aus?«, fragte ich verblüfft.
»Du solltest wieder mal ausgehen und ein paar Leute kennen lernen. Es wird Zeit, sonst versauerst du uns noch zu Hause, und du weißt doch, verschrumpelte alte Jungfern mag niemand!«
»Na, dann bin ich dir für deine edelmütige Hilfe selbstverständlich überaus dankbar!«, gab ich spöttisch zurück.
»Was tut man nicht alles für eine gute Freundin!«, sagte sie daraufhin, zuckte gleichgültig mit den Schultern und atmete dabei hörbar aus.
Unsere Fünfergesellschaft beschloss den informativen Weiberabend dann um kurz nach Mitternacht und ich vertschüßte mich gleich im Anschluss in mein Bettchen.
Unser trainingsuntermauerter Donnerstag, auch zu benennen als „Nur die harten und sportlichen kommen durch, und da auch nur magere fünf Prozent“–Wochentag ist bald darauf eingeläutet.
Also, ich weiß ja nicht, mit welchen Raffinessen Caro gearbeitet hat (nun, sie ist eine Frau und hat immense Durchsetzungskraft, und sie ist sehr hartnäckig, wenn sie ein Ziel anvisiert hat), aber ich habe kommendes WOCHENENDE doch tatsächlich ein Date! Dies sollte wohl eine Überraschung sein, denn Caro hat im Kurs nicht ein Wort darüber verloren.17 (Ich möchte ja zu gerne wissen, wann sie sich die Zeit für ein Anmachgespräch mit Roland genommen hat? Wahrscheinlich als ich eine extra Trainingseinheit mit meinem Handerle in Turnsaal II genießen durfte!)
Mein Handerle hat also folglich …
… am Wochenende Zeit.
Anmerkung: Er ist doch Hauptkommissar, da müsste er doch wenigsten so viel Anstand besitzen und die Wochenendschichten übernehmen, damit jederzeit die Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet ist; erschwerend kommt hinzu, dass immer eine kompetente Person Anwesenheitsdienst versehen sollte und dieses Individuum dafür Sorge trägt, dass alle polizeilichen Einsätze, wie Verfolgungen, Verhaftungen usw. penibel koordiniert werden! Und was passiert, wenn eine Frau ausgerechnet am Wochenendevon einem Straßenräuber um ihren Schmuck erleichtert wird und kein Handerle zugegen ist, der dem fiesen Übeltäter Saures gibt? Zumindest mir passiert nichts, da er ja in meiner Nähe ist und mich beschützt. In diesem Fall ist sich jeder selbst der Nächste!
… keine anderen Verpflichtungen.
Anmerkung: Keine nörgelnde Ehefrau, die zu Hause wartet; keine nervenden Scheidungskinder, die darauf warten, von ihrem Papi im Park spazieren geführt zu werden; kein Kegel-, Fecht- oder Golfclub, wo Handerle Stammgast ist und wo er immer am gleichen Tag zur gleichen Zeit auftaucht … nichts von alledem?
… in Roland tatsächlich mehr als einen netten Arbeitskollegen gefunden. Anmerkung: Diese Tatsache ist mir völlig unbegreiflich!
… wissentlich zugesagt, und das, obwohl ihm Caro mitgeteilt hat, dass ich seine Begleitung für den Abend darstelle!
Anmerkung: Nun, wahrscheinlich hat er in Roland seinen einzigen Freund gefunden und um diesen einen Gefallen zu erweisen und um sich weiterhin als Kamerad bezeichnen zu dürfen, hat er – obwohl sich jedes Haar seines Körpers aufgerichtet hat, um gegen diesen Beschluss zu rebellieren – eine Absage einfach nicht über die Lippen gebracht.
… nicht damit gerechnet, dass ich sein Training überlebe und dass ich somit bis zum Samstagabend nie und nimmer fit genug sein würde, um meine Wohnung zu verlassen.
Letzteres ist sein Plan … logisch!
