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**Die Halloweenjagd kann beginnen** Die abgebrühte Geisterjägerin Autumn Foxglove kann den Oktober kaum erwarten. Denn es ist wieder Zeit für die Halloweenjagd der berüchtigten Geisterjägervereinigung. Wie jedes Jahr gilt: Wer die meisten übernatürlichen Wesen fängt, gewinnt Geld und Ansehen. Doch im entscheidenden Moment passiert Autumn ein Fehler – und ihre Seele verbindet sich mit der des mächtigen und verflucht attraktiven Salem. Dadurch rückt ihr Sieg in sehr weite Ferne, aber nicht nur das. Zu allem Überfluss beginnt sie Gefühle für den scharfzüngigen Mann mit den silbernen Augen zu entwickeln. Und das bringt nicht nur Autumns Karriere, sondern auch Salem in große Gefahr … Mache dich bereit für eine unheilvolle Jagd zwischen Leben und Tod. »Halloween Huntress« ist ein in sich geschlossener Einzelband.//
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Lumen D. Light
Halloween Huntress
**Die Halloweenjagd kann beginnen**Die abgebrühte Geisterjägerin Autumn Foxglove kann den Oktober kaum erwarten. Denn es ist wieder Zeit für die Halloweenjagd der berüchtigten Geisterjägervereinigung. Wie jedes Jahr gilt: Wer die meisten übernatürlichen Wesen fängt, gewinnt Geld und Ansehen. Doch im entscheidenden Moment passiert Autumn ein Fehler – und ihre Seele verbindet sich mit der des mächtigen und verflucht attraktiven Salem. Dadurch rückt ihr Sieg in sehr weite Ferne, aber nicht nur das. Zu allem Überfluss beginnt sie Gefühle für den scharfzüngigen Mann mit den silbernen Augen zu entwickeln. Und das bringt nicht nur Autumns Karriere, sondern auch Salem in große Gefahr …
Buch lesen
Vita
Danksagung
© privat
Lumen D. Light ist Lehramtsstudentin und liebt alles, was seltsam und irgendwie anders ist. Deshalb schreibt die Sauerländerin Geschichten über Außenseiter*innen und Antiheld*innen, die ihren Platz in der Welt noch finden müssen. Eine große Portion Sarkasmus darf dabei nicht fehlen und im besten Fall auch etwas Gothrock und schwarzer Nagellack.
Liebe*r Leser*in,
dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Triggerwarnung. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler für den Roman enthält.
Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens achtsam mit dir um. Falls du während des Lesens auf Probleme stößt und/oder betroffen bist, bleib damit nicht allein. Wende dich an deine Familie, Freunde oder auch professionelle Hilfestellen.
Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.
Lumen D. Light und das Impress-Team
Widmung
Für die Außenseiter, die schwarzen Schafe und alle, die sich manchmal unsichtbar fühlen. Ihr seid nicht allein.
Er verzog das Gesicht zu einer hässlichen Fratze, als sich der Lauf der Waffe auf ihn richtete. Eiseskälte kroch in Autumns Ledermantel und legte sich stechend auf ihre Haut, doch sie ignorierte den Schmerz. Ihr Finger zuckte am Abzug. Das Adrenalin in ihren Adern verwandelte die anfängliche Kälte in Hitze und wenn sie jetzt eine Gänsehaut bekäme, dann nur von der elektrisierenden Freude, die jede Zelle ihres Körpers beim Anblick des aufgebrachten Untoten, der vor ihr stand, durchströmte.
Es war der letzte Auftrag diese Woche und sie wollte jeden Moment davon auskosten.
Herausfordernd lächelte sie dem Geist ins Gesicht und wartete ab, ob er endlich etwas sagen würde oder einen Trick versuchte. Sie hatte schon Untote gesehen, die kurz vor ihrem Tod eine ganze Show ablieferten, die mindestens für rauschenden Beifall auf dem Jahrmarkt reichte. Der hier war langweilig.
»Keine letzten Worte?«, fragte die junge Geisterjägerin und schob schmollend ihre schwarz bemalte Unterlippe vor. »Wie traurig. Ich höre so gerne Geistergeschichten.«
Die Sticheleien prallten an der schemenhaften Kreatur mit den leeren Augen ab. Er stand nur da und flackerte leicht wie Luft auf heißem Asphalt im Sommer.
»Wer gibt dir das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden?«, hauchte die Stimme, aber die Worte klangen verzerrt und weit entfernt.
Autumn lachte trocken auf.
»Erst einmal«, sagte sie und pustete sich eine schwarze Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, aus der Stirn, »bist du derjenige, der sich gegen die Gesetze des Todes stellt, denn dein Arsch befindet sich hier zwischen den Lebenden.« Sie ging einen Schritt auf ihn zu, die Waffe fest in der Hand. »Zweitens bin ich Geisterjägerin, das hier ist mein Job.« Wieder näherte sie sich ihm ein Stück. »Und drittens kann ich untote Scheißkerle wie dich nicht leiden.« Mit dem letzten Satz verhärteten sich ihre Gesichtszüge und jeglicher Witz verschwand aus ihrer Stimme.
