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Lilly könnte das Leben einer ganz normalen 17-Jährigen führen, gäbe es da nicht ein Problem: Sie lebt alleine mit ihrer alkoholkranken Mutter zusammen. Bereits in frühen Jahren muss sie also lernen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Menschen, der ihr eigentlich Halt geben sollte. Es ist ein unglaublich kräftezehrender Zustand, der Lilly immer wieder zur Verzweiflung bringt. Doch als sie eines Tages dazu gezwungen wird, dieses Leben hinter sich zu lassen, fällt es ihr schwerer als gedacht. Plötzlich muss Lilly nicht nur lernen, ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen, sondern auch all das loszulassen, woran sie so lang festgehalten hat.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für meinen Halt im Leben, Krabat, und meinen Retter zu jeder Zeit, Marco.
Vorwort
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Teil 2
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Teil 3
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Nachwort
Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung, Psychoterror, Mobbing, rituelle Opferleistungen – das alles sind in zufälliger Reihenfolge beispielhaft genannte Gründe für die Entstehung von Traumata. Das heißt, es handelt sich dabei um stark traumatisierende Erfahrungen, die zur Entwicklung einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung, einer psychisch anerkannten Krankheit, führen können. Genauso gut können jedoch auch die Aufspaltung in multiple Persönlichkeiten oder das Entwickeln einer Schizophrenie, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Panikstörung etc. die Konsequenz sein. Außerdem können Traumata Dissoziationen auslösen, wenn die Erfahrungen die Person zu stark überfordern und aufgrund dessen nicht angemessen und funktional verarbeitet werden können. Diese sind vergleichbar mit einem Wegdriften aus der Wirklichkeit. Zum Zeitpunkt des Traumas ist die Dissoziation überlebenswichtig für das Selbst des Opfers, um die schmerzvollen Erfahrungen, die es völlig überfordern, zu ertragen und im wahrsten Sinne des Wortes mit ihnen leben zu können. Im weiteren Verlauf bestimmen die nicht kontrollierbaren, oft einsetzenden Dissoziationen die Wahrnehmung, Lebensführung und Lebensqualität des Betroffenen. Zudem ist bei vielen Traumatisierten kein Gefühl für Grenzen zu beobachten, wofür die frühen Grenzüberschreitungen zum Zeitpunkt der Traumatisierung die Ursache darstellen. So haben die Betroffenen kein Gefühl dafür, was sie für sich selbst einfordern dürfen – und für eine gesunde Psyche auch müssen –, was sich zum Beispiel im Umgang mit Partnern zeigt, von denen sie sich dominieren und schlecht behandeln lassen.
Doch dass auch Kinder, die bei psychisch kranken Eltern unter deprivierten Verhältnissen aufwachsen, so sehr leiden, dass sie selbst psychische Auffälligkeiten und (teilweise bereits genannte) Störungen entwickeln, wird oft vernachlässigt.
Tatsache ist jedoch, dass die Bindungsqualität zwischen Eltern und Kind massiv beeinträchtigt ist. Dies beeinflusst in erster Linie die Entwicklung des Kindes in jeder Hinsicht, das sich unter den gegebenen Umständen auf lange Sicht eben nicht zu einem psychisch gesunden, unabhängigen Erwachsenen entwickeln kann.
Diese Kinder erhalten weder die Nähe, die ihnen Sicherheit, Stabilität und Liebe vermitteln soll, noch haben sie die Möglichkeit, selbst Kind zu sein. Sie sind allein gelassen, haben keinen Ansprechpartner und suchen deshalb Bezugspersonen und später Partner, die als Beschützer fungieren und die fehlende Sicherheit und Stabilität ersetzen. Dass sich daraus eine Abhängigkeit entwickelt, ist vorherbestimmt. Denn wer kann sich von der einzigen Person, die ihm Halt vermittelt, lösen? Dies sind gefährliche Bedingungen für eine Beziehung, da das Risiko besteht, bei einem dieser starken Beschützer an eine Person zu geraten, die Aggressionen und Frust durch körperliche Gewalt herauslässt. Und so ist der Teufelskreis gesichert, da man aufgrund früher kindlicher Erfahrungen nicht das nötige Selbstbewusstsein aufgebaut hat, um zu wissen, was eigene Grenzen und Rechte sind, und um sich aus einer solchen Beziehung zu lösen, um sich letztendlich selbst zu schützen.