Wie schon erwähnt, hat es Caro als unbedeutend empfunden, mich gleich nach dem Training über meinen bevorstehenden schicksalhaften Abend zu informieren. Unsere Gruppe hat sich wie immer am Donnerstag nach der Plagerei noch einen durstlöschenden Saft in den Clubräumlichkeiten des Polizeireviers gegönnt. An dieser Stelle falle ich schon in die obligatorische Pflichtkür der Parker/Handler-Verbindung ein. Anschließend habe ich ja immer Schwierigkeiten, meinen Hintern von der ausgeleierten Couch hochzustemmen. Dann folgt noch der schmerzliche Gang über ein paar Stufen hinaus ins Freie, danach verabschiede ich mich von den Mädels, und nach diesem ganzen Prozedere schlürfe ich Richtung Heimat. Genau dann kommt immer mein Handerle ins Spiel. Er lenkt seinen Kombi mit dem aufgeregt bellenden Garfield im Kofferraum neben meine geschundenen Knochen, lässt salopp die Seitenscheibe herunter, fragt mich – nach gebellter Zustimmung seines Hundes -, ob ich denn die Mitfahrgelegenheit beim Schopf packen möchte, und daraufhin willige ich immer missmutig ein. Aber nur unter dem Vorwand, dabei ausschließlich Garfield einen Gefallen tun zu wollen. Und der letzten eingeübten Manier zufolge, besteige ich dann die dargebotene Benzinkutsche! Um der ganzen Sache den letzten Schliff zu verpassen, sitzen wir schweigend und friedvoll nebeneinander und bekriegen uns nicht mehr, was mir an diesem Arrangement besonders gut gefällt. Er lässt mir meine wohlverdiente Ruhe.
Es ist eigentlich merkwürdig: Meine Körperschaft sollte sich doch langsam an die sportive Extrembetätigung gewöhnt haben, oder? Caro und ich nehmen selbstverständlich noch immer an den Kursen der Spieltanzschule teil, aber so dermaßen matt fühle ich mich eigentlich am Dienstagabend nie! (Nicht mal nach der langen Sommerpause, wenn wir die erste Stunde absolviert haben!)
Handerle weiß genau, dass ich - wie immer am Donnerstagabend - meine körperlichen Grenzen erreicht habe. Aber heute könnte ich sogar während der kurzweiligen Autofahrt ein Nickerchen abhalten, so derart erschlagen bin ich und so sehr sehne ich mich nach meinem Bett. Könnte - auch wenn ich tatsächlich wollte - heute nicht mehr ausgehen, bin schachmatt. Tja, Schweinchen gehabt, bis …
»Wann darf ich Sie denn am Samstag abholen?«, will Kommandante Handler plötzlich, in die Stille meiner Seligkeit hinein, wissen. Bin plötzlich hellwach! Was hat er mich gefragt?
»Wie bitte?«, murmle ich hervor.
»Nun, am Samstag … wann möchten Sie von mir abgeholt werden?«
Oh … ich habe mich scheinbar nicht verhört. »Ihre Freundin ist der Meinung, dass Sie mich besser kennenlernen möchten, und da ich … «
»Also … nein, ich meine … äh … nein … das stimmt so ganz und gar nicht!«, werfe ich ein. (Wenn ich Caro in die Hände bekomme, dann würge ich sie ohne Rücksicht auf Verluste! Dass dieser arrogante Typ mit einem dermaßen billigen Trick rumzukriegen ist, hätte ich mir denken können. Aber dass Caro dieses Register zieht, nein … das verzeihe ich ihr nicht! Da kann sie schön alleine mit den Beiden ausgehen! »Ich … ach, da mir fällt gerade ein, dass ich am Samstag schon ein Date habe!«
»Sie haben kein Rendezvous! Mit wem denn auch!«
»Das geht Sie nun wirklich nichts an!«, fauche ich ihn an.