Der Geist stieß ein tiefes Grollen aus, was den alten Ballettsaal zum Beben brachte. Die gigantischen Wandspiegel klirrten gefährlich und das geschliffene Glas des Kronleuchters wackelte und ließ einzelne Teile zu Boden bröckeln. Da war sie, die große Show. Eins der obersten Gebote für Geisterjäger war, den Geist nicht zu provozieren. Autumn stellte sich bildlich vor, wie sämtliche Jäger des Dritten Auges, der einflussreichsten Geisterjägervereinigung, in diesem Moment die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Dabei war dieser Teil doch der lustigste.
Glücklicherweise war ihr die klassische Ausbildung zur Jägerin erspart geblieben. Von Geburt an Geistwesen zu sehen war Fluch und Segen zugleich. Die etlichen Jahre in der Anstalt für Geisteskranke hatten sich bezahlt gemacht.
Der Untote löste sich langsam auf. Blitzschnell entsicherte Autumn die Waffe und drückte den Abzug. Statt einer Kugel schoss ein leuchtend grünes Netz heraus und fixierte die Kreatur auf dem Boden.
Das Knurren wurde lauter, doch Autumn kramte seelenruhig nach einer anderen Waffe, die das Netz binnen Sekunden unter Strom setzte. Nachdem sie eine Batterie an der silbernen Pistole ausgewechselt hatte, war es an der Zeit, das Vieh endlich zu erledigen.
»Was ist mit meinen letzten Worten?«, fragte der Geist, seine Stimme glich wieder der eines Menschen.
Autumn zog die Augenbrauen hoch.
»Willst du noch einen deiner Geisterfreunde grüßen?« Ihre Mundwinkel zuckten.
»Du nutzlose Verschwendung lebendigen Fleischs. Die Untoten werden alle …!«
Ein Knall hallte durch den Raum, gefolgt von einem lauten Zischen und dem anschließenden Geruch verbrannten Stoffs. Dicke graue Rauchschwaden quollen wie Atompilze vom Boden aus in die Luft.
»… sterben«, beendete Autumn den Satz des Geistes, der Revolver in ihrer Hand qualmte. »Solange ich lebe, wird jedes Geistwesen, das mir in die Quere kommt, zu Ektoplasma verarbeitet.« Die Kreatur war bereits fort. Körnige gelbe Spuren blieben in Form eines Körpers auf dem Parkett zurück. Das Netz hatte sich in das Holz gebrannt.
Mit gerümpfter Nase verwischte sie die Spuren, packte die Waffen in die großen Taschen ihres Mantels und verließ das Gebäude. Draußen empfing sie kühle Nachtluft, die sich auf ihre erhitzten Wangen legte und eine angenehme Taubheit überkam ihr Gesicht. Mit leicht zitternden Fingern tippte sie eine Nachricht an den Auftraggeber und rief ein Taxi. Die paar Scheine in ihren Taschen reichten gerade so. Morgen lag mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein Geldumschlag in ihrem Briefkasten. Plötzliche Müdigkeit überkam sie, selbst die kalte Oktoberluft konnte ihre Augenlider nicht offenhalten. Zeit für den wohlverdienten Feierabend.
Als Autumn am nächsten Morgen in den Briefkasten lugte, befanden sich dort zwei Briefe. Sie fischte beide heraus, bevor das Blechding unter all dem Rost zusammenbrach. Im Treppenhaus achtete sie penibel darauf, nicht auf eine der morschen Stufen zu treten, was gar nicht so einfach war, denn in der Treppe lebten mehr Holzwürmer als Mieter im Haus.
Oben angekommen, brauchte es diesmal nur zwei Anläufe, bis der Schlüssel endlich die Wohnungstür aufschloss und selbst die Türklinke blieb da, wo sie hingehörte. Heute war ein guter Tag.
Nicht nur, dass Autumn jeden Tag, an dem ihre Wohnung nicht über ihrem Kopf zusammenbrach, als gut bezeichnete, auch die Bezahlung, die sich in einem der Umschläge befinden musste, stimmte sie fröhlich.
Sie nahm auf einem mit Zeitungen gestopften Sofa Platz und warf die Beine lässig über einen umgestülpten Pappkarton. Der Brief enthielt wenige grüne Scheine, die immerhin für den nächsten Monat ihren Hintern vor der kalten Straße bewahren würden. Sie lehnte sich zurück und blickte dem grauen Himmel durch eine mit braunem Klebeband verzierte Scheibe entgegen. Wahrscheinlich würde nicht mal ein Obdachloser freiwillig hier einziehen. Dummerweise war man als Geisterjägerin nicht unbedingt wohlhabend, es sei denn, man stammte aus einer berühmten Familie oder arbeitete fürs Dritte Auge. Autumn konnte weder eine Familie noch einen schicken Lebenslauf vorweisen und so blieben ihr nur die kleinen Aufträge, die dreckigen, die sonst niemand machen wollte. Darunter fielen Poltergeister, Gespenster und ab und zu mal ein betrunkener Junkie, der fälschlicherweise für einen Untoten gehalten wurde.