Insbesondere Kinder von substanzabhängigen, depressiven oder suizidalen Eltern(teilen) vollziehen oft einen Rollenwechsel innerhalb der Familie. Das heißt, das kleine Kind, das sich oft erst im Grundschulalter befindet, kümmert sich aufopfernd um die geliebte Mutter, deren Leid es nicht ertragen kann. Es glaubt, die Verantwortung für sie zu tragen, und übernimmt somit die Schuld, die ihm im Falle eines Selbstmords durch die Mutter aufgelastet wird. Aus den frühen Erfahrungen, in denen es eigene Bedürfnisse und Wünsche zurückstellt und sich ausschließlich um den pathologischen Elternteil kümmert, entwickelt das Kind die Einstellung, dass es nicht schlimm ist, wenn ihm selbst etwas widerfährt. „Das bin ja nur ich“, wird später lapidar mit einem Schulterzucken abgewinkt. Es sieht eben nicht, dass es genauso viel wert ist wie andere, was nicht nur unendlich traurig, sondern auch kritisch für den Selbstwert, das Selbstbewusstsein und die weitere Lebensführung ist. Nicht selten können massive Depressionen festgestellt werden, deren Ursache unverständlich erscheint und die der Betroffene ohne externe Hilfe kaum imstande ist zu „bekämpfen“.
Die Bedeutung, die dem eigenständigen Hilfesuchen durch die Eltern in diesen Fällen zukommt, ist immens. Kein Kind der Welt verdient ein solches Schicksal, an dem es selbst zugrunde geht. Ich selbst bin Psychologin und appelliere, um Verständnis sowie Bewusstsein für die Opfer zu schaffen, an jeden Elternteil: Lassen Sie Ihr Kind nicht Ihre eigene Verantwortung tragen. Es ist Ihre Pflicht, Ihr Kind zu schützen!
Suchen Sie stattdessen bei akuten Problemen Hilfe in einer psychiatrischen Klinik. Eine anschließende Therapie dient dem Aufarbeiten und dem Stabilisieren. Ein Schritt in die richtige Richtung hilft nicht nur Ihnen, sondern Ihrem gesamten Umfeld. So bewahren Sie Ihr Kind davor, nicht genauso leiden zu müssen wie Sie selbst.
In diesem Buch geht es um ein Mädchen, das ihren eigenen Weg im Leben gehen soll, zwei Jungen, die ganz unterschiedliche Arten der Liebe empfinden, eine Mutter, die den falschen Weg gegangen ist und nun versucht zurückzufinden, und einen Vater, der bereits Verlorenes nicht aufgeben will.
Es geht um Sehnsüchte, Ängste und Gefühle wie Macht und Machtlosigkeit, Liebe, Hass und Verzweiflung.
Und ich möchte noch verraten, dass jedes der dreizehn Kapitel statt einer Überschrift ein paar Zeilen trägt, die einen Einstieg in das jeweilige Kapitel und dessen Atmosphäre darstellen sollen. Die jeweiligen Anfänge der verschiedenen drei Teile sind aus Lillys Perspektive dargestellt.
Doch genug vom Vorwort. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und Entdecken von Lillys Welt.
Liebe Grüße und alles Gute
Laura Kanja
Halt mich bitte und versprich mir, dass du bleibst.
Ich sitze im Dunkeln auf meinem Bett, lausche dem Regen, der gegen meine Fensterscheibe schlägt, sehe die Blitze, die geräuschlos in Richtung Erde schnellen und für einen kurzen Moment alles hell erleuchten, und streichle gedankenverloren meinen Arm. Meine Fingerspitzen berühren diesen dabei jedoch kaum. Sie streifen nur sanft über ihn.