»Hören Sie: Ihre Freundin hat mir verraten, dass Sie sich in mich verguckt haben, das ist wirklich nicht schlimm, aber Sie sind nicht mein Typ und … «
»Ich … ich habe nicht die geringste Ahnung, von was Sie da faseln! Ihre Fantasie geht ja vollkommen mit Ihnen durch!«, zische ich ihn an. Ich bin aufgebracht und klinge nicht mehr sehr beherrscht. »Hören Sie gut zu: Ich hatte nie das Bedürfnis, Sie näher kennen zu lernen, und ich werde diese Möglichkeit niemals auch nur in Betracht ziehen!« Anders als der Wagen bin ich jetzt so was von auf Hundertachtzig!
»Kriegen Sie sich wieder ein! Das war nur ein neckischer Scherz, um das Eis zu brechen! Mein Freund hat mich gebeten, ihn und eine andere Kursteilnehmerin, ich glaube es handelt sich dabei um Ihre Freundin, am Samstagabend zu begleiten, und da ich Einwände angemeldet hatte und ich nicht als fünftes Rad am Wagen gelten wollte, hat er mich schlichtweg überfahren und gemeint, dass mir diese Ausrede nicht durchgehen würde, da er selbstverständlich für mich auch schon eine Begleitung ins Auge gefasst habe. Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass es sich dabei um Sie handeln würde, sonst hätte ich zweifelsohne abgesagt!«, erklärt er mir und grinst mir dabei spöttisch ins Gesicht.
»Schauen Sie gefälligst auf die Straße!«
»Roland, mein Freund, ist der Ansicht, da ich Sie jeden Kursabend ein Stündchen extern unterrichte, dass wir uns blendend verstehen und wir uns am Samstag bestimmt wunderbare Gesellschaft leisten werden!«, entgegnet er, während er vor einer roten Ampel anhält und mir nochmals einen verheißungsvollen Blick zuwirft, indem er zusätzlich seine Augenbrauen auf- und abtanzen lässt. »Wenn es Ihnen wirklich so unangenehm ist, ein paar Stunden mit mir zu verbringen, dann sagen wir dieses Vorhaben einfach ab. Uns fällt sicherlich eine gute und plausible Ausrede ein!«
»Nun … wir könnten ja, da es für einen guten Zweck zu sein scheint, und mit Rücksicht auf unserer beiden turtelnden Freunde, dort gemeinsam aufkreuzen, und wenn wir uns zu sehr auf den Geist gehen, dann kratzen wir schleunigst die Kurve!«
»Guter Vorschlag!«
»Und ich will nichts von Ihnen! Es gibt keinen Willkommens- und auch keinen Abschiedskuss, kein unbedeutendes Händchenhalten unter der Tischdecke, kein Befummeln irgendwelcher Körperpartien, und es gibt keinen Sex, das wollte ich auch noch unmissverständlich erwähnt haben!« Ha, das hat gesessen, denke ich zumindest einen Augenblick lang mit übertriebenem Selbstbewusstsein.
»Na, das schockiert mich jetzt aber!«, posaunt er belustigt hervor. »Wir beide stehen nicht sonderlich aufeinander, aber ein paar Minuten lang im gleichen Raum sollten uns nicht umbringen!«, bemerkt er. »Für den guten Zweck!«
»Ganz genau!«
»Also, wann darf ich Sie abholen?«
»Moment mal, wohin gehen wir eigentlich?«
»Ich denke wir gehen ins Pier 13, zumindest wenn’s mit der Reservierung um 20 Uhr noch klappt. Roland wollte sich noch mit mir in Verbindung setzen und mir Bescheid geben, und ich nehme mal an, das gleiche gilt für Ihre Freundin!«
»Wenn’s also dabei bleibt, dann holen Sie mich bitte eine halbe Stunde vorher ab und wenn nicht … «
»Ich gebe Ihnen, wenn Sie erlauben und wenn Sie es nicht als Anmache verstehen«, hier folgt schon wieder ein spitzbübischer Blick in meine Richtung, »meine Telefonnummer, nur aus Sicherheitsgründen, versteht sich!«
»Gut, dann sind wir uns einig! Das ist kein Date, dieser Abend ist praktisch für die Wohlfahrt gedacht. Wir mögen einander zwar nicht, aber wir werden versuchen, zumindest die paar Stunden wie zivilisierte Menschen miteinander umzugehen!«
»Sollten wir das noch schriftlich aufsetzen oder … «
»Heute sind wir aber sehr spaßig unterwegs, was, Herr Kommissar?«
»Ach, eine Bitte hätte ich noch!«
»Und, die wäre?«
»Nicht, dass das ein Weg in eine innige Freundschaft werden sollte, aber – da wir schon ein Date haben«, und schon wieder ein Schmunzeln, »bitte nennen Sie mich Markus.«
»Aber das mache ich nur, um die Wogen ein wenig zu glätten!«, erwidere ich streng. Handerle biegt derweilen in meine Gasse ein und hält vor meinem Wohnhaus an. Ich setze zum Absprung an und habe schon meine Dankeshymne auf den Lippen, als mich was am Ellenbogen zupft.