Während Poltergeister nur Lampen zum Flackern und Vorhänge zum Wehen brachten, besaßen Geister die Fähigkeit, aktiv mit der irdischen Welt zu interagieren. Das war zwar nervig, aber wenig spektakulär. Ein Dämon oder ein Sensenmann waren ganz andere Hausnummern. Aber mit schlappen fünf Jahren Erfahrung und als Lehrling eines ehemaligen Wahrsagers konnte Autumn keine Referenzen vorweisen, die sie auch nur in die Nähe eines solchen Wesens bringen würden. Sie war diejenige, die hinterher die übernatürlichen Überreste wegfegen durfte. Und das war quasi bereits eine Ehre.
Seufzend wandte die Geisterjägerin sich dem zweiten Umschlag zu. Hoffentlich keine Rechnung oder noch schlimmer: Ein Rückruf ihrer liebsten Törtchen, weil wieder jemand in Red Graves örtlicher Bäckerei den Kammerjäger nicht bezahlt hatte.
Als hinter dem weißen Papier ein leuchtend grüner Flyer zum Vorschein kam, beschleunigte sich ihr Herzschlag augenblicklich. Sie rupfte das Ding aus dem Umschlag und überflog hektisch die wenigen Zeilen.
»Bla bla bla …«, begann sie, ein leichtes Zittern in der Stimme. »… laden wir Sie herzlich zur diesjährigen Halloweenjagd ein, mit der Chance auf zehntausend Dollar und einem Job im höheren Dienst der Geisterjägervereinigung Drittes Auge. Teilnehmer melden sich bei Amanda Goodwin.«
Ihre schwarzlackierten Fingernägel krallten sich in das Papier. Mein Ticket raus aus dieser Hölle. Letztes Jahr war sie noch zu jung gewesen, doch nun, mit einundzwanzig Jahren, war sie offiziell zur Halloweenjagd zugelassen. Ein Wettbewerb, bei dem es die meisten Geister zu fangen galt, organisiert vom Dritten Auge selbst. Sie wusste, dass das ganze Event den Sinn und Zweck hatte, kostenlose Dienste zahlreicher Geisterjäger abzustauben, schließlich war Halloween die Hochsaison der Untoten. Dann, wenn das Band zur Anderswelt, dem Reich der Toten, besonders anfällig war, standen gruselige Geistergestalten an der Tagesordnung. Gleich mehrere Dutzend von ihnen machten im Oktober die Straßen Red Graves unsicher, was im ersten Moment gar nicht auffiel. Die Stadt war für seinen Halloween-Tourismus bekannt. Immer mehr begeisterte Gruselfreunde buchten für Oktober einen Trip in die Halloweenstadt Amerikas. Mit seinen brüchigen Gebäuden, dreckigen Straßen und verwilderten Parkanlagen glich Red Grave der Szenerie eines Alfred-Hitchcocks-Films. Die hohe Niederschlagsquote und grade mal sechzig Tage Sonne im Jahr machten es perfekt für alle Halloweenfanatiker, aber eben auch für sämtliche Untote.
Geisterjäger wie Autumn hatten dann alle Hände voll zu tun, was gut für den Geldbeutel war, aber auch Nerven kostete. Man musste sich schon sehr zusammenreißen, wenn der zehnte betrunkene Teenager durch die falsche Benutzung eines Ouija-Bretts ein Tor in die Anderswelt öffnete und jeder Bewohner der Anderswelt dort hindurchspazieren konnte. Oder jedes Mal, wenn jemand dreimal »Bloody Mary« vor einem Spiegel sagte und dann schulterzuckend das Bad verließ. Nichtwissend, dass er grade die rachsüchtige Seele eines achtköpfigen Frauengeistes zu sich nach Hause eingeladen hatte. Halloween war anstrengend.
Und trotzdem tippte Autumn aufgeregt die Nummer auf dem Flyer in ihr Handy. Die Leitung knackte und sie hielt den Atem an.
»Goodwin?« In Amandas Stimme schwang die Motivation eines schlecht bezahlten Lokführers mit.
»Ich nehme an der Halloweenjagd teil.« Autumns Stimme hingegen bebte und drohte vor Aufregung abzubrechen.
»Großartig, Schätzchen, und mit wem spreche ich bitte?« Danach folgte ein langer Seufzer, im Hintergrund hörte man ein weiteres Telefon klingeln. »Arbeite ich hier alleine, oder was?«, blaffte Amanda kurz, dann klang ihre Stimme wieder monoton. »Welchen Namen kann ich notieren?«
»Autumn Foxglove.«
»Registrierungsnummer?«
Die Geisterjägerin stutzte.
»Keine«, stammelte sie und lächelte entschuldigend, auch wenn das über Telefon sinnlos war.
»Sie gehören keiner Vereinigung an? Nicht mal einer Gruppe oder …?«
»Ich jage allein.« Das klang härter, als sie beabsichtigt hatte.
»Na dann«, entgegnete Amanda höhnisch und tippte etwas. »Und Sie trauen sich das ganz allein zu? Sie wissen, dass Sie in Teams …«, weiter kam sie nicht, denn Autumn schnitt ihr das Wort ab.
»Ich brauche kein Team.«
Das Tippen im Hintergrund erstarb.