Dabei muss ich an dich denken und stelle mir vor, dass du es bist, der mich berührt.
Ich weiß, dass ich dich zurücklassen und für eine unbestimmte Zeit verlassen muss. Weil es nicht anders geht. Weil ich gar keine Wahl habe. Eine Träne läuft mir über die Wange. Ich wische sie nicht weg, sondern starre weiterhin in die Dunkelheit, die vor mir liegt. Und ich fühle den Schmerz in meinem Inneren und die Leere, die mich beginnt zu zerreißen, denn ich vermisse dich schon jetzt.
Ich sage nichts, wenn ich schreien will, nichts, wenn ich weinen will, und die Welt dreht sich immer weiter. Im Grunde ist jeder allein.
Es war Viertel nach acht. Allmählich wurde es draußen dunkel. Sie saß mit dem Rücken an die harte Wand gelehnt zwischen dem Getränkeautomaten und dem Mülleimer. Der Dreck störte sie genauso wenig wie die Kälte, die sie umgab. Im Ignorieren war sie gut. Einzig den Geruch empfand sie als penetrant und wenig angenehm, aber den konnte man wohl nicht ändern. So war es mit Bahnhöfen eben.
Abwartend und schlecht gelaunt drehte sie den Kopf erneut in Richtung Uhr. Eine weitere Minute war vergangen. Wahnsinn. Fehlte nur noch jede Menge bis in die Unendlichkeit.
Sie seufzte, zog den Reißverschluss ihres dunklen Rucksacks auf, dessen heruntergekommenes Äußeres einen vagen Hinweis auf die Gleichgültigkeit seiner Besitzerin darstellte, und griff in dem beinahe leeren Päckchen nach einer Zigarette. Sie musterte diese in Gedanken verloren, wie sie in ihren Fingern lag, drehte und wendete sie, bevor sie routiniert in ihrer Hosentasche das Feuerzeug fand.
„Oh, junge Dame, hier ist das Rauchen verboten“, wurde sie von einem stehen gebliebenen Schaffner, der gerade auf dem Weg zu seinem nächsten Zug sein musste, pflichtbewusst hingewiesen. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und blieb weiterhin seitlich vor ihr stehen.
Sie verzog den Mund zu einem gezwungenen, schiefen Lächeln und steckte die Zigarette etwas zu schnell in ihre Tasche zurück. Sollte er ruhig die in ihr aufsteigende Wut bemerken – sie würde nichts mehr verstecken.
Der Bahnangestellte beobachtete das am Boden sitzende Mädchen mit dem über ihrer Schulter liegenden, geflochtenen braunen Zopf und den dunklen Augen noch für einen Moment, bevor er schließlich weiterging.
Währenddessen würdigte Lilly ihn keines weiteren Blickes. Sie vergrub ihr Kinn in ihrem Schal und atmete langsam und laut aus. Was ein ätzender Tag. Nichts durfte sie, alles musste sie, gefragt wurde sie nie und brav gehorchen sollte sie immer. Wie konnte das Leben doch schön sein!
„Nur noch ein Jahr“, murmelte sie vor sich hin und vergrub auch die Hände in den Taschen ihres alten schwarzen Mantels, der wie eine zweite Haut auf ihr lag. Er war ihr Markenzeichen und roch genauso nach Rauch und Enttäuschung wie sie selbst. Die an manchen Stellen eingerissenen Jeans und die Chucks, die ihre langen Beine zierten, vollendeten das Bild der Verlassenen. Und so fühlte sie sich auch.
„Es ist nur noch ein Jahr. Dann bin ich volljährig und du bist mich los“, hatte sie ihrer Mutter versucht zu erklären, doch die hatte ihr, wie sonst auch, nicht zuhören wollen. Hat dagegen mal wieder nur von sich geredet. Und von ihren Problemen. Vom Geld, das schwand, von offenen Rechnungen, von Männern, die nicht bleiben wollten, wenn es schwierig wurde, von Erziehungsratgebern, die keineswegs beim Umgang mit Lilly halfen, und vom Alkohol, der, wie Lilly sehen konnte, die Menschen sehr schnell nicht nur betäubte, sondern von innen zerfraß.