»Das ist aber ganz und gar nicht so abgemacht!«, sagt er griesgrämig und ich muss hierbei gestehen, dass ich momentan nur Bahnhof verstehe.
»Was?«
»Dieses Verhalten steht nicht im Lehrbuch Frauen verstehen lernen. Wenn Frauen ja sagen, meinen sie nein! Wenn man Frauen das Du-Wort anbietet, dann sollte Mann erwarten können, dass Madame so wohlerzogen ist, dass sie dies im Gegenzug auch macht!«, entgegnet er ärgerlich.
»Ach, um das geht’s! Ja, ja, ist schon gut, ich kenne die Höflichkeitsfloskeln. Ich heiße Amelie!«, bemerke ich amüsiert und reiche ihm das erste Mal die Hand zum Gruß. »Aber wir Duzen uns nur, weil wir an das Wohl unserer Freunde denken und an nichts anderes! Was soll jetzt die lästige Zeitverzögerung?«, bedeute ich und strecke ihm meine Hand demonstrativ schon bis vors Gesicht, um ihn darauf aufmerksam zu machen. »Im Lehrbuch Männer und ihre Manieren! ist genau dieses Szenario beschrieben!«
»Ich habe Angst!«, gibt er ernsthaft zu.
»Wovor?« Oh, Handerle entwickelt Gefühle und möchte gerade jetzt, da ich sooo hundemüde bin, darüber sprechen (nun, so gut befreundet sind wir auch wieder nicht, er kann sich ja später mit Garfield, so ganz von Mann zu Hund, unterhalten!).
»Dass du mir den Arm abreißt, und ich hänge nun mal schrecklich an ihm! Zwei sind doch erheblich besser als einer! Man denke nur an das Gleichgewicht!«
»Sehr witzig, Herr Handler!«, antworte ich ihm auf diese Unverschämtheit und funkle ihn noch böse an. Als ich die Autotür hinter mir zuknalle, höre ich ihn nur noch trällern: „Bis Samstag, halb acht, und sei pünktlich!“
Ich wollte ihm eigentlich noch ein sehr unschönes Wort hinterher rufen, aber sein fahrbarer Untersatz hatte sich schon in Bewegung gesetzt und meine Schrei-Eskapade wäre nur noch meiner Nachbarschaft, nicht aber dem Betroffenen selbst, aufgefallen!
Ich bin noch gar nicht richtig zur Tür hineinmarschiert, als sich schon mein Handy bemerkbar macht. Mein Display zeigt Caros Namen an!
Caro hat sich bei mir schließlich noch lang und breit für ihren Überfall, was den Samstagabend betrifft, entschuldigt, und so sehr ich auch darum bemüht war, ihr im missmutigen Tonfall ein schlechtes Gewissen einzureden - lange konnte man dieser kleinen Hexe leider nicht böse sein!
12 Nenne Kommandante Handler jetzt immer liebevoll Handerle.