»Selbstüberschätzung ist die häufigste Todesursache unter Geisterjägern, wussten Sie das? Es schadet nicht, einer Organisation beizutreten und von anderen zu lernen.«
Autumn ignorierte ihren Vortrag, sie hatte ihre Antwort bereits gegeben. Wieder erklang ein Seufzen. »Also gut, Miss Foxglove. Sie kennen die Regeln?« Amanda machte eine andächtige Sprechpause, dann redete sie in doppelter Geschwindigkeit weiter, als hinge ihr Leben davon ab, sämtliche Teilnahmeregeln in dreißig Sekunden runterzurattern. »Keine Hilfsmittel, keine spirituellen Rituale, kein Einbeziehen Normalsterblicher. Wenn Sie tot sind, werden Sie disqualifiziert, wenn Sie von einem Geist besessen werden, gelten Sie als tot …«
Hastig notierte Autumn die wichtigsten Infos. »Ach ja, denken Sie daran, dass Sie im Fall einer Geisterbesetzung als Risiko für die Geisterjägergesellschaft gelten, alle Ihre Rechte verlieren und unverzüglich ausgeschaltet werden.«
Von einem Geist in Besitz genommen zu werden, war schlimmer, als einfach getötet zu werden. Sie kannte viele Schauermärchen über besessene Jäger, deren Körper so vergiftet wurden, dass kein Stück Lebensqualität mehr übrigblieb. Die Untoten drangen in das Bewusstsein ein, kontrollierten Gedanken und Sinne, verschafften sich Zugang zu Erinnerungen und trieben Betroffene in den Selbstmord. Besonders clevere Geister nutzten die lebendigen Körper, um unentdeckt zu bleiben. Sie nahmen die Identität des Menschen an und wandelten als tickende Zeitbomben in den Straßen Red Graves.
Eine kitzelnde Gänsehaut legte sich auf Autumns Arme. Sie presste die Lippen aufeinander und glücklicherweise wechselte Amanda das Thema.
»Ich denke, ich muss nicht erwähnen, dass Sie nur Geister fangen dürfen, die eigenständig auf die Erde gekommen sind. Wenn Sie einen aufspüren, schauen Sie mithilfe des Scanners, den Sie noch erhalten, ob Ihr Geist registriert ist.«
»Sie haben ein Totenbuch?«, platzte Autumn heraus.
»Schätzchen, wir haben schon einigen korrupten Sensenmännern das Handwerk gelegt. Natürlich haben wir Totenbücher.« Sie schien genervt, aber den Stolz konnte man unzweifelhaft raushören. »Wenn der Geist identifiziert wurde, können Sie machen, was Sie wollen. Je mehr Ektoplasma Sie sammeln, desto höher steigen Sie auf.«
Das war schlau gelöst. Anstatt nur die bloße Anzahl getöteter Geister zu zählen, wurde so auch ihr Level bewertet. Dumme Poltergeister gaben nicht viel Plasma her, einen rachsüchtigen älteren Geist konnte man hingegen bis zum letzten Tropfen ausquetschen. Ein fairer Wettkampf.
Autumns Wangen glühten, als Amanda ihr die letzten Infos gab. »Die Jagd endet drei Tage vor Halloween, Todd Bone persönlich verkündet den Gewinner oder die Gewinnerin.« Ihre Stimme machte einen kleinen Satz, als der Name des Oberhaupts der Geisterjägervereinigung über ihre Lippen kam. Als Aushängeschild der Vereinigung Drittes Auge genoss Bone den Status eines Celebrity, jedenfalls unter den Geisterjägern. Das Gewinnen der Halloweenjagd und die Empfehlung Todd Bones machten sich gut im Lebenslauf. Vor allem, wenn man keine gelernte Geisterjägerin war, die an Referenzen nur etliche Diagnosen von Geisteskrankheit der örtlichen Jugendanstalt vorweisen konnte.
Der Name Autumn Foxglove stand nun endgültig auf der Teilnehmerliste.
Mit einem schwarzen Lederrucksack, der mit so vielen Nieten besetzt war, dass man damit jemanden erschlagen konnte, betrat Autumn das kleine Café am Markt.
Der Geruch frisch gebrühten Kaffees und vielerlei Gewürztees stieg ihr in die Nase und wirkte wie eine gute Dosis Baldrian. Das »Ghostface«, so der Name dieses Etablissements, war bekannt für sein seltsames Interieur und noch bekannter für die seltsamen Leute, die hier ein und aus gingen. Hier einen Kaffee zu trinken, ohne sich in krass hohen Plateauschuhen fast die Knochen zu brechen oder in einem Ganzkörper-Lederoutfit an der Heizungsluft zugrunde zu gehen war fast schon uncool. Glücklicherweise trug Autumn beides.