Und das hatte sie nun davon, dass ihre Mutter ihr eigenes Leben nicht in den Griff bekam. Sie musste zu Paul, ihrem leiblichen Vater, der ihre Familie kurz vor Lillys sechstem Geburtstag von der einen auf die andere Sekunde verlassen hatte. Denn er hatte sich in den Kopf gesetzt, Lilly zu retten, indem er sie in seine perfekte zweite Familie aufnahm und heile Welt spielte. Welche aktive Rolle Lilly dabei einnehmen sollte, war ihr nicht ganz klar. Sie fühlte sich wie in einem Marionettentheater. Weder frei noch glücklich.
20:22 Uhr. Der Zug fuhr ein, nur wenige Leute stiegen aus. Lilly stand auf, schulterte den Rucksack, griff nach der vollgepackten Reisetasche neben sich und trat in das Zugabteil mit dem bedrohlich flackernden Licht. Dort würde sie wenigstens ihre Ruhe haben.
„Hast du oft umsteigen müssen?“, war Pauls erste Frage.
Lilly schüttelte nur den Kopf und sah nach vorne, während sie in seinem nach Pfefferminzbonbons stinkenden, durch die Kindersitze und den großen Kofferraum auf Familie abgestimmten Opel saßen, um zu ihm zu fahren.
„Und wie geht’s dir so?“, wollte er betont locker wissen und warf ihr einen Blick von der Seite zu. Dass er in Wahrheit jedoch etwas unsicher war, konnte sie daran erkennen, dass seine Finger leicht zitterten, wenn er das Lenkrad nicht fest umklammert hielt.
Sie erwiderte den Blick nicht und verstand noch immer nicht, warum er ihnen beiden nicht einen Gefallen tat, indem er ihnen den sinnlosen Smalltalk ersparte und stattdessen einfach das Radio anschaltete. Selbst eine halbe Stunde Nachrichten inklusive Interviews mit Experten, die ihre Meinung über irgendwelche langweiligen Themen preisgaben, wäre erträglicher und weniger gezwungen gewesen als das, was er gerade kläglich versuchte.
Dass er sie außerdem so nur provozierte, hatte er nicht bedacht. „Oh, einfach klasse“, antwortete Lilly deswegen mit deutlich hörbarem sarkastischen Unterton. „Du ziehst mich aus meiner Stadt, aus meinem Freundeskreis und aus allem, was mir wichtig ist, heraus und zwingst mich hier in dieses Nest zu kommen – und hast echt noch den Nerv zu fragen, wie es mir geht?!“
Er seufzte und hielt kurz inne, bevor er reagierte. „Lillian, das alles hat seine Gründe. Schau mal, deine Mutter …“
Lilly drehte sich nach rechts, weg von ihm, und starrte wütend aus dem Fenster in die finstere Nacht. Sie versuchte ihre Atmung ruhig zu halten. Bleib einfach ruhig, sagte sie sich wieder und wieder und suchte in ihrem Kopf nach Liedern, die sie beruhigen konnten, doch Pauls Stimme verhinderte das innerliche Abspielprogramm.
„Sie ist krank, Lilly. Das weißt du. Sie gehört in eine Suchtklinik. Ich habe ihr versprochen, sie bei dem Entzug finanziell zu unterstützen, genauso wie ich ihr versprochen habe, dich zu mir zu nehmen und dir zu helfen“, erklärte er sachlich, als ginge es um die Beschreibung eines chemischen Prozesses.
„Mir wäre besser geholfen, wenn ich bei Rick hätte bleiben dürfen“, zischte Lilly mit zornig funkelnden Augen zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Wieder eine Pause.
„Bei deinem Freund, meinst du?“, hakte Paul nach.
Nein, bei meinem Terrier?! „Ja, bei meinem Freund! Der kennt mich immerhin besser als du.“
Sie konnte ihn schlucken hören und es erfüllte sie mit Genugtuung, denn sie hatte ihn treffen wollen.