Sie bahnte sich einen Weg zwischen den hohen Lehnen der unterschiedlichen Ohrensessel hindurch, wich von der Decke hängenden umgedrehten Totenköpfen aus, die als Blumentöpfe umfunktioniert waren, und nahm in der hintersten Ecke Platz. Ihren Rucksack platzierte sie neben sich, immer griffbereit. Sie hatte heute Morgen die Ausrüstung für die Halloweenjagd erhalten und nun trug sie ein halbes Waffenarsenal mit sich herum. Na ja, wenn man auf Elektromagnetik basierende Pistolen überhaupt als Waffen bezeichnen konnte. Für Menschen waren diese vollkommen ungefährlich, es sei denn, man trug einen Herzschrittmacher oder andere elektronische Modifikationen im Körper. Autumn hatte in Erfahrung bringen können, dass nur drei weitere Geisterjäger am Wettbewerb teilnahmen. Viele hatten auf den Halloweenstress keine Lust, denn gerade jetzt im Oktober mischten sich die Untoten mit Leichtigkeit unter die kostümierten Lebenden. Manchmal war ein betrunkener Halloweenpartygast nicht von einer Geisterbestie zu unterscheiden. So hatte sich Jahre zuvor sogar mal ein Sensenmann bis in die Stadtmitte gewagt. Ein Typ mit langer Kutte und rostiger Sense war fast jeden Mittag irgendwo in den Straßen Red Graves zu finden. Die Mistviecher waren schlau.
»Hey, cooles Outfit.« Autumn erwachte aus ihren Gedanken und starrte in das unsichere Lächeln eines jungen Mannes im Frankensteinkostüm. Sie hatte vergessen, dass um Halloween rum sämtliche Mitarbeiter des Ghostface dämliche Verkleidungen tragen mussten, denn die zahlreichen Touristen konnten nur mit dieser Art Horror etwas anfangen.
»Ich nehme einen Chai Latte und ein Stück Torte«, orderte die Geisterjägerin und ignorierte sein Kompliment.
»Welche Torte? Wir haben …«
»Überrasch mich«, presste sie zwischen ihren Zähnen hervor und drückte die Menükarte, die sie mit keinem Blick gewürdigt hatte, gegen die schwarz-weiß gestreifte Schürze des Kellners. Dieser machte auf dem Absatz kehrt und flüchtete Richtung Theke.
Autumn verdrehte die Augen. Komplimente erhielt sie nur zur beliebten Gruselzeit. Das restliche Jahr über rümpften die Leute ihre Nasen und schenkten ihr verachtende Blicke. Goths und Punks waren in Red Grave keine Seltenheit, was nicht bedeutete, dass sie von den Normalsterblichen gern gesehen wurden. Nur an Halloween waren die Freaks und Nerds plötzlich cool. Danach fristeten sie wieder das Dasein als seltsame Außenseiter und Spinner.
Der Chai Latte und ein Stück Waldmeistertorte wurden vor ihr abgestellt, ohne sinnlosen Smalltalk. Es wurde Zeit, einen Plan zu machen.
Sie schob den kitschigen versilberten Totenschädel, der als Teelicht fungierte, an den Tischrand und breitete einen Stapel zerknitterter Flyer vor sich aus.
Werbung für Halloweenpartys.
Anstatt sämtliche dunklen Ecken und verfluchten Orte in Red Grave abzusuchen, was wahrscheinlich jeder als Erstes tat, würde Autumn gezielt auf Partys gehen. Sie sortierte die Papiere nach Privatpartys und Großevents. Während große Halloweenfeten meist kontrolliert stattfanden, ging es auf den kleinen Hauspartys heiß her. Geisterbeschwörungen, Ouija-Bretter und Gläserrücken waren dort beliebte Partyspiele. Noch spannender wurde es, wenn dämonische Beschwörungsformeln an die Wände gekritzelt wurden. Die okkulte Wanddeko lud den ein oder anderen Erzdämon als VIP ein. Dämonen waren weniger wert als Untote und brachten keine Punkte für die Jagd. Schade eigentlich.
Ein lauter Pulk Jugendlicher bahnte sich seinen Weg in das Café. Autumn musste nicht lange hinsehen, um zu erkennen, dass diese Truppe aus ausnahmslos beliebten Menschen bestand, deren Hobbys nicht über Cheerleading und Football hinausgingen.
»Wie abgefahren!«, rief eines der Mädchen und taumelte gegen eine Skelettdekoration. Sie nahmen ein paar Tische weiter Platz und machten einen Lärm wie eine Banshee, die gerade dabei war, eine Seele zu fressen.
Autumn versuchte sie zu ignorieren. Sie nahm einen Schluck vom Chai Latte und spürte das angenehme Prickeln der Gewürze auf der Zunge. Sie meinte sogar, etwas Kürbis rausschmecken zu können. Dann notierte sie sich die Daten der Partys, die vielversprechend klangen. In Red Grave war es normal, dass den ganzen Oktober über das Gruselfest gefeiert wurde, nicht nur am Einunddreißigsten. Die erste Party fand heute Abend etwas außerhalb statt. Die Adresse lag im gehobeneren Viertel der Stadt, in dem die Ärzte und Anwälte wohnten und wo man aus Gläsern statt aus roten Pappbechern trank. Wahrscheinlich handelte es sich bei der Partylocation um ein fettes Haus mit Vorgarten und fein säuberlich beschnittenen Buchsbäumen. Die Gastgeberin, eine gewisse Francis George, war laut ihrer Facebookseite eine Einserschülerin, die in ihrer Freizeit mit ihrem Range Rover in die Nachbarstadt fuhr, um dort auf einem ihrer drei Pferde Reitunterricht zu nehmen. Es waren genau diese Leute, die aus Spaß rachsüchtige Geister in ihrem Wohnzimmer beschworen. Ein guter Anfang.
»Wow, was für ein schräges Kostüm.«
Autumn blickte in Richtung der Teeniegruppe. Vor ihnen auf dem Tisch standen bereits mehrere Cocktails und Bierflaschen. Ein Mädchen, vielleicht vierzehn Jahre alt, stand etwas abseits von ihnen. Ihr dicker langer Mantel mit den schwarzen Schleifen und Bändern war fest zugezogen. Ihre giftgrünen Haare hatte sie zu zwei offenen Zöpfen gebunden.
»Ist das eine Perücke?«, fragte der Typ mit der Collegejacke, der anscheinend selbst an Halloween zu cool war, um sich zu verkleiden.
Das Mädchen schüttelte nur den Kopf, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst, und hielt sich am Riemen ihrer Umhängetasche fest.
Autumns Augen verdunkelten sich. Diesen verzweifelten Blick kannte sie genau. Die Panik in den Augen, das Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten. So sah jemand aus, der schon wusste, dass er gleich runtergemacht und ausgelacht werden würde.
»Das sind deine echten Haare?!« Die Gruppe lachte. Dann wandte sich die Betrunkene im Alice-Kostüm zu ihrer Freundin. »Also wenn meine Kinder später so rumlaufen, geb ich sie ins Heim.« Schallendes Gelächter.
Das Mädchen mit den grünen Haaren schaute sich noch mal unsicher um, dann hastete sie aus dem Café.
Autumn hatte die Flyer wieder in ihre Tasche gestopft und legte ein paar Scheine auf den Tisch.
Und dann sah sie ihn.
Ein kleiner Poltergeist schwebte draußen vor dem Schaufenster. Er hatte die Form eines länglichen Tropfens und zwei Glubschaugen, die an einen Frosch erinnerten. Wie eine dicke Kaulquappe schlängelte er am Glas entlang. Ein flüchtiges Lächeln huschte über die Lippen der Geisterjägerin. Niemand außer ihr konnte den kleinen Geist sehen. Sie blickte vom Fenster rüber zu der Truppe betrunkener Halloweentouristen. Dann kritzelte sie ein paar lateinische Worte auf ihre Serviette, stand auf und steuerte in Richtung Geist. So wie alle übernatürlichen Wesen konnte man auch Geister mit der alten Schriftsprache kontrollieren. Bis zu einem gewissen Grad jedenfalls. Gegen starke Entitäten konnte man so nichts ausrichten. Poltergeister und Lakenlichter hingegen waren sehr anfällig für Latein.
So auch die fette Kaulquappe aus Ektoplasma, die immer noch vor dem Caféfenster ihre Runden drehte. Autumn wusste nicht, wieso die Kreaturen der Unterwelt so darauf abfuhren. Den ein oder anderen lateinischen Befehl zu kennen, konnte einem allerdings im entscheidenden Moment das Leben retten. Zu Beginn der Geisterjägerausbildung bekam man einen alten Schinken mit lauter Kommandos. Es war naiv zu glauben, dass Untote sich wie Hunde dressieren ließen. Dafür bräuchten sie einen Verstand. So viel Intelligenz wollte Autumn ihnen beim besten Willen nicht zuschreiben. Da ihre Talente weder im Sprachbereich noch im Auswendiglernen lagen, kannte sie nur drei dieser ominösen lateinischen Sätze. Einer davon lautete in etwa so: Zeige dich! Einer der leichtesten.
Und genau dieser stand auf der zerknüllten Serviette in ihrer Hand.
»Da hat wohl jemand zu viel Matrix gesehen«, hallte es in ihren Ohren, als sie an Alice und Captain Footballjacke vorbeiging. Die Serviette hielt sie versteckt in ihrer Handinnenfläche.
»Redest du mit mir?«, raunte sie und beugte sich extra nah zu ihm hinunter. Er zuckte zurück und verstummte. Autumn nutze den Moment, um ihm fest auf den Rücken zu klopfen. Die Serviette landete unbemerkt in seiner Kapuze. »Chill, ich beiße nicht.« Der Typ rümpfte die Nase.
»Ach ja, so siehst du aber nicht aus«, lachte er nervös und blickte seine Freunde panisch an, um sie zum Mitlachen zu animieren. Es funktionierte.
Autumn zuckte mit den Schultern und ging weiter zum Fenster.
»Freak«, hörte sie jemanden hinter sich sagen, doch da hatte sie die Oberlichter bereits geöffnet und kalte Herbstluft ließ die Kerzen auf den Tischen flackern. Der Poltergeist quetschte sein dickes Gesicht durch die Lücke und wuselte um Autumns Kopf herum. Wenige Sekunden später beruhigte sich das kleine Geistwesen und schwebte Richtung Footballjacken-Typ. Die lateinischen Befehle mussten nicht ausgesprochen werden. Es genügte, wenn man sie bei sich trug. Solange sich die Serviette bei ihm befand, würde auch der Geist an ihm hängen. Autumn lächelte zufrieden, schloss das Fenster und ging zum Ausgang. Noch wenige Stunden bis zur Halloweenparty. Sie durfte den Auftrag nicht vermasseln. Sie schlängelte sich an den Tischen und Sesseln vorbei. Im Hintergrund hörte man ein aufgebrachtes Rufen und das Klirren umfallender Flaschen.
»Mach das weg! Es verfolgt mich!«, rief jemand.
»Da ist doch überhaupt nichts.«
»Mach es weg!«
Beschwingt und mit einem Grinsen im Gesicht verließ Autumn das Café.
Sie nahm die Straßenbahn bis zur Partylocation und starrte abwesend aus dem Fenster. Gothrock dröhnte aus ihren Kopfhörern und ihre Finger trommelten rhythmisch auf die Armlehne. Es roch metallisch und bei jedem Halt ertönte ein höllisches Quietschen.
Die Leute in Red Grave waren seltsame Gestalten und kuriose Dinge im Oktober gewöhnt, weshalb Autumn in Lederrock und Fischnetzstrumpfhose rumlaufen konnte, ohne spöttische Blicke auf sich zu ziehen. Vielleicht fiel es ihr auch gar nicht mehr auf. Dass ihre Outfits andere einschüchterten, war ein klarer Vorteil beim Jagen.
Die Straßenbahn fuhr unter einer Brücke hindurch. Jeder Zentimeter der Wandfläche war mit einem Werbeplakat für irgendeine Halloweenparty zugekleistert. Seitdem sie als Geisterjägerin arbeitete, hatte Autumn kein normales Halloweenfest mehr erlebt. Das war auch nicht nötig. Für sie war an jedem Tag Halloween. Und das lag weniger an ihren schwarzen Outfits als an der Tatsache, dass sie jeden Tag gruselige Orte aufsuchen musste, um dort Geister zu jagen.
Autumns Blick verdunkelte sich. Sie schloss die Augen. Noch drei Stationen, dann musste sie aussteigen. Die Bahn ratterte auf den Schienen, draußen zischte der Fahrtwind an den Scheiben vorbei. Die Türen öffneten sich für den Bruchteil einer Sekunde, Leute stiegen aus und mit einem Schlag änderte sich die Temperatur. Als hätte jemand ein Eisfach geöffnet, umspielte der kalte Luftzug Autumns nackte Beine. Erst als die eisige Luft in ihre Nase stieg und ihre Haut zu schmerzen begann, sah sie auf. Ein paar Meter vor ihr, direkt vor einer der Türen, standen drei Geistwesen. Sie waren kaum sichtbar, nur bei Bewegung verschwamm der Hintergrund und waberte wie Luft über heißem Asphalt im Sommer. Sie standen bloß da. Leute liefen durch sie hindurch, ohne etwas zu bemerken. Als einer von ihnen langsam den Kopf in Autumns Richtung drehte, schnellte der Puls der jungen Geisterjägerin in die Höhe. Sie hatte zu lang gestarrt. Jetzt bemerkten sie die zwei anderen.
Ein wichtiges Gebot des Geisterjägerkodex lautete, in keinem Fall andere Menschen beim Jagen zu gefährden. Im schmalen Gang einer Straßenbahn, umgeben von lauter angetrunkenen Halloweentouristen, war ein Kampf unmöglich. Es gab nur zwei Möglichkeiten:
Autumn ignorierte den Kodex und tötete die drei Geister, die zwar mächtiger als der kleine Poltergeist im Café waren, aber immer noch schwach genug, um es mit dreien von ihnen aufnehmen zu können. Allerdings könnte dabei ein Fahrgast ins Gras beißen. Sie hatte bereits einige Tode auf ihre Kappe nehmen müssen, den Tod eines Menschen konnte sie sich sparen.
Für einen Moment wurde Autumns Herz schwer, ein stechendes Gefühl in der Magengegend kroch wie Magensäure ihre Lunge hoch. Sie schluckte es hinunter und vergrub das eklige Kribbeln tief in ihrem Inneren.
Möglichkeit Nummer zwei bedeutete, eine Show hinzulegen und die ahnungslose Normalsterbliche zu geben. Nicht jeder Geist war aggressiv. Viele von den Wesen wollten einfach nicht in die Anderswelt und schwirrten aus Langeweile in der irdischen Welt herum. Manche Leute sprachen sogar von »guten Geistern«. Darüber konnte Autumn nur den Kopf schütteln. Kein Geist war gut und selbst wenn, wen interessierte das? Die Toten hatten in der Welt der Lebenden keine Daseinsberechtigung. Sonst konnte man sich den ganzen Quatsch mit den Beerdigungen auch sparen. Am besten verlangten die Kreaturen noch nach irgendwelchen Rechten.
Autumn stand auf und stellte sich zu ihnen, den Blick stur nach draußen gewandt. Jetzt bloß normal verhalten. Die nächste Haltestelle kam immer näher. Sie musste noch nicht aussteigen, aber Sitzenbleiben hätte sie verraten können. Die blassen, verschwommenen Gesichter der Geistwesen waren nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Sie spürte die eisige Kälte, die sich wie kleine Nadeln in ihre Haut bohrte. Sie zog die Jacke enger um sich, um ihre Gänsehaut zu verbergen.
Kann sie uns sehen?
Innerlich schrie etwas in Autumn auf, als sie die verzerrte Stimme des Geistes hörte. Sie existierte nur in ihrem Kopf. Übernatürliche Wesen kommunizierten auf Geistebene miteinander, nur wenn sie mit Menschen redeten, benutzten sie ausgesprochene Worte.
Ich weiß nicht, vielleicht?
Nur noch ein paar Sekunden bis zum Halt. Autumns Finger klammerten sich um ihr Handy.
»Hey du, kannst du uns sehen?« Der Geist rechts neben ihr sprach nun richtig. Als sie nicht antwortete, wedelte er mit einer halb durchsichtigen Hand vor ihrem Gesicht herum. Den Blick auf ihr Handydisplay gewandt, entwich Autumn ein gespielt lauter Seufzer.
»Wieso hat die dumme Bahn immer Verspätung? Das nervt«, sagte sie und tat alles, um das leichte Zittern ihrer Stimme zu verbergen.
Die Geister sahen sich an. Der Wagen kam zum Stehen und Autumn schlüpfte durch die Glastüren nach draußen auf den Bahnsteig. Erneut checkte sie ihr Handy und drehte sich erst um, als die Bahn ratternd hinter ihr vorbeirauschte. Dann ging sie zitternd auf die Knie. Sie stützte sich mit den Händen auf den kalten Steinboden und versuchte durchzuatmen. Erst als der dröhnende Puls aus ihren Ohren verschwunden war, richtete sie sich langsam wieder auf. Die Geister waren ihr nicht gefolgt.
Was hatten sie in der Bahn zu suchen? Wo wollten sie hin? In all den Jahren als Geisterjägerin war Autumn hier noch nie eine Gruppe Geistwesen begegnet. Sie versteckten sich oft in verlassenen Häusern oder dunklen Gassen. Auch der Schrottplatz bei Nacht war ein beliebter Ort. Geister, die zwischen lebendigen Menschen die Bahn nutzten, um von A nach B zu gelangen, waren neu. Und gefährlich.
Selbst wenn einige Leute über die Existenz böser Geister in Red Grave Bescheid wussten, so handelte es sich hierbei doch um eine Minderheit. Und die schaulustigen Halloween-Touristen waren auf diese Art Spuk nicht vorbereitet.
Autumn hastete die vielen Treppenstufen nach oben auf die Straße. Es dämmerte bereits und die spärlichen Straßenlampen spendeten gerade so viel Licht, dass man nur wenige Meter vor sich blicken konnte. Durch den Zwischenfall lag nun noch ein zwanzigminütiger Fußmarsch zwischen ihr und der Party. Genervt stapfte sie weiter, checkte noch mal die Daten und ihre Waffen, welche alle geschickt in ihrem Mantel platziert waren. Taschen und Rucksäcke waren im Kampf wenig hilfreich.
Als ein tiefes Grollen durch die Straßen drang und ein heller Lichtblitz die Wolkendecke durchbrach, war das Chaos perfekt. Ein Gewitter passte zur Gruselstimmung, erschwerte aber Autumns Kampfmöglichkeiten. Der Einsatz elektromagnetischer Waffen war während eines Unwetters gefährlich. Die Spannung, die in der Luft lag, konnte zu abgelenkten Schüssen und unkontrollierter Entladung führen. Die speziell entwickelten Waffen konnten sich schnell in Blitzableiter verwandeln und man endete als menschliches Barbecue.
Platzregen legte sich wie ein schwerer Schleier über den Asphalt und Autumn rannte in Richtung eines kleinen Supermarkts mit flackernder Lichtsäule. Sie würde keinen Zutritt zur Party bekommen, wenn sie vollkommen durchnässt war, außerdem musste sie überlegen, ob der ganze Plan noch Sinn ergab. Vielleicht war es besser, nach Hause zu fahren und sich auf die nächste Party zu konzentrieren.
Der grelle Lichtschein des Handydisplays strahlte ihr entgegen und die Geisterjägerin kniff die Augen zusammen. Das nächste vielversprechende Event würde erst nächste Woche stattfinden. Das dauerte zu lang. Die anderen Geisterjäger würden bereits literweise Ektoplasma gesammelt haben, bevor sie den ersten Schuss abgeben würde.
Seufzend steckte sie das Smartphone weg. Einzelne schwarze Haarsträhnen klebten durch die hohe Luftfeuchtigkeit bereits an ihrer Stirn und verfingen sich in ihren langen Wimpern. Der Platzregen hatte die Straße leergefegt und ab und an huschten nur die Scheinwerferlichter eines Wagens über den nassen Asphalt. Graue Wohnhäuser reihten sich hier aneinander, schwummriges Licht schien aus den Fenstern auf den Bürgersteig. Außer dem Supermarkt, der mit seinen gesplitterten Scheiben nicht sehr einladend wirkte, gab es hier nichts Aufregendes. Der Regen ließ nicht nach und Autumn beschloss, ein wenig Zeit im Supermarkt totzuschlagen.
